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Transkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht

Theorie und Praxis

von Frauke Matz (Band-Herausgeber:in) Michael Rogge (Band-Herausgeber:in) Philipp Siepmann (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 204 Seiten

Zusammenfassung

Der Begriff des transkulturellen Lernens steht für ein breites Spektrum neuer Ansätze in der Fremdsprachendidaktik, deren gemeinsamer Nenner ein veränderter Begriff von Kultur, Identität und Differenz ist. Dieser Band versammelt Beiträge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz «Transkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht: Theorie und Praxis», die 2012 an der Ruhr-Universität Bochum stattfand. In ihren Beiträgen zeigen die Autorinnen und Autoren, welche neuen Perspektiven die transkulturelle Öffnung des Fremdsprachenunterrichts der Kultur- und Literaturdidaktik sowie internationalen Begegnungs-, Austausch- und Theaterprojekten eröffnet. Sie leisten damit einen Beitrag zur theoretischen Fundierung und Etablierung des Forschungsfelds des transkulturellen Lernens.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung: Frauke Matz, Michael Rogge, Philipp Siepmann
  • Transkulturelles Lernen: Mapping the field
  • Die Beiträge
  • Literatur
  • Transkulturalität als begriffliche und konzeptuelle Herausforderung an die Fremdsprachendidaktik: Werner Delanoy
  • Abstract
  • 1 Einleitung
  • 1 Überlegungen zum Begriff der Transkulturalität
  • 1.1 Unterschiedliche Begriffe und Begriffsverwendungen
  • 1.2 Transkulturalität: Macht es Sinn, den Begriff zu verwenden?
  • 2 Wolfgang Welsch und der Machtaspekt
  • 3 Transkulturalität und die interkulturelle Fremdsprachendidaktik
  • 3.1 Trans- und Interkulturalität
  • 3.2 Transkulturalität und Hermeneutik
  • 4 Transkulturelle Didaktik als radikal neuer Weg?
  • 5 Ausblick
  • Literatur
  • Die Abkehr vom Differenzdenken: Transkulturelles Lernen und global education: Laurenz Volkmann
  • Abstract
  • 1 Kritik am „Universalismus“: Kulturkritische Positionen der 1980er und 1990er Jahre
  • 2 Fremdsprachendidaktik und Transkulturalität
  • 3 Postmoderne, Transkulturalität, Hybridität
  • 4 Global education und global issues
  • 5 Ausblick: Ecodidactics und die planetare Verantwortungsethik
  • Literatur
  • „Zum Glück ging das grad nicht um mich“ - Transkulturelles Lernen und die Wahrnehmung von „Anders Sein“: Grit Alter
  • Abstract
  • 1 Bildungsziel: Kulturelle Handlungskompetenz
  • 2 Konzeptionen kulturellen Lernens
  • 3 Repräsentation von „Anders-Sein“ in multikultureller Literatur
  • 4 Kinder- und Jugendliteratur als Mikrokosmos der Gesellschaft
  • 5 Identität abseits von Dichotomie
  • 6 Fazit
  • Literatur
  • Lesetagebücher als Initiatoren und Begleiter transkultureller Lernprozesse: Daniela Anton
  • Abstract
  • 1 Einleitendes zu kulturellem Lernen im Englischunterricht
  • 2 Die Rolle von Literatur in transkulturellen Lernprozessen
  • 3 Lesetagebücher als Vermittler transkultureller Lernprozesse
  • 4 Abschließendes
  • Literatur
  • „And that’s when I knew I was going to be okay“ – Das Potential literarischer Texte für transkulturelles Lernen in der Mittelstufe: Maike Berger
  • Abstract
  • 1 Einleitung, oder: Warum literarische Texte in der Mittelstufe?
  • 2 Transkulturelles Lernen durch literarische Texte
  • 3 Die Frage nach der eigenen Identität - The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian als Beispiel für einen transkulturellen Jugendroman
  • 4 Transkulturelles Lernen mit The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian
  • 5 Statt eines Fazits: Kriterien zur Textauswahl
  • Literatur
  • Transcultural Art: Mit Street Art transkulturelle Lernprozesse initiieren: Henriette Dausend
  • Abstract
  • 1 Transkulturelle Identitäten stärken
  • 2 Transkulturelle Lernprozesse initiieren
  • 3 Transkulturelle Inhalte nutzen
  • 3.1 Corporate Logos
  • 3.2 Emoticons
  • 3.3 Street Art
  • 4 Transkulturelle Methoden einsetzen
  • 5 Street Art = Transcultural Art
  • 6 Fazit
  • Literatur
  • Bretter, die die Welt vereinen? Inter- und transkulturelles Lernen in einem internationalen Theaterprojekt: Stefanie Giebert
  • Abstract
  • 1 Einleitung
  • 2 Potenziale und Chancen für das inter- / transkulturelle Lernen
  • 3 Risiken
  • 4 Praxis-Beispiel
  • Szenario A: Die ethnozentrische Chefin
  • Szenario B: 'Küsse und Kaffee'
  • Szenario A, zum Zweiten
  • Szenario B, zum Zweiten
  • 5 Fazit: Lernprozesse
  • Literatur
  • Raising Awareness for a Global World: Deborah Ellis’ Parvana’s Journey: Julia Hammer
  • Abstract
  • 1 Interkulturelles und transkulturelles Lernen
  • 2 Weiterentwicklung zum globalen Lernen
  • 3 Unterrichtssequenz zu Parvana’s Journey
  • 3.1 Durchnahme im Englischunterricht
  • 4 Zusammenfassung und Ausblick
  • Literatur
  • Internet
  • Alle Sprachen nutzen Metaphern! – Die transkulturelle Komponente alltagssprachlicher Metaphern und ihre Bedeutung für den Fremdsprachenunterricht: Corinna Koch
  • Abstract
  • 1 Einleitung
  • 2 Metapherndefinition und alltägliche Allgegenwart
  • 3 Sprach- und Kulturunterschiede
  • 4 Transkulturelle Gemeinsamkeiten von Metaphorik
  • 4.1. Funktionsweise, Grundprinzipien und Funktionen der Metapher
  • 4.2. Transkulturelle Metaphern und ihre Ursprünge
  • 5 Fazit
  • Literatur
  • Das Potential graphischer Literatur in transkulturellen Lehr-Lernszenarien: Adrian Tomines' Shortcomings: Christian Ludwig
  • Abstract
  • 1 Das Thema Asian-Americanness im Fremdsprachenunterricht
  • Der Roman Shortcomings
  • 2 Graphische Literatur im Kontext eines transkulturellen Literaturunterrichts
  • 3 Transkulturelle Phänomene graphischer Literatur am Beispiel Shortcomings – eine Auswahl
  • 3.1 Trans- und Intermedialität
  • 3.2 Die translineare Struktur von Comics
  • 3.3 Otherness und reader involvement
  • 3.4 Gender Studies im Kontext eines transkulturellen Literaturunterrichts
  • 4 Zusammenfassung
  • Literatur
  • Dystopische Jugendromane: transkulturelle Themen und interkulturelle Bezüge: Frauke Matz
  • Abstract
  • 1 Einleitung
  • 2 Theoretische Vorüberlegungen
  • 1.1 Transkulturelle Themen dystopischer Literatur
  • 1.2 Alternative Texte für alternative Welten: Young Adult Dytopian Ficton
  • 1.3 Von ‘Trans’- zu ‘Inter’
  • 3 Überlegungen anhand eines Beispiels
  • 2.1 „Welcome to the Glade“
  • 2.2 „Somethin’ll stick, always does“ – narrative Positionierungen
  • 2.3 „The trials were a success“ – transkulturelle Themen und interkulturelle Bezüge
  • 4 Ein Lösungsvorschlag als Schlussbetrachtung
  • Literatur
  • Going beyond the limitations of one’s own culture – Inter- und transkulturelle Lernerfahrungen in fremdsprachlichen Begegnungsprojekten: Michael Rogge
  • Abstract
  • 1 Inter- und transkulturelles Lernen in fremdsprachlichen Austausch- und Begegnungsprojekten
  • 2 (Trans-) Kulturelle Begegnungen jenseits des ‚Eigenen’ und des ‚Fremden’
  • 3 Inter- und Transkulturelles Lernen in Begegungsprojekten
  • 5 Konsequenzen für schulische Austausch- und Begegnungsprojekte
  • Literatur
  • Transnational Cultural Studies im Englischunterricht der Sekundarstufe II: Philipp Siepmann
  • Abstract
  • 1 Einleitung
  • 2 Transkulturelles versus interkulturelles Lernen?
  • 2.1 Für einen kritischen Zugang zu Transkulturalität
  • 2.2 Inter- und transkulturelles Lernen als komplementäre Konzepte
  • 3 Der Ansatz der Transnational Cultural Studies im Englischunterricht
  • 4 Transnationalismus und Transkulturalität in H.M. Naqvis Home Boy (2010)
  • 5 Fazit
  • Literatur
  • Resehavanar’s Choice Science-Fiction, Utopie und transkulturelle moralische Bildung im Englischunterricht der Sekundarstufe II: Jürgen Wehrmann
  • Abstract
  • 1 Surfing the Paradigm: Science-Fiction, Inter- und Transkulturalität
  • 2 Transkulturalität als Utopie – transkulturelle Utopien in der Science-Fiction
  • 3 Science-Fiction und transkulturelle moralische Bildung: Jenseits von Universalismus und Relativismus
  • 4 Ausblick: Verständigung vor Verstehen, Problemlösung vor Identitätsklärung
  • Literatur
  • Crossing Borders – Ein empirisch begründetes Lehrerbildungsprojekt für den transkulturellen Literaturunterricht im Fach Englisch: Eva Wilden
  • Abstract
  • 1 Einleitung
  • 2 Transkulturalität im Fremdsprachenunterricht
  • 3 Englischlehrkräfte und transkulturelle Kompetenz: Empirische Ergebnisse
  • 4 Ein kreatives Projektseminar zum transkulturellen Literaturunterricht
  • 5 Handcrafted Video Clips: Ausgewählte Beispiele zur Kurzgeschichte ‚Borders‘ von Thomas King
  • Beispiel 1: At the border (00:58)
  • Beispiel 2: A minor’s citizenship (00:29)
  • Beispiel 3: Citizenship in a quiz show (00:13)
  • Beispiel 4: Before ‘Borders’ (00:30)
  • Beispiel 5: A new ending (00:48)
  • 6 Schluss
  • Literatur

Einleitung

Frauke Matz, Michael Rogge, Philipp Siepmann

Der vorliegende Band versammelt Beiträge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Nachwuchstagung ‚Transkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht: Theorie und Praxis’, welche am 10. und 11. Februar 2012 an der Ruhr-Universität Bochum stattfand. Diese sollte zum einen der Vernetzung der wissenschaftlichen Nachwuchsforscher dienen, deren Dissertations- und Habilitationsprojekte sich mit dem Themenkomplex des transkulturellen Lernens befassen. Zum anderen sollten einige grundlegende Fragen in Bezug auf die Herausforderungen des Fremdsprachenunterrichts durch das transkulturelle Paradigma erörtert werden. Dabei standen dem wissenschaftlichen Nachwuchs mit Prof. Dr. Werner Delanoy von der Universität Klagenfurt sowie Prof. Dr. Laurenz Volkmann von der Universität Jena zwei ausgewiesene Experten auf diesem Gebiet zur Seite.

Im Verlauf der zwei Konferenztage zeigte sich, dass der Begriff von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in ihrer Forschung sehr unterschiedlich aufgefasst und deshalb aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet wird, sodass man in Bezug auf transkulturelles Lernen durchaus von einem umbrella term für eine ganze Reihe innovativer didaktischer Ansätze sprechen kann. Ihren gemeinsamen Nenner bildet der Versuch, der Vielstimmigkeit im Klassenraum Gehör zu schenken und der gestiegenen kulturellen Komplexität einer globalisierten Welt gerecht zu werden, der Schülerinnen und Schüler heute begegnen. Diese stellt speziell in fremdsprachlichen Kommunikations-situationen besondere Anforderungen, die sich anhand von Modellen interkultureller Kommunikation bzw. Kompetenz aus Sicht der Vertreter des transkulturellen Paradigmas nicht mehr zufriedenstellend erfassen lassen. Über diesen gemeinsamen Grund hinaus eröffnet sich ein weites Feld, das nun zunächst grob ‚kartiert’ wird und auf welchem im Anschluss die Beiträge dieses Bandes verortet werden.

Transkulturelles Lernen: Mapping the field

Wie auch die auf der Konferenz präsentierten und in diesem Band dokumentierten Forschungsprojekte zeigen, stellt sich das Forschungsfeld des transkulturellen Lernens als weit und zuweilen unübersichtlich dar. Dennoch lassen sich einige Grundlinien seiner Entwicklung voneinander abheben. So lässt sich transkulturelles Lernen begreifen ← 7 | 8 →

(1) als Versuch, ein verändertes, nichtessentialistisches Verständnis von Kultur zur Grundlage der Vermittlung kultureller Inhalte bzw. Kompetenzen zu machen. Transkulturelles Lernen schließt dabei an die u.A. von Wolfgang Welsch (u.A. 1995, 1999, 2010) vorgebrachte Kritik an, die sich gegen das dem Konzept der Interkulturalität unterliegende Verständnis von Kulturen als klar voneinander abgegrenzte Entitäten wendet. An die Stelle der thematischen Fokussierung auf nationale Kulturen oder multikulturelle Gesellschaften und des kontrastierenden Vergleichs der ‚eigenen’ und ‚fremden’ Kultur tritt zunehmend die Auseinandersetzung mit kultureller Hybridität und kulturellen contact zones. Volkmann spricht gar von einer radikalen „Abkehr vom Differenzdenken“ (in diesem Band), welche einen Paradigmenwechsel in der Fremdsprachendidaktik einläutet.

Die transkulturelle Neuausrichtung der Kulturdidaktik wird häufig mit der zunehmenden Bedeutung vor allem der englischen Fremdsprache als internationale lingua franca in Verbindung gebracht (vgl. Hallet 2002, Volkmann 2010). Es bestehen zudem Berührungspunkte zu den New Literacies, die als Sammelbegriff für neue Literarizitätsformen dienen, welche sich aus neuen digitalen Medien ergeben (vgl. New London Group 1996). Insbesondere in den von Wolfgang Hallet (2002) zu den kulturübergreifenden intercommunities gezählten virtuellen Gemeinschaften hängen lingua-franca-Kommunikation, New Literacies und transkulturelle Kompetenz eng zusammen. Transkulturelle Kompetenz ist in diesem Zusammenhang am ehesten im Sinne des Pädagogen Karl-Heinz Flechsig (2000) als ‚transkulturelle Kreativität’ zu verstehen, also der Vereinbarung eines für alle Beteiligten akzeptablen Wertesystems als Grundlage eines gemeinsamen Projekts. Dabei geht es jedoch keinesfalls um eine Rückkehr zu universalistischen Positionen: Der transkulturelle Ansatz betont die Bedeutung lokaler, regionaler und nationaler Kontexte und sozialer Zusammenhänge. Er vernachlässigt dabei nicht die unterschiedlichen Ausprägungen von Transkulturalität und berücksichtigt die Faktoren Macht und Ungleichheit (vgl. Delanoy 2006 und in diesem Band, sowie Matz, Siepmann, Volkmann und Wehrmann in diesem Band).

(2) als veränderter Blick auf den Fremdsprachenunterricht selbst bzw. die darin ablaufenden kognitiven bzw. Lernprozesse. Dies geht zurück auf Claire Kramsch (1993), die die Möglichkeit der Entstehung einer dritten Kultur (third culture) bzw. eines dritten Orts (third place) im Fremdsprachenunterricht beschreibt. Third place steht für einen gedachten kulturellen Zwischenraum, welcher sich zwischen den Kulturen der Lernenden und den Kulturen, denen sie im Unterricht begegnen, eröffnet. Es deutet sich in Kramschs Formulierung bereits ein Aufbrechen der Grenzen zwischen Ausgangs- und Zielkulturen an, das für Ansätze transkulturellen Lernens grundlegend ist. Kramschs Konzept des third ← 8 | 9 → place wurde u.A. von Delanoy (1999), Hallet (2002) und Kramsch (2008) selbst aufgegriffen und weiterentwickelt. Hallet versteht den Fremdsprachen-unterricht als ‚hybriden Raum’. Ausgehend von einem diskursiven und prozessualen Kulturbegriff betont Hallet, dass Schülerinnen und Schüler Kulturen nicht nur indirekt erfahren, sondern aktiv an ihnen partizipieren können, weil sie

auch fremdsprachige Texte (Bilder, Zeichen, etc.) als kulturelle Äußerungen erfahren und besonders aus der Populärkultur (z.B. aus Musik, Mode, Sprache oder Kommunikationstechnologie), im fortgeschrittenen Unterricht in der Oberstufe aber auch aus der Literatur und anderen Texten bzw. Medien einzelne Elemente in die Konstruktion (Narration) ihrer eigenen Identität und Kultur adaptieren. (Hallet 2002:34)

Grundsätzlich begegnen sich im Klassenraum drei miteinander verwobene Diskurssphären: die eigenkulturelle, fremdkulturelle sowie die transkulturelle Sphäre. Während sich die Trennung zwischen eigen- und fremdkultureller Diskurssphäre „sich innerhalb der dichotomen Logik von Eigenem und Fremdem bewegt, wenn auch mit dem einschränkenden Hinweis auf die Pluralität und die Offenheit der Einzelkulturen“ (Hallet 2002:44), umfasst die transkulturelle Diskurssphäre Themen und Fragestellungen, die „nicht in einer der Zielkulturen lokalisierbar und nur begrenzt einzelkulturell determiniert“ sind (ebd.: 45).

(3) als Abkehr von nationalen Literaturen bzw. Literaturkanons hin zu transkultureller Weltliteratur, wie von Schulze-Engler (2007) gefordert. Transkulturalität erscheint Schulze-Engler als das gegenüber dem interkulturellen Dialog geeignetere Konzept, um die vielfältigen kulturübergreifenden literarischen Einflüsse nachzuvollziehen, die die Literatur der Postmoderne charakterisieren. Transkulturelle Weltliteratur behält einige Errungenschaften postkolonialer Theorie bei, wie die starke Betonung der politischen Dimension von Literatur sowie der Bedeutung lokaler und regionaler Bezüge, distanziert sich aber deutlich von der Trennung zwischen (europäischem) Zentrum und Peripherie. Verstanden als „multipolar, decentred system of literary communication“ (ebd.:29) rückt transkulturelle Weltliteratur die transnationalen Verflechtungen in der literarischen Produktion und Rezeption in der globalen Moderne in den Vordergrund.

Wintersteiner (2006) formuliert die Grundlagen für die Entwicklung einer transkulturellen Literaturdidaktik. Dies erfordert zunächst die Dekonstruktion des national ‚Eigenen’ und die Offenlegung der vielfältigen Prozesse kultureller Hybridisierung, die das ‚Eigene’ prägen. Die Bewusstmachung der Hybridität aller Literatur, für die „Kreuzung und Hybridisierung keine Ausnahmen oder Betriebsunfälle, sondern die normale Arbeitsweise ist“ (94), ist eines der zentralen Anliegen der transkulturellen Literaturdidaktik. Mit dem Abrücken von Nationalliteratur schenkt sie auch Texten Aufmerksamkeit, die außerhalb des natio ← 9 | 10 → nalen Kanons liegen und eröffnet sie eine andere Perspektiven auf literarische Klassiker. Besonders deutlich offenbart sich der ‚transkulturelle Charakter’ literarischer Texte Wintersteiner zufolge in transnationaler Literatur, in der Transkulturalität explizit als Thema behandelt wird oder implizit „in ihre sprachlich-literarische Form eingeschrieben“ ist (ebd.:92). Hierzu lassen sich unter anderem so genannte ‚Bindestrich-’ bzw. Diaspora- und Migrations-literaturen zählen (vgl. hierzu Sommer 2001, Freitag-Hild 2010).

(4) als Erweiterung oder Fortführung der global education. Vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung des Englischen als global language fordert Doyé (1999) eine Erweiterung der kulturellen Inhalte im Englischunterricht. So soll der Ansatz der cultural studies um world studies ergänzt werden, die er methodologisch als Gegenteil der cultural studies versteht: „It starts from the global issues of this world such as starvation, suppression, ecological destruction, illiteracy, aggression and shows their global dimension“ (Doyé 1999:98). Während die cultural studies Differenz und nationale Partikularismen zur Grundlage haben, betonen world studies globale Interdependenz und die gemeinsamen Herausforderungen der Menschheit. Die Herausbildung eines globalen Bewusstseins zählt auch Volkmann (2011) zu den wesentlichen Elementen einer transkulturellen Pädagogik. Im Fremdsprachen-unterricht lässt sich dies über eine Reihe transkultureller Themenkomplexe fördern. Dazu gehören u.A. humans as 'transcultural' or 'hybrid' beings, living in a 'world risk society' und the return of universal topics (vgl. ebd.:124f). Volkmann betont jedoch, dass dies keineswegs eine Rückbesinnung auf den Universalismus bedeutet:

[C]oncepts of transculturality do not hark back to 'culture-general' stances which imply that humans are basically the same all over the world. Rather, their basic assumption rests on awareness of differences, which, however, need to be overcome to find the human qualities that unite us in a common struggle for co-existence in globalized societies on an endangered planet.

World studies und global education – wie auch verwandte Konzepte der Friedenserziehung (vgl. Hammer in diesem Band) oder der ecodidactics (Mayer/Wilson 2006) - erkennen Differenzen an und berücksichtigen kulturell geprägte, divergierende Sichtweisen auf ein bestimmtes Problem, finden sich damit aber nicht ab, sondern zielen auf die Vereinbarung eines für alle Beteiliten akzeptablen Lösungsansatzes im Sinne einer third culture, wie sich von Kramsch (1993, s.o.) beschrieben wurde. ← 10 | 11 →

Die Beiträge

Die in diesem Band veröffentlichten Beiträge bzw. die darin vorgestellten Forschungsprojekte werden nicht in das enge Korsett thematischer Blöcke gezwängt. Stattdessen werden die Beiträge grob im Diskurs des transkulturellen Lernens verortet und dabei in Relation zu den oben vorgestellten Entwicklungslinien gestellt.

Prof. Dr. Werner Delanoy ist seit 2011 außerordentlicher Professor am Department of English and American Studies der Universität Klagenfurt. Er schloss sein Studium der Anglistik/Amerikanistik, Geschichte und Sozialkunde an der Uni Klagenfurt als Mag. phil. ab und promovierte dort 1988 in der Anglistik/ Amerikanistik. Er habilitierte sich im Jahre 2000 an der Universität Klagenfurt. Zwischen 1981 bis 1985 sowie von 1987 bis 1989 unterrichtete er Englisch und Geschichte an der Höheren Technischen Bundeslehranstalt Klagenfurt. Seit 1987 ist er zudem als Lehrerfortbildner tätig.

In seinem Beitrag prüft Delanoy das Verhältnis von transkulturellen und interkulturellen Ansätzen der Kulturdidaktik sowie die Vereinbarkeit von Transkulturalität und kulturhermeneutischen Positionen. Er spricht sich dabei für eine Neuausrichtung des interkulturellen Lernens unter Einbeziehung eines kritischen Verständnisses von Transkulturalität, welches sich von Welschs Konzept distanziert.

Prof. Dr. Laurenz Volkmann ist seit 2004 Professor für englische Fachdidaktik an der Universität Jena. Er hat Anglistik/Amerikanistik, Geschichte und Germanistik an der Universität Erlangen sowie der Miami University in Ohio (USA) studiert. Nach dem Ersten Staatsexamen arbeitete er zunächst als Lektor am Institut für Germanistik an der Universität Manchester, bevor er in den Vorbereitungsdienst eintrat. Nach seinem Zweiten Staatsexamen unterrichtete Volkmann an Gymnasien unter anderem in Nürnberg und Pegnitz sowie als Studienrat im Hochschuldienst. Nachdem er sich 2002 habilitierte, wurde er 2003 an der Universität Paderborn zum Professor für Englische Literatur, Landeskunde und ihre Didaktik berufen.

In seinem Beitrag zeichnet Volkmann die Wende der Kulturdidaktik vom Differenzdenken der 1980er und 1990er Jahre zu postmodernen Kulturbegriffen wie jenem der Transkulturalität nach. Dabei sucht er nach Berührungspunkten zwischen transkulturellem Lernen und global education sowie ecodidactics.

Grit Alter erhielt im Jahr 2007 von der Universität Greifswald das Erste Staatsexamen für das Lehramt der Fächer Englisch und Philosophie an Gymnasien. Das Zweite Staatsexamen folgte 2009. Nach Positionen als wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Universitäten in Hildesheim und Mainz, ist sie seit Ap ← 11 | 12 → ril 2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Englische Fachdidaktik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Im Rahmen dieser Tätigkeit war sie in die Organisation von nationalen und internationalen Konferenzen und Tagungen involviert. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Nutzung von Kinder- und Jugendliteratur im Englischunterricht, speziell kanadischer Literatur für junge Leser und deren Potenzial für inter- und transkulturelles Lernen. Zusätzlich beschäftigt sich Grit Alter unter anderem mit Literaturdidaktik und neuen Methoden des Englischunterrichts.

In ihrem Beitrag plädiert Alter für eine Ergänzung bzw. Öffnung traditioneller kulturwissenschaftlicher Konzepte von otherness, auf denen auch kulturhermeneutische Ansätze des Fremdverstehens basieren, um weitere bzw. neue Formen von Anders- und Fremdheit. Damit einher geht ein verändertes nicht-binäres bzw. -essentialistisches Verständnis von Identität. Wie sich ein solches Identitäts- und Differenzkonzept im englischen Literaturunterricht der Mittelstufe anwenden lässt, zeigt Alter anhand von Hiromi Gotos The Water of Possibility (2001).

Details

Seiten
204
ISBN (PDF)
9783653040685
ISBN (ePUB)
9783653990584
ISBN (MOBI)
9783653990577
ISBN (Hardcover)
9783631648902
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (Februar)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 204 S., 2 s/w Abb., 2 Tab.

Biographische Angaben

Frauke Matz (Band-Herausgeber:in) Michael Rogge (Band-Herausgeber:in) Philipp Siepmann (Band-Herausgeber:in)

Frauke Matz ist Oberstudienrätin im Hochschuldienst am Institut für Anglophone Studien an der Universität Duisburg-Essen und arbeitet in den Bereichen der allgemeinen Fachdidaktik sowie der Literatur- und Kulturdidaktik. Ihr besonderes Forschungsinteresse gilt dem Inter- und Transkulturellem Lernen sowie der Literaturdidaktik. Michael Rogge ist Lehrer für Englisch an einem Gymnasium in Gelsenkirchen und Fachleiter für das Fach Englisch am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung Gelsenkirchen. Er promoviert an der Universität Duisburg-Essen zum Thema inter- und transkulturelles Lernen in fremdsprachlichen Begegnungsprojekten. Philipp Siepmann ist Promotionsstipendiat im Horizonte-Programm der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und promoviert an der Ruhr-Universität Bochum zum Thema Transkulturelles Lernen im Englischunterricht der Sekundarstufe II.

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Titel: Transkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht