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Ökumenische Tele-Visionen

Eine Analyse zu den Chancen überkonfessioneller Kooperation im Fernsehen

von Johannes Winkler (Autor:in)
©2014 Dissertation 402 Seiten

Zusammenfassung

Inwieweit vermag das Fernsehen als eine Form der Öffentlichkeit die Ökumene voranzubringen? Über welche Möglichkeiten verfügt die Ökumene, die mediale Kommunikation der Kirchen zu verbessern? Die Arbeit untersucht die Chancen und Risiken ökumenischer Kooperation im Fernsehen. Dafür analysiert der Autor das Angebot religiöser Sendungen im deutschsprachigen TV und vergleicht qualitativ Religionsreportagen eines öffentlich-rechtlichen und eines privaten christlichen Senders. Ebenso werden die Mediendokumente der Kirchen und der ökumenischen Organisationen analysiert. Die Ergebnisse stellt der Autor den Modellen der Ökumene gegenüber. Es zeigt sich, dass hinsichtlich des Dialoges mit der pluralen Gesellschaft die überkonfessionelle Zusammenarbeit für Kirchen, Verkündigung und Ökumene von großem Nutzen sein kann.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 2. Analyse
  • 2.1 Methodik
  • 2.1.1 Inhaltsanalyse
  • 2.1.1.1 Die quantitative Analyse
  • 2.1.1.2 Die qualitative Analyse
  • 2.1.1.2.1 Die ethnographische Inhaltsanalyse
  • 2.1.2 Beispiele qualitativer und quantitativer Studien über religiöses Fernsehprogramm
  • 2.1.2.1 Ruth Ayaß
  • 2.1.2.2 Daniel Detambel
  • 2.1.2.3 Michael Hertl
  • 2.1.2.4 Philomen Schönhagen und Constanze Jecker
  • 2.1.2.5 Gerhard Schmied
  • 2.1.2.6 Eric Gormly
  • 2.1.3 Interpretationsmöglichkeiten von Filmen
  • 2.1.4 Eigenes Vorgehen
  • 2.2 Bestandsaufnahme
  • 2.2.1 Kirche und Ökumene im Fernsehen weltweit
  • 2.2.1.1 Europa
  • 2.2.1.2 Naher Osten
  • 2.2.1.3 USA
  • 2.2.1.4 Kanada
  • 2.2.1.5 Lateinamerika
  • 2.2.1.6 Afrika und Asien
  • 2.2.2 Säkulare Sender im deutschsprachigen Raum
  • 2.2.2.1 Öffentlich-rechtliche Kirchenprogramme in Deutschland
  • 2.2.2.2 Kirchenprogramme kommerzieller Privatsender in Deutschland ...
  • 2.2.2.3 Kirchenprogramme im deutschsprachigen Ausland
  • 2.2.2.3.1 Österreich
  • 2.2.2.3.2 Schweiz
  • 2.2.2.4 Überblick
  • 2.2.2.5 Nutzung
  • 2.2.3 Christliche Privatfernsehsender
  • 2.2.3.1 K-TV
  • 2.2.3.2 EWTN
  • 2.2.3.3 Bibel TV
  • 2.2.3.4 [tru:] young television
  • 2.2.3.5 ERF 1
  • 2.2.3.6 Fazit christliche Privatsender
  • 2.2.3.7 Vergleich der Format-Sendezeiten
  • 2.3 Qualitative Inhaltsanalyse
  • 2.3.1 Untersuchungskriterien
  • 2.3.2 Bibel TV
  • 2.3.2.1 Die Reportage
  • 2.3.2.1.1 Prototypische Beispiele
  • 2.3.2.1.2 Ökumene in den Reportagen
  • 2.3.2.2 Bibel TV: Das Gespräch
  • 2.3.2.2.1 Eine konfessionsverschiedene Spurensuche
  • 2.3.2.2.2 Der Familiensender
  • 2.3.2.2.3 Kirchenkritik – Georg Reynders
  • 2.3.2.2.4 Kritik am Christusglauben – Ruth Lapide
  • 2.3.3 SWR: Menschen unter uns
  • 2.3.3.1 Prototypische Beispiele
  • 2.3.3.2 Ökumene in den Reportagen
  • 2.3.3.2.1 Krach am Grab
  • 2.3.3.2.2 Satan – weiche!
  • 2.3.3.2.3 Alles koscher im Café?
  • 2.3.4 Direkter Vergleich SWR – Bibel TV
  • 2.3.4.1 Fremde Konfessionen: Der koptische Bischof Anba Damian
  • 2.3.4.1.1 SWR: „Der Sohn der Pharaonen“
  • 2.3.4.1.2 Bibel TV: „Ungleiche Geschwister. Kopten und Freaks“
  • 2.3.4.1.3 Fazit des Vergleichs
  • 2.3.4.2 Ökumene vor Ort: Simultankirchen
  • 2.3.4.2.1 Bibel TV: „Der Dom St. Petri zu Bautzen“
  • 2.3.4.2.2 SWR: „Wenn der Glaube Beton versetzt“
  • 2.3.4.2.3 Fazit des Vergleichs
  • 2.3.4.3 Sozialer Ernstfall: Teenagerschwangerschaften
  • 2.3.4.3.1 Bibel TV: „Abtreibung – ein Ausweg?“
  • 2.3.4.3.2 SWR: „Schwanger mit 16. Jessica bekommt Zwillinge“
  • 2.3.4.3.3 Ergänzung: SWR: Ich bin eine Frau ohne Kinder“
  • 2.3.4.3.4 Fazit des Vergleichs
  • 2.3.5 Fazit
  • 2.4 Vor- und Nachteile bestimmter Themen und Formate
  • 3. Wichtige Verlautbarungen zu den Medien
  • 3.1 Katholisches Lehramt
  • 3.1.1 Inter Mirifica
  • 3.1.2 Communio et Progressio
  • 3.1.3 Allgemeine Kriterien für die ökumenische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der sozialen Kommunikation
  • 3.1.4 Richtlinien für die ökumenische und interreligiöse Zusammenarbeit im Kommunikationswesen
  • 3.1.5 Aetatis Novae
  • 3.1.6 Mediale Zusammenarbeit in Texten über die Ökumene
  • 3.2 Wichtige Texte anderer Kirchen
  • 3.2.1 Orthodoxe Sozialdoktrin
  • 3.2.2 Evangelische Kirche Deutschland
  • 3.2.2.1 Mandat und Markt
  • 3.3 Ökumenische Äußerungen
  • 3.3.1 Ökumenischer Rat der Kirchen
  • 3.3.1.1 Die Kirchen und die Medien der Massenkommunikation
  • 3.3.1.2 Glaubwürdige Kommunikation
  • 3.3.1.3 Busan-Statement
  • 3.3.2 Evangelische Kirche in Deutschland und Deutsche Bischofskonferenz
  • 3.3.2.1 Chancen und Risiken der Mediengesellschaft
  • 3.3.2.2 Stellungnahme des filmpolitischen Arbeitskreises
  • 3.3.3 Charta Oecumenica
  • 3.3.4 World Alliance for Christian Communication: The Christian Principles of Communication
  • 3.4 Vergleich
  • 3.4.1 Einstellung zu den Medien
  • 3.4.2 Dialog in der Kirche
  • 3.4.3 Kirche und Verkündigung
  • 3.4.4 Einstellung zur Ökumene
  • 4. Ökumenische Alternativen und neue Kooperationsmodelle
  • 4.1 Der Begriff Ökumene
  • 4.2 Historische Verortungsmöglichkeiten
  • 4.2.1 Geschichte der Ökumene
  • 4.2.2 Der Ökumenische Rat der Kirchen
  • 4.2.3 Ökumene im pluralen Deutschland
  • 4.3 Ähnlichkeiten und Unterschiede zu wichtigen ökumenischen Zielvorstellungen und Einheitsmodellen
  • 4.3.1 Das kooperativ-föderale Modell
  • 4.3.2 Das Modell gegenseitiger Anerkennung
  • 4.3.3 Die organische Union
  • 4.4 Ähnlichkeiten und Unterschiede zu wichtigen ökumenischen Methoden
  • 4.4.1 Lernen vom Anderen
  • 4.4.2 Komplementarität
  • 4.4.3 Versöhnte Verschiedenheit
  • 4.4.4 Differenzierter Konsens
  • 4.5 Ökumenische Verkündigung und Organisation
  • 4.5.1 Mission und Ökumene
  • 4.5.2 Ökumenische Kooperation als dezentrale Bewegung
  • 5. Ausblick und Fazit
  • 5.1 Ökumene und plurale Gesellschaft
  • 5.1.1 Religion in der pluralen Gesellschaft
  • 5.1.2 Johann Baptist Metz
  • 5.1.3 Ulrike Link-Wieczorek
  • 5.1.4 Probleme
  • 5.2 Die Debatte um einen Kanal der Deutschen Bischofskonferenz im Hinblick auf die Ökumene
  • 5.2.1 Zusammenfassung der positiven und negativen Kriterien
  • 5.3 Zusammenfassung
  • Anhang
  • Literatur
  • Filme
  • Tabellen
  • Reihenübersicht

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1 Einleitung

Bereits 1969 betonte Johann Baptist Metz in seinem Buch „Reform und Gegenreformation“, dass es sich beim Problem der Ökumene nicht um ein „reines Theorieproblem“, vielmehr um ein „Theorie-Praxis-Problem“ handle und die Öffentlichkeit ein „unaufgebbares Medium der theologischen Wahrheits- und Einheitsfindung“1 sei. Damit drückt der katholische Fundamentaltheologe seine Skepsis gegenüber Vorstellungen aus, ökumenische Probleme allein auf Theologenebene lösen zu können. Ökumene entwickle und vollziehe sich wesentlich im praktischen Leben aller Gläubigen und gehöre deshalb in die Öffentlichkeit. Neben dem Gewicht, das ihr im theologischen Gespräch zukomme, sei sie stets Gegenstand von allgemeinem Interesse.

Im Hinblick auf diese Thematik versucht die vorliegende Arbeit auf zwei Fragen einzugehen:

 Inwieweit vermag das Fernsehen als eine Form dieser Öffentlichkeit die Ökumene voranbringen?

 Über welche Möglichkeiten verfügt die Ökumene, die mediale Kommunikation der Kirchen zu verbessern?

Der Bereich Ökumene und Medien soll bevorzugt unter Berücksichtigung des Fernsehens untersucht werden. Für die Fokussierung gerade auf dieses Medium sprechen vor allem seine Verbreitung und damit seine Macht im Bereich der Informationsvermittlung und Meinungsbildung, die Vielfalt der Akteure2 auf diesem Gebiet, sowie das Interesse der Kirchen selbst, das Fernsehen für die Verkündigung der Frohen Botschaft zu nutzen und mit eigenen Sendungen öffentlich zu wirken.

Die Deutschen schauen pro Tag 172 Minuten fern.3 Für weite Bevölkerungskreise bildet das televisionäre Fenster zur Welt die hauptsächliche Freizeitbeschäftigung. Daran ändert auch die gegenwärtige leichte Stagnation der Fernsehnutzung nichts, denn immer noch sticht diese in der Rezipientengunst Printmedien (28,5 Minuten), Radio (128), Internet (80) und mobile Dienste (20) aus. In der Zukunft werden sich allerdings Fernsehen, Internet und mobile Dienste zunehmend vernetzen und dadurch noch größere Reichweiten und bessere Interaktionen mit dem Zuschauer erzielen. ← 13 | 14 →

Die Fernsehakteure bieten mit ihren Sendungen der Öffentlichkeit ein breites Spektrum an Unterhaltung und Information. Die besondere Verbindung von Bild, Sprache und Musik erleichtert eine positive wie negative Einflussnahme. Die Wahrnehmung lässt sich intensivieren und selektiv steuern. Große Ereignisse können viele Millionen Menschen emotional berühren, so die Krönung Königin Elizabeths II. (1951), die Ermordung Präsident Kennedys (1963), die Mondlandung (1969), der Fall der Mauer in Berlin (1989), die Beerdigung Lady Dianas (1997), der Terroranschlag vom 11. September 2001, der Tod Papst Johannes Pauls II. (2005) oder der Rettung der chilenischen Bergleute (2010). Die Welt nahm und nimmt Anteil, ob live, über Hintergrundreportagen oder durch ausgewählte und bearbeitete Nachrichten.4 Doch nicht nur das Weltgeschehen regt die Menschen zum Nachdenken und Mitfühlen an: Magazine, Reportagen oder Talksendungen zeigen dem Zuschauer oftmals anhand der Geschichten Einzelner die Probleme, Freuden und Ängste unserer Gesellschaft.

Das Fernsehen bietet viele Chancen mit den Menschen in Kontakt zu treten. Die öffentlich-rechtlichen und die großen privaten Fernsehkonzerne konkurrieren mit teils neuen, teils aufgewärmten Formaten um die täglichen Einschaltquoten, also um möglichst viele Zuschauer. Im Zuge der Digitalisierung entstanden Hunderte von (Sparten-)Kanälen, die sich an bestimmte Zielgruppen richten, vom Reiseinteressierten bis zum Tierliebhaber. Manche Kanäle sprechen auch Glaubenshaltungen und Lebenshaltungen an, unter ihnen befinden sich diverse christliche Kanäle. Die meisten dieser neuen Sender betonen jedoch, sich stets an größere Gruppen oder gar die Gesamtbevölkerung zu wenden. Die breite Öffentlichkeit ist demnach Ziel der Fernsehakteure, auch derjenigen der religiösen Sender.

Das Fernsehen drängt neben den anderen Medien die Kirchen ins Licht der Öffentlichkeit. Ob Missbrauchsfälle, VatiLeaks, Kirchentage, Papstreisen, Äußerungen zu Fragen der Moral oder ökumenische Initiativen – kirchliches Geschehen unterliegt fortwährender Beobachtung und Kommentierung. Die Kirchen können das Bild und die Informationen, die verbreitet werden, längst nicht mehr selbst steuern.5 Sie müssen sich, freiwillig oder unfreiwillig, der Öffentlichkeit ← 14 | 15 → stellen, ihre Glaubensinhalte benennen und verteidigen, Missstände bekennen und für sie Verantwortung übernehmen und natürlich ihre Botschaft mit dieser Möglichkeit „unters Volk“ bringen. Dabei soll die Kirche oder das Christentum nicht als Gegensatz zu den Medien gesehen werden. Von Anfang an lag die Verkündigung des Christentums in der Öffentlichkeit und den Medien begründet.6

Auf die Ökumene bezogen ergibt sich in diesem Kontext eine Reihe von Fragen:

 Wie sieht die bereits existierende ökumenische oder überkonfessionelle Kooperation im Medienbereich aus?

 Wer von christlicher Seite tritt mit den Zuschauern in Kontakt?

 Wo gibt es Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei überkonfessioneller Arbeit unter öffentlich-rechtlichem Dach (SWR) und in privater (christlicher) Trägerschaft (Bibel TV)?

 Darf oder soll es ökumenische Zusammenarbeit im Fernsehen geben?

 Welche Positionen nehmen die einzelnen Kirchen dazu ein?

 Wie stehen ökumenische Institutionen dazu?

 Welche Sicht auf die Medien gibt es seitens der verschiedenen Kirchen und ökumenischen Organisationen?

 Wie lassen sich die bereits vorhandenen Kooperationen mit Theorien der Ökumene beschreiben?

 Welche Modelle der Ökumene können die im Fernsehen beobachteten Phänomene der Kooperation beschreiben?

 Wie könnte ökumenische Kooperation im Fernsehen in einen fruchtbaren Dialog mit der pluralen Gesellschaft treten, oder gibt es sogar Abwehrtendenzen?

Die vorliegende Arbeit will Antworten finden, nicht um eine Diskussion erschöpfend zu beenden, das kann sie nicht leisten, sondern um Kirchen und Öffentlichkeit zum Nachdenken anzuregen und miteinander ins Gespräch zu bringen, ob in, vor oder hinter, ob mit oder ohne „Glotze“.

Diese Dissertation stellt sich folgende Aufgaben:

 die christlichen Angebote im deutschsprachigen Fernsehen skizzieren;

 mittels einer qualitativen Analyse Einblick in ein ausgewähltes öffentlichrechtliches (SWR) und privates christliches Angebot (Bibel TV) gewähren;

 einen Überblick und Vergleich der wichtigsten Schriften der großen Kirchen sowie ökumenischer Institutionen zu den Medien bieten;

 Einordnungsmöglichkeiten der behandelten Sender in historische ökumenische Strömungen und aktuelle Theorien und Modelle erfassen und beschreiben sowie die Chancen derartiger Projekte für die Ökumene beurteilen.

Methodisch gehe ich auf folgende Weise vor:

Zunächst skizziere ich knapp ökumenische Kooperationen im Fernsehen weltweit. Anschließend gebe ich eine kurze theoretische Einführung in die jeweiligen Verfahren der Medien- und Filmanalyse. Ich konzentriere mich hauptsächlich auf die Inhaltsanalyse und stelle quantitative und qualitative Verfahren vor. Ergänzend gehe ich auf wichtige Studien zum Thema Kirche und Fernsehen der vergangenen Jahre ein. Danach kommt ein Überblick über alle religiösen Sendungen (ob kirchlich oder vom Sender verantwortet) der öffentlichrechtlichen und privaten kommerziellen (also nicht kirchlich getragenen) Kanäle im deutschsprachigen Raum.7 Nun rücken die privaten christlichen deutschsprachigen Sender ins Blickfeld: Ich differenziere das Programm in Formate und untersuche quantitativ, wie viele Talksendungen, Dokumentationen, Gottesdienstübertragungen oder Gebetssendungen es im betreffenden Zeitraum8 gab, frage nach dominierenden Sendungstypen (z.B. informativ oder spirituell) und Unterschieden zwischen den katholischen Sendern, dem ökumenischen Bibel TV und dem freikirchlichen ERF 1.

Hierauf geht es ins Detail: Ausgewählte Sendungen9 von Bibel TV und des SWR werden qualitativ analysiert und miteinander verglichen. Themenbereiche sind aufzuzeigen, ihre Erzählweise und die dahinter stehenden Intentionen der beiden unterschiedlichen Kanäle darzustellen sowie die Beziehung zu anderen Religionen und der Stellenwert der Ökumene zu beschreiben.

Die Medien mit dem Schwerpunkt „Ökumene in den Medien“ sind Gegenstand des nächsten umfangreicheren Abschnitts. Ich erläutere die wichtigsten Aussagen der katholischen, evangelischen und orthodoxen Kirche wie auch der offiziellen ökumenischen Organisationen zu den Medien. Anschließend vergleiche ← 16 | 17 → ich deren Einstellung den Medien gegenüber sowie deren mögliche Nutzungsvorschläge und Empfehlungen zur ökumenischen Kooperation.

Die in der Untersuchung der Sendungen und der Texte vorgefundenen Ergebnisse stelle ich schließlich in Relation zur Geschichte der Ökumene und wichtigen ökumenischen Zielvorstellungen und Methoden. Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit zusätzlich auf die Beantwortung von zwei Fragen: a) Sind die in der TV-Praxis vorgefundenen Resultate einzigartige Phänomene oder lassen sie sich, teils direkt, teils stark abstrahiert, mit den ökumenischen Theorien vereinbaren? b) Wie lässt sich das Fernsehen mit Forderungen zu einer ökumenischen Verkündigung in Einklang bringen?

Bevor ich am Schluss alle wichtigen Ergebnisse zusammenfasse, erörtere ich, wie die Ökumene mit den Möglichkeiten des Fernsehens die Kirchen dabei unterstützen kann, mit der pluralen Gesellschaft in einen fruchtbaren Dialog zu treten. Dabei sollen neben den Vorteilen, die eine ökumenische Kooperation bietet, mögliche Nachteile und Probleme erfasst werden. Außerdem erfolgt eine Analyse kontroverser Meinungen der letzten Jahre zu einem deutschen Sender der katholischen Kirche unter dem Aspekt, ob auch ökumenische Lösungen diskutiert wurden.

Diese Arbeit möchte nicht das breit behandelte Feld der Verkündigungssendungen in den Blick nehmen.10 Ebenso wenig soll das Phänomen der Medienreligion geklärt werden.11

Wenn im Folgenden von „ökumenischen Redaktionen“ oder „ökumenischen Kanälen“ die Rede ist, so sind damit nicht Einrichtungen gemeint, die sich vorrangig der Ökumene verschrieben haben. Vielmehr sollen dadurch die Überkonfessionalität und die Chancen solcher Projekte für die Ökumene an sich zum Ausdruck kommen.

1 Metz, Reform, S. 13.

2 So gibt es öffentlich-rechtliche und private Sender, die sich wiederum in kommerzielle, konfessionelle und überkonfessionelle Kanäle unterteilen.

3 http://de.statista.com/statistik/daten/studie/77176/umfrage/dauer-der-mediennutzung-in-deutschland-von-2006-bis-2012/ <03.07.2012=

4 Von der besonderen Wirkung des Fernsehens wissen natürlich nicht nur die Medienproduzenten, sondern auch Herrschaftsträger. Sie versuchen das Fernsehen zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung zu nutzen. Einem ehemaligen Bundeskanzler genügte angeblich neben der Bild-Zeitung nur die „Glotze“, um Deutschland zu regieren (http://www.bild.de/news/topics/60-jahre-bild/interview-mit-gerhard-schroeder-24636504.bild.html). <03.07.2012>

5 Der Äußerung Leo Karrers, dass die Medien das „Image der Kirche“ prägen (Karrer, Öffentlichkeit, S. 95), kann ich zustimmen. Allerdings hängt auch viel vom Gemeindeleben vor Ort ab, mit welchem Kirchenbild die Menschen sozialisiert werden.

6 Leo Karrer nennt das Christentum die „erste, vielleicht sogar [...] die einzige Medienreligion der Weltgeschichte“ (Karrer, Öffentlichkeit, S. 80 f.). Dies zeige sich etwa in der frühen Verbreitung via Wort und Schrift, sowie an den Jesusworten „[...] ich habe niemals etwas im Geheimen gesagt“ (Joh 18,20) und „Was ich euch in der Dunkelheit anvertraue, das sagt am hellen Tag weiter, und was ich euch ins Ohr flüstere, das ruft laut in der Öffentlichkeit aus“ (Mt 10,27) (Karrer, Öffentlichkeit, S. 83). ← 15 | 16 →

7 Diese Übersicht wurde im ersten Halbjahr 2008 erstellt.

8 Vom 8. bis 14. März 2008 und vom 7. bis 13. November 2009.

9 Diese wurden aus allen Sendungen des zweiten Halbjahres 2008 und des gesamten Jahres 2009 ermittelt.

10 Einige wichtige katholische Arbeiten zur Verkündigung über das Fernsehen werden in dieser Arbeit kurz vorgestellt. Für die evangelische Kirche vgl. etwa Magin, Charlotte, Schwier, Helmut: Kanzel, Kreuz und Kamera. Impulse für Gottesdienst und Predigt (= Beiträge zu Liturgie und Spiritualität, Bd. 12), Leipzig 2005; Dies. (Hgg.): Kanzel, Kreuz und Kamera konkret. Ein Gottesdienstprogramm aus Heidelberg, (= Beiträge zu Liturgie und Spiritualität, Bd. 20), Leipzig 2008.

11 Die These von der Medienreligion fragt, inwieweit die Medien und ihre Nutzung bereits religiöse Züge angenommen haben (vgl. etwa Schilson, Arno: Medienreligion. Zur religiösen Signatur der Gegenwart, Tübingen 1997).

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2 Analyse

2.1 Methodik

Zu kirchlich verantworteten Verkündigungssendungen im Fernsehen findet sich reichhaltige Literatur. Die meisten Schriften beleuchten dabei die Programme aus theologischem Blickwinkel. Nur wenige Arbeiten nutzen sprachwissenschaftliche oder kommunikationswissenschaftliche Analysemethoden. Diese werden im Folgenden vorgestellt.

Seit 1952, also bereits seit den Anfangsjahren des bundesrepublikanischen Fernsehens, existierten kirchliche „Versuchssendungen“ und Messübertragungen.12 Etliche Jahre später erschienen erste Schriften zum Thema Kirche und Fernsehen.13 Diese Beiträge nahmen hauptsächlich praktische Probleme in den Blick. Theoretische Grundfragen wollte Hans Erich Thomé 1991 mit der Dissertation „Gottesdienst frei Haus“ klären, indem er die Kommunikationstheorie Umberto Ecos und die Zeichentheorie von Charles Sanders Peirce nutzt.14

Während das Gebiet der Verkündigungssendungen schon hinreichend gut untersucht ist, gibt es kaum Analysen der von Sendern verantworteten Programme – ein Fakt, der zur Initiative herausfordert. Außerdem werden die Verkündigungssendungen von der jeweiligen Konfession verantwortet. Im Gegensatz dazu arbeiten in den Redaktionen der Anstalt verschiedene Denominationen unabhängig von den Kirchen zusammen, um das Programm zu erstellen. Es handelt sich also um eine besondere Art der überkonfessionellen Kooperation von Laien, allerdings unter dem Dach des Senders.

In diesem Abschnitt untersuche ich den Inhalt der Sendungen. Zunächst werden die quantitative und die qualitative Analyse vorgestellt und Beispiele aus der Forschung besprochen. Danach folgt die Analyse der Dokumentationen und ausgewählter Talksendungen von Bibel TV und der Sendung „Menschen unter uns“ des SWR.

2.1.1 Inhaltsanalyse

Bei der Inhaltsanalyse kann man zwischen dem quantitativen und dem qualitativen Verfahren unterscheiden. Die Bestandsaufnahme der in den säkularen Vollprogrammen zu empfangenden Sendungen und die Untersuchung des Programmangebots ← 19 | 20 → der christlichen Kanäle erfolgte auf quantitative Weise. Die Analyse, der Vergleich und die Interpretation ausgewählter Bibel TV und SWR Sendungen unterlag qualitativen Methoden.

2.1.1.1 Die quantitative Analyse

Bereits 1910 erörterte Max Weber auf dem ersten Deutschen Soziologentag Möglichkeiten, wie man die Presseinhalte quantitativ erfassen und mögliche „Veränderungen“ zeitlich messen könnte.15 Obwohl es vorher schon empirische Analysen der Presse gegeben hatte, waren diese noch nicht systematisiert.16 Erst der massive Einsatz politischer Propaganda in den beiden Weltkriegen lenkte das öffentliche Interesse verstärkt auf die Medieninhalte. Damals orientierte man sich noch am „Stimulus-Response-Modell“, nach dem ein bestimmter Reiz bei allen Rezipienten gleiche Reaktionen hervorruft.

Details

Seiten
402
Jahr
2014
ISBN (PDF)
9783653038880
ISBN (ePUB)
9783653984958
ISBN (MOBI)
9783653984941
ISBN (Hardcover)
9783631650127
DOI
10.3726/978-3-653-03888-0
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (April)
Schlagworte
Fernsehen Verkündigung ökumenische Kooperation Religionssendungen Medien, Kirchen Bibel TV
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 402 S., 3 Tab.

Biographische Angaben

Johannes Winkler (Autor:in)

Johannes Winkler studierte katholische Theologie, Geschichte und Kommunikationswissenschaft an der Universität Bamberg. Anschließend promovierte er an der Universität Würzburg. Derzeit ist der Autor hauptberuflich als Fernsehjournalist tätig.

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