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Rudolf Michael

Vom Kaiserreich zur Bild-Zeitung: Ein deutsches Journalistenleben im 20. Jahrhundert

von Christian Sonntag (Autor:in)
Monographie 201 Seiten

Zusammenfassung

Er war einer der erfolgreichsten Journalisten in der jungen Bundesrepublik: Rudolf Michael (1890-1980) machte Bild zur größten und wichtigsten Boulevardzeitung Deutschlands. Sein Erfolgskonzept, der desillusionierten deutschen Nachkriegsgesellschaft möglichst wenig Politik zu bieten, ging grandios auf. Michaels faszinierende Medienkarriere startete im Kaiserreich. In den 1920er Jahren war er Chefredakteur des Hamburgischen Correspondenten, das Dritte Reich überlebte er als Innenpolitikchef beim Hamburger Fremdenblatt. Dort schrieb er bis April 1945 Durchhaltepropaganda. Anhand seines außergewöhnlichen Journalistenlebens erzählt das Buch ein spannendes Stück deutscher Mediengeschichte im 20. Jahrhundert. Einen besseren Einstieg in das Thema kann es kaum geben.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1. Einleitung
  • 2. Im Kaiserreich
  • Prägungen
  • Journalistische Anfänge
  • Kriegsleiden
  • 3. Weimar
  • Neustart
  • Chefredakteur unter Stresemann
  • Der Wechsel zum Fremdenblatt
  • 4. Im Dritten Reich
  • Zwischen den Zeilen
  • NS-Propaganda
  • Auf Weltreise
  • In den Abgrund
  • 5. Unter britischer Aufsicht
  • Kampf um die Vergangenheit
  • Beim Hamburger Abendblatt
  • 6. Bild
  • Der Anfang
  • Das Erfolgs-Konzept
  • Politik und andere Scheinwelten
  • Der Verleger mischt mit
  • Auf dem Zenit
  • Der Abgang
  • Im Ruhestand
  • 7. Ein deutsches Journalistenleben
  • Verzeichnis der Abbildungen
  • Literaturverzeichnis
  • Quellen
  • Ausgewählte Literatur

Vorwort

Chefredakteure der Bild-Zeitung sind wichtige Menschen. Das wissen wir nicht erst, seitdem sich der damalige Bundespräsident Christian Wulff auf der Mailbox von Kai Dieckmann um Amt und Würden geredet hat. Die Masse an Lesern, die sich jeden Tag für die Bild-Zeitung entscheiden, hat ehemalige Bundeskanzler dazu veranlasst, von „Bild, Bams und Glotze“ zu sprechen, wenn es um das Geheimnis erfolgreicher Öffentlichkeitsarbeit ging. Keine Frage: Die Auflage der Zeitung mit den großen Lettern hat schon immer der Phantasie der Mächtigen angeregt.

Erstaunlicherweise haben die Macher von Bild aber relativ wenig wissenschaftliches Interesse erfahren. Das mag daran liegen, dass der sensationelle Erfolg von Bild immer sehr stark dem Verleger Axel Springer zugesprochen worden ist. In diesem Buch soll der Blick auf einen Mann gelenkt werden, der in den Anfangsjahren mindestens genauso wie Springer einen Anteil am Erfolg von Bild hatte. Rudolf Michael war es, der die Zeitung in den ersten Jahren so machte, dass immer mehr Menschen sie lesen wollten. Dennoch ist er nahezu unbekannt.

Ich hörte zum ersten Mal bei meinen Recherchen zu meiner Magisterarbeit über die Nachkriegsjournalisten bei der Welt von Rudolf Michael. Intensiver beschäftigte ich mich im Rahmen meiner Dissertation mit ihm. Und dabei entstand die Idee zu diesem Buch, dessen Fertigstellung sich wegen anderer Verpflichtungen lang hinausgezögert hat. Jetzt bin ich froh, es endlich vorlegen zu können. Ein besonderer Dank gilt dem im Jahr 2009 verstorbenen Hans Bluhm, der mir in zwei Gesprächen den Menschen Rudolf Michael näher gebracht hat. Dem Unternehmensarchiv der Axel Springer AG bin ich zu Dank verpflichtet, insbesondere Rainer Laabs, der mir den Großteil der in diesem Buch abgedruckten Fotos zur Verfügung stellte. Selbstverständlich geht mein Dank auch an die zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der anderen von mir aufgesuchten Archive. Nicht zuletzt danke ich meiner Frau und meinen Töchtern für die vielen Stunden, die sie mich in Ruhe am Schreibtisch arbeiten lassen.

Jüchen, im November 2013 ← 9 | 10 →

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1.  Einleitung

Wessen Leben ist es wert, in Form einer Biografie nacherzählt zu werden? Früher waren es Könige, Fürsten, Päpste, Mächtige, heute würde man sagen: Entscheider. Menschen eben, deren Tun die Gesellschaft verändert hat, die an den Schalthebeln der Macht saßen und mit dem, was sie taten, Geschichte geschrieben haben. Aber können auch Journalisten Geschichte schreiben? Lohnt es sich, über diejenigen zu berichten, deren tägliches Geschäft es ist, gesellschaftlich relevante Entscheidungen lediglich zu beschreiben und zu analysieren – nicht, sie zu fällen? Können Journalisten, die stets dabei sein sollen, aber niemals mittendrin, überhaupt zeitgeschichtlich relevant sein – oder können sie diese Zeitgeschichte nur beschreiben? Es gibt Vertreter der Zunft, über die einschlägige Biografien vorliegen. Es sind meist die Großen des Metiers, die Chefredakteure und Verleger der großen Blätter, die entscheidend dazu beigetragen haben, dass sich nach dem verbrecherischen NS-System, das ganz wesentlich auf das Funktionieren der Propagandamaschinerie angewiesen war, hierzulande eine demokratische Medienkultur entwickeln konnte. Rudolf Augstein, Henri Nannen, Marion Gräfin Dönhoff, Axel Springer gehören zur Gruppe der Journalisten, deren Verdienste um die Demokratisierung dieses Landes unbestritten sind und deren Wirken auch deswegen in Form von Biografien beschrieben worden ist. Zu einer früheren Generation von Journalisten, dessen Leben einmal aufgeschrieben worden ist, gehören mit Theodor Wolf, Egon Erwin Kisch, Carl von Ossietzky oder Hans Zehrer die großen Meinungsmacher der Weimarer Republik, die weniger mit der gedruckten Auflage ihrer Artikel Eindruck machten, sondern mit ihren politischen Meinungen und Beschreibungen, mit denen sie das Klima der ersten deutschen Republik entscheidend prägten. Wer noch weiter ins 19. Jahrhundert zurückgeht, stößt auf Schreiber wie Ludwig Börne und Philipp Jakob Siebenpfeiffer, die heute Namensgeber begehrter Journalistenpreise sind.

Im Vergleich zu den Genannten erscheint das Erbe eines Rudolf Michael zumindest auf den ersten Blick eher unbedeutend. Michael war kein Philosoph, dessen Leitartikel die Leser aufrüttelten und die Welt veränderten. Aber mit seiner Bild-Zeitung, deren erster Chefredakteur er war und die er mit aus der Taufe hob, erreichte er Millionen von Lesern. Genauer gesagt: Er gestaltete die Zeitung so aus, dass sie täglich von Millionen Menschen gekauft wurde. Es war eine Zeitung ← 11 | 12 → neuen Typs, die er gemeinsam mit seinem Verleger Axel Springer geschaffen hatte und täglich neu erschuf. Eine Zeitung, die vom Beginn ihres Erscheinens auf eine Weise polarisierte, zuspitzte und emotionalisierte, wie es zuvor in Deutschland nicht bekannt gewesen war. Die neue Lieblingszeitung des Proletariats avancierte zugleich zum Hassobjekt der linken Intellektuellen. Den Grundstein dafür hatte ausgerechnet Rudolf Michael mit seiner unpolitischen Ausrichtung der Zeitung gelegt. Denn natürlich durchschauten alle kritischen Zeitgenossen das Heile-Welt-Theater in der Bild-Zeitung der frühen 50er Jahre. Nur ließen die ersten kritischen Auseinandersetzungen noch auf sich warten. Erst im Jahr 1968 kam mit Rolf-Dieter Müllers Studie über den Springer-Konzern die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung auf den Markt. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte sich Bild längst zu jenem rechten Kampagnenblatt gewandelt, als das es Michael niemals verstanden haben wollte. Als die Studenten auf die Straße gingen und Lieferfahrzeuge des Springer-Verlags in Brand setzten, war Rudolf Michael vergessen. Bild war ein politisches Kampfblatt geworden.

Es gehört zu den Besonderheiten dieses Journalistenlebens, dass Michael sich immer erfolgreich gegen die Politisierung von Bild gewandt hatte. Um das zu verstehen, ist ein Blick auf seine außergewöhnliche Karriere nötig. Rudolf Michael volontierte beim Hamburger Fremdenblatt noch zu Zeiten Kaiser Wilhelms. Als er nach dem Krieg aus Frankreich nach Hamburg zurückkehrte, politisiert und immer noch kaisertreu, fand er in der Deutschen Volkspartei, der national-liberalen Partei Stresemanns, seine politische Heimat. Er stieg zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden in der Hamburger Bürgerschaft und zum Chefredakteur beim Hamburgischen Correspondenten auf, ehe er sich mit seinem Wechsel zum Hamburger Fremdenblatt endgültig dem Journalismus zuwandte. Dort, bei der großen liberalen Hamburger Zeitung, erlebte er als Innenpolitikchef das Dritte Reich, trat in die NSDAP ein und schrieb bis in den April 1945 hinein Durchhaltepropaganda – was ihm unter britischer Besatzung zum Verhängnis wurde und ein längeres Berufsverbot nach sich zog. Wer weiß schon, was aus dem damals 56-Jährigen geworden wäre, hätte ihn nicht ein alter Bekannter vom Fremdenblatt mit dem aufstrebenden Jungverleger Axel Springer zusammengeführt? Was aus dieser Verbindung entstand, ist wiederum mehr als nur ein Teil der Michaelschen Biografie – es war die Krönung eines ungewöhnlichen Berufslebens und Grund genug, sich heute, über 60 Jahre nach der Gründung von Bild, mit Rudolf Michael auseinanderzusetzen.

Anhand von Michaels Karriere lässt sich ein spannendes Stück deutscher Mediengeschichte erzählen. Weil Michael im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der jungen Bundesrepublik als Journalist tätig war, lernt ← 12 | 13 → man bei der Betrachtung seines beruflichen Lebens ganz nebenbei viel über deutsche Pressegeschichte im 20. Jahrhundert. Damit richtet sich das vorliegende Buch auch an Leser, die pressehistorisch interessiert sind, aber vor der Lektüre eines eher trockenen Handbuchs zur Mediengeschichte zurückschrecken. Mit der vorliegenden Biografie nimmt der Leser ein spannendes Stück deutscher Pressegeschichte quasi nebenbei auf.

Leider ist die Quellenlage dürftig. Michael hat lediglich einen Teilnachlass hinterlassen. Als ich im Sommer 2001 mit den Recherchen zu meiner Dissertation über die Medienkarrieren Hamburger Nachkriegsjournalisten begann1, stieß ich in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg auf zwei Leitz-Ordner mit Briefen, Dokumenten, Zeitungsartikeln und Reden Michaels. Im Unternehmensarchiv von Axel Springer, damals noch in Hamburg ansässig, lagerte neben einer Personalmappe ein Schuhkarton mit Fotos und anderen schriftlichen Hinterlassenschaften. Das war mehr als ich für meine Zwecke – eine kollektive Biografie von 308 Hamburger Nachkriegsjournalisten – über Rudolf Michael benötigte, aber wenig, um ein ganzes Leben daraus zu rekonstruieren. Versuchen wollte ich es dennoch – auch deswegen, weil Michael heute nahezu unbekannt ist. Wer bei Wikipedia, das seit Jahren das Wissen dieser Welt sammelt, den Namen Rudolf Michael eingibt, wird auf einen sozialdemokratischen Politiker gleichen Namens verwiesen. Jenseits medienhistorisch interessierter Kreise hat Michael bislang wenig Aufmerksamkeit erfahren. Es gibt keine Gesamtdarstellung seines Lebens, Informationen über ihn sind schwer zu bekommen. Mindestens einen Versuch gab es, sein Leben in publizistischer Form aufzuarbeiten. Der Buchautor und Journalist Gerd Klepzig führte im Januar 1969 zwei lange Gespräche mit Michael in dessen Wohnung in Hamburg-Othmarschen. Aber außer einem Gesprächsprotokoll, das im Nachlass Michaels abgeheftet ist, resultierten daraus keine greifbaren Ergebnisse. Immerhin gibt das Gespräch aber wichtige Anhaltspunkte zu Michaels Leben, das ohne dieses Protokoll weit schwieriger nachzuerzählen wäre.

So bleibt auch heute, 125 Jahre nach seiner Geburt, über 60 Jahre nach Gründung der Bild-Zeitung und knapp 35 Jahre nach seinem Tod, ein merkwürdig diffuses Bild über Leben und Wirken des Journalisten Rudolf Michael. Irgendwie, so scheint es, ist die Bedeutung Michaels für die Mediengeschichte seiner Heimatstadt Hamburg und der jungen Bundesrepublik zwar erkannt, aber nie angemessen gewürdigt worden. Eine Beobachtung, die ganz wesentlich darauf zurückzuführen ist, wie sein langjähriger Arbeitgeber Axel Springer am Ende mit ihm umgegangen ← 13 | 14 → ist. So irritiert es den heutigen Betrachter, wie in den Zeitungen des Hamburger Großverlegers zu Michaels Ehrentagen verfahren wurde. Schon damals gab es Missstimmung, als beispielsweise die Bild-Zeitung zum 90. Geburtstag ihres ersten Chefredakteurs lediglich einen kleinen Artikel im Hamburg-Teil brachte. „Am Tag nach dem Geburtstag nur mehr oder weniger eine Pflichtübung zu leisten, wird allgemein als sehr befremdend empfunden“, schrieb Rolf von Bargen zwei Tage nach Michaels Ehrentag an Chefreporter Nils von der Heyde. „Ich finde dieses für das Ansehen unseres Gesamthauses und für den Stand der Journalisten echt beschämend.“2

Ein bemerkenswerter Satz. Zeigte er doch, dass für den unglaublichen Erfolg der Bild-Zeitung in den 50er Jahren längst kein Journalist mehr, sondern der Verleger Höchstselbst verantwortlich zeichnete. Diese Deutung der Bild-Geschichte zeichnete sich in den Artikeln anlässlich runder Geburtstage Michaels in den 60er und 70er Jahren bereits ab, und sie bestimmt bis heute unser Verständnis der frühen Bild-Jahre. Der in dieser Zeit wohl erfolgreichste Journalist der jungen Bundesrepublik kommt in den Erzählungen von früher nur am Rande vor. Rudolf Michael war Opfer seines eigenen Erfolges geworden. Denn für die Springer-Legende war es essentiell, den Erfolg von Bild alleine dem jungen Verleger zuzuschreiben.

Rudolf Michael kam in mancher Hinsicht aus einem anderen Jahrhundert. Als 1890 Geborener war sein Leben geprägt von Umbrüchen, Krisen und hoffnungsvollen Neuanfängen. 1914, als Männer wie er am Beginn ihres beruflichen Lebens standen, durchbrach der Erste Weltkrieg ihre Lebensplanungen. Was sie anschließend auf den Schlachtfeldern und in den Schützengräben erlebten, traumatisierte eine ganze Generation. Zurückgekehrt aus dem Krieg, mussten sie erleben, dass das, wofür sie gekämpft hatten, nicht mehr existierte. Manche zerbrachen daran und schlossen sich radikalen Parteien an, andere fanden den Weg zurück ins zivile Leben. Aber die Hyperinflation 1923 und die Weltwirtschaftskrise gegen Ende der 20er Jahre bedrohte aufs Neue ihre Existenz, die sie sich mittlerweile trotz aller Schwierigkeiten aufgebaut hatten. Als Hitler Reichskanzler wurde, war Michael 43 Jahre alt und damit in einer beruflichen Phase, in der sich seine Karriere dem Zenit hätte nähern können, wenn sich nicht erneut die politischen Rahmenbedingungen fundamental geändert hätten. Für manchen Gleichaltrigen endete jetzt eine vielversprechende Laufbahn. Andere passten sich an und nutzten die neue berufliche Chance. Die meisten freilich machten irgendwie weiter und rutschten mit den Jahren beruflich immer tiefer in einen Unrechtsstaat hinein, den ← 14 | 15 → sie vorher abgelehnt hatten. Am Ende, als alles zusammenbrach, waren sie Teil des verbrecherischen Regimes geworden und mussten sich für ihr Mitläufertum verantworten.

Details

Seiten
201
ISBN (PDF)
9783653040371
ISBN (ePUB)
9783653984613
ISBN (MOBI)
9783653984606
ISBN (Hardcover)
9783631650332
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (Januar)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 201 S., 8 s/w Abb.

Biographische Angaben

Christian Sonntag (Autor:in)

Christian Sonntag ist Journalist und Medienhistoriker. Er promovierte mit einer vielbeachteten Studie über die Karrieren Hamburger Nachkriegsjournalisten. Als Pressesprecher arbeitet er an der Hochschule Niederrhein, wo er einem Lehrauftrag für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit nachgeht.

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