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Migration und kulturelle Diversität

Tagungsbeiträge des XII. Internationalen Türkischen Germanistik Kongresses- Bd. I: Literatur- und Übersetzungswissenschaft

von Metin Toprak (Band-Herausgeber:in) Ali Osman Öztürk (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 382 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • I. Literaturwissenschaft
  • Einführung: Literatur und Literaturwissenschaft in Zeiten der Globalisierung
  • Der Gerichtsorganismus als Schwebezustand: Zu Kafkas Roman Der Proceß
  • Christa Wolfs Medea. Stimmen: Hoffnung auf Versöhnung der Kulturen
  • Zu Identitätsfragen in der ungarndeutschen Lyrik nach 1945
  • Darstellungsmöglichkeiten der Gattung der Ballade. Eine sozioliterarische Erörterung am Beispiel von H. Heines Gedicht „der Asra“
  • Die Landschafts- und Naturschilderungen als Offenbarung von Stimmungseindrücken in Joseph Roths „Das falsche Gewicht“
  • „Ich schlage vor, unsere Literatur als Literatur zu bezeichnen.“ – Über die Kategorie der Migrationsliteratur
  • Narrative Vielschichtigkeit in Die Brücke vom Goldenen Horn von Emine Sevgi Özdamar
  • Innovative Formen und Inhalte der Migrantenliteratur
  • Intellectual Migration
  • Zwangsmigration „orientalisch-exotischer Schönheiten“ im Zeitalter der Türkenkriege
  • ‚Kati Hirschel‘ als Gegenpol zu ‚Kayankaya‘? Esmahan Aykols Dedektivin als Projektionsfläche
  • Jusuf Naoums Kaffeehausgeschichten: ein neues Genre in der deutschen Literaturlandschaft?
  • Soziokulturelle Entwicklung der in Deutschland lebenden türkischstämmigen Frauen mit Migrationshintergrund
  • Das Eigene und das Fremde in Selim Özdoğans Roman Heimstraße 52
  • Das unausgesprochen selbstverständliche des Fremden
  • Vertraute Fremde. Eine andere Geschichte Innsbrucks
  • Anmerkungen zur Thematik von Migration und kultureller Diversität bei Jordanes und in der deutschen Literatur des Mittelalters
  • Writing Migration, Writing Travel, Postkolonialismus und kulturelle Diversität in der deutschen Literatur
  • Lustig ist das Zigeunerleben? Zur kulturellen Diversität in der Germanistik am Beispiel von „Sinti und Roma“-Literatur
  • Migration und kulturelle Diversität in der interkulturellen Kinder- und Jugendliteratur
  • Jenseits der narrativen Matrizen? Zum medienkulturvergleichenden Diskurs der kulturwissenschaftlichen Germanistik in Japan
  • Fernliebe und Fernheimat als Schauplatz der Globalisierung Mit besonderer Berücksichtigung des Films Endstation der Sehnsüchte
  • Konstruktionen des Fremden in türkischen Fernsehserien am Beispiel von Gurbette Aşk
  • Zur Animalisierung und Infantilisierung des türkischen Mannes im deutschen Fernsehen anhand der ARD-Serie Türkisch für Anfänger
  • Die Beschreibung von kulturellen Elementen in der Audiodeskription
  • II. Übersetzungswissenschaft
  • Zur sprachlichen Repräsentation von räumlichen Informationen in Hörfilmen
  • Das Übersetzen von Satire. Osman Engins Kurzgeschichtenband Dütschlünd, Dütschlünd übür üllüs in der türkischen Übersetzung El Aman, El Alman, En Yaman Alaman.
  • Makrostrategisches Übersetzungsverhalten von semi-professionellen Übersetzern
  • Interkulturelle Kompatibilität des Textübersetzens bei Textdatenversionen
  • Übersetzungsproblematik kultureller Diversität bei türkisch-deutschen juristischen Texten: Ein Vergleich von Vollmachterklärungen und ihren sozio-kulturellen Hintergründen
  • Deutsche Bedienungsanleitungen auf dem türkischen Verbrauchermarkt – eine vergleichende Studie
  • Ist Übersetzen ohne Empathie möglich?

I.  Literaturwissenschaft

Gerhard Plumpe
(Deutschland, Bochum)

Einführung: Literatur und Literaturwissenschaft in Zeiten der Globalisierung

Seitdem die Welt enger zusammenwächst und Verkehr, Wirtschaft und Datenströme unseren Globus als homogenen Raum erscheinen lassen, der Abschottungen und Selbstisolierungen nur noch als Ausnahme zu kennen scheint, ist ein Schlagwort in aller Munde, das die Tugend des global denkenden und agierenden Menschen ausdrücken soll: Interkulturelle Kompetenz. Interkulturelle Kompetenz zählt zu den soft skills, auf die kein Manager, kein Banker, kein Geschäftsreisender in einer globalen Welt verzichten will. Daher gibt es Ratgeber, Seminare und Schulungsprogramme zu Hauf, die den modernen Menschen fit machen und einstellen wollen auf die Anforderungen interkultureller Kommunikation. So heißt es z. B. in einem im Jahre 2000 in London unter dem Titel Intercultural skills for business publizierten Handbuch für Manager:

Gerade in unserer Zeit lassen sich (…) zwischenkulturelle Begegnungen nur noch schwer vermeiden. Nicht nur einmal sind wichtige Verhandlungen an kulturellen Unterschieden gescheitert, Fusionen von Unternehmen sind in unnötige Schwierigkeiten geraten, und ein wirtschaftlicher Schaden von großen Ausmaßen ist entstanden: So wird z. B. angenommen, daß rund 50% aller amerikanischen Manager im Ausland ihre Aufgabe auf Grund kultureller Unterschiede nicht, oder nur unzureichend erfüllen. (Dahl 2014)

Die Interessenvertreter interkultureller Kompetenz, die ihr Anliegen gut vermarktet haben und als lukratives Geschäft betreiben, bedienen sich aus naheliegenden Gründen einer dramatischen Beschreibung der Ausgangslage. Aussichtsreiche Geschäftsabschlüsse scheitern, amerikanische Manager versagen, weil die Kulturen der Welt so unterschiedlich sind, daß Missverständnisse und in ihrer Folge ökonomische Desaster zwangsläufig werden. Der amerikanische Manager ist so in seiner Kultur verkapselt, dass er mit seinen japanischen, brasilianischen oder türkischen Geschäftspartnern zu keiner gelingenden Verständigung imstande ist. Überall auf der Welt erlebt er die Schocks fremder, undurchdringlicher Kulturen. Es gibt in Deutschland eine ganze Buchreihe, die unter dem Schlagwort „Kulturschock“ ihren Lesern die angebliche kulturelle Fremdheit solcher Länder wie Russland oder China vor Augen stellen will, faktisch aber nur Banalitäten aneinander reiht, die jeder Reiseführer ebenso auflistet. ← 13 | 14 →

Offenbar ist die Lage so, wie sie der Schweizer Dichter Gottfried Keller in einer interessanten Erzählung aus dem Jahre 1881 darstellte. Keller erzählt die Geschichte eines französischen Offiziers, der 1780 zur Unterstützung des amerikanischen Freiheitskampfes nach Nordamerika reiste. Dort lernt er eine schöne Indianerin kennen; er verliebt sich in sie und hat die Absicht, sie als seine Ehefrau nach Frankreich zu bringen. Allerdings kann er sich mit ihr nicht verständigen.

Er hatte (…) schon mehr als ein Stelldichein abgehalten mit wunderlichen Zwiegesprächen von Gebärden und abgebrochenen Worten, wobei keines das andere verstand, noch auszudrücken wußte, was es wollte. (Keller 1978: 272)

Obwohl ihm die Absichten der attraktiven fremdkulturellen Rothaut undurchsichtig bleiben, interpretiert der Franzose die Lage zu seinen Gunsten: das Mädchen scheint interessiert an ihm, seine Pläne scheinen aufzugehen. So willigt er in die gestisch zum Ausdruck gebrachte Bitte der Indianerin ein und schenkt ihr seine mit wertvollen Andenken geschmückte Uhrkette, zumal sie diesen Wunsch mit der Aussicht auf ein zärtliches Rendezvous zu verbinden scheint. Umso verblüffter ist der Offizier, als er am nächsten Tag feststellt, daß seine geliebte Indianerin die Uhrkette allein deshalb von ihm erbeten hatte, um ihrem indianischen Verlobten, einen bärenstarken Krieger, ein exotisches Geschenk zu machen.

Auf ironische Art und Weise schildert Keller die Begegnung des Franzosen mit dem Indianermädchen als totales Misslingen interkultureller Kommunikation. Die beiden verstehen sich nicht nur sprachlich nicht, auch ihre kulturellen Eigenarten und Verhaltensweisen bleiben sich fremd. Der Franzose erlebt in Nordamerika ein Gefühlsdebakel, einen wahren Kulturschock. Heute sind es die Nordamerikaner, wenn man dem zitierten Handbuch Glauben schenkt, die in anderen Weltteilen ein ähnliches Schicksal wie der Franzose Thibaut erleiden und mit ihren Geschäftsideen an kulturellen Unterschieden scheitern.

Die folgenden Überlegungen gehen von der These aus, dass die ökonomische, medientechnische und kulturelle Globalisierung der Rede von den „kulturellen Differenzen“ die Grundlage genommen hat. Thibaut und das schöne Indianermädchen würden sich heute über ihre divergierenden Interessen rasch verständigen und bei Facebook Freunde bleiben. Auch werden Geschäftsabschlüsse zwischen amerikanischen und türkischen Unternehmen in der Gegenwart kaum an kulturellen Missverständnissen scheitern. Im Bereich akademischer Kommunikation gelten weltweit ohnehin gemeinsam geteilte Standards; unter Germanisten versteht man sich in Berlin, Istanbul, Tokio oder Los Angeles auf ← 14 | 15 → die gleiche Weise. Den Rest regeln Bildung und Höflichkeit.1 Wenn man schon modische Vokabulare verwenden will, dann wird die weltweite Kommunikation unserer Zeit nicht durch „Inter“-, sondern durch Transkulturalität geprägt. Die Rede von „Interkulturalität“ setzte ja voraus, dass klar definierbare und homogene Kulturen existierten, die dann vor der Aufgabe kommunikativer Begegnungen stünden. Davon kann in unserer Welt aber wohl nirgends mehr die Rede sein. Die – auch in historischer Sicht kaum niemals „reinen“ – Kulturen durchdringen sich im Gefolge wirtschaftlicher und medialer Imperative und bilden hybride Existenzformen aus, in denen sich zweifellos ökonomische Dominanzen ausmachen lassen. Diese globale und hybride Weltkultur ist der Kontext, in dem sich eine ihrer Funktion versichernde Literaturwissenschaft zu reflektieren hat. Ihr Gegenstand – die Literatur – operiert in der globalen Welt und ist nur von ihr aus zu verstehen, gleich ob sie sich ihr in Schauplatz- und Sujetfindung öffnet oder von ihr in exklusiver Selbstisolierung absondert. Goethe hat bereits im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die Anzeichen der wachsenden Integration unserer Welt wahrgenommen und ihre Konsequenzen für die literarische Kommunikation unter dem Titel Weltliteratur registriert. Der erste Abschnitt meines Aufsatzes beschäftigt sich mit Goethes Idee der Weltliteratur vor allem in der Absicht, darauf hinzuweisen, dass die Prämissen dieser Idee bereits historisch geworden sind, weil der Austausch zwischen den Kulturen durch die Wirklichkeit transkultureller Kommunikation abgelöst worden ist. Goethe hat dies freilich in seinem Entwurf einer Geschichte der Bildung selbst schon gesehen. Der zweite Teil des Aufsatzes hinterfragt die konzeptionellen Präsuppositionen der „interkulturellen Germanistik“ in zweierlei Hinsicht. Zum einen wird in Frage gestellt, ob von „kultureller Fremdheit“, die aufwendige Verstehensprozeduren verlangt, überhaupt die Rede sein kann. Zum anderen soll problematisiert werden, ob das kulturalistische Paradigma das Proprium literaturwissenschaftlicher Forschung nicht unterschlägt und durch „kulturelle“ Fragen ersetzt. Im dritten Teil des Aufsatzes wird dann der in kulturalistischer Perspektive unsichtbare Aspekt der Literatur – ihre in Kultur nicht übersetzbare, irreduzibel sprachliche ← 15 | 16 → Verfasstheit – thematisiert und für eine interdisziplinäre Kooperation zwischen Literatur- und Kulturwissenschaft geworben.

Goethes Idee der Weltliteratur

Goethe hat seine Idee der Weltliteratur in den späten zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund einer ökonomisch und nachrichtentechnisch zusammenwachsenden Welt entwickelt.2 In dieser Lage ist die Befähigung zu interkultureller Kommunikation eine Notwendigkeit der Zeit. Goethe schreibt:

Aus uns bekannten übereinstimmenden Gesinnungen entsteht ein schnelleres, entschiedenes Zutrauen. Dagegen wenn wir mit entschieden anders denkenden Personen (…) zu verkehren haben, werden wir einerseits vorsichtiger, andererseits aber duldender und nachsichtiger zu sein, uns veranlaßt finden. (Goethe 1. Abtlg, Bd. 22: 868)

Und an anderer Stelle fügt Goethe hinzu:

(Sämtliche) Nationen, in den fürchterlichsten Kriegen durcheinander geschüttelt, sodann wieder auf sich selbst zurück geführt, hatten zu bemerken, daß sie manches Fremdes (…) in sich aufgenommen (haben). Daraus entstand das Gefühl nachbarlicher Verhältnisse, und anstatt daß man sich bisher zugeschlossen hatte, kam der Geist nach und nach zu dem Verlangen, auch in den mehr oder weniger freien (…) Handelsverkehr aufgenommen zu werden. (Ebd., 870)

Es ist das Vorbild des freien Welthandels, das Goethe auf die Idee einer Weltliteratur bringt. Auch Tages-, Wochen- und Monatsschriften integrieren die Welt und Goethe begegnet diesem Gedankenaustausch mit größtem Interesse. Denn Weltliteratur setzt Medien globaler Kommunikation voraus, wie es international beachtete Periodika sind. Goethes Literaturverständnis ist dabei weit gefasst und keineswegs auf sog. „schöne Literatur“ beschränkt. Wichtig ist die Feststellung, dass Goethes Idee der Weltliteratur zweierlei ausdrücklich nicht beabsichtigt:

Weltliteratur nennt Goethe also nicht in qualitativer oder normativer Hinsicht sog. kanonische Literatur; aber auch nicht in quantitativer Hinsicht jede Literatur. Weltliteratur ist für Goethe vielmehr die Literatur, die sich im Horizont einer nachrichtentechnisch und medial globalisierenden Welt in ihren Weltbezügen reflektiert, die um ihren Bezug zu anderen Literaturen und Kulturen weiß. Darin ist sie moderne Literatur. Das serbische Volkslied wäre insofern Weltliteratur nicht aus sich heraus, sondern erst durch den Umstand, dass es „global“ wahrgenommen und in die literarische Kommunikation produktiv einbezogen wird. Vor diesem Hintergrund tritt Goethe der damals in Deutschland im Zuge der sich gerade als Universitätsfach etablierenden Germanistik hervortretenden Konzeption einer Nationalliteratur entschieden entgegen.

Ich sehe mich (…) gern bei fremden Nationen um und rate jedem, es auch seinerseits zu tun. National-Literatur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit und jeder muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen. (Goethe, 2. Abtlg., Bd. 12: 224f)

Diese Epoche der Weltliteratur, die Goethe heraufziehen und an der er tätig mitwirken wird, steht im Zusammenhang eines Geschichtsmodells, das Goethe kurz vor seinem Tode unter dem Titel Epochen geselliger Bildung entwickelt hat. Er unterscheidet hier drei Epochen voneinander: Die erste nennt er „idyllische“ Epoche; sie zeichnet sich durch Kommunikation in intimen Kreisen aus, die sich gegen alles Fremde verschließen. Die zweite Epoche nennt Goethe „civisch“ (von civis = Bürger); in ihr kommunizieren die verschiedenen kulturellen Kreise bereits miteinander und lernen wechselseitig ihre Sprachen. In der Epoche „universeller“ Bildung schließlich vereinen sich die bislang unterschiedlichen Kulturen zu einer Weltkultur:

Die Vereinigung aller gebildeten Kreise, die sich sonst nur berührten, die Anerkennung eines Zwecks, die Überzeugung, wie notwendig es sei, sich von den Zuständen des augenblicklichen Weltlaufs im realen und idealen Sinn zu unterrichten. Alle fremden Literaturen setzen sich mit der einheimischen ins Gleiche und wir bleiben im Weltumlaufe nicht zurück. (Ebd., 1. Abtlg. Bd. 22: 555)

Heute würde man diese drei Epochen wohl „multikulturell“, „interkulturell“ und „transkulturell“ nennen. Goethe schwebte schon um 1830 die Idee einer Weltkultur vor, die regionale und nationale Unterschiede zwar nicht auslöschen, aber ← 17 | 18 → in ihrem Konfliktpotential entschärfen und so eine zwanglose Verständigung fördern könnte.

Goethes Begriff der Weltliteratur hat schon zu seinen Lebzeiten ein breites Echo gefunden und ist nach seinem Tode vor allen über den Umweg seiner Aufnahme durch Marx und Engels außerordentlich wirksam geworden. Im Einflussbereich des Sowjetkommunismus erhielten die Universitäten Lehrstühle für Weltliteratur, die allerdings nun gegen Goethes Empfehlung einen Kanon empfehlenswerter Werke aufstellten und indoktrinierten. Goethes Idee der Weltliteratur gehört auch in die Vorgeschichte der Entstehung der Komparatistik, der Vergleichenden Literaturwissenschaft. Allerdings machte schon im Jahre 1952 der berühmte Romanist Erich Auerbach darauf aufmerksam, dass im Zuge der Globalisierung der Welt die Prämissen der Weltliteratur schwinden:

Unsere Welt, die die Welt der Weltliteratur ist, wird kleiner und verliert an Mannigfaltigkeit. Weltliteratur aber bezieht sich nicht einfach auf das Gemeinsame und Menschliche überhaupt, sondern auf dieses als wechselseitige Befruchtung des Mannigfaltigen. Die felix culpa des Auseinanderfallens der Menschheit in eine Fülle von Kulturen ist ihre Voraussetzung. (Auerbach 1992: 83)

Das Selbstverständnis der interkulturellen Germanistik

Erich Auerbachs Beschreibung der Lage aus der Sicht des Jahres 1952 entdramatisiert das Szenario differenter, konfliktträchtiger, selbstbezogener Kulturen, die zu gelingender Kommunikation kaum imstande seien. Die Welt erscheint dem weltläufigen Romanisten vielmehr bereits so zusammen gewachsen, dass das für die Idee der Weltliteratur unabdingbare Spannungsverhältnis wirklich verschiedener Kulturen zu entschwinden droht. Nun könnte man einwenden, dass Auerbach als aus Deutschland vertriebener Jude, der in der Türkei Exil fand und Zeuge des grausamsten Völkermordes der Geschichte sowie eines entsetzlichen Weltkrieges wurde, es doch hätte besser wissen müssen. Hier ist jedoch Gelegenheit, ein gutmütiges Missverständnis auszuräumen. Denn Globalisierung und wachsendes interkulturelles Verständnis sind nicht gleichbedeutend mit zunehmender Friedlichkeit und Gewaltlosigkeit. Ich kann auch den erschlagen, den ich bestens verstehe. Wäre es anders, gäbe es keine blutigen Familienkonflikte. Insofern sollte man sich vor der Illusion hüten, aus der Tatsache gelingender interkultureller (oder gar transkultureller) Kommunikation einen Beitrag zum Weltfrieden herzuleiten.

Die interkulturelle Germanistik, der ich mich nun zuwende, neigt wie alle Interkulturalitäts – Agenturen zu einer dramatischen Beschreibung der Lage. Das rechtfertigt ihre Existenz und ihre politische Relevanz in einer Zeit, die ← 18 | 19 → angesichts klammer Kassen immer häufiger nach der Existenzberechtigung so „brotloser Künste“ wie den universitären Geisteswissenschaften fragt. Da macht es sich gut, auf so hehre Absichten wie Frieden und Völkerverständigung verweisen zu können. In Deutschland ist das Programm der „interkulturellen Germanistik“ zunächst und vor allem von dem Bayreuther Germanisten Alois Wierlacher vertreten worden.3 Aus Wierlachers zahlreichen Publikationen wird sofort deutlich, daß es nicht vorrangig wissenschaftliche, sondern vor allem kulturpolitische Motive gewesen sind, die die Forderung nach einer interkulturellen Germanistik haben aufkommen lassen:

Die (…) globale Vielfalt kultureller Optik in Perspektivik und Gegenstandskonstitution wissenschaftlicher Arbeit in Forschung und Lehre zu erkennen, anzuerkennen und im wissenschaftlichen ‚Gemeinschaftshandeln‘ (Max Weber) produktiv werden zu lassen, ist das Leitziel Interkultureller Germanistik. Ihre Begründung gehört zu den wenigen Neuentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte, die sich weder Importen noch dem üblichen Theoriewechsel in Deutschland, sondern gemeinsamer Arbeit von Wissenschaftlern aus vielen Ländern verdanken.4

Nach Wierlachers Eindruck scheinen die herkömmlichen Geisteswissenschaften – und mit ihnen die Germanistik – an einem kognitiven Defekt und einem moralischen Fehler zu leiden. Kulturelle Fremdheit und Vielfalt wird offenbar nicht erkannt (kognitiver Defekt) und in der Folge auch nicht anerkannt (moralischer Fehler). Die Germanisten haben offenbar von Goethes Idee der Weltliteratur nie gehört! Um das Fach von seinen kognitiven und moralischen Defiziten zu befreien, betreibt Wierlacher seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit staunenswerter Energie die Etablierung der interkulturellen Germanistik als neues Leitparadigma des Faches. Heute existiert eine Gesellschaft für interkulturelle Germanistik mit Sitz in Karlsruhe, sie gibt eine Zeitschrift für interkulturelle Germanistik heraus. An verschiedenen Universitäten kann man interkulturelle Germanistik als Masterstudiengang studieren, in Bayreuth etwa, in Göttingen oder München. Die Gesellschaft für interkulturelle Germanistik sieht es als ihre zentrale Aufgabe an, „das transkulturelle Wissenschaftsgespräch (…) zugunsten nationaler und internationaler Verständigung im Respekt vor den jeweiligen ← 19 | 20 → Positionen und Prämissen zu fördern.“5 Auch diese Formulierungen lassen das politische und moralische Anliegen deutlich werden; um Verständigung geht es (die offenbar alles andere als leicht ist) und um Respekt geht es (der offenbar nicht vorausgesetzt werden kann). „Verständigung“ und „Respekt“ sind gewiss wünschenswerte Ziele, aber keine Germanistik! Was bietet die „interkulturelle Germanistik“ in fachlicher Hinsicht? Als Beispiel wähle ich den von Wierlacher in Bayreuth begründeten Masterstudiengang.6 Der Studiengang setzt sich aus sieben Modulen zusammen, von denen das vierte Modul „deutschsprachige Literatur als fremde Literatur“ thematisiert und sich als literaturwissenschaftliche Komponente des Studienganges versteht. Inhaltlich geht es um „die Analyse der Rezeption deutschsprachiger Literatur in fremdkulturellen Kontexten“. Das „interkulturelle Potenzial der Literatur“ soll sichtbar gemacht werden, indem „Lese-Differenzen“ infolge unterschiedlicher kultureller Prägungen miteinander verglichen werden. Gemeint ist offenbar der eigentlich selbstverständliche Umstand, dass Menschen Texte nicht unabhängig von ihrer kulturellen Prägung lesen und verstehen können. Das klänge aber banal, und deshalb bedarf es der xenologischen Dramatisierung. Die Studenten des Studienganges sollen die Kompetenz erwerben, die „eigene“ Literatur, z. B. Goethes Gedichte oder Dramen, mit den Augen „fremdkultureller“ Leser zu sehen. Wierlacher spricht von einer Hermeneutik „der anderen Augen“ (Griendl 2002: 8). Die Diskussion dieser Hermeneutik könnte eine interessante Aufgabe sein, wenn ihre Geschäftsgrundlage zuträfe, wenn also z. B. türkische Germanisten Goethes Werke tatsächlich mit „fremden Augen“ läsen, so dass ein aufwendiger und komplizierter Verstehensprozess nötig wäre, um den deutschen Kollegen diese „fremde“ Sichtweise aufzuschließen. Aber trifft diese Präsupposition zu? Ich würde das bezweifeln. Der Germanist Helmut Glück fragte jedenfalls provokativ:

Brauchen wir wirklich das interkulturelle, xenologische, alteritäre Getue, um Böll oder Brecht mit Leuten zu erörtern, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben? (Ebd., 14)

Die interkulturelle Germanistik hat sich jedenfalls als Paradigma durchgesetzt und kann sich der Sympathie der Kulturpolitiker sicher sein, die diese von Glück als „Getue“ kritisierten Begriffe „Interkulturelle Verständigung“, „Xenologie“ ← 20 | 21 → oder „Alterität“ ja gern benutzen, um im Zeitalter der Globalisierung auf der Höhe zu erscheinen. Kulturpolitisch konform ist die interkulturelle Germanistik von wissenschaftlicher Seite nicht unkritisiert geblieben. Ich beschränke mich hier auf drei Aspekte dieser fachinternen Kritik:

Häufig wurde auf den rhetorischen Charakter der Interkulturellen Germanistik hingewiesen, deren Verlautbarungen sich in ständig wiederholten, inhaltsarmen Absichtserklärungen erschöpften. „Fremdheit“ würde gebetsmühlenartig beschworen, um die Dringlichkeit ihrer Überwindung zu legitimieren. Ganz überwunden werden dürfe sie allerdings nicht, denn dann hätte die interkulturelle Germanistik ja ihre Daseinsberechtigung verloren (ebd., 13).

Zusammenfassung

Der erste Band enthält die literatur- und übersetzungswissenschaftlichen Beiträge des XII. Türkischen Internationalen Germanistik Kongresses, der im Mai 2014 in Kocaeli/Türkei unter dem Thema Migration und kulturelle Diversität stattfand. Der Band ist in zwei Hauptkapitel unterteilt und enthält insgesamt 33 Beiträge, die mehrheitlich der Sektion Literaturwissenschaft zugeordnet sind und in aller Breite an den Titel des Kongresses anknüpfen. Es handelt sich dabei auch um Überlegungen und Analysen aus dem Bereich der Übersetzungswissenschaft, deren Themen aber im Fokus der Migration und kulturellen Diversität behandelt werden.

Details

Seiten
382
ISBN (PDF)
9783653046151
ISBN (ePUB)
9783653985764
ISBN (MOBI)
9783653985757
ISBN (Hardcover)
9783631651896
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (März)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 382 S., 10 s/w Abb., 2 Tab.

Biographische Angaben

Metin Toprak (Band-Herausgeber:in) Ali Osman Öztürk (Band-Herausgeber:in)

Metin Toprak studierte Germanistik und Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum und promovierte dort mit einer Arbeit über Thomas Manns Zauberberg. Er ist seit 2012 Professor für Germanistik an der Universität Kocaeli. Ali Osman Öztürk studierte Germanistik und Pädagogik an der Universität Ankara und promovierte in Konya und Freiburg i. Br. über deutsch-türkischen Volksliedvergleich. Nach einer Tätigkeit als Professor für Literaturdidaktik an der Universität Canakkale lehrt er nun an der N. Erbakan Universität in Konya.

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Titel: Migration und kulturelle Diversität