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Der junge Adolf Bastian, 1826 bis 1860

Auf dem Weg zu einer neuen Wissenschaft vom Menschen

von Jutta E. Bellers (Autor)
Dissertation 264 Seiten

Inhaltsverzeichnis


1. Einleitung

„Die Jugend der Ethnologie, diese jüngst geborene, oder, wenn man will, kaum erst in embryonaler Entwicklung befindlichen Wissenschaft, ergibt sich von selbst aus der ihr gestellten Aufgabe. Die Ethnologie bezeichnet sich in der Etymologie ihres Namens als die Lehre von den Völkern auf der Erde, sie bedarf also klärlich genug, vorher einer Uebersicht derselben, […]. Andere der induktiven Naturwissenschaften freilich, […], sind rascher zu systematischer Vollendung herangereift, weil ihnen ein deutlich und fest umschriebenes Feld der Beobachtung vorlag, wogegen die Ethnologie, die als die Wissenschaft vom Menschen einen letzten Abschluss anstreben soll, nur langsamer Entwicklung fähig ist, denn sie hängt ab von der Hilfe der Uebrigen, […].“1

Mit dem Namen Adolf Bastian ist die Etablierung der Ethnologie 1871 an der Friedrich-Wilhelms-Universität und die Ausgestaltung der ethnographischen Abteilung der Königlichen Museen ab 1868 zu einem eigenständigen und in seiner Zeit bedeutenden Museum für Völkerkunde in Berlin verbunden. Die biographischen Angaben zu seinem Lebenslauf stützen sich bis heute auf die, mit Bastian zu seinen Lebzeiten bekannten, Autoren Thomas Achelis (1850–1909)2 und Richard Schwarz3. Ihre biographischen Angaben finden sich, ergänzt durch persönliche Einschätzungen, in den Nachrufen verschiedener Zeitgenossen und in den ersten Lexikoneinträgen Anfang des 20. Jahrhunderts. Deren chronologische Fassungen enthalten die Informationen, nach denen der in Bremen geborene Bastian einer Kaufmannsfamilie entstammte und nach dem Abitur in Heidelberg, Berlin, Jena, Würzburg und Prag Jura und Medizin studierte. Seine Promotion erwarb er 1850 im Fach Medizin und wurde als Schüler Rudolf Virchows (1821–1902) bezeichnet. Nach seinem Studium soll er als Schiffsarzt – die Angaben sind in der Literatur jedoch widersprüchlich – zwischen 1850 und 1852 bis 1858 oder 1859 durch die Welt gereist sein, um sich – nach einem Aufenthalt in Bremen und der Publikation von zwei Werken – von 1861 bis 1865 auf eine Asienreise zu begeben. Bastian etablierte sich danach ab 1868 in Berlin – und seine weiteren Forschungsreisen ← 11 | 12 → und seine Verdienste um das Fach und das Museum wurden in diesen frühen Rückblicken herausgestellt.4

Um 1970 erschienen zwei Monographien zu Leben und Werk Bastians. Zur Biographie enthalten die Arbeiten von Wilhelm Seidensticker (1938–1996) und Annemarie Fiedermutz-Laun neben der Erwähnung seiner hanseatischen Herkunft, die Auflistung seiner Ausbildung an den Universitäten und eine kurze Reisebeschreibung.5 Zu Bastians ersten beiden Publikationen wird festgehalten, dass Afrikanische Reisen – Ein Besuch in San Salvador, der Hauptstadt des Königreichs Congo (1859) neben dem Reisebericht theoretische Erörterungen enthalte, die für seine gesamte Lehre von Bedeutung seien.6 Das dreibändige Der Mensch in der Geschichte – Zur Begründung einer psychologischen Weltanschauung (1860) wurde als grundlegendes Werk und Programm für die folgenden Jahrzehnte angesehen, dessen Bearbeitung noch ausstehe.7

Seidensticker spricht an, dass Bastian eine psychologische Theorie des Denkens entwickelt habe und sich mit den Schriften des Gründers der Psychophysik, Gustav Theodor Fechner (1801–1887), auseinandergesetzt haben müsse, weil er auffällig oft auf ihn verweise.8 Fiedermutz–Laun zitiert Bastians kritische Sicht zu Fechners Psycho–Physik, die mit der Selbstbeobachtung in sich selber feststecke.9 Die Psycho–Physik fand jedoch in anderer Hinsicht die Anerkennung Bastians, da sie sein Endziel, das Ineinandergreifen von Natur- und Geisteswissenschaft verwirkliche.10

Fiedermutz-Laun hebt 1970 hervor, dass Alexander von Humboldts (1769–1859) Idee eines harmonischen Kosmos einen Einblick in Bastians Weltanschauung geben könne, weil sein ethisch-religiöser Idealismus darin einen Ausdruck finde.11 Ebenso habe Bastian sein Leben nach dem, ihm persönlich bekannten, Vorbild ausgestaltet und sich A. v. Humboldts Überzeugung, dass Weltreisen am meisten geeignet seien, die Wissenschaften zu fördern12, angeschlossen. ← 12 | 13 → Zum Humanitätsgedanken bei Bastian sah Fiedermutz-Laun eine Anbindung an Johann Gottfried Herder (1744–1803) und dessen Postulat: Humanität ist der Zweck des Menschen, mit dem Ziel der Erziehung des Menschengeschlechts.13

In der vorliegenden Arbeit werden diese hier einleitend skizzierten Einflüsse, nun auf den jungen Bastian, vertiefend aufgegriffen.

Bastian selbst resümierte als Privatdozent an der Philosophischen Fakultät in Berlin 1868 zunächst eine positive Aufnahme seiner Publikationen durch andere Gelehrte. Er empfand dies als Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistung, die er mit seiner ersten Reise erbracht habe. Bastian sah aber auch schon früh die Gefahr, dass seine bisherigen Schriften unter verkehrten Wappenschildern in die Literatur eingeführt werden, obwohl er zuvor seine Prinzipien im Mensch in der Geschichte dargelegt hatte.14

Anlässlich seines 100. Todestages wurde während eines Symposions15 nach seinem wissenschaftlichen Erbe in den Sammlungen des heutigen ethnologischen Museums und in der Ethnologiegeschichte gefragt. Als Autor hatte er eine Fülle von Abhandlungen, Fachartikeln und Rezensionen hinterlassen, die mehrheitlich noch vorhanden sind.16 Eine numerische Erfassung seiner Titel zeigt, dass er mit 32 selbstständig erschienenen Publikationen zur Ethnologie aller Erdteile und mit weiteren 21 Arbeiten zur Psychologie im Allgemeinen vertreten ist. Hinzu kommen zahlreiche wissenschaftliche Fachartikel und Beiträge in Sammelbänden. Seine darin dargelegten Gedankengänge galten wegen seines eigenwilligen Schreibstils als schwer nachvollziehbar und ihm haftete der Ruf an, als ein theoretischer Wolkenwanderer17 darin seine überquellenden Vorstellungen festzuhalten.

In ihrem Vortrag gab Fiedermutz–Laun im Rahmen des Symposiums einen Überblick über den Nachlass Bastians, dessen Zusammenführung und Erschließung sie sich widmet.18 Der Nachlass umfasst rund 2.000 Archivalien, bestehend aus Briefen, Berichten, Studien und Zeichnungen und erfordert aus gegenwärtiger Sicht eine Bearbeitung in mehreren Abschnitten.19 Ein Beispiel aus den Archivalien verdeutlicht, welche Möglichkeiten der Aussage zu Leben ← 13 | 14 → und Wirken Bastians dieser weitgehend noch nicht veröffentlichte Nachlass enthält. In einem Brief an Georg von Neumeyer (1826–1909) betonte Bastian 1904 rückblickend die Bedeutung der Weichenstellung für die Ethnologie in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Seitdem war er bemüht, einen Überblick über das Menschengeschlecht auf dem Globus intellectualis zu erlangen.20 Tapan Kumar Das Gupta21 sah 1990 in Immanuel Kants (1724–1804) Philosophie und in dessen Definition der intelligiblen Welt den Schlüssel zu den im 20. Jahrhundert rätselhaft erscheinenden Ansichten Bastians.

Bastian selbst äußerte sich 1881 in Die Vorgeschichte der Ethnologie – Deutschland’s Denkfreunden gewidmet für eine Mussestunde zu den von ihm so genannten Lebensfäden dieser Disziplin. Die neue Wissenschaft erhielt 1869 den Namen Ethnologie, weil die beteiligten Kollegen im Gründungskomitee der Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte an der tradierten Dreiteilung der Welt festhielten. Danach war seit den ältesten kirchlichen Schriften die Welt in die festis christianorum, judaeorum und ethnicorum aufgeteilt. Unter Ethnicismus wurden alle Völker zusammengefasst, die zum so genannten Heidentum gezählt wurden. Für Bastian verdeutlichte dieser Terminus seinerzeit am besten den vorläufigen Gegenstand des Faches. Theoretisch gehörten für ihn aber nicht nur dieser, sondern alle Weltbereiche zur Ethnologie, um eine vollständige Geschichte der Menschheit zu schreiben. Die Vereinbarung einer Beschränkung gelte jedoch nur solange, bis genug Wissen über die Völker der Welt vorhanden sei. Solange beanspruche die Ethnologie, keine historischen Vorrechte auf die Völker der alten Welt.22

Die Völkerkunde oder die Lehre von den Völkern der Erde entstand nach Bastian mit den Gründungen der menschenfreundlichen Gesellschaften zu Beginn des 18. Jahrhunderts und sei ohne begriffliche Festlegung auch Ethnographie oder Ethnologie genannt worden. Ihr Ziel sei es gewesen, eine Universalhistorie der Menschheit zu schreiben, und er verwies auf die Helvetische Gesellschaft und Isaac Iselin (1728–1782). Der hatte mit den Muthmassungen über die Geschichte der Menschheit 1764 einen hypothetischen, kulturgeschichtlichen Abriss von der Antike bis zu den Nationen Europas verfasst. Darin war er auf Unterschiede bei den so genannten barbarischen Zuständen von Völkern und den aufgeklärten und freiheitlichen in den republikanisch verfassten Nationen eingegangen.23 Bastian betonte, der Pfarrer und Schriftsteller Johann Gottlieb Steeb ← 14 | 15 → (1742–1799)24 habe bereits in seinem Versuch einer allgemeinen Beschreibung von den Zuständen der ungesitteten und gesitteten Völker nach ihrer moralischen und physikalischen Beschaffenheit (1766) den Wert der Betrachtung der primitiven Stämme für das Anliegen einer chronologischen Geschichtsschreibung erkannt. Als prophetisches Werk dieser Zeit galt ihm dagegen Herders Ideen zu einer Geschichte der Menschheit, weil der Theologe in ihnen den Gesellschaftszustand des Menschen als Naturzustand erkannt und schon 1785 eine kultur-anthropologische Übersicht oder Völkerkarte der Erde gefordert habe.25 Ansonsten, hielt Bastian fest, habe es im 18. Jahrhundert Arbeiten zu den Völkern nur unter der selbstgewählten Beschränkung auf Europa gegeben. Als Beispiel erwähnte er den Historiker August Ludwig Schlözer (1735–1809).26

Auf der Suche nach den Vorläufern der modernen Kultur- und Sozialanthropologie amerikanischer Prägung ging Han F. Vermeulen 2006 der Verwendung der Begriffe Völkerkunde, Ethnographie und Ethnologie im europäischen Sprachraum nach. Die Bezeichnungen Völkerkunde und ‚Ethnographia‘ wurden im 18. Jahrhundert synonym verwendet und traten 1740 bei Gerhard Friedrich Müller und dann 1767 und 1771 bei den Göttinger Historikern Schlözer und Johann Christoph Gatterer (1727–1799) erstmals auf. Die Göttinger nutzten die Völkerbeschreibungen der Geographie für ihre Universalgeschichtsschreibung. Der Terminus ‚Ethnologia‘ selbst fand sich zum ersten Mal 1783 in einer in Wien veröffentlichten Arbeit über die Geschichte der Ungarn von Adam František Kollár (1718–1783) und 1787 in den philosophischen Schriften des Theologen Alexandre-César Chavannes (1731–1800) aus Lausanne, der sie als Teil einer neuen Anthropologie oder universalen Wissenschaft vom Menschen ansah.27 Chavannes hatte, so das Historische Lexikon der Schweiz, unter diesem Namen zu einer empirischen Anthropologie ou science generale de l’homme aufgerufen. Er hatte die Ethnologie mit pädagogischen Absichten und – ebenfalls in der Tradition der Aufklärung – mit der Aussicht verbunden, eine Geschichte der Entwicklung der Völker zu schreiben.28

Mit der Ermittlung der chronologischen Verwendung von, Ethnographie‘ und, Ethnologie‘ in der Literatur des 18. Jahrhunderts bestätigt sich eine damals existierende Begriffskonfusion. Vermeulen isoliert und gewichtet daraus zwei Entwicklungsstränge, einen national- und einen universalhistorischen. Der erste ← 15 | 16 → sei aus politischen Gründen durch das Zusammenleben vieler Völker in Europa, und da hauptsächlich im Zarenreich, entstanden. Diese Ethnographie sei als Vorläufer der ‘sociocultural anthropology’ anzusehen, weil sie sich der Ethnizität zugewendet habe. Der universalistische Strang sei durch die philosophische Anthropologie geprägt worden, wobei Impulse zum Kulturverständnis einzig durch Herder gegeben worden seien. Dieser habe auch die Kulturanthropologie von Franz Boas (1858–1906) geprägt. Ansonsten habe die philosophische Anthropologie des 18. Jahrhunderts keinen Einfluss auf die Entstehung der Ethnologie gehabt. Durch Theophil Ehrmann (1762–1811) hätten komparative und deskriptive Studien zum ersten Mal eine Stimme bekommen.29

Nach der Definition eines Lexikoneintrags von 1858 untersuchte die frühe Ethnographie, in der Bastian sich 1866 habilitierte, die Völker der Welt nach ethischen Kriterien. Die Völker wurden – ohne Herder zu erwähnen – als Gesellschaften definiert, die durch ethische Bande, wie das der Religion oder das des Rechtssystems, zusammengehalten würden. Die Sprache sei dabei die stärkste Verbindung und bewirke, dass Menschen sich zu Völkern vereinigten. Sie behandle Völker als Mitglieder der zur sittlichen Entwicklung bestimmten Menschheit. Ihr Forschungsgegenstand sei die Kultur und Geschichte lebender Völker und sie unterscheide sich dadurch von der chronologischen Universalgeschichte mit ihrem Bezug auf untergegangene Kulturen und von der universalen Geschichtsschreibung der Politik.30

Bastian gründet 1869 eine ethnologische Vereinigung und eine Zeitschrift für Ethnologie und vollzog damit eine deklaratorische Abgrenzung zur Ethnographie. Er wählt die Bezeichnung Ethnologie und beabsichtigt – vergleichbar mit Chavannes – eine über die Völkerkunde hinausgehend konzipierte Disziplin. In dem Lexikonartikel war dagegen der Terminus Ethnologie der physischen Anthropologie vorbehalten, die dann jedoch, bei der Gründung der Berliner Gesellschaft, abgekürzt als Anthropologie in den Namen aufgenommen wurde. Sie untersuchte die Völker als Varianten der Spezies Mensch, widmete sich deren Verbreitung nach den physischen Merkmalen und behandelte die Fragen der Abstammung. Diese Anregung war von Johann Friedrich Blumenbach (1752–1840) ausgegangen und hatte von James Cowles Prichard (1786–1848) eine erste systematische Behandlung erhalten. Robert Gordon Latham (1812–1888) hatte dies unter dem Gesichtspunkt der Einheit der Menschheit weiter betrieben. Dies hatte in einem Gegensatz zu Joseph Arthur Gobineau (1816–1882) und dessen ← 16 | 17 → Essai sur l’inegalité des races humaines von 1853 gestanden. Im gleichen Sinn hatten amerikanische Rassentheoretiker und Befürworter der Sklaverei, etwa Samuel Morton (1799–1851), Josiah Nott (1804–1873) und George Gliddon (1809–1857) argumentiert.31

Bastian gab seiner Ethnologie eine Vorgeschichte, die er in drei Phasen vorstellte und aus denen durch Kombination und Abänderung der Theorien zur Natur des Menschen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein Spektrum an Human-Wissenschaften entstanden sei. Der Beginn wurzelte im 16. Jahrhundert in dem Bestreben, eine Wissenschaft vom Menschen betreiben zu wollen. Daraus hatten sich zahlreiche Teildisziplinen entwickelt, zu denen beispielsweise die Zoologie, Anatomie und Physiologie, aber auch die Philosophie, Geschichte und Philologie gehörten. Die Ursache der Differenzierung sah Bastian im Dualismus, in der Festlegung, dass der Mensch aus Körper und Geist bestehe. Daraus hätten sich zwei unterschiedliche Forschungsschwerpunkte unter dem Namen Anthropologie ergeben. Im 17. Jahrhundert wiederum habe – aufgrund der neuen empirisch-experimentellen Methoden in der Medizin – der Erkenntnisgewinn zum menschlichen Körper dominiert, und die – noch im 16. Jahrhundert angestrebte – physische und psychische Gesamtschau des Menschen sei aufgehoben worden. Bastian benannte als Beispiel für die noch vereinte Anthropologie die Arbeit des Leipzigers Magnus Hundt (1449–1519), in der der Name Anthropologie 1501 erstmals Verwendung in der deutschen Philosophie gefunden hatte, und die Schrift von Otto Casmann (1562–1607), in Steinfurt 1594 unter dem Titel Psychologia Anthropologica erschienen, deren Ausrichtung aus seiner Sicht nun wieder zum Tragen komme.32

Bastian verweist mit diesen Gelehrten auf die Begründer einer sich autonom verstehenden Wissenschaft vom Menschen. Nach Heinrich Schipperges habe sich in Hundts Anthropologium de hominis dignitate, natura et proprietatibus der Mensch nach seinen zwei Naturen in die Psychologie und die Anatomie aufgeteilt, wobei die geistige Komponente von größerer Bedeutung erschien. Casmann habe 1594 in Steinfurt seine Psychologica anthropologica, sive animae humanae doctrina … verfasst und darin die Leib-Seele-Problematik zu einer Lehre von der menschlichen Natur entfaltet, indem er zwar die duplex natura von eigenständigen Disziplinen untersucht haben wollte, beide Teilbereiche aber in einer übergeordneten, vereinenden Abhängigkeit zur großen Natur stehen sah. 33 ← 17 | 18 →

In der Vorgeschichte der Ethnologie legt Bastian den Einfluss der philosophischen Anthropologie dar und bemängelt, dass eine übergeordnete Abhängigkeit der Dualität des Menschen bisher nicht aufgestellt wurde. In der Entwicklung der Anthropologie sei in der Sparte der Physiologie und Anatomie seit dem 17. Jahrhundert ein großer Wissenszuwachs erlangt worden. Der davon getrennte Bereich der Psyche sei bei der Philosophie verblieben, wobei René Descartes (1596–1650) den Menschen von der ratio bestimmt, Baruch de Spinoza (1632–1677) dagegen Leib und Seele durch ein Denken Gottes vermittelt gesehen habe. Mit John Locke (1632–1704) sei eine empirische Psychologie entstanden, wobei Wahrnehmung und Erfahrung zur Grundlage des Denkens wurden.34 Des weiteren urteilte Bastian: „[…], während Kant die pragmatische Anthropologie nur ‘für eine Art Weltklugheit’ zu verwerthen wusste, und auch in seinem Schwanken zwischen rationaler und empirischer Psychologie mit keiner von beiden fertig zu werden vermochte, […]35 Bastian verortete sich selbst, indem er auf eine philosophische Strömung hinwies, die die Berührungspunkte des Körperlichen und des Geistigen im individuellen Menschen suche. Diese habe mit Herders Ideen zu einer Geschichte der Menschheit einen erweiterten Auftrag erhalten.36 Für Bastian ist es folgerichtig, dass weitere Schritte zu einer vergleichenden Psychologie des Menschen als Gesellschaftswesen gemacht worden seien. Er räumte beiläufig ein, dass Theodor Waitz (1821–1864) in ähnlicher Absicht 1859 eine Arbeit vorgelegt habe. Er selber habe nach den Reisejahren seinen Entwurf dazu in seiner als Erstlingsprodukt auf fast noch ungesichtetem Forschungsfelde wenig geordneten Form 1860 veröffentlicht. Die darin dargelegten Begründungen einer psychologischen Weltanschauung seien die ersten Landmarken gewesen37, die – wie am Beginn der Einleitung zitiert – in einer Ethnologie als Wissenschaft vom Menschen einen Abschluss finden sollten. Seine Ethnologie sei eine neue, empirische Wissenschaft, weil sie im Contactpunkt des menschlichen Auges mit den Aussendingen ansetze. Sie setze dort an, wo Karl Christian Friedrich Krause (1781–1832) die wissenschaftliche Grenze der Geschichtsphilosophie sah: der Ergründung des Gottesbewusstseins Werk.38

Bastians Hinweis einer Verortung in der philosophischen Anthropologie ist der Ansatzpunkt dieser Untersuchung. Dazu erschien es erstrebenswert, seine Jugend-, Studien- und Reisejahre in den Kontext der Geistesgeschichte des 19. ← 18 | 19 → Jahrhunderts zu stellen. Der aus diesem Ansatz gewonnene, wissenschaftsgeschichtlich relevante Themenkanon wird entsprechenden Aussagen aus Bastians ersten Publikationen gegenübergestellt. Dabei können die theologischen und philosophischen Themen in ihrer Rezeption durch Bastian und als Fundament seines ethnologischen Konzeptes dargestellt werden.

Zur Bearbeitung dieser Aufgabe wurde der Zeitraum (von der Geburt 1826 bis zum Erscheinen des Werkes Der Mensch in der Geschichte 1860) in vier Abschnitte unterteilt. Der erste behandelt die Jahre seiner Jugend in Bremen von 1826 bis 1845. Zum einen werden familiengeschichtliche Daten der Familie Bastian, die als protestantische Bürger in der Freien Hansestadt Bremen lebten, in den kulturellen und handelsgeographischen Kontext gestellt. Diese Einordnung basiert auf Archivmaterial zur Familie und zur Handelsreederei J. W. Bastian Söhne und geschichtswissenschaftlichen Publikationen zum Bremer Bürgertum.

Zum anderen werden vor dem Hintergrund der bildungstheoretischen Ausrichtung des Neuhumanismus und staatspolitischer Entscheidungen des Bremer Senats die Archivalien zu Bastians Schulausbildung eingeordnet. Ebenso zwei bisher nicht veröffentlichte naturphilosophische Aufsätze, die er als Primaner für einen privaten Bildungszirkel verfasste. Der von ihm 1844 – ein Jahr vor seinem Abitur – vertretene kulturtheoretische Ansatz wird einer zeitgleichen Bremer Debatte um die Rolle der Wissenschaft entgegengestellt. Die Streitpunkte sind den Dokumenten über die 22. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in der Hansestadt und den Nachforschungen zu seinem Freundeskreis entnommen.

Anschließend wird im zweiten Abschnitt anhand von Universitätsarchivalien der Zeitraums 1846–1850 untersucht: welche Fächer belegte Bastian in seinen Studienorten Heidelberg, Berlin, Jena und Würzburg und welche Professoren hörte er. Vernachlässigt werden dabei jene Fächer, etwa die Gynäkologie, die er zum Abschluss seines Medizinstudiums benötigte; hervorgehoben werden alle Studienbelege zur Naturforschung und Anthropologie. Den Fragen und Antworten zur Erde, zur physischen und psychischen Ausstattung des Menschen, die Mitte des Jahrhunderts von einflussreichen Gelehrten gestellt und gegeben wurden, werden Bastians eigene Betrachtungen zum Naturrecht, zur Weltordnung und zur Psychologie entgegengesetzt, die aus Der Mensch in der Geschichte entnommen wurden.

Der vorletzte Abschnitt untersucht Bastians erste Reise. Dabei wird den Bedingungen und Möglichkeiten seiner Forschungstätigkeit nachgegangen und deren Verlauf anhand von bekannten und bisher unbekannten Quellen rekonstruiert. Es folgt die Rezension seiner Reisebeschreibung Ein Besuch in San Salvador, der ← 19 | 20 → Hauptstadt des Königreich Congo – hierin wird sein Afrika-Bild deutlich und ebenso die Stellung dieses Kontinents für sein Vorhaben. Im letzten Kapitel wird das dreibändige Werk Der Mensch in der Geschichte in seiner wissenschaftstheoretischen Ausrichtung vorgestellt, um eine Grundlage für ethnologiegeschichtliche Einordnungen zu schaffen. ← 20 | 21 →

                                                   

  1 Bastian 1881: 1 f.

  2 Siehe Achelis 1891: 263–300

  3 Siehe Schwarz 1909: 4–13

  4 Steinen, von den 1905: 236–256. Vgl. ferner Lindeman 1905: 1–9, Hantzsch 1907: 148, Focke 1912b: 25, Siebert 1912: Nr. 268

  5 Seidensticker 1969: 27, 81
Fiedermutz-Laun 1970: 5°f.

  6 Fiedermutz-Laun 1970: 13

  7 Seidensticker 1969: 28 u. Fiedermutz-Laun 1970: 13

  8 Seidensticker 1969: 52

  9 Bastian 1900: 119, zit. n. Fiedermutz–Laun 1970: 34*

 10 Bastian 1888: Bd. 1: 328, zit. n. Fiedermutz–Laun 1970: 34*

 11 Preuss 1926: 7, zit.°n. Fiedermutz-Laun 1970: 8*

 12 Bastian 1869c: 25, zit.°n. Fiedermutz-Laun 1970: 7

 13 Herder 1820: 281, zit.°n. 1970: 64

 14 Bastian 1868a: VI

 15 „Adolf Bastians Erbe im Ethnologischen Museum– ein universales Archiv der Menschheit?“, Ethnologisches Museum Berlin, 25.–27.02.2005

 16 Fischer 2007: 301–322

 17 Steinen, von den 1905: 238 f.

 18 Fiedermutz-Laun 2007: 55–74

 19 Fiedermutz-Laun 2007: 55 f., 72

 20 Fiedermutz-Laun 2007: 71

 21 Das Gupta 1990: 255

 22 Bastian 1881: 16

 23 Bernoulli 1808: 772–776

 24 Siehe Leisewitz 1893: 542 f.

 25 Bastian 1881: 14

 26 Bastian 1881: 13

 27 Vermeulen 2006: 125, 127 f., 132°f.

 28 Bloch 2005 [Historisches Lexikon der Schweiz]: No. 1

 29 Vermeulen 2006: 134, 137°f., 140

 30 Pierer 1858: 927

 31 Pierer 1858: 928

 32 Bastian 1881: 7

 33 Schipperges 1999: 86 f.

 34 Bastian 1881: 9

 35 Bastian 1881: 11

 36 Bastian 1881: 14

 37 Bastian 1881: 41

 38 Bastian 1881: 30

2. Familie und Bildung, 1826–1845

2.1 Bremer Kaufmannsfamilie und der Welthandel

2.1.1 Die Familie Bastian-Dwerhagen

Philipp Wilhelm Adolf Bastian wurde am 26. Juni 1826 in Bremen geboren und verbrachte seine Jugend in der Solidargemeinschaft einer begüterten Bürgerfamilie. Seine Großmutter Dorothea Maria, geborene Dwerhagen (1765–1852), hatte 1851 in einem von zwei Senatoren beurkundeten Testament die Verwendung ihres Vermögens geregelt, das zum Wohl ihrer Nachkommen in einer Familien-Stiftung verwaltet werden sollte.39 Als Witwe des Kaufmanns Johann Wilhelm Bastian (1756–1827) bedachte sie damit einen Personenkreis von 15 Kindern, elf Ehepartnern und über 100 Enkeln und Urenkeln. Ihre verheirateten Söhne und Töchter hatten zwischen sieben und elf Kinder so dass ihr siebter Sohn Hermann Theodor (1796–1866) mit seiner Frau Christine Friedericke Auguste (1803–1873) als Eltern von Bastian und seinen acht Geschwistern dafür durchaus repräsentativ waren.40

Die Kaufmannswitwe empfahl ihren Familienmitgliedern, alle Veränderungen des Familienstandes durch Geburt, Heirat oder Tod dem Verwalter ihres Erbes anzugeben, damit das Wissen über die Familie in einem Stammbuch festgehalten werden könne und nur eheliche Nachkommen einen Anspruch geltend machen könnten.41 Die Erfassung der Deszendenz hat in privaten Aufzeichnungen eine lange Tradition, eine Systematisierung und Erfassung von staatlicher Seite ist in Bremen durch neue Rechtsvorschriften während der französischen Besatzungszeit von 1810 bis 1813 erfolgt. Das Civilstandsamt des Senats stellte seit 1814 Personendaten zusammen, um in Erbrechtsverfahren und zur Steuererhebung Grundlagen zu schaffen, aber auch um zuerkannte Bürgerrechte zu dokumentieren und somit den Zuzug Ortsfremder zu kontrollieren. 42 ← 21 | 22 →

Bastians Großmutter hatte als Erblasserin verfügt, dass nur hilfsbedürftige Familienmitglieder um Unterstützung nachsuchen könnten. Den von ihr bestimmten Administratoren der Stiftung war es freigestellt, nach ihrem Ermessen Art und Umfang der Bedürftigkeit festzustellen und eine dementsprechende finanzielle Hilfe zu gewähren.43

Dorothea Bastian war bemüht, mit ihrem Testament die familiären Bindungen zu stärken und allen Dazugehörigen eine Absicherung für Notfälle zu bieten. Das soziale Fürsorgenetz in Bremen war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch hauptsächlich durch die bürgerlichen Eliten organisiert. Neben der Absicherung der eigenen Familie finanzierten sie durch Kollekten, Spenden und Stiftungen Fürsorgeeinrichtungen für Witwen, Waisen, kranke und alte Menschen. Bastians Vater gehörte 1838 zu den von der Bürgerschaft gewählten Administratoren des Catharinenstifts44, ein privat bestrittenes, aber vom Senat und der Bürgerschaft verwaltetes ehemaliges Beginen-Haus. Sie bildeten das Fundament kommunaler Sozialpolitik und wurden durch die Diakonie der Kirchen ergänzt. Bürgerliche Mildtätigkeit und praktische Solidarität waren Ausdruck einer christlich-altruistischen Haltung der Alt-Stadt Bürger. Dabei wurden Armut und Bedürftigkeit nicht nach ersichtlicher Not, sondern nach moralischen Kriterien definiert. Es entsprach einer weit verbreiteten europäischen Einstellung vor der Entdeckung der gesellschaftlichen Ursachen des Pauperismus, den Grad der Selbstverschuldung zu vermuten und dem Individuum die Verantwortung für seine Lebensumstände zuzusprechen. Die Protektion der Mittellosen aus ethischer Überzeugung festigte die politische und gesellschaftliche Vorherrschaft der wirtschaftlich Leistungsfähigen, weil ihr individuelles und finanzielles Vermögen als Garant für den Wohlstand der Stadt gesehen werden konnte.45

Der Großvater war um 1800 einer der höchstbesteuerten Gewerbesteuerzahler.46 Als Handelswaren-Kommissionär gehörte er nach Art und Umfang seiner Geschäfte zu der Gruppe von Großhändlern ohne strenge Branchenspezialisierung, die sich im frühen 19. Jahrhundert in Bremen als Kaufleute bezeichneten.47 Zum Handelssortiment der Firma J. W. Bastian Söhne gehörte der Kaffee. Mit dem Import von Kolonialwaren verband sich mit dem Bremer Unternehmen ← 22 | 23 → auch die Geschichte der außereuropäischen Erdteile unter der wechselnden Einflussnahme durch die Kolonialmächte. Im 16. und 17. Jahrhundert war der Kaffee eine niederländische Kolonialware, die über Amsterdam aus Arabien und Südostasien bezogen wurde. Im 18. Jahrhundert hatte die französische Westindische Kompanie das Handelsmonopol für dieses Produkt an sich gezogen, da seit 1715 eigene Pflanzungen auf Haiti, gefolgt von Martinique, Guadeloupe und Guyana, betrieben wurden. Bordeaux war zu der Zeit der mächtigste Im- und Export-Hafen für die europäischen Verbraucher.

Am Ende des 18. Jahrhunderts bemühten sich Kaufleute der Hansestadt, durch erste Direktimporte aus Südostasien am Welthandel teilzunehmen. Bremer Kaufleute standen aber weiterhin unter den Restriktionen der Kolonialmächte, die durch Handelsbeschränkungen ihre Monopolstellung wahren konnten. Seit 1730 hatten die Briten Kaffeeanbau auf Jamaika, Barbados und Antigua betrieben. Der Navigation Act von 1651 hatte einen Warenhandel von und in die Kolonien nur durch englische Schiffe und Häfen erlaubt; London und Liverpool wurden für einige Zeit Bremens Lieferanten für Kaffee aus Britisch-Westindien.48 Ab 1780 lösten sich Bremer Unternehmer aus dieser Abhängigkeit, gefördert durch die Unabhängigkeitserklärung der USA (1776), den Aufschwung der deutschen Exportindustrie und die Seekriege der Kolonialmächte (1793–1802) im Wettstreit um die Weltmacht. Von den Kommissions- und Speditionsgeschäften des 18. Jahrhunderts ausgehend, vollzog sich ein Übergang zum überseeischen Direkthandel, indem Söhne oder Verwandte zur Ausbildung in die USA gingen und dort eigene Unternehmen gründeten49 oder in Weltgegenden, in denen sich Handelsstationen und neue Märkte aufbauen ließen.

In der Familie Bastian waren es drei Brüder der Großmutter50, die am Ende des 18. Jahrhunderts in die USA gingen, und vier Brüder des Vaters51, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Kuba ansässig wurden. Im Testament ihrer Mutter wurde der Älteste von ihnen um 1850 mit dem Zinsgewinn aus dem Verkauf der Plantage Carlota bei Mantanzas bedacht; das erlöste Kapital wurde dem Grundstock der Stiftung hinzugefügt.52

Kuba war von 1511 bis 1898 spanische Kolonie. 1791 brachten französische Immigranten aus dem westlichen Teil der benachbarten Insel Santo Domingo, ← 23 | 24 → dem heutigen Haiti, den Kaffeestrauch auf die Insel. Der Anbau prosperierte und warf um 1820 eine Produktion von 230.000 Tonnen ab. Die Region um Havanna-Mantanzas gehörte zu den bedeutenden Anbauzentren. 1827 gab es 2.000 Kaffeeplantagen, deren Mustergültigste sich auch durch den Besitz von 400 Sklaven hervorhob. Eine erste Krise setzte 1832 ein: Es war zu einem Überangebot durch Kaffee aus Venezuela, Brasilien und Guatemala gekommen. 1844 und 1846 hatten Hurrikane einen Großteil der Anpflanzungen verwüstet, sodass 1848 dieser Wirtschaftszweig zusammenbrach.53

Kuba war 1797 durch die Kolonialmächte zur Freihandelszone erklärt worden und hatte sich so zu einem zentralen Stützpunkt im interkolonialen Handel entwickelt, auch für den Sklavenhandel. Der Zuzug weißer Siedler nach Kuba hatte sich im Zeitraum von 1750 bis 1830 verdreifacht;54 Kuba galt als siempre fiel isla der Krone Spaniens. Die so erlangte strategische und wirtschaftliche Bedeutung Kubas erschwerten jegliche Unabhängigkeitsbestrebungen, die Sklaverei wurde erst 1880 aufgehoben und 1901 erlangte die Insel einen autonomen Status als Republik.55

In der Blütezeit des Kaffeeanbaus um Havanna und in Mantanzas folgten aus der Bastian-Dwerhagen-Familie in der Generation Bastians sein Bruder Johann Philipp Otto (1832–1850), zwei Cousins aus den Familien Büsing und Traub, und eine mit einem Kaufmann verheiratete Cousine den dort ansässigen Familienmitgliedern. Die verwandtschaftlichen und geschäftlichen Beziehungen waren über zwei Generationen in den Standorten Bremen und Havanna eng verwoben. In der Elterngeneration hatten Bastians Vater und dessen Bruder Georg August (1800–1869) die Geschäfte der Handelsreederei Johann Wilhelm Bastian Söhne in Bremen übernommen. 56 ← 24 | 25 →

2.1.2 Die kulturelle Bedeutung des Welthandels

Der Firmengründer Johann Wilhelm Bastian war 1780 aus Oberingelheim in der Pfalz nach Bremen gekommen, wo bereits Verwandte der Familie Traub-Bastian lebten. Über die Familie seines Cousins Johann Andreas Traub (1734–1798) gab es Beziehungen zur Handelsreederei Cassel & Traub. Ihr Gründer war Carl Philipp Cassel (1744–1807), ein ehemaliger Kapitän im Dienst der niederländischen Ostindischen Kompanie, der hier mit seinem Teilhaber Johann Adam Traub (1745–1822)57 um 1780 u. a. erste Spekulationsfahrten in den asiatischen Raum unternahm.58 Ein Charakteristikum dieser Fahrten war, dass es weder festgelegte Routen noch bekannte Handelspartner gab. In der Absicht, neue Märkte zu erschließen, suchten die Betreiber anfangs mit hohen Verlusten, später in lukrativer Weise Gebiete in Ostasien auf.59

Eine Voraussetzung für die Niederlassung des Großvaters in Bremen war der Erwerb der Bürgerrechte. J. W. Bastian schwor am 3. Oktober 1785 den Bürgereid, der ihn zu Gehorsam und zum Erhalt der Gemeinschaft verpflichtete. Von nun an konnte er Hauseigentum erwerben und Ämter im Rat erlangen. Die gleichzeitig verliehene Handlungsfreiheit erlaubte es ihm, autonom Geschäfte zu tätigen und Mitglied in der Handelskammer und des Kaufmannkonvents zu werden. Es ist überliefert, dass Frauen wie Männer verpflichtet waren, diesen Status zu erwerben. Bei einer beabsichtigten Heirat hatte derjenige Ehepartner ohne Bürgerrechte sich um diese zu bemühen, anderenfalls verlor der andere seinen Status. Johann Wilhelm Bastian erfüllte somit auch eine weitere Bedingung, um als Zuwanderer am 13. November 1785 die Tochter des Kaufmanns Dwerhagen zu heiraten. Die Verbindung hätte ohne günstige Beurteilung seiner Person dem Bedürfnis der eingesessenen Familie in der ständisch gegliederten Stadt wohl kaum entsprochen. Zum guten Ansehen in der Bürgerschaft gehörte neben beruflichem Erfolg auch ein soziales Engagement abseits aller wirtschaftlichen Interessen. Moralische Eigenschaften nahmen den ersten Rang im Ansehen ein, Reichtum und intellektuelle Fähigkeit wurden gemindert, wenn es an bürgerlicher Moral mangelte. 60 ← 25 | 26 →

Der Rat der Stadt hatte seit dem 13. Jahrhundert über die Aufnahme eines Zugezogenen in die Bürgerschaft zu entscheiden. Erfüllte ein Antragsteller die Bedingungen des Rates, so erfolgte die Aufnahme im Mittelalter durch deren Bekanntgabe von der Kanzel an drei Sonntagen. Beanspruchte niemand den Antragsteller als seinen Hörigen, so war er danach ein freier Mann. Mit dem Bevölkerungswachstum in den folgenden Jahrhunderten sorgte die Bürgerschaftsregelung für die soziale Differenzierung der Stadtbewohner. Im 18. Jahrhundert waren Kaufleute, Zunfthandwerker und Gelehrte als Altstadtbürger die Gruppe mit dem höchsten Ansehen. Sie partizipierten am politischen Geschehen, im Gegensatz zu den Vorstadt- und Neustadtbürgern, die ohne Mitspracherechte waren. Zur Wahrung des Besitzstandes und zur Regulierung des Zuzugs waren in diesem Jahrhundert die Altstadtbürgerrechte verteuert und eine Unterteilung in Bürger mit und ohne Handlungsfreiheit eingeführt worden.61

Die Familie Bastian gehörte darüber hinaus zu der noch kleinen Gruppe von Kaufleuten, die zwischen 1770 und 1800 vor dem weltpolitischen Hintergrund den Transatlantikhandel aufbauten. Wegen ihres Wagemuts und ihres Erfolgs waren sie hoch angesehen. Sie hatten Bremen zur wirtschaftlichen Blüte verholfen und zum Welthandelsplatz gemacht. Für den Nachwuchs der Handelsfirmen führte der Weg zur Selbstständigkeit nicht immer über die heimischen Kontore, sondern für einige über einen erfolgreichen Aufbau von Handelsstationen und Märkten im Ausland. Unter schwierigen Bedingungen wurden sie überall dort ansässig, wo staatliche Maßnahmen sie nicht hinderten. Es wurden neue Beziehungen in China, Japan und Ostindien erprobt. Zur Unterstützung der Handelsgeschäfte besaß die Firma Bastian eigene Schiffe, wie die Brigg Auguste, die von 1838 bis 1855 im Einsatz war. Ihre letzte Fahrt machte sie nach Batavia, wo sie noch mehrere Fahrten unternahm und im Dezember 1856 verkauft wurde.62

In Bremen bestanden 1846 Handelsbeziehungen zu 74 Städten außerhalb Europas, in denen Bremer mit Handelsniederlassungen beteiligt waren. Ein Großteil entfiel auf Städte in Nord-, Mittel- und Südamerika, gefolgt von elf in der Karibik, drei in Westafrika, fünf in Ostindien und zwei in China.63 Von den damals sieben norddeutschen Küstenstaaten hatten Bremen und Hamburg als einzige hochseetaugliche Schiffe.64 Am 1. Januar 1846 waren 80 unter Bremer Flagge auf dem amerikanischen Kontinent unterwegs bzw. auf dem Weg dorthin, 16 fuhren ← 26 | 27 → nach Westindien, drei nach Ostindien und jeweils eins nach Australien und in die Südsee. Zudem befanden sich elf Walfangschiffe im südlichen Eismeer.65

Aus den Spekulationsfahrten früherer Jahre ergaben sich ausgebaute Handelsrouten, mit eigenen Niederlassungen und Pflanzungen vor Ort. Es gab geregelte Geschäftsbeziehungen, die häufig durch Partnerschaften Bremischer Firmen untereinander aufrechterhalten wurden.

Johann Lange Sohn’s Witwe & Co war ein traditionsreiches Haus, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Reederei mit zwölf eigenen Schiffen betrieb. Eine ihrer vielen Firmenbeteiligungen bestand mit dem Haus J. W. Bastian Söhne, das auch mehrere Kaffeeplantagen in Guatemala besaß. In der Jahrhundertmitte leiteten Mitglieder der Familien Oelrichs und Hartlaub das Unternehmen, welches 1863 durch George Alexander Albrecht (1834–1898) verstärkt wurde.66 Nach seinen Aufenthalten in China, Indien und Japan war der Hannoveraner in Bremen als Firmenchef ansässig geworden, gehörte zu den Mitbegründern der dortigen Geographischen Gesellschaft und war Unterstützer der ersten Nordpolarfahrten.67

Bis 1780 hatten Bremer Händler als Mitglieder der Hanse vor allem regional Bedeutung. Über Küsten- und Binnenhandel hatten sie hauptsächlich landwirtschaftliche Produkte aus und in Nordwesteuropa vertrieben.68 Als Mitglieder der Unio hanseatica – dem Städtebund, welcher ohne festgelegte Organisationsform vom 12. bis ins 17. Jahrhundert bestand – verbanden Kaufleute europäische Städte zu einem Netzwerk funktionierender Geschäftsverbindungen. Jedem der Mitglieder stand es frei, eigene und autonome Verbindungen zu knüpfen, so dass ein facettenreicher wirtschaftlicher Prozess entstand, bei dem geographische Verbindungen von Nowgorod bis Lübeck, Brügge und London und von Skandinavien bis zum Atlantik und dem Mittelmeer geknüpft wurden.69

Die ökonomische Verbindung der europäischen Städte wurde im 17. Jahrhundert durch die merkantile Moderne abgelöst. Mit der Entdeckung der Seewege durch den Indischen Ozean zum Pazifik konnten unabhängig vom eurasischen Landweg die Erdteile Europa, Amerika und Asien mit einem Handelswege-System verbunden werden. Im Wettstreit mit den Kronen Spaniens, Portugals, Frankreichs und Englands übernahmen die Vereinigten Niederlande ← 27 | 28 → die Vormachtstellung auf ökonomischem Gebiet. Amsterdam wurde das Lagerhaus der Welt, in dem aus dem Handel mit den Waren der drei Erdteile großer Wohlstand gewonnen wurde. Die ökonomische Metageographie der merkantilen Moderne orientierte sich an den Netzwerken ihrer globalen Handelswege. Die Weltsicht war geprägt vom räumlich erweiterten ökonomischen Handeln, wobei eine Waren-Welt gleich einem cornucopia zur Nutzung und Mehrung des eigenen Wohlstands zur Verfügung stand.70

Die politischen Schriften der Aufklärung im 18. Jahrhundert sahen im nationalen Handelsgeist eine Voraussetzung für das anzustrebende Weltbürgertum. In Bremen entstand daraus die Überzeugung, dass durch den Handel Individualität und Selbstständigkeit als Gemeinwesen behauptet werden könne. Als Fichte-Schüler in Jena und späterer Bürgermeister von Bremen gab Johann Smidt (1773–1857) das Hanseatische Magazin heraus, in dem über den Einfluss des Handels auf die Kultur und die Nützlichkeit der reichsfreien Hansestädte – zunächst innerhalb des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, später innerhalb des Deutschen Bundes – referiert wurde. Die Gedanken der Aufklärung veränderten das bisherige Wirtschaftsdenken und zeigten sich auch in kulturellen Veränderungen, etwa der Kleidung und der Sprache. Im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts präsentierten sich die Kaufleute nicht mehr in ständischer Tracht, sondern übernahmen den englischen, schlichten Anzug des Bürgers. Verkehrssprache blieb zunächst Plattdeutsch oder Holländisch; ab 1820 wurden junge Kaufleute dazu angehalten, Hochdeutsch zu sprechen.71 Ihr Tätigkeitsfeld verschob sich vom Zwischenhändler zum Organisator von Warenströmen, vom regional denkenden Einzelhändler zum expandierenden Unternehmer, der sich global in Handelsbewegungen einschaltete, der als selbstständig und selbsttätig begriffen wurde, und sie nach lukrativen Gesichtspunkten zu befördern suchte. Diese Kaufleute investierten ihre Gewinne fortgesetzt in neue Geschäfte, wohingegen die tradierte merkantile Mentalität des Händlers das erwirtschaftete Kapital – für ein erweitertes Wirtschaftsgeschehen ungenutzt – zur Sicherung der eigenen Existenz in Grund- und Boden-Erwerb abführte.72

Mit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert etablierte sich Welthandel als soziokultureller Begriff, der wie andere Welt- Komposita im Kontext von Herrschaft, Macht und Krieg das Verständnis der Moderne prägte. Das europäische Bürgertum wusste sich – im Bewusstsein seiner Vormachtstellung durch die rasche ← 28 | 29 → Industrialisierung des eigenen Landes und die Kolonialisierung anderer Erdteile – mit wachsendem nationalem Kulturpathos eine imposante Vorgeschichte zu geben. Mit Rekurs auf die Geschichte der Griechen, Römer und des Christentums, wollte es dieses Heldentum fortführen. Es sah sich selbst als technologisch perfektionierter Abschluss, als vorläufigen Höhepunkt einer Jahrtausende währenden Entwicklung.73

Mit der erweiterten globalen Aktivität und einer entsprechenden politischen Einstellung entstand eine Metageographie der industriellen Moderne: Das Zentrum ihrer Welt war die industrialisierte Zone, von der beständig Impulse auf den Rest des Erdraumes ausgingen. Durch die Aufhebung der räumlichen Gebundenheit und die gleichzeitige industrielle Revolution in Nordwesteuropa kam es zu einer Machtverschiebung der Weltregionen: Technischer Fortschritt, Bewaffnung und Reichtum sorgten dafür, dass Europa die Welt zum eigenen Nutzen umstrukturieren konnte. Aufbauend auf der Handelsgeographie konzentrierte sich hier die wirtschaftliche und politische Kontrolle über die Welt. Der Erdenraum war nicht länger ein Füllhorn, sondern eine nach eigenen Bedürfnissen gestaltbare Sphäre. Mit dem Erfolg dieses Handels stellten sich im folgenden 19. Jahrhundert Eurozentrismus und Überlegenheitsdenken ein, die sich schließlich als Rassismus und Imperialismus voll entfalteten.74

2.1.3 Adolf Bastian als Welt-Hospitant

Bastian nutzte die Kontakte der Bremer Kaufleute auf seinen ersten Reisen. Noch agierten Bremens Handelshäuser ohne politische Direktiven durch ein Deutsches Kaiserreich. Der Übergang von der merkantilen zur industriellen Moderne erfolgte in Deutschland – im Gegensatz zu den frühen Kolonialmächten – eingeschränkter und erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Politisches und ökonomisches Vorbild war für Bastian die Kolonialmacht Großbritannien. Am 3. März 1864 notierte er bei seiner Ankunft in Singapur, er freue sich, von seinem Bruder75 empfangen zu werden, der ihn auch zum Landsitz seines Vetters76 und Mitbegründers des Handlungshauses Büsing, ← 29 | 30 → Schroeder & Co begleiten werde. Und Bastian erläuterte die Umstände, die zur Niederlassung der Bremer Kaufmannschaft im kolonialen Stil geführt hätten. Demnach sei das Aufblühen Singapurs dem Verständnis der Engländer für den Freihandel zu verdanken. Sie hätten hier einen Freihafen errichtet, nachdem sie (mit den Niederlanden) „ihre“ asiatische Welt in eine britische Festlandzone und eine niederländische Inselwelt aufgeteilt hätten.77

Auf dem Dampfschiff Java erreichte Bastian im April 1864 Batavia. In der Filiale des von diesem Vetter und dessen Kompagnon gegründeten Handelshauses fand er durch den ihm schon aus Bremen bekannten Leiter Erdmann freundliche Aufnahme.78

Eduard Julius Erdmann war am 30. Juli 1861 nach Batavia ausgewandert und ist ein Beispiel für die üblichen Aktivitäten im Handel. Zur Einschätzung der zur Auswanderung Entschlossenen unterschied die Ratsverwaltung:

„Die Emigration Bremischer Eingeborener hat Gottlobb bis hirhin nicht anders als von Leuten Platz gehabt, die einesteils der Staat fast zum Vorteil der Moralität entbehren konte, oder denen der Kaufmanns- und Nahrungsstand in der neuen Welt eine vorzügliche Rolle und Lebensart ahnden oder vielleicht hoffen lässet.“79

Diesen Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft war 1842 ebenfalls Carl Eduard Büsing gegangen, um in der niederländischen Kolonie sein Handelshaus zu gründen und dann, nach erfolgreicher Etablierung, 1858 mit der Restitution der Bürgerrechte wieder nach Bremen zurückzukehren.80

In Batavia leiteten Bastians Familienangehörige die notwendigen Schritte ein, damit er seine Reise auf einem Kriegsschiff fortsetzen konnte. Der Kommandant des Dampfschiffs Amsterdam bat ihn, sein Gast zu sein, und mit der Passage im Mai 1864 umging er die Unzuverlässigkeit, die eine Segelschiffsreise damals noch mit sich brachte.81 Manila wurde am 28. Mai erreicht, dessen Hafen seit 1789 für Waren aus China und Indien und nun auch fremden Schiffen zugänglich war. Bastian erneuerte seine Kontakte zum Handelshaus Jenny & Co und erhielt eine Unterkunft bei einem befreundeten Pflanzer.82 Der Schweizer Peter Jenny hatte sich in den 50er Jahren darum beworben, auf den spanischen Philippinen als Konsul für die Hansestadt zu residieren. Dies war ihm 1852 gewährt ← 30 | 31 → worden und sein bevorzugter Handelspartner in Bremen war die Firma Johann Lange Sohn’s Witwe & Co.83

Bastian passierte die Straße von Formosa und erreichte am 6. Juni 1864 Nagasaki. Mit einem Einführungsbrief ausgestattet, begab er sich zum Handelshaus Kniffler & Co und wurde im alten Sinne kolonialer Gastlichkeit aufgenommen.84 Der Düsseldorfer Louis Kniffler war 1858 mit seinem Bremer Mitarbeiter Martin Hermann Gildemeister (1836–1918)85 von Batavia nach Japan gegangen, um dort eines der ersten deutschen Handelshäuser zu errichten. Bei ihren Bemühungen um einen Handelsvertrag mit Japan wurden die Kaufleute vom Bremer Senat unterstützt. Der Vertrag kam jedoch erst zustande, als sich 1867 der Norddeutsche Bund konstituierte und mit zunehmender nationaler Einheit nicht mehr nur Einzelstaaten, sondern ab 1871 das Deutsche Kaiserreich die Verhandlungen über Verträge des Welthandels übernahm.86

2.2 Protestantische Konfession und die Naturforschung

2.2.1 Protestantismus und Bremer Bürger-Union

Bastian wurde am 18. September 1826 in der Gemeinde St. Stephani durch den mit der Familie verwandten Pastor Hermann Müller getauft.87 Die religiöse Einordnung der Familie Bastian spiegelt die bremische Koexistenz protestantischer Ausrichtungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wider.

So hatte der Großvater Johann Wilhelm Bastian 1814 zahlreiche Grabstellen88 für seine Familie auf dem Doventhor-Friedhof erworben. Diese außerhalb der Altstadt liegende Begräbnisstätte war nach 1812, wegen des Verbots der französischen Besatzungsmacht, innerstädtisch auf Kirchhöfen zu beerdigen, erweitert worden. Für den Erwerb der Grabstellen spielte nun die unterschiedliche Pfarrzugehörigkeit der Familienmitglieder keine Rolle mehr.89 Der Großvater ← 31 | 32 → war pfälzischer Calvinist und hatte mit Dorothea Maria Dwerhagen die Tochter einer lutherischen Familie geheiratet, die aus Brabant und über Norwegen nach Bremen gekommen war.

Bastians Onkel Carl Eduard (1797–1875) war mit Sophia Elisabeth Müller (1808–1883) verheiratet, der Schwester des schon erwähnten Pfarrers Hermann Müller, und wurde als streng religiös beschrieben. Gemeinsam mit einem Cousin Bastians, Johann Wilhelm Bröckelmann (1816–1892), wurde er als Mitbegründer der Sonntagsschulen90 genannt. Mitglieder der Herrnhuter Brüdergemeine91 waren in diesem Familienzweig auch zu finden.92

Bastian wuchs in einer Gemeinde auf, deren konfessionelle Ausrichtung seit ihrer Gründung konstitutiv für das politische, soziale und kulturelle Leben war.

Die St.-Stefani-Gemeinde war bereits 1139 auf Initiative Bremer Bewohner entstanden, indem mit einem Kirchenbau und der Gründung eines Kollegiat-Stifts begonnen worden war. Die Gründung von Kleriker-Gemeinschaften war eine unter der Bezeichnung devotio moderna93 stehende Frömmigkeitsbewegung des 12. Jahrhunderts, wobei ein Aufbruch des Bestehenden nicht durch ← 32 | 33 → Veränderung der Institution Kirche bewirkt werden sollte, sondern durch interne Reformen. Mit der Namensgebung verwiesen die Gläubigen auf die Vorbildfunktion des Heiligen für die Ausgestaltung ihrer Lebenshaltung. Heilige und andere Vorläufer bestimmten als ursprungmythisches Deutungsmodell die Kooperationsbereitschaft der Menschen im Mittelalter und waren der Ordnungsfaktor in einer vom Schöpfer erschaffen geglaubten und regierten Welt. Durch die Kirchengründung wurde zum einen die Seelsorge durch Kleriker sichergestellt, zum anderen entstanden aus der Gemeinschaft der Gläubigen Vereinigungen, die soziale und karitative Aufgaben wahrnahmen, die sie mit beruflichen und geselligen Zwecken zu verbinden wussten. Mit der Gründung der Kapitelschule und den musikalisch gestalteten Messen im Zyklus des Kirchenjahres bestritten sie das kulturelle Angebot im Mittelalter. Als Organisationsform der für diese Zeit typischen Stiftsgründungen fand sich – im Gegensatz zum klösterlichen Ordensklerus – der weltliche Klerus in Kapiteln zusammen. Diese Gemeinschaft der Geistlichen verwirklichte die Idee eines gläubig geordneten Lebens, um eine vita communis nach kanonischen Regeln umzusetzen.94

Mit der Reformation änderten sich die Vorstellungen eines religiös geordneten Lebens und der Einbindung des Einzelnen darin. In der St.-Stefani-Kirche in Bremen vollzogen sich, wie in den anderen Stadtteilkirchen auch (mit Ausnahme des Doms), ab 1547 eine Abkehr von den Lehren Luthers und eine Hinwendung zu den Lehren Johannes Calvins. Bremen wurde nach der Teilnahme an der Synode in Dordrecht 1618 offiziell zu einer reformierten Stadt.

Das Leben im 17. Jahrhundert war von strenger Nüchternheit gekennzeichnet; Luxus und Künste wurden ablehnt.95 Der Humanist Johannes Calvin (1509–1564) hatte sich in der Ausformulierung seiner Metaphysik von der scholastischen Theologie seiner Zeit abgesetzt, indem er die antiken Philosophen abweichend interpretierte. Danach gebe es eine göttliche Vorsehung, an die der Mensch jedoch nicht schicksalhaft gebunden sei. Mit Platon (427–347 v. u. Z.) war er der Meinung, dass der Mensch durch die Gotteserkenntnis zu einer Ähnlichkeit mit ihm gelange, und mit Ciceros (106–43 v. u. Z.) Argumenten begründete er eine natürliche Gotteserkenntnis.96 Mit Bezug auf die Schule der Stoiker, die im ← 33 | 34 → Logos der Götter das Ursache-Wirkungs-Prinzip der Welt sahen, stand für ihn der Mensch unter der Supervision dieses Wirkprinzips, das die Welt in dessen Vorsehung prägt. Der Ablauf der Welt geschehe nicht durch Zufall, sondern mit dem Zweck, Nutzen, Freude und Schönheit zu stiften. Die erste Ursache des ganzen Weltgeschehens oder der Logos wirkten, so Calvin in Übereinstimmung mit Seneca, ununterbrochen fort. Bei den Menschen kämen zwei Wirkprinzipien zur Geltung: zum einen jener Logos, der aus sich heraus in ihm wirke und dem alles Leben unterliege. Zum anderen könne der Mensch durch seine Vernunft die Entfaltung eines inneren Logos erreichen und ihn im Weltgeschehen mithelfend einsetzen. Für Calvin bildete die Lektüre der Bibel den inneren, gottähnlichen Logos und dieser eröffne den Weg zu einem gottgefälligen Leben.

In der Folgezeit teilten sich seine Anhänger in zwei nahezu unversöhnliche gegnerische Lager: Der orthodoxe Calvinismus setzte allein auf die Bibel als Quelle der Erkenntnis, rationale Strömungen öffneten sich der Philosophie und der Empirie.97

Der Bremer Theologe und spätere Gelehrte in Leiden Johannes Cocceius (1603–1669) prägte den Calvinismus im norddeutschen und niederländischen Raum. Der Hebraist war Verfechter der orthodoxen Bundes- oder Föderaltheologie, die die Gemeinde (unter Verweis auf die historische Entstehung des Christentums) in enger Abhängigkeit zur Bibel sah und die Gestaltung des gemeinsamen Lebens nur auf biblische Weisungen gründen wollte. Den aufkommenden Rationalismus in der Philosophie und der Theologie wertete Cocceius als Gefährdung des Glaubens; er war ein Gegner seines Zeitgenossen Descartes und der religiösen Strömungen aus Großbritannien.98 In der Auseinandersetzung der orthodoxen Calvinisten in den Niederlanden und in Norddeutschland um die philosophischen Systeme Descartes’ und Spinozas fochten sie bis Mitte des 17. Jahrhunderts um die Deutungshoheit der Theologie. Die aufgebrachten Gegner unterbanden die Verbreitung ihrer Schriften. Bei unterschiedlichen Positionen stritten doch beide Philosophen um die Unabhängigkeit ihrer Disziplin – von der Theologie. Die initiierte Strömung des Rationalismus wurde durch die Gegenwehr, die Cartesianismus und Spinozismus erfuhren, verzögert, aber in seiner Ausbreitung nicht verhindert.99

In der Auseinandersetzung um die Stellung der menschlichen Vernunft im Glauben und um die Unabhängigkeit des Einzelnen vom Dogma der Kirche ← 34 | 35 → wurde eine Form des bürgerlichen Rationalismus100 des 17. Jahrhunderts zum Kampfbegriff: der englische Deismus. Dieses Freidenkertum richtete sich gegen das Deutungsmonopol der Kleriker mit ihren Wundern, Mysterien und Geheimlehren. Es setzte auf eine Offenbarung durch rationale Erkenntnis, mit der natürlich-moralische Sittengesetze (in Anlehnung an die theologica naturalis der Antike) erkannt werden könnten. Mit der Idee einer natürlichen Religion, die je nach historischer Ausprägung in allen Religionen der Welt zu finden sei, begründeten sie eine Philosophie der Religionsgeschichte. Sie richteten ihren Blick über das Christentum hinaus, um einen Gemeinbesitz aller Menschen zu formulieren. Ihnen ging es um einen toleranten, rational erfassbaren Ausgleich unterschiedlicher Wahrheitsansprüche der Konfessionen. Ihre Gedanken trafen bei den Zeitgenossen in Deutschland mehrheitlich auf Ablehnung. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts verbreitete sich aufgeklärtes Gedankengut im Protestantismus. Nun fanden die Ideen des Deismus Aufnahme in das theologische Denken und zeigten eine Wirkung auf die Kulturgeschichte. Der Wendepunkt in Deutschland bestand am Ende des 18. Jahrhunderts darin, dass der theologische Wahrheitsanspruch nun am philosophischen Anspruch des Humanismus gemessen wurde. Die Idee der natürlichen Religion und die Funktion der Rationalität des Menschen wurden als Bedingungen christlicher Lebensgestaltung gesehen.101

Als theologische Reaktion auf den bürgerlichen Rationalismus der Aufklärung entstanden am Ende des 17. Jahrhunderts die Frömmigkeitsbewegungen der Pietisten. Sie wandten sich ebenfalls gegen den Dogmatismus der Amtskirchen und betonten die Bedeutung des Gemüts für eine innere Heilserwartung oder innere Wiedergeburt des Glaubens. Dabei erfuhren die seelischen Vorgänge im Innern des Einzelnen und seine Teilnahme an den Erfahrungen der Mitmenschen große Aufmerksamkeit und erzeugten ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl in den Gemeinden. Mit Betonung der emotionalen Erfahrung des Glaubens wuchs ← 35 | 36 → das Interesse an den psychischen Vorgängen im Menschen. Hauptvertreter im deutschsprachigen Raum waren der Frankfurter Theologe Philipp Jacob Spener (1635–1705), der bereits erwähnte Nikolaus Ludwig von Zinzendorf und der Zürcher Prediger Johann Caspar Lavater (1741–1801).102 Der walisische Bischof Lewis Bayle (1575–1631) verfasste mit seiner Praxis Pietatis 1612 ein System von Vorschriften für das christliche Leben, das, 1628 übersetzt, im deutschen Sprachraum eine Umorientierung auslöste. Sein Erbauungsbuch reagierte auf die Durchsetzungskraft einer christlichen Disziplinierung des Alltags, wie er sie bei dem Jesuiten-Orden beobachten konnte. Es entstand ein konfessionell angepasstes Kompendium für die inneren und äußeren Aspekte der puritanischen Frömmigkeit. Bayle’s Anleitungen zur Meditation, Gebeten und Bibelstunden strukturierten den Tagesablauf und den Kalender. Spener war seit seiner Jugend von diesem Buch geprägt und er verfasste mit Pia desideria oder herzlichstes Verlangen nach gottseliger Besserung der evangelischen Kirche die erste lutherisch-pietistische Schrift. Eine weitere Bearbeitung nahm der Bremer Pastor Theodor Undereyck (1635–1693) vor; er gilt als der erste reformierte Pietist.103

Der Einzug der pietistischen Frömmigkeitsbewegung am Ende des 17. Jahrhunderts hatte zu heftigen Auseinandersetzungen mit den orthodoxen Calvinisten geführt. Anfang des 18. Jahrhunderts gab es den ersten Pfarrer dieser Erneuerungsbewegung in der St.-Stefani-Gemeinde, die seither dieser Strömung zugerechnet wurde. Diese Richtung war weniger eine theologische als eine praktische Reformbewegung, die sich in moderater Form den Gedanken der Aufklärung öffnete. Der Fortschritt war eine Idee der Aufklärung, mit der die Menschheit zu besseren Lebensbedingungen, zu mehr Zivilisation durch erweiterte Naturkenntnisse und Technik gelangen und in der der Einzelne und die Gesellschaft zum Besseren, Höheren und Vollkommeneren durch die Leistungsfähigkeit der Vernunft geführt werden sollte. Die Pietisten in Bremen verbanden diesen Anspruch mit einem persönlich erfahrenen und gelebten Glauben. Sie leisteten Überzeugungsarbeit zur Bekehrung des Einzelnen durch Hausbesuche, gottselige Versammlungen, Schriftstudium und mystisch-sinnliche Emotionalität in ihren Predigten. Als Gegenbewegung zum sich davon weiter ausbreitenden bürgerlichen Rationalismus formierte sich in Bremen zu Beginn des 19. Jahrhunderts erneut eine Reformbewegung. Die Französische Revolution und die napoleonische Besatzung deutete diese neue Strömung als Irrwege der Vernunft. Den Aufruf zur Wiedererweckung des Glaubens verbanden sie mit der ← 36 | 37 → erwachten nationalen Begeisterung der Zeit. Mit der Wahl Hermann Müllers durch die Mehrheit der Gemeindemitglieder bekam 1809 St. Stefani als zweiten Prediger einen Vertreter dieser, nun biblizistisch-pietistischen Richtung, dessen Aufnahme die aufgeklärten Pietisten unter ihnen gerne verhindert hätten.104

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestand in Bremen aufgrund einer liberalen Kirchenverfassung eine pragmatische Union der protestantischen Konfessionen. Die praktizierte Toleranz105 wirkte identitätsstiftend auf die Bürger der Stadt. Diese Verfassung ermöglichte einen religiösen Individualismus, in dem jeder Gläubige sich seine Gemeinde selbst aussuchte und bei der Wahl der Prediger für seine Ausrichtung votieren konnte. Gemeinden und Pfarrer setzten sich daher aus unterschiedlichen Strömungen des orthodoxen und pietistischen Calvinismus zusammen. Diese Kirchenverfassung kann als Vorstufe politischer Partizipationsmöglichkeit gesehen werden, die zu dieser Zeit nur der Oberschicht vorbehalten war. Sie erzeugte das Gefühl, einer freien Religionsgemeinschaft anzugehören, die sich nicht auf Autorität und Tradition der Kirche, sondern auf individuelle Glaubensentscheidung gründete. Die Idee einer Bürgerunion war im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in konfessioneller Hinsicht Wirklichkeit geworden. Die Mehrheit des Bürgertums bekannte sich zu einem aufgeklärten Protestantismus, als einer sie verbindenden Religion.106

2.2.2 Die kulturelle Bedeutung der Naturforschung

Ein Jahr vor Bastians Abitur wurde im September 1844 die 22. Naturforscher- und Ärzteversammlung in Bremen abgehalten. Die Veranstaltung fand im Zentrum statt und durch die Programmgestaltung stand die Altstadt ganz im Zeichen dieses Ereignisses. Bastians Elternhaus auf der Langenstraße lag inmitten des festlichen Geschehens, als die Teilnehmer zur Besichtigung des Hafens auf dem Dampfer Gutenberg nach Bremerhaven fuhren und von der Bevölkerung bei ihrer Rückkehr durch ein illuminiertes Weserufer empfangen wurden. Auch ein ← 37 | 38 → Fackelzug, mit dem die Gelehrten ihre Tagung beendeten, führte durch die Straßen der Innenstadt und Chorgesang war auf den Plätzen zu hören.107

Es war ein Treffen jener Gelehrtenvereinigung, die seit 1828 unter dem Vorsitz A. v. Humboldts stand und aus der zehn Jahre nach seinem Tod 1869 die Anthropologische Gesellschaft hervorgehen sollte, jene Gesellschaft, die Leib und Seele des Menschen, seinen Ursprung, Rasse und Charakter der Völker zu erforschen suchte. Die Gründung im Tagungsort Innsbruck war damals noch von einer weltanschaulichen Kontroverse zwischen fortschrittlichen und konservativ-klerikalen Parteien gekennzeichnet. Die Empörung hatte sich auf den so genannten Materialismus in ihren Positionen bezogen, von dem sich die katholische Kirche verunglimpft sah. Für den folgenden Tag war ein Sühnegottesdienst angekündigt worden.108

Bastians Schulzeit wird als lebhafte Auseinandersetzung und Periode interner Kämpfe in der Bremer Kirchengeschichte beschrieben. Es herrschten allgemeine Religiosität und Kirchlichkeit vor, deren orthodoxe oder pietistische Lebensauffassung mit einer rationalistischen Färbung versehen war und von der Mehrheit als Rechtgläubigkeit angesehen wurde. Radikale Aufklärer, die gegen die tradierte Auffassung zu Felde zogen, oder ihren Biblizismus verteidigende Pietisten bildeten Randgruppen. Im Allgemeinen nahm die gesamte Bevölkerung, und somit auch die Jugend, Anteil an kirchlichen Fragen, weil die Kirche im Gegensatz zur Politik einen öffentlichen Raum darstellte, zu dem jeder Zugang hatte. Im Zeitraum von 1830 bis 1845 waren Meinungsverschiedenheiten eskaliert und in mehreren Phasen hatte sich unter den Pastoren ein Streit um die Einstellung zur Wissenschaft entfacht. Dieser Streit war 1840 bis 1842 von der Kanzel aus und in Zeitungsartikeln ausgetragen worden. Zunächst waren von orthodoxer Seite Wissenschaft und Literatur als Volksverführer verflucht und den Rationalisten angedroht worden, sie vor den Richterstuhl der heiligen Schrift zu bringen.109 Dieses Position vertrat Friedrich Ludwig Mallet (1792–1865), ein Amtsbruder und Zögling Hermann Müllers in der St.-Stefani-Gemeinde. Die Haltung dieses Predigers in Bastians Gemeinde stieß auf Ablehnung im aufgeklärten Bürgertum.110 Befürworter des Fortschritts dagegen sahen im bürgerlichen Rationalismus und im Pantheismus eine notwendige Reform der Kirche. Als Mitstreiter dieser Überzeugung ereiferte sich Bastians Lehrer und Direktor der Gelehrtenschule Wilhelm Ernst Weber (1780–1850) und titulierte seinen ← 38 | 39 → orthodoxen Widersacher als Oberschuhu, als fluchenden Dschingiskhan der Ascetik, Elberfelder Mohamet oder einen den heiligen Tanz auswirbelnden Fakir. Sein Ziel war ein kirchliches Christentum, das jedoch Bildung aufnehmen und nicht glaubenswütige Idioten überlassen werden sollte. In Ton und Wortwahl suchte der 1829 aus Frankfurt nach Bremen berufene Verehrer des Altertums nicht nur hier die Konfrontation, seine Amtszeit war von kontinuierlichen Zusammenstößen auch mit Vorgesetzten und Kollegen gekennzeichnet.111

An den Themen der 22. Naturforscher- und Ärzteversammlung 1844 in Bremen eskalierte der Streit erneut. Der liberale Pfarrer Karl August Nagel (1805–1864) besuchte die Veranstaltungen und veröffentlichte danach einen Artikel über den Einfluss der Naturwissenschaften auf Religion und Volksbildung. Er beklagte, dass die Religion sich von der Wirklichkeit ausschließe und forderte, dass sie eine Reihe ihrer Dogmen aufgeben müsse. Die Naturwissenschaften würden nach seiner Ansicht die richtige Erkenntnis und damit Frieden und Wohlstand bringen. Er plädierte für eine Fortbildung des Christentums, da der Mensch in seiner pyramidischen Entwicklung bereits der Spitze näher sei als dem Fundament.112 Seiner aufgeklärten Überzeugung entsprechend bemühte sich Pfarrer Nagel auch in seinem Amt, gemeinsam mit seinen Zuhörern und Anhängern durch Denken und Forschen zu größerer Klarheit der Erkenntnis zu gelangen. Der seit 1842 in der Remberti-Gemeinde tätige Geistliche wandte sich zunächst Ludwig Feuerbach (1804–1872) zu, ab 1861 dem philosophischen System Arthur Schopenhauers (1788–1860) und verstand seine Predigten als einen Beitrag zur Religion des Geistes.113

Ein Thema der Tagung war die Phrenologie, die als naturgemäße Geisteskunde vorgestellt wurde. Am 19. September 1844 referierte der Bremer Naturforscher und Arzt Eduard Hirschfeld darüber. Das Gehirn sei das Geistesorgan und das Rückenmark von großer Bedeutung im höheren Nervenleben.114 Hirschfeld berief sich dabei auf den Anatom Franz Josef Gall (1758–1828)115 und führte ← 39 | 40 → in pantheistischer Überzeugung aus, dass die erhabenen Gesetze unseres Gottes im geistigen Leben der Geschöpfe walten. Er postulierte auch eine Identität von Gott und den materiellen Erscheinungen der Welt, von menschlichem Geist und Gehirnorgan. Aufgrund dieses Kausalnexus könne von der Entwicklung der Gehirnpartien auf mentale Eigenschaften und von diesen auf die Physiognomie des Menschen geschlossen werden. Zur Anschauung verwies er auf die Gestalt des trefflichen Melanchton im Gegensatz zum furchtbaren Papst Alexander VI. oder auf die Atheisten, deren Gehirnareal für den Tatsachensinn gut ausgebildet sei, im Gegensatz zu dem des logischen Vermögens. Ein Resümee war der Rat an seine Hörer und Leser, gegenüber den göttlichen Naturgesetzen gehorsam zu sein, denn die Belohnung erfolge im Physischen wie im Psychischen.116 Für einen weiteren Referenten, Gustav von Struve (1805–1870), war die Phrenologie eine von allen Physiologen anerkannte Lehre von den Verrichtungen des Gehirnorgans. Sie erforsche dadurch die Elementarkräfte des Geistes und ermittle das Grundsätzliche, aus dem die Natur des Menschen bestehe, und sei somit eine alles vereinende Wissenschaft der Menschenkenntnis. Sie sei die neue Philosophie der Humanität und von größter Bedeutung.117

2.2.3 Adolf Bastian 1844: Über die Verhältnisse der Welt

„Alles, was ist, ist. Innigste Einheit in der mannigfaltigsten Mannigfaltigkeit, ist das Grundgesetz des Seins, welches daher gar keine Eigenschaften oder, was dasselbe sagt, alle besitzt. So wenig sich daher Unterschiede in demselben befinden, so wenig gibt es dort Stufen. Was ist, ist vollkommen, weil es ist, wie das Ganze, so jedes Einzelne gemäß der allgemeinen Einheit, und Gleichem kommt nur Gleiches, doch findet nicht ein Stillstand statt, sondern ein stetes Werden, die Bedingung des Lebens. […]. Die Einheit des Seins gibt sich in jedem Einzelnen, wie im Ganzen kund, was auch immer ← 40 | 41 → dawider sprechen möchte, wie z. B. d[ie] Trennung in Geist – und Körper= Gestalt ist nur scheinbar. Dieser Unterschied besteht einzig in d[er]. Ansicht der Menschen, er ist, einzig für diesen, als solchen vorhanden.“118

Bastian referierte im Februar 1844 über eine Weltanschauung und über die Stellung des Menschen im Weltgeschehen im Wissenschaftlichen Verein der Gymnasiasten.

Diese Primaner-Vereinigung war 1822 als Literarischer Verein in Anlehnung an die Bremische Deutsche Gesellschaft entstanden, die bereits 1748 bis 1793 sich den Zielen der Aufklärung verpflichtet hatte. Deren Vorbild wiederum war die Leipziger Deutsche Gesellschaft von 1727 gewesen, die von Johann Christian Gottsched (1700–1766) zur Förderung der selbstständigen Entwicklung des menschlichen Geistes gegründet worden war. Bastian war von 1843 bis 1845 Mitglied in diesem Wissenschaftlichen Verein und hatte insgesamt drei Aufsätze mit naturphilosophischem Inhalt als Beiträge für die in den Elternhäusern abgehaltenen Zusammenkünfte verfasst.119

Bastian stellt im Kreis der Primaner mit Vorbehalt einen metaphysischen Entwurf zur Diskussion, in dem im Gegensatz zur Schöpfungsgeschichte der Bibel axiomatisch von der Existenz der Welt ausgegangen wird: „Alles, was ist, ist.“120 Bastian bekannte, dass er sich mit dem ontologischen Thema beschäftige, weil eine innere Stimme ihn dazu dränge. Das Bedürfnis des Menschen seine Existenz zu erklären, gehöre in den Bereich der unbekannten Natur und bei allen Erklärungsbemühungen des Seins könne auch das Unbekannte des Weltgeschehens nicht vollständig ergründet werden.121

In dem vorgetragenen Modell existiert kein Schöpfer, sondern ein Naturwille, der die Welt hervorbringe. Dieser Wille offenbare sich, indem er ihm Gleiches in großer gestalterischer Vielfalt schaffe. Der Schaffer – der Wille – und das Geschaffene – der Mensch – würden in wechselseitiger Beziehung stehen. Die menschlichen Sinne wie das Auge nähmen mit der sie umgebenden Natur die Urbilder des kontinuierlich schaffenden Willens in sich auf. Zunächst erschienen sie ihm durch Art und Dauer der Erfassung als zusammenhanglose Einzeldinge. Die Besonderheit des Menschen bestehe aber darin, dass er mit zunehmender geistiger ← 41 | 42 → Reflexion die Welt von den einzelnen Eindrücken zur Vollkommenheit des ganzen Geschehens der Natur in Beziehung setzen könne. So sei das menschliche Sein durch ein Werden gekennzeichnet, das nicht aus einer Entwicklung vom Unvollkommenen zum Vollkommenen bestehe, sondern in der Reflexion der ewigen Vollkommenheit. Durch seine Sonderstellung befinde sich der Mensch – im Gegensatz zu Tier und Pflanze – nicht mehr im festgelegten Zyklus des Werdens und Vergehens. Er habe sich durch geistige Bewegung davon gelöst und befinde auf einer selbstbewussten Ebene mit dem schaffenden Sein nach dessen Gesetzen. Der Mensch schaffe sich seine eigene Welt, bleibe aber ein Teil einer Allmacht.122

Der Aufsatzstil vermittelt den Eindruck, als sei er hastig geschrieben worden und Bastian bietet seinen Zuhörern das Thema wortreich, aber unstrukturiert an. Dabei bleibt unbekannt, welche Autoren der Schüler gelesen hat. Im Primanerverein war es Sitte, dass alle Darbietungen schriftlich kommentiert wurden. In diesem Fall äußerten sich seine Freunde anerkennend. Sie honorierten seinen Fleiß, mit dem er sich seinem intellektuellen Anspruch widme. Nach ihrer Einschätzung übersteige das Thema aber seinen Horizont als Schüler und sie rieten ihm zunächst von einer weiteren Bearbeitung ab. Bastian stimmte dieser Einschätzung insofern zu, dass er im Moment nicht genügend Zeit für eine gründliche Auseinandersetzung habe.123

Diese Aussage ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass das Wochenpensum eines Gymnasiasten um 1840 einen sechstägigen Unterricht umfasste, in dem täglich an sieben Stunden im klassisch akademischen Fächerkanon (Schwerpunkte: Latein, Griechisch, Geschichte und Mathematik) gelehrt wurde. In geringerem Umfang wurden Deutsch, Französisch und Englisch gegeben. Dazu gab es Nachmittagsunterricht in den Fächern Sport, Zeichnen und Musik. Zu den geforderten fünf Leistungsnachweisen pro Halbjahr hielten sich die Schüler jeweils von 8 bis 22 Uhr in der Schule auf. Neben der schulischen war ein mehrjähriger kirchlicher Unterricht obligatorisch und sorgte wegen fehlender Koordination bei den Institutionen für Überschneidungen im Stundenplan.124

Der Primaner versucht mit dem Aufsatzthema den Gleichaltrigen ein philosophisches System näher zu bringen, dass von der theologischen Deutung des Weltgeschehens abweicht. Im calvinistischen Umfeld in Bremen wird Bastian im Glauben an einen personifizierten Gott erzogen, zu dem der Mensch durch die Ausbildung eines inneren Logos in Verbindung trete. Er lernt zwei Strömungen ← 42 | 43 → kennen, die als Mittel zur Erlangung dieses Ziels entweder auf die orthodoxe Bibelauslegung oder auf die Forderungen der Aufklärung setzen. Mit dem Einfluss des Pietismus wird der Emotionalität, neben der Vernunft, große Bedeutung beigemessen. Bastians pietistisches Umfeld ist durch ein lebhaftes Interesse an religiösen Fragen gekennzeichnet. Der Glaube bestimmt direkt die Lebensgestaltung der einzelnen Personen und den Alltag der Bürger. Die konservative, kirchliche Lehrmeinung sieht sich durch die wissenschaftliche angegriffen, während die sich als fortschrittlich begreifenden Geistlichen diese als Mittel zur Reform des Glaubens annehmen. Im September 1844 hört oder liest Bastian von den Naturforschungen, die zum einen durch Untersuchung des Gehirns in pantheistischer Weltanschauung nach einem Wiedererkennen des göttlichen Willens in Physis und Psyche des Menschen suchen.

Bastian referiert aber über eine Überzeugung, in der der Mensch durch seine rationalen Fähigkeiten selbstbestimmter im Weltgeschehen agiert. Das ist eine Kernaussage, die für die unterschiedlichsten philosophischen Systeme des Deutschen Idealismus zwischen 1785 und 1870 charakteristisch ist. Das Gemeinsame dabei ist, dass sie auf Reflexion und Interpretation der Philosophie Spinozas125 beruht. Im Rekurs auf ihn interpretiert der Deutsche Idealismus Spinozas Begründung der Weltzusammenhänge. Dessen Anerkennung ← 43 | 44 → beziehe sich auf eine Theorie des Absoluten und ziele auf eine vernünftige Durchdringung des Ganzen ab, womit der Dualismus zwischen Göttlichem und Menschlichem zu überwinden sei.126

Seine Ableitung der vernünftigen Weltorientierung stützte Spinoza auf die geometrische Methode, deren Beweisverfahren in der Mathematik dazu dienten, Formen (wie den Kreis) durch ihre Konstruktion zu definieren. Dieses „genetische“ Verfahren wurde von Thomas Hobbes (1588–1679) auf nichtmathematische Sachverhalte übertragen, mit der Absicht, ethische Bereiche des menschlichen Lebens (wie die Politik) in ihren erzeugenden humanen Grundlagen zu erkennen und davon ausgehend ihre Ausgestaltung zu formulieren. Den Paradigmenwechsel in der Philosophie nahm Spinoza auf und erweiterte im Gegensatz zu Hobbes den Gegenstandsbereich. Hobbes hatte die Methode nur auf die vom Menschen erzeugten Bereiche übertragen, die waren neben der Mathematik vor allem die Politik. Die Natur galt ihm vom Menschen nur erforschbar, sofern sie mathematisierbar sei – und eine Erkenntnis über Gott könne es nicht geben. Spinoza dagegen bezog Gott mit. In seinem System war Gott einzig eine bewirkende Ursache, ohne Willen oder Absicht. Er war lediglich hervorbringende Kausalität, die sich nur manifestiere, in dem es die Wirklichkeit gebe. Sie manifestiere sich ohne Lenkung oder Plan, schon allein dadurch, dass es die Welt gebe. Sie sei die ewige potentia, und alle Natur – und somit der Mensch – sei eine notwendige Folge daraus.127

In diesem ontologischen Zusammenhang ist die ratio in ihrer bloßen Existenz Modus innerhalb und nicht durch eine immanente Kausalität.128 In Spinozas System übertragen sich weder spirituell noch materiell ein göttliches Wesen oder dessen Eigentümlichkeiten auf den menschlichen Geist. Dieses philosophische System unterscheidet sich grundlegend von den Vorstellungen des Pantheismus, der eine Identität Gottes und der Natur annimmt, worin der Mensch durch und wegen eines teleologischen Plans lebt und handelt.

Spinoza überträgt das, was bisher dem Göttlichen zugeschrieben worden war, auf den Menschen: er verfolge Ziele, habe einen Willen und einen Verstand. Zudem erlaube die Rationalität mit Hilfe der geometrischen Methode ihm ein intellektuelles Begreifen der Ursachen der Welt129, weil er, zwar endlicher, doch Teil im unendlichen Geschehen sei. Das unendliche und ewige Sein, das Spinoza Gott oder Natur nennt (deus sive natura)130, existiert und handelt in seiner Prämisse ← 44 | 45 → ohne Anfangsgrund und Endzweck. Jegliche Ursprungstheorie oder Teleologie ist für ihn einzig auf das mentale Bedürfnis des Menschen zurückzuführen. Gott oder Natur versteht Spinoza als eine freie Ursache, die er als Einheit versteht, die aber in zwei Daseinsformen wirken: als natura naturans und als natura naturata. Die schaffende oder wirkende Natur ist die ewige Existenz des Geschehens und die geschaffene oder gewirkte Natur131 all jenes, was aus der Notwendigkeit der freien Ursache temporär entsteht. In Spinozas Vorstellung lebt und handelt der bewirkte Mensch durch und deshalb inmitten des ewig wirkenden Geschehens, das er es mit seinen Mitteln erfassen und in das er gestaltend eingreifen kann.

Im philosophischen Diskurs über den Begriff „Pantheismus“ grenzt 1828 K. Chr. F. Krause sich durch die Begriffsbildung Panentheismus von diesem ab, weil in dieser Weltanschauung die Welt nur vergöttert werde. Unter Berufung auf Spinoza argumentiert er, dass Gott in der Philosophie in seiner Selbstwesenheit – als Absolutes und als Einheit –gedacht werden müsse:

„Da aber in der Wesenschau [Gottes] auch dies gefunden wird, das Wesen, als das Eine, auch an sich, oder in sich, unter sich und durch sich Alles, auch der Inbegriff alles Endlichen ist, so würde dieser Einsicht gemäß der Ausspruch gethan werden müssen, daß das Eine in sich und durch sich auch das All sey, […]; und weil in der Wesenschau erkannt wird, daß Gott auch Alles in, unter und durch sich ist, so könnte wohl die Wissenschaft Panentheismus genannt werden.“132

Er stützt sich dabei auf Spinozas Definition, dass zum einen Gott die absolute Substanz133 – ein Wesen an sich selbst – sei und dass zum anderen der Mensch und seine geistigen Fähigkeiten auf eine bestimmte Weise in Gott seien.134 Unter der neuen Bezeichnung Panentheismus135 integriert Krause die Idee des Humanismus in ein teleologisch ontologisches Geschehen. Danach bestehe Gottes vereinendes Wesen in der ewigen Liebe, durch die die Vielfalt der Welt entstehe, verbunden sei ← 45 | 46 → und zu ihm zurückgeführt werde. Vernunft und Natur seien Ausdruck dieses göttlichen Lebens. In der Humanität verbänden sich beide; mit den intellektuellen Fähigkeiten gelange der endliche Mensch zur Gottesinnigkeit oder Einheit mit ihm.136

Eine zweite Abgrenzung nimmt Krause vor, indem er Kant137 attestiert, in seiner Argumentation gegen den Pantheismus nicht zur Anerkennung Gottes als Princip der Wissenschaft gelangt zu sein.138 Für Kant war ein physikotheologischer Gottesbeweis eine Anmaßung, weil sie die Grenzen der Vernunft überschritten. In deren Beweisführung werde aus der empirisch erfahrbaren Zweckmäßigkeit und Ordnung der Natur auf eine, sich der Erfahrung entziehende, Ursache geschlossen. Indem Gott, Welt oder ein Zweck gedacht würden, zeige sich, so Kant, aber nur die Fähigkeit des Intellekts zu abstrakten, die Erfahrung übersteigende Anschauungen. Für Kant hatten sie keine konstitutive, sondern eine heuristische Bedeutung. Sie sind nicht real existent, sondern eine Erkenntnis ermöglichende Fiktion für den Menschen und die Naturforschung.139

In der Darstellung der theologischen Auseinandersetzung um den wahren Glauben, die in Bremen seit der Reformation in den Ausrichtungen des Calvinismus und Pietismus geführt worden waren, kann gezeigt werden, dass Bastian in einer Jugendzeit in einem Gemeinwesen lebt, das protestantisch-dogmatische und aufgeklärte Strömungen aufgenommen hat. In internen Kontroversen wird um 1840 um den rechten Glauben und die daraus abgeleitete Lebensführung gestritten. Dabei spielen der Geist und die Seele, der Intellekt und die Empfindung für die Christen (als aufgeklärte Bürger einer freien Stadt) eine zentrale Rolle in ihrem Selbstverständnis und in ihrem Verständnis von Gesellschaft und Politik. Dazu gibt es eine Deutungsvielfalt durch Theologen, Philosophen und Naturforscher. Der Schüler Bastian stellt vor diesem Hintergrund Gedanken zu einer metaphysischen Einordnung des Menschen im Weltgeschehen vor. In den für seine psychologische Weltanschauung aufschlussreichen, frühen Aufsatz stellt er den Geist als eine reale, für das Begreifen der Welt konstitutive, aber auch als eine in ein Gesamtgeschehen eingebundene und auf ein übergeordnetes Ziel ausgerichtete Kraft dar. Die Erkenntnisfähigkeit des Menschen ist hier letztendlich mit der Reflexion der göttlichen Vollkommenheit beauftragt. ← 46 | 47 →

Bastians Denken ist durch die Literatur des Deutschen Idealismus und speziell durch deren Spinozismus, wie er in der Idee des Panentheismus zum Ausdruck kommt, geprägt.

2.3 Humanistische Bildung und das Kulturverständnis um 1845

2.3.1 Schulzeit und Freunde

Bastian war neun Jahre alt, als er 1835 in die Vorschule der staatlichen Bremer Hauptschule kam. Alle Schüler besaßen bereits durch privaten Unterricht Kenntnisse im Lesen und Schreiben und wurden nun zur Vervollkommnung ihrer Disziplin und ihrer Fähigkeiten in fünf Sprachen, Rechnen, Religion, Geographie und Geschichte unterrichtet. Der Lernerfolg wurde mit nicht zu harter Züchtigung angestrebt und die Leistungen und das Betragen der Schüler benoteten die Lehrer häufig und nach strengen Kriterien. Mit einem guten Zeugnis wurde der 13-jährige Bastian am 26. September 1839 für den weiterführenden Zweig dieser Schule empfohlen. Seine Lehrer bescheinigten ihm ausgezeichnete Voranlagen und geistige Regsamkeit. Sie lobten seinen Fleiß, seinen Sinn für Ästhetik und bemängelten in puncto Disziplin sein temperamentvolles Wesen.140

Bastian war einer von rund 15 Schülern, die pro Jahr die Aufnahmeprüfung bestanden und im Durchschnitt bis 1845 die Gelehrtenschule besuchten. Dieser Schultyp war nach einer Schulreform 1817 zusammen mit der parallel geführten Handelsschule entstanden. Sie stellten seitdem das Bildungsangebot für die männliche Jugend der oberen Bürgerschicht dar. Ihre Ausgestaltung entsprach den Forderungen des Bürgertums nach einer zeitgemäßen Vorbereitung auf ein Universitätsstudium oder alternativ einer verbesserten Ausbildung für künftige Kaufleute. Das dreigliedrige, staatliche Schulsystem löste das calvinistische Gymnasium Illustre und die lutherische Domschule ab, um im Sinne aufgeklärter Pädagogik die konfessionelle Ausrichtung einer höheren Lehranstalt zu lockern. Der deutschen Sprache und den Realienfächern sollten an diesen Schulen, im Gegensatz zu ihren Vorläufern, mehr Gewicht im Fächerkanon gegeben werden.141

Bremens alt-humanistische Schulgeschichte begann 1562 mit dem Vorhaben von Johann Molanus (1510–1583), eine calvinistisch-reformierte Gelehrten-Schule zu etablieren, die nach mehreren Umformungen bis 1610 ihre feste ← 47 | 48 → Ausrichtung nach dem Vorbild der Herborner Schule fand.142 Im 16. Jahrhundert war es in Herborn und Bremen, aber auch in Neustadt an der Hardt, Zerbst und Steinfurt zu Schulneugründungen nach dem Straßburger Modell gekommen. Nach den Richtlinien des protestantischen Humanisten Johann Sturm (1507–1589) waren Einrichtungen entstanden, die gymnasiale und universitäre Ausbildung kombinierten. Als Gymnasium Academicum, Gymnasium Illustre oder Hohe Schule wurden sie Vorbild aller calvinistisch reformierten Schulgründungen, in denen sich nach sieben bis neun Jahren schulischer Ausbildung eine freiere Weiterbildung in Vorlesungen anschloss.143

Sturms Schulkonzept war unter den althumanistischen Schulen jener Zeit hoch geachtet. Die Methode seines Unterrichts war es, die Schüler durch Lateinunterricht und da besonders in der antiken Rhetorik zu schulen. Sein Ziel der Erziehung war die imitatio der griechischen und besonders der römischen Antike: Seine Schüler sollten reden und schreiben lernen, wie Cicero gesprochen und geschrieben habe.144 Mit dieser Methode setzte der Theologe, im Rahmen einer christlichen Erziehung, auf eine Aneignung römischer Tugenden über die Sprache, die unter humanitas eine Menschlichkeit definierte, welche sich durch Rücksicht und Barmherzigkeit, geistreiche und taktvolle Umgänglichkeit, das Gefühl für natürliche menschliche Verbundenheit und gebildetes Menschsein auszeichnen sollte.145

Seit der Renaissance waren die Fragen der Erziehung, des Denkens und der Künste die Aspekte der antiken Kultur, die als Humanismus Aufnahme in die europäische Kultur fanden. Der Rekurs auf die Vergangenheit durch das Studium der antiken Literatur wurde als ein Wiederbedenken und Wiederfinden eines Anfangs, einer Wahrheit und Wirklichkeit gesehen. Das griechisch-römische Altertum bekam einen Glorienschein absoluter Perfektion, der diesen vergangenen Kulturen einen beispielhaften Wert verlieh. Im Rückgriff auf die Erziehung zum freien und wahren Menschen in den Schulen der Antike, forderten diese Humanisten, den Menschen in seiner Ganzheit zu bilden und durch alle Disziplinen und Künste den Beruf des Menschen zu lehren. Die Imitation der Vorbilder war ein Hauptthema, aber auch Gegenstand vieler Streitgespräche am Ende des 15. Jahrhunderts. Gegen die Mode des Kopierens, dem Ciceronianismus, sprachen sich jene aus, die im Rückgriff auf die Antike den Geist befreien wollten. Der Mensch solle selbstständig geistig tätig sein und unter dem überall ← 48 | 49 → gegenwärtigen Einfluss göttlicher Kraft, der auf die Gedanken und Kenntnissen des Menschen wirke, eigenständige Schöpferkraft erreichen. Für manche Renaissance-Humanisten gab es einen korrespondierenden Zusammenhang zwischen Individuum und Welt146, wie er bereits in Casmanns Anthropologie zum Ausdruck gekommen war.

Im 18. Jahrhundert entstand mit der Epoche der Aufklärung ein von der Theologie losgelöstes Erziehungsmodell, nach dem sich der freie Mensch am selbstständigen Gebrauch seiner erworbenen Vernunft orientiere. Um diese Freiheit zu erlangen, war nach Kant zunächst Disziplin und Edukation, dann Moralität notwendig. Die kindliche Rohigkeit sah er noch als unbeeinflusst von Vernunft-Gesetzen, die deshalb durch Regeln zu disziplinieren sei.147 Demnach sollte die Erziehung des Naturwesens Mensch mit der Ausbildung seiner Anlagen einsetzen. Kant unterschied die Edukation des Physischen – mit der der Mensch durch Gebrauch von Geist und Körper, der Sinne und Organe, Geschicklichkeit, Sprache und Gedächtnis erlange – von der Kultivierung des Menschen zu einem moralisch handelnden Wesen. Er bezeichnete als Bildung all das, was den in seinen natürlichen Anlagen erzogenen Menschen nach der Idee der Moralität geistig forme, und als Moral all jene Vorstellungen, die dem Menschen als handlungsleitende Gesetze dienten, um nützliche Zwecke zu erreichen.148

Im 18. Jahrhundert veränderten sich mit den Gedanken der Aufklärung und mit der wirtschaftlichen Prosperität auch in Bremen die Anforderungen an das bisher kirchlich geführte höhere Schulwesen. Unter dem Einfluss des Rationalismus und den Nützlichkeitserwägungen gab es 1761 Pläne, nach denen die alte Verbalschule in eine Realanstalt umgeformt werden sollte. Die Jugend sollte nicht nur in philologischen, sondern in allen Wissenschaften unterrichtet werden; der Unterricht sollte Bezug auf die Anfangsgründe der Dinge nehmen und die Voraussetzungen für die sinnliche Erkenntnis der Welt und der Zeit schaffen, in welcher der Mensch lebe. Unterrichtet werden sollten Geografie, Geschichte, Mathematik, moderne Sprachen und Moral. Der pädagogische Anspruch sollte sich nicht weiter auf eine Schulung nach Vorbildern zielen, sondern auf ein Erkennen von Zusammenhängen. Die Pädagogen empfahlen täglich eine Stunde zur sinnlichen Erkenntnis, damit die Gedanken der Jugend auf etwas Würdiges lenkt würden und sie zum Ausgleich des Unterrichts nicht nur toben und schreien. 149 ← 49 | 50 →

Die Reformversuche konnten aufgrund mehrerer interner und externer Faktoren nicht umgesetzt werden. Ein Grund war auch, dass am Ende des 18. Jahrhunderts der Einfluss eines erneuerten Humanismus mit ihnen konkurrierte.150 Im schulischen Neuhumanismus entstand zwischen 1790 und 1840 ein höheres Schulwesen, das erneut einen hohen Anteil an philologischen Bildungsmitteln aufnahm, diesmal bevorzugt aus der griechischen Antike.151

Die Bremer Gelehrtenschule orientierte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts an den Reformen in Preußen. Diese wurden als Reaktion auf die Französische Revolution umgesetzt. Die politische Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatte den französischen Staat revolutioniert; er war zur ersten politischen Nation Europas geworden. Dieser Nationalstaat bedrohte durch die Expansionspolitik unter Napoleon die Souveränität der übrigen etablierten Mächte in Europa. Im preußischen Königreich sollten daher Selbsterhalt und Zukunftsfähigkeit durch Reformen gesichert werden. Als einer der ersten Staaten beabsichtigte Preußen, die bestehende gesellschaftliche Ordnung in einem umfassenden Sinn zu verändern. Die tradierte Ständegesellschaft mit ihren partikularen Interessen sollte nach den Zielen der Aufklärung in eine Gesellschaft rechtsgleicher Bürger modernisiert werden. Im Zuge dieser Bestrebungen bekam Bildung eine besondere Rolle. Im schulpolitischen Diskurs forderte die eine Seite einen Erziehungsprozess im Sinne der Aufklärung, damit zukünftige Staatsbürger geschaffen würden. Die andere Seite betonte einen Bildungsprozess im Sinne des Humanismus, der eine geistig-kulturelle Identität stiften sollte.

Durch das neue Verständnis des Zusammenhangs von Gesellschaft, Bildung und Staat engagierten sich in Berlin zum ersten Mal Gelehrte für den Umbau des Staates, die bisher den Ämtern fern gestanden hatten.152 Wilhelm von Humboldt (1767–1835) wurde 1810 für gut ein Jahr Abteilungsleiter für Bildungs- und Erziehungsfragen im preußischen Innenministerium. Seine eigene Erziehung in Tegel war vom Theologen Joachim Heinrich Campe (1746–1818) im Sinne Jean Jacques Rousseaus (1712–1778) und dessen Kontakte zu den Vertretern des Deismus um Hermann Samuel Reimarus (1694–1768) in Hamburg geprägt gewesen.153 ← 50 | 51 →

Als Staatsbeamter sah W. v. Humboldt seine Aufgabe darin, konsequent Voraussetzungen für eine neue humanistische Bildung jeden Schülers zu schaffen, damit der Mensch nicht gleichgültig im Staat lebe, sondern ihn als Bürger gestalte. Humboldt sah sich als Vermittler zwischen den Bedürfnissen des Individuums und einem adäquaten Staat. Er verstand sich als Sachverwalter einer neu zu etablierenden Kultur, wobei der Staat passiv den Menschen in seinem aktiven Wirken als Nation zu unterstützen habe. Er stellte dazu ein den Menschen kultivierendes – kein politisch nützliches – Schulwesen in den Mittelpunkt seines Reformkonzeptes.154

Im selben Jahr noch trat W. v. Humboldt vom Amt zurück. Seine zahlreichen schulpolitischen Gegner begrüßten den freiwilligen Rückzug. Eine bessere Lösung für den Staat als die eigene Demission hatte es nach dem eifrigen Antichambrieren auch in den Augen seiner Gegner nicht geben können. Die Organisation des Erziehungswesens mündete bei den Nachfolgern in ein System, das als neuhumanistisches Vorbildfunktion bekam.155 Im Königreich entstand im gleichen Jahr ein nach den Bedürfnissen des Staates ausgerichtetes, dreigliedriges Erziehungssystem, wobei die von Wilhelm von Humboldt konzipierte humanistische Bildung für alle Schüler zu einem Bildungsauftrag des Gymnasiums gemacht wurde. Die größte Zäsur in dieser Reform war die Loslösung des Unterrichts von kirchlicher Leitung. In der Folge entwickelte sich vom Staat ausgebildeter und bezahlter Lehrerstand, der für die höhere Bildung einen, in den Altertumswissenschaften ausgebildeten, gelehrten Schulmann anstelle eines Theologen als Gymnasiallehrer vorsah.156

Die Gelehrtenschule in Bremen, in die Bastian eintrat, wurde seit 1829 von dem (in den Pastorenstreit eingreifenden) Pädagogen W. E. Weber geleitet. In den rund zwanzig Jahren seiner Amtszeit stritt der aus Weimar stammende Weber für einen gehobenen, gelehrten Unterricht am Gymnasium nach preußischem Vorbild. Er verstand sich als philologischer Wissenschaftler und innovativer Pädagoge, dessen Forderungen nach geeigneten Räumlichkeiten, nach Aufnahme des Faches Physik und der Einführung eines geregelten Prüfungswesens nicht erfüllt wurden. Der Verfechter klassischer Bildung und Autor mehrerer anerkannter lateinischer Übersetzungen konnte sich gegen die Nützlichkeitserwägungen der Bremer Bürgerschaft nicht durchsetzen. Die Schulreform 1817 war den veränderten Bildungsansprüchen des handeltreibenden Bürgertums ← 51 | 52 → gefolgt und bevorzugte – materiell und ideell – den Auf- und Ausbau einer die Realien vermittelnden Handelsschule. Die Gelehrtenschule bekam im höheren Schulwesen eine Sonderrolle zugewiesen; in ihr sollten in bedarfsgerechter, geringer Zahl die künftigen Bremer Juristen, Mediziner und Theologen für das Universitätsstudium vorgebildet werden.157

Weber verstand sich als Schulmann des neuen Typs, der seinen Schülern eine kombinierte höhere Bildung geben wollte, die neben den Inhalten des Schul-Humanismus auch Patriotismus und Staatsbürgersinn zu vermitteln suchte. Weber widersprach als modern-aufgeklärter Gymnasiallehrer auch der in Bremen verbreiteten Gefühlslage, die in jedem gesellschaftlichen Umbruch ein gottloses Vordringen der Vernunft sah und mit dieser Einstellung Forschung und Wissenschaft ablehnte. Diese Haltung erschwere die Durchführung seiner Aufgaben, ebenso die Tendenz, dass Eltern die Disziplinierung ihrer Kinder vollständig den vom Staat bezahlten Lehrern überließen.158

Den Schülern bescheinigte Weber das Potenzial für eine gute Entwicklung, bemängelte jedoch ihren Hang zu falsch verstandener Selbstständigkeit. Er verglich seine pädagogischen Maßnahmen mit den Methoden im Landbau, bei dem ein Baum an einen Pfahl angebunden werden müsse, damit er gerade wachse. Er argumentierte im kantischen Sinn für eine Edukation, bevor aus dem ungeformten Individuum ein humanistisches Kunstwerk der Bildung werden könne.159 Seine schulpolitischen Ambitionen stehen in Bremen im Kontrast zu der dort bestehenden Auffassung zur bürgerlichen Freiheit: Um diese nicht zu beschränken, blieb in der Hansestadt die Abiturprüfung bis 1863 fakultativ und war (bei guten Schülern) eine Frage der eigenen Ehre. Diese Praxis stützte das Recht des Vormundes auf eine eigene Entscheidung, den jungen Erwachsenen auch ohne Abitur zur Universität zu schicken.160

Bastian absolvierte im März 1845 seine freiwillige Abiturprüfung. Seine Lehrer vergaben weniger glänzende Noten und bescheinigten ihm in seinem Zeugnis eine bedingte Fähigkeit zum Universitätsstudium. Nach ihrem Urteil hätte ein längerer Aufenthalt in der Oberstufe seinem wissenschaftlichen Urteil und seinen schon erfreulichen Kenntnissen mehr Klarheit und Reife gegeben.161 Das Zeugnis beeinflusst seine weitere Ausbildung an der Universität nicht. ← 52 | 53 →

Mit den Primanern im Wissenschaftlichen Verein versucht Bastian sich im Sinne W. v. Humboldts selbsttätig zu kultivieren. Er verschafft sich in den 40er Jahren zusätzliche, private Bildungsanreize. In den Zusammenkünften ermöglicht er sich einen, von der Erwachsenen- und der Schulwelt separaten Erfahrungsraum, indem er in Eigenregie und nach eigener Neigung seine Lektüre auswählt. Nach der Selbsteinschätzung der Schüler entschieden sie in individueller Neugier und nach individuellem Bedarf darüber, was sie für nützlich hielten. Dazu wurden Aufsätze162 ausgearbeitet, vorgetragen und gemeinsam diskutiert. Zu Bastians Zeit behandeln die meisten Aufsätze historische Themen, gefolgt von Übersetzungen antiker Autoren, Arbeiten zur deutschen Literatur, nebst eigener Dichtung. Fünf von insgesamt 42 Aufsätzen dieser Zeit widmen sich der Politik und Gesellschaft, ebenso viele sind humoristischer Natur, und vier beschäftigen sich mit philosophischen Fragen. Bastian ist derjenige unter ihnen, der sich in der Zeit von 1843 bis 1845 als einziger für naturphilosophisch-ethnographische Fragstellungen interessiert.163

Eine öffentliche ethnographische Ausstellung wurde am Ende der Schulzeit Bastians, begleitend zur Naturforscher-Versammlung 1844, in Bremen organisiert. Darüber hinaus erschien während der Tagung täglich ein Bericht über die Veranstaltung in der Zeitung und alle Vorträge wurden in einem amtlichen Bericht veröffentlicht. Von den rund 650 Teilnehmern und Mitgliedern der Naturforscherorganisation waren knapp die Hälfte Ärzte, Kaufleute, Lehrer und Gelehrte aus Bremen. Ihren Anteil am Geschehen konnten sie durch finanzielle und logistische Hilfen, aber auch durch Übernachtungsangebote an die angereisten Mitglieder der Vereinigung leisten. Die Firma J. W. Bastian war mit einem Teilnehmer, die erweiterte Familie Bastians durch den Bruder des Vaters, den Mediziner Eugen Julius Bastian (1810–1875), vertreten. Des Weiteren befand ← 53 | 54 → sich Bastians älterer Freund, der Mediziner Gustav Hartlaub (1814–1900), auf der Tagungsliste.164 Hartlaub nahm in der Sektion Anatomie, Zoologie und Physiologie die Stelle des Sekretärs wahr.165

In seiner Eröffnungsrede stellte Bürgermeister Johann Smidt heraus, dass Gemeinsamkeiten zwischen der Hansestadt und der Naturforschung in der Ungebundenheit und Freiheit bestünden. Die ökonomische und politische Freiheit habe ermöglicht, dass die Bürger den Kreis der forschenden Beobachter und Sammler vergrößerten. Durch ihre Kommunikationsmittel sei durch alle Bremer Handelshäuser und Kapitäne mit überseeischen Verbindungen der Aufruf ergangen, aus allen erreichbaren Ländern und Meeren Objekte für eine Ausstellung zusammenzutragen.166

Zudem waren Gelehrte im In- und Ausland und weitere Bremer Seefahrer aufgefordert worden, die Merkwürdigkeiten von ihren Reisen mit einzubringen. Eingesendet wurde eine Fülle von wahllos ausgesuchten Gegenständen, die sich kaum zu einer Präsentation zusammenstellen ließen. Die im Haus Seefahrt untergebrachte Ausstellung legte auf die Bereiche Mineralogie, Botanik und Zoologie ihr Hauptaugenmerk, so dass aus Zeit- und Platzgründen neu angelieferte ethnographische Gegenstände doch nicht aufgenommen wurden.167 Gezeigt wurden rund 150 Objekte aus dem Bestand der Museumsgesellschaft, die vom friesischen Trinkhorn über Gebrauchsgegenstände aus China, Afrika, Amerika und Neuseeland bis zum javanischen Segelschiff reichten.168

Mit der Sammelaktion verfolgten die Organisatoren, neben Smidt der Mediziner Gustav Woldemar Focke (1810–1877), mehrere Ziele: Sie diente mit pädagogischer Absicht der Popularisierung der Naturforschung und wandte sich gegen die bisherige Praxis, dass Museen ihre Schätze der stummen Bewunderung und nicht der Verbreitung von Kenntnissen zur Verfügung stellten. Um dem abzuhelfen, wurde in Bremen ein breites Spektrum aus allen Bereichen der Natur der Öffentlichkeit präsentiert. Darüber hinaus wurden die Objekte in einer ← 54 | 55 → Versteigerung zum Erwerb angeboten. Es wurde darin eine Möglichkeit gesehen, dass Forschungsmaterial erstanden werden konnte und gleichzeitig den Initiatoren in Aussicht gestellt, auf dieser Weise einen Teil der Beschaffungskosten zu decken. Der forschungsfördernde Austausch von Gegenständen sollte ein Beitrag zur modernen Forschungsmethode sein. Diese solle sich von den Analogieschlüssen zwischen der Natur und einer übergeordneten Autorität trennen und durch eine nähere Untersuchung der Natur selbst revidiert werden. Der Idee, den wissenschaftlichen Forschungsbetrieb durch Sammlungen zu fördern, maßen die Organisatoren eine über Bremen hinausreichende, nationale Bedeutung zu. Dazu müsse ihre Initiative an künftigen Veranstaltungsorten weitergeführt werden.169

Die Organisatoren betonten, dass sie Bremen während der Veranstaltung zu einem momentanen Stapelplatz für Forschungsgegenstände machen wollten und die Sammlung nicht dazu diene, das Museum in Bremen zu bereichern.170

Die Entstehung des Museums ging zurück auf einen 1774 gegründeten privaten Lesezirkel um den Mediziner Arnold Wienhold (1749–1804). Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts erwuchs daraus die Physikalische Gesellschaft, eine den Zielen der Aufklärung verpflichtete Vereinigung, die in ihrer Bibliothek u. a. Werke der Enzyklopädisten, Bücher zur Naturgeschichte, Anthropologie, Geographie und Technologie aufnahm. Französische Publikationen waren in den 90er Jahren meist nur über einen Umweg aus Basel zu beziehen, da sie wegen ihrer materialistischen Ausrichtung der Zensur unterlagen. Im Aufbau befand sich ebenfalls eine zoologische und botanische Sammlung. Der Erwerb physikalischer Geräte, Experimente und regelmäßige Vorträge, zum Beispiel über die Schwere der Luft oder über Gehirn und Nerven, ergänzten ihre Tätigkeit. Gemeinsam mit ihrer Sektion Gesellschaft zur Beförderung nützlicher Endzwecke nahm die Vereinigung Einfluss auf wirtschaftliche und kulturelle Belange der Stadt. Die Mitgliederzahl war bis 1797 auf zweihundert beschränkt, wurde jedoch zehn Jahre später auf dreihundert Bürger der Altstadt erhöht.171

Mit der Umbenennung der Gesellschaft 1805 in Museum fand gleichzeitig ein Generationenwechsel statt. Naturforschende Schulprofessoren, wie der Handelsschullehrer und Botaniker Franz Carl Mertens (1764–1831), und forschende Mediziner bestimmten nun zunehmend die Ausrichtung der wissenschaftlichen ← 55 | 56 → Vereinigung. Zu ihnen gehörten der als Astronom anerkannte Heinrich Wilhelm Olbers (1758–1840) und der ebenfalls bedeutende Biologe Gottfried Reinhold Treviranus (1776–1836). Zu den von ihnen eingeladenen, auswärtigen Gelehrten gehörte 1806 der Hirnforscher Gall.172

Nach der Zeit der französischen Besetzung Bremens wandelte sich diese wissenschaftliche allmählich zu einer geselligen Vereinigung, die nun eigene Räume in einem repräsentativen Haus besaß. Vorträge wurden ab 1830 seltener gehalten, der gesellschaftliche Aspekt und der Austausch von Handelsnachrichten dominierten die Zusammenkünfte. Im Saal des Gebäudes wurden einige ausländische Kunstsachen und Kleidungsstücke neben anatomischen Präparaten und Tieren aller Art gezeigt, im Lesezimmer lagen in- und ausländische Zeitungen aus. Der Bestand an Büchern und Sammlungsstücken wuchs noch bis 1870 weiter an. Sie befanden sich allerdings eng zusammengedrängt und von nur wenigen beachtet im oberen Stockwerk des Hauses. Diesen Zustand versuchte Hartlaub zu ändern und schlug eine Aufteilung der Bestände in einen ethnographischen und einen naturhistorischen Bereich vor.173

1844 systematisierte Hartlaub den Bestand der Sammlung des Museums. Danach spezialisierte er sich neben seiner Berufstätigkeit als Arzt auf dem Gebiet der Ornithologie, auf dem er zu einer anerkannten Forscherpersönlichkeit wurde. Er erhielt ornithologische Objekte durch seine weltweit aufgebauten Kontakte. Das Handelshaus Godeffroy in Hamburg lieferte ihm Anschauungsmaterial aus Polynesien und der Afrika-Forscher Emin Pascha (1840–1892) überließ ihm seine Sammlung zur Auswertung. Zu seinen Publikationen gehörte System der Ornithologie Westafrikas (1857), Beitrag zur Ornithologie Central-Polynesiens (1867) und Vögel in v. d. Decken’s großem Reisewerk (1870), die er gemeinsam mit seinem Mitarbeiter am Museum in Bremen, Otto Finsch (1839–1917), herausgab.174

Hartlaubs Großvater war, in einer Parallele zur Familiengeschichte Bastian, von Schweinfurt nach Bremen gekommen. Sein Vater war Teilhaber der Handelsreederei Johann Lange Sohn’s Witwe & Co, und auch er hatte die Gelehrtenschule in Bremen besucht. Im Haus Hartlaub, das sich, in Nachbarschaft zu den Bastians, an der Langenstraße befand, hatte seine Mutter einen Kreis wissenschaftlich gebildeter und künstlerisch angeregter Männer und Frauen um sich versammelt. Hartlaub studierte Medizin zunächst in Bonn, dann in Berlin. Dort ← 56 | 57 → war er zum eifrigen Schüler des Geographen Carl Ritter (1779–1859) und des Zoologen Georg Christoph Lichtenberg (1742–19) geworden. Auf deren Anregung hin hatte der Student Hartlaub zusammen mit Alexander Graf Keyserling (1815–1891) und Johann Heinrich Blasius (1809–1870) eine Exkursion in die Karpaten unternommen. Ihren Erfahrungsbericht hatten die drei Jungforscher der Berliner Geographischen Gesellschaft im Beisein von Alexander von Humboldt vortragen können.175

Zunächst schloss Hartlaub sein Medizinstudium ab, besuchte in den Jahren 1839 bis 1841 zur weiteren Ausbildung verschiedene wissenschaftliche Einrichtungen in Wien, Paris, London, Edinburgh und Leiden, um sich dann als praktischer Arzt in Bremen niederzulassen. Diese Tätigkeit übte er bis 1890 aus, sein anfängliches Engagement im Ärztlichen Verein endete bald nach 1844 und er hätte ein von dieser Vereinigung distanziertes Gelehrtenleben geführte. Seine weiteren Interessen hätten u. a. auch der Literatur aller Völker und Zeiten gegolten und da besonders Fragen der Philosophie und Religion. Sein verschlossenes Wesen hätte es nur wenigen Vertrauten erlaubt, Einblicke in seine Gedankenwelt zu bekommen.176

Zu diesen Vertrauten gehört Bastian und er wird durch den rund zehn Jahre älteren Freund wichtige Impulse für sein Interessensgebiet bekommen haben. Seinen persönlichen Freundeskreis in Bremen erweitert Bastian später als Student durch den Stenographen der Bremer Bürgerschaft, Moritz Lindeman (1823–1908). Daraus entwickelte sich eine langjährige Freundschaft, die auch zwischen den Wohnorten Berlin und Bremen durch Briefkontakt aufrechterhalten wurde. Lindeman berichtete, dass es eine ebensolche Beziehung zu Hartlaub gab.177

Bastians Werdegang in Berlin wurde den Bremern durch ihn kontinuierlich in Artikeln der Weser-Zeitung vermittelt. Da geographische und ethnographische Forschung ebenso zu den Interessengebieten der Freunde gehörten, unterstützten Hartlaub, Lindeman und der Geograph Johann Georg Kohl (1808–1878) die zweite deutsche Nordpolexpedition178 von Bremen aus, arbeiteten aktiv in der Bremer Geographischen Gesellschaft von 1876 mit – und Hartlaub war es, der die Bremer Öffentlichkeit über viele Jahre über die neuesten Schriften Bastians durch Rezensionen informierte. 179 ← 57 | 58 →

2.3.2 Die kulturelle Bedeutung der höheren Bildung

„Denn dieses Selbstüberlassensein, diese Unabhängigkeit stählt den Geist. Daß wir uns irren können u[nd] uns irren gebe ich gerne zu; aber was thut es? Schon das Forschen u. Streben allein ist nicht sich genug anzuschlagen und sind wir auch einmal in den einen oder anderen Irrthum befangen, wir können gewiß sein d[ie] Wahrheit wird uns nicht lange in demselben lassen, und eine solche Aufklärung ist doppelt fruchtbringend. Derartiges kann doch die Schule u[nd] selbst nur durch eine gewisse Oberleitung nie erreicht werden. Der Lehrer kann unmöglich den Schüler stets so ganz und gar völlig kennen, er missversteht ihn, der Geist fühlt sich zugleich durch ihn, wenn auch nur scheinbaren Zuspruch, gedrückt und in seinem schönsten Wirken nicht selten gehemmt […].180

Der 18-jährige Primaner Bastian plädierte 1844 in einer Ansprache181 im Primaner-Verein für eine von der Schule unabhängige, freie Entfaltung des Geistes. Er wollte, ungehindert von Erwachsenen, im Kreis gleichgestellter und eng verbundener Freunde wissenschaftliche Themen erörtern und seine Bildung vervollkommnen.

Dieses Bestreben erstreckte sich auf das gesamte Spektrum der Wissenschaften und wurde nur durch die Grenzen ihres Alters und ihres Wissens beschränkt. Er ging auf den Einwand ein, dass sich selbst überlassene junge Leute dem Ganzen nicht gewachsen seien und Fehler begingen. Der Primaner setzte dem entgegen, dass schon das Gestimmtsein auf ein Streben nach Wahrheit diese aufklären werde. Um die Glaubwürdigkeit seiner eigenen Wahrheitssuche zu erhöhen, bekannte er, sich der Wissenschaft weihen zu wollen und sich dem Dienst an ihr mit aller Kraft zu widmen. Bastian unterstrich, dass die Anleitung durch einen Lehrer wie in der Schule nicht notwendig sei, da es im Verein um die Kultivierung des eigenen Verstandes und der eigenen Sprache gehe. Die Erziehung durch Pädagogen wirke hemmend auf die Motivation und die freie Entfaltung des Geistes.182

Es zeigt sich, dass Bastians Anspruch auf Selbstständigkeit im Kontrast zu den Empfehlungen der Lehrer steht. Er beruft sich auf die Entwicklung der individuellen geistigen Schöpferkraft, die schon ein Anliegen der Renaissance-Humanisten gewesen war und nicht nur in den religiösen Bewegungen, sondern ← 58 | 59 → auch in der Weimarer Klassik und im Deutschen Idealismus eine neue Bewertung der mentalen und intellektuellen Fähigkeiten des Menschen erfährt. Für die Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts ist dabei ein als Wahrheit dargestellter Kausalnexus in der Natur zentral, bei dem durch eine Begebenheit von außen eine Empfindung im Innern des Menschen erzeugt werde. Diese Empfindsamkeit und Gestimmtheit gilt als Voraussetzung für vollkommene Bildung, für eine schöpferische Handlung oder – wie bei Bastian – für die Erkenntnis der Wahrheit durch die Wissenschaften.

W. v. Humboldts Humanismus bezeichnete nach Uwe Rabe die Kraft der Seele als Grundtrieb der Individualität; ihr Empfinden, Begehren, Wollen bringe das Streben nach höchster Vollendung hervor. Diese Kultur entstehe durch die reine Bearbeitung der vorhandenen menschlichen Natur. Die individuelle Entwicklung beschreibe dabei keine qualitativen Sprünge, sondern sei Ausdruck des unterschiedlich wachsenden Selbstverständnisses. Humboldt habe im Gegensatz zum christlichen Humanismus keinen korrespondierenden Zusammenhang von Mensch und Gott gesehen, sondern einen von Individuum und Gesellschaft. Sein Ideal des Bürgers habe auf dem Vorbild der Athener in klassischer Zeit basiert. Die Bürger der griechischen Antike seien vom Drang beseelt gewesen, ein höchstes Leben als Gemeinschaft zu schaffen, und mit der Kraft ihrer Seelen und durch die Schulung ihrer geistigen Fähigkeiten hätten sie die Nation zu ihrem selbst erschaffenen Besitz gemacht.183

W. v. Humboldt sei davon überzeugt gewesen, dass es keinen Gegensatz zwischen vollkommener Kultur und roher Natur gebe. Kultur entstehe erst auf Basis der Natur; sie sei ein durch Veredlungsgrade in die Wirklichkeit getretenes natürliches Lebensprinzip. Die Schöpferkraft dazu sei in jedem Einzelwesen vorhanden. Dessen Freiheit bestehe darin, diese zu entfesseln, da nur ungebundenen Kräfte sich naturgemäß entfalten könnten. Alle Kräfte, die im Widerstreit miteinander oder unter der Herrschaft anderer stünden, befänden sich in einem widernatürlichen Zustand. Nach Rabe bescheinigte W. v. Humboldt Kant, den Nutzen der Moral gesehen zu haben; jedoch habe dieser die moralischen Gesetze durch eine künstliche Maschinerie – durch ein Staats- und Rechtssystem – dem Menschen wie eine fremde Belohnung zuführen wollen. Nicht die Freiheit im Gebrauch einer verordneten Vernunft sei bei W. v. Humboldt die Lösung gewesen, sondern eine aus dem Begehren entstandene und vom Begehren getragene Überzeugung. 184 ← 59 | 60 →

Der Kunst185 wurde zu Bastians Schulzeit zunehmend große Bedeutung für die Ausprägung bürgerlicher Kultur zugeschrieben. Beim Individuum werde in seiner Empfindsamkeit und Gestimmtheit eine schöpferische Handlung durch äußere Begebenheiten initiiert. Die inneren Geschichten fiktiver Menschen wurden Gegenstand der Dichtung, und in Reisebeschreibungen zählte für Autoren und Leser das innige Mitleiden, auch an den geringsten Abenteuern.186 Zudem nahmen sich Dichter, Gelehrte und Gebildete als Mitglieder einer Kultur-Nation wahr. Die Antike erlebte in Deutschland als Griechentum187 eine Verherrlichung, die alle gebildeten Schichten durchdrang und gesellschaftliche Wirkung entfalten sollte. Die griechische Kultur wurde, wie in der Renaissance, als Manifestation absoluter Werte gesehen. Mit dem Wort Kultur verband sich bei den Neuhumanisten nun das Bewusstsein188 eines gemeinsamen, zweckmäßigen Handelns. Als philosophischer Terminus beschrieb er seit dem 18. Jahrhundert das Geleitetsein des Menschen durch die Gesamtheit der psychischen Vorgänge.

In Deutschland war – im Gegensatz zu Frankreich – kein nationaler Staat entstanden, sondern es herrschte ein National-Gefühl189 vor, das bis zu Bastians ← 60 | 61 → Abiturientenzeit als unpolitische Bewegung ihren Ausdruck in der Literatur der Weimarer Klassik, der Romantik und der Philosophie des Deutschen Idealismus fand.

In Bremen war zu Bastians Schulzeit nach diesem Vorbild eine neues Kunst- und Literaturinteresse entstanden. Einen breiten Zuspruch hatten Kunstausstellungen in der Bremer Bevölkerung in der Zeit zwischen 1830 und 1845. Die Einschränkung, nur in ordentlicher Kleidung und ohne Kinder unter zehn Jahren eingelassen zu werden, lassen einen regen Zulauf erahnen. Die Kunstausstellungen wurden in dieser Zeit zur erzieherischen Übung. Sie sollten zur denkenden Betrachtung und Erfassung dessen, was Kunst eigentlich sei, veranlassen. In Bremen gab es bereits seit 1792 ein Theater für über tausend Zuschauer. Die aufgestellten Büsten von Lessing, Voltaire, Seneca, Goethe, Schiller, Wieland und Herder standen da, wie Garanten einer fortschreitenden Geistesbildung.190 Mit dem 1826 gegründeten Theater-Verein nahm das interessierte Bürgertum Einfluss auf das künstlerische Programm. Kaufleute und Gelehrte bildeten die Mehrheit der Mitglieder – und mit dem neuen Theatergebäude schuf sich das Stadtbürgertum 1845 eine Institution, die zum kulturellen Mittelpunkt der Stadt wurde. Der Senat der Stadt hatte das Projekt ebenfalls unterstützt. Er sah darin zum einen die Möglichkeit, die sozialen Unterschichten stärker in das Bürgertum zu integrieren, zum anderen einen erzieherischen Aspekt. Da das Theater immer deutlicher zum Bedürfnis der Civilisation geworden sei, eigne es sich auch zu einer Schule derselben. Diese Erwartung erfüllte sich so nicht, da Goethes und Schillers Stücke seltener, dafür Boulevard-Theater häufiger gegeben wurde. In dargebotenen Familiengemälden feierte sich das Bürgertum als Sieger des zivilisatorischen Fortschritts oder belustigte sich, nicht ohne Selbstironie, wie in Kotzebues Indianer in England, an der Begegnung eines Bürgers mit künstlich verfeinerten Manieren und eines homme sauvage mit natürlichem Gebaren. 191 ← 61 | 62 →

Bastian gehört zu den Jugendlichen des Bürgertums, die lange den Erziehungsort Schule besuchen und für die das Lesen192 im Privaten Bestandteil ihrer Sozialisation ist. Die Auswirkungen der Leserevolution der Aufklärung erfassten um 1800 rund ein Prozent der Bevölkerung, zu denen in den Städten neben Geistlichen, Juristen, Medizinern und Beamten auch deren Frauen und ältere Kinder gehörten. Dieser Kreis erweiterte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf breitere Schichten und erfasste auch diejenigen, die in den Lesegesellschaften keine Aufnahme fanden. Über Leihbibliotheken hatten diese Zugang zu selbstgewählter Lektüre. Der hohe Buchpreis hatte im deutschsprachigen Raum eine Welle von Neugründungen ausgelöst, die je nach Typologie der Bibliothek – vom Verleih als Nebengeschäft eines Friseurs oder Tabakhändlers bis zu den luxuriösen Lesekabinetten der Residenzstädte – von der Landbevölkerung bis zum schriftstellernden und intellektuellen Publikum reichten.193

Bastian hat aufgrund seines protestantischen Hintergrunds schon früh Religionsunterricht und Unterweisungen durch Kinderfibeln erhalten. In der Vorschule lernt er das praktisch-didaktische Unterrichtsmaterial zur Berufsbildung der angehenden Kaufleute kennen. Vor dem schulpolitischen Hintergrund erhielt der Jugendliche bis zum 15. Lebensjahr Unterricht in Geographie, in der anschließenden Sekunda und Prima entfiel dieses Fach.194 Unter den Schulbüchern der 30er und 40er Jahre finden sich beispielsweise das Handbuch der Naturgeschichte der drei Reiche für Schule und Haus und die Naturgeschichte der drei Reiche – Ein Hand- und Hülfsbuch für Lehrer, ein belehrendes Lesebuch für Erwachsene und die reifere Jugend des Pädagogen Heinrich Gräfe (1802–1868). Zu seinen Publikationen gehören die nicht in Schulbüchern erschienenen Reisebilder zur belehrenden Unterhaltung für gebildete Leser, vorzüglich jüngeren Alters von 1840. Der Bremer Johann Georg Kohl, der in Göttingen Arnold Heeren (1760–1842)195 gehört hatte und lange Jahre in Europa und Amerika gereist war, veröffentlichte viele seiner Reisebeschreibungen auch in deutschen ← 62 | 63 → Schulbüchern.196 Als Geograph war er bemüht, historische Zusammenhänge auf diesem Gebiet zu erfassen. Bereits 1841, rund zehn Jahre vor seiner Bekanntschaft mit Carl Ritter in Berlin, verfasste er Der Verkehr und die Ansiedlungen der Menschen in ihrer Abhängigkeit von der Gestalt der Erdoberfläche.197

In der Pädagogik der Aufklärung waren Kinder- und Jugendzeitschriften ein wichtiger Bestandteil. Seit dem 18. Jahrhunderts wurde Kindern ein Recht auf Unterhaltung und auf erholsames Spielen eingeräumt. Zu den Empfehlungen gehörten belehrende Erzählungen und naturgeschichtliche Artikel, mit denen Eltern ihren Kindern eine nützliche Abendgestaltung bieten sollten. Im Bürgerhaushalt wurden seitdem durch Medien Erziehungsvorstellungen popularisiert und eine interessierte Öffentlichkeit geschaffen, die den Ratschlägen für eine Kindererziehung zum moralisch gesinnten, geselligen und brauchbaren Bürger folgen sollten.198 Ein Bremer Periodikum dieser Art war der Bremer Jugendfreund. Das waren Blätter zur Fortbildung und Unterhaltung der Jugend, die zwischen 1833 und 1837 monatlich erschienen, mit Erzählungen, Bearbeitungen zu Dichtungen, volkskundlichen Beschreibungen und Gedichten der Herausgeberin Hedwig Hülle (1794–1861).199

Im 19. Jahrhundert hatte sich die naturgeschichtliche und geografische Ausrichtung der Kinder-Literatur ausgeweitet. Ein gutes Buch oder eine aufbauende Lektüre sollte nach Ansicht der Autoren, Verleger und Pädagogen Reisebeschreibungen und Sittenlehren behandeln. Damit grenzten sie nützliche Literatur von gefährdender Romanlektüre oder Gedichten ab, mit der Begründung, dass nicht zum Zeitvertreib und zur Ergötzung der Einbildungskraft gelesen werden solle.200 Bei Werken wie Benno von Rabeneck oder das warnende Gerippe im Brautgemach befürchteten Erzieher und Eltern, dass die Jugendlichen in ihrem Charakter Schaden nähmen. Eine weitere Sorge war, dass das selbstbestimmte Lesen keine Überwachung der angefachten Phantasie erlaube. Nur eine geordnete Auswahl an Lektüre könne Nutzen und eine Erfolgskontrolle die gewünschten Lesefrüchte bringen. Ein Bremer Schuldirektor empfahl 1858, dass eine Nutzung der Schulbibliothek nur unter Kontrolle von Lehrern erlaubt werden solle. Für jeden Schüler war ein Buch pro Monat vorgesehen, und durch die obligatorischen, schriftlichen Aufzeichnungen des gelesenen Stoffes sollte der Schüler zum konformen Lesen angehalten und eigene Gedanken vermieden werden. 201 ← 63 | 64 →

Als älterer Schüler ist Bastian in den Bereichen Geografie und Naturkunde auf private Lektüre im Umfeld seiner Freunde und seines liberalen Elternhauses202 angewiesen. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bestand nicht nur im Handelsbürgertum ein wachsendes Interesse an geografischen Zeitschriften und Reisejournalen. Die größte Bibliothek in Bremen war die der Gesellschaft Museum; sie enthielt ein breites Spektrum an Publikationen aus allen Fächern der Wissenschaft.203

In Bremen entstanden um die Jahrhundertwende 36 kleinere und größere Lesegesellschaften, zwölf Buchhandlungen und zehn Leihbibliotheken. Die Stadtbibliothek, die zugleich die Bibliothek des Gymnasiums204 war, wurde öffentlich nicht gefördert, verfügte aber über Büchersammlungen und ein Raritätenkabinett aus den vergangenen zweihundert Jahren aus den Beständen des Gymnasium Illustre und den kontinuierlichen Stiftungen Bremer Gelehrter. Mit der Bibliothek der naturwissenschaftlichen Gesellschaft Museum, der des Kaufmannsvereins Union von 1801 und der der Mediziner verfügten die Bremer (und in nicht näher zu spezifizierendem Umfang der Schüler Bastian) über einen beachtliches Angebot an Lesestoff.205

Bastian erfährt in seiner Jugend eine Schulausbildung, die nach einer Schulreform für nur wenige Jungen des Bürgertums als notwendige staatliche Institution errichtet worden war, um den Bedarf an Akademikern in der Hansestadt zu decken. Das pädagogische Konzept des Schuldirektors orientiert sich an den Reformen in Preußen, mit denen ein staatspolitisch motiviertes Schulsystem aufgebaut worden sollte. Es enthält einige Elemente neuhumanistischer Bildungsideale, die W. v. Humboldt konzipiert worden waren und die eine Freisetzung individueller geistiger Fähigkeiten beabsichtigten.

Des Gymnasiallehrer Webers Landbau-Metaphorik in den pädagogischen Begründungen erinnern dagegen an Kants Unterscheidung von Edukation und Bildung. Er strebt mit lenkenden Maßnahmen und erzieherischen Kontrollen einen in Stufen erreichbaren Reifzustand an. Dieses Kriterium spiegelt sich auch in seiner Beurteilung des Abiturienten Bastian wider, den er für unfertig hält. ← 64 | 65 →

Im Primaner-Verein entzieht sich Bastian den pädagogisch lenkenden Vorgaben der Schulerziehung im Klassenverband und übt sich im Austausch mit anderen Mitgliedern nach individueller Neigung. Er versucht, die eigenen geistigen Kräfte im Humboldt’schen Sinn in der Erörterung naturphilosophischer Themen zu entfalten.

Seine Kenntnisse in den Bereichen Geografie und Naturkunde erwirbt der Schüler der Gelehrtenschule eher durch private Lektüre, die ihm sein liberales und an der Naturforschung interessiertes Umfeld aus Familie und Freunden ermöglichen. Sie gehören zu den Befürwortern der Leserevolution und bilden die dem Fortschritt zugewandte Schicht im protestantischen Bremen. Ein Jahr vor seinem Abitur leistet das aufgeklärte Bürgertum mit der Naturforscher-Versammlung unter erheblichem Aufwand einen Beitrag zur Popularisierung der Wissenschaften.

Der jugendliche Bastian befindet sich, seiner Zeit entsprechend, in einer emotionalen Gestimmtheit, die sein inneres Empfinden zur Grundlage für seine Eigenständigkeit als Individuum und zur schöpferischen Kraft macht. Die Bedürfnisse, die aus seiner emotionalen Disposition entstehen, lenkt Bastian nicht auf den Bereich der Religion, obwohl er im pietistischen Umfeld aufwächst, aus dem die emotionale Hinwendung zuerst eine Bedeutung erfährt. Er lenkt sie auch nicht auf die Kunst, die zur neuen Autorität wird. Für ihn bleiben Religion und Kunst auf der Suche nach Wahrheit emotionale Nebelphantome206, die nur durch die Wissenschaften eine Erklärung erfahren können und denen er deshalb früh sein ganzes Interesse widmet. Er wendet sich naturphilosophischen Erklärungsmodellen zu und blieb der rationalen Ausrichtung verhaftet, die in dem ihn prägenden norddeutschen Protestantismus zuerst in einer Strömung innerhalb des Calvinismus (im Rekurs auf die Antike) im 17. Jahrhundert nach dem inneren Logos und der Verbindung zum Weltgeschehens fragte und unter niederländischem und britischem Einfluss vom 18. Jahrhundert an eine säkulare, anthropologische Deutung bekam. Bastian entscheidet sich gegen den Biblizismus, der in Bremen als Hauptkontrahent der Naturforscher auftritt und der aus den Reihen der Kleriker kommt, die Bastian getauft und konfirmiert hatten. Die Bedeutung von Vernunft und Psyche, von Geist und Seele, ist in der Theologie zentral für die Bestimmung der Wahrheit, aber auch im Kulturverständnis in der Mitte des 19. Jahrhunderts, das eine Konstituierung des humanen Menschen und eine geistig-kulturelle Einheit durch die Mittel der höheren Bildung anstrebt. Von beiden Bereichen, die unvereinbar gegenständig, aber auch synergistisch bei der ← 65 | 66 → Erforschung der Natur wirken, ist Bastians Jugend im Bremer Bürgertum durchdrungen. Bastian geht, wie bereits ausgeführt, von einem panentheistischen Kausalnexus der Natur und der intellektuellen Fähigkeiten des Menschen aus. Es ist in diesem Kontext folgerichtig, dass sich der nach Antworten suchende Schüler in einem Aufsatz mit der Bildung, der Kulturgeschichte, der Völker beschäftigt.

2.3.3 Adolf Bastian 1844: Die Bildung der Völker

„Um schließlich einige Worte über den Ort hinzuzufügen, so haben wir gesehen, daß die mindere Bildung über die ganze Erde verbreitet gewesen und noch verbreitet sei; die Gegend, wo die höhere ihren Ursprung genommen, kann nur muthmaßlich bestimmt werden. Es musste nothwendig eine solche sein, wo sich am leichtesten die Hindernisse der Natur ganz und gar beseitigen ließen, und als die vollkommenste Art finden sich auf der Erde: Hoch-Asien und Mittel-Amerika, in welchem das Kaschmir-Thal und die Ebene von Quito sprichwörtlich geworden sind. Die ältesten Sagen der Völker, die Geschichte selbst berichtet, daß von Asien aus die Bildung sich über die Länder verbreitet habe; Amerika mag es sich hinsichtlich seiner etwaig späten Entstehung und seiner Bevölkerung verhalten wie es will, […]. Die schönste Blüthe der Bildung muß sich, […], in den gemäßigten Zonen entfalten, während in allzubegünstigten Gegenden die Annehmlichkeiten des bürgerlichen Lebens den Schwung des Geistes hindern, und in allzu rauhen, die Widerwärtigkeiten der äußeren Natur den letztern zu sehr in Anspruch nehmen, als daß er sich weiter und höher entwickeln könnt“207

Bastian trug im Juni 1844 im Wissenschaftlichen Verein seine vor längerer Zeit verfasste Arbeit über Die Bildung der Völker vor208, deren Inhalt er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in allen Gesichtspunkten vertreten mochte. Dennoch enthielt sie allgemeine Aussagen zur Kulturgeschichte, von denen die gelehrte Welt damals überzeugt war. Jedes Volk besitze ursprünglich einen gewissen Grad an Kultur. Die rohe und ungeordnete Außenwelt wirke feindlich auf die Völker, diese Einwirkung rufe die Tätigkeit der Vernunft ins Leben, die sich im Leben der Völker konstituiere, um die Gefahren der Natur unschädlich zu machen. Die geistige Tätigkeit offenbare sich zunächst bewusstlos und nur zu ihrem Schutz gegen die Naturgewalt. Dieses sei die natürliche Bildung, die sich bei allen Völkern finde. Da die Völker sich diese niedrige Bildung nicht selbst mit Bewusstsein gegeben hätten, sondern da diese von der Natur initiiert worden sei, gebe es in diesem Stadium noch große Ähnlichkeiten in den Vorstellungen. 209 ← 66 | 67 →

Die Sagen und Mythen waren für Bastian der einzige Anhaltspunkt, um sich bei einer Darstellung der Kulturgeschichte dem unbekannten Urzustand der Völker zu nähern. Dabei war noch ungeklärt, wie von den anfänglich auf sich beschränkt lebenden Völkern eine Überlieferung aus den höheren Kulturen erfolgen könne. Drei Fragen stellten sich Bastian: Was zeichnet die niedere und was die höhere Kultur aus? Warum entstand sie gerade in Asien und wie war es dazu gekommen, dass die neuen Besitzer von kulturellem Wissen damit die vorherigen übertroffen hatten?210

Seine Antwort hob die Vernunftbegabung des Menschen als allgemeine Grundlage für die Kulturbildung hervor. Im Gegensatz zum Tier sei mit der Vernunft beim Menschen die Anlage für eine höhere Entwicklung gegeben. Entscheidend für die geistige Entwicklung sei die Außenwelt, in der die Völker lebten. In glücklichen Gegenden, wie in Hoch-Asien, werde der Vernunft das Widerständige genommen, sie komme in Bewegung und stehe in einer befreundeten Wechselwirkung zur Außenwelt. Das seien die Anstöße der höheren Bildung. Der Geist nehme die Gesamtheit der Natur in sich auf und wandle sie in Dichtung oder Kunst. Natur und Geist seien dabei nur verschiedene Offenbarungen desselben Urwesens. Die beiden Schöpfungen gingen von demselben Ursprung aus und liefen in demselben Ziel zusammen, ihre Wege aber seien getrennt. In benachteiligten Klimazonen hemme die feindliche Einwirkung der Umgebung ein Aufsteigen von der natürlichen geistigen Bildung zu einer höheren geistigen Eigentätigkeit. Eine Fehlentwicklung durch das Klima entstehe, wenn Völker des Orients sich im Labyrinth der Sinnlichkeit verlören. Sie ahmten die Natur nur nach und hinterließen in Schrift und Mythos den Nachkommen unverständliche Zeichen und Bilder. Eine entgegengesetzte Entwicklung setze ein, wenn klimatisch benachteiligte Völker von anderen lernten. Sie erführen dann, dass ein höheres geistiges Leben gegen die Widerwärtigkeiten der Natur dem Leiblichen Ersatz böte. Nur dann folgten die Völker der Weisung und Leitung des eigenen, inneren Wesens. Ihre Errungenschaften seien gefährdet, wenn ein bequemes, bürgerliches Leben den Geist lähme.211

Bastian referiert über eine kulturgeschichtliche Mutmaßung, die ihren Anfang in Deutschland im frühen 18. Jahrhundert mit dem Hamburger Religionsphilosophen Reimarus hatte. Mit seiner Apologie oder Schutzschrift für die vernünftige Verehrung Gottes hatte er die größte Kontroverse der Aufklärungszeit ausgelöst. Der vom englischen Deismus, von Spinoza, Gottfried Wilhelm ← 67 | 68 → Leibniz (1646–1716) und Christian Wolff (1679–1754) beeinflusste Rationalist griff den Offenbarungscharakter der Bibel an und interpretierte sie als historisches und literarisches Schriftstück. Mit dieser Interpretation isolierte er Regeln, die nach statischem Prinzip die Wissensübertragung in der Geschichte belegen sollten. Er beschrieb, wie Erfahrung und Erkenntnis von Menschen an andere und Nachfahren überliefert würden, um in Erinnerung gehalten zu werden.212

Seine deistischen Hypothesen lösten eine tiefgreifende Verunsicherung im protestantischen Bürgertum aus. Unter den Theologen riefen sie heftige Gegenwehr hervor. Der Aufklärungstheologe Johann Salomo Semler (1725–1791) aus Halle griff das Geschichtsverständnis an, weil Reimarus seine Waffen aus der wirklichen Geschichte der vergangenen und der unchristlichen Nationen genommen und eine Kontinuität hergeleitet habe, die das christliche Geschichtsbild zerstöre. In seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Thema entwickelte Semler seit 1760 eine dynamische Geschichtsauffassung. Seine Zeitgenossen lehnten diese jedoch ab, weil sie von der deistischen Logik kaum zu unterscheiden sei und er diese Irrwege nur noch weiter verbreite. Nach Semlers These bewirke der Geist Gottes eine zweite Schöpfung unter den Menschen durch lebendige Vorstellungen. Da er in den Seelen der Menschen regiere, vereinige er alle durch die Gleichheit und Gemeinschaft seiner überirdischen Absichten. Innerhalb dieses metaphysischen Rahmens entfalte sich die Geschichte als ein dynamischer und auf einen innerweltlichen Fortschritt hinzielender Prozess. Diesen Prozess nannte er lebendige Geschichte.213

Herder kannte Semlers Arbeiten, bemerkte jedoch, sie wegen des unleserlichen Schreibstils nicht gelesen zu haben.214 Der Königsberger hatte seit 1784 selbst eine Philosophie der Geschichte entworfen, in der er sich ebenfalls von der Wahrheit der tradierten Bibelinterpretation distanzierte. Die Geschichte der Sintflut sah er als eine Nationalerzählung, wie es sie zahlreich auch bei anderen Völkern gebe. Mythen und Sagen waren für Herder Symbole und Namensdenkmale ihrer Erinnerung. Er bemängelte, dass die Erzählung der Sündflut und der Rettung einer Familie für den historischen Neubeginn der ganzen Welt genommen werde, ebenso die Verwendung ihrer Genealogie als Ausgang der verwandtschaftlichen Interpretation der Deszendenz aller Völker. Herder setzte seine naturgeschichtliche Interpretation dagegen. Danach sei bei der Überflutung der Erde nur das Hochgebirge in Asien vom Wasser unbedeckt geblieben. Es ← 68 | 69 → habe den ersten großen Schauplatz der Menschheit gebildet, auf dem die Völker und Sprachen der Erde entstanden seien. Die Flut sei ein alles neu hervorbringendes Chaos gewesen. Auf dem ältesten Wohnsitz des Menschen sei in einem gemäßigten Klima eine große Vielfalt an Pflanzen und auch Tieren entstanden. Diese seien Urformen der heutigen Haus- und Nutztiere gewesen, die dort noch zu finden seien. Europa sei länger als Asien vom Wasser bedeckt gewesen und zeitversetzt als nächster Raum von dort aus besiedelt worden. Amerika galt Herder als jung und roh und Afrika topografisch als niedriger Erdteil, der Kind am Schoß der Mutter Asien bleibe.215

Herder schränkte ein, dass die Belege für die Mutmaßungen der Erdgeschichte unzureichend seien, und er stellte eine Abhilfe durch die Charakterisierung der Völker in Aussicht. Als Basis einer möglichen Kulturentwicklung entwarf er seine Idee zur Geschichte. Danach unterschied sich nach göttlichem Plan zunächst der Mensch vom Tier. Der Mensch sei das Ergebnis einer behüteten Erziehung durch die Vorsehung. Gott habe in einer zweiten Genesis künstlerisch den Menschencharakter gebildet. Er habe allen Menschen Vernunft gegeben und sie in seiner Schule der Sprache und Tradition erzogen.216

Diese zweite Genesis des Menschen, diese Bildung durch den Schöpfer, nannte Herder in Analogie zum Ackerbau Kultur oder in der Metaphorik des Lichts Aufklärung. Diese indizierte Bildung habe den Menschen ein Leben lang begleitet. Sie sei in unterschiedlichen Graden überall anzutreffen und entwickle sich durch die von Gott bestimmten Mittel der Natur. Diese Mittel seien die dem Menschen gegebenen Sinne und in ihrem Gebrauch liege der Zweck des Menschengeschlechts. Dadurch werde er zur Humanität und Glückseligkeit geführt.217

Die Völker erschienen Herder wie unendliche Schattierungen in einem göttlichen Kunstgemälde der Natur. Es komme – wie bei der Betrachtung von gegenständlichen Gemälden – auch hier auf die Perspektive an, aus der diese wahrgenommen würden. Würden bei der Betrachtung der Kulturen der Welt europäische Maßstabe zugrunde gelegt, werde das göttliche Wirken verkannt. In den unterschiedlichen Lebensweisen offenbare sich der göttliche Wille zur Erziehung der Erdenbewohner – zur Menschlichkeit. Er zeige sich in ihren Religionen, Sprachen, Künsten und Wissenschaften. Die Stimme Gottes sei jeder Bildungs-Tradition inne. Die Geschehnisse der zweiten Genesis seien daher ← 69 | 70 → miteinander verbunden wie Glieder einer Kette, die die Erde umschlinge und die bis zum Thron der Vorsehung reiche.218

Es wird deutlich, dass Bastian in seinem Aufsatz den Herder’schen Bildungsbegriff referiert, nach dem der Mensch seine geistige Entwicklung als einen gegebenen Auftrag fortzuführen habe, dessen vorbestimmter Zweck in der Humanität liege, die bis zur Gottähnlichkeit führe.

Die so verstandene Bildung ist – ohne den theologischen und teleologischen Bezug – in Wilhelm von Humboldts pädagogischen und gesellschaftlichen Forderungen enthalten. Die von Herder aufgenommene, deistische Erklärung der Entstehung des Geistes durch eine zweite Genesis, trennte aber die Natur und von der Kultur.

Bastian weicht in seinen Ausführungen davon ab, wenn er Natur und Geist zwar als verschiedene Erscheinungen, aber als solche mit demselben Ursprung und Zweck beschreibt. Der Geist ist in seinem Text ein natürlicher Bildungsgrundstock, der durch das Klima in seiner Entwicklung gehemmt oder gefördert werde. Gegenstand seines Referates ist die Einzigartigkeit der Menschen und die Gleichartigkeit aller Völker, die Herder mit seinen Glaubensvorstellungen begründet hatte.

Bastian folgt ebenso der kulturgeschichtlichen Interpretation Herders, dass Asien die Wiege aller Kulturen sei. Herder hatte zunächst für die Kulturgeschichtsschreibung eine alle Völker umfassende Darstellung gefordert. Er habe ihre Funktion mit der einer Galerie verglichen, in der die göttliche Absicht und Kunstfertigkeit durch die verschiedenen Völker auf der Erde zum Ausdruck kommen solle. Sie solle ein Abbild dieses Könnens sein und dadurch die bisherigen Feindschaften, Phantasien und Vorurteile unter den Völkern beseitigen. Die anthropologische Galerie würde mit ihrer befriedenden Absicht ein Geschenk an die Menschheit sein, wenn durch Gleichgesinnte die verstreuten Gemälde der Verschiedenheit des Menschengeschlechts gesammelt und eine sprechende Naturlehre und Physiognomik der Menschheit begründet werde. Eine solche Sammlung sei für Herder die Krönung der menschlichen Bildung, weil sie in philanthropischer Absicht eine Menschheits-Karte entwerfe, mit der die Philosophie sich der erschaffenen Diversität in der Einheit der Menschheit widmen könne.219

Herder verfolgt mit seiner Kulturgeschichts-Idee eine Würdigung der göttlichen Gestaltungskraft, die für ihn in jeder Kulturleistung ersichtlich sei. Er hat sich für diesen Bereich jedoch gegen Klassifikationen aus der Naturgeschichte ← 70 | 71 → gewandt, weil sie das Menschengeschlecht in Rassen unterteile und eine Verschiedenheit der Völker in ihrer Abstammung behaupte.220

Die Naturgeschichte habe sich, so erläuterte Heinz 2000, im Allgemeinen im 18. Jahrhundert allein mit der Inventarisierung und Beschreibung aller zum Naturreich gehörigen Körper befasst. Diese Sammlungen seien entweder nach einem natürlichen System geordnet worden, das nach äußerlichen Ähnlichkeiten klassifiziert habe, oder nach einem künstlichen System, bei dem Vergleichsmerkmale nach eigener Wahl eingesetzt worden seien, zu denen auch Gestaltloses, Unsichtbares oder Abstraktes gehört habe.221

Beide Systeme verwendete der Göttinger Gelehrte Christoph Meiners (1747–1810), der neben Länder- und Reisebeschreibungen 1786 einen Grundriss der Geschichte der Menschheit verfasst hatte.222 Sein Ruf als Deuter der Menschheitsgeschichte war unter den Zeitgenossen jedoch fragwürdig. Ihm wurden Flüchtigkeit, unkritische Quellenauswertung, Widersprüchlichkeit und einseitige anthropologische Grundauffassungen vorgeworfen.223

Meiners hatte, so Ihle 1931, eine polygenetische Auffassung bezüglich der Entstehung der Völker vertreten und dass sich deshalb jedes in einer separaten Entwicklung vom Niederen zum Höheren befinde. Den jeweiligen Entwicklungsstand ermittelte er anhand eines künstlichen Systems durch Anteile der Humanität, die sich als Spiegelung der inneren Vollkommenheit in äußeren vorhandenen oder fehlenden physischen Vorzügen und in der kulturellen Lebensweise zeige. Er erstellte eine Stufenleiter der Entwicklung, die vom Zustand der Wildheit über den der Barbarei bis zu dem der vollendeten Aufklärung führte.224

Maßstab seiner Beurteilung waren die Vernunft und das Seelenleben des Menschen. 1773 hatte Meiners einen Abriß der Psychologie veröffentlicht, 1787 einen Grundriss der Seelenlehre und 1806 in zwei Bänden Untersuchungen über die Denkkräfte und Willenskräfte des Menschen. Als Herausgeber der Philosophischen Bibliothek (von 1788 bis 1791) hatte er die Schädellehre von Gall zum psychologischen Ausgangspunkt seiner naturgeschichtlichen Arbeiten gemacht.225

Als Reaktion auf die Systematisierungswut der künstlichen Systeme rief der Verleger Friedrich Justin Bertuch (1747–1822) aus Weimar Ende des 18. Jahrhunderts mit anderen Autoren zu einer Reform auf. Nomenklatur und Systeme ← 71 | 72 → sollten vereinheitlicht werden und zunächst die Vielfalt der natürlichen Phänomene ermittelt werden, um natürliche Systeme zu erstellen und damit der Bevorzugung der künstlichen Systeme und ihren Spekulationen entgegenzuwirken. In der an Empirie orientierten Forschung sahen auch diese Aufklärer einen Garanten für mehr Wohlstand und Fortschritt, Freiheit und Humanität.226

Bertuch gelang es mit seinen Allgemeinen geographischen Ephemeriden (ab 1798) eine viel gelesene Zeitschrift für eine neue Konzeption der Ethnographie herauszubringen, die auch noch nach seinem Tod unter dem Namen Neue geographische Ephemeriden (bis 1831) erschien. In seinem Verlag Landes-Industrie-Comptoir entwarf er ein umfangreiches Programm zur Verbreitung naturgeschichtlichen, geographischen und ethnographischen Wissens, das der neuhumanistischen Bildungsreform zuarbeiten sollte227 und mit 82 Bänden in der Museums-Bibliothek in Bremen vorhanden war.228

Als Gegenstück zu den Ephemeriden hatte Bertuch 1808 gemeinsam mit A. v. Humboldt, dem Theologen und Orientalisten Johann Severin Vater (1771–1826), dem Publizisten und Übersetzer von Reiseliteratur Th. F. Ehrmann und anderen das Allgemeine Archiv für Ethnographie und Linguistik konzipiert. Thematischer Gegenstand dieses Journals waren die physischen, moralischen und intellektuellen Eigentümlichkeiten der Völker und ihre Abstammung voneinander. Ihr Erscheinen wurde aber über den ersten Band hinaus nicht fortgesetzt.229

Bertuch und J. S. Vater erläuterten darin 1808 ihr Konzept. Die allgemeine Völkerkunde oder Ethnographie solle im Herder’schen Duktus ein Bild der Menschheit erstellen und dazu ihre gesammelten Daten in dem neugegründeten Archiv erfassen. Die Sprache als besondere Geistestätigkeit solle dabei besonderen Raum einnehmen. Wie in ihrem Gegenstück – den geographischen Ephemeriden – sei im ethnographischen Archiv durch Karten und Kupferstiche das Wissen zur Anschauung zu bringen.230

Ehrmann konkretisierte das Programm einer, über Herders Galerie hinausgehenden, allgemeinen Völkerkunde. Er formulierte unter dem Namen Ethnographie ein neues Forschungsvorhaben, das durch das Zusammengehen von theoretischen und empirischen Betrachtungen der intellektuellen Leistungen und der physischen Ausstattung des Menschen einen kulturellen Zustandsanzeiger der Völker ermöglichen sollte. Er rief dazu auf, eine Fülle neuer Daten zu ← 72 | 73 → erheben, zu ordnen und zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Die Ethnographie werde so zu einer Wissenschaft, die – gestützt auf Naturgeschichte und Philosophie – das weit verzweigte Menschengeschlecht überblicken, zu Klassen ordnen und zu einem harmonischen Ganzen oder einem allgemeinen Völkergemälde zusammenfügen werde. Sie habe ihre Verwandtschaft untereinander zu bestimmen durch Untersuchung ihrer Sprachen, ihrer Physiognomie, ihres sittlichen Charakters, ihrer Nutzung der Naturgüter, Nahrung, Kleidung, Wohnung und Sitten, ihrer bürgerlichen Verfassungen, Meinung und Religionen. Sie werde aber auch – nach dem Stand der Kultur und dem Grad an Aufklärung – ein moralisch-ethnographisches Barometer erstellen, das eine Standzuordnung eines jeden Volkes erlaube.231 Ehrmann bekannte sich mit Enthusiasmus zu den Fähigkeiten der zukünftigen Wissenschaft:

„Die Philosophie an der Spitze werden die Anthropologie, die Physiologie, die Psychologie, die Geschichtskunde und insbesondere die neueste Geographie einander schwesterlich die Hände bieten, um den Forscher in das Heiligtum der Völkerkunde zu führen, und seine Schritte durch ihr ganzes Gebiet zu leiten.“232

Ehrmann hatte schon 1786 den ersten von zwei Bänden verfasst und ihnen (als Gleichgesinnter Herders) den Titel Beytrag zu einer redenden Naturlehre und Physiognomik der Menschheit gegeben. Darin stellte er zur belehrenden Unterhaltung die bekannten und die neu hinzugekommenen Völker vor. Sie waren darin ohne ausführliche Beschreibung, aber durch Originalzeichnungen der Berichterstatter dokumentiert. Eine vergleichende Untersuchung der Ansichten zeige, so Ehrmann 1786, dass Herders Annahme einer Monogenese des Menschen nur richtig sein könne.233

Der zweite Band erschien 1791 als aktualisierte Fortsetzung, in dem nun ausführliche Beschreibungen der Völker hinzugefügt worden waren und eine noch weitläufigere Schilderung in Aussicht gestellt wurde. Im Anhang warb der Verlag Chr. Weigel und A. G. Schneider in Nürnberg für seine Neuerscheinungen „zur Jubilatemesse“, darunter die Ethnographische Bildergallerie – Eine Reihe von Sittengemälden aus der neuesten Völkerkunde mit mehreren Kupferstichen.234

In den Studienjahren verfolgt Bastian sein frühes, kulturgeschichtliches Interesse durch naturphilosophische und -geschichtliche Reflexionen weiter. In der Auseinandersetzung mit der Naturforschung um 1845 findet er zu einem ← 73 | 74 → eigenen Konzept, das sich zwar methodisch an Ehrmann235 und somit an das von Herder geforderte Ziel, ein Völkergemälde zu erstellen, anlehnt, sich aber in Anspruch und Ausrichtung davon unterscheidet. ← 74 | 75 →

                                                   

 39 Testament von Dorothea Maria Bastian, geborene Dwerhagen, v. 25.11.1850, StA Brem 2-Qq.4.c.3.b.4.dd.Nr. 1617: 152

 40 Martens 1988: 17–32

 41 Testament von Dorothea Maria Bastian, geborene Dwerhagen, v. 25.11.1850, StA Brem 2-Qq.4.c.3.b.4.dd.Nr. 1617: 155

 42 Spreckelsen, von 2003: 1

 43 Testament von Dorothea Maria Bastian, geborene Dwerhagen, v. 25. 11. 1850, StA Brem 2-Qq.4.c.3.b.4.dd.Nr. 1617: 156

 44 Das Catarinenstift in Bremen. Inspectoren – Administratoren. StA Brem, Graue Mappe Bastian, XIX.d.11.b

 45 Schulz 2002: 324–328

 46 Schulz 1991: 41

 47 Schulz 2002: 97

 48 Seling-Biehusen 2001: 49, 65, 68, 71, 93, 94

 49 Engelsing 1958: 7

 50 Lampe 1982: 126–130

 51 Martens 1988: 3

 52 Testament von Dorothea Maria Bastian, geborene Dwerhagen, v. 25. 11. 1850, StA Brem 2-Qq.4.c.3.b.4.dd.Nr. 1617: 156

 53 Zeuske 2000: 87 f.

 54 Engermann 1997: 49, 52

 55 MKL 1904 (4): 365 f.

 56 Martens 1988: 17–22, 27, 56, 69, 261, 270
Georg August Bastian war mit seiner Nichte Rosalie Friedericke Eugenie Büsing (1813–1882) verheiratet, deren Bruder Friedrich Alexander Alfred (1820–1894) ebenfalls Kaufmann auf Kuba war. Eine weitere Tochter der Bastian-Dwerhagen-Nachkommen, Dorothea Wilhelmina (1789–1856), war mit dem Bremer Kaufmann Johann Carl Traub (1782–1848) verheiratet; deren Sohn Eugen Carl (1823–1894) und deren Tochter Marie Louise, verheiratet mit dem Kaufmann Johann August Böving (1799–1867), betrieben für einige Zeit auf Kuba ihre Geschäfte.

 57 Auszug aus den Bürger–Registern. Bürger-Eid. StA Brem, Graue Mappe Bastian, Blatt 21 u. 21a
Im Oktober 1785 hatte Johann Wilhelm Bastian den Bürgereid der Hansestadt Bremen geschworen. Zeuge war u. a. Johann Adam Traub.

 58 Martens 1988: 256 f.

 59 Bechtloff 2001: 44

 60 Bellers 2007: 13 f.

 61 Bellers 2007: 12

 62 Bellers 2007: 15 f.

 63 Pawlik 1994: 438

 64 Kerst 1965: 303

 65 Pawlik 1994: 438

 66 Firmengeschichte: Johann Lange Sohn’s Wwe. & Co. HK Brem 90001, K 10 u. 90001, K°10 a

 67 Wolkenhauer 1900: 325

 68 Engelsing 1958: 7

 69 Taylor 2004: 11–13

 70 Taylor 2004: 181 f.

 71 Engelsing 1958: 8 f.

 72 Engelsing 1958: 7, 12

 73 Braun 1997: 490

 74 Taylor 2004: 183

 75 Martens 1988: 25
Alexander Bastian (1841–1885), Kaufmann in Hamburg

 76 Martens 1988: 56, 75
Carl Eduard Büsing (1821–1907), Kaufmann in Batavia

 77 Bastian 1869b: 2–4

 78 Bastian 1869b: 101

 79 Glade 1965: 296

 80 Glade 1965: 298 f.

 81 Bastian 1869b: 107

 82 Bastian 1869b: 256, 263

 83 Glade 1966: 56

 84 Bastian 1869b: 301

 85 Martens 1988: 75
Adolf Bastian hatte verwandtschaftliche Beziehungen zur Familie Gildemeister, da sein Vetter Carl Eduard Büsing in Batavia mit Elise Victorine Auguste Gildemeister verheiratet war.

 86 Kerst 1965: 312, 321 f.

 87 Taufen an St. Stefani, 1826, Eintrag Nr. 640, s. LA Brem

 88 Liste der von Johann Wilhelm Bastian erworbenen und vererbten Grabstellen, 1814–1873. StA Brem, Graue Mappe Bastian, Bl. 23

 89 Schwarz 1980: 33, 37, 38, 42

 90 Voigt, K. H. 1999: 359–364
Sie unterstützten eine Laienbewegung, die durch angelsächsische Vorbilder zu Beginn des 19. Jahrhunderts initiiert war. Die erste Schule nach englischem Muster wurde 1826 in Bremen gegründet. Sie machten es sich (noch vor dem Bestehen einer Schulpflicht) zur Aufgabe, neben der Vermittlung christlichen Grundwissens auch einen Beitrag zur Alphabetisierung zu leisten.

 91 Ludwig 2009: 8–13, 38–46, 52–56, 60 ff., 87
Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760) hatte ab 1721 der verfolgten mährischen Brüder-Unität, die sich auf den Reformator Jan Hus berief, Asyl gewährt. Daraus war auf seinem Gutsgelände am Hutberg die Ansiedlung Herrnhut entstanden. Zinzendorf war bestrebt, den Forderungen eines frommen, pietistischen Lebens für sich und in Gemeinschaft mit anderen nachzukommen. Durch seine mystischen Erfahrungen eines inneren Gottbezugs setzte er Luthers Idee eines allgemeinen Priestertums aller Gläubigen konsequent um, wobei den Frauen die gleiche Stellung im geistlichen Dienst zustand. Seine Vision war, dass die Gläubigen die Konfessionsgrenzen überwinden, das Beste in allen Religionen entdecken und zu einer Universalreligion formen sollten. Die Forderung nach einem frommen Leben erfülle sich nur, wenn jede Tätigkeit im Leben als Gottesdienst verstanden werde. Ab 1732 gründete die Gemeinschaft Missionsstationen, zunächst in der Karibik, in die Zinzendorf 1739 reiste. Die Herrnhuter Missionare waren Gegner der Sklavenhaltung und deswegen, aber auch aufgrund der fehlenden kirchliche Anerkennung ihrer Frömmigkeitsbewegung, Repressalien durch die Kolonialbehörden ausgesetzt.

 92 Martens 1988: 8

 93 Angenendt 1997: 228

 94 Röpcke 1990: 18–24

 95 Zobeltitz, von 1990: 27–32
Die Mentalität war wesentlich von strenger Konfessionsdoktrin, Sozialdisziplinierung, Kirchenzucht, dem Gebot von Schlichtheit in der Lebensführung und vom Primat des Wortes in einer von Symbolen und Bildern bereinigten Kirche geprägt. Siehe hierzu auch: Brückner 2009: 357–363

 96 Rohls 2009: 37

 97 Huizing 2008: 89, 97 f., 104–107, 131 f.

 98 Benedict 2002: 338 f., 341

 99 Rohls 2009: 40–42

100 Weißbrich 2009: 246
Auf die Entwicklung der anglikanischen Kirche wirkte Johannes Calvin zunächst nur begrenzt ein. Als Folge der katholischen Restauration 1533–1558 waren viele Protestanten ins Exil nach Genf oder in die Niederlande gegangen. Danach gewann der Calvinismus an Bedeutung. Die Puritaner betrieben eine Reinigung des Glaubens von katholischen Elementen. Mit König Wilhelm III. stand 1689 ein Calvinist an der Spitze des Staates.
Benedict 2002: 338
Ein strikter religiöser Rationalismus in Form des Deismus entstand in England unter dem Einfluss der niederländischen Remonstranten.

101 Voigt, Ch. 2003: 9–11, 211, 219–221

102 Frenzel 1993 (1): 188 f.

103 Kamp, van de 2011: 11–18

104 Zobeltitz, von 1990: 32–48

105 Stollberg-Rilinger 2000: 113
„[…] religiöse Toleranz [war nicht] eine überall selbstverständlich geübte Praxis […]. [Aber] auf der Ebene des religiösen Glaubens wurde der Anspruch des Einzelnen auf Freiheit von äußeren Zwängen und auf individuelle Autonomie zuerst erhoben. Symptomatisch ist, dass der Begriff ‹Toleranz›, zunächst ein rein kirchenrechtlicher Begriff, im Laufe des 18. Jahrhunderts auf immer mehr Gebiete des Denkens und Handelns ausgedehnt wurde und so allmählich seine heutige allgemeine Bedeutung annahm.“

106 Schulz 2002: 198

107 Entholt 1932: 50

108 Querner 1970: 15, 23 f.

109 Entholt 1932: 21, 34–37, 41 ff.

110 Zobeltitz, von 1990: 50, 56

111 Entholt 1932: 21, 34–37, 41 ff.

112 Entholt 1932: 49, 57 f., 79 f., 81

113 Motz 1886: 23, 217

114 Ankündigung des Vortrags, Tageblatt Nr. 5 v. 21. 9. 1844. In: 22. Versammlung der Naturforscher, StA Brem 2-S.7.a.5.b

115 Ackerknecht 1964: 42
„Nach einer 2jährigen aufsehenerregenden Vortragsreise durch Deutschland, die Schweiz, Holland und Dänemark ließ sich G. 1807 in Paris nieder, […] und [wirkte] bis zu seinem Tode als ein gesuchter Praktiker und Propagator seiner Lehre, die besonders in der Spurzheim-Modifikation als ‚Phrenologie‘ bekannt geworden ist, […]. Gall selbst sprach nur von seiner Organologie und Craniologie. Er glaubte, empirisch am menschlichen Gehirn 27 ‚Organe‘ entdeckt zu haben, welche Grundeigenschaften verkörperten, vom Fortpflanzungsinstinkt (No 1) über Besitzgier (No 7) bis zum Gottesglauben (No 26). Starke Entwicklungen dieser Organe prägen sich durch Erhebungen am Schädel aus. Von all diesen Organen hat sich nur eins bestätigt: das sog. Brocasche Sprachzentrum; […]. Er hat außerdem sehr wichtige Beiträge zur Gehirnanatomie gemacht. […] er ist der Begründer der Lehre, daß Geisteskrankheiten Hirnkrankheiten sind. Auch zur Erziehungslehre und Kriminologie trug er bei.“

116 Hirschfeld 1844: Umrisse der Phrenologie: 14, 28, 43, 49, 91, 101, 105. In: 22. Versammlung der Naturforscher, StA Brem 2-S.7.a.5.b

117 Smidt 1844: Amtlicher Bericht: 75–92. In: 22. Versammlung der Naturforscher, StA Brem 2-S.7.a.5.b

118 Bastian 1844: Über das Verhältnis der Welt: 187°f. In: Primaner-Verein, StA Brem 7, 1038, s. ferner Transkript im Anhang, Kap. 7.1: 198

119 Seedorf 1922: 5–8, 130

120 Bastian 1844: Über das Verhältnis der Welt: 187°f. In: Primaner-Verein, StA Brem 7, 1038, s. ferner Transkript im Anhang, Kap. 7.1: 198

121 Bastian 1844: Über das Verhältnis der Welt: 187°f. In: Primaner-Verein, StA Brem 7, 1038, s. ferner Transkript im Anhang, Kap. 7.1: 198

122 Bastian 1844: Über das Verhältnis der Welt. In: Primaner-Verein, StA Brem 7, 1038, s. ferner Transkript im Anhang, Kap. 7.1: 199–203

123 Extracte zu den Aufsätzen, Nr. 30. In: Primaner-Verein, SUUB 49.c.2959 Nr. 14

124 Bellers 2007: 17

125 Bartuschat 2006: 11–31
Baruch de Spinoza wurde 1632 in Amsterdam als Kind jüdischer Migranten aus Portugal geboren. Die Händlerfamilie war eingebunden in die strenge Orthodoxie ihrer Gemeinde, die sich nach Jahrzehnten der Zwangschristianisierung auf der iberischen Halbinsel hier manifestiert hatte. Die Vereinigten Niederlande hatten sich als Union selbstständiger Staaten 1581 erfolgreich von der spanischen Krone befreit und wurden im 17. Jahrhundert zur führenden Handelsmacht in Europa. Innenpolitisch brachte die Auseinandersetzung (zwischen orthodoxen Calvinisten und Befürwortern eines laizistischen Staates) über die Rolle der Religion im Staat einen toleranten Ausgleich, der zu einer gewissen Duldung von Religions- und Meinungsfreiheit führte. Die jüdische Gemeinde war durch strikte Glaubenskonformität auch bestrebt, diese Duldung, besonders durch die orthodoxen Calvinisten, nicht zu gefährden und wehrte sich gegen abweichende Strömungen im Judentum. Diese gingen nicht mehr von unveränderlichen Gesetzen Gottes in der Natur und im Leben der Menschen aus. Spinoza wurde 1656 aus der Synagoge ausgeschlossen. Sein Leben verbrachte er in und um Leiden und in Den Haag als Linsenschleifer. Seine philosophischen Werke waren nur einem kleinen Kreis bekannt und wurden erst posthum veröffentlicht. Noch im 18. Jahrhundert wurde er als Atheist und Weltvernichter abgelehnt. Einen Ruf an die Heidelberger Universität 1673 lehnte Spinoza nach langer Erwägung ab; er starb fünf Jahre später mit 44 Jahren in Den Haag.

126 Bartuschat 2006: 180

127 Bartuschat 2006: 50°f.

128 Bartuschat 2006: 51

129 Bartuschat 2006: 51°f.

130 Spinoza 2010 [1677]: 189

131 Spinoza 2010 [1677]: 33

132 Krause 1828 [1981]: 256

133 Krause 1828 [1981]: 367, 375

134 Krause 1828 [1981]: 256

135 Brierley 2004: 2–4
In der modernen christlichen Theologie existiert der Panentheismus neben dem klassischen Theismus und dem Pantheismus zur Bestimmung Gottes. Theologen in Deutschland, die als Panentheisten identifiziert worden sind, sind u. a.: Dietrich Bonhoeffer, Martin Buber, Albert Schweitzer, Paul Tillich, Ernst Troeltsch. Im 19. Jahrhundert gehörten Schleiermacher, Fichte, Hegel, Schelling und Fechner dazu. Bewegungen, wie der Neoplatonismus, aber auch Mystizismus und Orthodoxie in den westlichen Religionen, basierten darauf.

136 Gregersen 2004: 28

137 Hinske 1977: 111
Kant erinnerte sich an den Pietismus als die zentrale Komponente in seinem Elternhaus. Obwohl er den Ausdrucksformen dieser Religion kritisch gegenüberstand, hatte der Pietismus ihn beeindruckt und beeinflusst.

138 Krause 1828 [1981]: 375

139 Höffe 1996: 143, 147 f., 159–163

140 Bellers 2007: 16 f.

141 Bellers 2007: 17

142 Prüser 1957: 55

143 Röser 1988: 5 f.

144 Ziegler 1894: 21, 29–31

145 Storck 1998: 752 f.

146 Garin 1991: 453 f., 456–480

147 Groothoff 1982: 9–11

148 Groothoff 1982: 12°f., 33

149 Entholt 1909: 17 f.

150 Entholt 1909: 16, 41

151 Landfester 2001: 918

152 Landfester 1988: 30 f.

153 Baur 1876: 733 ff.
Campe hatte das über seine Zeit hinaus populäre Kinderbuch Robinson der Jüngere verfasst, das am Beispiel der Erziehung eines Naturmenschen eine wünschenswerte Erziehung schilderte, die frei von jeder Berührung mit der verderbten Gesellschaft sein sollte.

Details

Seiten
264
ISBN (PDF)
9783653049190
ISBN (ePUB)
9783653981544
ISBN (MOBI)
9783653981537
ISBN (Buch)
9783631652435
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (November)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 264 S., 1 farb. Abb., 5 s/w Abb.

Biographische Angaben

Jutta E. Bellers (Autor)

Jutta E. Bellers<B> </B>studierte Ethnologie, Philosophie und Geschichte an der Universität Münster. Sie arbeitet als freie Autorin in der Nähe von Münster.

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Titel: Der junge Adolf Bastian, 1826 bis 1860