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Franz Brentano-Carl Stumpf: Briefwechsel 1867–1917

Unter Mitarbeit von Thomas Binder

von Margret Kaiser-El-Safti (Band-Herausgeber:in)
©2015 Andere LXXXIII, 465 Seiten

Zusammenfassung

Mit diesem Band liegt erstmals seit fast hundert Jahren eine Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Franz Brentano und Carl Stumpf vor. Die beiden Philosophen gelten als Wegbereiter der international und interdisziplinär konzipierten phänomenologischen Bewegung, die Stumpfs Beitrag infolge seines stark musikpsychologisch relevanten Ansatzes bislang nicht angemessen rezipierte. In einer Zeit radikaler Paradigmenwechsel in der Wissenschaftsentwicklung vermitteln die Briefe Wendepunkte in der zunächst gemeinsam, später kontrovers vertretenen Idee von einer neuen wissenschaftlichen Philosophie, die heute noch aufschlussreich sind für das Verhältnis von Philosophie und Psychologie. Die Briefe lassen aber auch die persönlichen, zum Teil dramatischen Hintergründe dieses wohl einmaligen Freundschaftsverhältnisses erkennen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Einleitung: Margret Kaiser-el-Safti
  • 1. Die epistemische Brisanz des Projekthintergrunds
  • 2. Die Umstände der dramatischen Freundschaftsbeziehung
  • 3. Der wissenschaftsgeschichtliche Rahmen
  • 4. Der ‚springende Punkt‘ in der Auseinandersetzung zwischen Franz Brentano und Carl Stumpf – die Gefühlslehre
  • Literatur
  • Zur Geschichte des Briefwechsels von Franz Brentano mit Carl Stumpf: Thomas Binder
  • I.
  • II.
  • III.
  • Literatur
  • Franz Brentano – Carl Stumpf: Briefwechsel 1867 bis 1917
  • 1867 (Dok. 1–4)
  • 1868 (Dok. 5–12)
  • 1870 (Dok. 13–20)
  • 1871 (Dok. 21–38)
  • 1872 (Dok. 39–54)
  • 1873 (Dok. 55–85)
  • 1874 (Dok. 86–101)
  • 1875 (Dok. 102–111)
  • 1876 (Dok. 112–121)
  • 1877 (Dok. 122–127)
  • 1879 (Dok. 128–137)
  • 1880 (Dok. 138–146)
  • 1881 (Dok. 147–150)
  • 1882 (Dok. 151–158)
  • 1883 (Dok. 159–164)
  • 1884 (Dok. 165–173)
  • 1885 (Dok. 174–183)
  • 1886 (Dok. 184–194)
  • 1887 (Dok. 195–201)
  • 1888 (Dok. 202–203)
  • 1889 (Dok. 204–210)
  • 1890 (Dok. 211–216)
  • 1891 (Dok. 217–219)
  • 1892 (Dok. 220–227)
  • 1893 (Dok. 228–235)
  • 1894 (Dok. 236–240)
  • 1895 (Dok. 241)
  • 1896 (Dok. 242–247)
  • 1898 (Dok. 248)
  • 1899 (Dok. 249–251)
  • 1903 (Dok. 252–256)
  • 1904 (Dok. 257–259)
  • 1905 (Dok. 260–266)
  • 1906 (Dok. 267–271)
  • 1907 (Dok. 272–278)
  • 1908 (Dok. 279–288)
  • 1909 (Dok. 289–290)
  • 1910 (Dok. 291–293)
  • 1911 (Dok. 294–306)
  • 1912 (Dok. 307–311)
  • 1913 (Dok. 312–316)
  • 1914 (Dok. 317–320)
  • 1915 (Dok. 321)
  • 1916 (Dok. 322–323)
  • 1917 (Dok. 324)
  • Zu Brentanos Briefen an mich: Carl Stumpf: Ostern 1929
  • Personenregister

Vorwort

Nur aus der höchsten Kraft der Gegenwart dürft ihr das Vergangene deuten: nur in der stärksten Anspannung eurer edelsten Eigenschaften werdet ihr errathen, was in dem Vergangenen wissens- und bewunderungswürdig und gross ist.

Friedrich Nietzsche, 1873–47, Unzeitgemäße Betrachtungen, II.

Der briefliche Austausch zwischen Franz Brentano (1838–1917) und Carl Stumpf (1848–1936) erstreckte sich über ein halbes Jahrhundert von 1867 bis 1917. Brentano und Stumpf waren Zeitzeugen einer Epoche, die von gravierenden Paradigmenwechseln in der Wissenschaft und von avantgardistischen Strömungen in der Kunst geprägt war, aber auch überschattet wurde von weltpolitischen Auseinandersetzungen. Das Zitat aus Friedrich Nietzsches „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ soll andeuten, in welcher Weise das geistige Gut Brentanos und Stumpfs zu würdigen ist. Bevor auf die verzweigte Hintergrundgeschichte dieses einmaligen Briefkonvoluts eingegangen wird, ist den Personen zu danken, ohne deren Mithilfe die Herausgabe der Briefe nicht zustande gekommen wäre:

Thomas Binder hat durch die Recherche der Originalbriefe Stumpfs und die Ermöglichung eines Durchblicks in Bezug auf den unvollständigen und zensierten Bestand der Briefe Brentanos große Verdienste erworben. Die verwickelten örtlichen und zeitlichen Hintergründe der nun fast hundert Jahre verzögerten Veröffentlichung der Briefe wird er im Anschluss an die Einleitung aufschlüsseln.

Dank gebührt auch Frau Margarete Ritzkowsky für die Transkription der Originalbriefe Carl Stumpfs, Herrn Reinhard Fabian für die Hilfe bei der Entzifferung einiger besonders schwieriger handschriftlicher Passagen und Herrn Werner Sauer für die Überprüfung der griechischen Stellen.

Jedoch wäre die Durchführung dieser im Ganzen schwierigen Unternehmung nicht zustande gekommen, wenn sie nicht von dem Kölner Maler Gerhard Richter, der von der Bedeutung der Briefe überzeugt werden konnte, finanziell gefördert worden wäre. Dem großen Künstler des Kölner Domfensters ist für seine Generosität von Herzen zu danken.

Man hat es im Folgenden mit einem Projekt und einer Hintergrundgeschichte zu tun, die, schwierig genug, sich in den vergangenen zwei Jahren noch zunehmend komplexer gestalteten, weil neue Briefe mit überraschenden Inhalten auftauchten, die angeblich verloren gingen oder möglicherweise auch vernichtet worden waren. Da der Briefwechsel trotz seines beachtlichen Umfangs aber immer noch Lücken aufweist, ganze Jahrgänge wohl hauptsächlich infolge der Missstände während des Zweiten Weltkrieges fehlen, Briefe vielleicht auch zurückgehalten wurden, ist zukünftig mit weiteren Überraschungen zu rechnen. Im Folgenden sollen, soweit der begrenzte Rahmen einer Einleitung dies erlaubt, einige Seiten des vielschichtigen Inhalts der ← VII | VIII → Briefe und der besonderen Freundschaftsbeziehung angesprochen werden. Eine die Grenzen dieser Einleitung überscheitende detailliertere Kommentierung ist in Arbeit und wird bald (2015) erscheinen.

Das theoretische Material ist so reichhaltig, seine interdisziplinären Perspektiven sind bei Weitem nicht zu erschöpfen und in Bezug auf ,letzte Fragen‘ auch noch keineswegs beantwortet, sodass in Zukunft noch ganz andere Zugangsweisen und Perspektiven als die hier verwendeten empfehlens- und wünschenswert sind. Folgende Aspekte sollen abschnittsweise angesprochen werden: (1) Die epistemische Brisanz des Projekthintergrunds, (2) die Umstände der dramatischen Freundschaftsbeziehung, (3) der wissenschaftsgeschichtliche Rahmen, (4) der ,springende Punkt‘ in der theoretischen Auseinandersetzung zwischen Franz Brentano und Carl Stumpf – die Gefühls- und Wertlehre.

Auf eine Schwierigkeit der Verständigung ist vorab hinzuweisen, die die inhaltliche Komplexität und die terminologische Vielfalt der behandelten Themen tangiert. Letztere resultieren aus der Interdisziplinariät der Fragestellungen und Ergebnisse, für die eine allgemein verwendbare erkenntnistheoretische Basis bislang nicht existiert. Epistemische Vielfalt entstand im 19. Jahrhundert im Zuge des Ablösungsprozesses der Einzelwissenschaften von der Philosophie, die ihre Bedeutung als ‚Philosophia perennis et universalis‘ in Frage stellte und die Philosophie mit der Bewährungsprobe altehrwürdiger metaphysischer Inhalte konfrontierte. Die Psychologie spielte im Ringen um eine empirisch vertretbare Basis und Distanz von den metaphysischen Seelenlehren eine epistemisch und wissenschaftstheoretisch wichtige Schlüsselrolle, vornehmlich in Bezug auf die Wahrnehmungsbasis der Erkenntnis und diese wiederum in Kontext werttheoretischer Fragestellungen. Im Briefwechsel gibt diese Thematik – mal ausdrücklich, mal mehr unterschwellig – den Grundton an.

Auch die sogenannten Geisteswissenschaften kämpften im 19. Jahrhundert innerhalb einer rasch fortschreitenden Naturwissenschaftsentwicklung um ihre Unabhängigkeit von der Philosophie. Sie forschten einerseits nach neuen Methoden und suchten Anschluss an das Exaktheitsideal der Naturwissenschaft, andererseits war eine der Wirklichkeit der Lebenswelt adäquatere Ethik gefragt und eine der weltlichen Realität im Ganzen besser angepasste, psychologisch vertretbare Grundlage, als die ältere Philosophie zu bieten vermochte; die Geisteswissenschaften wollten aber auch ihre Eigenständigkeit bewahren und sich nicht restlos dem Diktum der Naturwissenschaft unterwerfen. In der Sichtweise einer neuen wissenschaftlichen Psychologie auf empirisch-phänomenologischer Grundlage sollte sowohl der philosophische Idealismus als auch der materialistisch orientierte Szientismus vermieden und nach einer grundlegend neuen Konzeption für zentrale Grundlagen der Menschenwissenschaften gefahndet werden. Im Rahmen dieser, für das 19. Jahrhundert charakteristischen Trendwende entstand die sogenannte ,phänomenologische Bewegung‘, durch Franz ← VIII | IX → Brentano und Carl Stumpf ins Leben gerufen, deren Erkenntnisinteresse sich jedoch bei Schülern, namentlich bei Edmund Husserl (1859–1938), bald wieder in divergierende Richtungen ausdifferenzierte.

Das Neue an dieser ,phänomenologischen Bewegung‘ erforderte eine erkenntnistheoretisch veränderte Einstellung der menschlichen Wahrnehmung gegenüber und eine andere, wissenschaftlich begründete Haltung in Bezug auf den Wertbegriff, dem im 19. Jahrhundert psychologisch besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde, die im 20. Jahrhundert infolge der positivistischen Forderung einer ,wertfreien Wissenschaft‘ wieder verblasste. Die konzeptuellen Grundfragen, in welcher Weise einerseits (erkenntnistheoretisch) realitätsgemäße und werteinsichtige, andererseits (methodisch) qualitativ und quantitativ orientierte Forschung am Menschen und mit dem Menschen betrieben werden könnte, sind ja auch heute noch aktuell und keineswegs als gelöst zu betrachten.

Freilich kann der detaillierte Nachweis des angedeuteten Hintergrunds nicht Gegenstand der folgenden Einleitung sein; aber er bildet die in ihrer Komplexität kaum zu reduzierende theoretische Grundlage des Briefwechsels, der indes noch mit einer andersartigen Problematik konfrontiert: Aus der zunächst gemeinsam anvisierten neuen wissenschaftlichen Wegfindung entstanden bald kontroverse Vorstellungen über die Realisierung der Ziele, woraus sich Belastungen für das Freundschaftsverhältnis ergaben. Theoretische und persönliche Divergenzen zwischen Brentano und Stumpf evozierten wiederum Missverständnisse und Agitationen der Verschleierung bei den Adepten Brentanos, die über Jahrzehnte hin die Forschung behinderten und ein verzerrtes Bild über die Ursprünge und Ziele der ,phänomenologischen Bewegung‘ hinterließen.

Die angedeuteten negativen Nachwirkungen einer im Ganzen höchst innovativen Ära deutsch-österreichischer philosophischer und psychologischer Forschung relativieren sich jedoch aus zeitlicher Distanz und sollten in Zukunft das in der Tat immer noch Wissenswürdige und sogar Aktuelle der ursprünglichen Intentionen in Erscheinung treten lassen. Im Folgenden werden aus dem Knäuel sachlich und menschlich verwickelter Verhältnisse einige Fäden herausgezogen, um sie soweit als möglich zu entwirren.

Margret Kaiser-el-Safti
Köln, Juli 2014

← IX | X → ← X | XI →

Einleitung

Margret Kaiser-el-Safti

1.Die epistemische Brisanz des Projekthintergrunds

Von heute her betrachtet ist in der Tat schwer nachvollziehbar, warum Briefe von der Bedeutung wie die jetzt mit fast hundertjähriger Verspätung zu veröffentlichenden, so lange auf ihre Publikation und auf ihr Publikum warten mussten. Das nach dem Zweiten Weltkrieg radikal veränderte Klima in der deutschsprachigen Philosophie und Psychologie sollte nicht Anlass genug gewesen sein, mit einem gewissen Abstand zu den unheilvollen europäischen Entwicklungen, Fragen zu formulieren und Material zu recherchieren, die Auskunft darüber geben konnten, ‚wes Geistes Kind‘ in der Zeit vor den politischen Katastrophen und noch weitgehend unbeeinflusst durch sie, den Ton angegeben hatte? Diesbezügliche letztgültige Antworten zu formulieren, kann freilich nicht Gegenstand dieser Einleitung sein; aber wer auch nur von Ferne den radikalen Bruch zwischen einer Forschungsmentalität nach Ende des Zweiten Weltkrieges und Zielsetzungen, die sich schon im 19. Jahrhundert zu artikulieren begannen, konstatiert, die sodann in der sogenannten ‚phänomenologischen Bewegung‘ Gestalt annahmen, kann sich nur wundern, warum gerade in Sachen ‚wissenschaftliche Psychologie‘ und einer noch mit der Psychologie sympathisierenden Philosophie so gut wie nichts geschah, um ein wertvolles Gedankengut wieder zugänglich und attraktiv zu machen. Gerade Briefe vermögen häufig auf andere Weise als eine wie immer zu rechtfertigende ‚Objektivität‘ aus tieferliegenden Quellen der wissenschaftlichen Wahrheit näher zu rücken. Allerdings handelt es sich bei dem Briefwechsel zwischen Brentano und Stumpf um ein – aus durchaus verschiedenen Gründen – reichlich komplexes Gebilde, worauf im Folgenden so weit als möglich einzugehen sein wird.

So lässt die Verzögerung der Herausgabe auf Aktivitäten schließen, die vorwiegend von Seiten der Brentanoforschung ausgingen und aufgrund von Eintrübungen in dem persönlichen Verhältnis und zunehmenden Differenzen in den Lehren Brentanos und Stumpfs, die man nicht wahrhaben und/oder nicht öffentlich machen wollte, dazu motivierten, die Briefe Stumpfs nicht zu publizieren. Briefe Brentanos an Stumpf waren ja bereits 1986 von Gerhard Oberkofler aus dem Archivbestand der Universität Innsbruck veröffentlich worden, ohne die Briefe Stumpfs. Aber auch Brentanos Briefe wurden nur unvollständig und mit Streichungen innerhalb der Briefe versehen publiziert.

Anlässe für die Zurückhaltung der Briefe sind vor und nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus unterschiedlichen Gründen zu vermuten. In den 1950er Jahren hatte sich die öffentliche Wahrnehmung der beiden Philosophen im Vergleich mit der ← XI | XII → Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ins Gegenteil verkehrt, was sich dann zu Ungunsten einer unparteilichen Würdigung von Stumpfs Werk auswirkte. Während Stumpf zu Lebzeiten als einer der bedeutendsten Pioniere der wissenschaftlichen Psychologie gegolten hatte, geriet er nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Vergessenheit. Stumpf machte sich seinerzeit als experimenteller Psychologe einen Namen, er war zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber auch maßgebend an der Grundlegung von Musikwissenschaft und Musikethnologie beteiligt und brachte als Philosoph zusammen mit Franz Brentano und Edmund Husserl die ‚phänomenologische Bewegung‘ auf den Weg. Er verschaffte als geistiger Vater der Gestaltpsychologie dem Berliner psychologischen Institut der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt Universität) Weltruhm, profilierte sich als Mitherausgeber wichtiger psychologischer und musikwissenschaftlicher Zeitschriften, war Mitglied und Autor sowohl der Bayerischen als auch der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Als Autor ist dieser vielseitige Forscher hauptsächlich mit seiner zweibändigen „Tonpsychologie“ (1883 und 1890) in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen. Obwohl Stumpf in seiner interdisziplinären Tätigkeit bereits für die Zeitgenossen kein leicht zugänglicher Kollege war, wie er in der „Selbstdarstellung“ bemerkte, war das seinerzeit kein Hindernis für seine beträchtliche öffentliche Wirkung und Würdigung.1

Mehrfach Rektor und Dekan, Geheimer Berliner Regierungsrat und mit dem Orden Pour le Mérite ausgezeichnet, gemalt und modelliert von bedeutenden Künstlern seiner Zeit wie Max Slevogt (1925) und Georg Kolbe (1928), wurde Stumpf an runden Geburtstagen hoch geehrt. Anlässlich der Feierlichkeiten zu seinem 80. Geburtstag (1928) schrieb die Gattin von Edmund Husserl an Roman Ingarden: „So allgemein geehrt und in der großzügigsten Weise anerkannt, wurde wohl selten ein Gelehrter“ (Husserl 1968, S. 45). Das letzte Werk, das Stumpfs verzweigtes interdisziplinäres Wirken systematisiert, die zweibändige „Erkenntnislehre“, erschien posthum 1939 und 1940, wurde aber in den Kriegswirren nur vereinzelt wahrgenommen; nach dem Krieg waren nur noch vereinzelt Exemplare in Universitätsbibliotheken und Antiquariaten zu finden; erst 2011 wurde die „Erkenntnislehre“ neu verlegt.

Nach Kriegsende hatte sich das wissenschaftliche Klima in der deutschen Psychologie und Philosophie durch die Übernahme der amerikanischen behavioristischen Psychologie und der pragmatistischen Philosophie grundlegend verändert. Das Andenken an die deutsche Tonpsychologie, seinerzeit Zündstoff für die Etablierung einer empirischen Psychologie und Sinnespsychologie auf phänomenologischer und experimenteller Grundlage, war sang- und klanglos untergegangen. Das ehemals ← XII | XIII → bedeutende Feld philosophischer respektive deutsch-österreichischer erkenntnistheoretischer Forschung hatte der Ausbreitung der amerikanischen analytischen Philosophie der Alltagssprache zu weichen.2

Auf die Hintergründe von Brentanos wissenschaftlicher Vita, die von einschneidenden persönlichen Entscheidungen durchkreuzt wurde, ist im 2. Abschnitt detaillierter zurückzukommen. Brentano verlor nach einer siebenjährigen produktiven Zeit als ordentlicher Professor an der Wiener Universität infolge seines Austritts aus der katholischen Kirche und seiner Heirat mit Ida von Lieben seinen philosophischen Lehrstuhl und blieb nach 1881 lebenslang Privatdozent. Mit einer besonderen Befähigung zur Lehrtätigkeit begabt und mehr an der Vertiefung als an der Publikation seiner Erkenntnisse interessiert, erschienen zu Lebzeiten nur wenige, wenngleich wichtige innovative Texte, das Meiste an schriftlich Fixiertem blieb zu Lebzeiten unveröffentlicht. Brentano konnte jedoch eine bedeutende Zahl von Schülern um sich scharen, die später an österreichischen Universitäten philosophische Lehrstühle besetzten und zu einer genuin österreichischen Philosophie beitragen sollten. Zu Brentanos Schülern zählten auch zwei in die Politik hinein wirkende Persönlichkeiten, Georg von Hertling, Zentrumsmitglied und von 1917–18 Reichskanzler des deutschen Kaiserreiches und Tomas Masaryk, erster Staatspräsident der Tschechoslowakei. Beide kommen mit ihren philosophischen Aktivitäten auch im Briefwechsel vor. Der in den Briefen am häufigsten erwähnte Schüler Brentanos und enger Freund Stumpfs ist Anton Marty, dessen akribische Phänomenologie der Sprache heute zu wenig Beachtung erfährt.

Die philosophische Wirkung Brentanos über seinen Tod hinaus erklärt sich weniger aus Publikationen zu Lebzeiten als vielmehr aus der besonderen Pflege des umfangreichen Nachlasswerkes. Anders als im Fall von Carl Stumpf bemühte sich die Schülerschaft Brentanos, die ‚Brentanoten‘, nach dessen Tod zwischen den Weltkriegen und ab den 1950er Jahren intensiv um seine Veröffentlichung, sodass in einem Zeitraum von dreißig Jahren bis in die 1980er Jahre an die zwanzig Bände im renommierten philosophischen Verlag von Felix Meiner erscheinen konnten (einige Bände erschienen bei Francke in Bern). Brentanos Philosophie erfuhr nach seinem Tod weltweit Aufmerksamkeit, wozu ein weiteres Moment beitrug: Edmund Husserl erwies sich nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als der philosophisch Durchsetzungsfähigste unter den Pionieren der ‚phänomenologischen Bewegung‘. Zum Bekanntheitsgrad von Brentano dürfte dann auch die internationale Wirkung ← XIII | XIV → von Husserls Begriff ‚Phänomenologie‘ beigetragen haben, während die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Husserl initiierte Kampagne des Antipsychologismus – sowohl gegen ein vermeintliches, zum Teil auch tatsächliches psychologisches Missverständnis der Logik als auch gegen die experimentelle Psychologie gerichtet – ‚ in philosophischen Kreisen Schaden in Bezug auf das Ansehen der Psychologie als Wissenschaft anrichtete und mit Husserls Abgrenzung gegen Stumpfs Begriff der Phänomenologie nicht zur Würdigung der Lehre Stumpfs beisteuerte.3 Anhänger der Lehre Brentanos und Anhänger der Lehre Husserls bildeten Schulen, was sich in den Bezeichnungen ‚Brentanoten‘ und ‚Husserlianer‘ niederschlug, während Stumpf lebenslang kein Interesse an der Bildung einer Schule nahm, sich dann auch keine Adepten einfanden, die sein in Zeitschriften unterschiedlicher Fachrichtungen publiziertes Werk nach seinem Tod gesammelt und nach Kriegsende wieder dem kulturellen Gedächtnis zugänglich gemacht hätten.4

In allerletzter Zeit konfrontiert ein von Thomas Binder dargelegter Sachverhalt nochmals mit einer neuen Situation, die sowohl zum Verständnis der verzögerten Herausgabe der Briefe beiträgt, als auch zu einer neuen Sichtweise des theoretischen Kontextes verpflichtet. Im Grunde müsste die gesamte Aktenlage der interdisziplinär ausgerichteten ‚phänomenologischen Bewegung‘ neu aufgerollt werden, insbesondere die epistemischen Grundlagen ihrer Pioniere, das wissenschaftliche Verständnis von einander und das wissenschaftliche Verhältnis zueinander, möglichst unvoreingenommen unter die Lupe genommen werden.

Was den im Grunde gar nicht ganz neuen, aber von Thomas Binder wieder zur Sprache gebrachten Sachverhalt betrifft, ist eine vollkommen neue Herausgabe der Schriften Brentanos in Angriff zu nehmen (wozu auch schon erste Anläufe unternommen wurden), weil das vorliegende nachgelassene Werk durch den Interpretationseifer der Herausgeber, namentlich der ‚Brentanoten‘ Oskar Kraus, Alfred Kastil und Franziska Mayer-Hillebrand, entstellt wurde.5 Wer in seiner Beschäftigung mit Brentano nicht früh genug auf die Einleitung in dem von Mayer-Hillebrand 1956 herausgegebenen Band „Die Lehre vom richtigen Urteil“ stieß, konnte auch nicht die Ursache für eine häufig verspürte, aber nicht ‚dingfest‘ zu machende Irritation entdecken, nämlich Aufklärung darüber zu erlangen, was nach zahlreichen Änderungen und wechselnden Blickwinkeln denn letztlich die genuinen Intentionen die ← XIV | XV → ses so scharfsinnigen wie tiefschürfenden Philosophen gewesen sein mochten. Die Veröffentlichung der Briefe vermag in wesentlichen Grundlagenfragen zur Klärung bislang strittiger Positionen Stumpfs und Brentanos beizutragen.

Franz Brentano hatte als Philosophiehistoriker, Logiker und Psychologe mit einem starken Willen begonnen, auf der Basis einer neuen wissenschaftlichen Methode, der später sogenannten ‚deskriptiven Psychologie‘, eine, vornehmlich gegen die vorherrschende Philosophie des Deutschen Idealismus gerichtete Erneuerung der Philosophie auf den Weg zu bringen, um sich später zunehmend der Lösung ‚letzter‘ metaphysischer, insbesondere theologischer Fragen zu widmen, das heißt, Beweise für das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele beizubringen, die seine zeitweise intensiv betriebene Beschäftigung mit der Psychologie wieder in den Hintergrund treten ließ. Noch im 19. und 20. Jahrhundert Beweise für das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele beibringen zu wollen, zeugte von Mut und im Fall von Brentano von bedeutendem Sendungsbewusstsein; aber war die Bewältigung derartiger Aufgaben mit dem neuen, der menschlichen Erfahrung und der menschlichen Realität Tribut zollenden Methoden- und Wissenschaftsverständnis in Einklang zu bringen? An der Beantwortung dieser Frage trennten sich dann auch die Wege von Brentano und Stumpf. Unterschiedliche Auffassungen über das Verhältnis von Religion und Wissenschaft, Philosophie und Psychologie, Psychologie und Naturwissenschaft, sorgten schon früh für eine Distanz von Seiten Stumpfs, die Brentano jedoch lange nicht wahrhaben wollte.

Die nachgelassenen Werke Brentanos imponieren mit einem ungewöhnlich umfangreichen Apparat an Fußnoten und Anmerkungen, der sich durch die zahlreichen Änderungen erklärt, die Brentano im Laufe seines Lebens an wichtigen Positionen seiner Lehre vornahm. Die Änderungen werden in den Veröffentlichungen der Nachlasswerke aus unterschiedlichen Zeiten aber nicht chronologisch mitgeführt; häufig werden in früheren Texten bestimmte Stellen durch spätere Versionen Brentanos und vice versa ersetzt oder mit Interpretationen der Herausgeber ergänzt. Sie folgten mit diesem Verfahren einem Vermächtnis Brentanos – jedenfalls behauptete das Franziska Mayer-Hillebrand – Brentano habe kurz vor seinem Tod gewünscht, „daß seine Schüler die Synthese, die er selbst geplant, aber nicht mehr vornehmen konnte, zur Ausführung bringen sollten“ (Mayer-Hillebrand 1956, S. XIII). Dieses emphatische Verständnis von Herausgeberschaft machte, wie Mayer-Hillebrand nicht ganz ohne Skrupel dem eigenen Verfahren gegenüber äußert, „tiefgreifende Veränderungen“ der Originaltexte nötig. Alfred Kastil folgte der Botschaft ohne jeden Skrupel und von einer sektiererischen Mission geleitet in der bis jetzt einzigen Gesamtdarstellung Brentanos, die 1951 posthum von Mayer-Hillebrand veröffentlich wurde. In Kastils Einführung in „Die Philosophie Franz Brentanos“, ist nicht ein einziges wörtliches Zitat Brentanos zu finden respektive als solches kenntlich gemacht worden. Kastil trennt nicht Äußerungen Brentanos und eigene Interpretationen ← XV | XVI → voneinander; er rechtfertigt seine Vorgehensweise in dem erstmals 1929 aus dem Nachlass herausgegebenen Band „Vom Dasein Gottes“ (1980 nochmals aufgelegt) damit, dass Brentano, „viele[n] Hunderte[n] die Erhaltung des Gottesglaubens und die Bewahrung vor jener materialistischen Diesseitsreligion“ gerettet habe (1980, S. XI). Das mag ein hehres Motiv gewesen sein, aber keines – wie schon seinerzeit von durchaus freundschaftlich gesinnter Seite zu bedenken gegeben wurde –, das der Würdigung Brentanos in letzter Instanz dienlich sein konnte.

Zwei Jahre nach Kastils Brentanobuch nimmt der Phänomenologe und Logiker Paul Ferdinand Linke, der mit Kastil befreundet und zeitlebens ein Verehrer Brentanos war, mit einer Rezension Stellung. Linke zollt dem Autor Bewunderung für die Gesamtleistung, moniert aber den dogmatischen Stil und gibt zu bedenken, ob Kastil damit der Lehre Brentanos nicht mehr geschadet als genützt hätte. Bei allem Respekt vor den Leistungen Brentanos, äußert Linke, hätten sie ihn nicht vor Irrtümern bewahrt: „Und wir gestehen zu, dass Brentano nicht nur geirrt, sondern bisweilen gewaltig geirrt hat“ (Linke 1953, S. 98). Die Irrtümer Brentanos aufzuklären, kann nicht Gegenstand dieser Einleitung sein; wohl aber sind die Verfälschungen anzusprechen, die Alfred Kastil mit den Grundintentionen der Lehre Carl Stumpfs vornahm, die dann bis in jüngere Zeit Schule machten und Nachfolger ermutigten.6 ← XVI | XVII →

Die Polemik der Brentanoschule gegen Stumpf speist sich aus mehreren Quellen: Für Irritation sorgte ein nicht leicht nachvollziehbarer Tatbestand, nämlich dass Stumpf einerseits lebenslang, trotz zeitweiliger ungerechter und beleidigender Ausfälle und anhaltender Polemik Brentanos gegen ihn, eine von tiefer Zuneigung und großer Achtung zeugende freundschaftliche Beziehung zu seinem ehemaligen Lehrer aufrechterhielt und wiederholt öffentlich bekundete, aber andererseits in wissenschaftlichen Belangen sehr bald einen anderen Kurs einschlug, was sich sowohl durch das Werk als nun auch durch die Briefe Stumpfs belegen lässt. Warum Stumpf in der Öffentlichkeit seine persönliche Beziehung zu Brentano wesentlich harmonischer darstellte, als sie in Wirklichkeit gewesen war und in Bezug auf die philosophischen Inhalte mehr Konsens suggerierte, als de facto bestand, scheint dem dramatischen Beziehungsgeflecht der ersten Jahre seiner Begegnung mit Brentano geschuldet zu sein, worauf im nächsten Abschnitt einzugehen sein wird. Dass Stumpfs persönliche Anhänglichkeit an diesen Lehrer von Brentanos Adepten als geistige Abhängigkeit interpretiert werden konnte, während Stumpf in seinen wissenschaftlichen Arbeiten stets seine von Brentano abweichenden Ergebnisse deutlich machte, wenngleich stets in rücksichtsvoller, nie polemischer Art und Weise, rührt wohl schlicht daher, dass man sich nicht oder nur oberflächlich mit dem Werk Stumpfs befasste, was vornehmlich für die Auseinandersetzung mit Stumpfs „Tonpsychologie“ gegolten haben dürfte.

Stumpfs Doktorvater Hermann Lotze (1817–1881), zu seiner Zeit der Angesehenste auf deutschen Lehrstühlen der Philosophie und die in den Briefen am häufigsten erwähnte philosophische Persönlichkeit, äußerst sich in seiner „Geschichte der Ästhetik in Deutschland“ über das Verhältnis von Philosophie und Musik, das ab einem bestimmten Zeitpunkt den größten Konfliktstoff zwischen Brentano und Stumpf darstellte, folgendermaßen: „Musik hat selten zu den Lieblingen deutscher Philosophen gehört. Nicht viele von ihnen scheinen hinlänglich natürliche Fähigkeit ← XVII | XVIII → für diese Kunst und genug erworbene Kenntniß ihrer Werke besessen zu haben, um wirklich aus einem reichhaltigen Genuß heraus sich ihre allgemeinen Ansichten zu bilden“ (Lotze 1868, S. 461). Die Herausforderung für die Zeitgenossen lag aber nicht in diesem wenig freundlichen Urteil über das philosophische Desinteresse und/oder die mangelnde musikalische Befähigung als in Lotzes Überzeugung, dass gerade auf dem Feld musikalischer Forschung Grundwesentliches über den menschlichen Geist, sein kognitives Urteilsvermögen und sein emotionales Gemütsleben, zu erkunden und zu gewinnen sei. Lotze stand mit dieser, nicht nur ästhetisch, sondern auch epistemisch, ethisch und psychologisch weitreichenden Auffassung von Musik auch keineswegs allein da; er hatte auf der einen Seite bereits philosophische Vorläufer wie Johann Gottfried Herder und Johann Friedrich Herbart und an seinem Doktoranden Carl Stumpf den bedeutendsten Nachfolger einer philosophisch und experimentell gegründeten Musikästhetik und Musikpsychologie. Es ist auffallend, dass Stumpf sich in den Briefen an Brentano nur selten über Musik äußert und die tatsächliche Bedeutung Lotzes für ihn bemerkenswert marginal behandelt. Wie stark jedoch der musikalische Hintergrund Stumpf mit Lotze verband, ist aus Stumpfs Nachruf auf Lotze herauszulesen, dort urteilt Stumpf über Lotzes Beiträge zur Musik: „Ich wüsste nicht, was besonders über Musik Tieferes geschrieben worden wäre“ (1917, S. 15). In welchem Maße Brentano diesen Einfluss Lotzes in späteren Jahren ‚verdrängt‘ zu haben scheint und ihn als „Märchen“ abtat, demonstriert Dok. 276. Im Übrigen vermitteln Briefe Stumpfs an seinen Freund Wilhelm Scherer einen ganz anderen Eindruck über die wahre Bedeutung Lotzes für ihn.7

Leider ist Stumpfs zweibändige „Tonpsychologie“ einerseits für Philosophen und Psychologen ohne musiktheoretische Grundlagenkenntnisse ein Buch mit sieben Siegeln; andererseits steht dieses Jahrhundertwerk aber nicht isoliert da, sondern ist in eine Ära der deutschen Pionierphase der empirischen Psychologie eingebettet, die heute nicht mehr oder nur schwer zugänglich ist. Die deutsche Sinnespsychologie – in enger Konnexion mit der damaligen Physik und Physiologie der Sinne, mit der die Psychologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Weltruhm erlangte –, wurde zunächst durch Herbarts tonpsychologische Grundlagen initiiert, der sie wiederum in den Dienst einer empirischen Psychologie stellen wollte.8 Diese Vorgeschichte von Stumpfs Tonpsychologie kommt in den Briefen überhaupt nicht zur Sprache, obwohl ← XVIII | XIX → sie einen wesentlichen Grund für die erkenntnistheoretischen Differenzen zwischen Stumpf und Brentano bildete, worauf in Abschnitt 3 zurückzukommen sein wird. Der erkenntnistheoretisch zentrale Dissens zwischen Brentano und Stumpf – beider Auffassung über den Stellenwert der inneren und äußeren respektive sinnlichen Wahrnehmung – entwickelte sich im Rahmen der Kontroverse über die Bedeutung der visuellen und der akustischen Wahrnehmung für die Erkenntnis, wobei auf Brentanos Seite immer auch der metaphysische Kontext mitgedacht wurde. Der zunächst in diesem Kontext ausgetragene Dissens spitzte sich im Laufe der Jahre zu und griff auf andere psychologische Grundlagenfragen wie die der psychologischen Klassenbildung – ein zentrales Anliegen der Brentanoschen Psychologie, beispielsweise das Verhältnis von Kognition und Emotion betreffend – über.

Brentano und Stumpf hatten anfangs mit Rekurs auf die angelsächsische Erfahrungsphilosophie gemeinsam vertreten, dass Erkenntnis nur auf der Basis der Erfahrung zu gewinnen sei. Brentano hatte diesen Grundsatz aber schon früh in Bezug auf den Substanzbegriff eingeschränkt (für den Substanzbegriff gibt es kein Erfahrungskorrelat), während der junge Stumpf nach einer Lösung suchte, über die er in seiner ersten selbständigen Arbeit „Über den psychologischen Ursprung der Raumvorstellung“ (1873 erschienen) dann auch Rechenschaft ablegte. Schon der Titel bezeugt das Interesse an der sogenannten ‚äußeren Wahrnehmung‘, verrät aber nicht, dass die Grundlegung eines neuen Seelenbegriffs Hauptanliegen war.9 Brentano profilierte sich in seiner „Psychologie vom empirischen Standpunkt“ (1874 erschienen) als Vertreter der inneren Wahrnehmung, die nur dem inneren, primären und sekundären Objekt als intentionales Objekt und nur der inneren Wahrnehmung wahre Erkenntnis im Sinne evidenter Urteile approbiert, der sogenannten äußeren oder sinnlichen Wahrnehmung nicht nur die Erkenntnis, sondern auch den Realitätsgehalt abspricht, sie nach idealistischem Vorbild als ‚blinden Glauben‘ und bloßen Schein desavouiert.

Dagegen hatte der junge Stumpf in seiner Arbeit über die Raumwahrnehmung die erkenntnistheoretischen Weichen so gestellt, dass die äußere Wahrnehmung respektive sinnliche Empfindung durchwegs Realitätscharakter besitzt und auch zur Erkenntnis beizutragen vermag. Nach Stumpf waren Wahrnehmung und Wahrnehmungsinhalte insbesondere der sogenannten ‚höheren‘ Sinne, des Sehens und des Hörens, eine unverzichtbare Grundlage für die Entwicklung und Ausbildung der psychischen Funktionen, die Analyse der Vorstellungen, Urteile, Wertschätzungen und Gefühle an den visuellen und akustischen Erscheinungen respektive Empfin ← XIX | XX → dungen. Stumpf durchmusterte in seiner Arbeit über die Raumwahrnehmung das gesamte Spektrum der in früherer und zu seiner Zeit vertretenen Theorien zur visuellen Wahrnehmung, grenzte Letztere aber auch schon von einer Theorie des Hörens ab, da beide im Vergleich sowohl zu einem differenzierteren Seelenbegriff als auch zu einem differenzierten Gegenstandsverständnis Anlass geben.

Mit diesen epistemischen Grundvoraussetzungen, die in den Briefen nur sporadisch anklingen, an keiner Stelle ausdrücklich diskutiert werden, verbindet Brentano schon in den ersten Jahren des Briefwechsels metaphysische Reflexionen, die den Status der Seelensubstanz, den Gedanken an die Unsterblichkeit der Seele und ein prinzipielles göttliches Eingreifen zur Gewinnung des menschlichen Bewusstseins thematisieren, die er in seiner veröffentlichten „Psychologie“ mit Rücksichtnahme auf den Zeitgeist und die damalige Popularität einer ‚Psychologie ohne Seele‘ (durch Friedrich Albert Lange initiiert) gewissermaßen ‚einklammert‘, aber thematisch niemals loslässt, während Stumpf schon früh Bedenken bezüglich der logischen Schwierigkeiten des Substanzbegriffs, Zweifel an der empirischen Einlösbarkeit der Seelensubstanz äußert und mit zunehmender Insistenz das Eingreifen Gottes zur Erzeugung der menschlichen Seele, ein von Brentano nie aufgegebener Grundsatz seiner Psychologie, in Frage stellt.

Diese recht früh anklingenden, aber lange nur angedeuteten, nie ausdiskutierten Differenzen in den epistemischen und metaphysischen Grundlagen machen einen erheblichen Teil der Schwierigkeiten mit wesentlichen inhaltlichen Aspekten der Briefe aus, zumal das Lehrer-Schüler-Verhältnis einen anderen Eindruck suggeriert. Es ist auffallend, dass Stumpf in der Anrede der Briefe fast immer den „Lehrer“ mitführt, auch dann noch, als er selbst eine ganz und gar selbständige Position in der Wissenschaftswelt errungen und eine weite Distanz zu Brentanos Metaphysik eingenommen hatte. Man kann in diesem Verhalten eine Art Taktik in Bezug auf Brentanos Empfindlichkeit gegen Abweichungen von seiner Lehre vermuten. Jedoch scheint Brentano auch lebenslang für Stumpf diejenige philosophische Instanz gewesen zu sein, der er die größte geistige Kompetenz attribuierte und die ihn dazu motivierte, komplizierte Zusammenhänge wieder und wieder zu reflektieren.

Dennoch haben die bei Hermann Lotze in Göttingen zugebrachten ersten fünf Jahre des jungen Stumpf seine Psychologie wesentlich mehr geprägt als Brentanos Philosophie, der seinerseits freilich nicht unbeeinflusst durch Lotzes Psychologie war, wenngleich Stumpf wohl nie das emotionale Verhältnis zu Lotze gewann, das seine fast unerschütterliche Zuneigung für Brentano auszeichnet. Lotze, sowohl in Philosophie als auch in Medizin habilitiert, beherrschte perfekt das psycho-physiologische Wissen seiner Zeit und hatte 1852 mit einem brillanten Grundlagenwerk „Medizinische Psychologie oder Physiologie der Seele“, für einen Meilenstein psychologischer Forschung gesorgt, der heute, vornehmlich in psychologischer Perspektive ← XX | XXI → – möglicherweise im Schatten von Lotzes Freund Gustav Theodor Fechner – viel zu wenig Beachtung erfährt.10

Der Briefwechsel macht deutlich, dass Stumpf in seiner Göttinger Zeit in Bezug auf die Psychologie einen Kurs einschlug, der im Unterschied zu Brentano sofort die zu ihrer Zeit mächtig an Boden gewinnende naturwissenschaftlich-physiologische Seite der Psychologie mit im Visier hatte, die ja auch Lotze meisterlich beherrschte, ohne dass er oder Stumpf der naturwissenschaftlichen Seite das Übergewicht beimaßen, das beispielsweise Gustav Theodor Fechner und Wilhelm Wundt (in seiner Zeit als Assistent von Hermann von Helmholtz) ihr einräumten. Brentano hatte vorwiegend ein Interesse daran, die sinnesphysiologische Forschung im Hinblick auf psychologische und metaphysische Fragen in ihre Grenzen zu weisen und erhoffte sich das wohl auch von des jungen Stumpfs intensiver Beschäftigung mit dieser Richtung. Stumpf gewann ihr indes, für Brentano vermutlich unerwartet, zunehmend Interesse ab, ohne sie im Übrigen überzubewerten. Lotzes und Stumpfs stärker philosophisch und phänomenologisch geprägte Grundrichtung hing auch mit der Akzentsetzung musikästhetischer Grundlagenfragen zusammen, während weder Fechner noch Brentano einen tiefergehenden Zugang zur Musik gehabt zu haben scheinen. Immerhin bedeutete die im 19. Jahrhundert erfolgte wissenschaftliche Hinwendung zu der, in ihrer Komplexität von Philosophen häufig unterschätzten sinnlichen, insbesondere akustischen Wahrnehmung ein Novum für die Philosophie. Demgegenüber suchte Brentano von Anfang an und zunächst in Gegenposition zu dieser psycho-physiologischen Richtung als deskriptiver Psychologe allein auf der Basis der inneren Wahrnehmung Profil zu gewinnen, während er ab einem bestimmten Zeitpunkt und je mehr er sich metaphysischen Fragen zuwandte, der visuellen Wahrnehmung wieder die Bedeutung zurückzugewinnen suchte, die sie in philosophischer Perspektive traditionell hatte behaupten können.

Die Art und Weise, wie Brentano sich über Stumpfs Raumbuch in den Briefen äußert (vgl. Dok. 59, 60), spricht dafür, dass er es nur partiell gelesen hatte, dann wohl ← XXI | XXII → auch nicht die methodologischen Konsequenzen erkannte, die Stumpf bereits hier in dem Abschnitt „Theorie der psychologischen Teile“ (1873, S. 106 f.) für sein späteres phänomenologisches Werk und für seine Lehre vom Ganzen und den abtrennbaren und unabtrennbaren Teilen zog, die methodologisch bereits die Basis für das nachfolgende Werk bildete. Stumpf verbindet in dieser ersten selbständigen Arbeit über Struktur und Funktion der Wahrnehmung Korrekturen des Substanz- und Seelenbegriffs, die von der traditionell vertretenen rein punktuellen Seele wegführen und zu einem Seelenbegriff hinleiten, für den die Ausdehnungslosigkeit nicht mehr das entscheidende Wesensmerkmal ist, hingegen lebenslang für Brentano blieb. Allerdings erfuhr auch der Raumbegriff in mathematisch-geometrischen und physikalischen Kontexten zu dieser Zeit erhebliche Veränderungen.

Brentano kündigte wiederholt Untersuchungen über ‚binokulare Farbmischungen‘ an (Dok. 55, 58, 59), die darauf hindeuten, dass er schon zu dieser Zeit nach einer Alternative suchte zu Stumpfs Betonung der Differenzen zwischen dem visuellen und dem akustischen Sinn. Im Unterschied zu Stumpf und den Sinnesphysiologen der damaligen Zeit suchte Brentano anstelle der Differenzen nach Analogien zwischen dem Seh- und dem Hörsinn; der metaphysische Kontext dieser Analogiebildung wird noch zur Sprache kommen. Zunächst blieb es aber bei Andeutungen, die auch in späteren Briefen wiederholt auftauchen, bis Brentano mehr als zwanzig Jahre nach der ersten Ankündigung 1896 auf dem Internationalen Psychologie-Kongress in München, den Stumpf leitete, einen Vortrag über „multiple Qualitäten“ hält, der das Thema wieder aufgreift, aber wiederum erst zehn Jahre später in seinen „Untersuchungen zur Sinnespsychologie“ veröffentlichte (1907/1979). Auf diesen wichtigen Aspekt wird ausführlicher in Abschnitt 3 zurückzukommen sein.

Drei Jahre nach Erscheinen der Monographie über die visuelle Wahrnehmung und deren Fokussieren auf die Raumwahrnehmung erwähnt Stumpf erstmals experimentelle Untersuchungen zur akustischen Wahrnehmung (in Dok. 118). Die Interessenserweiterung auf das Hören erforderte nun eine viel längere Periode von fast zehn Jahren akribischer deskriptiver und experimenteller tonpsychologischer Forschung. Deren philosophische Gewichtung muss Brentano dann mit Erscheinen des ersten Bandes zur Kenntnis genommen haben, dessen Vorwort er ja auch gelesen hatte (vgl. Dok. 165). Aber eben nur das Vorwort! Das Werk selbst dürfte er ebenso wenig studiert haben wie den sieben Jahre später (1890) veröffentlichten zweiten Band der „Tonpsychologie“. Die Art und Weise, wie Brentano der Komplexität der sinnlichen Wahrnehmungsforschung im 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts gewissermaßen mit dem Geniestreich „abenteuerlicher Hypothesen“ zu begegnen suchte, wird weiter unten (Abschnitt 3) zu schildern sein. Mit der Realität der experimentellen Forschung und den dort, wenn auch kontrovers vertretenen Sachverhalten der Sinnespsychologie, hatten diese kühnen Hypothesen allerdings nichts gemein. ← XXII | XXIII →

Dass der Bereich der sinnlichen Wahrnehmung sich innerhalb der philosophischen Forschung nie besonderer Beliebtheit erfreute, resultiert aus ihrem idealistisch-rationalistischen Grundverständnis, das sie der Philosophie Platons, René Descartes’, George Berkeleys, Immanuel Kants verdankt; Brentano berief sich verschiedentlich in wichtigen Grundlagenfragen auf Descartes, während Stumpf kein Hindernis, vielmehr eine Notwendigkeit darin sah, neben der Bedeutung der Introspektion auch die sinnliche Wahrnehmung akribisch für die Erkenntnisgewinnung zu prüfen und zu würdigen. Letztere Einstellung machte die Grundtendenz seiner Auffassung von Phänomenologie aus.

Das überforderte auch allem Anschein nach weniger Brentanos Verständnis als vielmehr das seiner Adepten. Ihr Ansinnen, es nach dem Tod von Carl Stumpf so hinzustellen, als habe dieser klammheimlich Brentanos Lehre von der inneren Wahrnehmung verfälscht, verstößt gegen alle Standards wissenschaftlicher Redlichkeit. Drei Jahre nach Kriegsende meldete Alfred Kastil sich 1948 mit einer scharfen Kritik über Stumpfs im Zweiten Weltkrieg erschienene „Erkenntnislehre“ in der „Zeitschrift für philosophische Forschung“ zu Wort. Stumpf hatte das Werk Brentano im Andenken an dessen 100. Geburtstag gewidmet, an zahlreichen Stellen aber auch seine Abweichungen von Brentanos Metaphysik, Logik und Psychologie zur Sprache gebracht, die sämtlich in Zusammenhang mit beider unterschiedlicher wahrnehmungstheoretischer Basis zu sehen sind. Stumpf hatte diesbezügliche Differenzen aber auch schon zu Lebzeiten Brentano regelmäßig in seinen Veröffentlichungen kund getan und in den Briefen, die den Bretanoten, insbesondere Kastil, ja wohl hinlänglich bekannt waren, werden die kontroversen Auffassungen auch wiederholt diskutiert.

Dagegen meinte Kastil in seiner Rezension von 1948, dass Brentano, der sich ja selbst „nicht mehr zu wehren vermöchte“, gegen Stumpfs „Entstellung“ eines wichtigen Bestandteils der Lehre Brentanos (die Evidenz der innerer Wahrnehmung) verteidigt werden müsste und polemisiert sogleich mit dem ersten Satz seiner Rezension gegen Stumpfs phänomenologischen Basisansatz, indem Kastil die Relevanz der Sinneswahrnehmung überhaupt negiert: „In der neueren Erkenntnislehre“ heißt es auf Stumpf gemünzt, „spielt das Kapitel Sinneswahrnehmung eine größere Rolle, als ihm eingeräumt würde“, und moniert sodann pauschal einen Mangel, den man dem begrifflich stets penibel verfahrenden und logisch versierten Carl Stumpf nicht ankreiden kann, nämlich eine Fehlinterpretation der Sinneswahrnehmung in Folge von nachlässiger Begriffsverwendung, die nicht entstanden wäre, „wenn man es [das Kapitel Sinneswahrnehmung] frei von Begriffsverwechslung zu halten verstände“ (vgl. Kastil 1948: 198 ff.). Von Nachlässigkeit kann keine Rede sein, wohl aber von Kastils Wertung des jeweils anderen Verständnisses und Brentanos spezieller Deutung der sinnlichen Erscheinungen und deren Folgen für Metaphysik, Logik, Psychologie, vornehmlich Gefühlstheorie, worauf im 4. Abschnitt zurückzukommen sein wird. ← XXIII | XXIV →

Kastils Kritik betrifft denn auch keineswegs nur angebliche Begriffsverwechslungen in Bezug auf die Sinneswahrnehmung, sondern fundamentale Differenzen hinsichtlich des Logikverständnisses beider Philosophen und Differenzen im erkenntnistheoretischen Ansatz, die, ihrerseits wieder in metaphysischen Prämissen Brentanos wurzelten. Der bereits erwähnte Philosoph Paul Ferdinand Linke rehabilitiert in seiner Rezension des Kastilbuches gerade diejenigen Positionen Stumpfs, die Kastil, Erkenntnistheorie und Logik betreffend, kritisiert hatte. Linke zählte zu den wenigen Philosophen, die nach dem Zweiten Weltkrieg Stumpfs „Erkenntnislehre“ gelesen hatten und stellte in wichtigen Fragen der Logik und der Wahrheitstheorie Übereinstimmungen Stumpfs mit dem Logiker Gottfried Frege fest, den Linke schätzte und nach Kriegsende in philosophischen Kreisen bekannt machte.11

Details

Seiten
LXXXIII, 465
Jahr
2015
ISBN (PDF)
9783653045505
ISBN (ePUB)
9783653982909
ISBN (MOBI)
9783653982893
ISBN (Hardcover)
9783631653579
DOI
10.3726/978-3-653-04550-5
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Februar)
Schlagworte
phänomenologischen Bewegung Paradigmenwechsel Freundschaftsverhältnis Wissenschaftsentwicklung
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. LXXXIV, 465 S.

Biographische Angaben

Margret Kaiser-El-Safti (Band-Herausgeber:in)

Margret Kaiser-el-Safti studierte Pädagogik, Psychologie und Philosophie an der Universität zu Köln. Die Psychologin ist außerplanmäßige Professorin am Kölner Institut für Psychologie und Mitautorin des Historischen Wörterbuches der Philosophie.

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Titel: Franz Brentano-Carl Stumpf: Briefwechsel 1867–1917