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Über Literatur

Aufsätze aus vier Jahrzehnten. Reaktionell bearbeitet, mit einem Vorwort und Registern versehen von Eckehard Czucka

von Helmut Arntzen (Autor:in)
Monographie 351 Seiten

Zusammenfassung

Helmut Arntzen (1931–2014) zog mit dieser Auswahl von Aufsätzen die Summe seines Forscherlebens: alle Texte variieren das Thema «Sprachlichkeit» als Movens seiner Beschäftigung mit Literatur. Die Liste der behandelten Autoren mag gelesen werden als Kanon einer Moderne, die die Möglichkeiten bedeutungsvollen Sprechens in und als Literatur in der je gegebenen historischen Situation nutzt oder eben verspielt. Jeder Beitrag verzeichnet Positionen des Sprachdenkens, markiert notgedrungen oftmals jedoch Stationen fortschreitender Entsprachlichung und verzeichnet den Verlust von Sprachbewußtsein. Diese Entwicklungen festzuhalten und kritisch aufzeigen, darin sah Helmut Arntzen seine Aufgabe als Literaturwissenschaftler.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Eckehard Czucka Vom Verschwinden der Sprache aus der Literatur
  • Personen, Werke, Fragestellungen
  • Intention und Rezeption
  • Zur Redaktion
  • Barockes Trauerspiel Andreas Gryphius, „Carolus Stuardus“ – Daniel Casper von Lohenstein, „Sophonisbe“ (Aus einer Vorlesung im Wintersemester 1986/87)
  • Die Entstehung des barocken Dramas
  • Gryphius’ „Carolus Stuardus“
  • Lohensteins „Sophonisbe“
  • Lehrt die Fabel? Bemerkungen zur deutschen Tierfabel seit dem 18. Jahrhundert (1983)
  • Unerkanntes Bekanntes Zur Rezeptionsgeschichte und zur Interpretationsmöglichkeit von Goethes Gedicht „An den Mond“ (1987)1
  • „Soll hier dem Kruge nicht sein Recht geschehn?“ (1977/78)
  • Kleists kleine Prosa (1986)
  • Tiecks Märchenerzählungen oder die Ambiguität der romantischen Poesie Ein Vortrag (1988)
  • Anpassung und Widerstand Die deutsche Komödie zwischen 1820 und 1849 (1994)
  • Zur immanenten Poetologie der „Ernsten Komödie“ im 19. und frühen 20. Jahrhundert Nestroy, Gerhart Hauptmann, Sternheim, Horváth (2001)
  • Alles geht? Beliebigkeit und Form in der deutschen Lyrik der achtziger Jahre Ein Vortrag (1997)
  • Sprachverwirrungen Zum Prozeß negativer Bildung in deutschen Romanen des 20. Jahrhunderts Musil, Kafka, Horváth, Kempowski1 (1998)
  • „Geistiger Umsturz“ Zu den Kapiteln I, 15 und 16 von Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“1 (1990)
  • Varianten des Wahns in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (2003)
  • Weiterführende Literatur
  • Wissenschaft im Roman Fußnoten zu Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ (1995)
  • „Will ich in mein‘ Keller gehn …“ Zu einem Text Walter Benjamins* (1992)
  • Portrait Ernst Meisters (1997)
  • Ernst Meister – der Andere* (1993)
  • Das Echolot Literarische Collage als Sprachlehre (2000)
  • 1. Voraussetzungen
  • 2. Kempowskis Romane aus Redensarten
  • 3. Redensarten: Zur Geschichte des bewußtlosen Sprechens
  • 4. Das Echolot: Sprachmaterial-Sammlung zu „Stalingrad“
  • 5. Die Lilje- und die Ute Kreuder-Texte
  • 6. Ein Tageskapitel
  • 7. Sprachverlust
  • Satirische Redemimesis in der ‚Deutschen Chronik‘ von Walter Kempowski (2010)
  • Satire Eine Ergänzung (2004)
  • Die literarische Stadt im 20. Jahrhundert (1999)
  • Reflex und Reflexion der Jugendbewegung und ihrer Literatur in Kempowskis kollektivem Tagebuch „Das Echolot“* (2007)
  • Martin Walser, Tod eines Kritikers Mit zwei autobiographischen Notizen (2003)
  • Vollmanns Romane (2006)
  • Ein journalistisches Leben (2006)
  • Sachregister
  • Personenregister
  • Veröffentlichungsnachweise

Helmut Arntzen

Über Literatur

Aufsätze aus vier Jahrzehnten

Redaktionell bearbeitet, mit einem Vorwort und Registern versehen von Eckehard Czucka

Autorenangaben

Helmut Arntzen (1931 – 2014) war Universitätsprofessor und Direktor des Germanistischen Instituts der Universität Münster sowie P.E.N.-Mitglied.

Über das Buch

Helmut Arntzen (1931 – 2014) zog mit dieser Auswahl von Aufsätzen die Summe seines Forscherlebens: alle Texte variieren das Thema ‚Sprachlichkeit‘ als Movens seiner Beschäftigung mit Literatur. Die Liste der behandelten Autoren mag gelesen werden als Kanon einer Moderne, die die Möglichkeiten bedeutungsvollen Sprechens in und als Literatur in der je gegebenen historischen Situation nutzt oder eben verspielt. Jeder Beitrag verzeichnet Positionen des Sprachdenkens, markiert notgedrungen oftmals jedoch Stationen fortschreitender Entsprachlichung und verzeichnet den Verlust von Sprachbewußtsein. Diese Entwicklungen festzuhalten und kritisch aufzeigen, darin sah Helmut Arntzen seine Aufgabe als Literaturwissenschaftler.

Zitierfähigkeit des eBooks

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Inhalt

Eckehard Czucka
Vom Verschwinden der Sprache aus der Literatur

Barockes Trauerspiel
Andreas Gryphius, „Carolus Stuardus“ – Daniel Casper von Lohenstein, „Sophonisbe“
(Aus einer Vorlesung im Wintersemester 1986/87)

Lehrt die Fabel?
Bemerkungen zur deutschen Tierfabel seit dem 18. Jahrhundert
(1983)

Unerkanntes Bekanntes
Zur Rezeptionsgeschichte und zur Interpretationsmöglichkeit von Goethes Gedicht „An den Mond“
(1987)

„Soll hier dem Kruge nicht sein Recht geschehn?“ (1977/78)

Kleists kleine Prosa (1986)

Tiecks Märchenerzählungen oder die Ambiguität der romantischen Poesie
Ein Vortrag (1988)

Anpassung und Widerstand
Die deutsche Komödie zwischen 1820 und 1849 (1994)

Zur immanenten Poetologie der „Ernsten Komödie“ im 19. und frühen 20. Jahrhundert
Nestroy, Gerhart Hauptmann, Sternheim, Horváth (2001)

Alles geht?
Beliebigkeit und Form in der deutschen Lyrik der achtziger Jahre
Ein Vortrag (1997)

Sprachverwirrungen
Zum Prozeß negativer Bildung in deutschen Romanen des 20. Jahrhunderts Musil, Kafka, Horváth, Kempowski (1998)←5 | 6→

„Geistiger Umsturz“
Zu den Kapiteln I, 15 und 16 von Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ (1990)

Varianten des Wahns in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (2003)

Wissenschaft im Roman
Fußnoten zu Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“
(1995)

„Will ich in mein‘ Keller gehn …“
Zu einem Text Walter Benjamins (1992)

Portrait Ernst Meisters (1997)

Ernst Meister – der Andere (1993)

Das Echolot
Literarische Collage als Sprachlehre (2000)

Satirische Redemimesis in der ‚Deutschen Chronik‘ von Walter Kempowski (2010)

Satire
Eine Ergänzung (2004)

Die literarische Stadt im 20. Jahrhundert (1999)

Reflex und Reflexion der Jugendbewegung und ihrer Literatur in Kempowskis kollektivem Tagebuch „Das Echolot“ (2007)

Martin Walser, Tod eines Kritikers
Mit zwei autobiographischen Notizen (2003)

Vollmanns Romane (2006)

Ein journalistisches Leben (2006)

Sachregister

Personenregister

Veröffentlichungsnachweise←6 | 7→

Eckehard Czucka
Vom Verschwinden der Sprache aus der Literatur

Im Oktober 2014 reichte Helmut Arntzen die hier versammelten Aufsätze dem Verlag Peter Lang zur Veröffentlichung in der vom ihm auch herausgegebenen Reihe „Literatur als Sprache – Literaturtheorie, Interpretation, Sprachkritik“ ein; eine beigegebene Auflistung gab nicht nur Auskunft über frühere Publikationsorte, sondern legte auch die hier eingehaltene Reihenfolge der Texte fest. Bevor mit der Arbeit an dieser Publikation begonnen werden konnte, starb Helmut Arntzen am 26. November 2014.

Die Anordnung der Aufsätze folgt prima vista der Chronologie der behandelten Gegenstände und der der Lebensdaten der Autoren vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart des Jahres 2010. Gattungen wie das Barocke Trauerspiel, die Fabel, das Kunstmärchen, das Lustspiel des 19. wie des frühen 20. Jahrhunderts, die Lyrik Goethes wie die des 20. Jahrhunderts werden behandelt; Autoren wie Gryphius und Lohenstein, Goethe, Kleist, Tieck, Grabbe, Raimund und Nestroy, aber auch Bauernfeld, Gerhart Hauptmann, Sternheim, Horváth, Benjamin und Brecht, Musil und Kafka, dann der einzige Ernst Meister sowie Kempowski und Martin Walser sind in den Blick genommen. Untersuchungen zur ‚literarischen Stadt‘ und zu den Wirkungen der „Jugendbewegung“ in literarischen Darstellungen der Dreißiger Jahre und der Nachkriegszeit setzen deutliche thematische Schwerpunkte.

Personen, Werke, Fragestellungen

Dem ‚Barocken Trauerspiel‘ und seiner ‚spezifischen Sprachlichkeit‘ werden an den Beispielen des ‚Carolus Stuardus‘ von Gryphius und der „Sophonisbe“ von Lohenstein eine in dieser Form bislang ungewöhnliche Aufmerksamkeit entgegengebracht. Nach einem Blick auf die Entstehung des barocken Trauerspiels, die mit der „Comoedia“ „Von der Königin Esther und hoffertigen Haman“ und dem Jesuitendrama „Cenodoxus“ von Jacob Bidermann konturiert wird, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Dramenrede im ‚Carolus Stuardus‘ wie der „Sophonisbe“, die von Tyrann und Märtyrer bestimmt ist, deren Spezifisches aber in den „Abhandelungen“ liegt, in denen redend reflektiert, d. h. ‚abgehandelt‘, wird. Damit eröffnet sich ein neues Verständnis der Dramenfiguren, die nicht als „Handelnde, die zwar auf ihr Eingreifen ins Geschehen sich redend beziehen“,←7 | 8→ also agierend gesehen werden, „sondern als Reflektierende, die den Sinn dessen ergründen wollen, was geschieht und was als mehr oder minder unabwendbar angesehen wird.“ (S. 27) Darum sind die Figuren selbst bereits „Zuschauer, fiktionale Zuschauer, die den realen Zuschauer anweisen, ihre Perspektive mit- bzw. nachzuvollziehen.“ (S. 27) Als Bedeutungseinheit des Ganzen wird gesehen, daß von fast allen Figuren mindestens einmal das Wort „Trauerspill“ bzw. „Jammerspill“ gebraucht wird, also auch von den Gegenspielern Karls: „Eigentümlich genug: In einem Trauerspiel sprechen dessen Figuren mit Bezug auf das Dargestellte ebenfalls von einem Trauerspiel. Der Begriff ist […] ein wichtiger Repräsentant der Einheit, und zwar der Bedeutungseinheit des Ganzen.“ (S. 27)

Mit den „Bemerkungen zur deutschen Tierfabel seit dem 18. Jahrhundert“ wird eine Antwort auf die Frage „Lehrt die Fabel?“ entworfen. In einer intensiven Lektüre exemplarischer Fabeln (u. a. Lessings „Die Wasserschlange“; Gellerts „Die Biene und die Henne“) werden die literarischen Möglichkeiten eines ästhetischen Sprechens von Moral gezeigt, für die Triller, Stoppe, Hagedorn, Lichtwer, Gleim, J. A. Schlegel und Pfeffel stehen. Mit der Ausbreitung des „Empirieprinzips, das in der Literatur als Realismusprinzip aufgenommen wird“, setzt sich im 19. Jahrhundert die Auffassung durch, daß alle Rede von Tieren sich an ‚lebenswirklichen’ Beobachtungen zu orientieren habe, wie es bei Brehm beispielhaft zu sehen ist.

„Unerkanntes Bekanntes“ erkundet die ‚Rezeptionsgeschichte und Interpretationsmöglichkeit von Goethes Gedicht ‚An den Mond‘‘. In einer weitgefaßten Auseinandersetzung mit den Deutungsvorschlägen der Germanistik aus dem 19. und 20. Jahrhundert wird deren Ungenügen gezeigt, das v.a. in der restringierenden Orientierung an lebensgeschichtlichen Fakten der Goetheschen Biographie gesehen wird. Dagegen wird eine Lektüre gesetzt, die die sprachliche Verfaßtheit dieses Gedichts bis hin in kleinste lautliche Phänomene betrachtet, ohne die Aussage als lyrisches Sprechen zu übergehen.

Mit Kleist beschäftigen sich die beiden folgenden Aufsätze, in denen es um kommune Mißverständnisse geht. „Soll hier dem Kruge nicht sein Recht geschehn?” – der Titel zitiert aus der dramatischen Gerichtsverhandlung und wird auf das Drama „Der zerbrochne Krug“ angewendet, das durch Verkürzungen, die die Inszenierungspraxis wie die Rezeption bestimmen, auf den Topos vom ‚schuldigen Richter‘ reduziert wird. Dagegen wird die Rede der Figuren als permanentes Mißverstehen gestellt. Für „Kleists kleine Prosa“ wird konstatiert, daß es sich um Versuche handelte, in Aufsätzen und Zeitungsprojekten ein Publikum für die Darstellung des problematisch gewordenen Verhältnisses von Subjektivität und Öffentlichkeit zu gewinnen.←8 | 9→

„Tiecks Märchenerzählungen“ werden in die Tradition der Novelle wie des Märchens gestellt. Verhandelt wird „das Problem des Gegensatzes von empirisch-rationaler und poetisch-romantischer Welt als auch de[r] Gegensatz innerhalb der Poesie, der sich als der zwischen Gesang gewordenem Sinn und ästhetisierendem Klang begreifen läßt.“ (S. 129) Das Widersprüchliche ist für die Märchenerzählungen Tiecks ebenso unaufhebbar wie konstituierend und führt zur Einsicht in „die Ambiguität der romantischen Poesie“ (S. 117), die die gemäße Vermittlung nicht findet, aber als Äußerstes diese Spaltung darstellt. „Aber doch so, daß fast fühlbar wird, wie wahre Vermittlung, wie neue Poesie sich ereignen könnte.“ (S. 130)

„Die deutsche Komödie zwischen 1820 und 1849“ wird verortet zwischen „Anpassung und Widerstand“. Grabbes „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“, Büchners „Leonce und Lena“ und Nestroys ‚Talisman‘ werden als Exempel der Dramen aus der Restaurationszeit und aus dem Vormärz in die Tradition der „Ernsten Komödie“ gestellt, die die gesellschaftliche Welt als langweilig, repetitiv, trivial darstellt, in der das Individuum müßiggängerisch, menschenfeindlich, todmüde wirkt. Unter negativ konnotierten Begriffen wie Trivialität, Langeweile, Müßiggang, Besitzgier, Vorurteil, aber auch unter affirmierten Termini wie Menschenfreundlichkeit, Ordnung, Arbeit, Staat, Literatur, Revolution erscheint das in der phraseologischen, der jargonhaften Sprache entstellte Bewußtsein.

Von der „immanenten Poetologie der ‚Ernsten Komödie‘ im 19. und frühen 20. Jahrhundert“ handelt die Untersuchung, die die Lustspiele Nestroys, Gerhart Hauptmanns, Sternheims und Horváths zusammenfassend in den Blick nimmt und daran den von Arntzen geprägten Begriff der „Ernsten Komödie“ überprüft und modifizierend erweitert. Das Resümee lautet: „Die Emanzipation der Sprache in der Komödie führt alsbald zur Darstellung von deren historischer Verengung, ja von deren Verfall. Aber in der Fähigkeit, dies alles im Sprachbewußtsein kritisch zu bannen und auf ein Mögliches hin zu überwinden, erhält sich die Komödie als ernste.“ (S. 162)

Ein Vortrag stellt an die ‚deutsche Lyrik der achtziger Jahre‘ die Frage „Alles geht?“ und findet in der kritischen Betrachtung der Form als herausstechendes Merkmal „Beliebigkeit“, „weil das Zusammen- bzw. Gegeneinanderspiel von Rhythmus und Gedanke nicht mehr stattfindet.“ (S. 174) Abschließend findet sich ein Hinweis auf Ernst Meister als Gegenpol, dem zwei weitere Aufsätze gewidmet werden.

Ein Beitrag zum Genre des Bildungsromans steht unter dem Titel „Sprachverwirrungen. Zum Prozeß negativer Bildung in deutschen Romanen des 20. Jahrhunderts“ und zeigt an Texten Musils, Kafkas, Horváths und Kempowskis die←9 | 10→ literarische Darstellung Heranwachsender auf, die nachdrücklich von dem psychologisch basierten Modell des Adoleszenzromans abgesetzt wird.

In drei Aufsätzen zu Musils ‚Mann ohne Eigenschaften‘ werden Interpretationskonstrukte, die in der Forschungsliteratur häufig bemüht werden, wie „Jugend“ („Geistiger Umsturz. Zu den Kapiteln I, 15 und 16 von Musils ‚Der Mann ohne Eigenschaften‘ “) und „Wahnsinn“ („Varianten des Wahns in Robert Musils Roman ‚Der Mann ohne Eigenschaften‘ “) in einem romangeschichtlichen Sinn verstanden, der sich gegen psychologische Deutungen stellt. Für die Lesung von MoE 1, 15 und 16 wird das Essayhafte der beiden Kapitel herausgearbeitet, die sich – „wenn man die wenigen Stellen, die sich auf Ulrich und Walter beziehen, streicht“ – als ein Essay über die Jahrhundertwende lesen lassen, das die Jahrhundertwende „dem ‚zu Grabe gegangene[n]‘ Jahrhundert ‚in seiner zweiten Hälfte‘ konfrontiere (GW I, 54),“ „und zwar vor allem dessen Epigonalität und historistische Glätte“. – An der Figur des Frauenmörders Moosbrugger wird demonstriert, wie eine literarische Lesart die an Begriffen sich orientierenden Deutungsmuster dekonstruieren kann: indem Moosbrugger nicht als „der Fall eines empirisch-historischen Menschen namens X“, sondern „als ein Corpus von Sätzen und [eben] nicht [als] ein lebendiger oder toter Mensch“ (S. 206) gesehen wird, eröffnet sich eine Perspektive auf die Darstellung, die „Moosbrugger“ (als Figur wie als Fall) mit anderen Figuren des Romans, etwa Clarisse und dem General Stumm von Bordwehr, und bedeutsamen Facetten der Romanhandlung, vor allem mit der Parallelaktion und dem Anderen Zustand, in Beziehung setzen kann. – In „Fußnoten zu Robert Musils ‚Der Mann ohne Eigenschaften‘ “ wird die „Wissenschaft im Roman“ als Dargestelltes untersucht. Ulrich, der ‚Mann ohne Eigenschaften‘, wird als Wissenschaftlerfigur des beginnenden 20. Jahrhunderts („Er war zunächst Offizier, dann Ingenieur und ist zu Beginn des Romans Mathematiker, der noch eine Weile mit dem Gedanken spielt, Universitätsdozent zu werden.“ [S. 217]) entsprechenden Romanfiguren aus Texten der vorangegangenen Jahrhunderte gegenübergestellt; sie werden unterschieden von den Käuzen und Sonderlingen wie etwa dem Anatomieprofessor Dr. Katzenberger bei Jean Paul und ‚dämonischen Gestalten, wie sie etwa im Faust gipfeln‘ oder „wie sie schließlich als Großtechniker im trivialen science-fiction-Roman der zwanziger Jahre erscheinen“. Als besonders wird herausgearbeitet, daß „Ulrichs Denken ebenso wie die Konstellationen des Romans […] oft direkt oder indirekt bestimmt [sind] von der Frage nach der Bedeutung, der Leistung und dem Problem der Wissenschaft in der Moderne.“ (S. 218)

Biographische Angaben

Helmut Arntzen (Autor:in)

Helmut Arntzen (1931–2014) war Universitätsprofessor und Direktor des Germanistischen Instituts der Universität Münster sowie P.E.N.-Mitglied.

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Titel: Über Literatur