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Globalisierung in Zeiten der Aufklärung

Texte und Kontexte zur «Berliner Debatte» um die Neue Welt (17./18. Jh.) – 2 Teile

von Vicente Bernaschina (Band-Herausgeber:in) Tobias Kraft (Band-Herausgeber:in) Anne Kraume (Band-Herausgeber:in)
Andere 648 Seiten
Reihe: Hispano-Americana, Band 47

Zusammenfassung

Mit der Erkundung und Eroberung der Neuen Welt beginnt die Geschichte eines europäischen Bewusstseins von Globalisierung. Das Schlüsselthema unserer Zeit hat besonders in der Aufklärung Konjunktur. Die hierfür zentrale «Berliner Debatte» legt die entscheidenden Fragen zu den konkurrierenden Weltbildern zwischen Alter und Neuer Welt offen. Die beiden Bände bieten Forschungsgrundlage und Forschungsergebnisse zugleich: Band 1 analysiert in zahlreichen Fachbeiträgen die kultur- und wissenschaftshistorischen Perspektiven der «Berliner Debatte». Band 2 bietet erstmals einen repräsentativen Querschnitt ihrer Texte und Kontexte: Acosta, Garcilaso de la Vega, Fontenelle, Voltaire, La Condamine, Friedrich II., Alfieri, Raynal, Clavijero, León y Gama, die Enzyklopädisten, Georg Forster, Teresa de Mier, Alexander von Humboldt und Victor Séjour.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Band 1: Aktuelle Forschungsbeiträge
  • Globalisierung in Zeiten der Aufklärung
  • Zur Geschichte einer transarealen Debatte um die Neue Welt
  • Die »Berliner Debatte« um die Neue Welt: Globalisierung aus der Perspektive der europäischen Aufklärung
  • Wer sagt Zentrum, wer Peripherie?: Die Debatte um die Neue Welt in atlantischer Perspektive
  • Hypotheken des Wissens
  • Hypotheken des Wissens: José de Acosta und die Naturgeschichte
  • „Toda comparación es odiosa“ oder die Weltengeschichten der Menschheit: El Inca Garcilaso und die französischen Übertragungen der Comentarios reales
  • Europäische Aufklärung und Konstruktionen des (kolonialen) Anderen
  • Universale Xenophobie: Die Konstruktion des Anderen in der Geschichte
  • Preußische und spanische Legenden in Schwarz und Weiß: Vittorio Alfieris dramatische Tyrannenkritik an Felipe II. und Friedrich II
  • Antiheld gegen Antimachiavell?: Zur Darstellung der Ereignisse um die Eroberung Mexikos auf der friderizianischen Opernbühne in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
  • Globale Reflexionen: Verbindungen zwischen Alter und Neuer Welt in der Histoire des deux Indes von Raynal
  • „à peu près de la taille des Européens“: (Un-)Wissen und (Ohn-)Macht über den kolonialen Anderen in der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert
  • Neue-Welt-Diskurse zwischen den Meeren
  • Charles-Marie de La Condamines Amerika-Reise: Beobachtung und Darstellung
  • Bibliotecas viajeras: Wissenstransfer zwischen Europa und Amerika bei Francisco Javier Clavijero und fray Servando Teresa de Mier
  • Das Amerika der Aufklärung und die Hierarchie der Rassen: Kontroversen um die Geschichtsschreibung in der Encyclopaedia Britannica (1768–1788)
  • Die neue Welt des 18. Jahrhunderts: Georg Forster über Australien
  • Krise der Kategorien: Kulturdifferenz und Vergleich bei Alexander von Humboldt
  • Die Revue des Colonies: Ein alternatives Transfermedium Neuer-Welt-Diskurse?
  • Zu den Autorinnen und Autoren
  • Band 2: Texte und Kontexte
  • Texte und Kontexte zur »Berliner Debatte« um die Neue Welt
  • Historia Natural y Moral de las Indias
  • Comentarios Reales de los Incas / L’Histoire des Yncas, Roys du Peru
  • Nouveaux dialogues des morts
  • Alzire ou les Américains
  • Relation abrégée d’un voyage fait dans l’intérieur de l’Amérique méridionale
  • Montezuma. Tragedia per Musica
  • Filippo. Tragedia
  • Histoire des deux Indes
  • Storia antica del Messico
  • Descripción histórica y cronológica de las Dos Piedras
  • «Amérique» [unsignierter Beitrag]
  • «Amérique» [Cornelius de Pauw (1739–1799)]
  • «Humaine espèce» [Denis Diderot (1713–1784)]
  • «America» [wahrscheinlich James Tytler (1745–1804)]
  • «Neuholland und die brittische Colonie in Botany-Bay»
  • Escritos inéditos / Memorias
  • Vues des Cordillères et monumens des peuples indigènes de l’Amérique
  • «Le Mulâtre» [Victor Séjour (1817–1874)]
  • Reihenübersicht

Globalisierung in Zeiten der Aufklärung

Il n’y a pas d’evénement plus mémorable parmi les hommes, que la Découverte de l’Amérique. En remontant des temps présents aux temps les plus reculés, il n’y a point d’evénement qu’on puisse comparer à celui là; & c’est sans doute, un spectacle grand & terrible de voir une moitié de ce globe, tellement disgraciée par la nature, que tout y étoit ou dégéneré, ou monstrueux.

Quel Physicien de l’Antiquité eut jamais soupçonné qu’une même Planète avoit deux Hémisphères si différents, dont l’un seroit vaincu, subjugué & comme englouti par l’autre, dès qu’il en seroit connu, après un laps de siécles qui se perdent dans la nuit & l’abyme des temps?

Cette étonnante révolution qui changea la face de la terre & la fortune des Nations, fût absolument momentanée, parce que par une fatalité presqu’incroiable, il n’existoit aucun équilibre entre l’attaque et la défense. Toute la force & toute l’injustice étoient du côté des Européens: les Américains n’avoient que de la foiblesse: ils devoient donc être exterminés & exterminés dans un instant. (de Pauw 1768: I, 2vf.)

I

Seit ihrer zufälligen Entdeckung hat die Neue Welt1 immer eine Herausforderung für Europa dargestellt, und zwar von Anfang an eine sowohl politische als auch intellektuelle. So löste die Entdeckung eines ganzen Kontinents, einer bisher unbekannten Natur und einer Reihe von Völkern, von denen zuvor noch niemand jemals gehört hatte, auf der einen Seite einen langen Prozess des Nachdenkens und Forschens aus, der unweigerlich dazu führte, dass das bisher scheinbar feststehende Wissen nun doch in Frage gestellt, diskutiert und verändert wurde. Auf der anderen Seite verursachten die sich an die Entdeckung Amerikas anschließenden Erkundungs- und Eroberungsfahrten aber auch einen Prozess der beschleunigten Globalisierung, der unsere Auffassung von der Welt, von den Beziehungen zwischen den Menschen, die diese Welt bewohnen, und von der Art und Weise, wie wir versuchen, innerhalb dieser Welt zusammenzuleben, auf eine radikale Art und Weise verändert hat und noch immer verändert.2 ← 9 | 10 →

Unter dem Titel Globalisierung in Zeiten der Aufklärung: Texte und Kontexte zur »Berliner Debatte« um die Neue Welt versammelt dieser Band eine Reihe von Beiträgen zu dem Thema und verfolgt dabei das Ziel, aus den vielfältigsten Perspektiven die unterschiedlichen Gesichtspunkte zu präsentieren, unter denen man zu Zeiten der Aufklärung diese Herausforderung durch die Neue Welt und durch die durch ihre Entdeckung eingeleitete Globalisierung diskutiert hat. Oder, um es anders auszudrücken: Dadurch, dass dieser Sammelband von der Voraussetzung ausgeht, dass die Globalisierung im 18. Jahrhundert schon auf eine zweihundertjährige Geschichte zurückblicken konnte und dass ihre Probleme, ihre Eigenschaften und ihre Konsequenzen wesentliche Bestandteile der wissenschaftlichen, philosophischen, politischen, literarischen und künstlerischen Diskurse waren, möchte er aufzeigen, wie einige der wichtigsten Denker und Philosophen der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sich den offenen Fragen gestellt haben, die die Entdeckung der Neuen Welt zu Ende des 15. und zu Anfang des 16. Jahrhunderts aufgeworfen hatte, und wie sie diese Fragen im Verlauf von teilweise hitzigen Debatten weitergedacht, ausgeblendet und versteckt oder auch verändert und transformiert haben.

Es handelt sich also vor diesem Hintergrund vor allem darum, nachvollziehbar zu machen, wie man angesichts der globalen Verflechtung der abendländischen Ge ← 10 | 11 → schichte nachgedacht hat über die Gestalt der Welt und über die Möglichkeiten, sie zu regieren; über die Entwicklung der Natur- und Sittengeschichte (Historia Natural y Moral) der Menschheit und über die Rolle, welche die unterschiedlichen Kulturen in diesem Prozess einer zunehmenden Vernetzung im weltweiten Maßstab spielen können. Das bedeutet also: Globalisierung in Zeiten der Aufklärung.

II

Aber warum die Zeiten der Aufklärung?

Lassen wir uns auf dem Weg hin zu einer Antwort auf diese Frage ein wenig von Cornelius de Pauw führen. Das Zitat, mit dem diese Einleitung beginnt, entstammt der ersten Seite der einleitenden Überlegungen seiner Recherches Philosophiques sur les Américains, die 1768 in Berlin veröffentlicht wurden, also zu einem Zeitpunkt, zu dem dort die Aufklärung einen Höhepunkt erreicht hatte. Es zeugt darüber hinaus von der Faszination, die die Entdeckung Amerikas in diesen Jahren wieder auszulösen begonnen hatte und von dem besonderen Blick, den man damals auf die Geschichte des Kontinents und auf die Frage richtete, wie diese Geschichte darzustellen sein könnte. Wenn man das Auftauchen der Neuen Welt aus der Perspektive einer linearen Organisation der geschichtlichen Zeit betrachtet, dann stellt es einen historischen Einschnitt dar, ein Ereignis, das die Geschichte und die Menschheit tatsächlich in zwei voneinander getrennte Abschnitte unterteilt. In den Augen Cornelius de Pauws ist die Neue Welt nicht weniger als ein Bruch, ebenso in der Diachronie wie in der Synchronie seiner Weltsicht.

Brüchig wird die Diachronie, weil das Wissens- und Weltmodell der Antike, die nichts von einer Welt jenseits des Atlantiks wusste, nicht mehr in der Lage ist, zu einem Verständnis der Welt nach der Entdeckung Amerikas beizutragen. Damit wird die Antike immer mehr zu einem Abschnitt der Geschichte, der sich in der Dunkelheit der Zeiten verliert, und es beginnt eine neue Epoche, eine Neuzeit im Wortsinn. Brüchig aber wird de Pauws Weltsicht auch auf der Ebene der Synchronie, impliziert das Auftauchen eines neuen Kontinents und einer neuen Hemisphäre doch darüber hinaus den Eintritt der Menschheit in die Geschichte einer radikalen Alterität, einer nahezu unüberbrückbaren Kluft. Das Wissen der Neuzeit steht damit vor der erschütternden Erkenntnis, dass der Planet trotz der offensichtlichen Existenz zweier fundamental unterschiedlicher Welten und zweier fundamental unterschiedlichen Menschheiten (oder auch: einer Menschheit und einer Monstruosität) zugleich unteilbar ist, und dass deshalb auch seine Naturgeschichte eine gemeinsame ist.

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Abb 1:„Die Weltuhr“, in: Bromme, Traugott (Hg.) (1851): Atlas zu Alexander von Humboldt’s Kosmos in zweiundvierzig Tafeln mit erläuterndem Texte. Stuttgart: Krais & Hoffmann.

Nur ausgehend von diesem neuzeitlichen und planetarischen Wissen, das sich auf die Prinzipien einer Naturgeschichte, einer Histoire naturelle wie der von Buffon gründet, lässt sich jener grundsätzliche Wandel erkennen, der die Wahrnehmung der ← 11 | 12 → Erdgestalt und ihrer Geschichte, der die Sicht- und Richtbarkeit der Völker der Welt jetzt kennzeichnet. Nur ausgehend von diesem Wissen lassen sich die Gründe für die Einverleibung (de Pauw sagt wörtlich englouti) oder auch die Auslöschung der vermeintlich schwachen und degenerierten Bewohner des neuen Kontinents durch die Eroberer aus der Alten Welt verstehen. So ging man davon aus, dass die Américains aufgrund von Naturgegebenheiten, wegen des Einflusses der klimatischen oder geologischen Bedingungen, die sie ertragen mussten, in einer geradezu altertümlichen Zeit gelebt hätten, und dass deshalb ihr Auftauchen (und ihr Verschwinden) in der Geschichte der Menschheit nicht die überraschende Präsenz einer synchronen Divergenz bedeute, sondern vielmehr diejenige einer zwar anachronistischen, aber dennoch beständigen Kontinuität. Die kulturellen Unterschiede verwandeln sich so in Natur, die Neue Welt wird in die Alte integriert, um eine neue Weltordnung entstehen zu lassen, und die Vielzahl der Zeiten wird in einer natürlichen, teleologischen und auf ← 12 | 13 → Perfektionierung zielenden Linearität organisiert. „Der gesamte Planet bildet mithin eine Einheit, jene «Maschine des Globus», die sich freilich naturgeschichtlich gesehen gleichzeitig in erdgeschichtlicher Ungleichzeitigkeit befindet“, so Ottmar Ette in seinem Beitrag zum vorliegenden Band. Von hier aus zu dem Entwurf einer universellen Menschheitsgeschichte und zu der Einführung einer universellen Weltzeit ist es nur ein kleiner Schritt.3

Nun ist diese Art, einen historischen Diskurs zu konstruieren mit dem Ziel, all das in ein- und derselben Menschheits- und Naturgeschichte zu integrieren, was allem Anschein nach in radikaler und ungewöhnlicher Weise verschieden ist, einerseits zwar eine Erfindung des 18. Jahrhunderts – aber andererseits auch nicht. Denn diese Art des Blicks auf das Fremde schreibt sich nicht nur bereits in die Konstruktion der amerikanischen Alterität ein, so wie sie uns schon aus den Schriften von Christoph Kolumbus oder in denjenigen von Hernán Cortés begegnet, sondern sie ist zugleich auch Teil jener „universalen Xenophobie“, von der Wolfgang Reinhard im vorliegenden Sammelband ausführt, wie sie in der Renaissance mit der Wiedergewinnung der aristotelischen Texte theoretisch untermauert werden und sich so über die Aufklärung hinweg bis in unsere Zeit hinein entfalten konnte. Wie es die Vorstellung von bestimmten „Hypotheken des Wissens“ nahelegt, liegt dem Denken der Aufklärung nicht nur diese Frage der Alterität zugrunde, sondern auch jenes Problem, das schon die Geschichtsschreiber der Neuen Welt vor eine große Herausforderung gestellt hatte: nämlich wie man unterschiedliche Welten in eine einzige Welt integrieren könne. So macht Pablo Valdivia in seiner Lektüre der Historia natural y moral de las Indias des Jesuiten José de Acosta deutlich, dass dem Prinzip einer Buffon’schen Histoire naturelle oder auch den Recherches Philosophiques eines de Pauw bereits eine Verarbeitung der Neuen Welt als Projekt der Naturgeschichte zugrunde liegt, die versucht, das Historisch-Werden jenes eigentlich zwingenderweise geschichtslosen Teils der gerade darum Neuen Welt in die Geschichte der Alten Welt zu integrieren.4 Eine weitere Hypothek des Wissens ergibt sich aus den großen Reisen selbst, welche die iberische ← 13 | 14 → Expansion über den Ozean geführt haben und deren Bewegungsmuster verschiedene Dominanten im Verständnis dieser sich neu ordnenden Welt erzeugt haben. Schon im 16. Jahrhundert betonen die spanischen Geschichtsschreiber der Neuen Welt, aber auch diejenigen Chinas und anderer Erdteile, dass die Westroute, die Kolumbus auf seinem Weg nach Indien eingeschlagen hatte, im Gegensatz zu der portugiesischen Ostroute die einzige sei, die ein wirkliches Verständnis von der Gestalt der Welt ermögliche (vgl. Bernaschina 2013: 128–129). Diese Spuren bleiben im Laufe des ganzen 18. Jahrhunderts bestehen, und wie Helmut Peitsch in seinem Beitrag zu den Schriften Georg Forsters über Neuholland im vorliegenden Band herausarbeitet, schreiben sich auch Cooks Reisen in die Südsee und die Entdeckung des fünften Erdteils in die Geschichte der Wege nach Westen ein. Für Christian Wilhelm Dohm, damals Professor für Kameralwissenschaften in Kassel und Autor einer Geschichte des fünften Welttheils im Kleinen steht die Entdeckung Australiens gleichsam für eine „Offenbarung“. Ohne Zweifel musste man die Leistungen James Cooks gleichstellen zu denen eines Kolumbus und Magellan. Auch wenn der Weg nach Australien von Indien aus (und damit auch von der portugiesischen Ostroute aus) viel näher erscheint, steht die Entdeckung Australiens deshalb in enger Verbindung mit der Bewegung nach Westen und damit auch mit derjenigen Bewegung, mit der die Neuzeit beginnt und mit der jene neue Weltordnung ihren Anfang nimmt, die hinter der Neuen Welt aufscheint.

Die Grundsätze der Naturgeschichte, wie sie mit Macht im 18. Jahrhundert entwickelt wurden, zeugen von einem imperialistischen Willen, die Vielfalt der Welten auf das Wissensmodell einer Welt, eines Planeten und einer Zeitlichkeit hin zu reduzieren. Am Anfang seines jüngsten Buches Le monde plausible drückt Bertrand Westphal das folgendermaßen aus: „Le monde est longtemps resté un. Pour mieux dire, il s’est longtemps voulu un. […] Le monde un est la projection idéale de l’Occident, qui s’est vite trouvé son dieu et sa genèse, qui s’en est même trouvé plusieurs, rivaux.“ (2011: 9) Diese ideale Projektion ihrerseits ist es, die es uns erlaubt zu verstehen, warum viele der Texte aus dem 16. und 17. Jahrhundert geringgeschätzt und willentlich manipuliert wurden, um auch sie schließlich dem Vorbild des neuen Modells unterzuordnen. In seinem Beitrag zur Übertragung der Comentarios reales de los Incas des Inca Garcilaso de la Vega ins Französische zeigt Vicente Bernaschina deshalb, warum dieser Text über die Geschichte der Inkas, der von einem ihrer direkten Nachfahren geschrieben wurde, weder in seiner allgemeinen Struktur noch in seinen Details anerkannt werden konnte; warum es eine Gruppe von aufgeklärten philosophes für nötig hielt, ihm eine neue Gliederung zu geben, bestimmte Episoden wegzulassen, Fußnoten und Kommentare hinzuzufügen, und warum schon seit der ersten Übersetzung des Buches aus dem Jahr 1633 Cuzco, die Hauptstadt der Inkas, nicht, wie es im Original heißt, „ein anderes Rom in diesem Imperium“ sein durfte, sondern allenfalls ein zweites Rom. ← 14 | 15 →

III

Die Phänomene der Globalisierung, so sagt es Ottmar Ette in seiner wegweisenden Studie TransArea, können nur begriffen werden, wenn man „die Bahnungen und Geschichten früherer Globalisierungsphasen so zu fassen vermag, daß die Globalisierungen unter der Globalisierung strukturell hervortreten“ (2012: 22–23). Wenn wir außerdem anerkennen, dass die Ursprünge der Globalisierung auf die Entdeckung Amerikas zurückgehen und dass sich dieser langanhaltende Prozess Ottmar Ette zufolge in vier Phasen unterteilen lässt, in denen die Globalisierung in einer besonders beschleunigten Art und Weise stattgefunden hat (Ette 2012: 7ff.), dann wird auch einsichtig, dass die Aufklärung genau in der zweiten dieser Phasen zu verorten ist; in jener Phase nämlich, in der es zum ersten Wechsel an der Spitze der Mächte kam, die den Prozess der abendländischen Expansion angeführt haben. Die erste Phase beschleunigter Globalisierung – in den Worten von Serge Gruzinski die Phase der „mondialisation ibérique“ – verliert in dieser Zeit ihre Kraft, und andere Weltmächte wie England, Frankreich und Holland treten auf den Plan. Dadurch entsteht einerseits ein transnationaler Wettlauf um die Herrschaft über die Gebiete in Übersee und um ihre Kontrolle, und andererseits kommt es, wie schon erwähnt, zu einer Neuauflage jener Fragen, die schon die Missionare, Literaten, Philosophen und Geschichtsschreiber des 16. Jahrhunderts mit Blick auf die Neue Welt und ihre Bewohner aufgeworfen hatten. In der Überlagerung von Vergangenheit und Gegenwart und der rivalisierenden Präsenz verschiedener Kolonialmächte entstehen neue Formen, die Welt zu lesen und (über) sie zu schreiben. Formen, die mit der neuen globalen Ordnung der Imperien und Monarchien in Verbindung stehen und die wie diese versuchen, sich auf die Zukunft hin zu entwerfen.

Was beim Blick auf die Konstruktion des Wissens in dieser Zeit als erstes auffällt, ist der absolute Legitimitätsverlust früherer Erzählungen. Das autochthone Wissen fällt dieser Zäsur ebenso zum Opfer wie die zahllosen Reiseberichte aus den zurückliegenden zweihundert Jahren. Wie Ottmar Ette und Jorge Cañizares-Esguerra in den beiden Texten erläutern, mit denen dieser Band beginnt, entsteht in der europäischen Aufklärung eine auf Mutmaßungen beruhende Geschichtsschreibung, die sich von der Historiographie der Renaissance, von ihren Chroniken des »Gesehenen und Erlebten« grundsätzlich unterscheidet, und die anders als diese versucht, all die zirkulierenden Informationen um einige grundlegende und vor allem universelle philosophische Prinzipien herum zu organisieren. Jean-Jacques Rousseau formuliert damals den Wunsch, dass in Zukunft die Reisenden nur noch philosophes sein mögen, während Cornelius de Pauw, Diderot oder Guillaume-Thomas Raynal eher auf die kontemplative Haltung aus dem Zentrum des Wissens heraus setzen: Während in ihren Augen die Reisenden aufbrechen, um eingeschlossen in eine „maison flottante“ ← 15 | 16 → einige Weltgegenden zu erkunden, erschließen die Philosophen das ganze Universum mittels der Bücher in ihrer Bibliothek (Diderot 1951: 964, Ette 2000: 255–272).

Wie Karen Struve in ihrem der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert gewidmeten Beitrag zeigt, ist der Artikel über die «Humaine espèce» dort auf faszinierende Art und Weise wie eine Reise um die Welt strukturiert, in der sich nach und nach die unterschiedlichen Formen menschlichen Lebens hierarchisch unter dem Blick der Europäer ordnen. Nach d’Alembert ist die Encyclopédie „une espèce de Mappemonde qui doit montrer les principaux pays, leur position & leur dépendence mutuelle, le chemin en ligne droit qu’il y a de l’un à l’autre“. An dieser Stelle kommt der kartographischen Metapher tatsächlich entscheidende Bedeutung zu, weil diese Metapher auf eine Darstellung der Welt mit objektivem Anspruch zielt, wie sie nur dank der europäischen Wissenschaft überhaupt möglich wurde. Deshalb ist es die Aufgabe des philosophe in der Beschäftigung mit den Menschen in jenen entlegenen Weltgegenden, „jene Fremden in Relation zum Eigenen zu definieren“ und sie durch ihre Integration in die bestehenden Wissensordnungen näher an Europa heranzurücken (um in der räumlichen Metaphorik zu bleiben).

Während des 18. Jahrhunderts entstehen ausgehend von dieser spekulativen Lektüre von Geschichte unterschiedliche Arten, das vorhandene Wissen zu archivieren. Diese sollen immer auch dazu dienen, die europäische Überlegenheit zu begründen. In ihrem Beitrag zu Guillaume-Thomas Raynal und seiner Histoire des deux Indes weist Alix Winter in diesem Zusammenhang nach, dass sich die Argumentation hier weniger gegen die Kolonisierung der Neuen Welt als vielmehr gegen ihre Kolonialisierung richtet, dass also auch hier die Vorstellung von einer überlegenen europäischen Zivilisation vorherrschend bleibt. Raynals Abwägung der Vor- und Nachteile, die die Entdeckung und Eroberung der Neuen Welt für die alte gehabt hat, legt deshalb einen deutlichen Schwerpunkt auf die Nachteile. Allein die Erweiterung europäischen Wissens, die die Folge der Entdeckungsfahrten gewesen ist, sei als ein uneingeschränkter Vorteil der Entdeckung Amerikas anzusehen – was wiederum mit großer Dringlichkeit die Frage nach der adäquaten Organisation dieses Wissens aufgeworfen hat. In ihrem Artikel über die Geschichtsschreibung in der Encyclopaedia Britannica zur Zeit der Aufklärung zeigt Silvia Sebastiani, dass es diese Frage gewesen ist, die auch in Großbritannien und insbesondere in Schottland im Zentrum der aufklärerischen Debatten gestanden hat: Im Unterschied zur alphabetisch organisierten Encyclopédie von Diderot und d’Alembert setzte die englischsprachige Encyclopaedia darauf, das Wissen „in großen Abhandlungen“ und systematisch zu erschließen, um den ganz unterschiedlichen Bedürfnissen ihrer Leser gerecht zu werden, die von ganz einfachen bis hin zu den komplexesten Fragen reichen mochten. Das Wissen über die Neue Welt, das auf diese Art und Weise präsentiert wurde, hat sich im Laufe der Zeit in den verschiedenen Auflagen der Encyclopaedia verändert. So zeichnet die zweite Auflage im Rückgriff auf die History of America von William Robertson ein Bild der ← 16 | 17 → Amerikaner als „ignobles savages“ und rechtfertigt damit einmal mehr die europäische Kolonisation des neuen Kontinents, während die dritte Auflage diese negative Darstellung grundlegend revidiert und auch andere Stimmen zu Wort kommen lässt – diejenigen nämlich, die ein Wissen »von innen« für sich in Anspruch nehmen können. Nachdem die These von der amerikanischen Minderwertigkeit schon nach der Revolution der englischen Kolonien nicht mehr uneingeschränkt und ohne Probleme vertreten werden konnte, sind es Ende des 18. Jahrhunderts aus den spanischen Vizekönigreichen vertriebene Jesuiten wie der in Italien exilierte Francisco Javier Clavijero, die dem neuen kreolischen Selbstbewusstsein in ihren in Europa publizierten und dort breit rezipierten Schriften Ausdruck verleihen.

Vor diesem Hintergrund analysiert Anne Kraume in ihrem Beitrag nicht nur dessen materialreiche und wissenschaftlich argumentierende Storia antica del Messico, in der Clavijero die europäische These von der Geschichtslosigkeit und der daraus folgenden Minderwertigkeit Amerikas zurückweist, sondern auch die suggestiven und eher literarischen Strategien des ebenfalls aus Neuspanien stammenden Dominikanermönchs fray Servando Teresa de Mier, der den europäischen philosophes der Aufklärung in seinen Memorias das Wissen des gebildeten Kreolen entgegensetzt, der sich nicht nur auf die eigene Augenzeugenschaft, sondern auch auf die Kenntnis indigener Handschriften und Bilderzyklen aus Amerika berufen kann und der diesen erweiterten Blick dazu nutzt, ein Bild von Amerika und seinem Verhältnis zu Europa zu entwerfen, das die Neue Welt in ihrer Eigenständigkeit würdigt. Beide Interventionen, die von Clavijero ebenso wie die von fray Servando, sind so in einem diskursiven Zwischenraum zwischen Europa und der Neuen Welt anzusiedeln, in dem die Grenzen des Wissens immer wieder unterlaufen und in Frage gestellt werden.

In diesem Sinne kann die Aufklärung tatsächlich nicht als ein rein europäisches Projekt verstanden werden, das von Europa aus auf den Rest der Welt projiziert worden wäre, während dieser Rest der Welt es dann nur passiv übergenommen hätte. Die Aufklärung ist vielmehr ein transarealer und ein transkultureller Prozess, in dem sich aktiv verschiedene Blickwinkel und verschiedene Formen des Wissens kreuzen. Diese unterschiedlichen Blickwinkel und Wissensformen stammen ihrerseits aus verschiedenen historischen Kontexten und aus diversen Weltgegenden, sie bewegen sich hierhin und dorthin, bringen immer wieder neues Wissen (und neue Macht) hervor, wobei nicht zuletzt auch die Rolle aufgedeckt wird, die die Wissenschaften, die Künste, die Philosophie und die Literatur bei der Konstruktion und bei der Infragestellung eben dieses Wissens (und dieser Macht) spielen. Tobias Kraft zeigt in seinem Essay über Alexander von Humboldt, dass der Schritt der europäischen Wissenschaft in die Neue Welt und ihre Verflechtung mit der dortigen Geographie und Kultur und mit der dortigen Produktion von Wissen einen tiefgreifenden Wandel auslöst in der Art und Weise, wie die zentralen Kategorien von Wissenschaft gedacht worden sind. Man könnte also sagen, dass sich in der Wiedergewinnung (und nicht in der bloßen ← 17 | 18 → Aneignung oder Anpassung) der historischen Quellen der Neuen Welt – in jener Geste also, die zu vollziehen die philosophes und die Naturhistoriker der Aufklärung nicht in der Lage waren – ein neuer Weg für die Hypotheken des Wissens öffnet, oder zumindest ein Bewusstsein für diese Hypotheken und für die Grenzen der aufgeklärten Wissenschaft angesichts solcher Herausforderungen geschaffen werden kann.

Indem wir diese zweite Phase beschleunigter Globalisierung als einen Augenblick verstehen, in dem die Debatten der Vergangenheit und der Gegenwart in einem weltweiten Maßstab neu artikuliert wurden, erkennen wir auch an, dass es in diesem Augenblick Diskussionen und Debatten gegeben hat, die sich in die Zukunft hinein verlängern lassen und die auch unser eigenes Verständnis der Geschichte und der Globalisierung beeinflussen. Die Debatten um die Neue Welt in Zeiten der Aufklärung stellen sich so als eine Art auslösendes Moment für die Projektion von Neue-Welt-Diskursen in die Zukunft dar, von Diskursen, die (wie Gesine Müller ausführt) ihre materiellen Strategien ebenso wie ihre Strategien der Verbreitung von den aufgeklärten Wissensarchiven übernehmen. In ihrem Aufsatz zeigt Müller, wie eine in den (französischen) Kolonien produzierte Zeitschrift bereits in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in der Lage gewesen ist, die künstlerische und philosophische Produktion aus der kolonialen Peripherie in die Mutterländer und von dort wieder zurück in andere periphere Gegenden zirkulieren zu lassen, und wie sie dadurch nicht nur verschiedene, von Paris und anderen Zentren entfernt lebende koloniale Akteure miteinander in Kontakt gebracht, sondern außerdem auch gezeigt hat, wie diese Art der Wissensproduktion einen entscheidenden Beitrag zu leisten vermag bei der Infragestellung der Grundannahmen der Aufklärung.

IV

Alle diese Perspektiven auf das Ereignis der Neuen Welt – all diese Texte und Kontexte der Globalisierung in Zeiten der Aufklärung also – dienen darüber hinaus auch noch dem zweiten Ziel, das sich der vorliegende Sammelband gesteckt hat und von dem bereits sein Untertitel zeugt: Der Band will auch einladen zu einer kritischen Reflexion dessen, was wir die »Berliner Debatte« um die Neue Welt nennen können (vgl. Ette 2009: 45–68). Ausgehend von dem lange schon klassischen Buch von Antonello Gerbi über die Disputa del Nuovo Mondo ist der Bogen, den diese Diskussionen (von Cornelius de Pauw bis hin zu Hegel) spannen, interpretiert worden als philosophische und wissenschaftliche Beweisführung für die (vermeintliche) Minderwertigkeit Amerikas und seiner Bewohner im Vergleich zu Europa. So haben die neuen »global players« des 18. und 19. Jahrhunderts auf säkulare und moderne Art und Weise die kolonialen Argumente der Imperien früherer Jahrhunderte überarbeitet – mit dem Ziel, sich die Neue Welt mit Blick auf ihre eigenen Interessen zu ← 18 | 19 → eigen zu machen. Die Wissenschaften und das verfügbare Wissen der Zeit standen im Dienste der Ungleichheit, der Ausbeutung und der Bestätigung einer Weltordnung, in der die kolonisierten Gebiete den Hierarchien des alten Kontinents untergeordnet blieben. Wenn man aber die Konstellation aufmerksam betrachtet, in der sich einige der Protagonisten dieser Debatte um die Neue Welt bewegt haben, dann fällt auf, dass ein großer Teil der Auseinandersetzung ausgerechnet in Berlin und Potsdam stattgefunden hat – in einem Raum also, der zwar auch eine »kleine« Kolonialgeschichte vorzuweisen hat, der damals aber dennoch gerade nicht als kosmopolitisch oder gar globalisiert galt.5

Womöglich war es auch gerade deswegen so wichtig für Friedrich II., sich als aufgeklärten Monarchen darzustellen, eine intensive Korrespondenz mit Voltaire zu pflegen, politisch-philosophische Traktate zur Widerlegung Machiavellis zu schreiben, die Akademie der Wissenschaften zu Berlin neu zu gründen und ein großes Opernhaus dort bauen zu lassen. Es ist in hohem Maße interessant, dass ausgerechnet hier in Berlin im Jahr 1755 eine Art »Urszene« der Auseinandersetzung mit der Neuen Welt in der ersten Aufführung der Oper Montezuma inszeniert wurde; eben jener Oper, deren Libretto Friedrich II. persönlich geschrieben hatte. Es handelte sich dabei, wie Claudia Terne darstellt, um einen ästhetischen Vorschlag, zu dessen Realisierung sich der Monarch verschiedener historischer und dramatischer Quellen über die Eroberung Amerikas bedient hatte (etwa der Historia de la conquista de México von Antonio Solís y Rivadeneira, des Stückes Alzire ou les Américains von Voltaire und der Dialogues des morts von Fontenelle). Er präsentiert so ein Schauspiel, in dem die Figur des »guten Herrschers« oder auch des »natürlichen Herrschers« sich kritisch vor dem Hintergrund einerseits der sogenannten »leyenda negra« über das spanische Imperium und andererseits des von ständigen Kriegen heimgesuchten zeitgenössischen Europas abhebt. Es ist kein Zufall, so führt Terne aus, dass die Oper Montezuma ihre Uraufführung zehn Jahre nach den beiden ersten Schlesischen Kriegen (1740–1745) und nur ein Jahr vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) erlebte, eines Krieges also, der mit einigem Recht als einer der ersten weltweiten Kolonialkriege verstanden werden kann.

Bemerkenswert ist auch, dass Friedrich II. sofort nach seiner Thronbesteigung großes Interesse an der Erneuerung der alten Berliner Sozietät der Wissenschaften (die im Jahr 1700 von Leibniz gegründet worden war) gezeigt und sie in die Académie Royale des Sciences et Belles-Lettres umgewandelt hat. Avi Lifschitz zufolge war diese Erneuerung während der 1750er Jahre ein wichtiger Katalysator bei der Verwandlung Berlins in einen „intellectual melting pot, bringing together the different com ← 19 | 20 → munities of local Aufklärer, immigrant or itinerant French philosophes, and local Huguenotts (residing in the city since the late seventeenth century)“ (Lifschitz 2012: 65). Nachdem außerdem Maupertius im Jahr 1746 die Präsidentschaft der Akademie übernommen hatte, gewinnt dieser lose Zusammenschluss von zunächst nur lokalen Denkern durch den sehr viel intensiveren wissenschaftlichen Austausch mit den Hauptfiguren der französischen Aufklärung und durch ein gesteigertes Interesse an Themen von globalem Interesse eine weiter reichende Dimension.6 Und tatsächlich war es genau jene Akademie der Wissenschaften in Berlin, in der die Diskussion über die Neue Welt im September 1769 plötzlich eine unverhoffte Brisanz bekam, als Cornelius de Pauw (der Friedrich II. als Vorleser diente) dort in einem Vortrag die Thesen von der Minderwertigkeit der Amerikaner vorstellte, die er bereits ein Jahr zuvor in seinen Recherches philosophiques sur les Américains entwickelt hatte.

Die Gegend um Berlin und Potsdam stellt so eine neue Konfiguration dar, einen globalen Transit- und Bewegungsraum, der seinen Akteuren (neben de Pauw und Friedrich II. selbst etwa dessen Bibliothekar Pernety, aber auch Georg Forster, Alexander von Humboldt und Hegel) eine Reflexion über die Neue Welt erlaubte, die sich nicht notwendigerweise in den Dienst der kolonialen Interessen der europäischen Imperialmächte stellen ließ, sondern die sich ausgehend von methodischen, wissenschaftlichen und philosophischen Fragestellungen artikulierte. Auf diese Weise konnte die sogenannte »Berliner Debatte« die herrschende koloniale Ordnung und die daraus resultierende Interpretation der Welt auf ihre eigene und ganz besondere Art und Weise kritisch hinterfragen und diskutieren. Diese neue Interpretation der Welt hat auch mit einer neuen Organisation des Wissens zu tun, mit einer neuen Verwendung der Ressourcen von Wissenschaft und Künsten, und nicht zuletzt auch mit einer neuen Vorstellung davon, wie man sich zwischen den Mächten der alten und denen der Neuen Welt positionieren kann. Das zumindest deuten die dramatischen Werke von Vittorio Alfieri an, in denen dieser sich, wie Daniel Winkler zeigt, Preußen und seinem König gegenüber durchaus kritisch zeigt und der zu diesem Zweck nicht nur die politischen Strategien von Friedrich II. mit der alten Vorgehensweise von Philipp II. kurzschließt, sondern auch die bedingungslose Freiheit der Künstler und Philosophen den Königen gegenüber fordert. Diesen kritischen Blick auf die expansionistischen Absichten Preußens und die Ausnutzung der Wissenschaften zu diesem Zweck teilt er im übrigen mit Georg Forster – das stellt der Beitrag von Helmut Peitsch in diesem Sammelband deutlich heraus. ← 20 | 21 →

V

Die hier versammelten Arbeiten sind das Ergebnis des internationalen Symposiums Herrschaft – Legitimation – Wissen. Preußen und die Debatten um die Neue Welt, das am 16. und 17. November 2012 an der Universität Potsdam stattgefunden hat. Die einzige Ausnahme ist der Beitrag von Silvia Sebastiani, der wir dafür danken, dass sie uns die Möglichkeit eingeräumt hat, eine Übersetzung ihres ursprünglich auf Französisch in den Annales HSS publizierten Aufsatzes in unseren Band aufzunehmen. Unser Dank geht auch an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposiums, ohne deren Beiträge und Anregungen das vorliegende Projekt nicht zum Abschluss hätte geführt werden können.

Am 24. Januar 2012 wurde in Deutschland und besonders natürlich in Berlin und Potsdam der 300. Geburtstag von Friedrich dem Großen begangen. Während des ganzen Jahres gab es deshalb zahlreiche Ausstellungen, Musikaufführungen und Vorträge über die Figur des preußischen Königs und über die Welt, in der er gelebt hat. So hat sich beispielsweise die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg entschieden, den Charakter und die Weltsicht Friedrichs II. darzustellen mit dem Ziel, seine Risikobereitschaft hervorzuheben, sowohl mit Blick auf seine Handlungen als auch mit Blick auf seine Entscheidungen. Damit verfolgte man die Absicht, die Faszinationskraft der Epoche des aufgeklärten Monarchen sprechen zu lassen und der Öffentlichkeit nicht zuletzt auch weniger bekannte Aspekte seiner Persönlichkeit zu präsentieren. Die Staatlichen Museen zu Berlin, die Staatsbibliothek zu Berlin, das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, das Ibero-Ameri- kanische Institut Preußischer Kulturbesitz und das Staatliche Institut für Musikforschung ihrerseits realisierten unter dem Titel Kunst – König–Aufklärung ebenfalls ein gemeinsames Projekt, in dem sie verschiedene thematische Facetten aufgriffen, die mit der Person des Königs oder seiner Zeit verwoben waren. Die Ausstellung Homme de Lettres: Frederic, der König am Schreibtisch bemühte sich dagegen darum, das intellektuelle und besonders epistolare Umfeld zu erhellen, welches das historische und politische Werk des Königs geprägt hatte. Andere Ausstellungen wie Am Rande der Vernunft: Bilderzyklen aus der Aufklärungszeit oder Von mehr als einer Welt: Die Künste der Aufklärung legten den Schwerpunkt im Unterschied dazu weniger auf die Figur Friedrichs II. selbst als vielmehr in einem allgemeineren Sinne auf den Niederschlag, den die philosophischen und künstlerischen Diskussionen des 18. Jahrhunderts in den verschiedenen ästhetischen Medien gefunden haben. Dabei legten diese Ausstellungen einen besonderen Schwerpunkt auf den Umstand, dass und auf die Art und Weise, wie diese in der Lage gewesen sind, Weltgeschichte zu schreiben oder sogar neue Welten zu erfinden.

Angesichts all dieser Vorschläge und Perspektivierungen könnte es fast den Anschein haben, dass dieses Jubiläum von Friedrich II. auch Anlass gegeben hätte zu ← 21 | 22 → einer Sichtweise, die tatsächlich auch der globalen Dimension des Königs und seiner Zeit gerecht geworden wäre. Allerdings: Wenn man etwas genauer hinsieht, dann hat keine dieser Ausstellungen (vielleicht mit Ausnahme von China und Preußen: Porzellan und Tee und Friedrichs Montezuma) den Blickwinkel auf das Geschehen außerhalb Europas geweitet, indem etwa das politische Handeln Friedrichs des Großen in einer wirklich historischen und globalen Perspektive beurteilt worden wäre. Deshalb schien es uns unabdingbar, die Feiern rund um den Geburtstag des preußischen Königs mit einem internationalen Symposium zu ergänzen und dabei neue Möglichkeiten vorzuschlagen, das 18. Jahrhundert aus einer globalen und transarealen Perspektive zu interpretieren. Das Ziel, das wir mit unserer Tagung verfolgt haben, war damit ein doppeltes: Einerseits wollten wir die Debatten um die Neue Welt nachzeichnen, die rund um Berlin und Potsdam stattgefunden haben und in denen mit Blick auf die weltweiten Bewegungen von Personen und von Wissen unterschiedliche und durchaus auch gegensätzliche Formen vorgeschlagen worden sind, eine Ordnung für die Welt in ihrer beschleunigten Globalisierung zu denken. Andererseits wollten wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen versammeln (unter anderem aus der Romanistik, der Germanistik und den Geschichtswissenschaften), um nicht zuletzt auch eine inter- und transdisziplinäre Annäherung an die »Berliner Debatte« zu fördern. Denn in dieser Debatte kreuzen sich die verschiedensten Blickwinkel, deren Kenntnis auch in unserer aktuellen Phase der beschleunigten Globalisierung eine wesentliche Voraussetzung darstellt, um die durch sie beförderten Herausforderungen zu meistern.

Eine mögliche Lektüre dieser sich kreuzenden Perspektiven ist die, die wir auf den vorangegangenen Seiten schematisch zusammengefasst und präsentiert haben. Damit allerdings diese Lektüre sich nicht in einem bloßen Monolog erschöpft, schien es uns unerlässlich, den Aufsätzen aus dem Sammelband einen Materialienband zur Seite zu stellen, in dem die Denker der Globalisierung des 17. und 18. Jahrhunderts selbst zu Wort kommen. Auf diese Weise wollen wir nicht nur den zahlreichen unterschiedlichen Perspektiven Rechnung tragen, die aus der »Berliner Debatte« entstanden sind, sondern auch und vor allem deren großen narrativen Bogen nachzeichnen, der diese verschiedenen Perspektiven orientiert.

Wir danken der Philosophischen Fakultät der Universität Potsdam und der Potsdam Graduate School, ohne deren finanzielle Unterstützung unsere Tagung nicht hätte stattfinden können. Die Drucklegung der beiden vorliegenden Bände ermöglichte eine großzügige Förderung des Präsidiums der Universität Potsdam und ein Zuschuss der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften. Auch diesen beiden Institutionen und insbesondere Kerstin Schweigel vom Referat für Foschungsangelegenheiten der Universität Potsdam gilt unser Dank.

Potsdam/Berlin im Frühjahr 2015

Vicente Bernaschina, Tobias Kraft, Anne Kraume ← 22 | 23 →

Literaturverzeichnis

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Details

Seiten
648
ISBN (PDF)
9783653046304
ISBN (ePUB)
9783653977301
ISBN (MOBI)
9783653977295
ISBN (Hardcover)
9783631788950
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Juli)
Schlagworte
Naturgeschichte Geschichte Kolonialgeschichte Aufklärung
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 646 S., 5 s/w Abb.

Biographische Angaben

Vicente Bernaschina (Band-Herausgeber:in) Tobias Kraft (Band-Herausgeber:in) Anne Kraume (Band-Herausgeber:in)

Vicente Bernaschina ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Romanischen Seminar der Europa Universität Flensburg. Anne Kraume ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Romanistik der Universität Potsdam. Tobias Kraft ist Arbeitsstellenleiter in einem Forschungs- und Editionsprojekt zu Alexander von Humboldt an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin.

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Titel: Globalisierung in Zeiten der Aufklärung