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Die Abtönungspartikeln im DaF-Unterricht

Zur Effektivität der methodischen Vermittlung von Partikelbedeutungen

von Manja Montag (Autor)
Dissertation 355 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Vorwort
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 0 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit
  • 1 Die Abtönungspartikeln im Deutschen – eine Besonderheit
  • 1.1 Warum sind denn Abtönungspartikeln im Deutschen so wichtig?
  • 1.2 Kommunikative und kulturelle Kompetenz durch richtiges Gebrauchen der Partikeln
  • 1.3 Partikeln zum Ausdruck sozialer Techniken und Konventionen
  • 2 Die Rolle der Partikeln im DaF-Unterricht
  • 2.1 Die kommunikative Wende und der neue Fremdsprachenunterricht
  • 2.1.1 Einsprachigkeit und die Abkehr von grammatischen Erklärungen
  • 2.1.2 Teilnehmer lernen auf unterschiedliche Art
  • 2.2 Vermittlungs- und Lernprobleme bei den Abtönungspartikeln
  • 2.3 Welchen Stellenwert sollen die Abtönungspartikeln im DaF-Unterricht einnehmen?
  • 2.4 Didaktisierung von Abtönungspartikeln im DaF-Unterricht
  • 2.4.1 Partikeln als illokutive Indikatoren
  • 2.4.2 Didaktische Ansätze
  • 2.4.3 Bedeutungsminimalismus vs. Bedeutungsmaximalismus
  • 3 Lehrwerkanalyse
  • 3.1 Die Anfänger- und Mittelstufen A1-B1
  • 3.1.1 Schritte international
  • 3.1.1.1 Schritte international 1 und 2
  • 3.1.1.2 Schritte international 3 und 4
  • 3.1.1.3 Schritte international 5 und 6
  • 3.1.1.4 Fazit
  • 3.1.2 Tangram aktuell
  • 3.1.2.1 Tangram aktuell 1
  • 3.1.2.2 Tangram aktuell 2
  • 3.1.2.3 Tangram aktuell 3
  • 3.1.2.4 Fazit
  • 3.1.3 Stufen international
  • 3.1.3.1 Stufen international 1
  • 3.1.3.2 Stufen international 3
  • 3.2 Die Mittel- und Oberstufen B1-C1
  • 3.2.1 Aspekte
  • 3.2.2 EM neu
  • 3.2.3 Ziel
  • 3.2.3.1 Ziel B1+
  • 3.2.3.2 Ziel B2
  • 3.2.4 Mittelstufe Deutsch
  • 3.3 Fazit
  • 4 Erlernbarkeit der Abtönungspartikeln
  • 4.1 Frequente Abtönungspartikeln
  • 4.2 Der Partikeltest
  • 4.2.1 Intuitiv erlernbare Abtönungspartikeln
  • 4.2.2 Leicht erlernbare Abtönungspartikeln
  • 4.2.3 Schwer erlernbare Partikeln
  • 4.2.4 Fazit
  • 4.3 Unterrichtseinheiten mit mexikanischen Studierenden
  • 4.3.1 Spanische Entsprechungen für deutsche Partikeläußerungen
  • 4.3.1.1 denn in Fragesätzen
  • 4.3.1.2 doch
  • 4.3.1.2.1 doch in Aussagesätzen
  • 4.3.1.2.2 doch in Imperativsätzen
  • 4.3.1.3 eben in Aussagesätzen
  • 4.3.1.4 ja in Aussagesätzen
  • 4.3.1.5 etwa und vielleicht in Fragesätzen
  • 4.3.1.6 ja, aber, und vielleicht in Exklamativsätzen
  • 4.3.1.7 Intonatorische Differenzen
  • 4.3.2 Fazit
  • 5 Methoden zur Behandlung der Abtönungspartikeln im DaF-Unterricht
  • 5.1 Die systematische Behandlung ab A1
  • 5.1.1 Orientierung an der Lehrwerkprogression
  • 5.1.2 Orientierung an Handlungsfeldern und Sprechintentionen
  • 5.2 Die Behandlung der Partikeln ab B1/B2
  • 5.2.1 Freie Partikeldidaktik – ein Lehrmodell
  • 5.2.2 Gute Ansätze zur Partikeldidaktik in Lehrwerken und Grammatiken
  • 5.2.2.1 Modelle 3
  • 5.2.2.2 Übungsgrammatiken
  • 6 Die Wirksamkeit von Erklärungen
  • 6.1 Die Möglichkeit muttersprachlicher Erklärungen
  • 6.2 Ein Instrumentarium zum Verstehen und Selbstlernen der Partikeln
  • 6.3 Empfehlungen zum Unterrichten und Lernen der Abtönungspartikeln
  • 7 Fazit und Ausblick
  • Literatur
  • Anhänge

← 10 | 11 → 0 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

Das vorrangige Ziel dieser Arbeit ist es nicht, einen weiteren Beitrag zur Erforschung der deutschen Abtönungspartikeln zu leisten, sondern die längst überfällige Brücke zwischen der Linguistik und der Fremdsprachendidaktik zu schlagen. Mit anderen Worten: Die seit den sechziger Jahren umfassend und akribisch erforschten Partikelfunktionen sollen Eingang in das Fach Deutsch als Fremdsprache finden, wo sie bis jetzt immer noch nicht und wenn doch, dann nur marginal und unsicher von Lehrkräften behandelt werden. Woran liegt das und wie kann dieser Zustand geändert werden? Von diesen Fragen wird die Arbeit getragen, um die Antworten in verschiedenen linguistischen Strömungen, modernen Spracherwerbstheorien und der Partikelforschung zu suchen. Anhand von Lehrwerkanalysen, eigenen Unterrichtserfahrungen und kontrastiven Untersuchungen sollen anschließend einige konkrete und handfeste Lehrmethoden zur Vermittlung der Abtönungspartikeln entwickelt werden, die für den Unterricht des Deutschen als Fremdsprache praktikabel und leicht anwendbar sind. Dadurch, so bleibt zu hoffen, können diese auch Einzug in die Didaktik und die DaF-Lehrwerke halten.

Die Arbeit beginnt mit einer Darstellung der kommunikativen und kulturellen Bedeutung der Abtönungspartikeln in der deutschen Sprache, um damit gleichermaßen auch eine Begründung für die intensive Auseinandersetzung mit den Partikeln und das (seit nunmehr über 50 Jahren) fortwährende Insistieren der Linguistik auf der praktischen Übertragung, d.h. auf der didaktischen Vermittlung der Partikeln im DaF-Unterricht zu liefern. Dadurch sollen auch die letzten Zweifel über die hohe kommunikative Relevanz sowie über die große Funktionsvielfalt dieser häufig immer noch unbekannten und in der Unterrichtspraxis überwiegend ignorierten Wörter bei Lehrkräften und Deutschlernenden beseitigt werden.

Um die Rolle der Abtönungspartikeln in der Didaktik geht es im zweiten Kapitel, wo in einer nüchternen Darstellung die Einstellung von Lehrkräften zur didaktischen Vermittlung der Partikeln im DaF-Unterricht zusammen mit dem realistischen Bild der Sprachkursabsolventen und ihrer erreichten Sprachkompetenz nach Kursabschluss aufgezeigt werden. Daran schließt eine kritische Betrachtung der modernen Sprachlehrmethoden und der Dynamiken ← 11 | 12 → linguistischer Strömungen sowie der daraus resultierenden Modebewegungen in der Fremdsprachendidaktik an, die für diese Entwicklungen mitverantwortlich sind, weil sie den ideellen Rahmen der optimalen Sprachlehrmethoden setzen. Zudem wird in diesem Kapitel auf die besonderen Lernprobleme und Schwierigkeiten beim Unterrichten der Abtönungspartikeln eingegangen, um mit diesen Ergebnissen sowie anhand linguistischer Theorien und unterschiedlicher Sprachlernkonzepte auch schon erste didaktische Lehrmethoden aufzuzeigen und verschiedene Möglichkeiten zur expliziten Vermittlung der Partikeln vorzustellen.

Im Kapitel 3 wird eine sehr detaillierte Analyse und Kritik einiger moderner und etablierter Lehrwerke der Anfänger-, Mittel- und Oberstufen unter dem Aspekt der didaktischen Behandlung der Abtönungspartikeln durchgeführt. Dabei werden bereits bestehende didaktische Ansätze auf ihre Anwendbarkeit hin überprüft und ggf. mit praktischen Verbesserungsmöglichkeiten versehen, um diese Ansätze auch zukünftig im DaF-Unterricht besser nutzen zu können.

Das Kapitel 4 befasst sich mit der Erlernbarkeit einzelner Abtönungspartikeln auf der Grundlage von empirischen Ergebnissen, die mit einem Partikeltest erzielt wurden. Dieser Test soll Aufschluss darüber geben, welche Partikeln ungesteuert erworben werden können, welche leichter und welche schwieriger erlernbar sind und welche kommunikativen Faktoren und syntaktischen Konstellationen für das jeweilige Ergebnis mitverantwortlich sind. Darüber hinaus wird ein kontrastiver Sprachvergleich (Spanisch-Deutsch) anhand von Dialogübersetzungen durchgeführt, mit dem Ziel, diese empirischen Ergebnisse beispielhaft in einen kontrastiven Lehransatz zum besseren Verständnis der kommunikativen Partikelfunktionen zu integrieren. Die Übersetzungen (bzw. muttersprachlichen Entsprechungen) wurden von einer Gruppe mexikanischer Studenten vorgenommen, die an einem Partikel-Konversationskurs an der UANL in Monterrey unter meiner Leitung teilgenommen hat.1 Anschließend werden die Lehrmethoden präsentiert, die mit diesen Studenten durchgeführt und zu sichtbaren Ergebnissen hinsichtlich der Lernbarkeit von Partikeln sowie der optimalen Vermittlungsmethoden zur Didaktisierung der Abtönungspartikeln geführt haben.

In Kapitel 5 werden die erarbeiteten und differenzierten Lehrmethoden vorgestellt, die in den DaF-Unterricht zur Behandlung der Abtönungspartikeln übernommen oder als Anregung für die Erstellung einer gruppenspezifischen ← 12 | 13 → Partikeldidaktik verwendet werden können. Diese Ansätze können entweder thematisch oder grammatisch in die Lehrwerkprogressionen integriert oder auch frei und ergänzend im kommunikativen Unterricht benutzt werden. Dazu werden zahlreiche Verweise auf bereits bestehende und nützliche didaktische Ansätze zur methodischen Behandlung der Abtönungspartikeln in Lehrwerken und Grammatiken angegeben, auf die für die Erstellung oder Ergänzung einer individuellen Didaktik zurückgegriffen werden kann.

Im letzten Kapitel wird auf die Wirksamkeit von unterschiedlichen Erklärungsansätzen eingegangen, die auf verschiedenen Niveaustufen sowie in unterschiedlichen Sprechergruppen und Kurszusammensetzungen differenziert eingesetzt werden sollten und individuell ausgestaltet werden können. Zudem werden allgemeine und konkrete Empfehlungen zur Behandlung der Abtönungspartikeln im DaF-Unterricht gegeben. Außerdem werden in diesem Kapitel einige funktionale Übersichten für die häufigsten Abtönungspartikeln zur Verfügung gestellt, die sowohl für Lernende als auch für Lehrkräfte nützlich sein werden, die wichtigsten Partikelfunktionen in einer strukturierten Übersicht mit hilfreichen Verwendungsregeln zu verstehen und diese auch erklären zu können.

Im Fazit werden noch einmal zusammenfassend die Ursachen für das bisherige Unterlassen expliziter Partikelvermittlung im DaF-Unterricht sowie die Gründe aufgezeigt, warum die derzeitig vorhandenen Ansätze zur Partikelvermittlung nicht zum Lernziel führen bzw. nicht erfolgreich sind. In einem Ausblick wird auf die derzeitigen Errungenschaften und Entwicklungen sowie die zukünftigen Aufgaben in der Didaktik und der Sprachwissenschaft sowohl im Hinblick auf die Partikelvermittlung als auch hinsichtlich der allgemeinen Sprachlernmethoden im DaF-Unterricht eingegangen.

Zugunsten der besseren Lesbarkeit wurde auf die gleichzeitige Verwendung weiblicher und männlicher Personenbegriffe verzichtet und nur die männliche Form angeführt. Gemeint und angesprochen sind jedoch immer beide Geschlechter und die männliche Form der Personenbezeichnung schließt das andere Geschlecht ausdrücklich mit ein.← 13 | 14 →

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1 Universidad Autónoma de Nuevo León (UANL), die drittgrößte öffentliche Universität des Landes Mexiko.

← 14 | 15 → 1 Die Abtönungspartikeln im Deutschen – eine Besonderheit

1.1 Warum sind denn Abtönungspartikeln im Deutschen so wichtig?

Vielen Deutschen ist nicht bewusst, wie häufig sie die Abtönungspartikeln benutzen. Wenn jemand einem linguistisch ungeschulten deutschen Muttersprachler sagen würde, er dürfte ab heute keine Abtönungspartikeln mehr verwenden, hätte er fortan große Schwierigkeiten, einfachste Gespräche mit Freunden, Kollegen, Bekannten und der Familie zu führen. Sehr wahrscheinlich würden seine Äußerungen anders interpretiert oder missverstanden werden und der Deutsche hätte das unbehagliche Gefühl, nicht den vollen Inhalt dessen, was er zu kommunizieren wünscht und gewohnt ist, ausdrücken zu können.

Wie sehr der Gebrauch der Abtönungspartikeln im Deutschen konventionalisiert und sprachcharakteristisch – ja sogar unverzichtbar – ist, lässt sich ganz leicht durch unterschiedliche Tests nachweisen. Ein sehr einfach durchzuführender und m.E. sehr überzeugender Test ist der „Selbsttest“, wie ich ihn nenne. Ein Deutscher, der eine Unterhaltung in einer Fremdsprache mit anderen (muttersprachlichen) Sprechern der selben Fremdsprache führt, gelangt irgendwann an den Punkt, an dem er in der Fremdsprache ein adäquates Äquivalent zu einer Abtönungspartikel sucht, weil er das Gefühl hat, nicht das ausdrücken zu können, was er mithilfe der entsprechenden Partikel im Deutschen auszudrücken pflegt.2 Meistens findet dieser kein Äquivalent und ertappt sich dann selbst dabei, die fehlende Partikel in der Fremdsprache zu paraphrasieren oder durch andere sprachliche Hilfsmittel und scheinbar passende Wörtchen ← 15 | 16 → zu kompensieren, weil sonst das unbehagliche Gefühl einer nicht geglückten Aussage zurückbleibt. Auch Beerbom hat dieses Phänomen beschrieben und vergleicht die partikellose Sprache der Deutschlernenden (die sie als Ausländer verrät) mit der unidiomatischen Sprache der deutschen Muttersprachler, die in der Fremdsprache ein Äquivalent zu den deutschen Partikeln suchen, um sich aufgrund ihrer „inneren Programmierung“ adäquat ausdrücken zu können.3 Zumindest in meinen eigenen Gesprächen auf Spanisch mit Mexikanern und Spaniern bin ich oft in die so eben beschriebene Situation geraten und erachte diese persönlichen Erfahrungen als Beweis für die hohe kommunikative und gesprächsrelevante Bedeutung der Abtönungspartikeln in der deutschen Sprache.

Ein weiterer Test zur Verdeutlichung der starken Präsenz und hohen kommunikativen Bedeutung der Abtönungspartikeln im Deutschen ist der häufig durchgeführte Vergleich partikelhaltiger und partikelloser Dialoge, die einander gegenübergestellt und auf ihre Wirkung hin untersucht werden.4 Sowohl Deutsche als auch Ausländer klassifizieren die partikelhaltigen Dialoge dabei regelmäßig als natürlicher, authentischer und flüssiger als die partikellosen Dialoge. Diese Gegenüberstellung wird heute auch schon von einigen Lehrwerken als didaktisches Hilfsmittel und Instrument herangezogen, um die Deutschlernenden für dieses Sprachphänomen zu sensibilisieren.5 Erstmalig durchgeführt wurden solche Experimente Anfang der achtziger Jahre, z.B. von Weydt/ Harden/ Hentschel/ Rösler (1983), wo die psychologischen Wirkungen eines partikellosen und eines partikelhaltigen Dialoges anhand acht verschiedener zu bewertender Eigenschaften untersucht wurden.6 Dabei stellte sich heraus, dass der partikelarme Dialog von den deutschen Testpersonen als hölzern, kontaktschwach, abweisend und weniger freundlich als der partikelreiche Dialog wahrgenommen wurde.7 Seither wurde in der Linguistik und auch in der Sprachdidaktik häufiger angenommen, Partikeln würden die Äußerungen, in denen sie stehen, freundlicher machen.8 Diese weit verbreitete, irrtümliche Meinung veranlasste Weydt zwanzig Jahre später dazu, die Abtönungspartikeln auf den Aspekt der ← 16 | 17 → Freundlichkeit hin zu untersuchen.9 Er räumt das „Missverständnis“ der freundlichen Partikeln aus dem Weg, indem er nachweist, dass keine Partikel irgendein Element der „Freundlichkeit“ oder „Höflichkeit“ in sich trägt, sondern dass solche Eigenschaften durch den Kontext in die Äußerung hineingetragen werden.10 Die Partikeln selbst sind in ihren Kernbedeutungen konstant, aber eben nicht freundlich oder höflich.11 Sie wirken nur freundlich, weil sie erkennen lassen, dass der Sprecher den Hörer in seinen Äußerungen (partnerschaftlich) miteinbezieht.12 Sie signalisieren Anteilnahme, weil mit ihnen (neben der Proposition) sprachlich ausgedrückt wird, wie die Gesprächspartner einen Sachverhalt einschätzen und welche Erwartungen der Sprecher an den Hörer, den Wissensstand des Hörers und der allgemeinen Beschaffenheit der subjektiven Welt des Sprechers (Weltbild oder Weltanschauung) hat.

Ein sehr plausibler Test zur hohen Bedeutung und soziokulturellen Verankerung der Partikeln in deutschen Gesprächen ist auch ein kurzer analytischer Blick in die modernen, kommunikativen DaF-Lehrwerke, die von partikelhaltigen Dialogen leben und auch sonst nicht sparen mit der Partikelverwendung in allen möglichen Übungen, Satzstruktur- und Dialogbeispielen. Spätestens hier wird klar, dass der Partikelgebrauch so hochgradig sprachcharakteristisch und konventionalisiert ist, dass die Partikeln ein Bestandteil des expliziten DaF-Unterrichts sein müssen, da sonst unmöglich ein idiomatisches Deutsch unterrichtet werden kann, das die sprachlichen und soziokulturellen Konventionen mitberücksichtigt und die Lernenden befähigt, authentische Gespräche mit Deutschen zu führen.

Nicht nur muttersprachliche Sprecher des Deutschen erwarten in bestimmten Positionen eine Partikel sondern auch der Redefluss erfordert im Deutschen, um natürlich zu wirken, ihren Gebrauch.13 Diese Tatsache steht im Widerspruch zu der marginalen Rolle der Partikeln im DaF-Unterricht. Sobald der Lernende nämlich seine Kenntnisse in natürlicher Umgebung verwendet, trifft er auf gewisse Erwartungen bezüglich der Realisation des Expressiven.14 Im folgenden Kapitel soll aufgezeigt werden, welch entscheidende Mittlerrolle den ← 17 | 18 → Abtönungspartikeln in der gesellschaftlichen und soziokulturell determinierten Kommunikation zuteil wird.

1.2 Kommunikative und kulturelle Kompetenz durch richtiges Gebrauchen der Partikeln

Sowohl der kommunikative Wert als auch der kulturelle Gehalt partikelreicher Sprache ist den meisten Deutschen und selbst vielen (muttersprachlichen) DaF-Lehrern nicht bekannt oder aufgrund der uneinheitlichen und oft ungenauen Darstellungen zu den Partikelbedeutungen in den Grammatiken bisher verborgen geblieben. Dabei sind Abtönungspartikeln in der deutschen Alltagssprache sowie auch in den DaF-Lehrwerken omnipräsent. Dietmar Rösler verwies schon im Jahr 1983 auf den kulturellen Aspekt des Partikelerwerbs im DaF-Unterricht:

„In dem Moment, in dem klar wird, daß diese kleinen Dinger keine direkten Entsprechungen in der Ausgangssprache haben und daß sie ein wichtiges Ausdrucksmittel im Deutschen sind, ist ein Interesse geweckt, das über ein sprachliches hinausgehend interkulturelle Momente enthält; den Lernenden wird klar, daß sie sich nicht nur ein paar Worte aneignen müssen, mit denen sie anfangs noch nichts so recht anfangen können, sondern daß sie einer Eigenart des Deutschen auf der Spur sind; einer Eigenart zudem, die in Widerspruch zu stehen scheint zu dem angeblich so Direkten, Unverbindlichen, Unhöflichen, das oft das Deutsche in ihren Augen gegenüber ihrer eigenen Ausgangssprache auszuzeichnen scheint.“15

Die Abtönungspartikeln im Deutschen erfüllen eine ganz bestimmte Funktion, die nach Busse darin besteht, dass sie als Hinweismittel auf vom Sprecher vorausgesetztes Wissen gebraucht werden.16 In der Linguistik wird dafür der Begriff „Präsupposition“ verwendet. Bei Burkhardt drücken Abtönungspartikeln Präsuppositionen des Sprechers aus, die sich auf das Wissen des Hörers einerseits und auf die gemeinsame Situation andererseits beziehen können.17 Demnach seien versteckt mitgeäußerte Propositionen bzw. zusätzliche implizite Behauptungen, die, „wenn sie sich auf Annahmen des Sprechers hinsichtlich der gemeinsamen Situation oder des Wissens des Hörers beziehen, als pragmatische Präsuppositionen zu bestimmen.“18

Häufig wird von Abtönungspartikeln als einstellungsregulierenden Partikeln gesprochen, die bestimmte Einstellungskonstellationen herstellen, diese dabei ← 18 | 19 → jedoch selbst nicht ausdrücken.19 Nach Wolski rangieren die Partikeln über den Einstellungen, die dann allerdings mit anderen „attitudinalen“ Ausdrucksmitteln ausgedrückt werden.20

Nach Werner können in einer sprachlichen Handlung prinzipiell alle Informationen enthalten sein, die – orientiert an Bühlers Organon-Modell – die Beziehungen zwischen dem Sprecher, dem Hörer und der Welt betreffen.21 Zu solchen Informationen gehören demnach ein bestimmtes (kulturell geprägtes) Weltwissen, das Vorwissen von Sprecher und Hörer übereinander sowie das Wissen über die Situation von Sprecher und Hörer in der Welt.22 Diese Informationen bezeichnet Werner als Präsuppositionen, die kulturell bedingt und sprachspezifisch sind.23 Lernende einer Fremdsprache sind zunächst in ihrer eigenen Kultur eingebunden und müssen die „Dekodierung der sprachlichen Realisierung der Informationen“ über die kulturspezifischen Beziehungen erst lernen.24 Im konventionellen Sprachunterricht lernen die Teilnehmer in der Regel nur wenig über die Informations(de)kodierung der sprachlichen Realisierungen, die sich nicht auf die Proposition beziehen. Dadurch werde es versäumt, Sprachnuancen zu vermitteln, die wichtige Hinweise über die zwischenmenschlichen Beziehungen geben, die man verstehen müsse, wenn man sich in der zielsprachlichen Umgebung zurechtfinden wolle.25 Abtönungspartikeln sind nach Werner diejenigen sprachlichen Mittel, die sich neben den außersprachlichen und intonatorischen Mitteln am flexibelsten an einer konkreten Interaktion orientieren. „Sie geben Hinweise auf Beziehungen, auf Präsuppositionen und andere semantische und pragmatische Parameter der Interaktion, die in der aktuellen Äußerung eine Funktion haben, die vom Hörer aus der konkreten Situation erschlossen werden muss.“26 Es sei unumgänglich, in einer Fremdsprache Sensibilität dafür zu entwickeln, was in welcher Situation gesagt werden kann. Dieses Sprachgefühl könne darüber hinaus durch viele Informationen und Erklärungen über die Kultur, Eigenheiten der Sprache und andere Faktoren, die sich in der Sprache widerspiegeln, gefestigt und objektiviert werden.27

← 19 | 20 → Weydt begründet die starke Kontextbindung der Partikelbedeutungen mit dem Prinzip der Sprachökonomie. Demnach bestehe das Sprechen nicht darin, die zu bezeichnenden Sachverhalte möglichst genau zu beschreiben, sondern gerade umgekehrt darin, einen möglichst geringen Gebrauch von Sprache zu machen und dabei so stark wie möglich das bei den Kommunikationspartnern ohnehin vorhandene Situations- und Kontextwissen zu benutzen.28

Bei Luchtenberg rekurrieren viele Abtönungspartikeln (wie doch, ja, denn, aber, mal und eben) auf kultur- und gesellschaftsspezifisches Alltagswissen und erfüllen daneben auch noch andere kommunikative Aufgaben, wie z.B. die Zurückweisung einer Äußerung oder Meinung oder die Überraschung über eine Äußerung.29 Das Alltagswissen bezieht sich dabei auf den familiären Bereich, den Wissensbereich einer Gesellschaft (die Selbstverständlichkeiten des Lebens, Traditionen und kulturelle Erfahrungen) und das sprachliche Wissen, wozu die Kenntnis und die Gebrauchsregeln sprachlicher Routineformeln (welche häufig Abtönungspartikeln enthalten), idiomatischer Wendungen, Stile und Registerwahl gehören.30 Partikeln, mit denen Alltagswissen angesprochen wird, beziehen sich auf einen soziokulturellen Kontext, der für eine Gruppe oder Gesellschaft als bekannt angenommen wird. Sprecher anderer Muttersprachen kennen diesen Kontext nicht, er gehört somit nicht zu ihrem Alltagswissen. Aus diesem Grunde zählt Luchtenberg die Abtönungspartikeln mit Bezug zu Alltagswissen zu den soziokulturellen Verständnisschwierigkeiten.31

1.3 Partikeln zum Ausdruck sozialer Techniken und Konventionen

Harden/ Rösler bezeichnen den Gebrauch von Abtönungspartikeln als „social technique“, die für das verbale Verhalten von Deutschen spezifisch ist.32 „Social techniques“ seien bestimmten Konventionen unterworfen, die ihrerseits mit bestimmten Erwartungen verknüpft sind.33 „Man erwartet z.B., wenn man jemandem Blumen mitbringt, ein erfreutes Erstaunen, d.h., neben der entsprechenden Mimik und Gestik auch eine Äußerung wie „Die sind aber schön“ oder ← 20 | 21 → „Das ist aber nett“.“34 In jeder Sprache werden solche Konventionen mit unterschiedlichen sprachlichen Mitteln ausgedrückt. Im Englischen ist die Intonation ein wichtiges kommunikatives Instrument der sozialen Interaktion, in anderen Sprachen werden bestimmte Erwartungen, Einstellungen, Unterstellungen etc. eher lexikalisch oder syntaktisch zum Ausdruck gebracht. Nicht alle Sprachen realisieren solche interaktionalen Beziehungsaspekte mit Abtönungspartikeln und wenn sie es tun, dann viel weniger als im Deutschen.35 Auch die Konventionen selbst können zwischen den verschiedenen Sprach- und Kulturräumen sehr unterschiedlich sein. Der Gebrauch von Abtönungspartikeln ist also ein sprach- und kulturspezifisches Phänomen. Wer eine neue Sprache lernt, betritt demnach auch einen neuen Raum kultureller und sozialer Konventionen, die sich von denen der Herkunftssprache und des Herkunftslandes unterscheiden. Diese müssen also mitgelernt werden, wenn Deutschlernende ein hohes und authentisches Sprachniveau in der Zielsprache erlernen wollen und auch gelingende Unterhaltungen mit Sprechern der Zielsprache führen bzw. sich auch sozial in die Sprechergruppe integrieren möchten. Die gesellschaftlichen Konventionen und Interaktionsformen bilden gewissermaßen die kommunikative Plattform der praktischen Sprachanwendung, auf der das theoretisch Erlernte exerziert wird.

Auch nach Zimmermann hängen die Abtönungspartikeln – als „Deixis“ in Bezug auf interaktionale Beziehungsaspekte und psychische Einstellungen – ganz eng mit dem handlungsrelevanten Alltagswissen zusammen.36 Das bedeutet im einzelnen, dass gewisse Unterstellungen, interpersonale Beziehungen und Erwartungen in bestimmten Sprachgemeinschaften beim Kommunizieren in bestimmten Situationen zum Ausdruck gebracht werden dürfen, sollen oder müssen, in anderen hingegen nicht.37 Eine neue Fremdsprache zu lernen bedeutet demnach, den ganzen Hintergrund des Alltagswissens mitzulernen, also auch die Verwendung der Abtönungspartikeln im Deutschen. Nach Harden/ Rösler ist die Interaktion stark behindert und kommt eventuell sogar vollständig zum Erliegen, wenn Konventionen dieser Art ständig missachtet werden.38

← 21 | 22 → Steinmüller formuliert die sozialpsychologischen Konsequenzen des Nichtgebrauchens der Abtönungspartikeln für die Ausländer in Deutschland folgendermaßen:

„In dem Maße, wie Ausländern – wie gut und „korrekt“ sie die deutsche Sprache auch immer beherrschen mögen – diese die kommunikative Tätigkeit gliedernden, nuancierenden, modifizierenden Mittel, die Möglichkeiten der Abtönung, fehlen, fehlt ihnen – anscheinend – die Modifikationsbereitschaft, die Konzilianz und Verbindlichkeit, die Möglichkeit der Konsenspostulierung usw. Sie laufen daher Gefahr, auf ihre deutschen Gesprächspartner schroff und unverbindlich zu wirken, Aversionen zu provozieren und damit die Akzeptabilität ihrer kommunikativen Tätigkeit zu gefährden, auch wenn die Verständlichkeit möglich sein sollte.“39

Das Verstehen und der richtige Gebrauch der Partikeln sind also insbesondere auf der sozialen Ebene der Kommunikation relevant. Gerade für Ausländer in Deutschland, die Deutsch als Zweitsprache – gesteuert oder ungesteuert – erwerben, sind die Abtönungspartikeln von besonderer Bedeutung für die Kommunikation mit Deutschen, weil sie „die Stütze des gruppenbildenden Konsenses“ sind und somit maßgeblich zum Zugehörigkeitsgefühl und schließlich auch zur sozialen Integration beitragen können. Daneben kommt den Partikeln auch noch eine kommunikationsstrategische Bedeutung zu. Abtönungspartikeln wie ja, doch und eben „verweisen auf oder postulieren einen tatsächlichen oder vorgeblichen Konsens und versuchen dadurch eine Legitimierung der eigenen Äußerung“ zu erzielen.40 Ohne die Verwendung der Partikeln wird jede sprachliche Äußerung zu einer individuellen Meinungsäußerung, deren Plausibilität und Legitimierung für jeden Einzelfall erst hergestellt werden muss.41 Ausländer sind für eine ganz andere Gesellschaft sozialisiert, sie haben eine soziale Handlungs- und Kommunikationsfähigkeit erworben, die auf anderen Normen und Handlungsmaximen basieren, als das in der deutschen Gesellschaft der Fall ist.42 Es ist also wesentlich, dass Ausländer in den Gruppenkonsens eingebunden werden und auch die Möglichkeit bekommen, sich auf einen gemeinsamen Erfahrungs- und Bewertungshintergrund mit Deutschen zu beziehen und diese Gemeinsamkeit sprachlich zu realisieren.

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2Ich gehe hierbei von einer monolingualen Person aus, die im Erwachsenenalter eine Fremdsprache erworben hat, in der weitaus weniger Partikeln in abtönender Funktion verwendet werden, wie z.B. Spanisch, Französisch oder Englisch. Zu anderen Sprachen – etwa solchen mit ebenso hoher Partikelverwendung wie im Deutschen – kann ich aufgrund mangelnder Erfahrungswerte keine Aussagen treffen. Zumindest jedoch im situativen Sprachkontrast zum Spanischen ist dieses subjektive Phänomen einer Unzulänglichkeit der kommunikativen Mittel im Spanischen für einen Deutsch-Muttersprachler, der sich in gewohnter Form in der Fremdsprache ausdrücken möchte, häufig beobachtbar.

3Vgl. Beerbom (1992:50).

4Vgl. Weydt (2010:3) und Weydt/Harden/Hentschel/Rösler (1983:11ff.).

5Vgl. das Lehrwerk Ziel B1+, Deutsch als Fremdsprache, Kursbuch S. 39.

6Vgl. Weydt/ Harden/ Hentschel/ Rösler (1983:11).

7Vgl. ebd. S. 13.

8Diese Annahme stützte sich auch auf weitere Experimente (vgl. Hentschel/Weydt 1983) und den Untersuchungen zur Höflichkeit von Brown/Levinson (1987), die darlegen, dass mit Partikeln Höflichkeit erzeugt oder ausgedrückt werden kann.

9Vgl. Weydt (2003:13).

10Vgl. ebd. S. 27.

11Sie sind auch nicht unfreundlich oder gar „frech“, denn auch gegensätzliche (negative) Wirkungen können mit Hilfe von Partikelverwendungen erzeugt werden. Vgl. dazu auch Hentschel (2003:55ff.).

12Vgl. Weydt (2003:13).

13Vgl. Harden/ Rösler (1981:74).

Details

Seiten
355
ISBN (PDF)
9783653048469
ISBN (ePUB)
9783653978148
ISBN (MOBI)
9783653978131
ISBN (Buch)
9783631656143
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (November)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 355 S.

Biographische Angaben

Manja Montag (Autor)

Manja Montag studierte Kulturwissenschaften und Soziokulturelle Studien an der Europa-Universität Frankfurt (Oder). Sie verfügt über zahlreiche Erfahrungen als DaF-Dozentin und Lektorin an verschiedenen Universitäten und Institutionen in Berlin, Spanien und Mexiko.

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