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Heimatverlust in historischen und zeitgeschichtlichen Jugendromanen der Gegenwart über Auswanderung, Flucht und Vertreibung

von Sibylle Nagel (Autor:in)
Dissertation 216 Seiten

Zusammenfassung

In historischen und zeitgeschichtlichen Jugendromanen über Auswanderung, Flucht und Vertreibung, soweit in den letzten Jahren erschienen, spielt das Thema des Heimatverlustes eine zentrale Rolle. Es geht in diesen Texten allerdings um mehr als nur den äußeren Vorgang des Reisens oder der Migration; sie lassen sich auch als verkappte Schilderungen eines inneren Vorgangs, einer psychischen Entwicklung lesen. Sie handeln nicht zuletzt auch vom Verlassen der Kindheit, von der Bewältigung der Adoleszenz und von der Erreichung bzw. der Verfehlung eines reifen Erwachsenenstatus. Wir haben es in gewissem Ausmaß stets auch mit psychologischen, mit Entwicklungsromanen zu tun. Der wie immer sentimental aufgeladene Rückblick auf die Heimat gilt im Grunde genommen der verlorenen Kindheit. Die Arbeit deckt einen Mechanismus der doppelten Bedeutung auf, der für viele andere Jugendromane charakteristisch ist, die auf den ersten Blick frei von aller (Entwicklungs-)Psychologie sind.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Vorwort
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Teil A: Grundlagen
  • 1. Gegenstand der Arbeit
  • 1.1 These und Textauswahl
  • 1.2 Aufbau der Arbeit
  • 1.3 Terminologie
  • 2. Zur Bestimmung von Heimatverlust und Heimatgewinn
  • 2.1 Himmlische Heimat und Paradies-Legenden
  • 2.2 Heimatverlust als Motiv in Sagen und antiken Werken
  • 2.3 Konzepte und Ansichten heute: Ein Abriss
  • 3. Historische Grundlagen
  • 3.1 Bedingungen der Auswanderung nach Nordamerika im 19. Jahrhundert
  • 3.2 Bedingungen der Emigration, Flucht und Vertreibungim 20. Jahrhundert
  • 4. Forschungsstand
  • Teil B: Heimatverlust in Jugendromanen: Analysen
  • 5. Die Auswanderung nach Nordamerika im 19. Jahrhundert
  • 5.1 Zwischen „Traumleben“ und „Wunschreich“ (Peter Behrens: Das Gesetz der Träume)
  • 5.2 Simulierte Heimat als Fiktion in der Fiktion (Michael Smith: Boston! Boston!)
  • 5.3 Heimatverlust als Entwicklungschance (Thomas Jeier: Emmas Weg in die Freiheit)
  • 6. Emigration und Exil der europäischen Juden ab
  • 6.1 Die Reise zum Ich (Ruth Almog: Meine Reise mit Alex und Ein Engel aus Papier)
  • 6.2 Unheim(at)liche Fremde (Claude Gutman: Land der neuen Hoffnung)
  • 6.3 Gestrandete Heimat (Annika Thor: Eine Insel im Meer)
  • 7. Vertreibung und Flucht der deutschen Bevölkerung ab 1945
  • 7.1 Dörfliche Kindheit als Heimat (Arno Surminski: Die Kinder von Moorhusen)
  • 7.2 Flüchtlingserfahrungen: Fremd im eigenen Land (Elisabeth Zöller: Geschichte einer Flucht)
  • 7.3 Heimatverlust als Vermächtnis (Leonie Ossowski: Herrn Rudolfs Vermächtnis)
  • Teil C: Einordnung und Bewertung der Ergebnisse
  • 8. Heimatmotive in jugendliterarischen Werken
  • 9. Blickrichtung Heimat: Migrationsverläufe und Migrantenziele
  • 10. Die Reise zum Ich: Adoleszenz zwischen Heimatverlust und Heimatgewinn
  • 11. Im Zentrum: Traumatisierung durch Heimatverlust
  • 12. Fazit und abschließende Bemerkungen
  • Literaturverzeichnis

← 10 | 11 →Einleitung

Bade entwirft in Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart (Bade 2000), wie die Wanderungsbewegungen der letzten beiden Jahrhunderte die Geschichte der Menschheit bestimmten. „Den ‚Homo Migrans‘ gibt es, seit es den ‚Homo Sapiens‘ gibt“, schreibt er, „denn Wanderungen gehören zur Conditio humana wie Geburt, Fortpflanzung, Krankheit und Tod“ (ebd. 11). In der Tat legten bereits die Menschen der Frühzeit zu Fuß, alleine oder in Gruppen, große Strecken zurück. In allen Zeiten haben sich Menschen nicht nur gezwungenermaßen, sondern freiwillig auf den Weg gemacht und die Sicherheit des Gewohnten hinter sich gelassen. Bei Machatschke (vgl. Machatschke 1994) ist nachzulesen, wie in dem Jahrtausend vor Beginn unserer Zeitrechnung keltische Stämme sich über Gallien, die iberische Halbinsel und über das mittlere Deutschland bis Italien, Griechenland und die Ukraine ausbreiteten. Ihnen folgten weitere Volksstämme: Auch Goten und Franken verließen in den folgenden Jahrhunderten ihre Heimat, um in anderen Regionen, die bessere Lebensbedingungen versprachen, zu siedeln. Die große Völkerwanderung hatte begonnen. Kriegerische Auseinandersetzungen mit Volksstämmen der durchwanderten Gebiete bewirkten in der Folge sowohl Flucht und Vertreibung der ansässigen Stämme als auch die Durchmischung der Völker nach Ansiedlung der Fremden. Mit der Sesshaftigkeit des letzten Nomadenvolkes, der Ungarn, endete im 9. Jahrhundert n. Chr. die Zeit der großen Völkerwanderung, die das Bild der Staaten und Gesellschaften Europas völlig verändert hatte.

In Mythen und Legenden werden die Wanderungen vormittelalterlicher Zeiten mündlich oder schriftlich bis heute überliefert und erhalten; wir erinnern sie selbst nicht, haben allenfalls noch Zugriff über ein kollektives Unbewusstes1, in dem die Erfahrungen der menschlichen Wanderung und des damit ← 11 | 12 →verbundenen Heimatverlustes und Heimatgewinns als Archetypen2 gespeichert sind. Wesentlich näher liegt unserer lebendigen Erinnerung das 20. Jahrhundert, während dessen erster Hälfte auf europäischem Boden innerhalb weniger Jahrzehnte eine insbesondere hinsichtlich ihrer Ursachen beispiellose Welle der Auswanderung, Flucht und Vertreibung stattgefunden hat. Zahllose Menschen waren in Folge des Zweiten Weltkrieges gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, zahllose Volksgruppen wurden auf Grund ihrer Rassenzugehörigkeit bereits vorher in die Flucht getrieben oder vernichtet. Auch die großen Wanderungsbewegungen des 19. Jahrhunderts, vor allem jene in die so genannte „Neue Welt“, Nordamerika, sind uns zeitlich noch relativ nahe und werden sowohl schriftlich überliefert als auch im persönlichen Umfeld bspw. durch Erzählungen der Nachkommen ausgewanderter Familienangehöriger in Erinnerung gehalten. Wie die Wandernden früherer Zeiten ihren Heimatverlust und die Entwurzelung persönlich erlebten, können wir heute aus (halb-) dokumentarischen, (auto-)biografischen und fiktionalen Erzählungen erstehen lassen und nachvollziehen. Die Vorstellung eines zukünftig besseren Lebens begleitete sie, denen aus unterschiedlichsten Gründen häufig keine andere Wahl blieb, als ihr Land zu verlassen und fortzuziehen. Sie gingen einer ungewissen Zukunft entgegen und hatten sich der Erfahrung des Heimatverlustes und der traumatischen Entwurzelung zu stellen, die – abhängig davon, ob die (Aus-)Reise oder (Aus-)Wanderung unfreiwillig oder freiwillig erfolgt war – durch weitere Faktoren negativ verstärkt oder abgeschwächt wurde. Zu vermuten ist, dass die meist erzwungene Flucht vor widrigen Umständen in ein Exil sowie die Umsiedlungen und Vertreibungen ganzer Volksgruppen während des 20. Jahrhunderts in stärkerem Maße als Verlust erlebt wurden als ein Weiterziehen aus eigenem Willen und aus freier Entscheidung, das sich – wenn auch durch schlechte ← 12 | 13 →wirtschaftliche und soziale Bedingungen beeinflusst – während der großen Auswanderungsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts nach Übersee abspielte. Dennoch lässt sich auch in vielen Briefen und autobiografischen Berichten dieser Auswanderer des 19. Jahrhunderts ein sehnsuchtsvoller Ton, eine Klage um die verlorene Verbindung zur Heimat und Ursprungsfamilie feststellen (vgl. Helbich 1988, Seidenfaden/Köhler 1988). Die zukünftige Heimat, das gelobte Land, können sie nur in der Zukunftsvision bestehen? Das verlorene Land, die verlorene Kindheit und Heimat, werden sie erst rückblickend zum verlorenen Paradies?

Greverus spricht vom territorialen Menschen (vgl. Greverus 1972). Volks- und früher Stammeszugehörigkeit würden durch die feste Bindung an eine Region und die dort angesiedelte Kultur bestimmt. Wanderung, Auswanderung und erst recht Flucht und Vertreibung bedrohten diese sichere Existenz und Identitätsbestimmung und bedeuteten den Verlust des Gewohnten und Vertrauten. In weiter zurück liegenden Zeiten war der Verlust der Heimat, der Heimstatt, gar eine Frage von Leben und Tod, denn das Überleben war ohne den Platz am wärmenden Feuer, ohne Gemeinschaft mit Artgenossen, nicht gewährleistet. Die größte Strafe für ein Individuum, für den Einzelnen, musste deshalb der Verstoß aus der Sippe, aus dem Kreis der Zelte oder Hütten sein, die Rückkehr zur Heimstatt der Errettung vor dem sicheren Tod gleich kommen. Doch nicht nur das Überleben selbst, auch Identitätsbildung ist – so die Theorie – eng mit der Sicherheit der festen Wohnstatt, des territorialen Heims, verknüpft (vgl. Greverus 1972). Sollen wir nun in Zeiten der Globalisierung lernen, uns in neuen und anderen Heimatbegriffen einzurichten? Die unheimliche Bedeutung der Fremde, die Verherrlichung der Heimat als eines zurückgelassenen paradiesischen Zustandes sowie die Trauer über deren Verlust sollten damit verschwinden. Doch gerät – lässt man die Annahme gelten, es gebe im kollektiven Unbewussten gespeicherte Heimat- oder Heimatverlust-Urbilder – wohl auch noch der (Aus-)Wandernde des 21. Jahrhunderts an seine Grenzen, wird an das Urthema der Einsamkeit und des Ausgestoßen-Seins aus der Gruppe herangeführt, das in der frühen Menschheitsgeschichte den Tod für das betroffene Individuum bedeutete. Archaische Ängste würden dann angesichts des Heimatverlustes auch heute noch aufbrechen, die sichere Existenz und Identität der Person stünden auf dem Spiel. Der Verlust der geografisch definierten Heimat kann auch ← 13 | 14 →heute noch, insbesondere beim Wechsel von einem Kulturkreis in den anderen, die völlige soziokulturelle Entwurzelung und den Identitätsverlust des Migranten bedeuten. Denn auch heute noch verlässt ja der Emigrant und Exilant mit dem Ortswechsel nicht nur sein regionales Heim, eine vertraute Landschaft und seine Familie, sondern den ihm angestammten kulturellen Raum und verliert damit die Bindung an Symbole und Rituale, die dort geläufig waren. In Europa dürften insbesondere die Flüchtigen, Deportierten und Vertriebenen aus dem Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts derart existenzielle Erfahrungen gemacht haben. Die Folgen der realhistorischen Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts in Europa dürften die beschriebenen archetypischen Muster dann auch in der flüchtenden Bevölkerung in besonderem Maße wach gerufen haben.

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1Der Begriff des „kollektiven Unbewussten“ wurde von C. G. Jung geprägt, der davon ausging, dass die menschliche Seele nicht nur im persönlichen Unbewussten verankert ist, sondern dass Zusammenhänge zwischen den Mythen der Menschheit und den Inhalten des Unbewussten bestehen, die sich als Symbole zeigen. Als solch ein Mythos wäre bspw. die Sage von Odysseus anzusehen. Vgl. Clarus 1997, Jung 2003.

2Archetypen sind in der Jungschen Lehre Urbilder, die sich aus den Menschheitserfahrungen ableiten lassen und die – ausgehend vom kollektiven Unbewussten des Einzelnen – sein Verhalten, Denken, Erleben und seine Träume beeinflussen. (Zitiert nach Stubbe 2005, vgl. hierzu auch Balmer 1972, Jung 1992)

← 16 | 17 →1. Gegenstand der Arbeit

1.1 These und Textauswahl

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit aktueller erzählender Jugendliteratur zweier Jahrzehnte (1990 bis 2010), die auf historische Wanderungsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts – nämlich Auswanderung, Exil, Flucht und Vertreibung – aufgreift und in der die Motive des Heimatverlustes und des Heimatgewinns ins Zentrum gerückt werden. Es handelt sich hier zum Einen um eine Ausprägung der Reiseliteratur und zum Anderen kann von historischer und zeitgeschichtlicher Jugendliteratur gesprochen werden. Der Gattung der Reiseliteratur hat die Leserschaft in vorangegangenen Jahrhunderten enormes Interesse entgegen gebracht. Hauptfunktion einer solchen Reiseliteratur war im 17. und 18. Jahrhundert die Information über die Erschließung der Welt. Ihren Höhepunkt fand die Rezeption derartiger Werke jedoch im 19. Jahrhundert, getrieben von dem Drang nach Wissen über neue Kolonien jenseits des Mittelmeers (vorderer Orient, Afrika) und in Asien. Das Interesse am Fremden war gegen Ende des 19. Jahrhunderts stark wirtschaftlich orientiert, nach wie vor war das Reisen aber auch Abenteuer, und die Begegnung mit dem Neuen, Fremden, Andersartigen faszinierte. Vor allem zur Mitte des Jahrhunderts erschienen Reiseberichte über neu zu besiedelnde Kontinente (vor allem Nordamerika, aber auch Südamerika sowie Australien), die häufig in Tagebuchform vorgelegt wurden und in denen sich sachliche Informationen mit der (teils fantasievoll gestalteten) Schilderung der erlebten Abenteuer während des Reisens verbanden (vgl. dazu Punkt 3.1 der Arbeit). Fiktionale Veröffentlichungen über Abenteuerreisen in fernen Ländern wurden eingehend von Mikoletzky (vgl. Mikoletzky 1988) untersucht. Als herausragender Vertreter solcher teils sachlich fundierter, teils fiktional geprägter Reiseliteratur über Nordamerika ist Friedrich Gerstäcker anzuführen. Schikorski führt an, dass sich zur Zeit des Realismus auch in der Jugendliteratur ein Trend zur Abenteuer- und Auswandererliteratur in Werken (von bspw. Körber, ← 17 | 18 →May und Becher-Stowe) gezeigt habe und dass „das große Interesse, das deutsche Leser im 19. Jh. Literatur über Nordamerika entgegenbrachten, […] nicht zuletzt aus dem Wunsch [resultierte], sich über die Zustände und Lebensbedingungen in dem Land zu informieren, in das man möglicherweise auswandern wollte.“ (Schikorski 2003, 75). Schikorski fasst zusammen:

Details

Seiten
216
ISBN (PDF)
9783653050493
ISBN (ePUB)
9783653973501
ISBN (MOBI)
9783653973495
ISBN (Hardcover)
9783631656808
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (Oktober)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 216 S., 1 s/w Abb., 2 Tab.

Biographische Angaben

Sibylle Nagel (Autor:in)

Sibylle Nagel studierte Germanistik und Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Frankfurt (Main) und widmete sich danach der Jugendbuchforschung. Sie ist als Autorin und Herausgeberin tätig.

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Titel: Heimatverlust in historischen und zeitgeschichtlichen Jugendromanen der Gegenwart über Auswanderung, Flucht und Vertreibung