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Schreiben über Afrika: Koloniale Konstruktionen

Eine kritische Untersuchung ausgewählter zeitgenössischer Afrikaliteratur

von Roland Schmiedel (Autor:in)
Dissertation 325 Seiten

Zusammenfassung

Seit den 1990er Jahren ist das Interesse am deutschsprachigen Afrika-Roman stetig gewachsen. Die germanistische literaturwissenschaftliche Forschung setzt sich daher zunehmend intensiv mit diesem Subgenre auseinander und reflektiert dabei den postkolonialen Diskurs. Die Studie zeigt – ohne sich dabei auf einen geographischen Raum zu beschränken – mittels einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Roman Herz der Finsternis von Joseph Conrad, wie die Autoren Lukas Bärfuss, Hans Christoph Buch, Andrea Paluch, Robert Habeck und Ilija Trojanow in ihren Romanen postkoloniale Potentiale und Perspektiven ausprägen und dabei eigene kulturelle Denkmuster, Stereotype und Dichotomien reproduzieren, vorführen oder modifizieren.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Danksagung
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • 1. Afrika schreiben
  • 1.1. Forschungsstand: Afrika schreiben
  • 1.2. Afrikadiskurse seit 1890
  • 1.2.1. Präkolonialer Afrikadiskurs
  • 1.2.2. Kolonialer Afrikadiskurs
  • – Kolonialschriftsteller im Kolonialdiskurs
  • 1.2.3. Postkolonialer Afrikadiskurs
  • 2. Theoretische Überlegungen
  • 2.1. Gegenstand, Fragestellung, Problemaufriss
  • – Fragestellungen zu den Romanen
  • 2.2. Theoretischer Rahmen
  • – Der postkoloniale Blick
  • – Postkoloniale Intention
  • 3. Joseph Conrads Herz der Finsternis als Prätext
  • – Zur Handlung des Romans
  • – Forschungsstand
  • 3.1. Kolonialer Text als Imperialismuskritik
  • 3.1.1. Eindringen
  • 3.1.2. Ausbeutung
  • 3.1.3. Entmenschlichung
  • 3.1.4. Zivilisation und Barbarei
  • – Zivilisation
  • – Barbarei
  • 3.2. Chinua Achebe versus Joseph Conrad
  • 3.3. Analysekritierien
  • 4. Lukas Bärfuss Hundert Tage
  • – Zum Inhalt des Romans
  • – Forschungsstand
  • 4.1. Struktur und Figurenkonstellation
  • 4.2. Ruanda – Herz der Finsternis
  • 4.3. Eindringen – Entwicklungshilfeprojekte
  • 4.4. Ausbeutung – Erotik als Exotik
  • 4.5. Entmenschlichung – Genozid
  • 4.6. Zusammenfassung
  • 5. H.C. Buch Kain und Abel in Afrika
  • – Zur Handlung des Romans
  • – Forschungsstand
  • 5.1. Struktur und Figurenkonstellation
  • 5.2. Eindringen
  • 5.3. Ausbeutung
  • 5.4. Entmenschlichung
  • 5.5. Kultur und Barbarei
  • 5.6. Zusammenfassung
  • 6. Andrea Paluch / Robert Habeck. Der Schrei der Hyänen
  • – Zur Handlung des Romans
  • – Forschungsstand
  • 6.1. Struktur und Figurenkonstellation
  • 6.2. Ausbeutung und Entmenschlichung
  • 6.3. Entmenschlichung in der Gegenwartserzählung
  • 6.4. Hopeful Monsters
  • 6.5. Reflexion der lexikalischen Gebrauchsregel pejorativer Begriffe
  • 6.6. Zusammenfassung
  • 7. Ilija Trojanow Der Weltensammler
  • – Zur Handlung des Romans
  • – Forschungsstand
  • 7.1. Struktur und Figurenkonstellation
  • 7.2. Eindringen
  • 7.3. Ausbeutung und Entmenschlichung
  • 7.4. Burton versus Bombay
  • 7.5. Zusammenfassung
  • 8. Schlussbetrachtungen
  • Anhang / Bilder
  • Literaturverzeichnis

← 10 | 11 →Einleitung

Die vorliegende Studie versteht sich als Teil der Auseinandersetzung mit postkolonialen Potentialen und postkolonialen Perspektiven in der Gegenwartsliteratur deutschsprachiger Afrika-Romane. Generell ist jedoch zu unterscheiden zwischen dem Theoriekonzept der angloamerikanischen Postcolonial Studies und den literarischen Texten, die aufgrund ihrer Entstehungszeit, der thematischen Ausrichtung oder ästhetischen Erzählstrategie als postkolonial gelten.1 Dies sind literarische Texte, die zwar mit dem Begriff postkolonial in Verbindung stehen, jedoch der postkolonialen Literatur nicht angehören. Auf die unterschiedlichen Dimensionen des Begriffs postkolonial ist daher in der Folge zunächst ausführlich einzugehen, um den theoretischen Textkorpus für die anstehende Untersuchung nutzbar zu machen.2 Der Zusammenhang der untersuchten Romane liegt nicht auf einem bestimmten geographischen Gebiet, wie bei anderen Studien zur postkolonialen Auseinandersetzung3 mit Afrika-Literatur der letzten Jahre, sondern auf ästhetischen Strategien und der Verwendung von später näher zu bestimmenden Mustern kolonialer Konstruktion.

Afrika-Literatur hat Konjunktur beim deutschen Lesepublikum, wie Zimmerer (2002)4 und Göttsche (2004)5 gezeigt haben, und das literarische Interesse ← 11 | 12 →deutscher Autoren an Afrika scheint auch über 10 Jahre nach Zimmerers Feststellung noch kein Ende gefunden zu haben. Zwei Regionen Afrikas stehen thematisch vor allem im Mittelpunkt des Interesses der deutschsprachigen Autoren. Dies sind Deutsch-Südwestafrika bzw. Namibia, mit Schwerpunktthemen zum deutschen Kolonialismus und zum Völkermord an den Herero und Nama, dem sich auch Uwe Timm mit seinem vieldiskutierten kolonialkritischen Roman Morenga6 bereits 1978 angenommen hatte, und Ostafrika, das im Zentrum des vor allem historischen Erzählens im deutschen Afrika-Roman der Gegenwart steht. Einen dritten geographischen Raum im Schreiben über Afrika bildet das Erzählen über den Genozid in Ruanda, dem sich bislang unter den deutschsprachigen Autoren7 vor allem Hans-Christoph Buch8 und Lukas Bärfuss9 gewidmet haben.

So ist Afrika ein umfangreiches thematisches Zentrum deutscher Unterhaltungsliteratur und Grund genug, im Hinblick auf die politischen Dimensionen ← 12 | 13 →des Postkolonialismus deutsche Gegenwartsliteratur mit Afrikabezug daraufhin zu untersuchen, ob die von den Autoren beabsichtigten postkolonialen Potentiale erreicht werden, oder ob sie lediglich zur Fortschreibung kolonialer Stereotype beitragen. Denn das im postkolonialen Sinne objektive und vorurteilsfreie Schreiben über Afrika hat im Gegensatz zu den theoretischen Ansätzen des Postkolonialismus in der hier untersuchten Afrika-Literatur einen ambivalenten gesellschaftlichen Stellenwert. Zwar ist eine postkoloniale Wirkung der Afrika-Literatur einerseits erwünscht, andererseits aber erscheinen, mit Verweis auf den „Afrika-Boom“ (Zimmerer 2002: 92) in der deutschen Unterhaltungsliteratur, präkoloniale und koloniale Stereotype bei der Leserschaft eine größere Anziehungskraft zu haben, als postkoloniale Ideale.10 Die Problematik dieser Annahme ist aktuell, wenn man davon ausgeht, dass Diskurse Realität erzeugen (vgl. Foucault 1981: 74)11. Diese Tatsache macht es notwendig, deutsche Gegenwartsliteratur als postkolonial intendierte Afrika-Literatur am deutschen Afrikadiskurs kritisch zu reflektieren. Um die postkoloniale Wirkung der untersuchten Romane zeigen zu können, wird zunächst im Kapitel Afrika schreiben der facettenreiche Hintergrund des europäischen Blicks auf Afrika vorgestellt und ein Überblick über die Entwicklung des Afrikadiskurses gegeben.12 So werden der präkoloniale Afrikadiskurs der Abenteuer- und Entdeckungsreisenden, der koloniale Afrikadiskurs der europäischen Inbesitznahme des afrikanischen Kontinents und der postkoloniale deutsche Afrikadiskurs im Hinblick auf den deutschen Blick auf Afrika und auf Afrikastereotype sowie deren Entwicklung bis in die Gegenwart dargestellt. Zugleich werden für den jeweiligen Diskurs typische Vertreter der deutschen Afrika-Literatur benannt, einzelne Werke kurz vorgestellt sowie auf Besonderheiten in der Entstehung dieser Literaturen und deren Wirkung im jeweiligen Diskurs verwiesen.

← 13 | 14 →Das Hauptanliegen der vorliegenden Arbeit ist darin zu sehen, mittels der Bestimmung von Mustern kolonialer Konstruktion aus dem Prätext13 Herz der Finsternis von Joseph Conrad14, die postkoloniale Wirkung der zu untersuchenden Romane zu bestimmen und zu zeigen, inwieweit diese die Prämissen postkolonialer Theorien berücksichtigen. Ob also die Romane postkoloniale Potentiale ausprägen, sei dies in der ästhetischen Zusammenstellung oder Intertextualität15, denn die ausgewählten Romane beziehen sich durch intertextuelle Bezüge auf den Prätext, oder ob mittels der Muster kolonialer Konstruktion letztlich nur das Fortschreiben jener Afrika-Stereotype erreicht wird, die dazu beitragen, dass die wünschenswerten politischen Dimensionen des Postkolonialismus blockiert und somit nicht erreicht werden, wird anhand der Textinterpretationen gezeigt. Dass die Perspektive der deutschen (post-)kolonialen Gegenwartsliteratur letztlich ausschließlich einseitig ist, da es keine Perspektive des Anderen in derart fiktionalen Texten gibt, die zum Beispiel von Nachfahren der Opfer des deutschen Kolonialismus in Afrika geschrieben wurden, ist für diese Untersuchung zur Frage der postkolonialen Wirkung der untersuchten Texte nicht von Bedeutung. Denn die Abwesenheit der Perspektive der Anderen muss nicht zwangsläufig auch eine nur einseitige Wahrnehmung postkolonialer politischer Wirkungen der Texte bedeuten.

Um alle Dimensionen des Begriffs postkolonial zu erfassen, wird ein Überblick über die beiden wichtigsten Richtungen postkolonialer Theorien gegeben und der Deskriptions- und Programm-Begriff des Postkolonialen für die vorliegende Untersuchung nutzbar gemacht.16 Ein kurzer Rückgriff auf die historische ← 14 | 15 →Entwicklung postkolonialer Theorieansätze vervollständigt den theoretischen Rahmen der Untersuchung. Ebenso wird auf den deutschen Sonderweg17 im postkolonialen Diskurs hingewiesen und dieser von dem postkolonialen Hintergrund der ehemaligen Kolonialstaaten unterschieden. Auch werden die Verbindungen zwischen (post-)kolonialer Migration18 und Arbeitsmigration, der in der Bundesrepublik Deutschland praktizierten Arbeiter-Anwerbepraxis der Jahre 1955–1980, gezeigt und Parallelen zur (post-)kolonialen Migration der anderen ehemaligen kolonialen „Mutterländer“ beschrieben. Doch während zum Beispiel in Großbritannien die (post-)koloniale Migration fest mit der kolonialen Vergangenheit verknüpft ist, bestehen solche kolonialen Zusammenhänge in Deutschland, im Bezug zur deutschen Arbeiter-Anwerbepraxis, definitiv nicht.19 Daher verwende ich für deutschsprachige Literatur, die sich mit einem postkolonialen Thema befasst, nicht den Ausdruck deutsche postkoloniale Literatur, sondern den Ausdruck der postkolonial intendierten Literatur, in der diegetische Realitäten entworfen werden, die den Leser dafür sensibilisieren, die Grenzen der eigenen Erfahrungen zu akzeptieren, indem präkoloniale und koloniale ← 15 | 16 →Vorurteile aufgenommen, reflektiert und zurückgewiesen werden können, womit eine Erkenntniserweiterung initiiert werden kann, die mit der postkolonialen Wirkung des Textes einhergeht.

Die für die Untersuchung benötigten Analysekriterien werden zunächst am Prätext Herz der Finsternis nachgewiesen und im dritten Kapitel in der Analyse des Textes als Muster kolonialer Konstruktion bestimmt. Dabei wird keine grundsätzlich neue Interpretation des Textes angestrebt, es wird vielmehr der Text explizit als Imperialismuskritik gelesen, indem die im Text erkannten Muster in der Detailanalyse des Romantextes vorgestellt werden. Über das Eindringen der Kolonisatoren in den fremden Lebensraum indigener Völker, über die von den europäischen Eroberern praktizierte Ausbeutung von Natur und Mensch, die in der Entmenschlichung der Eroberten ihr Ziel findet und schließlich in der Darstellung der Gleichzeitigkeit von Zivilisation und Barbarei werden die Analysekriterien am Text gezeigt und mit Beispielen belegt. Da sich die Autoren der ausgewählten Romane entweder direkt auf den Prätext beziehen oder auf den wirkungsmächtigen Topos vom Herz der Finsternis, ist die Analyse von Joseph Conrads Roman den anderen Analysen vorangestellt.

Im vierten Kapitel folgt die Analyse von Lukas Bärfuss’ Roman Hundert Tage, der einerseits ein postkoloniales Potential erreicht und andererseits als zeitgemäßes Pendant zum Herz der Finsternis geschrieben zu sein scheint und daher nicht nur rein formale Parallelen zum Prätext aufweist. In der Analyse wird ein Schwerpunkt auf die im Roman vorgestellte Praxis der Akteure internationaler Entwicklungshilfe gelegt. Am Beispiel der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DZGA)20 werden diese Entwicklungshilfe kritisch hinterfragt und die entwicklungspolitischen Beziehungen zwischen den Geberländern und dem Empfängerland Ruanda als neokoloniale Beziehungen bewertet. In dem Verhältnis des Protagonisten zu Einheimischen zeigen sich weitere postkoloniale Potentiale der Erzählung, die sowohl über die Entwicklung des Protagonisten als auch anhand der Muster kolonialer Konstruktion sichtbar werden. Der Roman kann daher, wegen der psychischen Deformation seines Protagonisten, der in Ruanda während ← 16 | 17 →des Genozids einen Reifungsprozess erlebt, mit dem bisherige Erfahrungen und Erlebnisse der Figur reflektiert werden, die entscheidend persönlichkeitsverändernd sind, zunächst als negativer Entwicklungsroman klassifiziert werden.

Das fünfte Kapitel untersucht die postkolonialen Potentiale der Erzählung Kain und Abel in Afrika von Hans Christoph Buch und stellt den Autorenanspruch der Übertragung der eigenen Augenzeugenberichte und persönlichen traumatischen Erfahrungen in Ruanda im Zusammenhang mit der Rekonstruktion von Wirklichkeit zum Genozid in Ruanda in Frage. Die Literarisierung von verschiedenen Reportagen des Autors im Wochenmagazin DIE ZEIT21 über die Zustände in Ruanda vor und nach dem Bürgerkrieg, den der Autor als Genozid klassifiziert, führen jedoch weder zu Multiperspektivität oder Vielstimmigkeit und der Blick auf Afrika bleibt ein einseitig kolonialer Blick. Je mehr sich der Autor nämlich bemüht, Verbindungen zwischen kolonialer Vergangenheit und Gegenwartserzählung zu zeigen - er nutzt dazu Tabubrüche sexueller Art - desto mehr entstehen Rekonstruktionen kolonialer Stereotypen, mit denen die beabsichtigte postkoloniale Wirkung der Erzählung mindestens zweifelhaft wird.

Die Analyse des sechsten Kapitels untersucht einen zeitaktuellen Kolonialroman, der die problematische deutsche koloniale Vergangenheit episodenhaft beleuchtet. Untersucht wird, ob auch zeitaktuelle Kolonialromane postkoloniale Potentiale erreichen können, ohne zugleich eine Rekonstruktion kolonialer Stereotype zu bewirken. In diesem Zusammenhang wird am Beispiel des Romans Der Schrei der Hyänen22 des Autorenpaares Andrea Paluch und Robert Habeck die Anpassung der lexikalischen Gebrauchsregel kolonialer pejorativer Begriffe23 am Beispiel der Lexeme Neger und Kaffer dargestellt. Dazu werden Auszüge aus Lexika der vergangenen einhundert Jahre vorgestellt, damit zugleich die Veränderung der lexikalischen Gebrauchsregel belegt und untersucht, wie diese von den Autoren im Roman nachvollzogen wird und welche Wirkungen damit aus postkolonialer Sicht erreicht werden. Als zeitaktueller Kolonialroman zeichnet den Roman aus, dass er „die noch in unserer Gegenwart zu beobachtenden Auswirkungen der deutschen Herrschaft über ‚Südwest‘ thematisiert“ (Hermes 2012: 149). ← 17 | 18 →Dazu nutzt das Autorenpaar neben den kolonialen und postkolonialen Bezügen in der Erzählebene der Gegenwart den vor allem bewussten Umgang mit Sprache und sensibilisiert den Leser für die Vermeidung pejorativer Lexeme.

Das siebte Kapitel untersucht den vieldiskutierten Roman Der Weltensammler24 von Ilija Trojanow. Da der Roman in drei verschiedenen geographischen Räumen (Indien, Arabien, Ostafrika) erzählt wird, verdient in der Analyse vor allem das dritte Kapitel des Romans – Ostafrika – besonderes Augenmerk. So wird das Kapitel Ostafrika einerseits anhand der Muster kolonialer Konstruktion untersucht und andererseits zum Topos vom Herz der Finsternis. In der Analyse wird vor allem die von Trojanow beabsichtigte postkoloniale Komposition des Romans hervorgehoben. Die Konstruktion der Erzählung im Dazwischen, im Sinne des von Homi Bhabha postulierten „Dritten Raums“, ist das erzählerische Prinzip des Romans. Ob jedoch alleine durch dieses Konstruktionsprinzip der Erzählung die beabsichtigte postkoloniale Multiperspektivität und ein im postkolonialen Sinne objektives und vorurteilsfreies Schreiben über Afrika erreicht werden kann, wird in der Analyse des Romans mittels der Muster kolonialer Konstruktion untersucht.

Eine Zusammenstellung der Analyseergebnisse und eine sich anschließende Gegenüberstellung im Hinblick auf die Ausprägung postkolonialer Potentiale sowie die politische Wirkung der Romane bilden den Abschluss der Untersuchung.

Die Auswahl der Romane erfolgte nicht, wie in den Studien von zum Beispiel Brehl und Hermes, mittels vor allem geographischer Räume oder Themenschwerpunkte, sondern vor allem wegen intertextueller Bezüge zum vieldiskutierten und in der literaturwissenschaftlichen Forschung polarisierenden Roman Herz der Finsternis von Joseph Conrad. Daher möchte ich mit der vorliegenden Untersuchung zwar an die Studien von Brehl und Hermes anknüpfen, jedoch die Auswahl der Romane mit Afrikabezug nicht auf die Kolonialkriege in Deutsch-Südwestafrika beschränken, sondern unabhängig von der literarischen Verarbeitung eines bestimmten literarischen Stoffes, die Verwendung von kolonialen und Afrikastereotypen als Muster kolonialer Konstruktion untersuchen. Im Ergebnis der Studie sollen Schlüsse darüber gezogen werden, ob in einem Roman, der sich mit kolonialen Themen auseinandersetzt, koloniale Stereotype unvermeidbar sind oder welche anderen Konstruktionen notwendig sind, um in einem Roman mit Afrikabezug afrikanische Realitäten differenziert ← 18 | 19 →abzubilden, ohne den Mythos eines exotischen Afrika zu reproduzieren und um vorurteilsfrei, kritisch und unvoreingenommen zu erzählen, um damit eine gleichwertige Darstellung von Europa und Afrika zu erreichen, dabei aber trotzdem nicht die koloniale Vergangenheit zu ignorieren oder zu verfälschen. Dieses ist der Kern der Studie und zugleich der Anspruch an deutsche postkolonial intendierte Literatur, mit der eine Beeinflussung des postkolonialen Afrikadiskurses stattfindet, die auf die Einsicht von der Gleichwertigkeit zwischen Afrika und Europa, zwischen Afrikanern und Europäern setzt.← 19 | 20 →

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1 vgl. Hermes, Stefan: „Bewältigungsversuche. Die wilhelminische Herrschaft über Südwestafrika in der deutschsprachigen ‚postkolonialen‘ Literatur“, in: Hofmann, Michael / Morrien, Rita (Hg.): Deutsch-afrikanische Diskurse in der Geschichte und Gegenwart: Literatur- und kulturhistorische Perspektiven. Amsterdam / New York: Rodopi 2012, S. 125–150, hier S. 126.

2 Hierzu sei an dieser Stelle bereits auf den Einführungsband von Maria do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld: transcript 2005 verwiesen sowie auf die kritische Rezeption der Postcolonial Studies bei Monika Albrecht: „Europa ist nicht die Welt“. (Post)Kolonialismus in der Literatur und Geschichte der westdeutschen Nachkriegszeit. Bielefeld: Aisthesis 2008, S. 7–33.

3 Zum Beispiel für Deutsch-Südwestafrika die Studien von Brehl, Medardus: Vernichtung der Herero. Diskurse der Gewalt in der deutschen Kolonialliteratur, Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2007; Fiedler, Matthias: Zwischen Abenteuer, Wissenschaft und Kolonialismus. Der deutsche Afrikadiskurs im 18. und 19. Jahrhundert, Köln: Böhlau 2005 und Hermes, Stefan: Fahrten nach Südwest. Die Kolonialkriege gegen die Herero und Nama in der deutschen Literatur (1904–2004), Würzburg: Könighausen & Neumann 2009.

4 Zimmerer, Jürgen: [Rez.] Das Afrika-Lexikon, Literaturen Juni 2002.

5 vgl. u. a. Göttsche, Dirk: „Eine eigene Mischung aus Identität und Kultur. Afrikanische Migrantenliteratur in deutscher Sprache zwischen Diaspora und Transkulturalität“, in: Mont Cameroun. Afrikanische Zeitschrift für interkulturelle Studien im deutschsprachigen Raum. Band 6, Dschang: University Press 2010, 29–52; „Der neue historischer Afrikaroman: Kolonialismus aus Postkolonialer Sicht“, in: German Life&Letters (2003), London: Blackwell 2004, 261–280; „Zwischen Exotismus und Postkolonialismus“, in: Diallo, Moustapha M.: Göttsche, Dirk (Hg.): Interkulturelle Texturen. Afrika und Deutschland im Reflexionsmedium der Literatur, Bielefeld: Aithesis 2003, 161–244; „Postkolonialismus als Herausforderung und Chance germanistischer Literaturwissenschaft“, in: Walter Erhart (Hg.): Grenzen der Germanistik. Rephilologisierung oder Erinnerung?, Stuttgart: Metzler 2004, 558–576; „Vereinnahmung oder postkoloniale Bewusstseinsbildung? Beobachtung zur Darstellung afrikanischer Perspektiven auf die Kolonialgeschichte in neuen historischen Afrika-Romanen“, in: Literatur für Leser 22 (4/2010), 2011, S. 211–231.

6 Timm, Uwe: Morenga. Roman, Gütersloh: Athenäum-Verlag 1978.

7 Neben Lukas Bärfuss und H.C. Buch haben sich nur wenige deutschsprachige Autoren mit dem Genozid in Ruanda befasst. Zu nennen ist noch: Jansen, Hanna: Über tausend Hügel wandere ich mit dir. Roman. Stuttgart, Thienemann 2002, die einen Roman zur Kinder- und Jugendbuchliteratur geschrieben hat, indem sie das Schicksal der achtjährigen Jeanne erzählt, die als Tutsi während des Genozids in Ruanda in Lebensgefahr gerät. Siehe dazu auch die Internetseiten des Goethe-Instituts Südafrika: Schreiben über Afrika, im Internet unter http://www.goethe.de/ins/za/prj/sua/lan/rua/deindex.htm [16.05.2014].

8 Buch, Hans-Christoph: Kain und Abel in Afrika, Roman, Berlin: Volk und Welt Verlag 2001; Blut im Schuh. Schlächter und Voyeure an den Fronten des Weltbürgerkriegs, Frankfurt/M: Eichborn 2001; Black Box Afrika. Ein Kontinent driftet ab, Springe: Zu Klampen Verlag 2006 u. a.

9 Bärfuß, Lukas: Hundert Tage, Roman, Göttingen: Wallstein Verlag 2008.

10 In diesem Sinn sind zum Beispiel die sehr erfolgreichen Romane von Stefanie Zweig (Nirgendwo in Afrika; … doch die Träume blieben in Afrika; Owuors Heimkehr etc.) zu sehen, die zwar ein breites und vielschichtiges Bild europäischen Lebens in der Kolonie darstellen, vor allem Konflikte zwischen Exilanten und Kolonialherren thematisieren und nur nebenbei auch afrikanische Verhältnisse beschreiben und in denen Afrika lediglich exotische Kulisse ist.

11 Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, Frankfurt/M: Suhrkamp 1981.

12 vgl. dazu auch Hofmann, Michael; Rita Morrien (Hg.): Deutsch-afrikanische Diskurse in Geschichte und Gegenwart. Literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, Amsterdam / New York: Rodopi 2012.

Details

Seiten
325
ISBN (ePUB)
9783653976762
ISBN (MOBI)
9783653976755
ISBN (PDF)
9783653049602
ISBN (Hardcover)
9783631656945
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Februar)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 325 S., 8 farb. Abb., 2 s/w Abb.

Biographische Angaben

Roland Schmiedel (Autor:in)

Roland Schmiedel studierte Niederländische Philologie und Afrikaans an der Universität zu Köln sowie Germanistische Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft und Politikwissenschaft an der Universität Düsseldorf. Ein DAAD-Stipendium ermöglichte ihm das Studium an der Stellenbosch University in Stellenbosch (Südafrika), wo er deutsche Afrikaliteratur studierte.

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Titel: Schreiben über Afrika: Koloniale Konstruktionen