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«Wissenschaftliche Transdisziplinarität» – Ein philosophischer und ethisch-kritischer Diskurs

Emergent vernetzt: Neuroscience – Moderne Biologie im 21. Jahrhundert – Künstliche Intelligenz – Robotik – Superintelligenz – Cyber-Age

von Harda Distrid Miebach (Autor:in)
Monographie 524 Seiten

Zusammenfassung

Die wissenschaftlich-technische rasante Entwicklung hat begonnen, die traditionellen Grenzen zwischen der unbelebten Technik und dem Reich des Lebendigen durchlässiger zu gestalten. Im Kontext z.B. der Künstlichen Intelligenz sind die Erfolge unbestritten. Die Kreation von Intelligenz auf dem Niveau des Menschen und darüber hinausreichend, könnte laut Stuart Russell und Peter Norvig aber das Leben der Menschheit als Ganzes stark verändern, ja sogar die menschliche Autonomie, Freiheit und das Überleben direkt bedrohen. Im Nexus der Frage, ob der homo sapiens auf dem Weg zum künstlichen Leben unterwegs ist, gilt es, einen weiteren Horizont zu öffnen. Es geht primär darum, was wir wissen müssen und wovon wir wissen können, dass es möglich sein wird, um mit Blickrichtung auf die Zukunft richtig zu entscheiden. Dies ist eine erkenntnistheoretische Perspektive, bei der, Wilhelm Vossenkuhl folgend, das Verhältnis zwischen Vergangenheit und Zukunft im Vordergrund steht.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • (Detaillierte Inhaltsangaben finden sich jeweils am Anfang zu den Kapiteln I.–IV.)
  • Vorwort (1) / Vorwort (2) und Danksagung
  • Inhaltsangabe zur Einführung
  • Einführung Ethik
  • Anmerkungen
  • Literatur
  • Wissenschaftliche Transdisziplinarität analog zu den Kapiteln I.–IV. dargestellt über den jeweiligen begrifflich-disziplinären Status im Diskurs mit Angewandter Ethik, Bereichsethik, Cyber-Age Ethik, Ethik der Künstlichen Intelligenz und Superintelligenz
  • Inhaltsangabe zum I. Kapitel
  • Einleitend-übergreifender Denkansatz
  • I. Neuroscience / Entwicklungspsychologie
  • Anmerkungen
  • Literatur
  • Inhaltsangabe zum II. Kapitel
  • II. Molekularbiologie → Genomsequenzierung → Stammzellforschung → Klonen / Klonieren → Enhancement → eingebunden in Diskursethik / Angewandte Ethik
  • Anmerkungen
  • Literatur
  • Inhaltsangabe zum III. Kapitel
  • III. Systembiologie / Synthetische Biologie → Cyborgs
  • Anmerkungen
  • Literatur
  • Inhaltsangabe zum IV. Kapitel und Schlussbemerkungen
  • IV. Künstliche Intelligenz (Algorithmen) → Robotik → Superintelligenz
  • Anmerkungen
  • Literatur
  • Schlussbemerkungen

Vorwort (1)

Die vorliegende Arbeit behandelt einen Diskurs, der sich schon im Zuge meiner vorangegangenen wissenschaftlichen Abhandlung: DieWinzigkeit des humanen Seinskonträr, dual und immanent zur (Un)-Endlichkeit des Raumes und der Zeit: ein ethischer Fokus abzeichnete. Die darin lediglich im Ansatz behandelte Hirnforschung gab den Anstoß zu einem konzentrierten, intensiven, transdisziplinären Studium und neben vielen anderen Werken insbesondere zur weiterführenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung beginnend mit Mark F. Bear / Barry W. Connors / Michael A. Paradiso: Neurowissenschaften → zu Martin Trepel: Neuroanatomie → zu Christian Hick / Astrid Hick: Intensivkurs Physiologie zu Bruce Alberts / Dennis Bray / Karen Hopkin et al.: Lehrbuch der Molekularen Zellbiologie → zu Olaf Sporns: Network of the Brain → zu Neil A. Campbell / Jane B. Reece et al.: Biologie (Pearson Studium) → zu James D. Watson / Tania A. Baker / Stephen P. Bell et al.: Molekularbiologie (Pearson Studium) → zu Johannes Achatz: Synthetische Biologie und ›natürliche‹ Moral → zu Joachim Boldt / Oliver Müller / Giovanni Maio (Hrsg.): Leben schaffen? Philosophische und ethische Reflexionen zur Synthetischen Biologie → zu Stuart Russell / Peter Norvig: Künstliche Intelligenz. Ein moderner Ansatz (Pearson Studium) → und führte weiter → zu Robert Sedgewick / Kevin Wayne: Algorithmen und Datenstrukturen (Pearson Studium) → zu Douglas C. Giancoli: Physik. Lehr- und Übungsbuch (Pearson Studium) → zu Marius Backmann & Jan G. Michel (Hrsg.): Physikalismus, Willensfreiheit, Künstliche Intelligenz sowie zu Erhard Oeser: Das selbstbewusste Gehirn. Perspektiven der Neurophilosophie → zu Matthias Uhl: Medien, Gehirn, Evolution. Mensch und Medienkultur verstehen. Eine transdisziplinäre Medienanthropologie → zu Armin Krishnan: Killer Robots, Legality and Ethicality of Autonomous Weapons → zu Thomas Buschmann: Biped Walking Robots → zu Thomas Kretschmer / Uwe Wiemken (Hrsg.): Grundlagen und militärische Anwendungen der Nanotechnologie → zu Laura E. Berk: Entwicklungspsychologie (Pearson Studium) → zu Richard J. Gerrig / Philip G. Zimbardo: Psychologie (Pearson Studium) → zu Aswathanarayanas: Natural Resources, Technology, Economics and Policy → zu Claus Kleber / Cleo Paskal: Spielball Erde. Machtkämpfe im Klimawandel → zu Walter Leal Filho: Climate Change and the Sustainable Use of Water Resources → zu Nathan Wolfe: Virus. Die Wiederkehr der Seuchen und insbesondere zu → Wilhelm Vossenkuhl: Die Möglichkeit des Guten. Ethik ← 9 | 10 → im 21. Jahrhundert und dann → zu Julian Nida-Rümelin u. a.: Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung / und ferner: Die Gegenwart der Utopie. Zeitkritik und Denkwende → zu Ralf Stoecker / Christian Neuhäuser / Marie-Luise Raters (Hrsg.): Handbuch Angewandte Ethik → zu Giovanni Maio: Mittelpunkt Mensch: Ethik in der Medizin. Ein Lehrbuch → zu Walter Schweidler: Geistesmacht und Menschenrecht. Untersuchungen zur Bedeutung des Universalanspruchs der Menschenrechte → zum Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung: Globale Umweltveränderungen (WBGU) Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation → zu: Rolf Reißig: Gesellschafts-Transformation im 21. Jahrhundert. Ein neues Konzept sozialen Wandels → und zu Gebhard Fürst / Dietmar Mieth (Hrsg.): Entgrenzung des Menschseins? Eine christliche Antwort auf die Perfektionierung des Menschen → sowie zu Markus Vogt: Prinzip Nachhaltigkeit. Ein Entwurf aus theologisch-ethischer Perspektive → Klaus Mainzer: Thinking in Complexity. The Computational Dynamics of Matter, Mind and Mankind → und ebenfalls Klaus Mainzer: Komplexität → sowie Klaus Mainzer: Leben als Maschine? Von der Systembiologie zur Robotik und Künstlichen Intelligenz → und weiterführend → Klaus Mainzer: Die Berechnung der Welt. Von der Weltformel zu Big Data → zu Constanze Kurz und Frank Rieger: Arbeitsfrei. Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen → weiter zu Bernhard Irrgang: Posthumanes Menschsein. Künstliche Intelligenz, Cyberspace, Roboter, Cyborgs und Designer Menschen. Anthropologie des künstlichen Menschen im 21. Jahrhundert → zu: Susanne Beck: Jenseits von Mensch und Maschine. Ethische und rechtliche Fragen zum Umgang mit Robotern, Künstlicher Intelligenz und Cyborgs → zu Jan-Christoph Heilinger: Anthropologie und Ethik des Enhancements → zu Dieter Sturma (Hrsg.) Vernunft und Freiheit. Zur praktischen Philosophie von Julian Nida-Rümelin → zu Günter Rager: Beginn, Personalität und Würde des Menschen → zu Norbert Hering (Hrsg.) / Hartwig von Schubert: Cyber Age. Mensch und Cybertechnologie in den Herausforderungen und Konflikten des 21. Jahrhunderts → weiter zu Jeffrey Bennett / Megan Donahue / Nicholas Schneider / Mark Voit: Astronomie. Die kosmische Perspektive. (Pearson Studium) → zu Lee Smolin: Im Universum der Zeit. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis des Kosmos → zu Michio Kaku: Die Physik des Bewusstseins. Über die Zukunft des Geistes → zu Hans-Peter-Dürr: Geist, Kosmos und Physik. Gedanken über die Einheit des Lebens → zu Peter Dabrock / Michael Bölker / Matthias Braun / Jens Ried (Hrsg.): Was ist Leben – im Zeitalter seiner technischen Machbarkeit? Beiträge zur Ethik der Synthetischen Biologie → Yvonne Hofstetter: Sie Wissen Alles. Wie intelligente Maschinen in ← 10 | 11 → unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen → zu Alfred Nordmann / Joachim Schummer / Astrid Schwarz: Nanotechnologien im Kontext. Philosophische, ethische und gesellschaftliche Perspektiven. → zu: Uwe Hartmann: Nanostrukturforschung und Nanotechnologie, Band 1: Grundlagen → und weiter zu: Nick Bostrom: Superintelligenz: Szenario einer kommenden Revolution → Cord Friebe / Meinhard Kuhlmann / Holger Lyre et al.: Philosophie der Quantenphysik → und zuletzt Eric Hilgendorf (Hrsg.): Robotik im Kontext von Recht und Moral.

(Diese explizite Literaturauswahl – neben vielen anderen Abhandlungen – wurde nicht nach alphabetischen oder fachlichen Kriterien aufgelistet, sondern hat sich parallel zum weiterführenden Studienverlauf seit der Promotion in 2008 bis heute herauskristallisiert).← 11 | 12 →← 12 | 13 →

Einführung Ethik

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Inhaltsangabe zur Einführung

Einführung Ethik

      1.   Paradigmen

            1.1.   Ethik

            1.2.   Angewandte Ethik → eine neue philosophische Disziplin

            1.3.   Bereichsethik

      2.   Transdisziplinarität

      3.   Interdisziplinarität

      4.   Interdisziplinäre Bildwissenschaft (Medienethik / Bildmedienwissenschaft / Bildforschung)

Anmerkungen

Literatur

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Einführung Ethik

»Wir sind zwar schon, was wir erst werden sollen, müssen unsaber grundlegend ändern, um uns dessen, was wir eigentlich sind, als würdig zu erweisen«. Wilhelm Vossenkuhl, 2006

1.   Paradigmen

1.1.   Ethik

Ethik (griechisch ethos: Gewohnheit, Gebrauch, Sitte) ist die Lehre vom Sittlichen, die in engem Zusammenhang mit den Regeln des Handels und Verhaltens steht. Schon Sokrates (*um 470 v. Chr. † 399 v. Chr.) rückte die Ethik in das Zentrum seines philosophischen Denkens. Als Bezeichnung für eine philosophische Disziplin wurde der Begriff Ethik von Aristoteles (*384 v. Chr. † 322 v. Chr.) eingeführt, der damit die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen (ethos) meinte. Aristoteles war überzeugt, menschliche Praxis sei grundsätzlich einer vernünftigen und theoretisch fundierten Reflexion zugänglich. Heute ist Ethik eine philosophische Disziplin, die den gesamten Bereich menschlichen Handelns zum Gegenstand hat und diesen Gegenstand mit philosophischer Methodik einer normativen Beurteilung unterzieht und zur praktischen Umsetzung der auf dieser Weise gewonnenen Erkenntnisse anleitet.

Ethik wird als eine philosophische Disziplin verstanden, deren Aufgabe darin besteht, Kriterien für gutes und schlechtes Handeln und die Bewertung seiner Motive und Folgen aufzustellen. Sie ist die Grundlagendisziplin für die Angewandte Ethik, die sich als Individualethik und Sozialethik sowie in den Bereichsethiken mit den normativen Problemen des spezifischen Lebensbereiches befasst. Allgemein unterscheidet man folgende Paradigmen: das utilitaristische (Utilitarismus), das kantische (deontologische) (kantische Ethik), das kontraktualistische (Kontraktualismus), das individualrechtliche (Libertarismus)1 und das tugendethische (Tugendethik), vgl. Nida-Rümelin (2005.)

Als Hauptgegenstände der Ethik gelten gemeinhin die menschlichen Handlungen und die sie leitenden Handlungsregeln, die sich auf selbst gesetzte Maximen oder gesellschaftlich vorgegebene Normen berufen. In der Regel wird zwischen teleologischen Ansätzen (griechisch Telos → Ziel, Vollendung, Zweck) und deontologischen (griechisch Deon → Pflicht, das Erforderliche, das Schickliche) differenziert. ← 29 | 30 →

Teleologische Ethiken betonen, dass das Kriterium für die Richtigkeit einer Handlung oder Handlungsregel der außermoralische Wert ist, der durch das Ausführen der Handlung oder Befolgen der Handlungsregel herbeigeführt wird. Solche Theorieansätze richten somit ihr Hauptaugenmerk auf bestimmte Zwecke und Ziele. In ihnen wird die Forderung erhoben, Handlungen sollten ein Ziel anstreben, das in einem umfassenderen Verständnis gut ist. Teleologische Ethiken geben valuativen Sätzen einen Vorrang gegenüber normativen Sätzen.

Teleologische Ethik unterscheidet wiederum ontoteleologische und konsequentialistisch-teleologische Ansätze. Die ersteren Ansätze, die klassisch auf Aristoteles zurückgehen, gehen davon aus, dass das zu erstrebende Gut in gewisser Weise dem Menschen selbst als Teil seiner Natur innewohne. Die Forderung: Der Mensch soll so handeln, wie es seiner Wesensnatur entspricht, um so seine artspezifischen Anlagen auf bestmögliche Art zu vervollkommnen.

Die konsequentialistischen Ansätze hingegen gehen von einer letzten vorgegebenen Zweckmäßigkeit des menschlichen Daseins aus. Das zu erstrebende Ziel wird deshalb durch einen außerhalb des handelnden Subjekts liegenden Nutzen definiert. Dieser Ansatz geht auf die antike Philosophie Epikurs zurück und wird später in seiner typischen Form durch den Utilitarismus vertreten.

Deontologische Ethiken gehen davon aus, dass die Richtigkeit einer Handlung einzig von ihren Folgen abhängt. Deontologische Ethiken kann man daher mit Sollens-Ethiken gleichsetzen. Innerhalb der deontologischen Ethiken wird häufig zwischen aktdeontologischen (Jean-Paul Sartre) und regeldeontologischen Konzeptionen (Immanuel Kant) unterschieden. Während die Regeldeontologie allgemeine Handlungstypen als verboten, erlaubt oder geboten ausweist, bezieht sich den aktdeontologischen Theorien gemäß das deontologische Moralurteil unmittelbar auf spezifische Handlungsweisen in jeweils bestimmten Handlungssituationen. In deontologischen Ethiken nehmen normative Sätze eine Vorrangstellung gegenüber valuativen Sätzen ein. Menschliche Handlungen rücken in den Vordergrund, da nur sie gegen eine Norm verstoßen können (vgl. Düwell et al. 2011).

Als einflussreichster deontologischer Ansatz wird der von Kant angesehen, wonach der moralische Wert einer Handlung um des moralischen Gesetzes willen erfolgt und nicht nur in kontingenter Übereinstimmung mit dem Gesetz. Oftmals spricht man deshalb statt von deontologischer auch von Kantischer Ethik. Im Rahmen dieser Einteilung wird der konsequentialistischen und der kantischen Ethik die auf Aristoteles zurückgreifende Tugendethik zur Seite gestellt, die sich weder der teleologischen noch der deontologischen Ethik eindeutig zuordnen lässt (Nida-Rümelin 2005). ← 30 | 31 →

Weitere Einteilungen: Es wird auch zwischen einer Ethik erster und einer Ethik zweiter Ordnung unterschieden. Die Ethik erster Ordnung entwickelt Kriterien der moralischen Beurteilung, während die Ethik zweiter Ordnung sich mit Fragen nach dem Status und der Begründbarkeit von Theorien erster Ordnung befasst. In den Bereich der Ethik zweiter Ordnung fallen erkenntnistheoretische Fragen, aber auch die Bedeutungsanalyse moralischer Ausdrücke und ontologische Probleme. (Ontologie: Lehre vom Sein, von den Ordnungs-, Begriffs- und Wesensbestimmungen.) Eine andere Einteilung differenziert zwischen: Normativer Ethik, Metaethik, Deskriptiver Ethik und Angewandter Ethik (Nida-Rümelin 2005).

Disziplinen der Ethik nach der Behandlung ethischer Aussagen:
Deskriptive Ethik real befolgte Handlungspräferenzen Normen und Werte beschreibend, empirisch
Metaethik das moralische / ethische Sprechen analytisch
Normative Ethik Prinzipien und Kriterien der Moral, allgem. gültige Normen und Werte wertend, je nach Ansatz (apriorisch, empirisch)
Angewandte Ethik gültige Normen, Werte, Handlungsempfehlungen des jeweiligen (Wissenschafts-)Bereichs wertend, je nach Ansatz (apriorisch, empirisch)

Die philosophische Disziplin Ethik (auch als Moralphilosophie bezeichnet) sucht somit nach Antworten auf die Frage, wie in einer bestimmten Situation gehandelt werden soll.

Wenn man sich an folgendes Sprichwort hielte: ″Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu″ verfehlte man nach Immanuel Kants 1785 erschienener Grundlegung zur Metaphysik der Sitten den Sinn moralischen Handelns. Man schadet anderen nur deshalb nicht, weil man für sich selbst Schaden fürchtet. Dieses Verhalten mag äußerlich zwar als moralisch wirken, die zu Grunde liegende Motivation jedoch ist egoistisch. Könnte der Handelnde völlig sicher gehen, dass ihm aus seinem Tun kein Nachteil entsteht, würde ihn nichts mehr an die Rücksichtnahme auf andere binden. Echte Moralität hingegen weiß sich dem Richtigen und Guten auch dann verpflichtet, wenn sie nicht zum persönlichen Vorteil gereicht. Aus dieser Perspektive erhebt sich Moral über den Standpunkt strategisch kalkulierenden Eigeninteresses zu jener Haltung, die Kants kategorischer Imperativ unnachsichtig fordert: ″Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.″ (Vgl. Immanuel Kant: AA IV, 421). ″Der Geltungsbereich der begründeten Forderungen Kants kann aber nicht wirklich universal für die Menschheit ← 31 | 32 → {insgesamt gelten, sondern nur für diejenigen, die moralisch fähig sind, die also über die geistigen, seelischen und körperlichen Kräfte verfügen, den moralischen Forderungen zu entsprechen″ (Vossenkuhl 2006, S. 109).

Kants Moraltheorie, insbesondere sein Konzept des Kategorischen Imperativs kann als mustergültiger Ansatz des Universalismus gedeutet werden. Hinter der Bezeichnung Kategorischer Imperativ verbergen sich zwei wesentliche Ansprüche des Universalismus und drei unterschiedliche Formulierungen zu seiner Form:

   Wirkung und Inhalt des Universalismus

{

   Menschenwürde

   Wie entsteht ein Moralgesetz?

   Unter welchen Bedingungen gilt es?

{

   Für wen gilt es? (Vossenkuhl 2006, S. 106–109)

Ethische Positionen werden auch danach differenziert, wie sich das ′Gesollte′ aus einem bestimmten ′Wollen′ ergibt. Nachstehende Auflistung basiert auf Positionen unterschiedlicher logischer Ebenen, die sich aber nicht logisch ausschließen. Die Verbindung einer religiösen Position mit einer intuitionistischen wäre denkbar oder die einer konsenstheoretischen mit einer utilitaristischen Haltung. Einige dieser Ansätze nehmen für sich auch nicht in Anspruch, umfassende ethische Konzepte zu sein (Nida-Rümelin, 2005, S. 3–87).

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1.2.   Angewandte Ethik → eine neue philosophische Disziplin

Über die Medien, in der Wirtschaft, in Wissenschaft und Technik, im Umgang mit Natur und Umwelt und natürlich auch in der Politik werden wir einerseits laufend mit altbekannten moralischen Problemen konfrontiert, müssen uns aber andererseits im Zuge des ständigen Wandels und der Entwicklung immer wieder aktuellen Themen aus einer veränderten Perspektive mit Rückgriff auf die Angewandte Ethik stellen und einer Lösung zuführen. Für diese neue philosophische Disziplin hat sich nachstehende Charakterisierung herausgebildet: ″Die Angewandte Ethik bildet den Versuch, mit den Mitteln der Ethik Menschen dabei zu helfen, sich in bestimmten Situationen moralisch richtig zu verhalten, in denen Unklarheit oder Unsicherheit darüber herrscht, was in dieser Situation moralisch richtig wäre″ (Ralf Stoecker / Christian Neuhäuser et al. 2011).

Obige Charakterisierung reflektiert nicht nur das Interesse an philosophisch argumentativ erzeugter moralischer Klarheit und moralischer Kritik bezüglich bestimmter Handlungsweisen und Entscheidungen, aus der sich die Angewandte Ethik entwickelte, sondern passt auch gut in den Rahmen der Entstehungsgeschichte der Angewandten Ethik (Jonson 1998; Stevens 2000; Düwell / Steigleder 2003; Glock 2011). Unerlässlich ist es aber darauf hinzuweisen, dass das Bemühen, in unserer komplexen Welt zu einer moralischen Bewertung (s. Abb. 1) und einer ← 34 | 35 → konkreten Verhaltensweise zu gelangen, auch an eine lange Tradition anknüpft. Schon seit der Antike kennen wir moralphilosophische Abhandlungen und Diskussionen wie z. B. die Lehrbriefe Senecas, Essais von Montaigne, John Lockes Brief über Toleranz, David Humes Untersuchung Über den Suizid, Cesare Beccarias Über Verbrechen und Strafen, Karl Jaspers‘ Auseinandersetzung mit der Schuldfrage (nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes) wie auch die zahlreichen kasuistischen Reflexionen von christlichen Ethikern wie Aurelius Augustinus, Thomas von Aquin etc. Dennoch ist es gerechtfertigt im Zuge der Themenvielfalt, der Institutionalisierung der Angewandten Ethik mit eigenen Zeitschriften, Fachgesellschaften, Forschungsinstituten und Lehrstühlen von einer neuen philosophischen Disziplin zu sprechen (R. Stoecker et al. 2011).

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Moralische Überzeugungen und Beurteilungen greifen auf eine Vielzahl normativer Begriffe und Kriterien zurück. Mit Verweis auf individuelle Rechte, eingegangene Verpflichtungen, auf soziale Pflichten und moralische Prinzipien werden Handlungen als moralisch zulässig oder unzulässig qualifiziert. Nida-Rümelin (2005, S. 43–44) betont vier Kategorien alltagsmoralischer Begründung, die bestimmten Paradigmen normativer Ethik entsprechen und eine dieser Begründungsweisen ins Zentrum rücken, wobei diese nicht trennscharf und in komplexer Weise miteinander wirken:

Während für unsere Alltagsmoral der Verweis auf oder gegebenenfalls die Abwägung zwischen den genannten vier Kategorien zur Begründung eines moralischen Urteils ausreicht, ist die philosophische Ethik ein primär theoretisches Projekt. Ihr Fokus richtet sich nicht auf die Lösung konkreter moralischer Probleme, sondern die Interpretation, Diskussion und Revision ethischer Kriterien.

Die Angewandte Ethik befasst sich neben konkreten Fällen mit den dahinterstehenden Entscheidungskriterien auch mit sehr abstrakten, theoretisch-ethischen Konzepten, während umgekehrt Beiträge zur Theoretischen Ethik häufig auf Anwendungen zurückgreifen, ohne dass dadurch die Grenze zwischen Theoretischer und Angewandter Ethik obsolet würde. ″Der Unterschied (R. Stoecker et al. 2011, S. 5) besteht darin, dass für erstere der Rückgang auf die theoretische Ebene ein Mittel zur Lösung der Anwendungsprobleme ist, um die es in der Angewandten Ethik eigentlich geht, während für letztere umgekehrt die Anwendungsbeispiele ein Mittel zur Illustration der theoretischen Überlegungen bilden″.

1.3.   Bereichsethik

In den vorausgegangenen Dekaden der Praxis Angewandter Ethik hat sich eine Vielfalt und Differenziertheit von Phänomenen herausgebildet wie z. B. in der Ethik der Geschlechterdifferenz, Politischen Ethik, Rechtsethik, Wirtschaftsethik, Ökologischen Ethik, Tierethik, Ethik der Gen- und der neuen Biotechnologie, Medizinethik, Medienethik, Wissenschaftsethik, Ethik des Risikos. Reduktionis ← 36 | 37 → tische-einheitswissenschaftliche Theoriekonzeptionen bedurften einer Korrektur und erzwangen essentielle Erkenntnisfortschritte, die zu einer verstärkten Anwendungsorientierung normativer Ethik führten, da die empirischen und normativen Phänomene zu komplex auftraten bzw. auftreten können, als dass sie durch ein einziges Prinzip und eine einzige systematische Begrifflichkeit erfassbar wären. Konsequenterweise erschien es heuristisch zweckmäßig, tiefergreifende Komplexe menschlicher Betätigung, denen jeweils spezifische Charakteristika gemeinsam sind, einer eigenständigen normativen Analyse zu unterziehen. Die Angewandte Ethik fokussierte sich nach und nach auf unterschiedliche Bereiche und daraus etablierte sich der Begriff Bereichsethik.

Unter dem Begriff Syndromkonzept (auch Syndromansatz) entwickelte sich parallel zu den Bereichsethiken die ″Methode zur Ganzheitsbetrachtung der gegenwärtigen Krise im System Erde″, die vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU) angestoßen und umgesetzt wird. Unerwünschte und gefährliche Zustände im Umwelt-, Wirtschafts-, Sozial- und Kulturbereich, die als nachhaltig gelten, werden als Problembereiche strukturiert und auf Ursache- und Wirkungsmechanismen untersucht. Neue (besorgniserregende) Ereignisse/Veränderungen sollen besser eingeordnet und unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten abgeleitet werden. Die Grundthese des Syndromkonzepts besteht aus der Annahme, dass sich der globale Wandel in seiner Dynamik auf ein überschaubares typisches Muster von Kausalbeziehungen an der Mensch-Umwelt-Schnittstelle zurückführen lässt. Nach Ansicht des WBGU werfen die komplexen Charakterveränderungen des Systems Erde vier Grundfragen auf, denen zum Umgang mit diesen Prozessen nachgegangen werden muss:

Die Forschung hat demnach die Aufgabe, Diagnosen, Prognosen und Bewertungen der Veränderungen oder globalen Trends zu erarbeiten. Als Resultat dieser Untersuchungen werden Empfehlungen und Hinweise zur Prävention, Sanierung und Adaption erarbeitet, um den Umgang mit den globalen Trends zu strukturieren. Die Forschung soll auf den Leitlinien der nachhaltigen Entwicklung (Agenda 21) basieren und integrativ vorgehen (Hauptgutachten Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Berlin 2012). ← 37 | 38 →

2.   Transdisziplinarität

Unter Transdisziplinarität (auch Multidisziplinarität / Pluraldisziplinarität) versteht man das Nebeneinander verschiedener Disziplinen. Charakteristisch für transdisziplinäre Projekte ist einerseits das Überschreiten von Disziplingrenzen, andererseits das Zusammenspiel von gesellschaftlich-politischen und wissenschaftlich-analytischen Entscheidungs- bzw. Problemlösungsprozessen.

Da unsere Welt laufend komplexer wird, erfordern lebensweltliche Probleme analog in zunehmendem Maße transdisziplinäre Forschung. Diese kommt in Gang, wenn das vorhandene Wissen unsicher ist und fixiert werden muss, worin die Probleme genau bestehen. Transdisziplinäre Forschung geht von gesellschaftlichen Problemstellungen aus, jedoch nicht explizit von Fragen, die ausschließlich wissenschaftsinternen Diskursen entspringen.

Relevante Fragestellungen der Transdisziplinarität betreffen:

   Systemwissen, also empirische Prozesse, die zur bestehenden Situation führten und die künftige Entwicklung beeinflussen können.

   Zielwissen, das sich etabliert hat und Argumente für und gegen Ziele zum Gegenstand hat.

   Transformationswissen, das sich damit auseinandersetzt, ob und in welchem Rahmen die bestehenden Verhältnisse im Sinne der Zielsetzung veränderbar sind.

Transdisziplinäre Prozesse erfassen Probleme in ihrer relevanten Komplexität und berücksichtigen die divergierenden Sichtweisen in der Wissenschaft und der Wissensgesellschaft.

Drei Unterscheidungskriterien haben sich herausgebildet:

   Problemidentifikation und -strukturierung

   Problembearbeitung

   Wertsetzung und transdisziplinäre Integration.

Transdisziplinarität zielt auf einen kompetenten, offenen und transparenten Dialog, um die unterschiedlichen Sichtweisen der relevanten Thematik zu verstehen, gegeneinander abzugrenzen, zu bewerten und relativieren zu können (vgl. M. Bergmann / J. Thomas et al., 2010).

Das ISOE (Institut für sozial-ökologische Forschung) 2005 fasst zusammen: Transdisziplinäre Forschung

   greift lebensweltliche Problemstellungen bzw. Fragen auf

   bezieht bei der Beschreibung der daraus resultierenden Forschungsfragen und ihrer Behandlung Fächer bzw. Disziplinen problemadäquat ein und überschreitet bei der Bearbeitung die Disziplin- und Fachgrenzen. ← 38 | 39 →

Details

Seiten
524
ISBN (PDF)
9783653050936
ISBN (ePUB)
9783653974485
ISBN (MOBI)
9783653974478
ISBN (Hardcover)
9783631658604
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Februar)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 524 S., 52 farb. Abb.

Biographische Angaben

Harda Distrid Miebach (Autor:in)

Harda-Distrid Miebach schloss nach Berufstätigkeit in leitender Position das Magisterstudium in Eichstätt ab und promovierte anschließend im Fach Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Titel: «Wissenschaftliche Transdisziplinarität» – Ein philosophischer und ethisch-kritischer Diskurs