Lade Inhalt...

Ezra Pound

Minstrel der Moderne Untersuchungen zur inter- und intrakulturellen Übertragbarkeit poetologischer und kunsttheoretischer Prinzipien

von Stefan Loyen (Autor:in)
Dissertation 220 Seiten
Reihe: Britannia, Band 18

Zusammenfassung

Das Buch beschäftigt sich mit dem amerikanischen Dichter Ezra Pound, einem der wichtigsten Vertreter der literarischen Moderne. Seine epochalen Theorien des Imagismus und Vortizismus sind die Apizes der Ismen des fin de siècle; seine dichterischen Prinzipien und Methoden der Ausgangspunkt für die Entwicklung einer Kunst und Literatur für das neue 20. Jahrhundert. Diese Studie untersucht, wie sich seine Lyrik als ein dem Sinnhaften entgegengestellter, extratextlicher Gegenstand fixieren lässt und ob sich eine unmittelbare Verbindung zwischen Pounds Lyrik und physischer Präsenz herstellen lässt. Erstens als Wiederbelebung des klassischen Ideals ut pictura poesis und zweitens als Grundlage der Materialitätsdebatte, die ein zentrales Paradigma der modernen literaturwissenschaftlichen Forschung ist.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abbildungsverzeichnis
  • Einleitung
  • Motivation
  • A Tree Amidst the Woods: Eine erste Orientierung
  • Struktur – Redux
  • Phänomenologische Aspekte der Arbeit
  • Teil I
  • Roots and Fruits: Der Poeta Doctus und die Mimesis als klassische Ideale der modernen Lyrik des beginnenden 20. Jahrhunderts
  • Die Verrückung: Mimesis als realitätsstiftende Produktion
  • The Making of the Art I: „Ut Sculptura Poesis“
  • The Making of the Art II: Bewegung und Raum
  • The Making of the Art III: Die Kunst des Troubadours
  • The Making of the Artist I: I gather the limbs of Osiris (30. Nov. 1911–15. Feb. 1912)
  • The Making of the Artist II: How to Read (1927–1928)
  • The Artist: The Modern Minstrel
  • The Art I: The Seafarer (1911)
  • The Art II: Imagismus – Hulme und Pound als „Classic Revival“ Antiker Ideale
  • Pounds Imagismus
  • The Great English Vortex: Antiparagone der »Moderne«
  • Teil II
  • Wahrnehmungpsychologische Implikationen – Präsenz durch Absenz: Überlegungen zum Begriff „Poetische Materialität(en)“
  • Leerstellen
  • Gumbrechts Theorie der Präsenz
  • Präsenz durch Absenz: Die Funktion der Leerstellen und die Produktion von Präsenz in Pounds »In a Station of the Metro«
  • Das Ideogram
  • Modernistische Epigonen: Die Appropriation des Fremden
  • Die Funktionen der Übersetzungen: Kontrolle oder Mimesis
  • Cathay (1915)
  • Hugh Selwyn Mauberley: Life and Contacts (1919–1920)
  • Something for the Modern Stage: Die Cantos „Mr. Pound has moved again“
  • Canto 85: A New Greece in China
  • Resümee
  • Die Dummheit ist Schlüsse ziehen zu wollen
  • Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Umschlag

Gaudier-Brzeska, H.: Hieretic Head of Ezra Pound (1914), Marmor, 90,5 cm x 45,7 cm x 48,9 cm In: Wild Thing: Katalog zur Ausstellung Wild Thing: Epstein, Gaudier-cm Brzeska. London: Royal Academy of Arts, 2010, 133

Einleitung

Motivation

Ich sage nicht, daß [sic!] die alten Meister schlecht gearbeitet haben oder ihre Aufgabe nicht erfüllten. Ich glaube nur, daß [sic!] sie ihre Aufgabe so vollständig erfüllten, daß [sic!] ihr euch schämen sollt, auf die alten Fragen immer wieder eine andere Antwort finden zu wollen, anstatt neue Fragen zu stellen.

Brecht IN: Hecht 1968: 9

Neugierig und vielleicht auch etwas irritiert, wird sich der Leser wundern, ob und wenn ja, welche neuen Fragen ich in Bezug auf die Verortung von Pounds Lyrik im Kanon der Künste zu stellen gedenke, und zu welchen neuen Erkenntnissen ich so gelangen werde.

Neugierig, denn seines Wissens sind Literatur- und Geisteswissenschaften, denkt man nur an Kenners The Pound Era, diesem Forschungsgegenstand im Valentinschen Sinne in überaus umfangreichen Untersuchungen nachgegangen. Irritiert, denn er wird mehr oder minder überrascht feststellen, dass es sich nicht um neue Fragen, sondern um eine Verrücktheit handelt, um eine Verrücktheit der alten Fragen.

Natürlich liegt mir nichts ferner, als einer Autorität Brechtschen Formates zu widersprechen. Allerdings lässt mich zum einen ein gesundes Selbstbewusstsein verbunden mit einer realistischen Selbsteinschätzung mutmaßen, dass Brechts Kritik nicht an mich gerichtet ist, und mir so die Freiheit gewährt wird, auch einer unter Umständen alten Frage nachzugehen, ohne dabei gegen die erhobenen Einwände verstoßen zu müssen. Zum anderen sei mir an dieser Stelle eine kurze kritische Anmerkung erlaubt, denn nichts muss schärfer zurückgewiesen werden als das Streben nach ständiger Neuerung, ohne das eine umfassende Beantwortung der alten Fragen gewährleistet wäre.

Dennoch hat mich dieses Brechtsche »Make it New« nicht gänzlich unberührt gelassen, und so möchte ich auf den folgenden Seiten, wenn ich schon keine neue Frage stelle, doch versuchen, mich auf den Weg zu einer neuen Frage zu begeben. In der beschriebenen Verrücktheit sehe ich mich sogar in gewisser Weise der Brechtschen Aufforderung Folge leisten, wenn auch nicht in der geforderten Radikalität, so doch nicht minder angetrieben aus einer gleichermaßen eudämonischen Geisteshaltung.

Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine Perspektivierung. Um es mit den Worten Pounds zu sagen, handelt es sich um ein »gathering«, kunstästhetischer ← 13 | 14 → Überlegungen, der »limbs«, die ich in ihrer Anwendung auf Pounds Lyrik überprüfen und zu einer neuen Gestalt zusammensetzen werde. Damit versuche ich, sowohl ein Erklärungsmuster für die Poundsche Dichtung, als auch genreübergreifend für die Kunst im Allgemeinen zu erstellen.

Zu Beginn und noch ohne konkrete Ambitionen hinsichtlich der nun vorgelegten Dissertation versprach ich mir zunächst einen persönlichen Erkenntnisgewinn. Ausgangspunkt war, dass ich mich schlichtweg geärgert hatte, ein Gedicht nicht zu verstehen, seinen Sinn nicht erfassen zu können. Dieser »corpus delicti«, die Section: Rock Drill des Los Cantares LXXXV–XCV Ezra Pounds, ist durchsetzt von chinesischen Schriftzeichen1, lateinischen, griechischen, französischen und italienischen Wendungen und Komplexifizierungen unterschiedlicher Größe und Form2, die das Werk unlesbar erscheinen lassen. Noch verstärkt wurde mein Verdruss durch Hinweise in der Sekundär- und Tertiärliteratur, die Lesbarkeit bzw. das Verständnis deutlich erhöhen zu können, indem man Couvreurs Übersetzung hinzuzöge.3 Leider reichten und reichen meine Französischkenntnisse nicht weiter als zur Formulierung der einfachsten Grundbedürfnisse, sodass dieser Hinweis auf unfruchtbaren Boden fiel. Nach einem längeren, erfolglosen Kampf verbannte ich, um mein seelisches Wohlbefinden zu sichern, besagtes Werk nicht gänzlich, aber aus meiner näheren Umgebung.

Zu einem späteren Zeitpunkt besuchte ich ein Seminar des Instituts für Anglistik an der Universität Greifswald zur Literaturtheorie von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart unter der Leitung von Prof. Dr. Andrea Beck. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurde unter anderem Susan Sontags Aufsatz Against Interpretation behandelt. Hier fordert Sontag eine Rückbesinnung auf die physischen Eigenschaften literarischer Kunst.4

Sofort erkannte ich, dass meine Ausgangsfrage, abgesehen von ihrer verzweifelten, schuljungenhaftigen Naivität, komplett nutzlos gewesen war. Nicht „was will uns der Dichter damit sagen“, nein, „was will uns der Dichter damit zeigen“, war die treffendere.

Aus dieser Überlegung ergab sich erneut die Annäherung an Pound und die dieser Arbeit vorstehenden Leitfrage, ob und wenn ja, wie es möglich sein könnte, die Lyrik Pounds als einen dem Sinnhaften entgegengestellten, extratextlichen, ← 14 | 15 → weltlichen Gegenstand zu fixieren; konkreter, ob sich tatsächlich eine unmittelbare Verbindung zwischen Pounds Lyrik und physischer Präsenz, vergleichbar mit der Materialität einer Skulptur oder Plastik, herstellen ließe.

Um diese Verbindung zwischen Lyrik und dem Begriff des Gegenstandes herstellen zu können, musste jedoch geklärt werden, was der Begriff Materialität in diesem Kontext bedeuten soll (und kann). Welche Bedingungen müssten erfüllt sein, damit einem literarischen Werk neben seinem virtuellen, nicht fassbaren Charakter auch ein materieller Zustand zugeordnet werden kann, und inwieweit ließe sich dann von einer Körperlichkeit sprechen?

Die Gefahr, sich mit diesen Fragen der Lächerlichkeit preiszugeben, ist zugegebener Maßen äußerst hoch. Dennoch erschien es mir fast einer Notwendigkeit zu entsprechen, sich ihr zu stellen, denn der Verlust der Körperlichkeit in der Kunst, sei es durch museale Restriktionen, kollektiven Wahn oder künstlerische Vaganz, hat ein Ausmaß erreicht, in dem Kunstwerke fast ausschließlich durch ihre metaphysischen Attribute bestimmt werden und so kaum noch den ursprünglichen, weltlichen Ansprüchen ihres Publikums gerecht werden können. Sie sind buchstäblich dem Zugriff in eine nahezu göttliche Sphäre enthoben. In dieser „Lage“ benötigen sie das Museum als Medium, damit in der physischen Umschließung ihre erneute Konkretisierung vollzogen und sie erneut in einen Bezug zur Welt gesetzt werden können.5

Nun stellt sich das Problem, dass, handelt es sich um ein Werk aus dem Bereich der Lyrik, dieses Schema nicht ohne Weiteres adaptiert werden kann, denn die Umschließung und infolgedessen die Konkretisation des Werkes kann in diesem Fall ausschließlich in und durch den Leser erfolgen. Der Raum der Entfaltung des Werkes wird dabei also durch den Körper definiert, und dieser Körper ist mitnichten eine feste Größe, sondern in jeglicher Ausprägung äußerst vage und sehr flüchtig. Wenn also wie angenommen allein in diesem und durch diesen das Werk aufgeht, bestünde die Schwierigkeit darin, nicht nur zu bestimmen, wie sich Lyrik auf ein räumliches Verhältnis zur Welt zurückführen ließe, sondern auch ihre Wirkung auf diesen Körper zu beschreiben. Wie könnte sie sprichwörtlich greifbar und nicht nur begreifbar gemacht werden, damit ihr das Potential, eine wirkliche Gestalt im Sinne der bildenden Künste zu besitzen, zugesprochen werden könnte, mit der sie auf uns einwirkt? ← 15 | 16 →

Biographische Angaben

Stefan Loyen (Autor:in)

Stefan Loyen studierte Englisch und Sportwissenschaften an der Universität Greifswald. Sein Forschungsschwerpunkt ist die modernistische Lyrik, vor allem Ezra Pound, T.S. Eliot und James Joyce. Er arbeitet als Englischlehrer in Berlin.

Zurück

Titel: Ezra Pound