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Eugen Oker

Einer der bekannteren Unbekannten der bayerischen Literatur

von Barbara Neueder (Autor:in)
©2015 Dissertation 434 Seiten

Zusammenfassung

Barbara Neueder stellt Leben und Werk des bayerischen Schriftstellers Eugen Oker (1919–2006) vor und erschließt seinen umfangreichen Nachlass. Der Autor präsentierte sich als vielfältiger Künstler, Humorist, Spielekolumnist und -erfinder, als habituell komischer Erzähler, Dramatiker und Lyriker. Er hat alle Rollen des literarischen Feldes für sich besetzt: als Autor und Kritiker, Verleger des Kuckuck & Straps-Verlages und in seinen Beziehungen zu Schriftstellerfreunden (Heuser, Amery, Richter, Henscheid). So lassen sich Struktur und lokale Eigenarten des Münchner literarischen Lebens ab 1971 rekonstruieren. Darüber hinaus belegt das Buch die Tragfähigkeit der literatursoziologischen Begrifflichkeiten Pierre Bourdieus.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Danksagung
  • Vorbemerkung
  • I. Theorieteil
  • 1. Einleitung
  • 2. Forschungsstand und Quellenlage
  • 2.1 Forschungsstand
  • 2.2 Quellenlage
  • 3. Methodische und theoretische Grundlagen
  • 4. Aufbau der Untersuchung
  • II. Praxisteil: Der Schriftsteller Eugen Oker im literarischen Feld
  • 1. Eugen Oker ein ‚getarnter Oberpfälzer‘ in München
  • 1.1 „AAF OWAMENZING! Haldenbergerstr. 21“: Literarisches Leben in München um 1971
  • 1.2 Literarische Infrastruktur, Literaten und Literatur
  • 2. Biografisches: Eugen Okers Leben (1919–2006)
  • 2.1 1919–1970
  • 2.2 Umzug nach München 1971: Eugen Okers Münchner Jahre als freier Schriftsteller
  • 2.2.1 Reflexionen über den Beruf des „Schreiberers“
  • 2.2.2 Eugen Okers Bibliothek
  • 2.3 Rückzug aus dem literarischen Leben, Krankheit und Tod 2003–2006
  • 3. Der Habitus Eugen Okers: Selbstinszenierung und Distinktionsmerkmale.
  • 4. Das literarische Schaffen Eugen Okers: Überblick über das schriftstellerische Werk
  • 4.1 Drama
  • 4.2 Lyrik
  • 4.3 Epik
  • 4.3.1 Kurzgeschichtensammlungen
  • 4.3.2 Romane
  • 4.3.3 Anthologiebeiträge
  • 4.3.4 ‚Sachbücher‘
  • 4.3.5 Lexika und Sprachatlas
  • 4.3.6 Unveröffentlichte Manuskripte
  • Exkurs: München als literarisches Thema im Werk Eugen Okers
  • 5. Erzähltextanalysen
  • 5.1 Babba, sagt der Maxl, du mußt mir eine Geschichte erzählen
  • 5.1.1 Entstehungsgeschichte
  • 5.1.2 Inhalt und Erzähltextanalyse
  • 5.1.3 Rhetorik, Stilistik und Grafie
  • 5.1.4 Rezeption
  • Exkurs: Der Elefant und das Telefon
  • Exkurs: Der Elefant, der Maxl, der Babba und die Klasse 4b
  • 5.2 Zahlbar nach dem Endsieg
  • 5.2.1 Entstehungsgeschichte
  • 5.2.2 Inhalt und Erzähltextanalyse
  • 5.2.3 Autobiografische Elemente: Der Autor als Teil seiner Literatur
  • 5.2.4 Rhetorik, Stilistik und Grafie
  • 5.2.5 Rezeption
  • Exkurs: Wortbildung in Eugen Okers Roman Zahlbar nach dem Endsieg
  • 6. Dramenanalysen
  • 6.1 Faust III
  • 6.2 Tell mit der Armbrust. Ein Classical
  • 7. Lyrikanalysen
  • 7.1 Standardsprachliche Gedichte
  • 7.1.1 200 Stafetten-Denkfetzen
  • 7.1.2 Nonsens-Gedichte (DIE ZEIT)
  • 7.1.3 Unveröffentlichtes Gedichtmaterial
  • 7.1.3.1 Archivbox Verse und Archivbox Allerlei
  • 7.1.3.2 Sammelsurium
  • 7.2 Fremdsprachige Gedichte
  • 8. Eugen Oker als Verleger: Der Verlag Kuckuck & Straps
  • 8.1 Verlagsprofil
  • 8.2 Verlagsprogramm
  • 8.3 Verlagsgeschichte
  • 9. (Schriftsteller-) Freunde und Schriftstellerkollegen
  • 9.1 Kurt Heuser
  • 9.2 Carl Amery
  • 9.3 Hans Werner Richter
  • 9.4 Literarisches Netzwerk
  • Exkurs: (Schriftsteller-) Feinde
  • 10. Verlags- und Verlegerbeziehungen
  • 10.1 Hauptverleger
  • 10.1.1 Hans A. Neunzig
  • 10.1.2 Hubert Ettl
  • Exkurs: Gerd Burger
  • 10.2 Vereinzelte Verlags- und Verlegerbeziehungen
  • Exkurs: Die literarische Institution der Literaturagentur
  • 11. Rezeption zu Eugen Oker
  • 11.1 Literaturkritik
  • Exkurs: Der Literaturskandal als literarische Institution
  • 11.2 Schulische Rezeption
  • 11.3 Literaturwissenschaftliche Rezeption
  • 11.4 Literaturpreise
  • 11.5 Eugen Oker in der Literatur
  • 11.6 Literarische Kanonisierung?
  • Exkurs: Die literarische Institution des Literaturarchivs
  • 12. ‚Lebenskäse‘: Eugen Okers sonstiges Schaffen
  • 12.1 Eugen Oker als Übersetzer
  • 12.2 Eugen Oker als Feuilletonist und Journalist
  • 12.3 Eugen Oker als TV- und Rundfunkautor
  • 12.4 Eugen Oker – Homo ludens
  • 12.4.1 Eugen Oker „erste[r] und einzige[r] Spielekritiker Deutschlands“
  • 12.4.1.1 Spielekritiken in DIE ZEIT (1964–1971)
  • 12.4.1.2 Spielekritiken in der Frankfurter Rundschau (1972–1975)
  • 12.4.2 Eugen Oker: Literarische Spiele
  • 12.4.2.1 PARODI und GOETHE-PARODI
  • 12.4.2.2 Wort- und Sprachspiele
  • 12.4.3 Monopoly Bayern
  • 12.4.4 Boutique für Spieler und Spiele-Club
  • 12.4.5 Schirgel-Postille
  • 12.4.6 Unveröffentlichtes zum Thema Spiel
  • 12.4.6.1 Neue Denkansätze zum Thema Spiel
  • 12.4.6.2 Kyselack
  • 12.5 Eugen Oker als Zeichner, Sammler, Erfinder und Musiker
  • III. Schlussbemerkung: Eugen Okers Gesamtkunstwerk
  • IV. Anhang
  • V. Abkürzungsverzeichnis
  • VI. Siglen
  • VII. Kurztitelverzeichnis
  • VIII. Literaturverzeichnis

Danksagung

Die vorliegende Arbeit wurde im Oktober 2013, noch unter dem Geburtsnamen der Verfasserin, Barbara Grünwald, als Dissertation an der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universiät München angenommen.

Für die Veröffentlichung unter dem Ehenamen, Barbara Neueder, wurden einige Korrekturen eingearbeitet und der Titel angepasst.

Dank ergeht an meinen Doktorvater Prof. Dr. Sven Hanuschek für die Betreuung der Arbeit. Dank gebührt auch meiner Zweitgutachterin Prof. Dr. Christine Haug und meiner Nebenfachbetreuerin PD. Dr. habil. Christiane Wanzeck.

Frau Patricia Preuß M. A. und Herrn Michael Peter Hehl M. A. vom Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg e. V. gilt mein Dank für die optimalen Recherchebedingungen und die einmalig nette Arbeitsatmosphäre. Danken möchte ich auch für die Abdruckgenehmigung der Oker-Zitate aus den Archivbeständen sowie für die Genehmigung zum Abdruck der Fotografien. Frau Silvia Kaiser danke ich für die netten Gespräche.

Ganz besonders möchte ich mich bei Frau Maria Gebhardt bedanken. Danke für die vielen Gespräche über Eugen Oker im Haus in der Haldenbergerstraße, danke für ihre Offenheit und ihre Unterstützung bei all meinen Fragen zum Thema, danke auch für Labyrinthdurchschreitungen, Speis und Trank und die einmaligen Einblicke in das Leben ihres Mannes.

Herzlichen Dank an meine Familie! Allen voran möchte ich euch danke sagen, Mama und Papa! Danke für eure Unterstützung jeglicher Art in den letzten drei Jahren!

Mein letzter Dank geht an meinen Ehemann, Andi! Danke für deinen Beistand und deine Liebe!

Barbara Neueder
(München, den 30.11.2014) ← 9 | 10 →

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Vorbemerkung

Bei der ersten Erwähnung aller Angaben wird ausführlich bibliografiert. Ab der Zweitnennung eines Belegs wird im Fußnotentext der Kurzbeleg beziehungsweise der jeweilige Kurztitel angegeben.

Bei Archivquellen erfolgt die Angabe unter Nennung der Bestandsignatur 06EO. Aufgrund der Beschaffenheit des Nachlasses taucht eine Vielzahl an Eigennamen in den Quellenangaben auf, diese werden ebenfalls bei der Erstnennung vollständig (Vorname, Nachname) angegeben. Ab der Zweitnennung erfolgt die Angabe ausschließlich unter Angabe des Nachnamens. In einigen Fällen gibt es zwei Personen mit dem gleichen Nachnamen. Hier wird ab der Zweitnennung der Anfangsbuchstabe des Vornamens mit angegeben, um Unklarheiten zu vermeiden.

Maria Gebhardt, Eugen Okers Ehefrau, übernimmt mit zunehmendem Alter des Autors oft das Schreiben seiner Korrespondenz. Eugen Oker fügt jedoch selbst seine Unterschrift händisch hinzu, manchmal unterschreibt Maria auch im Auftrag ihres Mannes mit dessen Namen. Da diese Briefdokumente zusammen entstehen, Maria sie lediglich aufschreibt, wird Eugen Oker als Verfasser angegeben.

Bei Quellen ohne Angabe von Vor- und Nachname des Adressaten und Adressanten handelt es sich um Unterlagen wie Handzettel, Urkunden, Veranstaltungshefte, Verträge, Entwürfe zu Reden, Briefdokumente von Körperschaften etc.

Bei fehlender Angabe des Vor- oder Nachnamens eines Adressaten oder Adressanten wird sich, sofern der Name aus dem Verlauf der Korrespondenz nicht rekonstruiert werden kann, mit [?] beholfen. Ebenso wird bei fehlenden Zahlen bei Datumsangaben im Nachlass verfahren. So wie es in § 5 der Regeln zur Erschließung von Nachlässen und Autographen (RNA) geregelt ist.

Bei nicht bibliografierten Archivalien lassen sich die Angaben nachträglich nicht immer ergänzen. Dies ist vor allem bei aus- und abgeschnittenen Zeitungsartikeln der Fall. Hier fehlen des Öfteren wichtige Informationen wie der Name der Zeitung, das Datum etc. In diesen Fällen erfolgt die Angabe unter Nennung der Bestandsignatur 06EO sowie den jeweils vorhanden bibliografischen Informationen.

Im Literaturverzeichnis befinden sich einige Beiträge Eugen Okers in Sammelwerken, bei denen der Titel oder die Seitenangabe fehlen. Dies ist bei Titeln der Fall, die nicht über die Datenbanken: BSB-Katalog, BVB-Verbundkatalog ← 11 | 12 → und BVB-Aufsatzdatenbank ausfindig gemacht und eingesehen werden konnten. Einige dieser Titel (z. B. Das lyrische Holzbein) wurden nach Möglichkeit gekauft, jedoch sind nicht alle dieser Buchtitel noch im Buchhandel erhältlich. In den Fällen in denen das jeweilige Buch nicht zu beschaffen war und somit die Angaben nicht ergänzt werden konnten, wurde sich trotzdem zu einer Aufnahme der entsprechenden Anthologie ins Verzeichnis entschlossen, da jede Aufnahme eines Textes von Oker in Anthologien einen Beleg über dessen Position im literarischen Feld darstellt.

Buch-, Zeitschriften-, Zeitungs-, Aufsatz- und Sammelbandtiteltitel werden im Fußnotentext kursiv gesetzt. Die Bestandssignaturen 06EO und PA sowie die Namensbezeichnungen der Archivordner, Archivmappen sowie Archivboxen werden in den Fußnoten hingegen nicht durch Kursivierung wiedergegeben.

Im Werkverzeichnis werden alle im Verlag K & S veröffentlichten Titel von Eugen Oker sowie alle publizierten Werke anderer Autoren im Verlag K & S aufgelistet. Die bisher unveröffentlichten Titel wurden mit dem Vermerk – „Unveröffentlichtes Manuskript“ – in das Literaturverzeichnis unter Literaturarchivgut bzw. Privatarchivgut aufgenommen.

Barbara Grünwald
(München, den 24.9.2013)
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I.   Theorieteil

1.  Einleitung

Eugen Oker (* 1919 in Schwandorf – † 2006 in München) ist bisher, wie im Titel der Arbeit konstatiert, „einer der bekannteren Unbekannten der bayerischen Literatur“1. Diese dank des Oxymorons sehr eindringliche Aussage des Lektors Gerd Burger liegt bereits zehn Jahre zurück. Der Sachverhalt, dass es sich bei Eugen Oker um einen relativ unbekannten Autor der Gegenwartsliteratur handelt, erweist sich 2013 als noch immer aktuell. Erst kürzlich plädiert Christian Muggenthaler in seinem Zeitungsartikel Die revoltierende Kraft der Humanität für die lohnenswerte literarische Entdeckung und wissenschaftliche Erforschung des verstorbenen Schriftstellers. „[U]ngehobene Schätze in Fülle und Klarsichthülle“2 zu erschließen und den Schriftsteller Eugen Oker samt seiner literarischen Werke als Teil des lokalen literarischen Lebens zu untersuchen, ist Ziel der Arbeit. Denn die Hypothese „dass regionale Produkte […] auch in der Literatur für Qualität sorgen können“3, mehr noch, dass diese Produkte Abbilder des lokalen literarischen Lebens zeigen, wird nachfolgend belegt.

Der bairische Dialekt erlebt derzeit in Kino und Kabarett eine Renaissance.4 Dies zeigt sich unter anderem durch die Vergabe von Preisen. Am 12.8.2013 erhält der Regisseur Marcus H. Rosenmüller, der mit seinem Debüt-Kinofilm Wer früher stirbt, ist länger tot 2006 bekannt wird, den Sprachpreis die Bairische Sprachwurzel. Ausgezeichnet wird der Preisträger aufgrund seiner lokalen Themen und der Verwendung von Dialekt in seinen Filmen. Prof. Dr. Reinhard Wittmann, der die Laudatio 1994 über Eugen Oker und seinen Verlag Kuckuck & Straps sowie 2003 anlässlich der Oker-Ausstellung im Literaturarchiv ← 13 | 14 → Sulzbach-Rosenberg hält, ist auch der Laudator Rosenmüllers. Wittmann lobt das Bekenntnis zum Dialekt, vor allem in „der Mingara Society und in der Kulturschickeria“5 sei das selten. Wissenschaftler wie der Sprachforscher Anthony Rowley und seine ehrenamtlichen Mundart-Sammler, die Andreas Schmellers Bayerisches Wörterbuch fortführen, schauen „dem Volk genau aufs Maul“6. Genau diese Vorgehensweise wird Oker immer wieder zugeschrieben. Der Schriftsteller selbst gibt an, „den Leuten aufs Maul zu schauen“7 und das Gehörte „in phonetischer Schreibweise“8 in seiner Literatur lyrisch oder in Prosa niederzuschreiben. Außerdem versuchen Projekte wie das Literaturportal Bayern der Bayerischen Staatsbibliothek in Kooperation mit der Monacensia, der Literatur bayerischer Autoren eine Plattform zu bieten. Seit ein paar Monaten hat auch Eugen Oker einen Platz auf der Internetseite erhalten.9 Relevant hinsichtlich des literarischen Feldes sind hierbei zwei Dinge: Erstens ist der Herausgeber der Vierteljahresschrift für Literatur, Literaturkritik und Literaturwissenschaft Literatur in Bayern, eine der im Projekt aufgeführten Literaturzeitschriften, Okers Freund Gerd Holzheimer. Oker ist aufgrund seiner Freundschaft, seines sozialen Kapitals, bereits 1994 zwei Mal in Artikeln dieser Zeitschrift erwähnt.10 Zweitens ← 14 | 15 → tritt als Verfasser des Artikels im Literaturportal Bayern über Oker die Monacensia in Erscheinung. Noch 2006 hat das Münchner Literaturarchiv kein Interesse am Ankauf des schriftstellerischen Nachlasses. Auch sonst wird der Schriftsteller seitens des Münchner Archivs zu Lebzeiten nicht als Teil des ortsansässigen literarischen Lebens wahrgenommen. Die Tatsache, dass das Literaturarchiv den Autor der Liste der Schriftsteller hinzufügt und den Artikel über Eugen Oker verfasst, kann als Indiz für Okers posthum steigendes symbolisches Kapital, für seine zunehmende Bekanntheit, gewertet werden.

Das Interesse innerhalb des literarischen Feldes Münchens an einer Untersuchung, welche sich mit einem Schriftsteller und dessen direktem lokalen Umfeld sowie dem literarischen Leben der Stadt München im Allgemeinen auseinandersetzt, ist vorhanden.11 Zumal es an monografischen wie vergleichenden Untersuchungen zum aktuellen literarischen Feld Münchens mangelt.

400 Verlage gibt es ungefähr in Bayern. 2009, kurz nach Eugen Okers Tod, wird erstmalig der mit 7.500 Euro dotierte Preis für einen bayerischen Kleinverlag des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst vergeben.12 2010 geht dieser Preis an den lichtung verlag, der Eugen Okers Kleinverlag Kuckuck & Straps nach dessen Tod aufgekauft hat und weiterführt. Der lichtung verlag verlegt „anspruchsvolle Regionalliteratur aus Ostbayern“13, heißt es in einem Zeitungsartikel der Süddeutschen Zeitung vom 7. September 2011. Der Verleger Hubert Ettl, der 2008 mit dem Roman Zahlbar nach dem Endsieg die erste Neuauflage des okerschen Œuvres bei Kuckuck & Straps im lichtung verlag herausgibt und bereits zu Okers Lebzeiten in Kontakt mit dem Schriftsteller steht, gibt zu bedenken, dass es im Literaturbetrieb der heutigen Zeit ohne entsprechende mediale Vermarktungsstrategien nahezu unmöglich sei, die Aufmerksamkeit des Publikums, Ruhm und Preise zu gewinnen.14

In die Terminologie Pierre Bourdieus übersetzt heißt das: Ohne eine geschickte multimediale Vermarktung ist es für einen Schriftsteller im heutigen ← 15 | 16 → literarischen Feld, ebenso wie für einen Klein(st)verlag, nicht zu bewerkstelligen, symbolisches Kapital beispielsweise in Form von Anerkennung oder Ruhm oder kulturelles Kapital in Form von institutionell verbrieften Zuschreibungen wie beispielsweise Literaturpreise zu erlangen. Verfügt nun der Schriftsteller oder der Kleinverlag nicht über private ökonomische Ressourcen, kann dieser kein symbolisches oder kulturelles Kapital akkumulieren und somit auch kein ökonomisches Kapital erwirtschaften.

Die Hypothese lautet, dass dem sozialen Kapital im Feld eine große, bisher unterschätzte Bedeutung zukommt. So wird es für Eugen Oker primär aufgrund seiner spezifischen sozialkapitallastigen Ausstattung und seinen unterschiedlichen Positionierungen und Positionen im Feld der Literatur und den dazu homologen Feldern wie dem Feld der Kunst möglich, trotz einer fehlenden professionellen Vermarktungsmaschinerie Erfolg zu haben.

Der folgende Theorie- und Methodenabschnitt möchte einen repräsentativen Überblick über die aktuelle Forschungslage sowie die Oker betreffende Quellenlage liefern. Darüber hinaus gilt es, die angewandte wissenschaftliche Methode der Untersuchung zu erläutern, die Wahl des Themas im wissenschaftlichen Kontext zu lokalisieren und den Aufbau der Abhandlung darzulegen.

2.  Forschungsstand und Quellenlage

Zunächst wird der aktuelle Stand der germanistischen Forschung bezüglich der hier behandelten Thematik erörtert und die Quellenlage zu Eugen Oker dargestellt.

2.1  Forschungsstand

Hinsichtlich der Forschungslage zu Eugen Oker lässt sich festhalten: Abgesehen von einem Aufsatz bezüglich linguistischer Besonderheiten existiert bisher keine Forschungsliteratur zum Autor.

In ihrem Aufsatz Latenter Dialekt in Eugen Okers „Babba“-Geschichten aus dem Jahr 2005 kommt Gerlinde Groitl zu dem Ergebnis, dass Oker durch seine ganz individuelle Verbindung von bairisch-dialektalen Elementen15 und dem Standarddeutschen, bei der es keine sprachliche oder formale Differenzierung zwischen standardsprachlicher Erzählung und wörtlicher Rede gibt, die ← 16 | 17 → Emanzipation des bairischen Deutsch als legitime Literatursprache gelingt.16 (Literatur-) wissenschaftliche Sekundärliteratur zu einzelnen Werken des Schriftstellers, zum Schriftsteller selbst oder zum Gesamtwerk liegt bisher nicht vor.17 Obwohl Eugen Oker seinen Debütroman bereits 1961 vorlegt, gibt es keine literaturwissenschaftlichen Publikationen in etablierten Sammelbänden oder germanistischen Zeitschriften zum okerschen Werk. Auf die Aufnahme des Autors in Lexika und Nachschlagwerke wird unter 11.6. Literarische Kanonisierung? eingegangen.

Neben Sekundärliteratur zum Autor Eugen Oker und dessen literarischem Werk ist an dieser Stelle die wissenschaftliche Literatur, die sich mit Pierre Bourdieus Theorie vom literarischen Feld auseinandersetzt, von Interesse. Das Bourdieu-Handbuch18 bietet einen umfangreichen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu Bourdieus Theorie des literarischen Feldes.19

Für die vorliegende Arbeit sind vor allem Studien relevant, die sich mit einer Weiterentwicklung des bourdieuschen literarischen Feldes hinsichtlich des Untersuchungszeitraums, Mitte des 20. bis Anfang des 21. Jahrhunderts, sowie hinsichtlich des geografischen Raums, Deutschland ohne DDR, beschäftigen.

Stefanie von Steinaecker passt Bourdieus Feldtheorie in ihrem Ausblick den Bedingungen des heutigen literarischen Feldes in Deutschland an.20 Sie kommt zu der abschließenden Feststellung, dass „[d]ie frühere Grenze zwischen ← 17 | 18 → eingeschränkter Produktion und Massenproduktion […] heute eine Grenze zwischen wahrgenommener und unbeachteter Literatur“21 sei. Weiter heißt es:

Anfang des 21. Jahrhunderts hingegen ist das Feld der Avantgardeliteratur, d. h. der jungen, literarisch ambitionierten Literatur [sic] nicht mehr zugleich das Feld der eingeschränkten Literatur, sondern es ist in großen Teilen identisch mit dem Feld der Massenliteratur.22

Als Beleg für diese These führt die Autorin an, dass heutzutage Bestsellerlisten, die als literarische Institution des Feldes der Massenproduktion gelten würden, und die Literaturkritik, die als literarische Institution der reinen Literatur dem Feld der eingeschränkten Produktion zuzurechnen sei,23 oftmals die gleichen Werke behandelten.24

Sigrid Löffler führt diesen Sachverhalt hingegen darauf zurück, dass heute der Großteil der Neuerscheinungen aus „nichtrezensierbaren Büchern“25 bestehe, wie beispielsweise Bestsellern.26 Denn „Bestsellern gegenüber ist die Literaturkritik macht- und wirkungslos.“27 „Die Deutungshoheit der professionellen Kritik ist heute eigentlich nur noch in […] der Belletristik […] sowie im Bereich des Qualitäts-Sachbuchs“28 existent.

Nina Zahner ergänzt Bourdieus Feldtheorie in ihrer Dissertation aus dem Jahr 2006 um ein zusätzliches Feld, das Feld der ‚erweiterten Produktion‘. Dieses sei eine Mischform der beiden bourdieuschen antagonistischen Felder, deren Grundlage die Konsum- und Wohlstandsgesellschaft bilde. Seit Ende der 1950er-Jahre sei auch die breite Mittelschicht Teil des Kunstfeldes, was Wandlungsprozesse zur ← 18 | 19 → Folge habe und woraus sich das Subfeld der erweiterten Produktion bilden konnte. Charakteristisch für dieses Feld seien die Zielsetzung der gleichzeitigen Akkumulation von ökonomischem und symbolischem Kapital, die Orientierung am ökonomischen Profit sowie eine künstlerische Weiterentwicklung, der Anspruch, ein einzigartiges Werk zu schaffen, aber im Gewand der Massenproduktion.29 Zahner bezieht ihre Analyse auf das amerikanische Feld der Kunst des 20. Jahrhunderts, merkt jedoch an, dass es im Feld der Literatur ähnlich sei.30

Wilhelm Haefs resümiert 2009:

Bourdieus normative Differenzierung zwischen dem Feld der Massenproduktion, das von kommerziellen Nachfrageinteressen bestimmt wird, und jener production restreinte, der es primär um Aufmerksamkeit und Akzeptanz durch Künstler und Kritiker geht und nicht um den ökonomischen Erfolg, ist ja schon lange fragwürdig.31

Weiter heißt es, dass selbst die Literaturkritik ökonomischen Erfolg nicht mehr als Indiz für minderwertige Massenliteratur werte, da sich die Qualitätskriterien und somit das literarische Feld momentan im Wandel befänden.32 Die „festgefügten Grenzen zwischen Avantgarde und Massenproduktion existieren nicht mehr“33, so Haefs.

Rolf Parr wirft in den Diskurs die Frage ein, ob das Feld der Gegenwartsliteratur nicht vielmehr aus vielerlei hybriden medial-literarischen Feldern bestehe.34

Was den Arbeiten gemeinsam ist, ist die Forderung, die Zweigliedrigkeit der bourdieuschen Feldtheorie durch eine Drei- beziehungsweise Mehrgliedrigkeit zu ersetzen. Für die Medienwirklichkeit des ausgehenden 20. und beginnenden ← 19 | 20 → 21. Jahrhunderts scheint es sinnvoll, die Teilung in das Feld der Makro- und das Feld der Mikroproduktion durch ein drittes Feld zu ergänzen. Allgemeiner formuliert heißt das, die Medienwirklichkeit von heute verläuft nicht im starren paradigmatischen Wandel zwischen dem nicht kommerziellen und dem kommerziellen Extrem.

Tom Karasek gibt in seiner Dissertation zu bedenken, dass das literarische Feld der Gegenwart an Autonomie verliert, da die Wirtschaft zunehmend Einfluss auf literarische Produktion, Rezeption und Distribution nimmt.35

Heribert Tommek und Klaus-Michael Bogdal sind der Ansicht, dass die größten gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland im kulturellen und somit auch literarischen Feld in den 60er-Jahren einsetzen und hauptsächlich in den 70er-Jahren vonstattengehen. Die Gründe für diese strukturelle Umgestaltung des literarischen Feldes seien die Medialisierung und Verwirtschaftlichung der Gesellschaft. An diese gekoppelt seien der Wandel des Raumes der Möglichkeiten sowie der Autorpositionen. Zudem sei in den 60er- und 70er-Jahren durch die Bildungsexpansion in Deutschland die Bedeutung des kulturellen Kapitals gestiegen.36 Die für das Literaturfeld der Gegenwart essenzielle Veränderung findet nicht mit der Wiedervereinigung 1989/90, sondern in Westdeutschland37 in den 70er-Jahren statt. Neben dem Bildungszuwachs kommen die starke Arbeitsteiligkeit der Gesellschaft, neue Technologien und Medien sowie die zunehmende Individualisierung hinzu. Nach Bogdal bewegen sich die literarische Produktion, Distribution und Rezeption in der deutschen Nachkriegszeit bis in die frühen 70er-Jahre in einem relativ homogenen Feld, dessen Zentrum die drei Zeitungen Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland, DIE ZEIT und die Frankfurter Rundschau bilden.38 Wobei gleich an dieser Stelle kurz erwähnt sein soll, dass Eugen Oker für zwei dieser drei zentralen Zeitungsorgane tätig war. Durch diese Trias sei die literarische Öffentlichkeit funktional geblieben. Den Stellenwert der Literatur bezeichnet Bogdal zu dieser Zeit als hegemonial, da alle gesellschaftlichen Schichten die illusio der Literatur anerkennen. Mitte der 70er-Jahre verändert sich das, da ← 20 | 21 → die horizontale Pluralität literarischer Produkte und Rezeption zunehmen. Literatur werde von nun an milieubedingt produziert und rezipiert. Aufgrund der geschilderten Wandlungsprozesse existiere seit Mitte der 70er-Jahre in Deutschland ein autonomes Subfeld der nicht kommerziellen Literatur nicht mehr, zumindest nicht in der ursprünglichen bourdieuschen Definition.39 Demnach ist eine literarische Avantgarde „unter den heutigen Bedingungen strukturell zunehmend nicht mehr möglich.“40

Ingrid Gilcher-Holtey stellt fest, dass die Rolle des Schriftstellers als Sprecher durch Feuilletonjournalisten und -redakteure ersetzt wurde. Die Rolle des Schriftstellers als Augenzeuge erfährt Diskreditierung, 1989/90 und 1999 werden die Chancen des Schriftstellers auf Einfluss nicht mehr durch das Verhältnis von Schriftsteller und Verleger bestimmt, sondern durch das Verhältnis zwischen den Medien, hier vorrangig des Fernsehens, und dem Schriftsteller. Veränderungen im politischen Feld wirken indirekt auf das literarische Feld ein und bewirken oftmals Effekte im literarischen Feld.41

Die Existenz einer Bipolarität zwischen antikommerziellem Schriftsteller und kommerziellem Auftragsautor wird von Klaus Zeyringer bestritten. Es bestehe keinerlei Relation zwischen dem ökonomischen Kapital und der literarischen Qualität eines Werks.42

Monografien, bei denen anhand der Feldtheorie die literarische Karriere eines einzelnen Schriftstellers untersucht wird, sind rar. Für das literarische Feld Deutschlands liegen im Untersuchungszeitraum 1945–2006 keine wissenschaftlichen Arbeiten dieser Art vor.43 Zudem fällt auf, dass viele Arbeiten ← 21 | 22 → auf Bourdieus Methode referieren und diese als Untersuchungsmethode angeben; im Verlauf der Abhandlungen wird die Theorie jedoch nicht spezifisch angewandt und an keiner Stelle mehr auf das Analyseinstrument Bezug genommen. Eine konkrete praktische Anwendung wird nicht durchgeführt. So beispielsweise bei Kerstin Unselds Werner Bock. Ein deutscher Literat am Rio de la Plata44 oder auch bei Kathrin Wexbergs Karl Bruckner – ein österreichischer Kinder- und Jugendbuchautor im Spannungsfeld zwischen Literatur und Gesellschaft.45 ← 22 | 23 →

2.2  Quellenlage

Bezüglich der Quellenlage Eugen Okers ergibt sich folgendes Bild: Der Großteil des Nachlasses wird im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg e. V. Literaturhaus Oberpfalz unter der Bestandssignatur 06EO verwahrt. Der Erschließungszustand wird mit ‚vorgeordnet‘ angegeben. Der Umfang des im Literaturarchiv aufbewahrten Nachlasses umfasst 28 Aktenordner,46 40 Archivmappen,47 18 Archivkartons, 1 Kiste mit Audio- und Videokassetten und 1 Bücherkiste.48 Darüber hinaus konnten weitere 21 mit Titeln versehene Aktenmappen im Nachlassbestand ausfindig gemacht werden. Im Zeitraum vom 19.10.2010 bis 15.9.2013 wurde in 57 Archivtagen der gesamte Nachlass des Schriftstellers gesichtet und ausgewertet. Das Projekt gestaltete sich als sehr arbeitsintensiv, da der Nachlass bisher weder katalogisiert noch feingeordnet ist. Erschwert wurde die Arbeit zusätzlich durch die schriftstellerische Arbeitsweise Okers. Eugen Oker verwendet keine leeren weißen Blätter zur Niederschrift seiner Entwürfe, Manuskripte und Gedanken. Anstelle von leeren Blättern kommen bereits einseitig bedrucktes oder beschriebenes Schmierpapier, Briefkuverts oder Papierschnipsel aller Farben, Größen und Qualitäten zum Einsatz. Häufig ist dem Textmaterial kein Datum hinzugefügt. Überschriften, die Angabe der Kapitelreihenfolge und Seitenpaginierung fehlen stellenweise. Die Entwurfsstufen sind nicht kenntlich gemacht, Seitenzahlen abgeschnitten, Angaben unleserlich. Dadurch ergaben sich anfänglich Probleme bei der Katalogisierung und Erschließung des Nachlasses.49 Ein System, wie all diese Quellen anzugeben sind, musste in Eigenregie erarbeitet werden.

Die Korrespondenz, Manuskripte zu literarischen Arbeiten, Spielekritiken, Zeichnungen, Sammlungen, Skizzen, Zeitungsartikel, Postkarten, Fotos, Fragmente und eigene Veröffentlichungen bilden den inhaltlichen Schwerpunkt des Nachlasses. Der Nachlass ist nach Absprache mit der Leitung des Literaturarchivs Sulzbach-Rosenberg einsehbar und für die Forschung zugänglich. Ein Blick in das Besucherbuch, in das sich jeder Gast des Archivs, der Zugang zu den Archiv-, Sammlungs- und Nachlassbeständen haben möchte, eintragen muss, ergibt, dass seit 2006, dem Jahr, in dem der Nachlass Eugen Okers angekauft wurde, ← 23 | 24 → zwei Besuchern Einsicht in den Nachlassbestand Eugen Okers gewährt wurde. Der Nachlass kann demzufolge als unbearbeitet bezeichnet werden.

Der Rest des literarischen Nachlasses Eugen Okers befindet sich derzeit noch im Privatarchiv der Witwe, Maria Gebhardt, in München. Hier werden etliche unveröffentlichte Prosa-, Drama- und Lyrik-Manuskripte und Fragmente sowie Tonbandaufzeichnungen von Lesungen, Mitschnitte von Treffen mit Schriftstellerfreunden, von unverwirklichten Projekten und geschäftlichen Telefonaten aufbewahrt. Außerdem verfügt das Privatarchiv über eine Vielzahl an Fotos, Zeichnungen und Collagen sowie einige Sammlungen Okers. Hierzu zählen die Sammlung der Zinnfiguren, Zuckerpäcken, der selbstgebastelten Spiele, Papierburgen, Seidenpapiere, Streichholzschachtelbilder und viele mehr. Hinzu kommt noch ein ganzer Raum voller Spiele, an die 1500 Stück, welche der Autor im Laufe seiner Tätigkeit als Spielekritiker ansammelte.50

Nicht portabel, aber um einen Gesamteindruck des Lebens und Schaffens Eugen Okers zu erhalten unerlässlich, ist das Haus Okers. Neben dem Gartentor befindet sich ein Tableau mit sieben Klingelknöpfen und sieben Namensschildern. Eugen Oker, Maria Gebhardt, Barbara Gebhardt, Maximilian Gebhardt, Kuckuck & Straps, Boutique für Spieler und Hausmeister. Alle sieben Klingelknöpfe führen hinter dem Klingelkasten zu ein und derselben Klingel.51 Relevanz hinsichtlich des literarischen Feldes besitzt dieser Sachverhalt, da am Klingelschild des Hauses die beiden literarischen Rollen, in welchen Eugen Oker im Feld wirkt, aufgeführt sind: Schriftsteller und Verleger. Links neben dem Haus befindet sich die künstlerisch gestaltete Garage der Okers, die in einem Fernsehbericht über München zu sehen ist.52 Oker nützt seine Legitimationsmacht im angrenzenden Feld des Mediums Fernsehen als TV-Autor, um sein symbolisches Kapital, hier in Form von Popularität, im literarischen Feld zu vermehren. Schreitet man am Haus rechts vorbei, gelangt man in den großen rechteckigen Garten, in dem sich eine weitere Besonderheit verbirgt. Hier hat einer von Okers Schriftstellerfreunden, Gerd Holzheimer, dem Homo ludens Eugen Oker im Jahre 1994 ein Labyrinth in den Rasen gemäht. Das Rasenlabyrinth ist ein Geschenk Holzheimers zu Okers 75. Geburtstag. Dieses Labyrinth wird auch 2013 noch regelmäßig nachgeschnitten. Das Labyrinth ist ein Thema, dessen sich Oker auch literarisch ← 24 | 25 → annimmt.53 Überall im Haus finden sich okersche Unikate wie beispielsweise die Wandfliesen in der Küche des Hauses. Diese sind selbst beschrieben und selbst bemalt.54 Die Toilette im Erdgeschoss wird durch etliche Schilder mit Spruchweisheiten geschmückt und auch hier befindet sich, wie in nahezu allen Räumen des Hauses, ein Bücherregal.55 Das Arbeitszimmer des Schriftstellers, ein Durchgangszimmer zwischen Küche und Wohnzimmer, ist an einer Seite mit einem deckenhohen, die ganze Wandbreite einnehmenden Bücherregal ausgestattet. Lexika, Enzyklopädien, Spiele und literarische Werke aller Gattungen haben hier ihren Platz.56 Oker selbst nennt sein Haus gelegentlich auch „Galerie“57, in welcher er 103 Collagen aufgehängt habe.58 Wie in seinem Schaffen vermischen sich auch in seinem Zuhause die verschiedenen Teilfelder des Feldes der Kunst.

Außerdem bewahrt Maria Gebhardt den Schriftverkehr ab 2003 bis 2013 mit Verlegern, Schriftstellerkollegen und -freunden und sonstigen Institutionen des literarischen Lebens in ihrem Archiv in München auf. Die Ordner mit der Signatur KOR OKER 1995–2002 K & S, KOR OKER 01.01.03-Mai 2005 und KOR OKER Juni 2005- befinden sich im Privatarchiv.59

Die äußerst ergiebige Recherche im Privatarchiv sowie die informativen Gespräche mit Maria Gebhardt fanden im Zeitraum vom 18.8.2010 bis 6.9.2013 statt und verteilten sich auf insgesamt 21 Treffen und einen formellen Interviewtermin. Alle Termine fanden im Privathaus des verstorbenen Schriftstellers statt.

Was die Zitate in der vorliegenden Abhandlung anbelangt, handelt es sich aufgrund der dargelegten Quellen- und Forschungslage fast ausschließlich um Erstveröffentlichungen.60 Der exklusive Zugang zum Münchner Privatarchiv stellt ← 25 | 26 → eine besonders ergiebige Quelle für die vorliegende Untersuchung dar. So gelingt es Feldstrukturen und Beziehungsgefüge des literarischen Feldes, die für die literaturwissenschaftliche Forschung normalerweise nicht sichtbar und ebenso wenig zugänglich sind, offenzulegen und den Schriftsteller im Feld seiner Zeit zu verorten.

3.  Methodische und theoretische Grundlagen

Für die Untersuchung ist die Klärung einiger Grundbegriffe sowie deren Abgrenzung zu benachbarten und konkurrierenden Ausdrücken unerlässlich:

Was ist Literatur? Wie unterscheiden sich die Bereiche der Trivial-, Unterhaltungs- und Mundartliteratur voneinander? Und wie definiert sich der Begriff der Gegenwartsliteratur? Daraufhin werden die konkurrierenden Begriffe literarisches Leben, Literaturbetrieb und literarisches Feld in ihrer in der Dissertation gebrauchten Verwendung definiert. Zuletzt werden die Termini der Theorie des literarischen Feldes von Pierre Bourdieu erläutert. Alle angeführten Begriffe werden direkt auf den Schriftsteller Eugen Oker bezogen. Eine terminologische Diskussion, Klärung oder Weiterentwicklung der literaturwissenschaftlichen Begriffe ist nicht Thema dieser Arbeit. Die auf Bourdieu zurückgehenden Begriffe erfahren insofern eine Weiterentwicklung, als diese konkret am Beispiel Eugen Oker eingesetzt werden.

Bei Trivialliteratur handle es sich um „einfache und leicht verständliche Lit., die sich durch die ausgeprägte Bindung an lit. Schemata und gesellschaftliche Klischees auszeichnet“61, soweit die Kurzfassung aus dem Standardwerk Metzler Lexikon Literatur. Unterhaltungsliteratur sei hingegen die

Sammelbez. für lit. Texte,. […] der mittleren Ebene zwischen ↗ Hoch- und ↗ Triviallit. […]. [Es] herrscht doch weitgehend Konsens darüber, dass sich U. anders als Hochlit. der schematischen Erfüllung von lit. Mustern und der klischeehaften Darstellung von Wirklichkeit annähern kann, ohne jedoch wie die Triviallit. von diesen Merkmalen dominiert zu sein.62

Details

Seiten
434
Jahr
2015
ISBN (PDF)
9783653052664
ISBN (ePUB)
9783653971842
ISBN (MOBI)
9783653971835
ISBN (Hardcover)
9783631660232
DOI
10.3726/978-3-653-05266-4
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Februar)
Schlagworte
Literarisches Feld Literarisches Leben Feldtheorie Spieltheorie Gegenwartsliteratur
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 434 S., 24 s/w Abb., 3 Tab.

Biographische Angaben

Barbara Neueder (Autor:in)

Barbara Neueder studierte Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Germanistische Linguistik und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort absolvierte sie auch ihr Promotionsstudium.

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Titel: Eugen Oker