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Der Erste Weltkrieg

Ostmitteleuropäische Einblicke und Perspektiven

von Monika Kucner (Band-Herausgeber:in) Elżbieta Katarzyna Dzikowska (Band-Herausgeber:in) Agnieszka Godzisz (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 244 Seiten

Zusammenfassung

Der Band nimmt lokale Perspektiven des Ersten Weltkriegs, insbesondere der ostmitteleuropäischen Regionen, in den Blick. Die Beiträge berücksichtigen dabei besonders die multiethnische Gemengelage und die durch den Ersten Weltkrieg ausgelösten Konflikte in den regionalen Lebenswelten. Die Spannungen in den multiethnisch geprägten Gebieten ließen das bereits vor 1914 labil gewordene Gleichgewicht zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen nicht allein an der österreichisch-italienischen Grenze, sondern auch in vielen weiteren Gebieten Ostmitteleuropas aus der Balance geraten. Anders als im Westen Europas war die Heimatfront im Osten im Wesentlichen durch den Bewegungskrieg und zahlreiche Wechsel von militärischen Besatzern geprägt. Die Situation in den unmittelbaren Kampfgebieten und in der Nähe der militärischen Fronten unterschied sich somit deutlich von den Bedingungen an der Westfront.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • „Der Krieg ist doch etwas ganz anderes, als ich gedacht hatte.“ Die Belagerung der Festung Przemyśl in weiblicher Erinnerung
  • Küstenland: Kriegsalltag in Görz-Gradisca
  • Zwischen Kriegsbejahung und -verneinung: Ernst Wiechert und Agnes Miegel
  • Kriegsbilder eines Pazifisten. Max Herrmann-Neißes Gesellschaftskritik in der Erzählung Die Klinkerts
  • Individuelles Zeugnis versus Kriegspropaganda. Der Erste Weltkrieg in Edlef Köppens Heeresbericht (1930)
  • ‚Zwischen den Nationen‘. Annette Kolb und der Erste Weltkrieg in Briefen einer Deutsch-Französin
  • Die ‚Sache Brandes’ – ‚sprawa Brandesa‘. Georg Brandes‘ Presseartikel über die Zustände in Polen am Anfang des Ersten Weltkrieges im Spiegel einiger Zeitzeugnisse
  • Zur Frage der Wiederherstellung Polens nach dem Ersten Weltkrieg. Analyse der sprachlichen Handlungen in Polenberichten der Danziger Neuesten Nachrichten
  • Der Erste Weltkrieg in Osteuropa in den Reportagen von John Reed
  • Krieg regional: Die Schlacht um Lodz und der Angriff auf Kalisch in den Tagebuchaufzeichnungen deutschsprachiger Autoren aus Lodz
  • Erzähltes Weltkriegsgeschehen im Lodzer Nahraum als politische Projektionsfläche. Deutsch-polnische Synthesen in Max Geißlers Grenzlandroman Die Wacht in Polen (1915)
  • Judenpolitik der deutschen Besatzungsmacht im Kongresspolen im Ersten Weltkrieg
  • Die Juden im Weltkrieg. Das Bild der Ostjuden in der deutsch-jüdischen Presse aus der Zeit des Ersten Weltkrieges
  • Jude – Gefangener – Schriftsteller. Perec Opoczyńskis Erzählungen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Ein Abriss
  • Technische Realutopie und utopische Politik H. G. Wells und die britische Luftkriegsstrategie gegen Deutschland im Ersten Weltkrieg
  • Süd- und Südwestafrika in der deutschen Kulturpropaganda (1914–1918)
  • Bibliographie

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Vorwort

„Ende Juli. Eine Fliege stirbt: Weltkrieg. Das Grammophon hat sich schon durch viele Abendstunden gearbeitet. Rosa wir fahr’n nach Lodz, Lodz, Lodz (…) In den Köpfen wölkt Traurigkeit und Tanz.“

(Robert Musil, Tagebuch 1915)

Die Spannungen in den multiethnisch geprägten Gebieten ließen das bereits vor 1914 labil gewordene Gleichgewicht zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen nicht allein an der österreichisch-italienischen Grenze, sondern auch in vielen weiteren Gebieten Ostmitteleuropas schwanken und mit der Zeit aus der Balance geraten. Anders als im Westen Europas war die Definition der Heimatfront im Osten im wesentlichen durch den Bewegungskrieg geprägt. Zahlreiche Wechsel von militärischen Besatzern prägten den Raum. Die Situation in den unmittelbaren Kampfgebieten und in der Nähe der militärischen Fronten im Osten unterschied sich somit wesentlich von den Bedingungen an der Westfront. Der Krieg in Ostmitteleuropa forderte mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung als es in den okkupierten Regionen an der Westfront der Fall war, wovon die entsprechenden Kriegsstatistiken ein beredtes Zeugnis ablegen. Die Menschen im Westen Europas hungerten, wurden gedemütigt und der politischen oder persönlichen Freiheit beraubt. Zum Alltag der Zivilbevölkerung im Osten gehörten dagegen Pogrome, Deportationen, Vertreibungen und Flucht. Die Unterschiede zwischen den Lebenswelten an der West- und an der Ostfront entzogen sich relativ häufig der Wahrnehmung, insbesondere dann, wenn der Blick des teilnehmenden westlichen Beobachters von den Archiven seines eigenen Kulturwissens vorgeprägt wurde, samt deren in der Forschung vielfach beschriebenen weißen Flecken und Asymmetrien. Auch hundert Jahre nach dem Kriegsausbruch prägt die Erinnerung an die Westfront immer noch deutlich mediale wie wissenschaftlich orientierte Auseinandersetzung mit dem Großen Krieg.

In unserem interdisziplinär angelegten Projekt setzten wir uns zum Ziel, unsere Forschungen vielmehr auf lokale Perspektiven vor allem in den ostmitteleuropäischen Regionen, (aber nicht nur dort) zu fokussieren, unter besonderer Berücksichtigung der multiethnischen Gemengelage und der durch den Krieg ausgelösten Konflikte in den regionalen Lebenswelten. Autorinnen und Autoren der einzelnen Beiträge repräsentieren verschiedene wissenschaftliche Fachbereiche. Angeregt und koordiniert wurde das Projekt an der Universität Łódź in Verbindung mit der Universität Gießen, dem Historischen Institut (Fachbereich: ← 7 | 8 → Osteuropäische Geschichte) durch das Interdisziplinäre Zentrum für die Erforschung von Multikulturalität und Multiethnizität der Stadt und Region Łódź in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Literatur und Kultur Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sowie mit dem Institut für Geschichte und Staatsarchiv Łódź. Das Projekt konnte durchgeführt werden dank der Förderung durch die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit, das Österreichische Kulturforum in Warschau, die Stadtverwaltung von Łódź, den Lehrstuhl für Literatur und Kultur Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sowie das Prüfungszentrum des Goethe-Instituts in Łódź. Allen diesen Institutionen sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Dankesworte schulden wir auch Prof. Dr. Przemysław Waingertner vom Historischen Institut der Universität Łódź sowie PD Dr. habil. Frank Michael Schuster von der Universität Gießen für die wissenschaftliche und organisatorische Unterstützung unseres Vorhabens.

Die Herausgeber

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Monika Mańczyk-Krygiel
Lehrstuhl für Literatur und Kultur Deutschlands, Österreichs und der Schweiz des 19. und 20. Jahrhunderts Universität Wrocław

„Der Krieg ist doch etwas ganz anderes, als ich gedacht hatte.“ Die Belagerung der Festung Przemyśl in weiblicher Erinnerung

Der vorliegende Beitrag setzt sich zum Ziel, die Kriegsdarstellungen in der weiblichen Diaristik aus Galizien im Hinblick auf die Erfahrung der Stadtbelagerung zu erforschen. Die vergleichende Analyse zweier Tagebücher: Dziennik z oblężonego Przemyśla 19141915 [Tagebuch aus dem belagerten Przemyśl 1914–1915] von Helena Jabłońska (1994) und Im belagerten Przemysl. Tagebuchblätter aus großer Zeit (191415) von Ilka von Michaelsburg (eigtl. Ilka Künigl-Ehrenburg) von 1915 bzw. polnisch 2010 gewährt – nicht zuletzt durch die doppelte, nämlich die polnische und die österreichische Perspektive – aufschlussreiche Einblicke in die Krisenzeit der galizischen Vielvölkerstadt. Von besonderem Interesse ist dabei die Um-/Neudefinierung persönlicher Identität, ausgelöst durch den Zusammenbruch bisheriger Sicherheiten und verstärkt durch das Belagerungstrauma. Des Weiteren interessieren genuin weibliche Erlebnisse und (neue) Lebensentwürfe in der Welt des „modernen“, totalen Krieges, die die weibliche Alltagserfahrung im Krieg sowie individuelle Überlebensstrategien während der Belagerung der Festung Przemyśl umfassen.

Beiden gesichteten Texten wohnt eine spezielle Perspektive inne, nämlich die einer Besucherin auf Zeit, die sich freiwillig in der Stadt niederlässt. Die eigentlich in Sanok ansässige Helena Jabłońska verwaltete in Przemyśl zur Zeit der Belagerung die Immobilien ihrer Familie. Die Stadt selbst war ihr wohlbekannt, denn dort befand sich das Familiengrab und viele Verwandte lebten noch da. Ilka Künigl-Ehrenburg kam nach Przemyśl zusammen mit ihrem Mann, einem Sanitätsoffizier, und arbeitete ehrenamtlich im Militärkrankenhaus. Aufgrund der beruflichen Verpflichtungen ihres Ehemannes war sie oft allein und nutzte ihre Freizeit nach dem Dienst im Lazarett, um die fremde und für sie exotische Stadt zu erkunden. Diese besondere Position wirkt sich auf die Wahrnehmung beider Diaristinnen aus: Auch wenn sie in das Kriegsgeschehen involviert sind, ← 9 | 10 → die Zerstörung der Stadt dokumentieren und bedauern, so bedeutet dies für sie keinen Heimatverlust im eigentlichen Sinne. Im Hinblick auf die hier anvisierten Gesichtspunkte entwerfen sie ein facetten- und aufschlussreiches Bild.

Das polnisch-galizische Narrativ

Die insgesamt 13 Hefte der Erinnerungen von Helena Jabłońska enthalten eine Beschreibung der Belagerung der Festung Przemyśl, ihre Besatzung durch die Russen und die anschließende Rückeroberung der Stadt durch vereinte deutsche und österreichisch-ungarische Kräfte (von August 1914 bis August 1915). Was in ihren Schilderungen auffällt, ist die Tatsache, dass ihre persönliche Kriegserfahrung von nationalen und politischen Zuschreibungen unabhängig ist und einen quasi übernationalen Charakter hat. In den beiden, von der Diaristin verwalteten Gebäuden wurden zuerst ‚eigene‘ Soldaten (Italiener und Ungarn) einquartiert, die die gepflegten Häuser rasch verkommen ließen. Die bedrückende Erfahrung von Zerstörung, Schmutz und Gestank wurde für die Autorin zum Alltag, unabhängig davon, ob Freunde oder Feinde bei ihr wohnten, denn Ähnliches erlebte sie auch während der russischen Besatzung. Unter den extremen Bedingungen in der Festung wurden die schlimmsten Instinkte ihrer Bewohner freigesetzt. Eben diese allgemeine, um sich greifende Entmenschlichung machte Jabłońska besonders zu schaffen:

Vor dem Fall der Festung herrschte hier Anarchie, keiner regierte, man hatte vor keinem Angst. Es war nicht die richtige Zeit, das Festungskommando mit Klagen aufzusuchen, und die Offiziere schauten nicht nur weg, sondern billigten es regelrecht, dass Galizien leidet. Keiner beachtete die Meldepflicht, keiner bezahlte. Sie wechselten sich nur ab, bis zu diesem unglücklichen Ausfall, und dann dieser Rest, der in die Festung flüchtete vor der Gefangenschaft. Es waren keine Menschen mehr. Es waren verwilderte, heruntergekommene, ausgehungerte und verzweifelte Gespenster. Sie atmeten Wut und Rache. Aber wofür?1

Bombardierungen, Hunger, Krankheiten, Verzweiflung, Plünderungen und permanente Ungewissheit im Hinblick auf die Zukunft bestimmten in dieser Zeit das Leben der Autorin. Mit der Zeit stellte sich zwar eine gewisse Abstumpfung ein, doch die Belagerten konnten die Konsequenzen der modernen, industrialisierten Kriegsführung und die Erfahrung der Einkesselung nur schwer bewältigen: ← 10 | 11 →

Heute kann man seine Gedanken weder sammeln noch ausdrücken. Alle sind vor Schrecken erstarrt. Es gibt dabei einen solchen Terror, dass sich die Leute wie Holzpuppen bewegen. Ich weiß nicht, was ich mehr fürchte, Bomben oder ein Todesurteil wegen einer Kleinigkeit. Man darf weder sehen noch hören, heute aber haben sich auch alle Mächte ins Zeug gelegt – Hölle, Himmel und Erde. Flugzeuge mit Bomben, Angriffe auf die Forts, ohrenbetäubendes Kanonenfeuer. Ein ganzes Meer von Feuer, Getöse und Lärm. Windeseile beim Packen, Warenausfuhr, Märsche, Munitionsverteilung, Kosakengalopp, Rasen von Automobilen.2

Das Schlimmste für Jabłońska war ihre Einsamkeit. Die 50-jährige Witwe trauerte bereits seit anderthalb Jahren um den geliebten Ehemann und wurde nun noch von der übrigen Familie getrennt. Des Weiteren litt sie unter der Veränderung ihrer Lebensumstände, unter der ungewohnten körperlichen Anstrengung sowie der Ohnmacht den Einquartierten gegenüber. Die unermüdliche Sorge um den Familienbesitz hat die Diaristin am Leben erhalten und die Ausrichtung ihrer Handlungen auf die Belange des Alltags hat sich als lebensrettend erwiesen. Die verkehrte Welt des Krieges hat der sonst so bedeutungslosen Alltagsroutine3 ein neues Gewicht verliehen. Sie bestätigt nun quasi die Existenz des Individuums in der Welt – selbst durch die unbedeutendsten Tätigkeiten, durch das sonst herablassend als stumpfsinnig abgestempelte weibliche „Herumhantieren“ resp. „Herumwirtschaften“. Wie Jolanta Brach-Czaina bemerkt, wohnt der Alltagstristesse zuweilen ein aufwühlender Aspekt inne: „Wenn ich die Alltagskleinigkeiten betrachte, kommt es mir vor, als würde ich im Hintergrund einen Hufschlag vernehmen. Als würde der Todesengel rasen. Und der Engel des Lebens wüten.“4 Und tatsächlich ist selbst die durch den alltäglichen Überlebenskampf erzeugte Müdigkeit als eine Bestätigung des Daseins der Schreiberin in einer von Tod und Schrecken erfüllten Welt zu sehen: „Denn obgleich ich allein bin, habe ich viel Arbeit. Selbst putzen, waschen, bügeln, scheuern, nähen und kochen, spülen, Brot und Brötchen backen für mich und den Rittmeister, in verschiedenen Angelegenheiten herumrennen, zum Friedhof und zur Maiandacht. Ich bin müde.“5 Insgesamt hat sie ihre eigene Leistung als außerordentlich eingeschätzt, da in diesen chaotischen Zeiten nicht jeder einer solchen Herausforderung gewachsen gewesen wäre:

Ich fühle mich über alle Maßen einsam und unglücklich. Die Aufgabe, die ich auf mich genommen habe, geht nicht nur über meine Kräfte und Fähigkeiten, selbst der tatkräftigste ← 11 | 12 → Mann hätte sie nicht bewältigt. Mein Herz tut mir weh, wenn ich das alles hilflos ansehe. Vielleicht mache ich nicht alles richtig und verwalte falsch, aber ich verwalte ja eigentlich nicht und meine Tätigkeit besteht nur aus ewigen Protesten. Ich habe den besten Willen und weder Ziunia noch Gienio werden je verstehen, wie viel mich das alles kostet, meine Nerven belastet, und dabei ist es Winter. Ich bin so viele Jahre nicht ausgegangen. Heute muss ich bei Sturm, Wind und Kälte jeden Tag zum Amt, stundenlang warten, oft auf der Straße oder angezogen in warmen Stuben, gestoßen durch die drängenden Leute. Ich weiß nicht, woher ich die Kräfte nehme, meiner kranken Seele zum Trotz.6

Wie belastend aber diese Lage für sie im Grunde genommen war, beweisen die aufkommenden Selbstmordgedanken. Die Einsamkeit der Autorin wurde durch die ständige Sehnsucht nach dem Verstorbenen intensiviert, sie schwankte zwischen der Todessehnsucht und einer übermäßigen Lebensbejahung. Dank ihrem Tagebuch lernte sie, mit all diesen widersprüchlichen Gedanken umzugehen und selbst negativen Gefühlen wie Melancholie und Nostalgie etwas Gutes abzugewinnen. Sie verstand mit der Zeit, dass das Leben ohne ihren Liebsten keineswegs eine Lebensentsagung, sondern vielmehr den Mut zum Leben bedeutete – trotz des ständigen Bewusstseins des erlittenen Verlustes.7

Ihr Bewegungsradius in der belagerten Stadt beschränkte sich auf einige signifikante Punkte: Haus, Verwaltungsgebäude, Kirche und Friedhof, wobei dem Ersteren und dem Letzteren eine besondere Bedeutung zukommt. Sie versuchte nämlich unermüdlich der Verwüstung der Häuser durch die einquartierten Soldaten entgegenzuwirken. Es ging ihr dabei nicht ausschließlich um die Verpflichtung der Familie gegenüber, sondern mit der Zeit schien diese Aufgabe für sie eine symbolische Komponente zu bekommen. Da durch die Stadtbelagerung jegliche überindividuelle (etwa durch den Staat garantierte) Sicherheit verschwand, wollte sie wohl unbedingt das Haus in seiner Funktion als Geborgenheit spendender Ort und Zuflucht vor der äußeren, feindlichen Welt erhalten.8 Instinktiv schien sie zu ahnen, dass ein verwahrlostes, verlassenes Haus leicht zu einem dämonischen Ort werden und einer chaotischen Unordnung anheimfallen könnte, sollte sie sich nicht darum sorgen. Die bereits erschütterte Weltordnung würde auf diese Weise vollkommen und für immer aus den Fugen geraten. Durch ihre Bemühungen ← 12 | 13 → wollte sie also verhindern, dass das Haus zu einem Ort des Todes, zu einem Reich der Verstorbenen wird. Das Haus sollte ferner nicht gänzlich verwahrlosen, weil dies ebenso einen langsamen Heimverlust symbolisiere9 und der Mensch so mit der Vorahnung der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert werde. Die unermüdlich betriebenen Reparaturen und Reinigungsarbeiten wirkten dem eventuellen Zustand der Verlassenheit und somit der eigenen Angst vor Einsamkeit, Tod und Vergessenheit entgegen.

Denn auch draußen versinnbildlichten überall kriegsbedingte Veränderungen im städtischen Raum, wie etwa Bombenkrater, Ruinen und ausgebrannte Stellen, eindringlich die (innere) Unsicherheit und die Vergänglichkeit, und machten so die ganze Stadt für die Diaristin zu einer Nekropolis: Durch den Krieg funktionierte der Stadtorganismus nicht mehr wie gewohnt, und sein jetziger Zustand wurde durch Mangel, Leere und Abwesenheit bestimmt.10 Und erstaunlicherweise wurde Jabłońskas zweitwichtigster Bezugspunkt in der belagerten Stadt der Friedhof (also der Ort des Todes par exellence) mit dem Familiengrab, in dem all ihre Liebsten – Vater, Bruder und Ehemann, ruhten. Weder körperliche Schmerzen noch Beschuss oder Luftangriffe vermochten sie daran zu hindern, regelmäßig diesen Ort aufzusuchen – in ihrem „persönlichen“ Kriegsraum wurde dem Friedhof paradoxerweise (in ihren Augen) die Rolle des Stadtzentrums zugewiesen. Gemäß der Logik einer solchen verkehrten Welt wurde der Friedhof für die Diaristin seltsamerweise auch zu einem Ruhepol, an dem sie aus den Gesprächen mit dem verstorbenen Ehemann immer wieder neue Lebenskraft schöpfen konnte. Die Toten gewährten die einzige Sicherheit der Unveränderlichkeit, so dass selbst der Gedanke an eine Flucht aus der Festung zu einer ungeheuren Belastung wurde: „Ich ging zum Friedhof mich ausheulen, nach dem Rat fragen. Nein, ich kann mich von den Meinen in einem solchen Augenblick nicht trennen, mein Herz würde zerbrechen. Wenn die Unseren es nicht geschafft hätten und die Festung eingenommen worden wäre, hätte ich vielleicht diese Gräber nicht mehr gesehen“.11

Angesichts dieser beiden Bezugspunkte ihrer neuen Welt verlor die übrige Stadt an Bedeutung. Die materiellen Zerstörungen wurden zwar registriert, doch ohne eine besondere Anteilnahme. Viel wichtiger schien die veränderte Atmosphäre zu sein: „Die Stimmung sehr ernst. Alles eilt, schweigt. Man sieht keine Frauen, keine Kinder. Es bilden sich keine Gruppen. Eine gewisse Bedrücktheit ← 13 | 14 → und Nervenzerrüttung, das sieht man, das spürt man.“ (Ebd.: 78). Waren sich bisher in dieser Stimmung Vertreter aller Nationalitäten in der Stadt einig, so veränderte sich das nach der Übergabe der Festung an die Russen drastisch. Die nationalen Ressentiments gewannen wieder an Bedeutung, die bisherige Solidarität im Leid wurde aufgehoben. Sowohl die Ruthenen als auch die Polen ließen ihren niedersten Instinkten freien Lauf, der Überlebenskampf entmenschlichte alle gleichermaßen. Die Nekropolis hielt letztendlich auch in die Gemüter der Menschen Einzug: „Man lebt wie in der Hölle, Grauen von allen Seiten.“12

Ungeachtet der komplizierten persönlichen Lage beschäftigte sich Jabłońska mit dem Schicksal und der Zukunft ihrer Heimat, die für sie vor allem Galizien war. Dabei sah sie sich verschiedenen Loyalitäten verpflichtet, die sich aber gegenseitig keineswegs ausschlossen. Jabłońska hat die Polnischen Legionen finanziell unterstützt und sich über die Einnahme von Warschau gefreut. Andererseits bezeichnete sie die österreichische Armee als die „Unsrigen“ und begrüßte ihre Erfolge an der Front. Des Weiteren betrauerte sie die kriegsbedingten Zerstörungen in Galizien zutiefst und ergriff mutig das Wort gegen die Schmähungen ihrer Heimat: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so eine österreichische Patriotin bin. Es schmerzt mich, wenn die Deutschen Galizien beschimpfen und uns ihre Hilfe unter die Nase reiben. Heute war ich schon so verärgert, dass ich laut protestierte, obwohl ich dabei eine Verhaftung riskiert habe.“13 Sie sah aber ein, dass ihre Heimat der Vorkriegszeit – etwa Städte, in denen verschiedene Nationalitäten zusammenlebten – unwiederbringlich ausgelöscht wurde. Es verbitterte sie in höchstem Maße, dass ehemalige Nachbarn zu Feinden wurden, dass Nation auf einmal mehr als Heimat wog. Die Zukunft des geliebten Galiziens schien ihr ungewiss zu sein, ein Spielball von Weltmächten, die sich der Eigenart dieser Region gar nicht bewusst waren:

Aus dem Ganzen geht hervor, dass Österreich und Deutschland viel mehr Feinde haben als diese, die gegen sie bereits kämpfen. Und wir Polen am meisten, das heißt, dass wir in diesem österreichischen Konglomerat allen verhasst sind, zur Beute freigegeben. Alle Schuld, Schmach und Verrat haften uns an. Man unterschiedet nicht zwischen Ruthenen, Polen und Juden, sondern mit einem Wort; Galizien – das sind einfach Polen!14

Letztendlich ließ sie sich durch nichts entmutigen, weder durch die Verwüstungen in Przemyśl noch die Zerstörung ihres eigenen Hauses in Sanok. Sofort schmiedete sie Pläne der Sanierung und schöpfte daraus neue Kraft. Die Belagerung hat ← 14 | 15 → sie stark gemacht. Und sobald sie mit ihrer Familie wieder vereint war, konnte sie optimistisch in die Zukunft sehen.

Biographische Angaben

Monika Kucner (Band-Herausgeber:in) Elżbieta Katarzyna Dzikowska (Band-Herausgeber:in) Agnieszka Godzisz (Band-Herausgeber:in)

Monika Kucner ist Kultur- und Literaturwissenschaftlerin und arbeitet an der Universität Lodz. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der deutschsprachigen Literatur aus Lodz im 19. und 20. Jahrhundert sowie der Geschichte und Kultur der Lodzer Minderheit. Elżbieta Katarzyna Dzikowska ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und arbeitet an der Universität Lodz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind deutschsprachige Literatur im 20. Jahrhundert, deutsch-polnische Komparatistik und die Gender-Problematik. Agnieszka Godzisz ist Literaturwissenschaftlerin und arbeitet an der Universität Lodz. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind österreichische Literatur, Wiener Moderne und Expressionismus.

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