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Bas Böttcher

Text, Bild und Kommunikation

von Billy Badger (Autor:in)
Monographie 205 Seiten
Reihe: Literarisches Leben heute, Band 5

Zusammenfassung

Das Buch befasst sich mit dem Künstler Bas Böttcher. Noch bevor die Poetry- Slam-Bewegung vor 20 Jahren in Deutschland Fuß fasste, stand er mit seinen rap-poetischen Texten auf der Bühne – als MC der HipHop-Formation Zentrifugal und auch als Lyriker. Seit mehr als zwei Jahrzehnten setzt er sich für die «Wiederentdeckung der akustischen Dimension von Dichtung» ein. In Clubs und Schulen, auf Literaturveranstaltungen und über diverse Medien erreicht Böttcher weltweit ein breites Publikum. Billy Badger untersucht diverse Aspekte von Böttchers Lyrik: die Funktion der poetischen Form; Authentizität und Nachahmung; der Bühnenlyriker als Neonomade; Sex- und Nahrungsmetaphern sowie die Poesie als lyrische Kamera.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Einleitung
  • 1. Dichtung ohne Grenzen
  • 1.1 Ernsthaft oder unterhaltsam?
  • 1.2 Schriftlich oder mündlich?
  • 1.3 Formal oder formlos?
  • 2. Lyrische Kommunikation
  • 2.1 Wie eine kleine Flaschenpost?
  • 2.2 Wozu Form?
  • 2.3 Poetische Selbstreklame
  • 3. Zwischen Fake und Original
  • 4. Metapher
  • 4.1 Sex als Reise
  • 4.2 Sex als Essen
  • 4.3 Lyrik als Nahrung
  • 4.4 Lyrik und Technik
  • 5. Neonomade
  • Nachwort
  • Literaturverzeichnis
  • Primärliteratur
  • Interviews u. Gespräche
  • Weitere Literatur

← 6 | 7 → Vorwort

Bevor ich zum Punkt komm1

Winter 1994, Hamburg. Dunkle Wolken hingen tief über der Stadt; ein kalter Wind fegte Regen von der Alster her und die Menschen von den Straßen. Wir suchten Zuflucht in den Kaufhäusern, Cafés und Passagen der Innenstadt. Mich trieb’s in die Thalia Buchhandlung, in eine Filiale am Fleet, wenn ich mich richtig besinne. Groß genug, dass man sich in ihren unzähligen literarischen Schätzen verlieren, und die Zeit verstreichen lassen konnte, bis die Finger wieder auftauten. Ich ging an den Regalen und Auslagen vorbei und suchte – wie immer – ein Buch, das Buch; eines, das sich mir aufdrängte. Ein schmaler Band im Wagenbach Verlag war es dann, der mich nicht losließ: der letzte Gedichtband von Erich Fried: Unverwundenes (1988). Allein der Titel schien so viele Deutungs- und Bedeutungsschichten wie eine Zwiebel zu bieten: streift man eine Schale ab, so wartet unten die nächste. Ich blätterte in den Seiten: Klare Sprache; eine irreführende Einfachheit, komprimierte Komplexität; Einsichten gewonnen von dem lebenslangen Kampf gegen Unrecht und der Erfahrung mit der Liebe und dem bevorstehenden Tod.

Als gebürtiger Nordire entstamme ich einer Kultur, wo jeder sein ‚party piece’ hat – ein Lied, eine Ballade; ein Gedicht, eine Story. Einen Text, den man bei jeder öffentlichen Gelegenheit zur Hand hat – im Pub, in der Küche, bei Hochzeiten und Begräbnissen, auf einer Hausparty. Ermutigt von genug Guinness, Whiskey und anderen Gästen stellt man sich hin, meistens schon spät in der Nacht; ein ‚Sshh’ geht unter den Gästen herum und begleitet nur von dem regelmäßigen Zwischenruf ‚lovely’ führt man sein ‚party piece’ auf. So war die Poesie schon immer mein Ding und ich kannte sie vor allem in ihrer flüchtigen, performten, gesprochenen Form, zugleich als Unterhaltung und tradiertes kulturelles Produkt.

Erich Fried schrieb Liebesgedichte, reagierte zudem beinahe zwanghaft auf die herrschenden Zustände seiner Zeit, und veröffentlichte Gedichtbände mit erstaunlicher Regelmäßigkeit und den Verkaufszahlen, von denen seine Dichter-Kollegen nur träumen konnten. Er war vor allem bei ← 7 | 8 → Dichterlesungen außerordentlich beliebt. In überfüllten Sälen saß er allein hinter einem Tisch; das Publikum unter seinem Bann.

2002 promovierte ich mit einer Arbeit über Angst, Verdrängung und Hoffnung im Werke von Erich Fried. Wenige Jahre später hörte ich zum ersten Mal die Texte eines Dichters des neuen Jahrtausends, der – wie seinerzeit Erich Fried – das kommunikative Potenzial des gesprochenen Worts versteht. Als Abschiedsgeschenk und Dankeschön erhielt ich von einer Praktikantin aus Magdeburg eine selbst gebrannte CD, auf die sie mit kunstvoller Sorgfalt den Namen ‚Bastian Böttcher’ und den Hinweis ‚Rapoetry’ geschrieben hat. „Ein Insidertipp“ sagte sie, als sie mir die CD in die Hand drückte. „Der ist echt genial; den muss man kennen,“ fügte sie hinzu, bevor sie den schweren Rucksack auf die Schultern wuchtete und in den Bus stieg. Es dauerte einige Tage, bis ich die Diskette ins CD-Laufwerk meines Computers legte. Vielleicht weil ich in Bonn gelebt hatte, als die Fanta4 mit „Die da“ und ihrem umstrittenen Deutschrap‚ die Charts stürmten, und ich unbewusst die ‚Rapoetry’ von Böttcher in die Schublade ‚Deutschen Sprechgesang’ getan hatte. Doch als die ersten Akkorde von „Coolawinta“ aus meinen Aktivboxen tönten, und sich eine bestechende musikalische Landschaft aus knisternden Samples bildete, drückte ich nicht sofort auf die Auswurftaste. Nach einer Minute oder so setzten die genialen Raps von Böttcher ein und ich verstand die Begeisterung meiner Praktikantin.

Kurz darauf erhielt ich von einem Kollegen eine Einladung zur Teilnahme an einem Sammelbandprojekt mit dem Schwerpunkt „deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts.“ Ich sagte zu und 2007 erschien bei Königshausen & Neumann der Band Das Innerste von außen mit meinem Beitrag „‚Gutes Wetter für Rap Poetry: Bastian Böttchers ‚Drei-Jahreszeiten-Trilogie.’“ So fing eine mehrjährige Beschäftigung mit der Lyrik von Bas Böttcher an, der längst nicht nur ‚Insidertipp’ ist. Der vorliegende Band stützt sich auf die Vorarbeit der Aufsätze, die ich im Laufe der letzten sieben Jahre zu verschiedensten Aspekten Böttchers Poesie veröffentlicht habe.

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1 Bas Böttcher: Vorübergehende Schönheit, Dresden 2012, S. 22.

← 8 | 9 → Einleitung

Herzlich willkommen zur Freakshow!2

In Übereinstimmung mit globalen Tendenzen ließen sich im letzten Jahrzehnt des ausgehenden Millenniums zwei sich gewissermaßen überschneidende Entwicklungen in der deutschen Literaturszene erkennen: eine Wiederbelebung des öffentlichen Interesses an populärer Poesie und eine erneute Hinwendung zu einer mündlichen Kultur. In Bezug auf den globalen Trend spricht der amerikanische Kritiker und Dichter Dana Gioia von einer „kulturellen Revolution,“3 während Hermann Korte dies etwas verhaltener, doch entscheidend als Paradigmenwechsel bezeichnet.4 Udo Scheer drückt es schlicht und einfach aus: „Seit Anfang der 90er Jahre entsteht […] das Gedicht neu.“5 Zwei Phänomene charakterisieren die Entwicklungen wie wohl keine anderen: Rap und Poetry Slam.

Als Anfang der 90er Jahre Rapmusik in Deutschland die enge Bindung zu ihren amerikanischen Vorbildern löste und ihre deutsche Stimme entdeckte, fand sie auch populären Anklang; einen Erfolg, der sich nicht nur in den überraschend guten Verkaufszahlen der kommerziellen Musikbranche zeigte. Vielmehr gelang HipHop etwas, das seit Langem keine Schule, Universität, oder literarische Strömung mehr vermochte: „In den Kinderzimmern, Jugendzentren, auf Schulhöfen, in Parks und in Kneipen auf der ganzen Welt wird heute wieder gereimt und in Versen gestritten.“6 Etwa zur gleichen Zeit schwappte die Poetry Slam-Welle nach Europa über, zunächst nach Finnland und Schweden, dann nach London und Berlin.7 Innerhalb weniger Jahre zählte eine Slam-Veranstaltung zu den kulturellen ← 9 | 10 → Angeboten auch der abgelegensten Kleinstadt Deutschlands.8 In diesen Jahren war HipHop und Slam wohl eines gemeinsam: die seltene Fähigkeit eine Generation junger Poeten dazu zu animieren, sich mit Sprache, Reim, Rhythmus und Performance auseinanderzusetzen.

In dieser Atmosphäre einer aufkeimenden, populären und vorwiegend mündlichen Literatur, die außerhalb und unabhängig vom etablierten Literaturbetrieb florierte, entwickelte sich Bas Böttchers Karriere als Lyriker auf zwei Bühnen. Die Wurzeln seiner Tätigkeit als MC und Textschmied der HipHop-Formation Zentrifugal reichen bis ins Jahr 1993 zurück: Als die Fantastischen Vier mit ihren Spaßraps die deutschen Musikcharts stürmten und die,old school’ HipHop-Formation Advanced Chemistry mit sozialkritischen Texten gegen Rassimus und Ausländerfeindlichkeit ankämpfte,9 wurde Zentrifugal ins Leben gerufen. Auf einer Schulexkursion nach Paris entdeckten Böttcher und sein Mitschüler Loris Negro eine gemeinsame Begeisterung für HipHop, und bald ergab sich eine erfolgreiche Musikpartnerschaft. Schon 1994 hatten sie im HipHop-Nachwuchswettbewerb der Stadt Bremen den ersten Preis gewonnen, der ihnen die Möglichkeit bot im Studio eine eigene Platte aufzunehmen. Nicht nur die Jury fand die „ungewöhnlich rap-poetischen Texte“ Böttchers überzeugend.10 Auf Anhieb war die öffentliche Rezeption überwiegend positiv: sowohl Musikpresse als auch HipHop-Publikum begrüßten die ‚Z-Fus’ gekonnte Zusammensetzung von eingängigen HipHop-Beats, Elementen aus unterschiedlichsten Klangwelten und vor allem Texten, die weit über die herkömmlichen Rap-Floskeln hinausgingen.

Gleich von Anfang an erkannte Böttcher eine Geistesverwandtschaft zwischen Rap und Poetry.11 Der Titel der ersten 7“ Platte weist deutlich darauf hin: Dichtung und Wahrheit. Kaum war seine Band Zentrifugal gegründet, so versuchte er sein Glück mit seinen Rap-Texten auf den Spoken-Word-Bühnen Hamburgs. Auf der Reeperbahn – im Mojo-Club – noch ← 10 | 11 → bevor der Poetry Slam in Deutschland Fuß gefasst hatte, erfuhr Böttcher, dass seine Rap-Poesie auch ohne Beats genügend poetische Kraft in sich trug, um das Publikum zu begeistern:

Für mich sind Raps dann wertvolle Lyrik, wenn sie auch für sich bestehen können, ohne Sounds im Hintergrund, wenn sie also aus dem reinen Wortlaut heraus leben und wirken. Wo aber Beats und Bässe gebraucht werden, um mit den Texten tiefgründige Stimmung zu erzeugen, würde ich wohl von ‚lyrics’ reden, und nicht von Poesie.12

Und wohl auch die Veranstalter, denn für den nächsten Auftritt wurde er gleich als Solo-Akt gebucht.13 Ab diesem Zeitpunkt verlief Böttchers Spoken-Word-Erfolgskurve genauso steil, wie bei seinem HipHop-Projekt. Als 1996 der erste Longplayer der Z-Fus, Poesiealbum, mit einem Titel14 erschien, der aus dem poetischen Programm der HipHop-Formation keinen Hehl machte, hatte Böttcher schon im Vorjahr den Poetry Slam der Literaturwerkstatt Berlin gewonnen, und zusammen mit den bereits etablierten Dichtern Durs Grünbein, Thomas Kling und Elke Erb wurde er vom Goethe Institut zum Deutsch-Nuyorican-Poets-Festival nach New York eingeladen.15 Weitere Slam-Titel folgten: 1997 gewann er nicht nur den 3. internationalen Poetry Slam in Amsterdam, sondern auch den 1. deutschen National Poetry-Slam in Berlin, und bald fand er sich wieder einmal auf Welttournee im Auftrag des Goethe Instituts. Über Landes- und Sprachgrenzen hinaus trug Böttcher seine Texte auf Bühnen in Kanada, Großbritannien, Australien, Neuseeland und Brasilien vor.

Seitdem prägt seine Tätigkeit als Slam-Poet und Rapper weit gehend seine Präsenz in den Medien, obwohl er sich inzwischen aus verschiedenen Gründen von beiden etwas distanziert hat. Vielmehr konzentriert er ← 11 | 12 → sich im neuen Jahrtausend auf multimediale Publikationen: Format übergreifende Medien, wie z.B. Poetry Clips, inszenierte Texte auf DVD, die er 2005 zusammen mit Berliner Slam-Master Wolf Hogekamp entwickelte, und stark an Musikvideos erinnern; Gedichtbände, die Text und Ton verbinden und weder das gedruckte, noch das gesprochene Wort privilegieren.16 Neulich geht er mit der Multimedialität seiner Publikationen einen Schritt weiter. In Zusammenarbeit mit Hogekamp gab er Ende 2014 eine Textsammlung zum „zwanzigsten Geburtstag der deutschsprachigen Poetry-Slam-Bewegung“ heraus, die „auf Knopfdruck selber sprechen“ kann.17 Die Herausgeber erklären das Konzept im Editorial zum Band: „Wir haben dafür einige der Stücke als Audioversion bereitgestellt, die über QR-Code per Wundertelefon oder einen Internetlink vom Autor gesprochen hörbar gemacht werden können.“ So findet man direkt unter der Druckversion von „Die verkuppelten Wörter“ einen QR-Code zur Audioversion eines der jüngsten Texte Böttchers:18

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← 12 | 13 → Wohl seine erfolgreichste und bekannteste Erfindung ist die Textbox, eine schalldichte Plexi-Glaskabine mit Mikrofon, mit der Böttcher und andere Dichter inzwischen weltweit auf Literaturfestivals und Buchmessen auftreten. Von außen her sind die Dichter zwar sichtbar aber nicht hörbar. Will man die Poesie live im Trubel der Literaturveranstaltung erleben, so muss man an einem von den zwei Dutzend Kopfhörer lauschen, die vorne an der Textbox bereit hängen. Für ausländische Auftritte laufen synchrone Übersetzungen auf großen Monitoren.

Analog zu seiner Tätigkeit als Berufslyriker entwickelt Böttcher seit mehr als 12 Jahren eine enge und produktive Zusammenarbeit mit Schulen und Schülern. Mit den ‚Lehr- und Wanderjahren’ der eigenen Slam-Auftritte hinter sich, stellt sich Böttcher nun als Meister seiner poetischen Zunft Slammern der Nachwuchsgeneration zur Verfügung und bietet im In- und Ausland Poetry-Slam-Workshops an, die Schüler „anhand von live vorgestellen Beispielen [mit] praktischen Tipps“ für die eigene Textproduktion und –präsentation ausrüsten. Ergänzend dazu brachte er 2010 sein Schulbuch Die Poetry-Slam-Expedition heraus: eine „medienübergreifende Expedition in die Welt des Poetry-Slams.“ Wie Hans Magnus Enzensberger unter dem Pseudonym Andreas Thalmayr versucht hat, ‚Erste Hilfe’ für Schüler zu leisten, denen „so manche Deutschstunde […] die Lust an den Wörtern und die Lust an der Freiheit, mit ihnen zu zaubern“ ‚ausgetrieben’ hat,19 setzt sich Böttcher nun für die Rückkehr vom Zauber des lyrischen Wortes im Bewusstsein der neuen Generation ein. So bietet er einen Kanal, über den die lyrischen ‚Rezeptoren’ insbesondere der Jugend angeregt werden. Ende 2013 besuchte Böttcher z.B. eine deutsche Auslandsschule in Rio de Janeiro im Rahmen der internationalen Buchbiennale in Brasilien.

In seiner Dichterlesung im voll besetzten Kulturzentrum begeisterte der ‚Prinz des deutschen Poetry Slam‘ die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe mit einem Feuerwerk an brillant vorgetragenem Sprachspiel und Sprachwitz, der die Schülerinnen und Schüler mitriss und ihnen zeigte, wie kreativ, klangvoll und schön der Umgang mit Sprache sein kann.20

← 13 | 14 → Mit ähnlicher Begeisterung wurde er Anfang Oktober 2014 als Gast der deutschen Auslandsschule in Shanghai begrüßt. Auch hier entfachte er mit „seiner lebendigen, spielerischen und lässigen Erzählweise […] neue Lust auf Gedichte und Poesie.“21

Details

Seiten
205
ISBN (PDF)
9783653058505
ISBN (ePUB)
9783653969245
ISBN (MOBI)
9783653969238
ISBN (Hardcover)
9783631661765
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Juni)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 205 S., 1 s/w Abb., 5 Tab.

Biographische Angaben

Billy Badger (Autor:in)

Billy Badger studierte Germanistik und Mathematik und promovierte über psychologische Aspekte in der Dichtung von Erich Fried. Sein Interesse gilt verstärkt deutschsprachiger Bühnenlyrik. Er lehrte in Neuseeland und Australien und leitet derzeit das Department of European Languages and Literatures an der University of Tasmania, Australien.

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Titel: Bas Böttcher