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Deutschlandismen in den Lernerwörterbüchern

von Chiara Scanavino (Autor:in)
Dissertation 161 Seiten

Zusammenfassung

In Zeiten der Europäischen Union und der vereinfachten Mobilität innerhalb Europas ist es sehr wichtig, auf die eigene Sprachverwendung zu achten: Regional markierte Wörter erschweren die Kommunikation, besonders für die Lerner einer Fremdsprache, weil sie ungesteuert gelernt werden. Auch wenn die Standardsprache Deutschlands als überregional und übernational gilt, weicht sie vom Standard Österreichs und der Schweiz ab. Das Deutsche – wie das Englische und viele andere Sprachen auf der Welt – ist eine plurizentrische Sprache: Sie wird in mehreren Orten, den Zentren, kodifiziert. Deutschland verfügt über eine eigene nationale Varietät, auch wenn sich die Deutschen dessen nicht bewusst sind. Die Arbeit befasst sich mit den Deutschlandismen, den typischen, sprachlichen Merkmalen der Standardsprache Deutschlands, die von Ammon Teutonismen genannt werden, und zeigt, wie die Lexikographen sie behandeln sollten.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Einleitung
  • A. Begriffsbestimmungen
  • 1. Plurizentrismus, Plurizentrizität, Plurizentrik
  • 1.1 Die Zentren der deutschen Sprache
  • 2. Varietät, Variante, Standardvarietät/Standardvariante
  • 3. Die Sprache und der Standard
  • 3.1 Sprache und Dialekt
  • B. Deutsch als Plurizentrische Sprache
  • 1. Ist das Deutsche eine plurizentrische Sprache?
  • 2. Sprachinseln
  • 2.1 Italien
  • Walser
  • Die Zimbern
  • 2.2 Deutsche Sprachinseln Weltweit
  • Russland
  • USA und Kanada
  • Brasilien und Südamerika
  • 3. Viertelzentren
  • 3.1 Polen und Osteuropa
  • 3.2 Rumänien
  • 3.3 Elsass – Lothringen
  • 3.4 Namibia
  • 4. Halbzentren
  • 4.1 Südtirol
  • Geschichte
  • Die Sprache
  • 4.2 Liechtenstein
  • Geschichte
  • Die Sprache
  • 4.3 Luxemburg
  • Geschichte
  • Sprache
  • 4.4 Ostbelgien
  • Geschichte
  • Sprache
  • C. Die Schweiz
  • 1. Geschichte
  • 2. Die Sprachliche Landschaft
  • 3. Kodifikationszentren der deutschen Sprache in der Schweiz
  • 3.1 Verein Schweizerdeutsch
  • 4. Schweizerismen
  • 4.1 Definition und Kriterien zur Erkennung der Schweizerismen/Helvetismen
  • 4.2 Merkmale des schweizerischen Standarddeutsch
  • Phonologie
  • Vokale
  • Konsonanten
  • Akzent und Tonhöhe
  • Grammatik
  • Pragmatik
  • Orthographie
  • D. Österreich
  • 1. Geschichte
  • 2. Österreich als nationales Zentrum der deutschen Sprache
  • 3. Kodifikationszentren der deutschen Sprache in Österreich
  • 3.1 Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur
  • 3.2 Verein Österreich-Kooperation
  • 3.3 Österreich-Institut GmbH
  • 3.4 Österreichischer Bundesverlag
  • Das Österreichische Wörterbuch
  • 4. Austriazismen: Definition und Kriterien zu ihrer Erkennung
  • 5. Merkmale des österreichischen Standarddeutsch
  • 5.1 Phonologie
  • Vokale
  • Konsonanten
  • 5.2 Akzent
  • 5.3 Grammatik
  • 5.4 Pragmatik
  • 5.5 Orthographie
  • E. Deutschland
  • 1. Deutsches Standarddeutsch/Deutschländisches Deutsch
  • 2. Kodifizierungszentren der Deutschen Sprache
  • 2.1 Deutscher Akademischer Austauschdienst
  • 2.2 Gesellschaft für Deutsche Sprache
  • 2.3 Goethe Institut
  • 2.4 Institut Für Deutsche Sprache (IdS-Mannheim)
  • COSMAS II
  • 3. Wörterbücher der deutschen Sprache
  • 3.1 Deutsches Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm
  • 3.2 Dudenreihe
  • 3.3 Brockhaus – Wahrig
  • 3.4 Aussprachewörterbücher
  • 4. Lernerwörterbücher der deutschen Sprache
  • 4.1 Merkmale der Lernerwörterbücher
  • 4.2 Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache (LGWDAF)
  • 4.3 Langenscheidt Powerwörterbuch Deutsch
  • 4.4 Langenscheidt Taschenwörterbuch Deutsch als Fremdsprache
  • 4.5 PONS Basiswörterbuch Deutsch als Fremdsprache
  • 4.6 PONS Kompaktwörterbuch Deutsch als Fremdsprache mit CD-ROM (2007)
  • 4.7 PONS Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache mit CD-ROM (2008)
  • 4.8 PONS.eu Deutsch als Fremdsprache
  • 4.9 Hueber Wörterbuch Deutsch als Fremdsprache (2003)
  • 4.10 de Gruyter Wörterbuch Deutsch als Fremdsprache
  • 4.11 Duden Wörterbuch Deutsch als Fremdsprache
  • 4.12 WAHRIG Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache
  • 4.13 Canoo.net
  • 5. Deutschlandismen in den Wörterbüchern
  • 5.1 Deutschlandismen: Definition und Erkennungskriterien
  • 6. Probleme zur Erkennung der Deutschlandismen
  • 6.1 Bundesdeutsch/DDR-Deutsch
  • 6.2 Wörter und Unwörter des Jahres
  • 6.3 Definition von Gesamtdeutsch
  • 6.4 Merkmale des deutschen Standarddeutschen
  • 6.4.1 Phonologie
  • Vokale
  • Konsonanten
  • 6.4.2 Akzent
  • 6.4.3 Grammatik
  • 6.4.4 Pragmatik
  • 6.4.5 Orthografie
  • 7. Empirie: Die Plurizentrik in den deutschen Wörterbüchern
  • 7.1 Adresse/Anschrift
  • 7.2 Apfelsine/Orange
  • 7.3 Aubergine/Melanzani
  • 7.4 Bude
  • 7.5 Installateur/Klempner/Spengler
  • 7.6 Kehren/fegen
  • 7.7 Kiosk/Trafik
  • 7.8 Mahlzeit!/Guten Appetit!
  • 7.9 Möhre/Karotte/Rübe
  • 7.10 Omnibus
  • 7.11 Plätten/glätten/bügeln
  • 7.12 Sonnabend/Samstag
  • 7.13 Fazit
  • F. Plurizentrik im Spiegel der Lexikographie
  • 1. Geschichte der plurizentrischen deutschen Lexikographie
  • 2. Die Plurizentrik des Deutschen in den Wörterbüchern: Quantitative Untersuchung
  • 2.1 Phonetik
  • 2.2 Grammatik
  • 2.3 Semantik
  • 2.4 Pragmatik
  • 2.5 Orthografie
  • 2.6 Fazit
  • 3. Das ideale (Lerner-)Wörterbuch
  • 3.1 Wörterbuchsforschung und die deutsche Lernerlexikografie: Die Probleme der Handhabung und der Konzeption eines Lernerwörterbuchs
  • 3.2 Printwörterbücher
  • 3.3 Elektronische Wörterbücher
  • 4. Vorschläge für zukünftige Lernerwörterbücher
  • 4.1 Variantenlernerwörterbuch Deutsch als Fremdsprache
  • 4.1.1 Aufteilung des Wörterbuchs
  • 4.1.2 Makrostruktur
  • 4.1.3 Mikrostruktur
  • Aufbau der Wörterbuchsartikeln
  • Abbildungen
  • Bilder: Definition und Eigenschaften
  • Typen von Bildern in den Wörterbüchern
  • Funktion der Bilder
  • Die Plurizentrik des Deutschen durch Bilder
  • PBWDaF (1999)
  • Pons.eu (2001–2013)
  • Die Plurizentrik des Deutschen durch Bilder: Vorschläge für zukünftige Wörterbücher
  • Kästen
  • Abkürzungen
  • 4.2 Enzyklopädische Lernerwörterbücher
  • 4.2.1 Definition von enzyklopädischem Lernerwörterbuch und ihre Probleme
  • 4.2.2 Die Plurizentrik der deutschen Sprache in den enzyklopädischen Lernerwörterbüchern
  • Schlussbemerkungen
  • Anhänge
  • Schweizerismen
  • Essen
  • Haushalt
  • Verwaltung, Justiz und bürokratische Sprache
  • Geschäftsleben
  • Menschliches Verhalten, Soziales
  • Formwörter & Ausdrücke mit verschiedener Bedeutung
  • Phraseologismen
  • Teutonismen
  • Speisen
  • Haushalt
  • Verwaltung, Justiz und bürokratische Sprache
  • Geschäftsleben
  • Sport und Spiele
  • Menschliches Verhalten, usw.
  • Sonstiges
  • Indeklinabilia
  • Wörter mit verschiedener Bedeutung
  • Austriazismen
  • Speisen
  • Haushalt
  • Verwaltung, Justiz und Bürokratische Sprache
  • Geschäftsleben und Handwerk
  • Sport und Spiele
  • Menschliches Verhalten, usw.
  • Sonstiges
  • Indeklinabilia
  • Ausdrücke mit unterschiedlicher Bedeutung
  • Phraseologismen
  • Unspezifische nationale Varietäten
  • Schweizerismen (Helvetismen)
  • Speisen
  • Haushalt
  • Justiz, Verwaltung und Bürokratische Sprache
  • Geschäftsleben, usw.
  • Menschliches Verhalten, Soziales, usw.
  • Sport und Spiele
  • Sonstiges
  • Formwörter
  • Ausdrücke mit unterschiedlicher Bedeutung
  • Phraseologismen
  • Deutschlandismen (Teutonismen)
  • Speisen
  • Haushalt
  • Justiz, Verwaltung und Bürokratische Sprache
  • Geschäftsleben
  • Sport und Spiele
  • Menschliches Verhalten, usw.
  • Sonstiges
  • Indeklinabilia
  • Ausdrücke mit unterschiedlicher Bedeutung
  • Austriazismen
  • Speisen
  • Haushalt
  • Justiz, Verwaltung und Bürokratische Sprache
  • Geschäftsleben, usw.
  • Sport und Spiele
  • Menschliches Verhalten, Soziales, usw.
  • Sonstiges
  • Indeklinabilia
  • Ausdrücke mit unterschiedlicher Bedeutung
  • Phraseologismen
  • Literaturverzeichnis
  • Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • Webseiten

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Einleitung

Im Jahre 1995 wurden 21 Austriazismen (Vgl. D4. und ff.) – darunter auch Marille und Erdapfel – von der EU anerkannt. Damit wurde eine Diskussion über die Plurizentrik (Plurizentrizität) (Vgl. Schmidlin 2011) der deutschen Sprache – die bereits mit zwei Aufsätzen von Michael Clyne (1984 und 1992) begonnen hatte – intensiviert: Wie Englisch, Französisch und manch andere Sprachen auf der Welt ist das Deutsche ebenfalls eine plurizentrische Sprache, die aus drei staatlichen1 Varietäten (schweizerisches, österreichisches und deutsches Standarddeutsch2) besteht.

In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, wie die oben genannten Varietäten – insbesondere die deutsche – in den einsprachigen Wörterbüchern des Deutschen (sowohl für Muttersprachler als auch Lernerwörterbücher) repräsentiert werden: In Ammon (2004) wird bereits darauf verwiesen, dass die Wörterbücher die Vielfalt des Deutschen (Schmidlin 2011) nicht ausreichend detailliert darstellen, da sie zu sehr an der Standardsprache Deutschlands orientiert sind. Daraus folgt, dass die Benutzer aus der Schweiz und Österreich Schwierigkeiten bei der Erkennung der Varianten der Standardvarietäten ihrer Länder haben, weil die sogenannten Teutonismen3 nicht als solche markiert werden. Darüber hinaus stellen die staatlichen Varietäten des Deutschen ein Problem für DaF-Lerner4 dar, da im Unterricht häufig auf diese nicht gezielt aufmerksam gemacht wird. Nach Ammon sollen aus diesem Grund Deutschlandismen5 künftig in Wörterbücher aufgenommen werden.

Ziel der Untersuchung ist zu überprüfen, welche Merkmale die Standardsprache Deutschlands aufweist, und wie die nationalen Varietäten des Deutschen in ← 9 | 10 → den Wörterbüchern – besonders für Lerner des Deutschen als Fremdsprache – vorkommen sollen. Zuerst wird mittels der jüngeren Forschungsliteratur, der Wörterbücher für Muttersprachler und für DaF-Lerner6, und des Corpus Search and Management System (COSMASII)7, durchgeführt, um zu bestimmen, welche Ausdrücke diatopisch markiert werden sollten. Danach werden das Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache (2008) und das De Gruyter Wörterbuch Deutsch als Fremdsprache (Kempke 2000) quantitativ untersucht, um zu klären, wie die nationalen Varietäten des Deutschen dargestellt werden, und welche Mängel sie andererseits aufweisen. Schließlich wird gezeigt, wie die heutigen Lernerwörterbücher elaboriert werden könnten, um sie noch benutzer- und benutzungsorientierter zu gestalten. Viele lexikographischen Studien – darunter auch Marello (1989) und Welker (2010) – zeigen, dass die meisten Benutzer Laien sind, und dass sie Probleme bei der Suche eines Stichworts (besonders bei polysemischen Wörtern und bei festen Verbindungen) haben, weil der Umgang mit Wörterbüchern in den Schulen normalerweise nicht vermittelt wird. Eben wird im Kapitel 4 gezeigt, wie nationale Varietäten im enzyklopädischen Lernerwörterbuch der deutschen Sprache repräsentiert werden sollten.

Ich bedanke mich besonders bei Herrn Prof. Dr. Ulrich Ammon für die Idee meiner Arbeit und bei Herrn Prof. Dr. Elmar Schafroth, der mir bei der Gliederung dieser Arbeit sehr behilflich war. Schließlich danke ich allen, die direkt oder indirekt zu dieser Arbeit beigetragen haben.

1 Hier wird „staatlich“ anstelle von „national“ verwendet, weil dieser letzte Begriff auch als „primär kulturellen oder ethnischen Einheit“ gelten kann.

2 In dieser Arbeit werden die Termini von Clyne (1992) aufgenommen, obwohl sie – besonders im Fall der Bezeichnung der Standardvarietät Deutschlands, die etwas tautologisch erscheint – problematisch sind.

3 Vgl. E5.1. Für Variante, Varietät, Standardvarietät und Standardsprache s. A3.

4 Hier werden sowohl männliche als auch weibliche Lerner verstanden.

5 Hier gilt dieser Begriff als Synonym für Teutonismus. Für weitere Erklärungen s. E5.1.

6 Bei dieser Arbeit wird aus Gründen der Lesbarkeit immer nur die männliche Form verwendet. Natürlich werden aber auch Frauen gemeint.

7 Vgl. E2.4.

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A. Begriffsbestimmungen

1. Plurizentrismus, Plurizentrizität, Plurizentrik

Die Debatte um die Plurizentrik der Sprachen begann bereits in der 1950er Jahren hinsichtlich des Englischen aufgrund der Studien der amerikanischen Linguisten William A. Stewart und Heinz Kloss1: Während sie zu Beginn den Terminus polyzentrische Sprache verwendeten, so wurde dieser wegen der späteren Kritik 1978 von Heinz Kloss in plurizentrische Sprache umgeändert, um hervorzuheben, dass eine Sprache nicht einheitlich ist. Sie tritt in verschiedenen Orten (Zentren) auf und variiert nicht nur hinsichtlich der jeweiligen geographischen Lage, sondern darüber hinaus aufgrund verschiedener politischer, wirtschaftlicher, militärischer oder demographischer Funktionen der einzelnen (Sprach-) Zentren, deren Sprache kodifiziert sein muss (vgl. A3). Daraus folgt, dass die Zentren normalerweise Staaten sind, die in mehrere substaatliche Zentren, wie z. B. Bayern für die deutsche Sprache, unterteilt werden können (Vgl. Ammon 1995: 95). Aus diesem Grund sprechen manche Wissenschaftler von plurinationalen Sprachen, wobei der Begriff ‚Nation‘ als Synonym für ‚Staat‘ verwendet wird. Das Adjektiv plurizentrisch ist trotzdem zu favorisieren, weil es zur Situation der deutschen Sprache besser passt. Eine Sprache muss nicht unbedingt mit einer Nation verknüpft sein. Zudem stimmt die Verbreitung der Dialekte nicht immer mit den Staatsgrenzen überein: Manche Eigenheiten des Schweizerdeutschen werden auch im Südwesten Deutschlands verwendet und einige Charakteristika des Bairischen sind auch in Österreich gängig (Zu der Situation in der Schweiz, vgl. Ammon 1995: 229–316, Di Paolo 2000, Koller 2000, Hägi 2005 und Wiesinger u. a. 2009: 259–277; zu Österreich, vgl. Ammon 1995: 117–227, Muhr 1995, Wiesinger 2000, Muhr 2003 und Wiesinger u. a. 2009: 229–257). Außerdem kann das Substantiv Nation als „primär kulturelle[ ] oder ethnische[ ] Einheit“ verstanden werden. Das entspricht jedoch nicht der ← 11 | 12 → Situation der deutschen Sprache, da die Standardsprache in Ländern wie der Schweiz „[…] wenig mit der nationalen Identifizierung zu tun [hat]“ (Polenz 1999: 412). Um solche Missverständnisse zu vermeiden, wird hier den Begriff von Heinz Kloss (1978) aufgenommen.

Beispiele für plurizentrische Sprachen sind das Englische, das Französische, das Spanische oder das Italienische, obwohl letzteres nur in Italien und im Kanton Tessin gesprochen wird (Vgl. Muhr 2003: 8–ff.). Im Gegenteil dazu sind das Polnische und manche anderen Sprachen wie Dänisch monozentrisch. Daraus folgt, dass jede Sprache, die zumindest in zwei Ländern verwendet wird, zu den plurizentrischen Sprachen gehört.

Anzumerken sei, dass es unter den Kategorisierungen (monozentrische vs. plurizentrische Sprachen) oftmals fließende Grenzen gibt: Eine monozentrische Sprache kann plurizentrisch orientiert sein, wie z. B. Serbo-Kroatisch. Umgekehrt kann eine plurizentrische Sprache monozentrisch orientiert sein (s. Französisch) (Vgl. Ammon 1995: 46 und Muhr 2003: 5–12). In diesem Fall sprechen Linguisten – s. z. B. Clyne (1995) und Clyne (1995a) – von Asymmetrie der plurizentrischen Sprachen. Dieses Merkmal charakterisiert vor allem Sprachen wie das Englische2, das Spanische3, das Französische und viele anderen internationalen Sprachen4. Eine Asymmetrie unter den Zentren gibt es auch im Deutschen: Da die Mehrheit der deutschen Muttersprachler in Deutschland lebt, die deutsche Wirtschaft europaweit führend ist und der Einfluss des Aussprachewörterbuchs von Theodor Siebs am größten ist – obwohl die letzte Auflage im Jahre 1969 veröffentlicht wurde und demnach nicht aktuell sein kann, wird die Standardsprache Deutschlands als überregional und übernational empfunden.

Merkmal der plurizentrischen Sprache ist ein Variationsgrad (die Plurizentrik oder Plurizentrizität) (Vgl. Schmidlin 2011: 4–ff.), der sich nicht nur auf den Wortschatz beschränkt, sondern ebenfalls die Aussprache, Grammatik, Pragmatik, Tonhöhe und den Akzent beeinflusst. Deswegen sind plurizentrische Sprachen nach Muhr (2003: 1) „[…] ein spezieller Typ von Sprachen, der gewissermaßen ← 12 | 13 → eine Zwischenstufe zwischen einer „Sprache“ und einem „Dialekt“ darstellt“. Dennoch sei zu betonen, dass solche Sprachen keine Dialekte sind, weil sie normalerweise als Amtssprache oder ko-offizielle Sprache eines Staates fungieren oder die Sprache einer anerkannten Minderheit sind (Vgl. B3).

Details

Seiten
161
ISBN (PDF)
9783653052558
ISBN (ePUB)
9783653968767
ISBN (MOBI)
9783653968750
ISBN (Paperback)
9783631662069
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (Dezember)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 161 S., 7 s/w Abb., 8 Graf.

Biographische Angaben

Chiara Scanavino (Autor:in)

Chiara Scanavino studierte Germanistik an den Universitäten Turin und Düsseldorf. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Plurizentrik des Deutschen im Unterricht von Deutsch als Fremdsprache in Italien.

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Titel: Deutschlandismen in den Lernerwörterbüchern