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Die «Ilias» und Argos

Ein Beitrag zur homerischen Frage

von Oliver Wehr (Autor)
Dissertation 402 Seiten

Inhaltsverzeichnis


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Vorwort

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die leicht überarbeitete Fassung meiner Heidelberger Dissertationsschrift, die im Wintersemester 2013/14 von der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg – seinerzeit noch unter dem Titel „Homer und die Argivischen Tyrannen. Zur Entstehung der Ilias“ – angenommen wurde. Mein Dank gilt an erster Stelle meinem Erstgutachter Herrn Prof. William D. Furley, PhD, der die Arbeit von Anfang an mit freundlichem Zuspruch gefördert und stets mit großem Interesse und Sachverstand begleitet hat. Herrn Prof. Dr. Jonas Grethlein danke ich für die Übernahme des Zweitgutachtens und weitere wertvolle Anregungen. Beiden Gutachtern rechne ich es hoch an, dass sie bereit waren, sich auf kontroverse Thesen einzulassen, auch wenn sie meine Auffassung nicht in allen Punkten teilen. Danken möchte ich ferner auch Herrn Prof. Dr. Michael von Albrecht für die Aufnahme meiner Arbeit in seine Reihe „Studien zur Klassischen Philologie“. Dr. Mirco Hüneburg, Matthias Voigt und Sebastian Zerhoch leisteten Hilfe bei der Korrektur des Manuskripts. Sollten noch Fehler oder Irrtümer im Text verblieben sein, ist dies selbstverständlich dem Verfasser anzulasten. Schließlich danke ich meiner Frau Sonja, die mich während der Entstehung dieser Arbeit aufgemuntert und ertragen hat, und meinen Eltern Angelika und Bernward, die mir durch ihre finanzielle Unterstützung das Studium ermöglicht haben.

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Einleitung

Die Ilias wird für gewöhnlich als panhellenisches Epos charakterisiert. Tatsächlich hat es auf den ersten Blick den Anschein, als werde darin weder ein bestimmter Ort noch eine bestimmte lokale Sagentradition bevorzugt. Wer dennoch nach dem Ursprung dieser Dichtung fragt, wendet den Blick meist nach Kleinasien. Die vorliegende Arbeit unternimmt dagegen den Versuch zu zeigen, dass sich in der Ilias trotz des panhellenischen Anspruchs, den sie zweifellos erhebt, eine ausgeprägte pro-argivische Tendenz bemerkbar macht. Es wird die These aufgestellt, dass die Ilias für einen Vortrag in Olympia bestimmt war, das im fraglichen Zeitraum unter argivischer Kontrolle stand. Dort hatte es der Dichter einerseits mit einem wahrhaft panhellenischen Publikum zu tun. Andererseits musste er zugleich die örtlichen Machtverhältnisse berücksichtigen.

Den Ausgangspunkt der Überlegungen bildet der bemerkenswerte Auftritt des Diomedes in der Ilias. Er dominiert das Kampfgeschehen, solange Achilleus sich im Zorn zurückhält. Mehr noch: Diomedes wird geradezu wie ein zweiter Achilleus dargestellt. Dabei legt der Doppelgänger jedoch einen derart fulminanten Auftritt hin, dass er sogar das Vorbild in den Schatten stellt. Nach der Aristie des Diomedes in Buch 5 wird Helenos bekennen (6.96–101), dass sich die Troianer nicht einmal vor Achilleus so sehr gefürchtet hätten, wie sie sich nun vor Diomedes fürchten. Dass die Griechen ohne ihren größten Helden kämpfen, macht sich so lange nicht bemerkbar, wie Diomedes für Achilleus eintritt. Die Aristie des Diomedes unterbricht also die Entfaltung der eigentlichen μῆνις-Handlung, bis Diomedes im elften Buch verwundet wird.

Die Beobachtung, dass die Konsequenz der Handlung durch die Aristie des Diomedes leidet, hat immer wieder zu analytischen Deutungen geführt. Auch in dieser Arbeit werde ich im Anschluss an Martin West (2011) die Auffassung vertreten, dass die Aristie des Diomedes Teil eines umfangreichen sekundären Einschubs ist, mit der ein Dichter – ich werde ihn im Folgenden einfach den Ilias-Dichter nennen – ein ursprünglich sehr viel kürzeres Achilleus-Epos nachträglich erweitert hat. In der erweiterten Fassung spielt Diomedes eine Rolle, die ursprünglich nicht für ihn vorgesehen war: Er ist nicht einfach nur ein zweiter Achilleus, sondern ein besserer Achilleus. Er stellt das Ideal dar, an dem sich Achilleus immer wieder messen lassen muss und scheitert: Auf die Beleidigung durch Agamemnon antwortet Diomedes nicht mit Rückzug, sondern mit seiner grandiosen Aristie. Er rettet Nestor in einer Szene, die als Gegenstück zur Patroklie gedeutet werden kann, während Achilleus durch seinen Trotz den Tod des ← 11 | 12 → Patroklos heraufbeschwört. Nur auf Athenes Drängen lässt sich Diomedes auf einen Kampf mit Göttern ein und siegt, während Achilleus sich im Blutrausch an einem Gott vergreift und nur mit Mühe überlebt. Offenbar hat der Dichter unserer Ilias ein kürzeres Achilleus-Epos – vermutlich war auch dies bereits sein eigenes – so überarbeitet und erweitert, dass nun Diomedes, der Held aus Argos, stärker in den Fokus rückt. Der Verdacht liegt also nahe, dass dieser Dichter ein argivisches Publikum im Blick hat.

Dieser Vermutung geht die vorliegende Arbeit systematisch nach. Sie gliedert sich dabei in drei Teile. Der erste Teil der Arbeit ist vornehmlich mit der Darstellung des Diomedes in der Ilias und der außeriliadischen, ‘zyklischen’ Überlieferung beschäftigt. Es wird sich zeigen, dass Diomedes in der älteren epischen Tradition noch als Aitolier gegolten haben muss. Erst die Ilias machte ihn – im Anschluss an eine argivische Sagenvariante, die auch den Stoff für die verlorene Alkmaionis lieferte – zum Argiver und wertete ihn gleichzeitig zum größten Helden neben Achilleus auf. Aus der Abhängigkeit der Ilias vom Sagenstoff der Alkmaionis ergibt sich außerdem ein terminus post quem um oder kurz nach der Mitte des siebten Jahrhunderts v. Chr.

Im zweiten Teil wird der mutmaßliche historische Hintergrund für die Entstehung der Ilias beleuchtet. Im Mittelpunkt steht dabei der Versuch, die fragmentarische und widersprüchliche Überlieferung zum frühen Herrschergeschlecht der Temeniden und insbesondere zu dessen bedeutendstem Vertreter, Pheidon, zu entwirren und historisch auszuwerten. Wie sich herausstellt, ist es möglich, den Grund für die Verwirrung in unseren Quellen eindeutig zu identifizieren: Schuld daran ist Ephoros, der bei der Revision der korinthischen Frühgeschichte ein heilloses Durcheinander angerichtet und so auch die Überlieferung zur frühen argivischen Geschichte, die eng mit der korinthischen verknüpft war, arg verstümmelt hat. Ephoros selbst muss noch eine einheitliche und in sich schlüssige Überlieferung gekannt haben. Demnach errichtete Pheidon noch in der Generation vor dem korinthischen Tyrannen Kypselos, also irgendwann vor der Mitte des siebten Jahrhunderts, in Argos eine Tyrannis, die bis zur Vertreibung seines Enkels Meltas währen sollte. Unter diesen Tyrannen nahm Argos auf der Peloponnes eine hegemoniale Stellung ein, die vor allem auch in der (zumindest indirekten) Kontrolle über die Olympischen Spiele ihren Ausdruck fand.

Im dritten und letzten Teil der Arbeit sollen dann die Ergebnisse aus den ersten beiden Teilen miteinander kombiniert werden. Ziel ist es dabei, die These aus dem ersten Teil im Lichte der Ergebnisse des zweiten Teils zu überprüfen und, wenn möglich, weiter zu erhärten. Dazu werden unter anderem die frühesten Reflexe der Ilias in der Vasenmalerei besprochen. Sie begegnen im letzten Viertel des siebten Jahrhunderts ausgerechnet in der Gegend um Argos und Korinth. ← 12 | 13 → Dann geht es um die Frage, welche Bedeutung der Gestalt des Diomedes im lokalen Mythos, im lokalen Kult und überhaupt für das Selbstverständnis der mehrheitlich dorischen Bevölkerung in Argos zukommt. Wir werden außerdem versuchen, die Entstehung der Ilias in einen konkreten historischen Kontext einzubetten.

Wer sich einen schnellen Überblick über den Inhalt der einzelnen Kapitel verschaffen möchte, sei auf die Zusammenfassungen auf den Seiten 135–140, 215ff. und 320–324 verwiesen. Spezielle Probleme, die sich im Verlaufe der Untersuchung ergeben, aber nicht an Ort und Stelle in der gebotenen Ausführlichkeit behandelt werden können, sind als Anhänge der Arbeit beigefügt. Wo aus Ilias und Odyssee zitiert wird, sind jeweils die Ausgaben von Helmut van Thiel (Hildesheim 1991/96) zugrunde gelegt. Die Übersetzungen sind – auch für alle anderen griechischen Autoren – meine eigenen. Abkürzungen für Nachschlagewerke und Textausgaben, auf die in der Arbeit ausdrücklich verwiesen wird, sind im Literaturverzeichnis aufgeschlüsselt.

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Teil 1

1.1 Diomedes in der Ilias

1.1.1 Ein zweiter Achilleus

Die Aristie des Diomedes im fünften Buch der Ilias ist ein heroisches Bravourstück sondergleichen. Sie steht am Beginn der eigentlichen Kampfhandlungen und stellt zugleich deren ersten Höhepunkt dar. Vergleichbares wird man erst wieder hören, wenn Achilleus in den Kampf zurückkehrt. Dem Diomedes steht von Anfang an Athene helfend zur Seite. Sie verleiht ihm die besondere Gabe, die Götter von Menschen zu unterscheiden (5.127–132), warnt ihn aber gleichzeitig davor, gegen Götter zu kämpfen. Nur Aphrodite dürfe er verletzen, falls diese sich in das Kampfgeschehen einzumischen wage. Tatsächlich ritzt Diomedes der Göttin mit dem Speer die Hand auf, als sie ihren unterlegenen Sohn Aineias vom Schlachtfeld bergen will (5.312–352). Göttliches Blut quillt aus der Wunde hervor, und mit einem lauten Aufschrei lässt Aphrodite ihren Schützling wieder fallen. Erst Apollon gelingt es schließlich, dem rasenden Helden Einhalt zu gebieten und Aineias vom Schlachtfeld zu entrücken (5.432–444). Diomedes ist fortan sichtlich bemüht, einem weiteren Kampf mit Göttern aus dem Weg zu gehen (5.592–606, 818–824; 6.128–141). Als sich das Kriegsglück jedoch zugunsten der Troianer wendet, greift Athene wieder ein. Sie steigt zu Diomedes auf den Wagen und drängt ihn zum Angriff auf Ares, der die Troianer und vor allem Hektor unterstützt. Gemeinsam verwunden sie schließlich den Gott, der daraufhin einen Schmerzensschrei ausstößt „so laut wie neun- oder zehntausend Männer“ und in einer gewaltigen Sturmwolke zum Olymp auffährt (5.841–867). Die Aristie des Diomedes klingt im sechsten Buch mit einer versöhnlichen Szene aus: Diomedes und der Lykier Glaukos erkennen einander als Gastfreunde und tauschen ihre Rüstungen miteinander (6.119–236).1

Der furiose Auftakt überrascht, da sich Achilleus doch erst kurz zuvor im Zorn zurückgezogen hat. So aber bleibt der Ausfall ihres wichtigsten Helden für die Griechen zunächst ohne jede Konsequenz. Obendrein hatte Zeus der Thetis im ersten Buch (1.495–527) versprochen, dass er die Troianer unterstützen werde, solange sich Agamemnon nicht bei ihrem Sohn entschuldigt. Stattdessen hinterlässt nun Diomedes bei den Troianern einen solchen Eindruck, dass Helenos im sechsten ← 15 | 16 → Buch sogar sagt (6.99f.): „Nicht einmal Achilleus, den Anführer der Männer, haben wir je so sehr gefürchtet, obwohl er doch, wie man sagt, der Sohn einer Göttin ist.“ Damit aber nicht genug: Diomedes springt nicht einfach nur für den fehlenden Achilleus ein. Er füllt dessen Rolle so vollkommen aus, dass man ihn für einen Doppelgänger des Achilleus halten könnte: Wie Achilleus wird auch Diomedes von Athene mit einem göttlichen Glanz umgeben (vgl. 5.4ff., 18.205–214, 226f.). Wie Achilleus kämpft auch Diomedes gegen Aineias, den beide Male nur die Intervention einer Gottheit vor dem sicheren Tod bewahren kann (vgl. 5.297–351, 20.158–340). Wie Achilleus lässt auch Diomedes sich auf einen Kampf mit Göttern ein (Achilleus legt sich in 21.233–384 mit dem Flussgott Skamandros an). Vor allem aber wird auch Diomedes im elften Buch durch einen Pfeilschuss des Paris am rechten Fuß verwundet (11.377) – eine offensichtliche Reminiszenz an den Tod des Achilleus.2 Øivind Andersen bemerkt dazu in seiner grundlegenden ← 16 | 17 → Studie zur Diomedesgestalt in der Ilias: „Das sind nicht zufällige Motivverdoppelungen. Der Dichter hat gewisse Motive aus der Achilleushandlung auf Diomedes übertragen, damit seine entsprechende – wenn auch in anderer Hinsicht nur vorbereitende – Rolle in der ersten Iliashälfte deutlich hervortrete. Diomedes als Krieger und Held scheint kurzum als Abbild bzw. Gegenbild zu Achilleus konzipiert worden zu sein“.3

Anders als Achilleus wird Diomedes durch den Pfeilschuss im elften Buch zwar nicht getötet, die Wunde genügt aber, um ihn für die Dauer der weiteren Kampfhandlungen außer Gefecht zu setzen. Erst deshalb können die Troianer im 12. Buch ihren Sturm auf das Schiffslager der Griechen beginnen. Marchinus van der Valk vermutete, der Dichter habe seine „special favourites“ Odysseus und Diomedes im elften Buch von der Szene genommen, um ihnen die Teilnahme am schmählichen Rückzug zu ersparen.4 Das mag sein, greift aber zu kurz. Diomedes muss gehen, weil er dem weiteren Verlauf der Handlung im Wege stehen würde. Wenn sich das Versprechen des Zeus an Thetis nämlich erfüllen soll, müssen die Griechen Rückschläge erleiden. Mit Diomedes aber waren schwere Niederlagen ebenso wenig denkbar, wie sie mit Achilleus denkbar waren. Vor allem aber wäre der spätere Auftritt des Achilleus durch die Anwesenheit eines zweiten Helden, der ihm durchaus ebenbürtig ist, in seiner Wirkung ernsthaft kompromittiert worden. So urteilte schon Wilamowitz: „Unter den Achäerhelden nimmt Diomedes eine eigene Stellung ein. Er ist ein so gewaltiger Kämpfer, daß er und Achilleus sich eigentlich ausschließen“.5

Diomedes zieht sich also vom Schlachtfeld zurück und beschränkt sich fortan auf die Teilnahme an den Heeresversammlungen, bis er bei den Leichenspielen für Patroklos im 23. Buch – auf wundersame Weise genesen – wieder zu großer Form aufläuft.6 Der Dichter schafft durch den zwischenzeitlichen Abtritt des ← 17 | 18 → Diomedes jedenfalls Raum für die Entfaltung der eigentlichen μῆνις-Handlung: Die Griechen erleiden nun, da ihnen weder Achilleus noch Diomedes zur Seite stehen, heftige Rückschläge. Das Schlimmste wird allein durch die Standhaftigkeit des Aias verhindert, an dem sich der Ansturm der Troianer wie an dem Fels in der Brandung bricht. Aias ist das ‘Bollwerk der Griechen’, der ἕρκος Ἀχαιῶν (vgl. 3.229, 6.5, 7.211), ein Held des Rückzugsgefechts. Sollte nicht jemand wie er gerade in jenen Teilen der Ilias dominieren, in denen Achilleus abwesend ist? Vor allem im fünften und sechsten Buch drängt Diomedes Aias aber völlig an den Rand.7

Die Aristie des Diomedes kommt also einigermaßen überraschend. Genauso so schnell und unerwartet, wie die Griechen zu ihren ersten Erfolgen gelangen, ist es damit aber auch schon wieder vorbei. Trotz des lauten Getöses scheint der spektakuläre Auftritt des Helden am Ende doch mehr oder weniger im Sande zu verlaufen; auf den weiteren Gang der Handlung hat er jedenfalls keinen nachhaltigen Einfluss (A. Lörcher: „viel Lärm um nichts“;8 C. H. Whitman: „a display for its own sake“9). Wozu also das Ganze? Analytiker wie Wilamowitz meinten das Problem zu lösen, indem sie die Aristie des Diomedes als ursprünglich separate Einzeldichtung deuteten, die nur lose mit dem Rest der Ilias verbunden sei10 – ein Ansatz, der schon lange diskreditiert ist. Ebenso wenig überzeugt aber ← 18 | 19 → das Urteil eines Unitariers wie Friedrich Lillge, wonach der Dichter habe zeigen wollen, „daß selbst ein Diomedes, der Sieger über Götter, nicht imstande ist, Achilleus zu ersetzen“.11 Denn schließlich bezeugen ja die Worte des Helenos im sechsten Buch (6.96–101), dass Diomedes zumindest in den Augen der Troianer sehr wohl imstande ist, Achilleus zu ersetzen.12 Auch die einstmals populäre Auffassung (zuerst von Carl Rothe im Jahre 1910 geäußert), dass die anfänglichen Siege der Griechen dem ‘Nationalstolz des Dichters’ geschuldet seien, der es nicht gewagt habe, sein Werk mit Erfolgen der Gegner einzuleiten, darf in dieser Form heute sicherlich als obsolet gelten.13 Samuel Basset teilte in den 1930er Jahren noch diese Auffassung („The national feeling of the audience demands a Greek victory“14), kombinierte sie aber mit der treffenden Beobachtung, dass die Troianer seit dem Bruch des Waffenstillstands durch Pandaros im vierten Buch ← 19 | 20 → (4.104–140) als Eidbrüchige kämpfen.15 Diomedes fällt also die Aufgabe zu, den Eidbruch zu bestrafen. Deshalb beschreibt der Dichter in grausigem Detail, wie Diomedes Pandaros mit seinem Speer durchbohrt (5.290–296).16 Die Troianer sind sich dieses Zusammenhangs sehr wohl bewusst, denn auch Antenor führt im siebten Buch (7.351f.) die Misserfolge seiner Landsmänner ausdrücklich auf den vorangegangenen Eidbruch des Pandaros zurück. Erst im achten Buch wird sich das Blatt allmählich wieder zugunsten der Troianer wenden, nachdem Zeus die Todeslose der Troianer und Griechen gegeneinander abgewogen hat (8.69–72).

Warum also nicht gleich so? Weshalb lässt der Dichter sein Publikum schon im ersten Buch zu Zeugen jenes Göttergesprächs zwischen Zeus und Thetis werden, wenn die Erfüllung des Versprechens, welches Zeus der Thetis gibt, bis zum achten Buch auf sich warten lässt? James Morrison bietet dafür folgende Erklärung an: Der Dichter baue hier wie an vielen anderen Stellen der Ilias mittels irreführender Vorverweise eine bestimmte Erwartungshaltung auf, deren Erfüllung jedoch immer wieder enttäuscht oder hinausgeschoben werde. So gelinge es dem Dichter, die Spannung aufrechtzuerhalten.17 Aber die Aristie des ← 20 | 21 → Diomedes ist mehr als nur retardierendes Moment. Dies zeigt sich, wenn man ihren Platz im Gesamtaufbau der Ilias bestimmt.

1.1.2 Die Aristie des Diomedes im Gesamtplan der Ilias

Spätestens seit den Arbeiten von Sheppard (1922), Myres (1932) und Schadewaldt (1938) ist unbestritten, dass die Ilias als Ganzes einem wohldurchdachten Plan folgt.1 Besonders deutlich wird dies etwa an der Art und Weise, wie der Schluss des Epos wieder auf den Anfang rekurriert: Motive und Konflikte aus dem ersten Buch (der vergebliche Versuch des Chryses, seine Tochter auszulösen; die Verweigerung der Bitte des alten Mannes durch Agamemnon; die neun Tage währende Pest; die Brandbestattung der Pestopfer) werden im 24. Buch wieder aufgegriffen und einer Lösung zugeführt (der erfolgreiche Versuch des Priamos, den Leichnam seines Sohnes auszulösen; das Mitleid des Achilleus mit dem alten Mann; die Brandbestattung Hektors nach neun Tagen der Trauer).

Nun unternahm aber schon Myres den Versuch zu zeigen, dass nicht nur das letzte Buch Motive aus dem ersten wieder aufnimmt, sondern das gesamte Epos nach dem Prinzip der Ringkomposition gestaltet sei.2 Von den Belegen, die er dafür anführt, seien hier nur einige genannt: Sowohl das zweite als auch ← 21 | 22 → das 23. Buch beginnen jeweils mit einer Traumszene (2.1–40; 23.62–101). Das Duell zwischen Paris und Menelaos im dritten Buch (3.340–382) scheint mit dem Duell zwischen Hektor und Achilleus im 22. Buch (22.248–363) zu korrespondieren. Das erste Duell läutet die Kampfhandlungen ein und rückt zugleich das Ende des Krieges in greifbare Nähe. Nur durch den vorzeitigen Abbruch des Duells erfährt das Ende zunächst noch einen Aufschub. Das zweite Duell steht am Ende der Kampfhandlungen und besiegelt zugleich den Untergang der Stadt. Auch die Mauerschau der Helena im dritten Buch (3.146–244) hat ihre Entsprechung im 22. Buch, wenn Andromache von der Mauer aus zusieht, wie ihr toter Gemahl durch den Staub geschleift wird (22.462–515).

Wie fügt sich nun die Aristie des Diomedes in eine solche Ringstruktur ein? Diomedes trifft im fünften Buch auf Aineias und besiegt ihn (5.297–351). Der verletzte Held wird allerdings von einem Gott entrückt. Im 20. Buch wiederholt sich der gleiche Ablauf mit einigen Variationen, wenn Aineias auf Achilleus trifft (20.158–340). Zugleich nehmen die von Athene inspirierten Angriffe des Diomedes auf Aphrodite und Ares im fünften Buch eine Konstellation des Götterkampfs im 21. Buch vorweg, in dem Athene selbst gegen Ares und Aphrodite antritt (21.391–433). Ares ruft bei dieser Gelegenheit sogar ausdrücklich den Vorfall aus dem fünften Buch in Erinnerung (21.396–399). Schließlich erhält Diomedes durch den Waffentausch mit Glaukos im sechsten Buch (6.234–236) eine neue Rüstung, während Thetis dem Achilleus zu Beginn des 19. Buches eine neue Rüstung überreicht (19.10–23).

Je weiter man jedoch ins Innere des Epos vordringt, desto mehr verschwimmen die Konturen einer solchen Ringstruktur.3 Es scheint, als ließen sich die mittleren Partien nur mit Gewalt in ein solches Raster zwingen. Auch Myres’ Schema gerät zunehmend aus der Balance; bei den Büchern 11–13 weiß er sich schließlich nicht mehr anders zu behelfen, als sie kurzerhand für „anomalous“ zu erklären. Als mutmaßliche Mitte der Ringstruktur identifizierte er – einigermaßen überraschend – die nächtliche Gesandtschaft an Achilleus im neunten Buch, da sich darin erstmals ein Umschwung in der μῆνις-Handlung andeute. Vor allem aber sei mit der Nacht des neunten Buches in der fiktiven Zeitstruktur der Ilias genau die Halbzeit erreicht.4 Nach Myres haben sich auch Cedric ← 22 | 23 → Whitman und Rismag Gordesiani an ähnlichen Analysen versucht, sind damit aber nicht auf ungeteilte Zustimmung gestoßen.5 Eine das ganze Epos umspannende Ringstruktur scheint demnach auf das erste und letzte Viertel des Werkes beschränkt: „Der Dichter reitet also sein Aufbauprinzip nicht zu Tode“ (M. Baltes).6 ← 23 | 24 →

Wie Myres haben auch Sheppard, Wade-Gery, Schadewaldt und Taplin die Bedeutung der erzählten Zeit (‘narrative-time’) für die innere Organisation des epischen Gedichts hervorgehoben.7 Sie deuteten diese aber nicht im Sinne einer Ringstruktur, sondern unterteilten das Gedicht danach in größere Einheiten, die ihrer Meinung nach jeweils dem Pensum eines einzelnen Vortragstags entsprachen. Zwei Nächte werden vom Dichter nämlich in besonderer Ausführlichkeit beschrieben: zum einen jene Nacht, in der die Gesandtschaft an Achilleus erfolgt (sie beginnt schon in 8.485 und füllt das gesamte neunte und, wenn man die Dolonie dazunimmt, auch das zehnte Buch); zum anderen die Nacht, in der Hephaistos die neuen Waffen für Achilleus schmiedet (sie beginnt in 18.239 und dauert bis zum Ende des 18. Buches). Daraus ergibt sich eine Einteilung des Epos in drei größere Handlungsabschnitte (‘movements’), wie sie an drei aufeinanderfolgenden Tagen zum Vortrag gekommen sein könnten: „Wenn ein Vortragstag zu Ende ging, war auch im Gedicht Abend geworden; wenn man morgens wieder begann, stieg auch in dem Gedicht wieder die Morgenröte auf“ (W. Schadewaldt).8 ← 24 | 25 →

Über die grundsätzliche Gliederung der Ilias in drei Teile scheint mittlerweile tatsächlich so etwas wie ein Konsens zu bestehen. Sie schließt die Annahme einer ihr immanenten oder sie überlagernden Ringstruktur nicht zwingend aus.9 Strittig ist vor allem noch die exakte Abgrenzung der einzelnen Teile voneinander. Denn so verführerisch die Idee einer (partiellen) Identifikation von ‘performance-time’ und ‘narrative-time’ zunächst auch anmuten mag, so wenig ist der Schluss vom einen auf das andere doch zwingend. Stattdessen haben in jüngerer Zeit Stanley (1993), Schein (1997) und Louden (2006) eine Einteilung in die Buchgruppen 1–7, 8–17 (möglicherweise ohne die Dolonie) und 18–24 vorgeschlagen.10 Die Begründungen unterscheiden sich jedoch im Detail.

Stanley analysiert zunächst jedes einzelne Buch der Ilias (er hält die traditionelle Bucheinteilung, anders als die Mehrheit der Gelehrten, für die ursprüngliche11) im Sinne einer Ringkomposition. Darüber hinaus macht er in den Buchgruppen 1–7, 8–17 (unter Einschluss der Dolonie) und 18–24 übergeordnete Ringstrukturen aus, welche jeweils um Zentren in den Büchern 4, 12/13 und 21 herum organisiert seien. Demnach korrespondiere also der Angriff des Diomedes auf Aphrodite im fünften Buch erstens mit seinem Angriff auf Ares später im selben Buch.12 Er stelle zweitens aber auch, indem er die Entrückung des Aineias zunächst vereitele, das Gegenstück zu der gelungenen Entrückung des Paris durch Aphrodite im dritten Buch (3.374–382) dar.13 Drittens sei der ← 25 | 26 → Götterkampf nur eines von zahlreichen Motiven, welche das fünfte Buch mit der Aristie des Achilleus im 20. und 21. Buch verbinden.14

Auch Schein unterteilt das Epos in drei Abschnitte. Anders als Stanley legt er die Betonung jedoch nicht auf die Analyse ringkompositorischer Strukturen (deren Bedeutung für die äußere Form der Dichtung er aber keineswegs abstreitet). Er unterscheidet stattdessen drei aufeinanderfolgende Entwicklungsstufen. Der erste Abschnitt (Bücher 1–7) zeichne ein traditionelles Bild heroischer Werte und Tugenden. Er führe Diomedes als mustergültigen Helden vor, der um seines eigenen Ruhmes willen kämpfe, dabei aber stets dem Oberbefehlshaber Agamemnon (vgl. 4.401f.) und den Göttern (vgl. 6.128–131) den gebührenden Respekt erweise. Dort, wo er gegen Götter kämpfe, geschehe dies auf ausdrücklichen Befehl Athenes. Im zweiten Abschnitt (Bücher 8–17) werde dieses Heldenbild modifiziert. Patroklos kämpfe nicht, um den eigenen Ruhm zu mehren, sondern um das Ansehen seines Freundes Achilleus wiederherzustellen (vgl. 16.271f.). Noch weiter rücke der dritte Abschnitt (Bücher 18–24) vom traditionellen Bild des Helden ab. Im Vergleich mit Diomedes erweise sich Achilleus als eine abgründig-dämonische Figur, deren zerstörerischer Wahn kaum noch irgendwelche Grenzen kenne.15

Schließlich unterscheidet auch Louden drei Handlungsabschnitte, die er als ‘initial sequence’ (Bücher 1–7), ‘middle sequence’ (Bücher 8–17 unter Einschluss der Dolonie) und ‘final sequence’ (Bücher 18–24) bezeichnet. Dabei wiederhole und variiere der dritte Abschnitt das Erzählmuster (‘narrative pattern’) des ersten Abschnitts, während der zweite Abschnitt dieses Muster ‘parodiere’. Das Erzählmuster enthalte jeweils an zentraler Stelle eine Aristie des ‘besten der Achaier’.16 Während Achilleus im dritten Abschnitt selbst der ‘beste der Achaier’ sei, werde diese Rolle ← 26 | 27 → im ersten Abschnitt durch Diomedes und Aias übernommen. Diomedes fungiere dabei als „the best of the Akhaians in terms of his aristeia and relations with the gods“, Aias dagegen als „the best of the Akhaians who can defeat Hektor, the best of the Trojans“. Beide zusammen formten somit „a composite Akhilleus in the initial sequence“.17

Im zweiten Abschnitt diene zunächst der Auftritt Agamemnons als ‘Parodie’ („though not necessarily comic“) einer Aristie des ‘besten der Achaier’.18 Während Achilleus von Thetis zum Kampf ermutigt werde (vgl. 19.36), leite Eris die Aristie des Agamemnon ein (vgl. 11.3–13, 73). Zum einen spiegele sich darin Agamemnons Rolle beim anfänglichen Streit mit Achilleus wider, zum anderen bestimme Eris aber auch den eigentümlich grausamen Charakter der Aristie des Agamemnon: „His [scil. Agamemnons] heroic deeds seem appropriately those inspired by Eris rather than Athena. His main advances against the Trojans are close to atrocities“19 (vgl. insbesondere 11.95–98, 145ff.). Zugleich kündige ihr Epitheton πολύστονος (‘viel Jammer bereitend’; vgl. 11.73) bereits die schweren griechischen Verluste im zweiten Abschnitt an. Ebenso kehre schließlich auch der Auftritt des Patroklos das übliche Schema um: Während Hektor für gewöhnlich den ‘besten der Achaier’ (ob Aias, Diomedes oder Achilleus) nicht bezwingen könne, gelinge es ihm nun, den ‘besten der Achaier’ (nämlich Patroklos) zu töten. ← 27 | 28 →

Loudens Analyse wird allerdings dem besonderen Charakter der Aristie des Achilleus nicht vollständig gerecht. Wenn Grausamkeit und Tod des Helden nämlich eine ‘Parodie’ bedeuten, dann ‘parodiert’ auch Achilleus selbst den ‘besten der Achaier’: Man denke an das Massaker am Fluss (21.1–26), die kaltblütige Hinrichtung des Lykaon, der um sein Leben fleht (21.64–135), die Misshandlung der Leiche Hektors (22.395–405, 23.24ff., 24.14–22) und das Menschenopfer von zwölf troianischen Jünglingen (21.27–33, 23.175f.). Mit Hektors Tod ist aber auch Achilleus’ eigenes Schicksal unauflöslich verbunden: Er wird sterben müssen, sobald er Hektor getötet hat (so die Voraussage der Thetis an ihren Sohn in 18.96: αὐτίκα γάρ τοι ἔπειτα μεθ᾽ Ἕκτορα πότμος ἑτοῖμος). Die Aristie des Achilleus ist also nicht nur durch zahlreiche Akte der Grausamkeit geprägt, sondern kündigt auch den Tod des Helden an.

Wenn Agamemnon und Patroklos also den ‘besten der Achaier’ parodieren, dann imitieren sie damit zugleich Achilleus. Aias und Diomedes ergeben also erst zusammen mit Agamemnon und Patroklos einen vollständigen „composite Akhilleus“: Diomedes kämpft mit Göttern (5.330–444, 841–909), Aias liefert sich ein Duell mit Hektor (7.206–312), Agamemnon wird durch Eris zu besonderer Grausamkeit verleitet (11.3–14, 73f., 95–98, 145ff.), Patroklos stirbt schließlich wie ein Doppelgänger des Achilleus (16.787–863).20 Jedem der vier Helden ist innerhalb dieses „composite Akhilleus“ eine bestimmte Rolle zugewiesen – nur Diomedes hält sich nicht daran: Auch er liefert sich nämlich ein Duell mit Hektor (11.343–367) und wird direkt im Anschluss daran wie ein zweiter Achilleus von einem Pfeil des Paris am Fuß verletzt (11.369–379). Diomedes usurpiert und dupliziert damit Motive, die nach Loudens Schema eigentlich zur Rolle des Aias beziehungsweise des Patroklos gehören.21 Nur Agamemnons Rolle bleibt davon unberührt. Diomedes spiegelt also im Unterschied zu den drei anderen Helden nicht nur einen bestimmten Aspekt der Achilleusgestalt, sondern den ganzen Achilleus wider – mit einer wichtigen Ausnahme: Streitlust und Grausamkeit sind seinem Charakter fremd.

Das gilt zumindest dann, wenn man die Dolonie von der Betrachtung ausnimmt, denn dort wird Diomedes tatsächlich als kaltblütiger Schlächter präsentiert. Die völlig unmotivierte Hinrichtung Dolons (10.454–457) und das Massaker an dem schlafenden Rhesos und zwölf Thrakern (10.470–488) stehen ← 28 | 29 → in auffälligem Gegensatz zum sonst so makellosen Bild des Diomedes.22 Die Beobachtung, dass die Dolonie hier ein anderes Bild von Diomedes zeichnet als der Rest der Ilias, fügt sich gut zu der Annahme, dass sie ein späterer Zusatz ist.23 Es hat den Anschein, als habe der Dichter der Dolonie bemerkt, dass den iliadischen Diomedes noch eine entscheidende Eigenschaft von seinem Vorbild Achilleus unterschied: ein Moment der rasenden Mordlust. Um diesem Mangel abzuhelfen, fügte er nun eine Episode an, in welcher Diomedes zunächst einen besiegten Gegner, der um sein Leben fleht, erschlägt (nach dem Vorbild von Achilleus und Lykaon) und dann zwölf Thraker im Schlaf ermordet (nach dem Vorbild der zwölf troianischen Jünglinge, die Achilleus am Fluss gefangen nimmt und später auf dem Scheiterhaufen des Patroklos verbrennt). Der Dichter der Dolonie hat dafür zwei Verse aus dem Flusskampf im 21. Buch (20f.) fast im Wortlaut adaptiert.24

Diomedes ist also ein zweiter Achilleus, nur teilt er in der ursprünglichen Konzeption des Ilias-Dichters dessen Schattenseiten nicht.25 Er lässt sich nicht auf einen Streit mit Agamemnon ein, obwohl er von diesem beleidigt wird. ← 29 | 30 → Als Agamemnon ihn einen schlechten Krieger schilt (4.365–400), schweigt er „aus Ehrfurcht vor dem Ehrfurcht gebietenden König“ (4.401f.). Auf die ehrenrührige Kritik antwortet Diomedes nicht mit schmollendem Rückzug, sondern durch besonderen Einsatz im Kampf: „Gegen Agamemnons Worte setzt er seine Taten“ (Ø. Andersen).26

1.1.3 Die ‘Nestorbedrängnis’ als Gegenstück zur Patroklie

Offenbar dient auch die ‘Nestorbedrängnis’ im achten Buch (8.80–171) dem Zweck, das selbstlose Heldentum des Diomedes mit der unheilvollen Egomanie des Achilleus zu kontrastieren: Während Diomedes nämlich unter Einsatz seines Lebens Nestor aus höchster Gefahr errettet, wird Achilleus später durch seine Abstinenz vom Kampf den Tod des Patroklos heraufbeschwören.1 Tatsächlich scheint der Dichter ganz bewusst eine Beziehung zwischen der ‘Nestorbedrängnis’ und der Patroklie herzustellen, wenn er beide Episoden durch ein auffälliges gemeinsames Motiv markiert:2 In beiden Fällen gerät das Gespann des bedrängten Helden in Verwirrung, nachdem das Beipferd (παρήορος) von einem feindlichen Geschoss getroffen worden ist (8.81–88; 16.467–475). Im achten Buch ist es ein Pfeilschuss des Paris, der Nestors Beipferd tötet. Im 16. Buch verfehlt Sarpedon Patroklos nur knapp mit einem Speerwurf und trifft stattdessen das Beipferd. Nur an diesen beiden Stellen kommt in der Ilias ein solches drittes Pferd am Wagen vor.

Während der Vorfall im achten Buch die Begründung dafür liefert, weshalb Nestor beim allgemeinen Rückzug der Griechen als einziger zurückbleibt, erfüllt er im 16. Buch keine erkennbare Funktion: Patroklos war nämlich schon zuvor vom Wagen herabgesprungen (16.427), um sich im Zweikampf mit Sarpedon ← 30 | 31 → zu messen. So wird „das Motiv zum beliebigen Hintergrundgeschehen, bleibt ohne Folgen für die Handlung im Vordergrund. Daß ein Pferd getroffen wird, ist für den Kampf der beiden Protagonisten, die ihre Wagen verlassen haben, belanglos“ (E. Heitsch).3 Umgekehrt ist aber nur im 16. Buch das dritte Pferd eine wirklich notwendige Zugabe, da Patroklos den Wagen des Achilleus fährt. Den unsterblichen Rössern Xanthos und Balios musste der Dichter nämlich noch ein zusätzliches, sterbliches Pferd (sein Name ist Pedasos) an die Seite geben, wenn Sarpedon später eines der Pferde töten sollte. Im achten Buch hätte Paris dagegen ebenso gut auch eines der beiden regulären Pferde am Wagen des Nestor töten können.4 Beide Szenen sind also durch ein auffälliges gemeinsames Motiv verbunden, welches jedoch in keiner der beiden Szenen vollkommen schlüssig motiviert ist. Gehen also beide Szenen auf ein drittes, gemeinsames Vorbild zurück?

In der Tat hat die Neoanalyse das Vorbild für die ‘Nestorbedrängnis’ schon lange in einer verblüffend ähnlichen Szene aus der Memnonsage vermutet, wie sie offenbar in der Aithiopis erzählt wurde (der Vorfall wird explizit zwar nur bei Pindar Pyth. 6.28–39 berichtet, aufgrund der – freilich sehr knappen – Inhaltsangabe bei Proklos Chrest. 188–190 Severyns aber üblicherweise schon auf die Aithiopis zurückgeführt): Auch dort tötet Paris eines der Pferde des Nestor (ob es ein drittes Beipferd war, erfahren wir leider nicht),5 der daraufhin vom herannahenden Memnon bedroht wird. Nestors Sohn Antilochos rettet seinem Vater zwar das Leben, verliert aber sein eigenes dafür. Im anschließenden Zweikampf mit Memnon, in welchem Achilleus den Tod seines Freundes Antilochos rächt, hat die Neoanalyse wiederum das mutmaßliche Vorbild für die Patroklie und den Zweikampf des Achilleus mit Hektor zu erkennen gemeint.6 ← 31 | 32 →

Die neoanalytische Deutung ist nicht unumstritten.7 Ob man sich den Neoanalytikern nun aber anschließt oder nicht; es bleibt das ungewöhnliche Motiv des getöteten Beipferds, welches innerhalb der Ilias die ‘Nestorbedrängnis’ mit ← 32 | 33 → der Patroklie verbindet: „Da es Beipferde sonst in der Ilias nicht gibt, besteht zwischen den beiden Stellen ein Verhältnis, wie es enger kaum sein könnte“ (E. Heitsch).8 Wenn in der Patroklie also die ‘Nestorbedrängnis’ aus dem achten Buch wieder gezielt in Erinnerung gerufen wird, dann kann dies nur ein Ziel haben: Wer sich erinnert, wie Diomedes dem Nestor zur Hilfe eilt, wird in der Patroklie den Retter um so schmerzlicher vermissen.

Falls die ‘Nestorbedrängnis’ der Memnonsage aber tatsächlich, wie die Neoanalytiker vermuten, das Vorbild für die ‘Nestorbedrängnis’ der Ilias geliefert haben sollte, dann hätte dies bei einem Publikum, das mit der Memnonsage vertraut war, noch zusätzlich den Eindruck verstärkt, dass Diomedes hier bereit ist, ähnlich wie Antilochos sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Das ‘pathetische’ Potential des mutmaßlichen Vorbilds mag in der Ilias nicht voll ausgeschöpft worden sein,9 aber Diomedes wird so ins beste Licht gerückt. Er dient in seiner Vorbildhaftigkeit als Folie, von welcher sich die tragische Verblendung des Achilleus, die im Tod seines besten Freundes resultiert, dann um so deutlicher abheben soll.10

Damit aber nicht genug: Kaum hat Diomedes die rettende Tat vollbracht, geht er zusammen mit Nestor wieder zum Angriff über. Er stemmt sich damit alleine gegen den allgemeinen Rückzug der Griechen. Zeus hatte zu Beginn des achten Buches (8.69–77) die Schicksalslose beider Kriegsparteien gegeneinander abgewogen und das Ergebnis mit einem Donnerschlag verkündet: Für den Rest des Tages werden die Troianer die Oberhand behalten (so jedenfalls interpretiert Nestor in 8.141ff. ein zweites Donnerzeichen). Während die Griechen also auf dem Rückzug sind, heißt es von Diomedes: Er hätte „Unmögliches“ (ἀμήχανα ἔργα) vollbracht und im Handstreich ganz alleine die Troianer „wie Lämmer“ in die Stadt zurückgetrieben, wenn Zeus ihm nicht mit weiteren Donnerschlägen Einhalt geboten hätte (8.130–136, 170f.). Heitsch zieht daraus in analytischer Manier den Schluss: „In dieser totalen Verkehrung des von Zeus durch Blitz und Donner eingeleiteten Geschehens […] spricht offenbar ein wenig begnadeter Rhapsode, der – angeregt wohl durch 16,97–100, wo Achill den unrealistischen ← 33 | 34 → Wunsch äußert, er und Patroklos möchten, nach dem Tode aller anderen, allein Troja erobern – Diomedes als zweiten oder richtiger eigentlich: als Über-Achill zu stilisieren sucht und dabei aber auch jedes Gefühl für Maß und Proportion vermissen lässt“.11

In den folgenden Kapiteln wird sich zeigen, dass Diomedes nicht nur in der ‘Nestorbedrängnis’, sondern vor allem auch in seiner Aristie konsequent zum „Über-Achill“ stilisiert wird. Offenkundig ist es nicht irgendein „wenig begnadeter Rhapsode“, sondern der Ilias-Dichter selbst, der Diomedes zur strahlendsten Heldenfigur seines Epos erhebt.

1.1.4 Diomedes und Achilleus im Zweikampf mit Aineias: ein Vergleich

Nirgends liegt ein direkter Vergleich zwischen Diomedes und Achilleus näher als in den Zweikämpfen, die beide Helden jeweils mit Aineias zu bestehen haben. Beiden Zweikampfszenen liegt im Kern das gleiche Schema zugrunde; beide Male wird dieses Schema jedoch auf bemerkenswerte Weise variiert. Im 20. Buch hebt Aineias einen Stein auf, „wie ihn heute zwei sterbliche Männer nicht heben könnten“, um ihn gegen Achilleus zu schleudern (20.285–289). Noch bevor er den Steinwurf jedoch ausführen (und Achilleus zum Gegenschlag ausholen) kann, wird Aineias von Poseidon entrückt. Über die Augen des Achilleus legt Poseidon währenddessen einen Nebelschleier (ἀχλύς), den er später wieder lüften wird (20.321f., 341f.). Achilleus kann also nicht sehen, wie Aineias durch einen Gott entführt wird, und wundert sich nur, dass sein Gegner plötzlich verschwunden ist (20.341–346). Dagegen ist die Situation im fünften Buch genau umgekehrt: Auch dort taucht das Motiv des Nebelschleiers (ἀχλύς) wieder auf. Nur lüftet Athene noch vor dem Zweikampf mit Aineias einen solchen Schleier von den Augen ihres Schützlings Diomedes, damit er die Götter von den Menschen unterscheiden kann (5.127f.). Außerdem ist es diesmal Diomedes, der einen Stein aufhebt, „wie ihn heute zwei sterbliche Männer nicht heben könnten“. Er wirft ihn auf Aineias, der daraufhin betäubt zusammenbricht (5.302–310). Zunächst versucht Aphrodite ihren Sohn zu retten. Diomedes jedoch sieht, was vor sich geht, und greift die Göttin selbst an.1 ← 34 | 35 →

Beide Szenen setzen sich aus einer Reihe von typischen Elementen zusammen. Dazu gehören insbesondere der Steinwurf und die Entrückung durch einen Gott. So endet schon der erste Zweikampf in der Ilias damit, dass Aphrodite ihren Schützling Paris unter dem Schutz eines dichten Nebels vom Schlachtfeld trägt (3.380f.). Apollon rettet Hektor, als dieser zum ersten Mal auf Achilleus stößt (20.441–446).2 Mit einem Steinwurf setzt Hektor im achten Buch (321–329) Teukros außer Gefecht, der daraufhin von seinem Bruder Aias und zwei weiteren Gefährten vom Schlachtfeld getragen werden muss. Im 14. Buch erhält Aias die Gelegenheit sich zu revanchieren, indem er nun Hektor mit einem Steinwurf niederstreckt (14.409–432). Auch Hektor wird aber von seinen Kampfgefährten in Sicherheit gebracht.

Der Steinwurf entscheidet also typischerweise einen Zweikampf zugunsten jenes Helden, der den Stein wirft. Der getroffene Gegner wird daraufhin von seinen Gefährten oder einer Gottheit – in der Regel wird dies die Schutzgottheit des betreffenden Helden sein – in Sicherheit gebracht. Auch unabhängig von einem Steinwurf wird ein unterlegener Held, der (noch) nicht sterben darf, regelmäßig von seiner Schutzgottheit entrückt. Wenn ausgerechnet Aphrodite ihren Günstling Paris entführt, entspricht dies also durchaus der Regel – auch wenn diese Szene „sicherlich schon […] ins Ironische hinüberspielt“ (K. Reinhardt).3 Dagegen spottet die Attacke des Diomedes auf Aphrodite jeder Konvention.4

Das Schema wird endgültig auf den Kopf gestellt, wenn im 20. Buch Aineias gerettet werden muss, obwohl er es ist, der zum Steinwurf ausholt und darum erwartungsgemäß als Sieger aus dem Kampf hervorgehen sollte. Obendrein ist es dann auch noch Poseidon, der ihn rettet. Dieser hatte aber kurz zuvor noch auf der Seite der Griechen Aufstellung bezogen (20.34). Ihm direkt gegenüber steht Apollon auf Seiten der Troianer (20.67f.). Warum hilft Apollon dem ← 35 | 36 → Aineias nicht, so wie er es im fünften Buch getan hat? Und wo ist Aphrodite? Natürlich könnte man mit den bT-Scholien (zu Il. 20.291) vermuten, dass sie mittlerweile ihre Lektion gelernt hat und sich deshalb nicht mehr in das Kampfgeschehen einmischt. Das plötzliche Interesse des Poseidon am Überleben des Aineias kommt dennoch überraschend. Als Hera ihn auffordert, dem Achilleus (!) beizustehen (20.115–131), antwortet Poseidon, dass er sich lieber vollständig aus dem Kampfgeschehen heraushalten wolle. Falls aber Ares oder Apollon den Angriff des Achilleus hemmen sollten, dann werde er eingreifen (20.133–143). Und tatsächlich greift Poseidon schließlich ein – aber nicht, wie angekündigt, zugunsten des Achilleus, sondern zugunsten des Aineias. Warum der plötzliche Sinneswandel?

Ernst Heitsch erklärt ihn damit, dass hier eine ursprünglich unabhängige Tradition, ein ‘Einzellied’, in die Ilias eingearbeitet worden sei. In diesem ‘Einzellied’ müsse Aineias durch einen Steinwurf noch als Sieger aus dem Duell mit Achilleus hervorgegangen und dieser dann von Poseidon gerettet worden sein. In der Ilias habe Achilleus natürlich nicht mehr kurz vor seinem Entscheidungskampf mit Hektor einfach so vom Feld verschwinden können. Deshalb habe nun also Aineias in die Rolle des Entrückten wechseln müssen, wobei die entrückende Gottheit aber dieselbe geblieben sei – möglicherweise deshalb, weil Aphrodite nach dem Desaster im fünften Buch für einen zweiten Rettungsversuch nicht mehr zur Verfügung stand.5

War Achilleus also ursprünglich der Verlierer in diesem Zweikampf? Darauf scheint zunächst auch der Nebelschleier hinzudeuten, den Poseidon dem Achilleus über die Augen legt (20. 321). Für gewöhnlich ist es nämlich der unterlegene Held, der von einem Nebel eingehüllt wird. So deckt Aphrodite den Paris mit einem dichten Nebel zu, um ihn zu schützen (3.381: ἐκάλυψε δ᾽ ἄρ᾽ ἠέρι πολλῇ). Die gleiche Formel oder Abwandlungen davon finden sich auch bei der Entrückung Hektors durch Apollon (20.443f.) und der Rettung anderer Helden.6 ← 36 | 37 → Den Aineias umhüllt Aphrodite dagegen mit ihrem Peplos wie mit einem Nebelschleier (5.315): πρόσθε δέ οἱ πέπλοιο φαεινοῦ πτύγμ᾽ ἐκάλυψεν). Was hat es also zu bedeuten, wenn Poseidon nicht, wie üblich, den unterlegenen Helden mit einem dichten Nebel umhüllt, sondern dem Achilleus stattdessen einen Nebelschleier über die Augen legt (20.321: κατ᾽ ὀφθαλμῶν χέεν ἀχλύν) und anschließend wieder nimmt (20.341: ἀπ᾽ ὀφθαλμῶν σκέδασ᾽ ἀχλὺν / θεσπεσίην)? Ganz folgerichtig ist es das (vermeintliche) Opfer des Steinwurfs, das mit einem Schleier bedeckt wird. Nur handelt es sich in diesem Falle um eine andere Art von Schleier. Die Vorstellung, dass sich ein solcher Schleier (ἀχλύς) über die Augen eines Kriegers legt, ist in der Regel mit dem Tod des Kriegers assoziiert. Der Dichter verwendet dafür einen formelhaften Ausdruck wie κατὰ δ᾿ ὀφθαλμῶν κέχυτ᾽ ἀχλύς.7 Wenn es also heißt, dass Poseidon einen Schleier über die Augen des Achilleus breitet (κατ᾽ ὀφθαλμῶν χέεν ἀχλύν), dann klingt darin sicherlich das Motiv vom Tod des Helden an.

Soll man daraus nun folgern, dass Achilleus diesen Zweikampf in einer früheren Version nicht überlebte? Niemand wird das ernsthaft glauben wollen. Der analytische Ansatz führt uns hier also nicht weiter. Er hat außerdem den Nachteil, dass er den Zweikampf des Achilleus mit Aineias isoliert betrachtet. Das auffällige Motiv des Nebelschleiers (ἀχλύς) sowie zahlreiche wörtliche Anklänge verbinden diesen Zweikampf aber mit seinem Gegenstück in der Aristie des Diomedes. Es lohnt sich also ein genauer Vergleich (Wiederholungen sind im Folgenden hervorgehoben).8 Hier ist zunächst der Zweikampf in der Aristie des Diomedes (5.297–312):

Αἰνείας δ’ ἀπόρουσε σὺν ἀσπίδι δουρί τε μακρῷ,
δείσας μή πώς οἱ ἐρυσαίατο νεκρὸν Ἀχαιοί.
ἀμφὶ δ᾽ ἂρ᾽ ὣς αὐτῷ βαῖνε λέων ἀλκὶ πεποιθώς‧
πρόσθε δέ οἱ δόρυ τ᾽ ἔσχε καὶ ἀσπίδα πάντοσ᾽ ἐΐσην,
τὸν κτάμεναι μεμαὼς ὅς τις τοῦ γ᾽ ἀντίος ἔλθοι,
σμερδαλέα ἰάχων. ὃ δὲ χερμάδιον λάβε χειρὶ
Τυδείδης, μέγα ἔργον, ὃ οὐ δύο γ᾽ ἄνδρε φέροιεν, ← 37 | 38 →
οἷοι νῦν βροτοί εἰσ᾽ ‧ ὃ δέ μιν ῥέα πάλλε καὶ οἶος.
τῷ βάλεν Αἰνείαο κατ᾽ ἰσχίον, ἔνθα τε μηρὸς
ἰσχίῳ ἐνστρέφεται, κοτύλην δέ τέ μιν καλέουσιν‧
θλάσσε δέ οἱ κοτύλην, πρὸς δ᾽ ἄμφω ῥῆξε τένοντε,
ὦσε δ᾽ ἀπὸ ῥινὸν τρηχὺς λίθος. αὐτὰρ ὃ γ᾽ ἥρως
ἔστη γνὺξ ἐριπὼν καὶ ἐρείσατο χειρὶ παχείῃ
γαίης‧ ἀμφὶ δὲ ὄσσε κελαινὴ νὺξ ἐκάλυψε.
καί νύ κεν ἔνθ᾽ ἀπόλοιτο ἄναξ ἀνδρῶν Αἰνείας,
εἰ μὴ ἂρ᾽ ὀξὺ νόησε Διὸς θυγάτηρ Ἀφροδίτη

Aineias aber stürmte los mit seinem Schild und gewaltigen Speer,
weil er fürchtete, dass ihm die Achaier den Leichnam [des Pandaros] entreißen könnten.
Um ihn herum schlich er also wie ein Löwe, der auf seine Kraft vertraut;
nach vorne streckte er den Speer und den rundum gewölbten Schild,
jeden zu töten bereit, der sich ihm [dem Leichnam] nähern sollte,
und er brüllte dabei fürchterlich. Da packte jener einen Felsbrocken mit der Hand,
der Sohn des Tydeus, ein gewaltiges Ding, wie ihn zwei Männer nicht heben könnten,
wie heute die Sterblichen sind; er aber schwang ihn mit Leichtigkeit auch alleine.
Damit traf er Aineias am Hüftgelenk, dort, wo der Schenkel
sich in der Hüfte dreht; man nennt diesen Teil auch die Pfanne.
Er zerschmetterte die Pfanne und zerriss außerdem beide Sehnen,
der rauhe Stein riss die Haut ab. Aber der Held
stürzte und sank auf die Knie und stützte sich mit seiner starken Hand
auf die Erde; und finstere Nacht verdunkelte ihm ringsumher beide Augen.
Und jetzt wäre dort wohl der Völkerfürst Aineias ums Leben gekommen,
wenn es nicht sofort die Tochter des Zeus Aphrodite bemerkt hätte,

Hier ist zum Vergleich der Zweikampf in der Aristie des Achilleus (20.278–291):

Αἰνείας δ᾽ ἐάλη καὶ ἀπὸ ἕθεν ἀσπίδ᾽ ἀνέσχε
δείσας‧ ἐγχείη δ᾽ ἂρ᾽ ὑπὲρ νώτου ἐνὶ γαίῃ
ἔστη ἱεμένη, διὰ δ᾽ ἀμφοτέρους ἕλε κύκλους
ἀσπίδος ἀμφιβρότης. ὃ δ᾽ ἀλευάμενος δόρυ μακρὸν
ἔστη, κὰδ δ᾽ ἄχος οἱ χύτο μυρίον ὀφθαλμοῖσι,
ταρβήσας ὅ οἱ ἄγχι πάγη βέλος. αὐτὰρ Ἀχιλλεὺς
ἐμμεμαὼς ἐπόρουσεν ἐρυσσάμενος ξίφος ὀξύ,
σμερδαλέα ἰάχων. ὃ δὲ χερμάδιον λάβε χειρί
Αἰνείας, μέγα ἔργον, ὃ οὐ δύο γ᾽ ἄνδρε φέροιεν,
οἷοι νῦν βροτοί εἰσ᾽ ‧ ὃ δέ μιν ῥέα πάλλε καὶ οἶος.
ἔνθ α κεν Αἰνείας μὲν ἐπεσσύμενον βάλε πέτρῳ
ἢ κόρυθ᾽ ἠὲ σάκος, τό οἱ ἤρκεσε λυγρὸν ὄλεθρον,
τὸν δέ κε Πηλείδης σχεδὸν ἄορι θυμὸν ἀπηύρα,
εἰ μὴ ἂρ᾽ ὀξὺ νόησε Ποσειδάων ἐνοσίχθων.

Aineias aber duckte sich und hielt den Schild von sich weg in die Höhe
weil er sich fürchtete; der Speer aber sauste ihm über die Schulter und in der Erde ← 38 | 39 →
steckte er fest, [zuvor] aber durchstieß er beide Schichten
des ringsum schützenden Schildes. Jener aber wich dem gewaltigen Speer aus
und stand da, und ein unendlicher Schmerz legte sich ihm über die Augen,
starr vor Schreck, da das Geschoss so dicht neben ihm steckte. Aber Achilleus
machte sich bereit und stürmte los, nachdem er das scharfe Schwert gezogen hatte,
und er brüllte dabei fürchterlich. Da packte jener einen Felsbrocken mit der Hand,
Aineias, ein gewaltiges Ding, wie ihn zwei Männer nicht heben könnten,
wie heute die Sterblichen sind; er aber schwang ihn mit Leichtigkeit auch alleine.
Jetzt hätte wohl Aineias den Heranstürmenden getroffen mit dem Stein,
und zwar entweder am Helm oder am Schild, welcher ihn schützte vor dem elenden Tod.
Jenen aber hätte wohl fast der Peleide mit dem Schwert erschlagen,
wenn es nicht sofort der Erderschütterer Poseidon bemerkt hätte.

Es fällt auf, dass beide Szenen um einen Kern von drei identischen Versen herum aufgebaut sind. Nur eine Freistelle bleibt, in die jeweils der Name oder das Patronymikon des werfenden Helden eingefügt wird. Die Gemeinsamkeiten gehen aber noch weiter. Sowohl vor als auch unmittelbar nach den besagten drei Versen tauchen einzelne Ausdrücke auf, die sich in ähnlicher Form auch an der jeweils anderen Stelle wiederfinden. Michael Nagler hat dieses Phänomen im Rahmen seines ‘generativen Modells’ der homerischen Formel systematisch untersucht. Darin deutet er die Repetition und Variation formelhafter Ausdrucksmuster, wie sie für die mündliche epische Dichtung charakteristisch sind, als Reflexe einer bestimmten Tiefenstruktur (‘deep structure’) im Bewusstsein des Dichters, die sich erst im Akt des dichterischen Vortrags in einer konkreten sprachlichen Form (‘surface structure’) manifestiere. Bei dieser Tiefenstruktur handele es sich um ein mentales Muster (‘mental template’), das sich je nach Kontext in einer Vielzahl verschiedener Ausdrucksformen realisieren könne. Jede konkrete Manifestation einer solchen Tiefenstruktur erweise sich aber als Mitglied einer Familie von verwandten Ausdrucksformen. Es handele sich nämlich um ein Allomorph einer bestimmten, allen diesen verwandten Ausdrucksformen zugrunde liegenden präverbalen ‘Gestalt’.9

Nagler illustriert dies am Beispiel einer typischen Szene „young woman (or grande dame) descends to the main hall accompanied by her maidservants“.10 Sie kommt in verschiedenen Variationen sowohl in der Ilias als auch in der Odyssee vor. So steigt etwa Penelope aus ihrem Gemach zu den Freiern hinab (Od. 1.331–334 = 18.207–210): ← 39 | 40 →

οὐκ οἴη‧ ἅμα τῇ γε καὶ ἀμφίπολοι δύ᾽ ἕποντο.
ἣ δ᾽ ὅτε δὴ μνηστῆρας ἀφίκετο δῖα γυναικῶν,
στῆ ῥα παρὰ σταθμὸν τέγεος πύκα ποιητοῖο,
ἄντα παρειάων σχομένη λιπαρὰ κρήδεμνα.
nicht alleine; zusammen mit ihr folgten nämlich zwei Dienerinnen.
Als sie aber zu den Freiern kam, die göttliche Frau,
stand sie also beim Pfeiler des fest gezimmerten Saales
und hielt sich einen glänzenden Schleier vor ihre Wangen.

Die Betonung liegt hier offenkundig darauf, dass Penelope sich nicht alleine (οὐκ οἴη) in die Gesellschaft von Männern begibt, sondern von zwei Dienerinnen (ἀμφίπολοι) begleitet wird. Zugleich hält sie sich (σχομένη) einen Schleier züchtig vor (ἄντα) ihre Wangen. Der Dichter stilisiert sie damit zu einem Sinnbild der Schamhaftigkeit.11 Im Gegensatz dazu wirkt Nausikaas Verhalten geradezu frivol, wenn sie vor dem nackten Fremdling (Odysseus) nicht wie ihre Dienerinnen Reißaus nimmt (Od. 6.139–141):12

οἴη δ᾽ Ἀλκινόου θυγάτηρ μένε‧ τῇ γὰρ Ἀθήνη
θάρσος ἐνὶ φρεσὶ θῆκε καὶ ἐκ δέος εἵλετο γυίων.
στῆ δ᾽ ἄντα σχομένη

Allein blieb Alkinoos’ Tochter zurück; ihr flößte nämlich Athene
Mut im Herzen ein und nahm die Furcht aus den Gliedern.
Sie stand also da und hielt sich vor (ihm) auf; …

Hier ist die typische Szene durch die zuvor geschilderte Flucht der Dienerinnen und die emphatische Voranstellung von οἴη ohne die negative Partikel οὐκ ins genaue Gegenteil verkehrt. Die unterliegende ‘Gestalt’ ist dennoch als Folie präsent und taucht Nausikaas Verhalten in ein anrüchiges Licht.13 Bestimmte Ausdrücke, die uns oben bereits in Verbindung mit Penelope begegnet waren (στῆ, ἄντα, σχομένη), finden sich hier wieder, nur sind sie nun in einen einzigen Halbvers gedrängt. Außerdem fehlt der Schleier, so dass das Partizip σχομένη nun ohne ein Objekt dasteht: Nausikaa hält sich (σχομένη) keinen Schleier vor (ἄντα) die Wangen, sondern hält sich (σχομένη) selbst vor (ἄντα) Odysseus auf.14 ← 40 | 41 → Offenbar ist die typische Szene als ‘mental template’ im Bewusstsein des Dichters mit bestimmten Ausdrücken und Wendungen assoziiert, die sich immer wieder einen Weg an die Oberfläche (‘surface structure’) bahnen, ohne dabei jedoch auf bestimmte Positionen im Vers festgelegt zu sein.

Auch in der Ilias scheint Naglers typische Szene vorausgesetzt, wenn Helena ihr Schlafgemach, wie es sich gehört, in Begleitung zweier Dienerinnen verlässt, um sich zur Mauerschau auf das Skäische Tor zu begeben (Il. 3.142f.): ὡρμᾶτ᾽ ἐκ θαλάμοιο […] / οὐκ οἴη. ἅμα τῇ γε καὶ ἀμφίπολοι δύ᾽ ἕποντο. Wenn Helena in Begleitung der Aphrodite wenig später das Schlafgemach des Paris betritt, heißt es dagegen (Il. 3.419–425):

βῆ δὲ κατασχομένη ἑανῷ ἀργῆτι φαεινῷ
σιγῇ, πάσας δὲ Τρῳὰς λάθεν‧ ἦρχε δὲ δαίμων.
αἳ δ᾽ ὅτ᾽ Ἀλεξάνδροιο δόμον περικαλλέ᾽ ἵκοντο,
ἀμφίπολοι μὲν ἔπειτα θοῶς ἐπὶ ἔργα τράποντο,
ἣ δ᾽ εἰς ὑψόροφον θάλαμον κίε δῖα γυναικῶν.
τῇ δ᾽ ἄρα δίφρον ἑλοῦσα φιλομμειδὴς Ἀφροδίτη
ἀντί᾽ Ἀλεξάνδροιο θεὰ κατέθηκε φέρουσα‧

Sie aber ging und verhüllte sich mit einem hellen, glänzenden Gewand,
leise und unbemerkt von allen Troianerinnen; es führte (sie) die Göttin.
Als sie aber des Alexandros herrliche Wohnung erreichten,
wandten sich die Dienerinnen rasch ihrer Arbeit zu,
sie aber ging in das hohe Brautgemach, die göttliche Frau.
Da also nahm die hold lächelnde Aphrodite einen Stuhl,
trug ihn und stellte ihn vor Alexandros hin; …

Wie im Falle der Nausikaa scheint auch hier Naglers typische Szene als positive Folie gedient zu haben, von der sich Helenas Verhalten im negativen Sinne absetzt. Nachdem sie zuvor noch ihre Kammer mit zwei Dienerinnen verlassen hat, sucht sie nun ohne ihre Dienerinnen (stattdessen in Begleitung der Aphrodite) das Schlafgemach des Paris auf. Wieder findet sich eine ganze Reihe von Ausdrücken, die uns bereits in der anfangs zitierten Passage aus der Odyssee in Verbindung mit Penelope begegnet sind. Nur scheint diesmal auch die Anordnung der einzelnen Elemente weitgehend bewahrt. Man vergleiche die Struktur der Verse 422–425

ἀμφίπολοι […]
ἣ δ᾽ [— — ∪∪∪∪∪∪] δῖα γυναικῶν.
τῇ δ᾽ ἄρα […]
ἀντί᾽ […]

mit Od. 1.331–334 = 18.207–210: ← 41 | 42 →

[— ∪∪―∪∪∪∪] ἀμφίπολοι [∪∪]
ἣ δ᾽ [∪∪ — — — ∪∪ — ∪∪] δα γυναικῶν.
στῆ ῥα […]
ἄντα [∪ — — —] σχομένη [∪∪ — — — ∪]

Die ἀμφίπολοι nehmen jeweils eine unterschiedliche Position im Vers ein. Das Partizip (κατα-)σχομένη taucht bei Helena schon einige Verse vorher auf, ist aber wie bei Penelope mit einem Kleidungsstück assoziiert. Nur handelt es sich diesmal nicht um einen Schleier (κρήδεμνον), sondern um ein Gewand (ἑανός). Anstatt zu verhüllen, scheint es die weiblichen Reize der Helena vielmehr noch hervorzuheben.15 Deshalb hält sich Helena auch keinen Schleier mehr vor die Wangen (ἄντα παρειάων). Stattdessen stellt Aphrodite einen Stuhl vor Paris (ἀντί᾽ Ἀλεξάνδροιο) hin.16 Ebenso klingt mit der Wendung τῇ δ᾽ ἄρα das στῆ (ῥα) der beiden Szenen aus der Odyssee an. Der Ilias-Dichter hatte hier offenkundig mehr als nur eine vage, präverbale ‘Gestalt’, sondern eine spezifische Ausformung dieser ‘Gestalt’ im Sinn,17 die weitgehend jener Szene aus der Odyssee entsprochen haben muss, in der Penelope zu den Freiern tritt. Das überrascht nicht, denn jene Szene ist zweifellos die vollkommenste Repräsentation der typischen Szene ‘young woman descends etc.’, insofern als sie nahezu alle Elemente enthält, die Nagler als (potentielle) Bestandteile der zugrunde liegenden ‘Gestalt’ identifiziert hat.18

Was lehrt uns das nun über die Zweikampfszenen mit Aineias im 5. und 20. Buch der Ilias? Auch in diesem Falle haben wir es anscheinend mit zwei Allomorphen einer typischen Szene ‘Zweikampf mit Steinwurf und Entrückung des unterlegenen Helden durch eine Gottheit’ zu tun.19 Ihr unterliegt die folgende gemeinsame ‘Gestalt’: Der jeweilige Gegner ist „zum Kampf bereit“ (μεμαώς / ἐμμεμαώς) und „stürmt los“ (ἀπόρουσε / ἐπόρουσεν), wobei er „ein fürchterliches Geschrei anstimmt“ (σμερδαλέα ἰάχων).20 Aber auch das Motiv der Furcht ← 42 | 43 → (δείσας) scheint eine noch näher zu bestimmende Rolle zu spielen. Dann übernimmt jedenfalls der (erwartungsgemäß) zum Sieger bestimmte Held (ὃ δὲ) die Initiative, indem er mit Leichtigkeit einen gewaltigen Felsbrocken stemmt, „wie ihn heute zwei sterbliche Männer nicht heben könnten“. Er wirft und „trifft“ (βάλε) den Gegner an einer genau beschriebenen Stelle (ἔνθα: „dort, wo …“) und setzt ihn dadurch außer Gefecht. Jetzt wäre der betäubte Gegner zum wehrlosen Opfer des siegreichen Helden geworden, wenn nicht eine Gottheit die Lage blitzschnell erkannt hätte (εἰ μὴ ἄρ᾽ ὀξὺ νόησε etc.) und ihm zur Hilfe geeilt wäre.

Man beachte nun, wie viel überzeugender dies in der Aristie des Diomedes umgesetzt ist. Dort fürchtet Aineias um den Leichnam seines gefallenen Gefährten, im zweiten Falle fürchtet er sich einfach nur. Derselbe Ausdruck (δείσας), doch was für ein Unterschied! Im ersten Falle ist das μεμαώς näher qualifiziert (τὸν κτάμεναι μεμαὼς ὅς τις τοῦ γ᾽ ἀντίος ἔλθοι): Aineias ist „bereit, jeden zu töten, der dem Leichnam zu nahe kommt“; im zweiten Falle ist Achilleus einfach nur „bereit“ (ἐμμεμαώς). Im ersten Falle fügt sich das fürchterliche Geschrei des Aineias (σμερδαλέα ἰάχων) vortrefflich in das Bild vom Löwen, der um den Leichnam des Pandaros herumstreift; im zweiten Falle schreit Achilleus einfach nur. Im ersten Falle wird höchst anschaulich und mit Freude am anatomischen Detail genau beschrieben, wo Aineias getroffen wird (ἔνθά τε μηρὸς ἰσχίῳ ἐνστρέφεται); im zweiten Falle ist das ἔνθα zu einem farblosen „jetzt“ verblasst. Im ersten Falle wird ohne Umschweife beschrieben, dass und wo Diomedes den Aineias trifft (βάλε); im zweiten Falle ist daraus eine umständliche, doppelt irreale Konstruktion geworden: Aineias hätte den Achilleus getroffen, und zwar entweder am Helm oder am Schild, woraufhin Achilleus ihn mit dem Schwert erschlagen hätte. Poseidon kommt dem allerdings zuvor.

Im Zweikampf des Diomedes mit Aineias ist die zugrunde liegende ‘Gestalt’ offenbar in mehr oder weniger idealtypischer Weise realisiert. Erst mit dem Angriff des Diomedes auf die entrückende Gottheit weicht der Dichter von dem zu erwartenden Schema ab. Dagegen ist der Zweikampf zwischen Achilleus und Aineias von Anfang bis Ende hochgradig irregulär. Wenn wir mit Nagler aber davon ausgehen, dass hinter allen Variationen einer typischen Szene die zugrunde liegende ‘Gestalt’ stets als Folie präsent ist, dann muss auch der Zweikampf des Achilleus mit Aineias im Lichte dieser ‘Gestalt’ verstanden werden. Das bedeutet wiederum, dass Achilleus hier in die Rolle des idealtypischen Verlierers gerückt wird. Natürlich kann der Dichter nicht zulassen, dass sein wichtigster Held kurz vor Schluss noch in einem Zweikampf gegen Aineias unterliegt. Er treibt aber offensichtlich sein Spiel mit dieser Möglichkeit. Dem gleichen Zweck dienen auch das überraschende Eingreifen Poseidons (der erwartungsgemäß eigentlich dem Achilleus zur Hilfe eilen sollte)21 ← 43 | 44 → und das Motiv des Schleiers, der sich über die Augen des Achilleus wie über die Augen eines Sterbenden legt.

Während Diomedes fast auf eine Ebene mit den Göttern gehoben wird, mit denen er wie einer der Ihren streitet, bleibt Achilleus in seiner Begegnung mit Aineias dezidiert auf menschliches Maß beschränkt. Seinem Sieg über Aineias wohnt schon die Erwartung einer Niederlage inne, im Motiv des Nebelschleiers deutet sich wohl bereits der nahe bevorstehende Tod des Helden an. Poseidon rettet Aineias, denn „es ist diesem bestimmt, [dem Tod] zu entrinnen“ (20.302: μόριμον δέ οἵ ἐστ᾽ ἀλέασθαι). Niemand wird später Achilleus retten, weil es diesem bestimmt ist zu sterben. Wenn der Nebelschleier, der sich über die Augen eines Kriegers legt, ursprünglich den Tod bezeichnet, dann liegt der Schluss nahe, dass die Lüftung dieses Schleiers umgekehrt die Gabe der Unsterblichkeit bedeutet – zumal sie im Falle des Diomedes ausdrücklich mit der Befähigung einhergeht, die Götter von den Menschen zu unterscheiden.22 Der Ilias-Dichter spielt hier offenbar auf die sonst erst später bezeugte Sage an, wonach Athene dem Diomedes anstelle seines Vaters die Unsterblichkeit verliehen habe.23 Dann wäre dies aber zugleich eine direkte Antwort auf das unmittelbar vorausgegangene Gebet des Diomedes. Darin beklagt er sich nämlich über Pandaros, der ihn gerade mit einem Pfeilschuss verletzt hat (5.119f.): „[…] und er sagt, dass ich nicht mehr lange das helle Licht der Sonne erblicken werde.“ Stattdessen lüftet Athene ihrem Schützling nun den Schleier von den Augen. ← 44 | 45 →

1.1.5 Diomedes und Achilleus im Kampf mit Göttern: ein Vergleich

Diomedes ist nicht der einzige Held, der in der Ilias mit Göttern kämpft. Auch Achilleus lässt sich auf einen Kampf mit dem Flussgott Skamandros ein. Im 21. Buch erregt er dessen Zorn, indem er durch sein wildes Gemetzel die Fluten des Stromes mit Leichen verstopft (21.218ff.). Da Achilleus trotz der Warnung des Gottes weiter mordet, wirft dieser ihm schließlich seine elementaren Gewalten entgegen und der Held gerät in arge Bedrängnis (21.240–271). Das Wasser des Flusses türmt sich um Achilleus her auf, so dass sich dieser „kaum noch auf den Füßen halten“ kann (οὐδὲ πόδεσσιν / εἶχε στηρίξασθαι). Zwar gelingt es dem Helden zunächst, sich aus dem Wasser zu retten und „mit hurtigen Füßen“ (ποσὶ κραιπνοῖσι) über die Ebene davonzueilen. Der Fluss aber verfolgt ihn und holt ihn „trotz seiner Schnelligkeit“ (λαιψηρὸν ἐόντα) immer wieder ein; denn „Götter sind stärker als Menschen“ (θεοὶ δέ τε φέρτεροι ἀνδρῶν). Wenn sich der „schnellfüßige“ Achilleus (ποδάρκης δῖος Ἀχιλλεύς) dem Fluss entgegengestellt, hüllt dessen Wasser ihn bis über die Schultern ein. Wenn er dagegen „mit seinen Füßen in die Höhe springt“ (ὑψόσε ποσσὶν ἐπήδα), macht ihm „der Fluss die Knie weich“ (ποταμὸς δ᾽ ὑπὸ γούνατ᾽ ἐδάμνα) und spült ihm „den Sand unter den Füßen weg“ (κονίην δ᾽ ὑπέρεπτε ποδοῖιν). Achilleus weiß sich in seiner Not schließlich nicht anders zu helfen, als ein verzweifeltes Stoßgebet an „Vater Zeus“ zu richten (273–283: Ζεῦ πάτερ). Poseidon und Athene stärken daraufhin Achilleus (284–304), der nun mit erneuerter Kraft in den Knien über die Fluten hinwegspringt (τοῦ δ᾽ ὑψόσε γούνατ᾽ ἐπήδα). Als Skamandros nun aber noch wütender tobt als vorher und sogar den Simoeis zur Unterstützung ruft, greift schließlich Hera ein und schickt Hephaistos, der mit seinem Feuer den Fluss zurücktreibt (305–382).

Es fällt sofort auf, wie der Dichter hier sein Spiel mit den sprichwörtlichen schnellen Füßen des Achilleus treibt. Trotz seiner schnellen Füße schafft dieser es nicht, dem Skamandros zu entkommen. Achilleus ist am Ende seiner Kräfte, nur die Intervention des Hephaistos bewahrt ihn vor dem sicheren Tod. Dass Hephaistos in dieser Szene von Hera ausgerechnet ‘Krummfuß’ (331: κυλλοπόδιον) genannt wird, ist sicherlich eine ironische Spitze des Dichters: Der ‘schnellfüßige’ Held muss sich vom ‘krummfüßigen’ Gott retten lassen.1 ← 45 | 46 →

Man vergleiche damit nun aber jene Szene vom Ende des fünften Buches, wo Diomedes mit Athenes Hilfe Ares verwundet und vom Schlachtfeld verscheucht. Die Rollen des übermächtigen Gottes und seines hilflosen Opfers sind hier geradewegs vertauscht: Jetzt ist es der gedemütigte Gott, der sich mit seiner Beschwerde an „Vater Zeus“ (5.872: Ζεῦ πάτερ) wendet und aufgebracht schildert, wie er sich nur dank seiner „schnellen Füße“ (885: ταχέες πόδες) habe retten können, während Diomedes „wie ein Gott“ (884: δαίμονι ἶσος) auf ihn eingestürmt sei.2 Hier sind zentrale Motive aus dem Kampf des Achilleus mit Skamandros (Kampf eines Gottes gegen einen sterblichen Helden, Flucht des unterlegenen Helden mit „schnellen Füßen“, Hilferuf an „Vater Zeus“) in ihr genaues Gegenteil verkehrt und bis ins Extreme übersteigert. Während Achilleus seine Begegnung mit dem Gott – und obendrein einem niederen Gott – nur knapp überlebt, schlägt Diomedes zwei von drei olympischen Göttern, die sich ihm entgegenstellen, in die Flucht. Dass Athene ihm dabei zur Seite steht, mindert nicht den überaus souveränen Eindruck, den Diomedes in diesen Szenen hinterlässt. Wie jämmerlich wirkt dagegen ein Achilleus, der fürchtet, „wie ein junger Sauhirt“ im reißenden Wasser des Skamandros zu versinken (21. 282f.).

Die systematische Umkehrung von Motiven aus dem Flusskampf wird im fünften Buch überdies in zwei Gleichnissen verdeutlicht, die beide das Bild eines reißenden Stromes verwenden. Einmal stürmt Diomedes „über die Ebene, gleich einem Fluss, der im Winter über die Ufer tritt“ (θῦνε γὰρ ἂμ πεδίον ποταμῷ πλήθοντι ἐοικώς / χειμάρρῳ) und die Dämme mit sich reißt (5.87f.). Einige Verse weiter heißt es von diesem Fluss (5.92): „Viele schöne Werke junger Männer stürzen unter ihm ein“ (πολλὰ δ᾽ ὑπ᾽ αὐτοῦ ἔργα κατήριπε κάλαἰζηῶν). Das Gleichnis zeigt in seiner Wortwahl auffällige Anklänge an eine Szene aus dem Flusskampf, wo es von Achilleus heißt (21.299ff.): „Er aber ging […] hinab in die Ebene; die aber war völlig überschwemmt vom Wasser, das über die Ufer getreten war, und viele schöne Rüstungen junger Männer, die im Kampf gefallen waren, trieben darin und Leichen“ (αὐτὰρ ὁ βῆ […] / ἐς πεδίον‧ τὸ δὲ πᾶν πλῆθ᾽ ὕδατος ἐκχυμένοιο, / πολλὰ δὲ τεύχεα καλὰ δαϊκταμένων αἰζηῶν / πλῶον καὶ νέκυες). Auch die Leichen (νέκυες), die im 21. Buch den Fluss verstopfen, haben ← 46 | 47 → im fünften Buch ihre Entsprechung, wenn Ares klagt (5.885f.): „Wahrlich, ich hätte dort sonst noch länger zwischen den schrecklichen Leichenbergen (ἐν αἰνῇσιν νεκάδεσσιν) Qualen erdulden müssen“.3 Ein anderes Mal erblickt Diomedes Hektor und sieht, dass Ares und Enyo diesem zur Seite stehen. Diomedes weicht deshalb zurück „wie ein Mann, der die weite Ebene durchquert hat, und hilflos vor dem reißenden Fluss steht, der ins Meer hinabfließt. Mit Schaum sieht er ihn vorbeirauschen und läuft zurück“ (5.597ff.).4

Einmal wird also Diomedes selbst, ein anderes Mal sein göttlicher Gegner mit einem reißenden Strom verglichen. Im Wechsel der Perspektive kommt das ambivalente Verhältnis des Diomedes zu den Göttern zum Ausdruck: Mal nimmt er selbst die Rolle eines Gottes ein, mal kennt er seine Grenzen. Wieder und wieder besteht er dann darauf, dass ein Sterblicher nicht gegen Götter kämpfen darf (5.606, 817–824; 6.129–141). Wenn er es doch tut, dann nur auf ausdrücklichen Befehl der Athene. Hartmut Erbse hat ihn deshalb treffend einen „gottesfürchtigen Streiter wider die Götter“ genannt.5 Die Situation ist insofern paradox, als Diomedes, gerade indem er gegen Götter kämpft, nicht selbst zum Frevler wird, sondern als Rachewerkzeug einer Gottheit handelt. In seinem Kampf mit Ares schlüpft er selbst in die Rolle der erzürnten Gottheit, die den mordlüsternen Frevler (in dieser Rolle ersetzt Ares den Achilleus) in seine Schranken weist.6 ← 47 | 48 →

All dies ist offenkundig auf das Ziel hin komponiert, der Hybris des Achilleus einen Spiegel vorzuhalten. Als „Abbild bzw. Gegenbild zu Achilleus“ wird Diomedes zum „Paradeigma des Heldischen“ (Ø. Andersen) schlechthin.7 Damit stellt sich nun aber die Frage, ob dieser Diomedes im Wesentlichen schon von der Tradition her vorgegeben war oder ganz und gar eine Erfindung des Ilias-Dichters ist.

1.2 Tradition oder Innovation?

1.2.1 Methodische Vorbemerkungen

„Wie das Geschehen des 5. Buches, so ist auch der Held, der in ihm verherrlicht wird, nicht einer dunklen epischen Tradition entnommen, sondern vom Genie Homers erschaffen worden“ (H. Erbse).1 In diesen Worten kommt eine ← 48 | 49 → weitverbreitete Überzeugung zum Ausdruck, wonach die besondere Qualität der Ilias gerade darin bestehe, dass sie sich bereits weitgehend von den Zwängen einer ‘dunklen’ Tradition emanzipiert habe. Das Neue, das man in der Ilias auszumachen meint, wird dabei dem schöpferischen Genie einer individuellen Dichterpersönlichkeit, einem einzigen ‘monumental composer’ zugeschrieben. Dieser Dichter habe den Stoff, der ihm durch die Tradition vorgegeben war, in souveräner Manier seinen eigenen Zwecken angepasst.2 Was wie ein traditionelles Motiv aus einem altbekannten Mythos wirke, sei in Wahrheit oft freie Erfindung dieses einen Dichters.3 ← 49 | 50 →

Dagegen hat vor allem Gregory Nagy eingewandt, dass die Vorstellung eines poetischen Ausnahmetalents, das sich schöpferisch über die Tradition erhebt, ein romantisch-verklärtes Trugbild sei und die spezifischen Voraussetzungen archaischer epischer Dichtung als ‘oral poetry’ verkenne, die ihrem Wesen nach eine durch und durch traditionelle Kunstform sei: „[I]n seeking to discover the genius of invention in the surviving examples of early Greek epic, we run the risk of underrating the continuum of oral tradition from which these examples had emerged“.4 An die Stelle des einen genialen Dichters stellt Nagy daher sein ‘evolutionary model’: Darin deutet er die homerischen Epen als das Produkt einer langen, mündlichen ‘performance tradition’, die sich erst nach und nach zu einem festen Text verdichtet habe. Diesen Prozess der zunehmenden Verfestigung einer lange noch lebendigen und multiformen Tradition führt Nagy auf die zunehmende Verbreitung der homerischen Epen in ganz Griechenland (‘panhellenic diffusion’) zurück, die lokale Varianten zunehmend ausgeschlossen habe.5 Ein solches Modell lasse nach Nagy durchaus Raum für vorsichtige Innovationen, denn: „[O]ral tradition comes to life in performance, and the here-and-now of each new performance is an opportunity for innovation“.6 Dennoch tritt der individuelle Sänger in diesem Modell sehr stark hinter die Tradition zurück.7

Eine vermittelnde Position versucht Ruth Scodel einzunehmen, indem sie einerseits die Möglichkeit von Innovation in den homerischen Epen sehr ernsthaft in Betracht zieht, andererseits aber feststellt, dass der Dichter (oder allenfalls „a small group of poets“; Scodel nimmt gegen Nagy ausdrücklich einen – wie sie es nennt – ‘unitarischen’ Standpunkt ein)8 stets bemüht sei, solchen mutmaßlichen ← 50 | 51 → Neuerungen den Anschein der Traditionalität zu geben: „While poets adapted their stories to present circumstances, they never mark innovation as such. Invention in traditionalizing poetry must be invisible“.9 Wenn der Dichter also durchweg den Anschein wahre, dass seine Dichtung gänzlich mit der Tradition im Einklang stehe, und sich zu diesem Zweck stets auf die höhere Autorität der Musen als Garanten dieser Tradition berufe, verwahre er sich damit gegen mögliche Kritik. Zugleich verhelfe er seiner Dichtung aber auch zu größerer Wirkung, wenn er sein Publikum glauben mache, dass er als Dichter nur das Sprachrohr einer lange etablierten Tradition sei.10

In den folgenden Kapiteln hoffe ich zu zeigen, dass die Diomedesgestalt der Ilias keineswegs schon von einer älteren Tradition her vorgegeben war. Vielmehr scheint ein einzelner Dichter hier, wie schon Erbse vermutete, etwas völlig Neues geschaffen zu haben. Er wusste dies allerdings so geschickt zu verschleiern, dass es den Anschein haben konnte, als sei der große Auftritt des Diomedes in der Ilias eine Selbstverständlichkeit. Einen ersten Hinweis darauf, dass Diomedes in der älteren Dichtung keine besonders prominente Rolle spielte, liefern aber schon die Epitheta des Helden.

1.2.2 Die Epitheta des Diomedes

Milman Parry demonstrierte seine bahnbrechenden Erkenntnisse zur homerischen Versifikationstechnik seinerzeit exemplarisch an den ‘noun-epithet formulas’. Dabei unterschied er zwischen ‘generic epithets’ wie δῖος oder φαίδιμος, die einem beliebigen Helden beigefügt werden können, solange dessen Name bestimmte metrische Bedingungen erfüllt (also δῖος Ἀχιλλεύς, δῖος Ὀδυσσεύς, aber φαίδιμος Αἴας, φαίδιμος Ἕκτωρ), und ‘distinctive epithets’, die ausschließlich in Verbindung mit einem bestimmten Helden begegnen: Nur Achilleus wird als ‘schnellfüßig’ (πόδας ὠκὺς Ἀχιλλεύς), nur Odysseus als ‘erfindungsreich’ (πολύμητις Ὀδυσσεύς) bezeichnet. Parry erkannte, dass diese Epitheta nicht erst von ‘Homer’ erfunden worden, sondern typisches Merkmal einer traditionellen Dichtersprache sind.1

Im Falle der ‘distinctive epithets’ gilt dies offenkundig auch von den Helden, mit denen sie jeweils assoziiert sind: „A character with his own distinctive ← 51 | 52 → formulaic epithets must have come from the past, and been sung of in poetry before the Iliad“ (M. Willcock).2 In der Tat wird niemand daran zweifeln, dass Achilleus und Odysseus schon lange, bevor die Ilias entstand, Gegenstand epischer Dichtung waren. Willcock geht aber noch einen Schritt weiter, wenn er auch den Umkehrschluss für möglich hält: „[A] major character with no distinctive epithets was a recent addition to the saga“.3 Ein Beispiel dafür ist Aineias, der im Unterschied zu fast allen anderen großen Helden über kein einziges ‘distinctive epithet’ im Nominativ verfügt.4 So wird er zwar einmal als ‘Herrscher der Männer’ (ἄναξ ἀνδρῶν) bezeichnet. Das Epitheton ist in der Ilias aber auch je einmal mit Anchises, Augeias, Eumelos und Euphetes und 45-mal mit Agamemnon assoziiert. Es handelt sich offenkundig um ein ‘distinctive epithet’ für Agamemnon, das hin und wieder auch auf einen anderen Helden, dessen Name zufällig ein äquivalentes metrisches Format hat (∪∪— —), übertragen wird.5 Bryan Hainsworth spricht von dem ‘ἄναξ ἀνδρῶν phenomenon’: „Special epithets […] are raided to furnish vocabulary for generic use“.6 Weshalb aber muss sich ein Held von der Statur eines Aineias sein Epitheton von Agamemnon leihen? Die Antwort lautet offenkundig: weil er noch kein eigenes geeignetes ‘distinctive epithet’ besaß. Der Schluss liegt nahe, dass Aineias in der Ilias ein Neuling ist, für den noch kein eigenes Epitheton gefunden worden war.7

Was ist also mit Diomedes? Er wird in der Ilias mit verschiedenen Epitheta ausgestattet,8 und zwar im Nominativ: 21 × βοὴν ἀγαθός,9 20 × κρατερός,10 1 × ὑπέρθυμος, 1 × δουρικλειτός; im Genitiv: 7 × ἱπποδάμοιο;11 im Dativ: ← 52 | 53 → 1 × δίῳ;12 im Akkusativ: 3 × δῖον, 1 × ὑπέρθυμον, 1 × ὑπερφίαλον. Auf keines dieser Epitheta kann Diomedes einen exklusiven Anspruch erheben.

Zwar wird niemand sonst auch nur annähernd so häufig als κρατερός (LfgrE: „überlegen, überwältigend, unwiderstehlich, unbändig“) bezeichnet wie Diomedes; das Epitheton ist aber keineswegs auf ihn beschränkt. Es findet sich vereinzelt auch bei anderen Helden (in der Ilias: Achilleus, Glaukos, Diores, Polypoites, Lykomedes), außerdem bei Göttern und Ungeheuern, die sich besonders durch rohe Gewalttätigkeit auszeichnen (einmal bei Ares in der Ilias, zweimal bei Polyphemos in der Odyssee) und vor allem bei solchen Gestalten, von denen ausdrücklich gesagt wird, dass sie in der Vergangenheit schon einmal einen Gott bezwungen hätten (Herakles, Ephialtes und Lykurgos).13 Herakles (κρατερὸς παῖς Ἀμφιτρύωνος) verletzte Hera einst durch einen Pfeilschuss (5.392–394), während das riesenhafte Brüderpaar Otos und Ephialtes (Ὦτος κρατερός τ᾽ Ἐφιάλτης) Ares mit einer „starken Fessel“ (κρατερῷ ἐνὶ δεσμῷ) bändigte (5.385–391).14 Beide Vorfälle werden von Dione berichtet, als sich Aphrodite über die Verwundung durch Diomedes beschwert. Den Überfall des Lykurgos (κρατερὸς Λυκόοργος) auf die Ammen des Dionysos (6.130–140) erwähnt Diomedes selbst gegenüber Glaukos als abschreckendes Beispiel für einen Sterblichen, der sich an Göttern vergreift. Den Dionysos habe damals „gewaltige Furcht“ (κρατερὸς τρόμος) vor dem Geschrei des Lykurgos übermannt.

Offenkundig besteht in der Ilias also ein enger thematischer Zusammenhang zwischen der Verwendung des Epithetons κρατερός und dem Kampf eines sterblichen Helden mit einem Gott. Es passt also besonders gut zur Rolle des Diomedes als Theomachos. Dennoch ist es kaum dazu geeignet, Diomedes als individuelle Größe von anderen Helden abzusetzen. Im Gegenteil: Das Epithethon κρατερός stellt ihn als Typus in eine Reihe mit anderen Theomachoi des Mythos. Es macht ihn dadurch austauschbar. ← 53 | 54 →

Am ehesten scheint noch bei βοὴν ἀγαθός (‘gut im lauten Ruf’) die Möglichkeit zu bestehen, dass es sich – zumindest im Ursprung – um ein ‘distinctive epithet’ für Diomedes handelt. Es wird gelegentlich zwar auch bei Aias (2 ×), Hektor (2 ×) und Polites (1 ×) verwendet, ist sonst aber vor allem mit Menelaos assoziiert (16 × in der Ilias, 9 × in der Odyssee). Überhaupt steht βοὴν ἀγαθός(-ον) immer nach der Zäsur κατὰ τρίτον τροχαῖον und lässt daher am Versende Platz für einen Namen vom Format ∪ ∪ — ∪ mit konsonantischem Anlaut. Offenkundig teilen sich gerade Diomedes und Menelaos dieses Epitheton, da ihre Namen zufällig diese Bedingung erfüllen. Haben wir es hier also mit einem analogen Fall zu Hainsworths ‘ἄναξ ἀνδρῶν phenomenon’ zu tun? Hat sich auch hier einer der beiden Helden das ‘distinctive epithet’ vom anderen geliehen?

In der Tat weist das Epitheton βοὴν ἀγαθός typische Charakteristika eines ‘distinctive epithet’ auf: Es ist im Gebrauch sehr starken Beschränkungen unterworfen und scheint auf eine spezifische Qualität eines bestimmten Helden anzuspielen. Wir dürfen also davon ausgehen, dass es ursprünglich einem einzigen Helden gehörte15 – aber wem? Den entscheidenden Hinweis liefert die Tatsache, dass Menelaos – im Unterschied zu Diomedes – mit dem Epitheton ἀρηίφιλος (‘geliebt von Ares’)16 noch über eine vokalisch anlautende Alternative zu βοὴν ἀγαθός verfügt. Dieses Epitheton scheint Menelaos aber von Meleagros (vgl. Il. 9.550: Μελέαγρος ἀρηίφιλος) entlehnt zu haben. Denn dieser kann als leiblicher Sohn des Ares doch sicherlich einen besseren Anspruch auf die Bezeichnung ἀρηίφιλος ← 54 | 55 → erheben als ausgerechnet Menelaos, der sich als Krieger kaum mit den anderen großen Helden messen kann.17

Der Grund für diese Übernahme lässt sich leicht erkennen. Die Belegstellen für ἀρηίφιλος Μενέλαος sind nämlich höchst ungleichmäßig über die Ilias verteilt: Von insgesamt 20 Belegen stammen alleine 13 aus dem dritten Buch. In fünf Fällen handelt es sich dabei um Variationen eines bestimmten Formelverses, der fest mit dem Duell zwischen Paris und Menelaos assoziiert ist (3.136 = 253: αὐτὰρ Ἀλέξανδρος καὶ ἀρηίφιλος Μενέλαος; Abwandlungen davon auch in 3.69, 3.90 und 3.452).18 Hier passte das reguläre Epitheton βοὴν ἀγαθός offenkundig nicht ins Metrum, sondern musste durch eine vokalisch anlautende Alternative ersetzt werden. Eine solche fand sich anscheinend bei Meleagros. Obwohl der Gebrauch des Epithetons ἀρηίφιλος in Verbindung mit Menelaos zunächst wohl nur auf den besagten Formelvers beschränkt war, scheint er jedoch auf die übrige Diktion des Dichters abgefärbt zu haben. Der Effekt ist deshalb vor allem im dritten Buch zu beobachten, wo dieser Formelvers insgesamt ← 55 | 56 → fünfmal begegnet.19 Dort ist ἀρηίφιλος dann sogar in Verse eingedrungen, in denen nach den Maßstäben einer strengen Formelökonomie eigentlich βοὴν ἀγαθὸς Μενέλαος zu erwarten wäre.20 Mit anderen Worten: βοὴν ἀγαθός ist das eigentliche, traditionelle Epitheton des Menelaos.21

Diomedes besitzt also kein einziges ‘distinctive epithet’. Er unterscheidet sich darin von allen anderen großen Helden der Ilias – mit Ausnahme von Aineias. In der Tat vermutet die Homerforschung schon lange, dass Aineias erst vom Ilias-Dichter in die Troiasage aufgenommen worden sei, um einem lokalen Fürstengeschlecht von Aineiaden, welches nach Strabo (13.1.52f.) in Skepsis ansässig war, zu huldigen.22 Aineias stellt sich mit einem Stammbaum vor, der mehr als ← 56 | 57 → dreißig Verse einnimmt (20.208–241), so als hätte man zuvor noch nie etwas von ihm gehört hätte.23 Ist auch Diomedes erst vom Ilias-Dichter in die Troiasage aufgenommen worden? Oder wird er als bekannt vorausgesetzt?

1.2.3 Die Präsentation der Helden in der Teichoskopie: Wo ist Diomedes?

Bevor die eigentlichen Kampfhandlungen beginnen, stellt Helena in der Mauerschau des dritten Buches dem Priamos und den Ältesten von Troia die wichtigsten Helden auf Seiten der Griechen vor, während diese vor den Mauern Troias Aufstellung nehmen (3.161–244). Drei Krieger erwecken das besondere Interesse des Priamos und Helena nennt ihm die Namen: Agamemnon, Odysseus und Aias. Auch Idomeneus stellt Helena noch vor, obwohl Priamos nicht nach ihm gefragt hat. Schließlich sagt Helena, dass sie noch manch anderes bekannte Gesicht unter den Griechen sehe, zwei Helden vermisse sie allerdings: ihre Halbbrüder Kastor und Polydeikes. Helena weiß noch nicht, dass sie schon tot sind.

Die Art und Weise, wie die wichtigsten Helden der Griechen hier vorgestellt werden, wirft einige Probleme auf. So ist Achilleus nicht darunter, aber der hält sich ja bereits vom Kampfgeschehen fern. Dennoch fragt man sich, warum Helena, die das nicht wissen kann, ihn nicht vermisst. Kennt sie ihn am Ende gar nicht? Auch ihren Gatten Menelaos stellt Helena nicht ausdrücklich vor. Das muss sie aber nicht, denn Menelaos war gemeinsam mit Odysseus schon vor Beginn des Krieges in Troia gewesen, um die Herausgabe der Helena zu fordern. Antenor, der damals Odysseus in seinem Haus beherbergt hatte, erinnert ausdrücklich daran (3.205–223). Priamos müsste Menelaos also eigentlich bereits von Angesicht kennen; die Nachfrage erübrigt sich damit. Um so mehr überrascht es dann aber, dass Priamos so tut, als kenne er Odysseus nicht. Und vor allem: Was ist mit Diomedes? Zählt er zu jenen Kriegern, die Helena zwar kennt, aber nicht beim Namen nennt? Es wäre dennoch merkwürdig, wenn gerade jener Held hier keine Erwähnung finden sollte, vor dem sich die Troianer schon bald mehr fürchten werden als vor Achilleus selbst (so die Worte des Helenos in 6.96–101). Hat ihn der Dichter schlicht vergessen? ← 57 | 58 →

Möglicherweise erklärt sich die eigenartige Auswahl der Helden, die Helena in dieser Szene vorstellt, dadurch, dass sie von der Tradition so vorgegeben war. Eine solche Tradition müsste dann Agamemnon, Aias, Odysseus, Idomeneus und die Dioskuren mit eingeschlossen haben, Achilleus, Menelaos und vielleicht auch Diomedes aber nicht. Was für eine Art von Tradition sollte das gewesen sein? Linda Clader vermutet, dass der Aufzählung eine Liste von Helenas Freiern zugrunde liegt, wie sie der pseudo-hesiodeische1 Frauenkatalog bewahrt hat (fr. 196–200, 204 Merkelbach-West).2 Die Auswahl der Helden in der Teichoskopie erinnere dann daran, dass der Troianische Krieg ein zweiter Wettstreit um den Besitz der Helena sei.3 So erkläre sich nämlich neben dem Fehlen des Achilleus (er war noch zu jung, um zu den Freiern der Helena zu gehören; vgl. fr. 204.87–89) auch, weshalb zwar Odysseus namentlich vorgestellt wird, Menelaos aber nicht. Denn für den letzteren hatte sein Bruder Agamemnon um Helena gefreit (vgl. fr. 197.4f.). Auch die überraschende Erwähnung der Dioskuren wird so verständlich: Bei der Brautwerbung um ihre Halbschwester hatten sie als Schiedsrichter fungiert (vgl. fr. 197.3f.).

Wieso erwähnt Helena also Diomedes nicht? Kennt sie ihn am Ende gar nicht, weil er nicht zu ihren Freiern gehörte? Die erhaltenen Fragmente des Frauenkatalogs führen Diomedes zwar nicht unter den Freiern der Helena auf, er könnte aber in den verlorenen Teilen des Freierkatalogs erwähnt worden sein.4 Spätere Quellen wie Ps.-Apollodor (3.10.8) und Hyginus (Fab. 81) ← 58 | 59 → rechnen Diomedes ausdrücklich zu den Freiern der Helena. Dem Zeugnis Ps.-Apollodors kommt dabei insofern eine besondere Bedeutung zu, als Kullmann die wohlbegründete Vermutung aufgestellt hat, dass die dort enthaltene Freierliste auf eine alte, epische Quelle zurückgeht, die von der Ilias unabhängig war: „Diese Quelle könnte ein Freierkatalog der Kyprien gewesen sein, der dann bestimmte vorhomerische Sagen kanonisiert hätte“ (vgl. dazu auch die ausführlichere Diskussion in Kapitel 1.3.7).5 Alle Wahrscheinlichkeit spricht also dafür, dass Diomedes auch dem Dichter der Ilias bereits als Freier der Helena bekannt war. Weshalb wird er dann – wie all die anderen weniger bedeutenden Freier – in der Teichoskopie nicht erwähnt?

Zählte auch Diomedes nur zur zweiten Garnitur der Helden? Hat er sich vor seiner Aristie im fünften Buch noch nicht genügend ausgezeichnet, als dass er schon im dritten Buch eine lobende Erwähnung verdient hätte? Dagegen ließe sich einwenden, dass Diomedes schon am erfolgreichen Feldzug gegen Theben teilgenommen hat, was in der Ilias ausdrücklich vorausgesetzt wird (4.405–410). Er ist also auch vor seiner Aristie im fünften Buch keineswegs ein unbeschriebenes Blatt, nur scheint er sich vor Troia noch nicht besonders hervorgetan zu haben. Was hat er dann aber in all den Jahren, die der Krieg nun schon dauerte, getan? Sehr treffend bemerkt Wilamowitz dazu: „In den Antehomerika hatte Diomedes so wenig zu tun, daß sich schon die Grammatiker wunderten“.6 Er verweist dazu auf die Erklärung des Eustathius (zu Il. 5.4–7), dass Diomedes in Thrakien den Ackerbau beaufsichtigt habe, um von dort den Nachschub für das Heer zu sichern. Das ist nichts weiter als ein durchsichtiger Versuch, Probleme in der Überlieferung mit rationalistischen Konstrukten zu kaschieren. Offenkundig wusste diese Überlieferung von irgendwelchen denkwürdigen Taten des Diomedes, die seiner Aristie im fünften Buch der Ilias sagenchronologisch vorausgegangen wären, nichts zu berichten.7

Schließlich könnte der Dichter seinen Diomedes zu Beginn der Ilias aber auch ganz bewusst im Hintergrund gehalten haben, damit seine Aristie im fünften Buch dann um so imposanter wirken würde. Dies ist auch durchaus der Eindruck, der sich während der Epipolesis im vierten Buch ergibt. Dort provoziert Agamemnon ← 59 | 60 → den Diomedes, indem er ihn mit seinem Vater vergleicht: Ein gewaltiger Krieger sei Tydeus gewesen, der Sohn dagegen „schwächer im Kampf, aber besser im Reden“ (4.400). Diomedes selbst schweigt zu den Vorwürfen, nur sein Gefährte Sthenelos macht seiner Empörung Luft: „Lüge doch nicht, Atreide, du weißt es ja besser!“ (4.404). Andersen bemerkt dazu: „Diomedes hätte antworten können, doch wie seine Worte 4, 412–417 zeigen, sieht er ein, dass Agamemnons Worte nur eine taktische Massnahme sind. […] Vor allem aber muss Diomedes deshalb schweigen, damit er sich umso nachdrücklicher durch seine grossen Taten bewähren kann“. Andersen kommt deshalb zu dem Schluss: „Die ganze Epipolesis zielt auf Diomedes hin und bereitet seine grossartige Entfaltung im Folgenden vor“.8

Der Dichter stellt zu Beginn seines Werkes also absichtlich einen Scheffel über das Licht des Diomedes, nur um dessen Aristie dann um so eindrucksvoller zu gestalten. Deswegen lässt er es im dritten Buch noch zu, dass Helena den Diomedes mit Schweigen übergeht. Ein solcher Kunstgriff konnte seine Wirkung aber nur entfalten, wenn das Publikum des Dichters den furiosen Auftritt des Diomedes nicht erwartete.

1.2.4 Die Leichenspiele für Patroklos: ein neues ‘Ranking’ der Helden

Gegen Ende des zweiten Buches (2.760ff.) stellt der Dichter, nachdem er zuvor im Schiffskatalog die Kontingente der Griechen vollständig aufgelistet hat, die Frage, wer denn nun von all diesen Helden der „allerbeste“ (ὄχ᾽ ἄριστος) war und – das scheint in der Welt des Heldenepos nicht minder wichtig – wer die besten Pferde hatte. Die Antwort auf beide Fragen ist nicht die offensichtliche, nämlich Achilleus; denn der zürnt ja bereits (seit 1.488ff.) und wird sich und sein göttliches Pferdegespann erst im 19. Buch wieder zum Kampf rüsten. Stattdessen, so heißt es, seien die Stuten des Thessalers Eumelos „bei Weitem die besten“ (μέγ᾽ ἄρισται) gewesen, denn Apollon selbst habe sie aufgezogen. Unter den Männern habe dagegen der Telamonische Aias als der „weitaus beste“ (μέγ᾽ ἄριστος) herausgeragt; aber nur: „solange Achilleus zürnte, denn der war ja noch viel besser“ und besaß im Übrigen auch die besten Pferde (2.769f.).1 ← 60 | 61 →

Merkwürdig ist dann allerdings, dass zumindest Eumelos und seine Pferde im weiteren Verlauf der Kampfhandlungen keine Rolle mehr spielen. Erst im 23. Buch treffen wir sie bei den Leichenspielen für Patroklos wieder an. Dort nimmt Eumelos, wie zu erwarten, am Wagenrennen teil (23.362–533) – und verliert! Nicht etwa gegen Achilleus, denn der fungiert bei den Wettkämpfen als Schiedsrichter, sondern gegen Diomedes, der das erbeutete Gespann des Aineias lenkt. Natürlich ließe sich nun einwenden, dass der Dichter sich hier nicht im strengen Sinne selbst widerspricht, denn erstens siegt Diomedes ja mit troianischen Beutepferden (und die Pferde des Aineias gehen ebenfalls auf einen göttlichen Ursprung zurück).2 Zweitens wird Eumelos nur durch das Eingreifen Athenes um seinen sicheren Sieg gebracht: Als Diomedes nämlich gerade dazu ansetzt, den Wagen des Eumelos zu überholen, schlägt ihm Apollon die Peitsche aus der Hand (23.382ff.). Athene gibt ihrem Schützling Diomedes jedoch die Peitsche wieder und zerbricht im Gegenzug dem Eumelos das Wagenjoch (23.390ff.). Dennoch fragt man sich, weshalb der Dichter im zweiten Buch erst so viel Aufhebens um die Pferde des Eumelos macht, wenn diese dann nichts weiter leisten, als beim Wagenrennen im 23. Buch den letzten Platz zu belegen. Dort gelangt Eumelos zu Fuß, den zerstörten Wagen hinter sich herziehend, weit hinter allen anderen ins Ziel (23.532f.). Was für eine Demütigung für den erklärten Favoriten!

Hat der Dichter im 23. Buch also einfach vergessen, dass er die Pferde des Eumelos im zweiten Buch noch so hoch angepriesen hatte? Keineswegs: Wenn nämlich der Schiedsrichter Achilleus nach dem Rennen bemerkt, dass „der beste Mann als letzter“ (536: λοῖσθος ἀνὴρ ὤριστος) ins Ziel gekommen sei, so scheint die Feststellung des Dichters aus dem zweiten Buch doch irgendwie darin mitzuschwingen.3 Zu allem Überfluss fügt Achilleus dann auch noch hinzu: „Auf nun, wir wollen ihm [dem Eumelos] den Preis geben, wie es sich gehört, / und zwar den zweiten; den ersten jedoch soll der Sohn des Tydeus bekommen“ (537f.: ἄλλ᾽ ἄγε δή οἱ δῶμεν ἀέθλιον, ὡς ἐπιεικές / δεύτερ᾽‧ ἀτὰρ τὰ πρῶτα φερέσθω Τυδέος υἱός). In einem Akt der Willkür übergeht Achilleus also die anderen Teilnehmer des Rennens (Menelaos, Antilochos und Meriones) und spricht Eumelos den zweiten Preis zu.

Die bT-Scholien (ad loc.) bemerken dazu, der Dichter habe damit zeigen wollen, dass die ἀρετή des Eumelos schwerer wiege als seine τύχη und dem besseren ← 61 | 62 → Mann auch im Unglück die größere Ehre gebühre. Die Erklärung wirkt bemüht. Außerdem erhält Eumelos den zweiten Preis am Ende gar nicht. Denn Antilochos, der tatsächlich als zweiter ins Ziel gelangt war, beschwert sich bei Achilleus. Als dieser aber einlenkt und Antilochos den zweiten Preis verspricht, schaltet sich auch Menelaos, der Drittplatzierte, ein und weist Antilochos zurecht: Nur „durch List“ (585: δόλῳ) habe dieser ihn überholen können. Als Antilochos tatsächlich Menelaos den Vorrang lassen will, ist dieser gerührt und gibt sich mit dem dritten Preis zufrieden. Den Eumelos zeichnet Achilleus stattdessen mit der erbeuteten Rüstung des Asteropaios aus, die er eilig aus seinem Zelt herbeiholen lässt – ein improvisiertes, aber dennoch angemessenes Geschenk. Warum also nicht gleich so? Weshalb provoziert Achilleus überhaupt erst solchen Streit, indem er zunächst darauf besteht, dass Eumelos den zweiten Preis erhalten soll?

Die ganze Szene scheint, wie schon lange bemerkt worden ist, den Konflikt zwischen Agamemnon und Achilleus im ersten Buch wieder aufzugreifen.4 Der Dichter spitzt die Dinge hier also absichtlich auf eine Krise hin zu, nur um diese dann, anders als im ersten Buch, sogleich wieder zu lösen. Dennoch wirkt der Anlass, der schwerlich nachvollziehbare (und letztlich auch nicht durchgesetzte) Schiedsspruch des Achilleus, sehr befremdlich. Ist es möglich, dass der Dichter hier sein Spiel mit einer älteren Version des Rennens treibt, in welcher Eumelos tatsächlich noch der Sieger war? In der Tat spricht einiges dafür. So haben die Neoanalytiker für die auffällige Abstinenz des Achilleus von den Wettkämpfen die Erklärung angeboten, dass die Leichenspiele im 23. Buch nach dem Vorbild der Leichenspiele für Achilleus gestaltet seien, an denen Achilleus natürlich nicht selbst habe teilnehmen können.5 Nun erfahren wir aber bei Ps.-Apollodor (Epit. 5.5), dass bei den Leichenspielen für Achilleus niemand anders als Eumelos das Wagenrennen gewonnen habe. ← 62 | 63 →

Auch wenn das Wagenrennen bei den Leichenspielen für Achilleus tatsächlich das unmittelbare Vorbild für das Wagenrennen in der Ilias geliefert haben sollte, wäre es für den Dichter immer noch ein Leichtes gewesen, sämtliche Spuren dieser Übernahme gründlich zu verwischen. Das tat er aber nicht. Stattdessen wirkt es vielmehr so, als rufe der Dichter, indem er Achilleus gegen alle Wahrscheinlichkeit darauf bestehen lässt, dass Eumelos den zweiten Preis erhalten solle, ganz bewusst die ursprüngliche Version des Rennens in Erinnerung. Dadurch hebt er die neue und überraschende Wendung, die das Rennen nunmehr nimmt, um so deutlicher vom erwarteten Ausgang ab.6

Der dramatische Effekt wird noch zusätzlich dadurch gesteigert, dass der Dichter während des Rennens die erzählerische Perspektive wechselt. Hatte er über die erste Hälfte der Strecke noch den allwissenden epischen Erzähler berichten lassen, übergibt er nach dem Wendepunkt das Wort an Idomeneus und den kleinen Aias, die das Rennen nun aus der Sicht der Zuschauer kommentieren. Davon, dass Eumelos verunglückt ist, haben sie nichts mitbekommen, denn eine gewaltige Staubwolke hüllt die Gespanne ein. Idomeneus, der auf einem erhöhten Aussichtspunkt sitzt, sieht die Gespanne als erster wieder aus der Staubwolke herauskommen (23.450f.). Zu seiner Verwunderung stellt er fest, dass nun nicht mehr Eumelos, sondern „ein anderer Wagenlenker“ (23.460: ἄλλος δ᾽ ἡνίοχος) vorne liegt. Von dem Gespann des Eumelos ist dagegen nichts mehr zu sehen, so weit Idomeneus den Blick auch über die Ebene schweifen lässt (23.463f.: νῦν δ᾽ οὔ πῃ δύναμαι ἰδέειν‧ πάντῃ δέ μοι ὄσσε / Τρωικὸν ἂμ πεδίον παπταίνετον εἰσορόωντι). Stattdessen meint Idomeneus in dem Wagenlenker, der nun das Rennen anführt, Diomedes zu erkennen. Er ist sich allerdings nicht sicher, ob er tatsächlich richtig sieht (23.469f.: οὐ γὰρ ἔγωγε / εὖ διαγινώσκω).

Im Unterschied zu Idomeneus kann der kleine Aias überhaupt nichts sehen, dennoch fängt er sofort einen Streit an (23.474–481): ← 63 | 64 →

Ἰδομενεῦ, τί πάρος λαβρεύεαι; αἱ δἔτ᾽ ἄνευθεν
ἵπποι ἀερσίποδες πολέος πεδίοιο δίενται.
οὔτε νεώτατός ἐσσι μετ᾽ Ἀργείοισι τοσοῦτον,
οὔτε τοι ὀξύτατον κεφαλῆς ἐκδέρκεται ὄσσε.
[…]
ἵπποι δ᾽ αὐταὶ ἔασι παροίτεραι, αἳ τὸ πάρος περ,
Εὐμήλου, ἐν δ᾽ αὐτὸς ἔχων εὔληρα βέβηκε.

Idomeneus, was schwätzt du da zu früh? Noch sind ja weit entfernt
die galoppierenden Pferde und müssen noch ein großes Stück der Ebene durchlaufen.
Und du bist ja auch bei Weitem nicht (mehr) der jüngste unter den Griechen,
und deine Augen blicken nicht (mehr) sehr scharf aus deinem Kopf hervor.
[…]
Dieselben Pferde liegen vorne wie auch schon zuvor,
nämlich die des Eumelos, und er selbst hält die Zügel und fährt (auf seinem Wagen).

Eine besondere Ironie liegt darin, dass Aias sich mit diesem Vorwurf eigentlich nur selbst beschreibt: Er ist der Schwätzer, der keine Ahnung hat, wovon er spricht.7 Weshalb aber weigert er sich so beharrlich, die Worte eines Augenzeugen ernst zu nehmen? Und mehr noch: Warum ist sich nicht einmal dieser Augenzeuge wirklich sicher, ob er seinen Augen trauen kann? Was der Dichter damit sagen will, ist doch offenkundig, dass beide diesen Ausgang des Rennens nicht erwartet haben.

Tatsächlich scheint der Dichter schon zu Beginn des Rennens die Teilnehmer in genau jener Reihenfolge vorzustellen, in der sie eigentlich ins Ziel gelangen sollten – solange nur alles mit rechten Dingen zugeht: Nacheinander melden sich nämlich Eumelos, Diomedes, Menelaos, Antilochos und Meriones zum Rennen bereit (23.288–351). Dies ist nach Seth Benardete genau die Reihenfolge der Sieger, wie sie aufgrund der unterschiedlichen Fähigkeiten jedes einzelnen Teilnehmers eigentlich zu erwarten sei; doch: „Two things disturb the order that should have been: art and providence“.8 So verdankt nämlich Diomedes nur dem Eingreifen Athenes seinen Sieg, während Eumelos dagegen letzter wird.9 Auch dem Antilochos gelingt es nur durch ‘Schlauheit’ (μῆτις) und ‘List’ ← 64 | 65 → (κέρδος) den Menelaos, dessen Pferde eigentlich überlegen sind, zu überholen (vgl. 23.309–348, 515): „Thus providence and art stand very close to one another: both change the order that “nature” sets up […].“ Man ist versucht hinzuzufügen, dass die Reihenfolge, die von ‘Natur’ aus zu erwarten wäre, offensichtlich jene ist, die von der Tradition her vorgegeben war.

Deshalb ist auch der Doppelvers 23.537f. so konstruiert, dass zunächst der erwartete Ausgang aufgegriffen („Auf nun, wir wollen ihm [dem Eumelos] den Preis geben, wie es sich gehört“), dann aber im Enjambement korrigiert wird: „und zwar den zweiten; den ersten jedoch soll der Sohn des Tydeus bekommen“ (ἄλλ᾽ ἄγε δή οἱ δῶμεν ἀέθλιον, ὡς ἐπιεικές / δεύτερ᾽. ἀτὰρ τὰ πρῶτα φερέσθω Τυδέος υἱός). Das δεύτερ(α) steht damit an besonders exponierter Stelle10 und betont den doppelten Skandal, dass nämlich Eumelos das Rennen nicht nur nicht gewonnen hat, sondern letzter geworden ist, und dann dafür auch noch den zweiten Preis erhalten soll. Das ὡς ἐπιεικές deutet Visser überzeugend als Hinweis auf die prominente Rolle, die Eumelos in der Troiasage ursprünglich gespielt haben müsse, bevor er in der Ilias „bewusst an den Rand gedrängt“ worden sei.11

Nur scheinbar ergibt sich hier ein Widerspruch zu Scodel (vgl. Kapitel 1.2.1). Auch wenn der Dichter seine Version des Rennens ganz bewusst in Abgrenzung von der älteren Tradition entwickelt, heißt das noch lange nicht, dass er diese Tradition damit für ungültig erklärt. Es gilt ja weiterhin, dass Eumelos bei den Leichenspielen für Achilleus das Wagenrennen gewonnen hat. Nur bei den Leichenspielen für Patroklos gewinnt er nicht. Es handelt sich um zwei klar voneinander verschiedene Ereignisse des Mythos, selbst wenn das eine in Wirklichkeit das Vorbild für das andere geliefert haben sollte. Mit anderen Worten: Der Dichter entwertet oder ersetzt hier nicht etwa eine ältere Tradition, sondern setzt diese ausdrücklich als Hintergrund für seine eigene Version voraus. Die ältere Tradition konstituiert dabei einen bestimmten Erwartungshorizont, der dann allerdings enttäuscht wird. Eumelos geht in der Ilias als klarer Favorit ins ← 65 | 66 → Rennen und verliert. Der Sieg des Diomedes kommt als große Überraschung. Dieser Effekt scheint vom Dichter vollauf beabsichtigt. Er tritt aber nur dann ein, wenn der Dichter es mit einem Publikum zu tun hat, welches zwar die Leichenspiele für Achilleus kennt, aber von den Leichenspielen für Patroklos, also unserer Ilias, noch nie etwas gehört hat. In einem ‘evolutionary model’, wie es Nagy vertritt (vgl. Kapitel 1.2.1), hat ein Dichter, der auf diese Weise mit der Tradition spielt, offenkundig keinen Platz.

So viel zunächst zu Eumelos und seinen Pferden. Aber auch wer vermutet hätte, dass wenigstens Aias bei den Leichenspielen seinem Ruf, der μέγ᾽ ἄριστος zu sein, gerecht werden würde, muss sich eines Besseren belehren lassen. Zwar endet der Ringkampf zwischen Aias und Odysseus noch unentschieden (23.708–737), beim bewaffneten Duell mit Diomedes gerät Aias jedoch schnell in Schwierigkeiten (23.811–825). Da die Zuschauer fürchten, dass Aias ernstlich verletzt werden könnte, brechen sie den Kampf kurzerhand ab. Achilleus, der zuvor noch Aias und Odysseus mit „gleichen Preisen“ (23.736) ausgezeichnet hatte, spricht die Siegesprämie nun Diomedes zu.12

Man hat auch hier schon lange erkannt, dass der Zweikampf zwischen Aias und Odysseus auf den berühmten Streit der beiden um die Waffen des Achilleus vorauszuweisen scheint. Diesen behandelte wiederum die Aithiopis (vgl. Proklos Chrest. 201ff. Severyns; Ps.-Apoll. Epit. 5.5f.), und zwar unmittelbar im Anschluss an die Leichenspiele für Achilleus. Kullmann bemerkt dazu: „Wahrscheinlich ist auch der Zweikampf Aias-Odysseus bei den Leichenspielen nicht ← 66 | 67 → ohne Einfluss von PH [= Posthomerica; das ist in diesem Falle der Stoff der Aithiopis] entstanden: Die Betonung, die auf den unentschiedenen Ausgang des Wettkampfes gelegt wird, in dem Achill selbst die Entscheidung des ‘Unentschieden’ fällt und die Kampfpreise der Gerechtigkeit halber verdoppelt, scheint ein bewußter Vorverweis auf den Waffenstreit in PH zu sein, ja nicht nur ein Vorverweis, sondern gleichzeitig eine Kritik an der dortigen Entscheidung zugunsten des Odysseus“.13

Wieder zeigt sich also, dass die Auswahl der Kontrahenten im 23. Buch auf dem Hintergrund der außeriliadischen Überlieferung zu sehen ist. Es scheint sogar, als habe sich der Dichter mit den Leichenspielen ganz bewusst einen Anlass geschaffen, die überlieferte Rangordnung der Helden neu zu definieren. Wenn also ausgerechnet Eumelos und Aias dem Diomedes im direkten Wettstreit unterliegen, ist das sicherlich kein Zufall. Der Dichter revidiert hier offenbar sein früheres Urteil aus dem zweiten Buch (2.761–770),14 wonach Eumelos die besten Pferde besessen habe und Aias der beste Krieger gewesen sei, solange Achilleus zürnte. In gewisser Hinsicht wiederholt sich bei den Leichenspielen für Patroklos die Konstellation vom Beginn des Epos: Wieder nimmt Achilleus nicht an den (Wett-)Kämpfen teil, während die übrigen Helden darum streiten, wer der ‘Beste’ nach Achilleus ist.15 Nur profiliert sich diesmal Diomedes als der ‘Beste’ nach Achilleus und löst damit Eumelos und Aias in dieser Rolle ab. Die neue Rolle fällt ihm aber, da sie ja nicht in der Tradition angelegt war, auch nicht von vornherein zu. Er muss sie sich erst noch verdienen. Kein anderer Held durchläuft deshalb zwischen dem zweiten und dem 23. Buch eine Entwicklung ähnlich der des Diomedes. Am Anfang ist er fast noch ein Niemand, und folglich ignoriert ihn Helena bei der Teichoskopie im dritten Buch (3.161–244). Im vierten fährt ihn Agamemnon an und nennt ihn einen Schwätzer (4.400). Erst im fünften Buch entfaltet Diomedes sein ganzes kriegerisches Geschick und empfiehlt sich damit als würdiger Ersatz für den zürnenden Achilleus. Jetzt kann Helenos sogar mit vollem Recht behaupten (vgl. 6.96–101), dass die Troianer ← 67 | 68 → sich nicht einmal vor Achilleus selbst so sehr gefürchtet hätten, wie sie sich nun vor Diomedes fürchten.16

1.3 Diomedes in der älteren Troiasage

1.3.1 Methodische Vorbemerkungen

Wenn Diomedes in der Ilias also eine Rolle spielt, die in der älteren Tradition für ihn nicht vorgesehen war, dann stellt sich unweigerlich die Frage: Welche Rolle sah denn die ältere Tradition für Diomedes vor? Eine Antwort darauf können möglicherweise die Fragmente der zyklischen Epen liefern. Sie scheinen nämlich oftmals Züge einer älteren Tradition bewahrt zu haben, die noch nicht (vollständig) vom Einfluss der homerischen Epen ‘kontaminiert’ ist (zu einer notorischen Ausnahme siehe Anhang 1). Das alte Vorurteil, welches in den zyklischen Epen nur minderwertige und ‘späte’1 Derivate der homerischen Gedichte sah, ist von der Neoanalyse überzeugend widerlegt worden. Kritiker werfen der Neoanalyse jedoch vor, dass sie dabei in das andere Extrem verfallen sei, indem sie nun zahlreiche Szenen bei Homer als mehr oder weniger ← 68 | 69 → geschickte Adaptionen von zyklischen Vorbildern deutete.2 Dennoch kommt auch Jonathan Burgess, der sich nicht eigentlich zu den Neoanalytikern rechnet, zu dem Schluss: „Often it seems that “Cyclic” material is more traditional than the idiosyncratic nature of the Homeric poems.“ Er konstatiert deshalb: „[T]here has been unnecessary hesitation in using the Cycle to explore pre-Homeric tradition. I believe it presents a good picture of the material and tone from which the Homeric poems are derived“.3

Es soll im Folgenden nicht darum gehen, in neoanalytischer Manier die zyklische Überlieferung nach möglichen Vorbildern für die Gestaltung des Diomedes in der Ilias zu befragen. Vielmehr werden uns die Unterschiede zwischen der zyklischen Überlieferung und der Ilias beschäftigen. Das Ziel ist es, die Eigentümlichkeiten der Ilias deutlicher hervorzuheben, indem wir sie vor dem Hintergrund der zyklischen Überlieferung betrachten. Leider erlauben die erhaltenen Fragmente in der Regel nicht mehr als nur eine vage Vorstellung vom Inhalt der verlorenen zyklischen Epen. Wenn es um Details geht, sind wir oft auf mehr oder minder gut begründete Vermutungen angewiesen. Die Untersuchung wird sich in den folgenden Kapiteln deshalb auf dünnem Eis bewegen müssen. Dies zwingt zu kleinen Schritten, von denen jeder einzelne so gut wie möglich abzusichern ist. Die Darstellung mag dadurch stellenweise etwas mühsam und umständlich erscheinen (eine Zusammenfassung findet sich jedoch in Kapitel 1.4.1). Am Ende wird sich, so hoffe ich zumindest, zeigen, dass die erhaltenen Fragmente bei genauer Prüfung noch immer genügend Anhaltspunkte bieten, aus denen sich ein einigermaßen zuverlässiges Bild vom vorhomerischen Diomedes gewinnen lässt.

1.3.2 Diomedes in der Epigonensage

„Diomedes gehört ursprünglich nicht dem trojanischen, sondern dem thebanischen Sagenkreis an“ (H. Erbse).1 Er ist mitsamt seinen Gefährten Sthenelos und Euryalos aus der Epigonensage in die Troiasage übernommen worden. Nicht nur wird auf die Herkunft des Diomedes aus der thebanischen Sage an zahlreichen Stellen in der Ilias Bezug genommen, sie ist, wie Øivind Andersen gezeigt hat, für die homerische Diomedesgestalt geradezu konstitutiv: „Diomedes ist als Epigone ← 69 | 70 → vor allem Sohn seines Vaters Tydeus“.2 Wenn Diomedes zum ersten Mal in der Ilias erwähnt wird (2.406), ist er einfach nur der Τυδέος υἱός. Mehrfach werden die gewaltigen Taten des Vaters vor Theben als Paradeigma für seinen Sohn bemüht (4.370–400; 5.800–808).3 Gegen Agamemnons Vorwurf, dass die Söhne der Sieben schlechtere Krieger als ihre Väter seien, wehrt sich Sthenelos mit dem Hinweis, dass es erst den Söhnen gelungen sei, Theben zu erobern (4.405–410). Dagegen rühmt sich Diomedes seines Vaters (14.114f.), auch wenn er sich kaum noch an ihn erinnern kann; zu jung war er, als Tydeus nach Theben zog und dort ums Leben kam (6.222f.).

Die thebanische Sage einschließlich des Epigonenzuges ist in der Ilias also überaus präsent.4 Nun hat Wolfgang Kullmann jedoch zeigen können, dass die Sage, die in der Ilias vorausgesetzt wird, nicht der thebanischen ‘Vulgata’ (Kullmanns Ausdruck) entspricht, wie sie einst in der Thebais und den Epigonoi erzählt wurde, sondern einer anderen Version zu folgen scheint, wie sie von Erich Bethe für das ebenfalls verlorene Epos Alkmaionis erschlossen worden ist.5 Diese Beobachtung ist für das hier zu entwickelnde Argument von so entscheidender Bedeutung, dass sie zumindest in den Grundzügen nachvollzogen und erläutert werden muss. Bethe ging von der Entdeckung aus, dass sich die verworrene Überlieferung zum Zug der Epigonen in genau zwei verschiedene Zweige teilen lässt: Nach der einen Variante (repräsentiert durch Ps.-Apoll. 3.7.2 und Diod. 4.66.1) habe Alkmaion, der Sohn des Amphiaraos, das Expeditionsheer angeführt; nach der anderen Variante (repräsentiert durch Eur. Hik. 1216ff.) sei Aigialeus in der Nachfolge seines Vaters Adrastos zum Oberbefehlshaber bestimmt worden. Nun fügt es sich, dass die beiden einzigen vollständig erhaltenen Epigonenlisten folgende Aufstellungen verzeichnen:6 ← 70 | 71 → ← 71 | 72 →

Bethe vermutete, dass beiden Listen jeweils die Anführer vorangestellt sind. Demnach setze die Liste bei Ps.-Apollodor Alkmaion, der Scholiast dagegen Aigialeus als Anführer voraus. Die erstere Tradition, die Alkmaion in den Vordergrund stellt, wies Bethe der Alkmaionis, die letztere dem Doppelepos Thebais und Epigonoi zu.9 Es ist nun offenbar die erstere Tradition, die in der Ilias ← 72 | 73 → benutzt ist: Nur dort taucht neben Diomedes und Sthenelos auch Euryalos, der Sohn des Mekisteus, auf. Dass Euryalos nicht nur der thebanischen ‘Vulgata’, sondern auch der älteren troianischen Sage unbekannt war, zeigt sich wiederum, wenn sein Name auch in den Freierkatalogen bei Ps.-Apollodor (3.10.8) und Hyginus (Fab. 81) fehlt.10 Kullmann schließt daraus, dass Euryalos erst vom Ilias-Dichter als „eine neue Person aus dem Sagenzusammenhang der Alkmaionis in die Ilias eingeführt“ worden sei.11

1.3.3 Diomedes und Aitolien

Nun könnte man vielleicht einwenden, dass hier allzu viel Gewicht auf einen einzigen Namen in einer Liste gelegt werde, von der noch nicht einmal völlig sicher sei, ob sie denn wirklich den Namensbestand der Alkmaionis zuverlässig widerspiegelt. Dass die Ilias aber in der Auswahl des Euryalos nicht nur zufällig mit der Epigonenliste bei Ps.-Apollodor übereinstimmt, sondern tatsächlich genau jene Version der Sage voraussetzt, wie sie auch der Alkmaionis zugrunde lag, wird vollends klar, wenn sie an anderer Stelle Thoas zum Anführer der Aitolier macht.1 Denn die Teilnahme des Thoas am Troianischen Krieg setzt, wie ← 73 | 74 → Kullmann nachgewiesen hat, den Aitolienfeldzug des Diomedes voraus.2 Diesen Feldzug soll Diomedes, wie wir aus Ps.-Apollodor (1.8.6) erfahren, gemeinsam mit Alkmaion3 unternommen haben, um die Söhne des Agrios, darunter auch Thersites, zu bestrafen, die zuvor Oineus, den Großvater des Diomedes, der zugleich ein älterer Bruder des Agrios war, von seinem Thron gestoßen hatten.4 Anstelle des Oineus, der schon alt war, habe Diomedes nun Andraimon, den Vater des Thoas, als Herrscher über die Aitolier eingesetzt. Im unmittelbar vorangehenden Abschnitt nennt Ps.-Apollodor (1.8.5) die Alkmaionis (fr. 4 Bernabé, Davies, West) ausdrücklich als Quelle für die Auskunft, dass Tydeus von Agrios aus Aitolien verbannt worden sei, nachdem er die Söhne des Melas, der auch ein Bruder des Oineus war, getötet hatte. Auch die Söhne des Melas, heißt es, hätten bereits einen Anschlag auf Oineus geplant. Daraus folgerte Carl Robert (ähnlich wie vor ihm auch schon Immisch und Bethe): „Damit hängt dann offenbar zusammen, daß des Agrios’ eigene Söhne nach Tydeus’ Tod das Experiment wiederholen und zwar mit besserem Erfolg, wie Apollodor gleich darauf erzählt […]. Es ist so gut wie sicher, daß auch dieser zweite Teil auf die Alkmaionis zurückgeht“.5

Auch Strabo (7.7.7 und 10.2.25), der sich auf Ephoros (FGrHist 70 F 123b bzw. a) beruft, scheint eine kurze Inhaltsangabe der Alkmaionis (fragmentum dubium º9 Bernabé) zu bieten, wenn er Folgendes berichtet: Nach der Eroberung von ← 74 | 75 → Theben unternahm Diomedes einen Feldzug nach Aitolien, um die Verschwörer gegen Oineus zu beseitigen. Alkmaion begleitete ihn zunächst, zog dann aber weiter, um sich Akarnanien zu unterwerfen. Dort gründete er schließlich eine Stadt, die er nach seinem Bruder Amphilochos das Amphilochische Argos nannte. Währenddessen aber nutzte Agamemnon die Abwesenheit der beiden Helden und verleibte Argos seiner Herrschaft ein. Als er jedoch schon kurz darauf nach Troia segeln wollte, kamen ihm Bedenken: Er wusste, dass sich Diomedes rächen würde, solange Mykene ohne Schutz war. Er rief deshalb auch Diomedes und Alkmaion zur Teilnahme am Krieg auf und versprach ihnen, die Stadt (danach?) zurückzugeben.6 Nur Diomedes folgte jedoch dem Aufruf und zog – offenbar direkt von Aitolien aus – mit Agamemnon in den Krieg. Nach Immisch, Bethe und Kullmann ist die Alkmaionis auch hier als Quelle anzunehmen, da erstens wieder Alkmaion einer der beiden Protagonisten ist und zweitens Strabo an anderer Stelle (10.2.9) ausdrücklich sagt, dass Ephoros (vgl. FGrHist 70 F 124) die Alkmaionis (vgl. fr. 5 Bernabé, West = 6 Davies) für die Geschichte Akarnaniens benutzt habe.7

Unsere wichtigsten Zeugen für den Aitolienzug des Diomedes, Ps.-Apollodor und Strabo, scheinen sich also beide (zumindest indirekt) aus der Alkmaionis zu bedienen.8 Die Annahme scheint also berechtigt, dass die gesamte Überlieferung ← 75 | 76 → rund um den Aitolienzug des Diomedes letztlich in der Alkmaionis ihren Ursprung hat. Dazu gehört auch die Einsetzung des Andraimon als Herrscher über die Aitolier. Der Ilias-Dichter nimmt offensichtlich darauf Rücksicht, wenn er den Sohn des neuen Königs, Thoas, zum Anführer der Aitolier vor Troia macht.9 Ist also auch Thoas – wie Euryalos (vgl. Kapitel 1.3.2) – erst vom Ilias-Dichter „aus dem Sagenzusammenhang der Alkmaionis“ (Kullmann) in die Troiasage übernommen worden?

In den Fragmenten des epischen Zyklus ist Thoas nur für die Kleine Ilias (Schol. Lykophron 780 = fr. 7 Bernabé = fr. 8 Davies, West) bezeugt. Kullmann vermutet (nicht nur) deshalb, dass die Kleine Ilias im Unterschied zu den anderen ← 76 | 77 → zyklischen Epen (insbesondere Kypria, Aithiopis und Iliupersis) „die Prosopographie der Ilias“ berücksichtigt (eine ausführlichere Begründung und Verteidigung dieser Ansicht findet sich in Anhang 1).10 Ist sein Fehlen in den Fragmenten der anderen zyklischen Epen vielleicht nur ein Zufall der Überlieferung? Wenn Kullmann mit seiner Annahme recht hat, dass die Freierliste bei Ps.-Apollodor (3.10.8) auf eine alte, von der Ilias unabhängige Tradition, wahrscheinlich einen Freierkatalog der Kypria, zurückgeht,11 dann scheint Thoas zumindest in den Kypria tatsächlich nicht vorgekommen zu sein – im Freierkatalog bei Ps.-Apollodor fehlt er jedenfalls. Auch die Aithiopis scheint zumindest von einem Aitolienfeldzug des Diomedes, der dem Troianischen Krieg vorausgegangen wäre, nichts zu wissen: Wenn es in der Aithiopis nämlich zwischen Diomedes und Achilleus zum Streit kam, nachdem Achilleus den Thersites im Zorn erschlagen hatte,12 dann ist dies schwerlich mit einem vorausgegangenen Sturz der Söhne des Agrios, zu denen nach Ps.-Apollodor (1.8.6) auch Thersites gehörte, durch Diomedes zu vereinbaren. Vielmehr tritt Diomedes hier entschieden für seinen aitolischen Verwandten ein. Wenn Thersites in der Ilias nicht mehr ausdrücklich als Aitolier identifiziert oder mit Diomedes in Verbindung gebracht wird, dann kann dies, wie schon Kullmann gezeigt hat,13 nur daran liegen, dass der Ilias-Dichter die aitolische Herkunft des Thersites und sein Verwandtschaftsverhältnis mit Diomedes absichtlich verdunkelt (und zwar aus gutem Grund, wie wir noch sehen werden).

Die Ilias setzt also – anders als die zyklischen Epen (mit Ausnahme der Kleinen Ilias) – den Sagenstoff der Alkmaionis voraus. Was hat das zu bedeuten? ← 77 | 78 → Das auffällige Interesse der Alkmaionis an Akarnanien spiegelt nach allgemeiner Auffassung die korinthische Kolonisationsbestrebungen in jener Gegend wider.14 Nach dem Zeugnis Strabos (10.2.9) soll der Dichter der Alkmaionis (fr. 5 Bernabé, West = 6 Davies) zwei Söhne des Ikarios namens Alyzeus und Leukadios erwähnt haben, die gemeinsam mit ihrem Vater (der zugleich auch der Vater der Penelope war) in Akarnanien geherrscht hätten. Bei diesen beiden Söhnen handele es sich nach Ephoros (FGrHist 70 F 124) um die Eponymen von Alyzeia und Leukas. Über Leukas erfahren wir ebenfalls bei Strabo (10.2.8), dass es zur Zeit des Tyrannen Kypselos als eine Kolonie der Korinther gegründet worden sei.15 Von Alyzeia ist nicht bekannt, ob es ebenfalls eine Gründung der Korinther war, doch stand es später unter korinthischem Einfluss.16 Die Alkmaionis scheint also im Korinth der Kypselidenzeit entstanden zu sein. Der Beginn der Tyrannis des Kypselos, der von den antiken Chronographen in die frühen ← 78 | 79 → 650er Jahre datiert wird17 (siehe dazu jedoch auch die Diskussion in Anhang 3), markiert den terminus post quem.18 Das Epos legitimierte offenbar die korinthische Expansion in Akarnanien, indem es ein mythisches Vorbild dafür schuf.

Kannte der Ilias-Dichter also ein korinthisches Epos, das wohl erst nach der Mitte des siebten Jahrhunderts entstanden ist? Kullmann hat diese Möglichkeit vorsichtig erwogen.19 Allerdings haben wir bisher nur gezeigt, dass die Ilias die spezielle Epigonenliste der Alkmaionis und den Aitolienfeldzug des Diomedes, wie er nach dem Zeugnis des Ephoros in der Alkmaionis behandelt wurde, vorauszusetzen scheint. Wir wissen aber noch nicht, ob auch der Ilias-Dichter schon eine Version dieses Epos kannte, in welcher auch das weitere Schicksal des Alkmaion und seine Gründungen in Akarnanien behandelt wurden (siehe dazu aber mehr in Kapitel 1.3.6). Halten wir hier also zunächst fest: Die Ilias scheint in der Behandlung der aitolischen und der thebanischen Sage eine lokale Variante, wie sie vor allem im Umfeld von Korinth kursierte, der ‘Vulgata’, deren Ursprung Bethe in Kleinasien verortete, vorzuziehen.20 Kullmann verweist ferner auf den ← 79 | 80 → v zuerst von Gilbert Murray geäußerten Verdacht, dass die Ilias auch sonst an mehreren Stellen – vor allem in den Geschichten, die sich Diomedes und Glaukos im sechsten Buch erzählen – korinthische Sagenstoffe vorauszusetzen scheint: „Die Bekanntschaft der Ilias mit korinthischer Epik scheint also allgemeiner zu sein“.21 ← 80 | 81 →

Damit stellt sich nun aber die Frage: Wenn der Ilias-Dichter tatsächlich den Sagenstoff der Alkmaionis berücksichtigt und Thoas erst von diesem Dichter in die Troiasage übernommen worden ist – wer führte dann in der älteren Troiasage die Aitolier an? Kullmann denkt an Thersites; man müsse sich „nur von dem Thersitesbild der Ilias freimachen“.22 Dagegen hat aber schon Uvo Hölscher eingewandt, dass Thersites als Teilnehmer an der kalydonischen Eberjagd (vgl. b-Schol. zu Il. 212 = Pherekydes FGrHist 3 F 123) in dieselbe Generation wie Nestor oder Phoinix gehört, also viel zu alt war, um ein Freier der Helena zu sein.23

Könnte stattdessen nicht Diomedes selbst ursprünglich der Anführer der Aitolier gewesen sein? Er ist in der Ilias – wie auch schon sein Vater Tydeus – ein Held, ← 81 | 82 → der irgendwo zwischen Aitolien und Argos steht.24 Idomeneus beschreibt ihn als einen „Mann, der von Abstammung her ein Aitolier ist, aber unter den Argivern herrscht“ (23.470f.: ἀνὴρ / Αἰτωλὸς γενεήν, μετὰ δ᾽ Ἀργείοισιν ἀνάσσει).25 Diomedes selbst erzählt, wie sein Vater Tydeus einst Aitolien verlassen habe (den Grund dafür unterschlägt er wohlweislich) und auf seiner Wanderschaft schließlich nach Argos gekommen sei. Dort habe er eine Tochter des Adrastos zur Frau genommen und seinen neuen Wohnsitz bezogen (vgl. 14.119–124). Das hindert jemanden wie Agamemnon jedoch nicht daran, ihn weiterhin als Aitolier zu bezeichen (vgl. 4.399: τοῖος ἔην Τυδεὺς Αἰτώλιος). Die Abstammung des Diomedes aus Aitolien ist in der Ilias also immer präsent.26 Wäre es daher nicht denkbar, dass Diomedes in der älteren epischen Tradition überhaupt nur als Aitolier galt und erst die Ilias ihn – wohl im Anschluss an eine lokale Sage, wie sie offenbar im Umfeld von Korinth kursierte – nach Argos versetzt hat? Dann hätte Thoas in Aitolien seinen Platz eingenommen. In der Tat fühlt sich der Dichter im Schiffskatalog bemüßigt zu erklären, weshalb ausgerechnet der Sohn des Andraimon die Aitolier anführt (2.638–644): Weder Oineus selbst noch irgendeiner seiner Söhne (insbesondere auch nicht Meleagros) sei damals noch am Leben gewesen. Mit anderen Worten: Da Diomedes mittlerweile in Argos herrschte, war in Aitolien kein Nachkomme des Oineus in männlicher Linie mehr übrig. Andraimon, der eine ← 82 | 83 → Tochter des Oineus heiratete (vgl. Ps.-Apoll. 1.8.6), übernahm nun den verwaisten Thron. Es hat aber den Anschein, als sei dieses Konstrukt dem Publikum des Dichters noch keine Selbstverständlichkeit gewesen und habe daher einer kurzen Erklärung bedurft.27

1.3.4 Diomedes in der zyklischen Tradition

Wie wird Diomedes in den zyklischen Epen dargestellt? Gilt er dort noch ausschließlich als Aitolier? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst die spärlichen Notizen sammeln, die uns überhaupt noch über die Rolle des Diomedes im epischen Zyklus überliefert sind. Pausanias (10.31.2) will in den Kypria (fr. 20 Davies = 27 West = 30 Bernabé) gelesen haben, wie Diomedes gemeinsam mit Odysseus den Palamedes beim Fischen erwürgte.1 Möglicherweise wurden die beiden in den Kypria auch für den Tod der Hekabe verantwortlich gemacht.2 In der Aithiopis scheint davon berichtet worden zu sein, dass Diomedes einen Aufruhr im Heer entfacht habe, nachdem Achilleus den Aitolier Thersites, einen Verwandten des Diomedes, im Zorn erschlagen hatte (vgl. Proklos Chrest. 178–181 Severyns und Ps.-Apoll. Epit. 5.1., ergänzt durch Quintus Smyrnaeus 1.767–781 und Ps.-Apoll. 1.8.6).3 Auf die Aithiopis geht sicherlich auch die Nachricht zurück, dass Diomedes bei den Leichenspielen für Achilleus im Stadionlauf gesiegt habe (vgl. Proklos Chrest. 201 Severyns in Verbindung mit Ps.-Apoll. Epit. 5.5). In der Kleinen Ilias ← 83 | 84 → (vgl. Proklos Chrest. 211ff. Severyns) soll Diomedes (gemeinsam mit Odysseus?)4 zunächst den verwundeten Philoktetes von Lemnos abgeholt und später – diesmal ausdrücklich zusammen mit Odysseus – das Palladion aus Troia gestohlen haben.5 Um den Raub des Palladions entspann sich auch die Geschichte, wonach es zwischen Odysseus und Diomedes auf dem Rückweg aus der Stadt zum Streit gekommen sei: Odysseus habe das Götterbild alleine besitzen wollen und deshalb heimlich sein Schwert gezückt, Diomedes aber den Verrat rechtzeitig bemerkt und Odysseus vor sich hergetrieben, indem er ihn mit dem Schwert auf den Rücken schlug – daher auch das Sprichwort vom ‘Zwang des Diomedes’ (vgl. Hesych. und die Suda s. v. Διομήδειος ἀνάγκη).6 Hesychius führt diese Geschichte auf die Kleine Ilias (fr. 25 Bernabé = 9 Davies = 11 West) zurück. Nach Pausanias (10.27.1) habe in der Kleinen Ilias (fr. 15 Bernabé = 16 Davies = 24 West) außerdem nicht, „wie die Mehrheit meine“ (ὡς μὲν ὁ πλείων λόγος), Neoptolemos, sondern Diomedes den Koroibos erschlagen, der nach Troia gekommen sei, um Kassandra zu heiraten. Im Papyrus Rylands 22, der ebenfalls den Inhalt der Kleinen Ilias (= argumentum 2 Bernabé) zu referieren scheint, heißt es dagegen, dass Diomedes und Odysseus gemeinsam den Koroibos erschlagen hätten, als sie auf dem Weg zurück ins griechische Lager waren.7 In den Nostoi (vgl. Proklos Chrest. 283f. Severyns) kehrten Diomedes und Nestor schließlich sicher und ohne Zwischenfälle in ihre Heimat zurück (vgl. auch Od. 3.165–183).

Wird Diomedes hier also als Aitolier porträtiert? Eine klare Verbindung nach Aitolien ergibt sich zunächst nur durch die Verwandtschaft mit Thersites. Dass Diomedes aber väterlicherseits aitolischer Abstammung ist, wissen wir bereits. Erst die auffällig enge Verbindung mit Odysseus, die sich wie ein Leitmotiv← 84 | 85 → durch das Bild des ‘zyklischen’ Diomedes zieht, liefert den entscheidenden Hinweis. Bevor wir aber erklären, was die Verbindung der beiden Helden mit Aitolien zu tun hat, sind einige Vorbemerkungen nötig.

Für die enge Zusammenarbeit zwischen Diomedes und Odysseus lassen sich aus der griechischen Sage noch mehr Belege beibringen als die vier oder fünf Beispiele, die wir oben angeführt haben: Beide Helden machen auf zahlreichen römischen Darstellungen gemeinsam Achilleus auf Skyros ausfindig.8 Beide sollen ferner gemeinsam Iphigenie nach Aulis gebracht (vgl. Hyginus Fab. 98), König Philomelas von Lesbos heimtückisch ermordet (vgl. Schol. Od. 4.343 = Hellanikos FGrHist 4 F 150) und nach dem Tod des Paris mit den Troianern über die Herausgabe der Helena verhandelt haben (vgl. Dictys Cret. 5.4). In keinem dieser Fälle lässt sich aber ein bestimmtes episches Vorbild identifizieren. Von den Belegen, die sich einem bestimmten Epos zuordnen lassen, stammen fast alle aus der Kleinen Ilias. Nun ergab sich im vorangegangenen Kapitel aber der Verdacht, dass die Kleine Ilias stark von den homerischen Epen beeinflusst war (siehe dazu die ausführliche Begründung in Anhang 1). Ist also auch das Motiv von der Zusammenarbeit zwischen Odysseus und Diomedes erst unter dem Eindruck der homerischen Epen entstanden? Tatsächlich steht der ‘zyklische’ Diomedes dem Diomedes der Dolonie sehr nahe: Er zeigt sich, wenn er gemeinsam mit Odysseus auftritt, oft von einer wenig schmeichelhaften Seite.9 Man hat daraus den Schluss ziehen wollen, dass die zyklische Tradition, die Diomedes und Odysseus regelmäßig miteinander in Verbindung bringt, überhaupt erst von ← 85 | 86 → der Dolonie inspiriert und deshalb ein relativ junger Zug der Sage sei.10 Da die enge Kooperation des Diomedes mit Odysseus aber auch für wenigstens eine Episode in den Kypria (Tod des Palamedes) direkt bezeugt und für die Iliupersis (Raub des Palladions) zumindest anzunehmen ist (siehe dazu die Begründung in Anhang 2), wird man wohl eher davon auszugehen haben, dass dieses Motiv ein alter Zug der Troiasage ist.

Dann ist es also nicht die Dolonie, sondern der Rest der Ilias, der aus dem Rahmen fällt. Denn darin ist eine besondere Affinität zwischen Diomedes und Odysseus, wenn überhaupt, nur ansatzweise zu beobachten.11 Stattdessen finden wir den Aitolier Thoas auffällig oft in der Nähe des Odysseus wieder: So folgt etwa sein Eintrag im Schiffskatalog der Ilias (2.631–644) wie auch in der Freierliste des Frauenkatalogs (fr. 198 Merkelbach-West) direkt auf den Eintrag des Odysseus.12 Da beide Kataloge nach geographischen Kriterien organisiert sind, kommt darin – wenig überraschend – die räumliche Nähe zwischen Aitolien und den Ländereien des Odysseus zum Ausdruck.13 Denn Odysseus beherrscht neben Ithaka und den umliegenden Inseln auch Teile der akarnanischen Küste (vgl. Il. 2.635: ἤπειρον […] ἠδ᾽ ἀντιπέραι[α]), wo ihm zahlreiche Herden gehören (vgl. Od. 14.100ff.). Damit scheint sein Gebiet mehr oder weniger direkt an das Gebiet des Thoas zu grenzen, der jenseits des Acheloos herrscht.14 Von ← 86 | 87 → engen Verbindungen zwischen beiden Königshäusern weiß auch der Mythos zu berichten: So soll Ikarios, der Vater der Penelope, aus Lakedaimon nach Aitolien geflohen sein und von dort aus Akarnanien besiedelt haben (vgl. Ps.-Apoll. 3.10.5). Eine alternative Version der Sage von der Heimkehr des Odysseus behauptet außerdem, dass dieser nach dem Freiermord aus Ithaka verbannt worden und nach Aitolien gegangen sei, wo er eine Tochter des Thoas zur Frau genommen habe (Ps.-Apoll. Epit. 7.40).15

Die Nachbarschaft der beiden Helden scheint dazu geführt zu haben, dass sie auch vor Troia regelmäßig aufeinandertreffen: James Marks spricht von der „apparent tendency to extend epic geography to epic narrative“.16 Denn in der Ilias werde Thoas in vier von sechs Szenen, in denen er auftaucht, mit Odysseus assoziiert: Im Schiffskatalog folgt sein Eintrag, wie wir gesehen haben, auf den Eintrag des Odysseus; in der ersten Schlachtszene (4.527–31) tritt Thoas unmittelbar im Anschluss an Odysseus auf; im siebten Buch erklären sich beide gemeinsam zum Zweikampf mit Aias bereit (7.168); im 19. Buch helfen Thoas und andere dem Odysseus dabei, die Versöhnungsgaben für Achilleus aus Agamemnons Zelt zu holen (19.239).

Was hat es also zu bedeuten, wenn außerhalb der Ilias (und der von der Ilias abhängigen Tradition)17 nicht Thoas, sondern Diomedes der ständige Begleiter des ← 87 | 88 → c Odysseus ist? Offenbar gilt Diomedes in diesem Zweig der Überlieferung noch als direkter Nachbar des Odysseus. In dieser Rolle scheint ihn Thoas in der Ilias ersetzt zu haben. Was hat es ferner zu bedeuten, wenn Diomedes in der Freierliste bei Ps.-Apollodor (3.10.8) direkt neben Odysseus aufgeführt wird, während Thoas gänzlich fehlt? Offenbar reflektiert diese Freierliste eine alte epische Tradition, die von der Ilias noch nicht ‘kontaminiert’ ist (mehr dazu in Kapitel 1.3.7).18

Dass Thoas in der Ilias tatsächlich nicht viel mehr als ein Platzhalter für Diomedes ist, wird an folgenden Beispielen deutlich: Im 15. Buch (281–300) ruft Thoas die Griechen zum allgemeinen Rückzug auf. Bernard Fenik führt diese Stelle als Beispiel für eine typische Szene auf, wie sie sich abgewandelt auch einmal in der Aristie des Diomedes (5.590–606) und ein anderes Mal in der ‘Nestorbedrängnis’ (8.130–144) wiederfinde. Alle drei Szenen folgten demnach einem gemeinsamen Muster: 1.) anfänglicher Erfolg der Griechen, 2.) göttliche Intervention zugunsten Hektors, 3.) Angriff Hektors, 4.) griechischer Rückzug vor Hektor und 5.) Rede eines griechischen Helden (einmal Diomedes an die Griechen, einmal Nestor an Diomedes, einmal Thoas an die Griechen gewandt) darüber, dass Hektor göttlichen Beistand genießt.19 Thoas hält hier also eine Rede, wie sie sonst entweder von Diomedes selbst gehalten wird oder an diesen adressiert ist. Diomedes nimmt aber, seit er im elften Buch verwundet worden ist, ← 88 | 89 → nicht mehr an den Kämpfen teil und muss deshalb ersetzt werden. Thoas springt nun für ihn ein.

Ein weiteres Beispiel: In der Epipolesis (4.220–421) schreitet Agamemnon die Reihen der Griechen ab, um deren Anführer einzeln und der Reihe nach zu ermahnen. Zu Diomedes kommt er zuletzt, nachdem er unmittelbar zuvor bei Odysseus gewesen war (der hier seltsamerweise neben dem Athener Menestheus steht).20 Wenn die Schlacht dann schließlich beginnt, ist es aber nicht Diomedes, der direkt nach Odysseus seinen ersten Zweikampf besteht, sondern Thoas (4.527–535). Mit dem Auftritt des Thoas dort, wo man eigentlich Diomedes hätte erwarten können, findet der erste Beschreibungszyklus kleinerer Zweikämpfe (und nach der überlieferten Bucheinteilung auch das vierte Buch) seinen Abschluss. Diomedes selbst ist für seine großartige Aristie im fünften Buch aufgespart.

Ein drittes Beispiel liefert schließlich die Liste der neun Helden, die sich im siebten Buch (7.161–168) zum Zweikampf mit Hektor bereit erklären. Sie melden sich in der folgenden Reihenfolge:

 […]  οἳ δ᾽ ἐννέα πάντες ἀνέσταν.
ὦρτο πολὺ πρῶτος μὲν ἄναξ ἀνδρῶν Ἀγαμέμνων,
τῷ δ᾽ ἐπὶ Τυδείδης ὦρτο κρατερὸς Διομήδης,
τοῖσι δ᾽ ἐπ᾽ Αἴαντες θοῦριν ἐπιειμένοι ἀλκήν,
τοῖσι δ᾽ ἐπ᾽ Ἰδομενεὺς καὶ ὀπάων Ἰδομενῆος,
Μηριόνης, ἀτάλαντος Ἐνυαλίῳ ἀνδρειφόντῃ,
τοῖσι δ᾽ ἐπ᾽ Εὐρύπυλος, Εὐαίμονος ἀγλαὸς υἱός,
ἂν δὲ Θόας Ἀνδραιμονίδης καὶ δῖος Ὀδύσσευς.

 […] Da standen alle neun auf.
Zuallererst erhob sich der Herrscher der Männer, Agamemnon,
nach ihm erhob sich auch der Sohn des Tydeus, der gewaltige Diomedes,
nach ihnen auch die beiden Aianten, ausgerüstet mit kämpferischer Tapferkeit,
nach ihnen auch Idomeneus und der Gefolgsmann des Idomeneus,
Meriones, der dem männermordenden Enyalios gleicht,
nach ihnen auch Eurypylos, der herrliche Sohn des Euhaimon,
auch Thoas (stand) auf, der Sohn des Andraimon, und der edle Odysseus.

Eine ganz ähnliche Liste (die Übereinstimmungen sind unterstrichen) findet sich im achten Buch (8.261–266). Dort führt Diomedes einen Gegenangriff der Griechen an, worauf ihm acht Helden folgen: ← 89 | 90 →

τὸν δὲ μετ᾽ Ἀτρεῖδαι Ἀγαμέμνων καὶ Μενέλαος,
τοῖσι δ᾽ ἐπ᾽ Αἴαντες θοῦριν ἐπιειμένοι ἀλκήν,
τοῖσι δ᾽ ἐπ᾽ Ἰδομενεὺς καὶ ὀπάων Ἰδομενῆος,
Μηριόνης, ἀτάλαντος Ἐνυαλίῳ ἀνδρειφόντῃ,
τοῖσι δ᾽ ἐπ᾽ Εὐρύπυλος, Εὐαίμονος ἀγλαὸς υἱός,
Τεῦκρος δ᾽ εἴνατος ἦλθε παλίντονα τόξα τιταίνων.

Hinter ihm die beiden Atreiden, Agamemnon und Menelaos,
nach ihnen auch die beiden Aianten, ausgerüstet mit kämpferischer Tapferkeit,
nach ihnen auch Idomeneus und der Gefolgsmann des Idomeneus,
Meriones, der dem männermordenden Enyalios gleicht,
nach ihnen auch Eurypylos, der herrliche Sohn des Euhaimon,
Teukros folgte als neunter, den zurückschnellenden Bogen spannend.

In beiden Listen wird ausdrücklich hervorgehoben, dass es sich jeweils um insgesamt neun Helden handelt (7.161; 8.266). Solche Kriegerenneaden scheinen, wie Hendricus Singor zeigt, ein besonders altertümliches Motiv des Heldenepos zu sein.21 Beide Listen zählen offenkundig die neun bedeutendsten griechischen Helden auf, die in der jeweiligen Situation verfügbar sind. Achilleus und Patroklos gehören nicht dazu, da sich beide noch vom Schlachtgeschehen fernhalten. Menelaos fehlt in der ersten Liste, da Agamemnon ihm vorher davon abgeraten hatte, gegen Hektor anzutreten (7.107–122). Seinen Platz nimmt Diomedes ein, der damit buchstäblich in die erste Reihe der großen Helden vorrückt. Das Fehlen des Odysseus in der zweiten Liste ist nicht ganz so einfach zu verstehen. Ein A-Schol. zu Il. 8.266 bietet dafür jedoch die Erklärung an, dass hier noch immer an die kurz zuvor (8.97f.) erfolgte schmähliche Flucht des Odysseus zu den Schiffen gedacht sei. Von dort ist er anscheinend noch nicht zurückgekehrt. Was hat es aber zu bedeuten, wenn Teukros in der ersten, Thoas dagegen in der zweiten Liste fehlt? Offenkundig haben beide keinen Stammplatz in einer Liste der neun größten Helden. Sie springen aber gelegentlich für einen fehlenden Helden ein, um die Enneade vollzumachen. Thoas tritt in der ersten Liste also nur deshalb an die Seite des Odysseus, weil Diomedes auf den Platz des Menelaos vorgerückt ist. In der zweiten Liste wird dagegen nicht Thoas, sondern Teukros ← 90 | 91 → eingefügt, da dieser im unmittelbaren Anschluss an die Liste eine eigene kleine Aristie haben wird.22

Wir stellen hier also die Hypothese auf – von einem Beweis wollen wir noch nicht sprechen (siehe aber Kapitel 1.3.7) –, dass Diomedes in der älteren Troiasage nicht in Argos, sondern in Aitolien zu Hause war. Dann stellt sich nun aber die Frage: Wer führte in der älteren Troiasage das Kontingent aus Argos an? Kannte die ältere Troiasage überhaupt irgendeinen Helden, der aus Argos kam? Dass Euryalos in der älteren Troia- und Epigonensage fehlte, haben wir schon in Kapitel 1.3.2 bemerkt. Was ist mit Sthenelos und Amphilochos?

1.3.5 Die Heimat des Sthenelos

Ähnlich wie Diomedes ist auch Sthenelos keineswegs so fest in Argos verwurzelt, wie man vielleicht denken könnte. Sein Vater Kapaneus ist der Sohn des Hipponoos1 und damit ein Bruder der Periboia, der Mutter des Tydeus. Sthenelos ist also ein Onkel mütterlicherseits des Diomedes. Nun gibt es über die Herkunft des Hipponoos mindestens drei einander widersprechende Traditionen: Einmal ist er als Sohn des Megapenthes (vgl. Schol. Pind. Nem. 9.30), ein anderes Mal als Sohn des Anaxagoras (b-Schol. Il. 2.564; Schol. Eur. Phoen. 180) in den Stammbaum der Proitiden in Argos integriert (vgl. dazu auch die Grafik auf S. 285). Ein Scholion zu Euripides (Phoen. 133) stellt ihn dagegen als Sohn des Oikles, Enkel des Astakos und Urenkel des Hermes vor. Als Sohn des Oikles könnte Hipponoos ein Bruder des Amphiaraos sein, der ebenfalls von einem Oikles abstammt.2 ← 91 | 92 →

Schon dieses auffällige Schwanken der Überlieferung zeigt, dass Hipponoos in der argivischen Genealogie nicht fest verankert ist. Hinzu kommt die gut bezeugte Geschichte, wonach Oineus die spätere Mutter des Tydeus, Periboia, entweder als Kriegsbeute aus (dem aitolischen?) Olenos verschleppt (vgl. Ps.-Apoll.1.8.4 = Thebais fr. 5 Bernabé = 8 Davies = 5 West; Hygin. Fab. 69f.)3 oder aber im achaiischen Olenos verführt und geschwängert habe (vgl. Ps.-Apoll. 1.8.5; Plut. Prov. 1.5). In dieser zweiten Version schickt Hipponoos seine Tochter dem Oineus, der sie geschwängert hat, nach Aitolien hinterher. In einer dritten Version, die wahrscheinlich auf den Frauenkatalog (Ps.-Apoll. 1.8.4 = Ps.-Hes. fr. 12 Merkelbach-West) zurückgeht, ist es zwar ein gewisser Hippostratos, Sohn des Amarynkeus, der Periboia im achaiischen Olenos verführt. Ihr Vater Hipponoos schickt sie dann allerdings zu Oineus nach Aitolien mit dem Auftrag, sie zu töten. Allen drei Versionen ist gemein, dass Hipponoos nicht in Argos, sondern in Olenos herrscht, wobei in der ersten Version womöglich das aitolische, in der zweiten und dritten Version dagegen ausdrücklich das achaiische Olenos gemeint ist.

1.3.6 Die Heimat des Amphilochos

Damit bleibt nur noch die Herkunft des Amphilochos zu klären. Carl Robert beschrieb sie folgendermaßen: „Noch enger als Alkmaion ist sein Bruder Amphilochos mit Akarnanien verknüpft. Er ist der Eponym der nördlich daranstoßenden, im Innern des ambrakischen Meerbusens gelegenen Landschaft Amphilochia, ihrer Bewohner, der Amphilocher, und ihrer Hauptstadt Argos Amphilochikon“.1 Was hat also der Eponym des halb-barbarischen Stammes der Amphilochier2 mit dem peloponnesischen Argos zu tun? Offenbar versuchte man die Existenz eines amphilochischen Argos damit zu erklären, dass der ← 92 | 93 → Eponym und Gründer dieser Stadt als Flüchtling aus dem peloponnesischen Argos nach Amphilochien gewandert war. Da Amphilochos wohl schon von Alters her enge Verbindungen zur Mantik hatte,3 lag der Gedanke nahe, ihn unter die argivischen Nachkommen des Melampus einzuordnen. Die am weitesten verbreitete Version der Sage machte ihn zu einem Sohn des Sehers Amphiaraos und damit zum Bruder des Alkmaion (so schon Od. 15.248 und Ps.-Hes. fr. 197.6 Merkelbach-West). In einer anderen Version, die erst für Euripides sicher bezeugt ist (vgl. Ps.-Apoll. 3.7.7 = Euripides Ἀλκμέων ὁ διὰ Κορίνθου TrGF [6] test. ii Kannicht), ist er dagegen ein Sohn des Alkmaion und der Manto und wächst in Korinth auf.

Die Geschichte vom Mord des Alkmaion an seiner Mutter Eriphyle bot überdies einen willkommenen Vorwand für die Auswanderung des Amphilochos an der Seite des Alkmaion nach Akarnanien und Amphilochien. Die Tatsache, dass die Überlieferung aber fast durchweg Alkmaion alleine für den Muttermord verantwortlich macht, zeigt noch deutlich, dass Amphilochos ursprünglich nicht Teil dieser Geschichte war,4 Erst nachdem der Eponym der Amphilochier nachträglich an die Seite des Alkmaion getreten war, endete die Flucht des letzteren nicht mehr wie ursprünglich im arkadischen Psophis.5 Sie führte ihn nun stattdessen weiter bis nach Akarnanien und an die Mündung des Acheloos. Dort soll sich der Muttermörder auf neu angeschwemmtem Land niedergelassen haben. Denn das delphische Orakel hatte ihm die Auskunft erteilt, dass er nur dann Ruhe finden würde, wenn er sich auf einem Stück Land niederließe, das zu der Zeit, als er den Mord an seiner Mutter beging, noch nicht entstanden war (vgl. Thuk. 2.102). Bei dieser Gelegenheit soll auch das amphilochische Argos gegründet worden sein; mal von Amphilochos selbst (vgl. Thuk. 2.68),6 mal von Alkmaion (der die Stadt dann nach seinem Bruder benennt; vgl. ← 93 | 94 → Strabo 7.7.7 = Ephoros FGrHist 70 F 123b), mal aber auch von jenem jüngeren korinthischen Amphilochos, dem Sohn des Alkmaion und der Manto (siehe oben). Doch schon Immisch erkannte: „Von haus aus scheint es das natürliche, dasz zu dem amphilochischen Argos Amphilochos als gründer gehört und nicht Alkmaion“.7

Immisch stellte überdies die These auf, dass der jüngere Amphilochos nicht erst von Euripides erfunden worden, sondern bereits in der Alkmaionis aufgetreten sei.8 Tatsächlich scheint Euripides die Alkmaionis in seiner späten Schaffensphase ← 94 | 95 → (der Ἀλκμέων ὁ διὰ Κορίνθου wurde posthum aufgeführt) ausgiebig benutzt zu haben.9 Dieser jüngere Amphilochos, der Sohn des Alkmaion und der Manto, der gemeinsam mit seiner Schwester Tisiphone in der Obhut des korinthischen Königs Kreon aufwächst, ist ferner die einzige direkte Verbindung der Alkmaionsage nach Korinth. Es wäre in der Tat verwunderlich, wenn diese Version der Sage nicht schon auf die Alkmaionis zurückgehen sollte, die doch offensichtlich die korinthischen Ansprüche auf Akarnanien propagierte.10 Schließlich schiene es nur konsequent, wenn das amphilochische Argos darin nach einem korinthischen Amphilochos benannt sein sollte. Immischs These steht und fällt jedoch mit dem Wert, den wir dem Zeugnis Strabos (7.7.7) beizumessen bereit sind. Demnach soll Ephoros (FGrHist 70 F 123b) gerade dort, wo er aus der Alkmaionis zu schöpfen scheint,11 behauptet haben, das amphilochische Argos sei von Alkmaion nach seinem Bruder Amphilochos benannt worden. Strabo bekräftigt an anderer Stelle (10.2.26) noch einmal ausdrücklich, dass sich der Stammesname der Akarnanen nach Ephoros (FGrHist 123a) zwar von Akarnan, einem Sohn des Alkmaion, ableite, der Name der Amphilochier jedoch von Amphilochos, dem Bruder des Alkmaion. ← 95 | 96 → Weshalb aber hätte in einem Epos, welches offenkundig die Kolonisation Akarnaniens und Amphilochiens durch Korinth verherrlichte, nur der Eponym der Akarnanen, nicht aber auch der Eponym des benachbarten Stammes der Amphilochier zu einem Sohn des Alkmaion degradiert werden sollen? Gehören beide nicht vielmehr auf die gleiche Stufe? Wahrscheinlich hat Immisch also recht, wenn er vermutet, dass sich Ephoros hier von der gängigeren Version der Sage beeindrucken ließ und den weniger bekannten jüngeren Amphilochos mit dem älteren verwechselte.

In der Ilias wird Amphilochos nicht erwähnt. Sonst scheint er in der Troiasage aber seinen festen Platz zu haben: Der Frauenkatalog (fr. 197 Merkelbach-West) und Ps.-Apollodor (3.10.8) listen ihn unter den Freiern der Helena auf.12 Thukydides (2.68) und Pausanias (2.18.5) berichten davon, dass Amphilochos nach seiner Heimkehr von Troia mit den Verhältnissen in Argos unzufrieden gewesen und deshalb nach Amphilochien gegangen sei, wo er dann das amphilochische Argos gegründet habe.13 Eine tyrrhenische Vase aus der Zeit um 560 v. Chr. zeigt ihn unter den Anwesenden bei der Opferung der Polyxena.14 In einem Fragment aus der Palinodie des Stesichoros (Hel. Pal. 16.28–31 Page) wird er neben Agamemnon und Helena erwähnt (der Zusammenhang ist unklar).

Vor allem ist Amphilochos aber aufs Engste mit dem weiteren Schicksal des Sehers Kalchas verknüpft. Ps.-Apollodor (Epit. 6.2ff.) berichtet, dass Kalchas nach der Einnahme von Troia zusammen mit Amphilochos, Leonteus, Podaleirios und Polypoites zu Fuß nach Kolophon gelangt sei.15 Dort soll Kalchas dann von Mopsos in einem Seherwettstreit besiegt worden und aus Gram über seine Niederlage gestorben sein. Die gleiche Geschichte erzählt auch Strabo (14.1.27) und führt sie auf ‘Hesiod’ zurück (wahrscheinlich ist damit die pseudo-hesiodeische Melampodia gemeint; vgl. fr. 278 Merkelbach-West).16 Dort soll nach ← 96 | 97 → Strabo (14.5.17 = Ps.-Hesiod fr. 279 Merkelbach-West) auch davon berichtet worden sein, dass Apollon den Amphilochos im kilikischen Soloi getötet habe.17 Nach einer anderen Version (vgl. Strabo 14.5.16; Schol. Lykophron 440) soll Amphilochos dagegen nach einem Streit mit Mopsos im kilikischen Mallos gestorben sein, wo er ein berühmtes Orakel besaß. Die gleiche Geschichte berichtet Ps.-Apollodor (Epit. 6.19), der allerdings von dem jüngeren Amphilochos spricht. Auch Lukian (Deor. Conc. 12) hält diesen jüngeren Amphilochos für den Gründer des mallischen Orakels.

Natürlich sind diese Zeugnisse allesamt jünger als die Ilias und können deshalb streng genommen nicht als Beweis dafür dienen, dass Amphilochos schon der vorhomerischen Sage als Teilnehmer am Troianischen Krieg geläufig war. Es wäre aber der einzige bekannte Fall eines prominenten Helden, der erst nach der Ilias – und gegen die Autorität der Ilias – noch in die Troiasage aufgenommen worden wäre.18 Alle Wahrscheinlichkeit spricht also dafür, dass Amphilochos ← 97 | 98 → schon lange fest in der Troiasage etabliert war und nur ausnahmsweise in der Ilias fehlt. Dafür muss es aber einen triftigen Grund geben. Einen solchen Grund liefert offenbar die Version der Alkmaionis, die die Gründung des amphilochischen Argos mit dem Troianischen Krieg synchronisierte.19 Denn es ist doch anzunehmen, dass der Eponym der Stadt bei ihrer Gründung zugegen war – ganz gleich, ob es sich um den älteren oder den jüngeren Amphilochos handelte.

So lässt sich auch die merkwürdige Tatsache erklären, dass in der Ilias weder Amphilochier noch Akarnanen vorkommen, obwohl die griechische Welt ansonsten doch vor Troia einigermaßen vollständig vertreten ist.20 Dictys (1.17) nahm wohl daran Anstoß und fügte seinem Schiffskatalog, der sich sonst weitgehend am Schiffskatalog der Ilias zu orientieren scheint, kurzerhand ein akarnanisches Kontingent von 20 Schiffen hinzu, welches er unter den Befehl des Kalchas stellte.21 Die Akarnanen selbst versuchten später aus ihrem Fehlen im ← 98 | 99 → Schiffskatalog der Ilias politisches Kapital zu schlagen: Sie riefen um 239 v. Chr. die Römer (die sich ja von troianischen Flüchtlingen herleiteten) gegen die Aitolier zur Hilfe mit dem Hinweis, dass sie, die Akarnanen, als einzige unter den Griechen seinerzeit nicht am Zug gegen Troia teilgenommen hätten.22 Warum fehlen also ausgerechnet die Amphilochier und Akarnanen in der Ilias? Eine Antwort kann hier nur die Alkmaionis bieten, derzufolge Akarnanien und Amphilochien erst während des Troianischen Krieges von Alkmaion und Amphilochos besiedelt wurden. Wie hätte dann ein Kontingent der Akarnanen und Amphilochier zur gleichen Zeit am Kriegszug gegen Troia teilnehmen können?

Fassen wir zusammen: Amphilochos stammte in der älteren Sage, wie sein Name schon verrät, aus Amphilochien. Er nahm als Vertreter der Amphilochier und an der Seite der Akarnanen am Troianischen Krieg teil, kehrte aber nicht in seine Heimat zurück, sondern starb in Kilikien, wo er bei Mallos ein berühmtes Orakel besaß. ← 99 | 100 →

1.3.7 Die Freierliste bei Ps.-Apollodor

Kam Diomedes in der älteren Troiasage also aus Aitolien, Sthenelos aus dem achaiischen (oder aitolischen) Olenos und Amphilochos aus Amphilochien? Kam Euryalos in der älteren Troiasage überhaupt nicht vor? Bislang ist dies nicht viel mehr als eine Ansammlung von Hypothesen, die mehr oder weniger stichhaltig begründet sind. Dabei müssen wir es aber nicht bewenden lassen. Es gibt nämlich ein Dokument, welches alle unsere Hypothesen auf einen Schlag so überraschend klar und eindeutig bestätigt, dass man von einem Beweis sprechen könnte. Es handelt sich um die Freierliste bei Ps.-Apollodor (3.10.8; in Klammern sind zum Vergleich jeweils die entsprechenden Verse und Ortsangaben aus dem Schiffskatalog der Ilias angegeben):1

Illustration

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Es ist Kullmanns Verdienst, die Bedeutung dieser Liste erkannt zu haben. Denn die Liste spart genau jene Helden aus, von denen Kullmann auf unabhängigem Wege wahrscheinlich machen konnte, dass sie Erfindungen des Ilias-Dichters sind: Dazu zählen neben Thoas und Euryalos (siehe Kapitel 1.3.2 und 1.3.3) auch Podarkes, der im Schiffskatalog der Ilias den bereits zu Beginn des Krieges gefallenen Protesilaos vertritt, und alle jene kleineren Helden, die in der Ilias sterben, vom Dichter also vermutlich nur als ‘Kanonenfutter’ (Kullmann) eingeführt worden sind. Außerdem fehlen die Inselfürsten Tlepolemos, Nireus, Pheidippos und Antiphos, die nicht nur innerhalb des Schiffskatalogs den geographischen Rahmen sprengen, sondern auch allesamt mit der Heraklessage verbunden und deshalb schon suspekt sind. Die obige Liste geht also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf eine epische Vorlage zurück, die ihrerseits wiederum den vorhomerischen Personalbestand der Troiasage getreulich bewahrt zu haben scheint.2 Es lohnt sich also, einen genaueren Blick darauf zu werfen. ← 101 | 102 →

Zunächst fällt auf, dass die Liste in der Hauptsache um drei Regionen organisiert ist: Arkadien und die Westküste der Peloponnes (Nr. 3, 4, 6) mit den vorgelagerten ionischen Inseln (Nr. 1 und 7), Mittelgriechenland (Nr. 9, 10 und 12–15) und Thessalien3 (Nr. 16–21). Dies entspricht ungefähr der Organisation des Schiffskatalogs der Ilias mit dem Unterschied, dass die Kontingente Mittelgriechenlands dort vorangestellt sind. Insbesondere finden sich die Nummern 3–7 in genau derselben Reihenfolge auch im Schiffskatalog wieder, nur Sthenelos (Nr. 5) fällt völlig aus dem Rahmen – solange er aus Argos kommt. Ebenso scheinen auch Diomedes (Nr. 2) und Amphilochos (Nr. 8) sowie der zweite Eleier Polyxenos (Nr. 11) das geographische Ordnungsprinzip der Liste zu verletzen – solange sie aus Argos bzw. Elis kommen. Menelaos,4 Aias, Teukros und Patroklos (Nr. 22–24) wirken am Ende schließlich wie ein Nachtrag.

Wie ist dieser Befund zu deuten? Wenn wir davon ausgehen, dass die Liste nicht an mehreren Stellen fehlerhaft ist, sondern konsequent einem geographischen Prinzip folgt, dann lässt dies nur einen Schluss zu: Diomedes, Sthenelos und Amphilochos können in dieser Liste nicht als Argiver stehen. Als Aitolier nimmt Diomedes aber neben Odysseus jenen Platz ein, auf dem ihn in der Ilias der Aitolier Thoas ersetzt. Wenn Sthenelos zwischen dem Arkader Agapenor und den beiden Eleiern Amphimachos und Thalpios steht, dann muss er hier der Freier aus Achaia sein. Amphilochos folgt schließlich auf Meges, der über Dulichion und die Echinaden herrscht, also über jene Inseln, die vor der Küste ← 102 | 103 → Akarnaniens liegen. Amphilochos ist hier also der Freier aus Akarnanien und/oder Amphilochien. Eine schönere Bestätigung unserer Hypothesen über die Herkunft der drei Helden könnte man sich nicht wünschen.

Um aber alle Zweifel auszuräumen, müssen wir auch die anderen (vermeintlichen) Unregelmäßigkeiten in dieser Liste erklären. Was ist mit Polyxenos und den vier Helden (Menelaos, Aias, Teukros und Patroklos) am Schluss? Fangen wir mit Polyxenos an. Er wird sowohl in der Freierliste bei Ps.-Apollodor als auch im Schiffskatalog der Ilias (2.623f.) als Sohn des Agasthenes bezeichnet. Die Ilias ergänzt darüber hinaus die Auskunft, dass dieser Agasthenes ein Sohn des Augeias gewesen sei. Polyxenos führt in der Ilias gemeinsam mit Amphimachos und Thalpios, den Söhnen der sagenhaften siamesischen Zwillinge Eurytos und Kteatos, und Diores, dem Sohn des Amarynkeus, das Kontingent der Eleier an. Alle diese Gestalten sind mit der Augeias-Sage assoziiert. Auch Meges, der Anführer des Kontingents von Dulichion und den Echinaden (2.627ff.), gehört als Sohn des Phyleus und Enkel des Augeias in diesen Kontext. Phyleus war, wie in der Ilias ausdrücklich gesagt wird, einst vor seinem Vater nach Dulichion geflohen. Spätere Quellen ergänzen den Rest:5 Augeias wollte Herakles den Lohn nicht zahlen, den er ihm für die Reinigung seiner Weiden versprochen hatte. Als es darüber zum Streit kam, setzte sich Phyleus als Zeuge für Herakles ein und stellte sich somit gegen seinen Vater. Er wurde von diesem deshalb nach Dulichion verbannt, wo er Meges zeugte. Als Augeias hörte, dass Herakles sich für einen Rachefeldzug rüstete, nahm er die siamesischen Zwillinge Eurytos und Kteatos (und nach Pausanias 5.1.10f. auch Amarynkeus) in seinen Dienst. Diese brachten Herakles bei seinem ersten Angriff eine Niederlage bei. Bei einem zweiten Versuch gelang es Herakles jedoch, den Zwillingen eine Falle zu stellen. Er nahm Elis ein, bestrafte Augeias und setzte Phyleus als Herrscher über die Eleier ein.

Soweit stimmen alle bekannten Versionen der Sage überein. Über das weitere Schicksal des Augeias und seiner Nachkommen gehen die Meinungen jedoch auseinander. Ps.-Apollodor (2.7.2) und eine Inschrift auf einer Tafel aus Bovillae (C. I. G. 5984.51ff.) behaupten, Herakles habe Augeias und alle seine Söhne (ausdrücklich im Plural!) mit Ausnahme des Phyleus getötet. Pindar (Ol. 10.50) und Diodor (4.33.4) erwähnen zumindest den Tod des Augeias, sagen aber nichts über das weitere Schicksal seiner Söhne.6 Nur Pausanias (5.1.10f., 3.1ff.) erzählt ← 103 | 104 → eine andere Geschichte: Demnach habe Herakles sowohl Augeias selbst als auch Agasthenes, den jüngeren von insgesamt zwei Söhnen, verschont. Der ältere Sohn Phyleus habe zwar „die Angelegenheiten in Elis geordnet“, sei dann aber nach Dulichion zurückgekehrt. Als Augeias schließlich eines natürlichen Todes starb, habe Agasthenes ganz regulär das Erbe seines Vaters angetreten.

Offensichtlich ist nur die zweite Version mit der Ilias abgestimmt. Nur Pausanias baut Amarynkeus, den Vater des Diores, in die Geschichte ein. Nur Pausanias erwähnt Agasthenes als einen von insgesamt zwei (!) Söhnen des Augeias. Die andere Version der Sage scheint der Ilias dagegen direkt zu widersprechen: Alle Söhne des Augeias (außer Phyleus) sind tot; über Agasthenes und Amarynkeus wird kein Wort verloren. Diese Version ist also offenkundig noch zu einer Zeit entstanden, als die Ilias noch nicht das Maß aller Dinge war. Sie ist im Übrigen auch die konsequentere Version. Bei Pausanias fragt man sich unweigerlich, weshalb Herakles den Augeias und seinen Sohn Agasthenes am Leben lässt. Die Antwort ist offenkundig: um Homer nicht Lügen zu strafen. Wenn die erstere Version aber die ältere ist, dann scheinen Diores, der Sohn des Amarynkeus, und Polyxenos darin nicht vorgekommen zu sein. Tatsächlich fehlt Diores in der Freierliste bei Ps.-Apollodor. In der Ilias dient er als ‘Kanonenfutter’: Er stirbt gleich zu Beginn der Kämpfe (4.517–526).

Was ist mit Polyxenos? Wenn die Freierliste bei Ps.-Apollodor tatsächlich den alten Namensbestand der Troiasage widerspiegelt, dann ist Polyxenos nicht erst eine Erfindung des Ilias-Dichters. Er kann aber nicht in Elis beheimatet gewesen sein. Wo sonst? Nach der Liste bei Ps.-Apollodor ist seine Heimat irgendwo in Mittelgriechenland zwischen Lokris und Athen zu suchen. Und tatsächlich gibt es neben einem älteren Polyxenos, der ebenfalls in Elis angesiedelt ist (mehr dazu unten), noch einen dritten Polyxenos, der dem Hymnus an Demeter (154, 477) zufolge in der Gegend von Eleusis herrschte und an der Einrichtung der eleusinischen Mysterien beteiligt war. Dieser Polyxenos gehört also noch in eine Zeit, in der Eleusis entweder unabhängig von Athen war oder doch zumindest eine eigenständige Sagentradition bewahren konnte.7 Später scheint er dann zum eponymen Heros eines attischen Demos umfunktioniert ← 104 | 105 → worden zu sein.8 Wenn es tatsächlich dieser eleusinische Polyxenos war, der ursprünglich am Troianischen Krieg teilnahm, dann muss Eleusis entweder unter einem eigenen Anführer einen Teil des attischen Kontingents gestellt haben oder (was unwahrscheinlich ist) mit einem eigenen Kontingent vor Troia vertreten gewesen sein. In seiner heutigen Gestalt fällt der attische Eintrag im Schiffskatalog insofern aus dem Rahmen, als er neben Athen keine einzige andere Ortschaft in Attika erwähnt. Offenbar drückt sich darin bereits die Tradition vom Synoikismos unter athenischer Führung aus.9 Reflexe einer älteren Form des Schiffskatalogs, in welchem Eleusis noch unter den Orten Attikas genannt wurde, könnten sich aber im Hymnus an Demeter erhalten haben; zumindest erinnern Formulierungen wie Ἐλευσῖνος κραναὸν πτολίεθρον ἔχουσα (356) und Ἐλευσῖνος θυοέσσης δῆμον ἔχουσαι (490) stark an die Diktion eines Schiffskatalogs. Die Ilias scheint also im Unterschied zur älteren Troiasage den attischen Synoikismos zu berücksichtigen. Eleusis verschwand aus dem Schiffskatalog, und der eleusinische Held Polyxenos musste irgendwo anders unterkommen. Wieso aber ausgerechnet in Elis?

Wahrscheinlich kannte die Sage bereits jenen älteren Polyxenos in Elis. Von diesem hieß es, er habe die Rinder des Elektryon bewacht, die von den Taphiern aus Mykene gestohlen worden waren. Amphitryon zahlte das Lösegeld, brachte die Rinder aus Elis zurück und erhielt dafür die Herrschaft über Mykene und Elektryons Tochter Alkmene zur Frau (vgl. Ps.-Apoll. 2.4.6; Schol. Lykophr. 932). Es ist sicherlich kein Zufall, dass auch der jüngere Polyxenos in Elis mit der Aufsicht über die Rinderherden anderer Leute befasst ist. In der Telegonie (Proklos Chrest. 309–312 Severyns) passt er auf die Rinderherden des Odysseus auf: Der Name Polyxenos (der ‘Gastfreundliche’) inspirierte wohl die Geschichte, wonach Odysseus von diesem „gastfreundlich empfangen“ worden sei (ξενίζεται παρὰ Πολυξένῳ), als er seine Herden in Elis inspizierte. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der jüngere Polyxenos nichts weiter als eine Dublette des älteren ist. Offenbar führte man in Elis einen zweiten Polyxenos in der Generation des Troianischen Krieges ein, nachdem der eleusinische Polyxenos heimatlos ← 105 | 106 → geworden war. Die Assoziation des eleusinischen Polyxenos mit dem älteren Polyxenos in Elis scheint nur natürlich, da beide wohl den gleichen Ursprung haben: „Polyxenos gibt sich durch seinen Namen als einen alten Unterweltsgott zu erkennen“ (C. Robert).10 Bei den Tragikern wird der Herrscher der Unterwelt wiederholt mit dem Beinamen Polyxenos (der ‘Gastfreundliche’) belegt.11 Sowohl in Elis als auch in Eleusis vermutete man Eingänge zur Unterwelt.12 Was lag also näher, als den eleusinischen Polyxenos nach Elis umzusiedeln?

Es bleibt also nur noch zu klären, weshalb vier Helden (Menelaos, Aias, Teukros und Patroklos) wie ein Nachtrag an das Ende der Liste angehängt sind. Geographische Kriterien scheinen dabei keine Rolle gespielt zu haben. Was sonst? Zumindest die exponierte Stellung des Menelaos am Ende der Liste findet eine Parallele in der Freierliste des Frauenkatalogs (vgl. fr. 204.85–93 Merkelbach-West): Dort schließt der Dichter mit dem Hinweis, dass Menelaos alle anderen Freier durch seine reichen Geschenke übertroffen habe. Der siegreiche Freier ist bis ans Ende aufgespart.

Was ist mit Aias, Teukros und Patroklos? Es ist sicherlich kein Zufall, dass ausgerechnet diese drei schon lange im Verdacht stehen, Neulinge in der Troiasage zu sein. Zunächst zu Patroklos: Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Gestalt des Patroklos auf ihre Rolle in der μῆνις-Handlung hin ← 106 | 107 → entworfen worden ist: „ein Geschöpf und Opfer der „Menis“ und nichts außerdem“ (K. Reinhardt).13 Der Dichter, der das Motiv vom Zorn des Achilleus zum Ausgang seines Epos nahm, bedurfte eines Helden, der durch seinen Tod Achilleus zur Rache motivieren würde. Die Neoanalytiker haben in dem Antilochos der Memnonsage das Vorbild für den homerischen Patroklos sehen wollen.14 Die Frage ist nur, ob der Ilias-Dichter das Zorn-Motiv und Patroklos von einem (wahrscheinlich nicht viel älteren Vorgänger) übernommen und fortentwickelt oder völlig neu erfunden hat. Wenn die Freierliste bei Ps.-Apollodor tatsächlich den vorhomerischen Personalbestand der Troiasage widerspiegelt, dann scheint wohl Ersteres der Fall zu sein.15

Anders als Patroklos sind Aias und sein (Halb-)Bruder Teukros zweifellos uralte Sagengestalten; vielleicht sogar älter als die Troiasage selbst: Aias trägt noch einen Schild, wie er bereits gegen der Ende der Bronzezeit nicht mehr in Gebrauch war. Nur war er ursprünglich nicht in der Troiasage zu Hause: „The magnet of the Trojan War has attracted this hero of earlier adventures“ (D. Page).16 Darauf deutet die Tatsache hin, dass der salaminische Eintrag im Schiffskatalog der Ilias dem von Kirk und Visser so genannten C-Typus entspricht.17 Dieser Typus findet sich in reiner Form sonst nämlich nur noch in den Einträgen des Tlepolemos und des Nireus, die als Herakliden beide ebenfalls im Verdacht stehen, erst spät in die Troiasage und damit auch in den Schiffskatalog ← 107 | 108 → aufgenommen worden zu sein.18 Bezeichnenderweise fehlen Tlepolemos und Nireus in der Freierliste bei Ps.-Apollodor. Wenn ausgerechnet Aias, Teukros und Patroklos am Ende dieser Freierliste stehen, dann liegt das also daran, dass alle drei erst späte Ergänzungen zur Troiasage sind. Man kann hier förmlich sehen, wie sie erst nachträglich an den überlieferten Personalbestand der Sage angeheftet worden sind.

Damit ist, so hoffe ich, der Nachweis erbracht, dass die ältere Troiasage keinen einzigen Helden aus Argos kannte. Erst der Ilias-Dichter scheint im Anschluss an die Sagenversion der Alkmaionis (nicht notwendigerweise schon das Epos, welches später unter diesem Namen kursierte) die Ansprüche, die Argos mittlerweile auf Helden wie Diomedes, Sthenelos, Euryalos und Amphilochos erhob, berücksichtigt zu haben. Die ältere Troiasage scheint diese Helden dagegen noch in Aitolien (Diomedes und vielleicht auch Sthenelos) bzw. Amphilochien (Amphilochos) verortet oder gar nicht gekannt zu haben (Euryalos). So gewinnt schließlich auch die Sage vom Aitolienzug des Diomedes überhaupt erst ihren Sinn: Sie liefert nämlich eine Erklärung dafür, dass Diomedes nicht von Argos aus, sondern direkt von Aitolien nach Troia segelt. Denn in Aitolien erreichte ihn Agamemnons Aufforderung zur Heeresfolge. Vor Troia konnte man ihn also wahlweise als Argiver (wie in der Ilias) oder als Aitolier behandeln (wie es die ältere Sage offenbar noch tat).

1.3.8 Diomedes und der argivische Eintrag im Schiffskatalog

Damit kommen wir schließlich auf den Schiffskatalog der Ilias zu sprechen. Dort führt Diomedes nicht mehr die Aitolier, sondern das Aufgebot aus Argos an. Haben sich auch im Schiffskatalog noch Hinweise darauf erhalten, dass Diomedes in Argos ein Neuankömmling ist? Tatsächlich wirft der argivische Eintrag im Schiffskatalog eine Reihe von Fragen auf. Ihm geht zunächst der überraschend kurze Eintrag des Telamonischen Aias voraus, der von der Insel Salamis kommt (2.557f.). Unmittelbar darauf folgt das Kontingent der Argiver, welches von Diomedes, Sthenelos und Euryalos angeführt wird (2.559–568; die Unterstreichungen werden später erklärt):

Αἴας δ᾽ ἐκ Σαλαμῖνος ἄγεν δυοκαίδεκα νῆας.
στῆσε δ᾽ ἄγων, ἵν᾽ Ἀθηναίων ἵσταντο φάλαγγες.
οἳ δ᾽ Ἄργος τ᾽ εἶχον, Τίρυνθά τε τειχιόεσσαν
Ἑρμιόνην Ἀσίνην τε, βαθὺν κατὰ κόλπον ἐχούσας,
Τροιζῆν᾽ Ἠιόνας τε καὶ ἀμπελόεντ᾽ Ἐπίδαυρον, ← 108 | 109 →
οἵ τ᾽ ἔχον Αἴγιναν Μάσητά τε κοῦροι Ἀχαιῶν,
τῶν αὖθ᾽ ἡγεμόνευε βοὴν ἀγαθὸς Διομήδης
καὶ Σθένελος, Καπανῆος ἀγακλειτοῦ φίλος υἱός‧
τοῖσι δ᾽ ἅμ᾽ Εὐρύαλος τρίτατος κίεν, ἰσόθεος φώς,
Μηκιστέως υἱὸς Ταλαϊονίδαο ἄνακτος.
συμπάντων δ᾽ ἡγεῖτο βοὴν ἀγαθὸς Διομήδης‧
τοῖσι δ᾽ ἅμ᾽ ὀγδώκοντα μέλαιναι νῆες ἕποντο.

Aias aber brachte zwölf Schiffe aus Salamis.
Er brachte sie und stellte sie dort auf, wo die Phalangen der Athener standen.
Die aber Argos besaßen und das befestigte Tiryns,
Hermione und Asine, die (jeweils) eine tiefe Bucht beherrschen,
Troizen und Eiones und das weinstockreiche Epidauros,
die Aigina besaßen und Mases, die jungen Männer der Achaier,
die wiederum führte Diomedes an, der gut ist im Schlachtruf,
und Sthenelos, der liebe Sohn des hochberühmten Kapaneus,
mit diesen zusammen zog Euryalos als dritter, der göttergleiche Held,
der Sohn des Herrschers Mekisteus, des Talaioniden.
Alle zusammen aber führte Diomedes an, der gut ist im Schlachtruf;
mit diesen zusammen folgten 80 schwarze Schiffe.

Beide Einträge erregen aus verschiedenen Gründen Anstoß: Aias, einer der gewaltigsten Helden vor Troia, wird hier mit gerade einmal zwei Versen abgefertigt; es ist der kürzeste Eintrag im Schiffskatalog überhaupt. Hinzu kommt noch, dass der zweite Vers im Verdacht steht, ein späterer Zusatz der Athener zu sein, eingefügt in die Ilias mit dem Ziel, die athenischen Ansprüche auf Salamis zu rechtfertigen.1 Sollte Aias in einer älteren Version des Schiffskatalogs also nur ← 109 | 110 → in einem einzigen Vers behandelt worden sein? Ganz anders der argivische Eintrag: Dort wird Diomedes in gebührender Ausführlichkeit als Gebieter über ein Reich vorgestellt, das nicht nur Argos und Tiryns, also den südlichen Teil der argolischen Ebene, sondern auch den gesamten Küstenabschnitt zwischen Asine und Epidauros sowie die Insel Aigina umfasst. Dies hat nun allerdings zur Folge, dass sein Nachbar Agamemnon auf Mykene selbst und die Gebiete nördlich und nordwestlich von Mykene beschränkt ist (vgl. 2.569–580): Dazu gehören zwar auch bedeutende Orte wie Korinth und Sikyon sowie das spätere Achaia (bei Homer noch Aigialos genannt). Dennoch überrascht es, dass der mächtige König von Mykene gerade jene Ebene, die er von seiner Burg aus überblickt, mit einem anderen Helden teilen muss. Obendrein ist ihm dadurch der nächstgelegene Zugang zum Meer versperrt, obwohl er das größte Kontingent an Schiffen stellt.2

Hier ist also irgendetwas offensichtlich nicht in Ordnung. Nun will es ein glücklicher Zufall, dass uns auf einem Berliner Papyrusfragment aus dem pseudo-hesiodischen Frauenkatalog (P. Berol. 10560 = Ps.-Hes. fr. 204 Merkelbach-West) ein anderer Katalogeintrag des Aias erhalten ist. Darin heißt es (fr. 204.44–51):

Αἴας δ᾽ ἐκ Σαλαμῖνος ἀμώμητος πολεμ̣ι̣σ̣τὴς
μνᾶτο‧ δίδου δ᾽ ἄρα ἕδνα ἐ̣[ο]ι̣κότα, θαυματὰ ἔργα‧
οἳ γὰρ ἔχον Τροιζῆνα καὶ ἀγ[χ]ίαλον Ἐπίδαυρον,
νῆσόν τ᾽ Αἴγιναν Μάση̣τά τε κοῦρ̣ο̣[ι] Ἀχαιῶν
καὶ Μέγαρα σκιόεντα καὶ ὀφρυόεντα Κό̣ρ̣ινθον,
Ἑρμιόνην Ἀσίνην τε παρὲξ ἅλ̣α̣ ν̣αιετα̣ώσας,
τῶν ἔφατ᾽ εἰλίποδάς τε βόας κ[α]ὶ̣ []φ̣ι̣α̣ μ̣ῆ̣λα
συνελάσας δώσειν‧ ἐκέκαστο γὰρ ἔγχεϊ μ̣α̣κρῶι̣. ← 110 | 111 →

Aias aber, der untadelige Krieger, [kam] aus Salamis
und freite; er wollte ansehnliche Brautgeschenke geben, wunderbare Dinge:
Denn diejenigen, die Troizen und das nahe am Meer gelegene Epidauros besaßen
und die Insel Aigina und Mases, die jungen Männer der Achaier,
und das schattige Megara und das hügelige Korinth,
Hermione und Asine, die nahe beim Meer gelegen sind,
deren fußschleppende Rinder und fetten Schafe, sagte er,
werde er zusammentreiben und geben: Denn er zeichnete sich aus mit dem langen Speer.

Obwohl es sich in diesem Falle nicht um einen Schiffskatalog, sondern um einen Katalog von Helenas Freiern handelt, zeigen sich auffällige Übereinstimmungen mit dem Schiffskatalog der Ilias. Die unterstrichenen Elemente stimmen im Wortlaut mit dem oben zitierten Auszug aus dem Schiffskatalog überein und füllen jeweils (außer Troizen) auch die gleiche Position im Vers.3 Wie leicht zu sehen ist, deckt sich die Liste der Ortsnamen, die hier gegeben wird, in weiten Teilen mit dem argivischen Eintrag im Schiffskatalog. Nur Argos und Tiryns (und das obskure Eiones)4 fehlen, stattdessen werden Megara und Korinth genannt. Im Schiffskatalog wird Megara dagegen nicht berücksichtigt, während Korinth zusammen mit Kleonai (2.570: ἀφνειόν τε Κόρινθον ἐυκτιμένας τε Κλεωνάς) dem Agamemnon zugeschlagen wird.

Schon Schubart und Wilamowitz, die Erstherausgeber des Berliner Papyrusfragments, zogen die Möglichkeit in Betracht, dass der Frauenkatalog hier einen älteren Zustand der Überlieferung bewahrt haben könnte: „Die Verse über Aias […] sind nach dem Schiffskatalog gearbeitet und liefern interessante Varianten […]. Nun besitzen wir bekanntlich gerade über Aias nicht mehr die originale Fassung, sondern er ist zu einem Annex der Athener geworden, was nicht eintreten konnte, ehe Salamis ein Annex von Athen geworden war. Man könnte also hoffen, in den hesiodeischen Katalogen die echte Fassung der homerischen ← 111 | 112 → benutzt zu finden.“ Diese Hoffnung machen die Herausgeber jedoch sofort wieder zunichte: „Dem ist nicht so. Dieser Aias will seine Nachbarn ausrauben, die Argolis bis Hermione und die Isthmusstaaten, für die, weil der Katalog versagte, ein neuer Vers zusammengestoppelt ist:5 aber Attika, das dem Salaminier zunächst vor den Augen lag, bedroht Aias nicht, offenbar, weil er eigentlich bereits dazu gehörte. Also dieser Hesiod ist jünger als die Fassung des homerischen Kataloges, die erst unter Peisistratos fallen kann“.6

Dieses Urteil blieb während der folgenden acht Jahrzehnte ohne Widerspruch in Kraft,7 bis Margalit Finkelberg die Frage schließlich wieder aufwarf. In der Zwischenzeit hatte nämlich die ‘oral poetry’-Forschung, inspiriert vor allem durch die Arbeiten von Milman Parry und Albert Lord, eine völlig neue Perspektive aufgezeigt: „Indeed, the impact of Milman Parry’s work on Homeric scholarship was felt, among other things, in the recognition of the fact that parallels between two traditional texts, striking as they may be, can well indicate that these are two independent variants of a common tradition“ (M. Finkelberg).8 So deutete Finkelberg nun also beide Katalogeinträge als voneinander unabhängige Reflexe einer gemeinsamen mündlichen Tradition. Dies zeige sich, wenn man das Augenmerk weniger auf die offensichtlichen Gemeinsamkeiten, sondern stärker auf die feinen Unterschiede richte: So würden die aufgeführten Orte im Frauenkatalog durchweg mit anderen, metrisch äquivalenten Epitheta belegt: ἀγχίαλον (statt ἀμπελόεντ᾽) Ἐπίδαυρον, ὀφρυόεντα (statt ἀφνειόν τε) Κόρινθον, Ἑρμιόνην Ἀσίνην τε παρὲξ ἅλα ναιεταώσας (statt βαθὺν κατὰ κόλπον ἐχούσας). Dabei verwende der Dichter des Frauenkatalogs stets Junkturen, ← 112 | 113 → die im Corpus der erhaltenen hexametrischen Dichtung auch anderweitig belegt (vgl. H. Del. Ap. 32: καὶ ἀγχιάλη Πεπάρηθος;9 Hdt. 5.92β, einen alten Orakelspruch zitierend: καὶ ὀφρυόεντα Κόρινθον)10 oder doch zumindest aus solchen abgeleitet sind (παρὲξ ἅλα ναιεταώσας aus der geläufigeren Wendung πόλεις εὖ ναιεταώσας).11 Dagegen sei der Eintrag im Schiffskatalog durch eigenwilligere Formulierungen charakterisiert, die sonst keine Parallele haben: So ist das Epitheton ἀμπελόεντ᾽ in dieser Form und Position im Vers sonst nicht belegt.12 Das Epitheton ἀφνειός wird gewöhnlich nicht von Städten, sondern von Personen oder dem Haushalt gebraucht.13 Der Ausdruck βαθὺν κατὰ κόλπον ἐχούσας scheint aus einer Wendung wie παῖδ᾽ ἐπὶ κόλπῳ ἔχουσ᾽(Il. 6.400)14 und dem Epitheton βαθύκολποι15 kombiniert worden zu sein.

Insgesamt kommt Finkelberg also zu dem Schluss, dass der Eintrag des Aias im Katalog der Freier weit davon entfernt sei, ein holperiges Imitat einer älteren Passage im Schiffskatalog der Ilias zu sein. Vielmehr scheine die Diktion des Frauenkatalogs hier stärker in den Konventionen der epischen Dichtersprache verankert als das vermeintliche Vorbild im Schiffskatalog: „In view of this, ‘Hesiod’s’ description of Ajax’s dominions seems preferable to that in Homer“.16 Der Eintrag des Aias im Katalog der Freier erweise sich damit als ein unabhängiges Zeugnis einer alten Tradition über den Herrschaftsbereich des Aias, die diesem einen großen Teil jener Ortschaften zugeordnet habe, die in der Ilias zu Diomedes gehören: Wenn man den Eintrag des Aias im Schiffskatalog also – mutatis mutandis – durch den Eintrag des Aias im Katalog der Freier ersetze, ← 113 | 114 → käme nicht nur Aias voll zu seinem Recht, obendrein würde auch das Gebiet des Diomedes auf „more natural proportions“ reduziert.17

Gegen Finkelbergs Schlussfolgerungen hat wiederum Ettore Cingano in mehreren Aufsätzen Einspruch erhoben. Denn es werde, wie ja schon Schubart und Wilamowitz feststellten, im Katalog der Freier gar nicht behauptet, dass Aias die genannten Orte unter ständiger Kontrolle habe.18 Vielmehr heiße es nur, dass er aus diesen Orten Vieh „zusammentreiben“ wolle; der Ausdruck (συν)ελαύνειν werde im Epos aber regelmäßig im Zusammenhang mit Viehdiebstahl (βοηλασίη) verwendet.19 Ebenso deute der Hinweis, Aias habe sich „nämlich mit dem langen Speer ausgezeichnet“ (ἐκέκαστο γὰρ ἔγχεϊ μακρῷ), auf einen räuberischen oder kriegerischen Akt hin.20 Auch ein Vergleich der ← 114 | 115 → Formelsprache liefere keinen zwingenden Beleg für die Unabhängigkeit des Freierkatalogs vom Schiffskatalog der Ilias.21 Im Gegenteil: Der Eintrag des Aias im Katalog der Freier sei deutlich nach dem Vorbild des Schiffskatalogs modelliert. Nicht nur die Aufzählung von Ortsnamen, sondern auch die umständliche Epanalepse τῶν ἔφατ᾽ εἰλίποδάς τε βόας κ[α]ὶ̣ []φ̣ι̣α̣ μ̣ῆ̣λα / συνελάσας δώσειν (fr. 204, 10) verrate den Schiffskatalog als Vorbild: Auch dort folgt nämlich auf eine Liste von Orten, eingeleitet durch οἵ, meist ein zusammenfassender Vers vom Typ: „diese führte der Held n. n. an“. Er wird immer eingeleitet durch τῶν, welches entweder von einem Verb des Anführens abhängig ist (vgl. z. B. 2.563: τῶν αὖθ᾽ ἡγεμόνευε βοὴν ἀγαθὸς Διομήδης) oder die Besitzer der Schiffe bezeichnet (vgl. z. B. 2.509: τῶν μὲν πεντήκοντα νέες κίον, ἐν δὲ ἑκάστῃ).22 Es scheint also, als habe der Frauenkatalog hier ein typisches Strukturelement des Schiffskatalogs mit einem Verstyp, wie er in Od. 20.51 (καί κεν τῶν ἐλάσαιο βόας καὶ ἴφια μῆλα) belegt ist, kombiniert.

Cingano kommt also zu dem Schluss: „[W]hat we have here is not an earlier entry for Ajax preferable to the couplet in the Iliad, nor is it ‘incompatible’ with the Homeric version or independent of it. To put it simply, I would say that the Hesiodic poet has elaborated upon the Homeric passages, or a similar epic tradition, in the attempt to create a different status for Ajax“.23

Cingano hat sicherlich recht: Der Eintrag des Aias im Freierkatalog ist nach dem Vorbild eines Schiffskatalogs modelliert. Muss es aber der Schiffskatalog der Ilias sein? In der Tat fällt auf, dass im Frauenkatalog nicht nur einzelne Versbausteine aus dem Schiffskatalog der Ilias wieder auftauchen, sondern auch der Gesamtaufbau der Verse Il. 2.557–563 vollständig bewahrt ist. Beiden Passagen unterliegt nämlich die folgende gemeinsame Struktur: ← 115 | 116 →

Αἴας δ᾽ ἐκ Σαλαμῖνος [∪ — ∪∪∪∪ — ]
+ 1 Vers
οἳ leitet 4 Verse mit Ortsnamen ein, darunter (in unterschiedlicher Reihenfolge):
[— ∪∪∪∪]* καὶ [— ∪∪ —] Ἐπίδαυρον
[— ∪∪] Αἴγιναν Μάσητά τε κοῦροι Ἀχαιῶν
Ἑρμιόνην Ἀσίνην τε [∪∪∪∪ — —]
τῶν […]
*(mit Troizen in unterschiedlicher Position)

Nur werden die Leerstellen im obigen Schema jeweils unterschiedlich gefüllt. Das ist zum Teil der besonderen Situation des Freierkatalogs geschuldet: So muss auf Αἴας δ᾽ ἐκ Σαλαμῖνος dort eine Konstruktion mit ()μνᾶτο statt ἄγεν δυοκαίδεκα νῆας folgen. Wenn der Freierkatalog aber – ohne Not – auch in der Wahl der Epitheta vom Schiffskatalog der Ilias abweicht, scheint dies darauf hinzudeuten, dass hier noch immer die Mechanismen einer primär mündlichen Dichtungstradition am Werk sind: Insbesondere bei „kontextsemantisch neutralem Epithetonmaterial“ (E. Visser) ist dann nämlich mit einem hohen Grad an Variation zu rechnen.24

Wir haben oben in Kapitel 1.1.4 bereits über Naglers Theorie von der homerischen Formel als präverbaler ‘Gestalt’ gesprochen. In der Tat scheint es, als hätten wir es auch in diesem Falle, ähnlich wie schon Finkelberg vermutete, mit zwei Allomorphen einer gemeinsamen ‘Gestalt’ zu tun. Bei dieser ‘Gestalt’ handelte es sich dann sozusagen um das mentale Grundgerüst (‘mental template’) für einen Eintrag des Aias in einem Schiffskatalog. Da ein solcher Katalogeintrag im Kern um eine Liste von Ortsnamen organisiert war, die dem Dichter nur wenig Spielraum für eigenmächtige Änderungen ließ, dürfte er mit der Zeit eine einigermaßen verbindliche äußere Form (‘surface structure’) angenommen haben. Überhaupt ist gerade in der Katalogdichtung, wo es auf die präzise Organisation bestimmter, meist traditioneller Namenslisten ankam, mit einer besonders starken Tendenz zur Ausbildung fester Formate zu rechnen: „There is more emphasis in a list-song on memorization and near word for word reproduction and less scope (than in other oral genres) for innovation“ (E. Minchin).25 Eine Vorstellung davon, wie das traditionelle Format für einen Eintrag des Aias in einem Schiffskatalog ausgesehen haben könnte, vermittelt der folgende (zugegebenermaßen sehr hypothetische) Rekonstruktionsversuch:

Αἴας δ᾽ ἐκ Σαλαμῖνος [ἄγεν δυοκαίδεκα νῆας]26
+ 1 Vers ?
οἳ + 4 (?) Verse mit Ortsnamen, darunter:
[— ∪∪∪∪ ― ∪]* καὶ [— ∪∪ —] Ἐπίδαυρον
[— ∪∪] Αἴγιναν Μάσητά τε κοῦροι Ἀχαιῶν
Ἑρμιόνην Ἀσίνην τε [∪∪∪∪ — —]
τῶν [αὖθ᾽ ἡγεμόνευε μέγας Τελαμώνιος Αἴας]27
*(mit Troizen und evtl. Eiones in der ersten Vershälfte)

Wenn die epische Tradition tatsächlich ein solches Format für den Katalogeintrag des Aias vorgesehen haben sollte, dann weicht der Schiffskatalog der Ilias radikal von dieser Tradition ab. Zwar legt der Dichter seiner Darstellung offenkundig noch das traditionelle Format zugrunde, er zerschneidet es dann aber sozusagen in zwei Hälften. Damit beraubt er Aias seiner angestammten Besitzungen und schiebt sie den Argivern und ihrem Helden Diomedes zu. Auch der Dichter des Frauenkatalogs weicht aber von den Vorgaben der Überlieferung ab. Er adaptierte das traditionelle Format eines Eintrags in einem Schiffskatalog an die Zwecke eines Freierkatalogs, indem er an die Stelle der Schiffe eine Konstruktion mit ()μνᾶτο setzte. Außerdem drehte er die traditionelle Abschlussformel τῶν αὖθ᾽ ἡγεμόνευε κτλ. zu einer umständlichen Ankündigung des Aias um, aus den genannten Gebieten die versprochenen Brautgeschenke zu beschaffen. Aias ist hier also nicht mehr eindeutig als Herr dieser Gebiete bezeichnet. Warum? Der Dichter kannte offenbar die Ilias; darauf deutet die Erwähnung des Thoas (fr. 198) und des Podarkes (fr. 199) unter den Freiern hin. Beide Helden sind, wie Wolfgang Kullmann überzeugend zeigen konnte, höchstwahrscheinlich erst vom Ilias-Dichter in den Schiffskatalog aufgenommen worden.28 Nur ein Dichter, der mit der Ilias vertraut war, konnte also behaupten, dass auch Podarkes und Thoas zu den Freiern der Helena gehörten.29

Wir sind damit also zu dem Ergebnis gekommen, dass der Dichter des Frauenkatalogs mit großer Wahrscheinlichkeit sowohl den Schiffskatalog der Ilias – und damit auch den verkürzten Eintrag des Aias – als auch einen anderen Schiffskatalog kannte, der den Eintrag des Aias noch in voller Länge bot. Am ehesten kommt dafür wohl ein Schiffskatalog in einem Epos wie den Kypria in Frage, welches die Ausfahrt der Flotte von Aulis ausdrücklich behandelte (vgl. Proklos Chrest. 122–144 Severyns).30 Der Dichter des Frauenkatalogs kannte damit also mindestens zwei verschiedene Versionen vom Herrschaftsbereich des Aias, die einander insofern widersprachen, als sie Aigina und die argolische Küste einmal dem Aias, ein anderes Mal dem Diomedes unterstellten. In seinem Freierkatalog unternahm er nun anscheinend den Versuch, beide Versionen miteinander auszusöhnen.31 Deshalb herrscht Aias dort zwar nicht mehr ausdrücklich über die Orte der gegenüberliegenden Küste, maßt sich aber dennoch an, deren Vieh der Helena zum Brautgeschenk zu machen.32

Damit bleibt zuletzt ein Einwand zu besprechen, den schon Cingano gegen Finkelberg erhoben hatte: Demnach würden die anfangs skizzierten Schwierigkeiten im Schiffskatalog keineswegs dadurch behoben, dass man Aigina und die Ortschaften entlang der argolischen Küste einfach dem Diomedes wegnimmt und stattdessen unter den Befehl des Aias stellt. Denn über welche Orte sollte Diomedes dann noch herrschen? Ihm blieben nur Argos und Tiryns; wahrlich nicht viel für einen Helden von seiner Statur. Auch die bemerkenswerte Tatsache, dass Tiryns und Mykene im Schiffskatalog der Ilias zwei verschiedenen Herren unterstehen, bliebe weiterhin ohne eine schlüssige Erklärung.33

Wir können eine solche Erklärung nun aber bieten, denn wir haben in den vorangegangenen Kapiteln nachgewiesen, dass die ältere Troiasage keinen einzigen Helden aus Argos kannte und Diomedes ursprünglich nach Aitolien gehört. Während Aigina und die Orte entlang der argolischen Küste in einer älteren Version des Schiffskatalogs noch unter dem Befehl des Aias standen, müssen Argos und Tiryns zusammen mit Mykene dem Agamemnon unterstanden haben. Damit können wir nun auch aber auch die Sage vom Aitolienzug des Diomedes (vgl. Kapitel 1.3.3) vollständig erklären: Dort wird Argos nämlich, sobald Diomedes nach Aitolien aufgebrochen ist, von Agamemnon überfallen und besetzt. Der Angriff scheint völlig unprovoziert und durch nichts gerechtfertigt. Agamemnon kann die Stadt auch nicht lange halten, denn schon kurz darauf bricht er nach Troia auf. Er macht Diomedes also ein Angebot: Falls dieser bereit sei, am Kriegszug gegen Troia teilzunehmen, würde er seine Stadt zurückerhalten. Man fragt sich allerdings, weshalb sich Diomedes überhaupt auf einen solchen Handel einlässt? Warum folgt er einem König in den Krieg, der ihm gerade erst die Heimatstadt gestohlen hat? Warum erobert er sich nicht einfach seine Stadt zurück, da doch Agamemnon fort ist und nichts dagegen unternehmen kann? Kurzum: Was soll diese merkwürdige Geschichte? Es scheint, als wolle sie eine Begründung für den Umstand liefern, dass Argos in einer älteren Version des Schiffskatalogs noch zum Reich des Agamemnon zählte. Man erklärte dies offenkundig so, dass Diomedes die Kontrolle über Argos kurz vor seinem Aufbruch nach Aitolien verloren und erst nach seiner Rückkehr aus Troia zurückgewonnen habe. Solange Diomedes in Aitolien und (direkt danach) vor Troia war, konnte Argos deshalb als Besitz des Agamemnon gelten.

1.3.9 Folgen für die Datierung der Ilias

Es hat sich in den Kapiteln 1.3.6 und 1.3.7 gezeigt, dass Amphilochos – ähnlich wie Diomedes und Sthenelos – erst nachträglich zum Argiver erklärt worden ist. In der älteren Sage muss er noch als Repräsentant der Amphilochier und Akarnanen am Zug gegen Troia teilgenommen haben. Wenn die Ilias dagegen nicht nur ihn, sondern die Amphilochier und Akarnanen überhaupt vom troianischen Kriegsschauplatz verbannt, muss es einen triftigen Grund dafür geben. Einen solchen bietet nur die Sagenversion der Alkmaionis. Denn dort sind Alkmaion und Amphilochos während des Troianischen Krieges mit der Besiedelung Akarnaniens und der Gründung des Amphilochischen Argos beschäftigt.

Diese Erkenntnis hat weitreichende Folgen für die Datierung der Ilias. Denn die Gründungen des Alkmaion und des Amphilochos in Akarnanien spiegeln nach allgemeiner Auffassung die korinthische Kolonisation in dieser Gegend wider. Die Ilias setzt also den Beginn der korinthischen Kolonisation in Akarnanien voraus, den unsere Quellen wiederum einhellig in die Zeit des Kypselos datieren.1 Damit erhärtet sich Kullmanns Vermutung (siehe Kapitel 1.3.3), dass der Beginn der Tyrannis des Kypselos (traditionelles Datum: ca. 660/57 v. Chr.; siehe dazu jedoch auch die ausführliche Diskussion in Anhang 3) ein terminus post quem für die Entstehung der Ilias ist.2

Ein solcher terminus post quem mag auf den ersten Blick sehr spät erscheinen. Schließlich galt es bis vor gar nicht langer Zeit noch weitgehend als ausgemacht, dass die Ilias in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts anzusetzen sei. Mittlerweile scheint sich jedoch bei vielen die zuletzt besonders nachdrücklich von Martin West vertretene Ansicht durchgesetzt zu haben, wonach die Ilias in das siebte Jahrhundert gehört. West stützt seine Auffassung unter anderem auf zwei Stellen im siebten (7.442–463) und im zwölften Buch (12.17–33). Dort wird angekündigt, dass Poseidon und Apollon die Mauer um das Schiffslager nach dem Abzug der Griechen zerstören werden, um alle Erinnerung daran auszulöschen. Zu diesem Zweck wird Apollon den Lauf der örtlichen Flüsse gegen die Mauer lenken, um sie samt ihrer Fundamente ins Meer zu spülen. Sobald die Mauer spurlos verschwunden ist, wird Poseidon die Flüsse wieder in ihr altes Bett zurückleiten. West sieht in dieser Erzählung nicht nur ein fernes Echo der Zerstörung Babylons durch die Assyrer im Jahre 689/8. Vielmehr zeige sich der Ilias-Dichter zumindest mittelbar vertraut mit dem Inhalt assyrischer Königsinschriften, auf denen sich Sanherib rühmte, den Lauf des Euphrats umgeleitet und so die Fundamente der Stadt ins Meer gespült zu haben. Ferner scheine dem Ilias-Dichter auch der Inhalt von Inschriften aus der Zeit Asarhaddons bekannt, der die Stadt ab 678 wieder aufgebaut haben will, nachdem er zuvor den Euphrat in sein angestammtes Flussbett zurückgeleitet habe.3

West vermutet, dass die Kenntnis assyrischer Texte über den lydischen Königshof an griechische Dichter vermittelt worden sei.4 Denn zum einen erfahren wir aus den Annalen des Assurbanipal, dass der lydische König Gyges Anfang oder Mitte der 660er Jahre einen Boten an den assyrischen König schickte. In Assyrien hatte man, so wird ausdrücklich vermerkt, bis dahin noch nie etwas von Lydiern gehört; dann seien die Gesandtschaften aber schnell zur Regel geworden.5 Zum anderen berichtet Nikolaos v. Damaskus (FGrHist 90 F 62) von einem epischen Dichter namens Magnes, der sich zur Zeit des Gyges in Sardeis aufgehalten haben soll. Dieser Magnes stammte angeblich aus Smyrna und damit aus jener Stadt, die wohl mit besserem Recht als jede andere behaupten konnte, auch die Heimatstadt ‘Homers’ zu sein.6 So könnte die Aufnahme diplomatischer Beziehungen durch Gyges also tatsächlich „a possible line of communication“ (M. West) zwischen dem assyrischen Königshof und einem Dichter in Ionien eröffnet haben.

West ist nicht der erste, der in der Ilias das Echo zeitgenössischer Ereignisse im Orient vernimmt. Auch Walter Burkert hatte zuvor schon Ähnliches im neunten Buch bemerkt.7 Achilleus sagt dort nämlich, er wolle Agamemnons Versöhnungsangebot nicht annehmen (9.379–385):

οὐδ᾽ εἴ μοι δεκάκις τε καὶ εἰκοσάκις τόσα δοίη,
ὅσσα τέ οἱ νῦν ἐστι, καὶ εἴ ποθεν ἄλλα γένοιτο‧
οὐδ᾽ ὅσ᾽ ἐς Ὀρχομενὸν ποτινίσεται, οὐδ᾽ ὅσα Θήβας
Αἰγυπτίας, ὅθι πλεῖστα δόμοις ἐν κτήματα κεῖται,
αἵ θ᾽ ἑκατόμπυλοί εἰσι, διηκόσιοι δ᾽ ἀν᾽ ἑκάστας
ἀνέρες ἐξοιχνεῦσι σὺν ἵπποισιν καὶ ὄχεσφιν‧
οὐδ᾽ εἴ μοι τόσα δοίη ὅσα ψάμαθός τε κόνις τε

auch (dann) nicht, wenn er mir das Zehn- oder Zwanzigfache dessen gäbe,
was er jetzt besitzt, und wenn irgendwoher noch anderes hinzukäme:
weder alles, was (an Einkünften) nach Orchomenos fließt, noch, was nach Theben (fließt),
(und zwar) das ägyptische, wo die meisten Reichtümer in den Häusern liegen,
das hundert Tore hat, aus denen jeweils zweihundert
Männer ausziehen mit Pferden und Wagen;
selbst wenn er mir so viel gäbe, wie (es) Sand und Staub (gibt)…

Da Theben und Orchomenos hier zusammen in einem Vers genannt werden, hat man die folgenden Verse 381–384 immer wieder als späteren Zusatz aussondern wollen: Ursprünglich könne hier nur das boiotische Theben gemeint gewesen sein, erst ein späterer Interpolator habe daraus das ägyptische Theben gemacht.8 Dagegen verteidigt Burkert die fraglichen Verse als unverzichtbar für die schlüssige Entfaltung des Gedankens: In einer Reihe, die vom Zehn- bis Zwanzigfachen aller Besitztümer Agamemnons bis zu Sand und Staub führe, könne nur das ägyptische Theben als Mittelglied stehen; denn „so verläuft die Hyperbel in natürlichem Schwung“.9 Der Fehlschluss, dass hier vom boiotischen Theben die Rede ist, könnte vom Dichter durchaus beabsichtigt sein. Er wird aber im Enjambement korrigiert: Nicht das siebentorige Theben der griechischen Sage (vgl. Il. 4.406: Θήβης ἕδος ἑπταπύλοιο), sondern das hunderttorige Theben in Ägypten ist hier gemeint. Wie die Zahl der Tore ist auch die Menge des Reichtums dort um ein Vielfaches größer als im boiotischen Theben. Überhaupt hat das Spiel mit Zahlen hier System: Auf das Zehn- bis Zwanzigfache der Besitztümer Agamemnons folgt Theben mit seinen einhundert Toren, aus denen jeweils zweihundert Wagenkämpfer herauskommen. Die phantastischen Schätze dieser Stadt werden an Zahl nur noch durch die sprichwörtliche Menge von Sand und Staub übertroffen.

Es stellt sich nun aber die Frage, wann die Kunde vom unermesslichen Reichtum Thebens bis nach Griechenland gedrungen ist. Handelt es sich hier um eine ferne Erinnerung an den alten Glanz der Stadt unter den großen Pharaonen der 18. Dynastie?10 Seit dem Ende der Regierungszeit Amenophis III. (um 1350 v. Chr.) war Theben aber nicht mehr das politische Zentrum Ägyptens gewesen. Während der sogenannten Dritten Zwischenzeit (ab ca. 1070 v. Chr.) errichteten die Priester des Amun in Theben einen unabhängigen Gottesstaat. Erst die kuschitischen Eroberer aus dem Süden (Manethos 25. Dynastie) machten Theben um 715 vorübergehend wieder zur königlichen Residenz.11

Burkert hält es also für ausgesprochen unwahrscheinlich, dass ein griechischer Dichter schon vor 715 etwas von Theben gehört haben könnte. Vielmehr sei wohl davon auszugehen, dass erst die Eroberung und Plünderung der Stadt durch die Assyrer im Jahre 663 den ungeheuren Reichtum Thebens auch über die Grenzen Ägyptens hinaus in das Bewusstsein einer breiteren ‘Weltöffentlichkeit’ gerückt habe. In den Annalen des Assurbanipal heißt es dazu: „Silber, Gold, Edelsteine, Besitz seines [scil. des kuschitischen Königs] Palastes, so viel davon vorhanden, Kleidung aus buntem Stoff und Leinen, große Pferde, männliche und weibliche Einwohner […]. Schwere Beute ohne Zahl führte ich aus Theben fort.“ Vor allem beeindruckten den assyrischen König „zwei hohe Säulen [= Obelisken] aus reinem zaalû-Metall [Elektron?] gefertigt, deren Gewicht 2500 Talente betrug“. Auch diese nahm er als Beute nach Assyrien mit.12 Der Text dieser Annalen wurde in verschiedenen Rezensionen massenhaft kopiert und im ganzen Reich verbreitet.13 Jeder, der davon hörte oder las, erfuhr, dass Assurbanipal die reichste Stadt der Welt geplündert hatte. Einen guten Eindruck von der Dimension dieses Ereignisses vermittelt Kitchen: „[T]he Assyrians plundered and looted Thebes of its balance of fourteen centuries of treasures […]. The reverberations of this calamity echoed round the ancient world; a few decades later, the Hebrew prophet Nahum [3.8ff.] could invoke no more dire fate on Nineveh itself than what had befallen No-Amon, ‘city of Amun’.“14 Ein fernes Echo dieser Ereignisse könnte also auch an das Ohr des Ilias-Dichters gedrungen sein. Wenn Achilleus nämlich sagt, dass er sogar die Schätze, die im ägyptischen Theben lagern, ausschlagen würde, dann hätten diese Worte gerade in den Jahren nach 663 eine ganz besondere Wirkung entfaltet.

Dieser terminus post quem wird vollends zur Gewissheit, wenn man sich klarmacht, dass die Ilias nicht nur vage Gerüchte über eine unermesslich reiche Stadt in Ägypten, sondern Autopsie durch griechische Reisende voraussetzt. Theben wird in den Annalen Assurbanipals nämlich Ni-iʾ (von ägypt. N(i)w.t, ‘die Stadt’) genannt. Wie hätte ein Grieche, der das hörte, auf den Namen Theben kommen sollen oder wissen können, welche Stadt damit gemeint war? Wie hätte er ferner auf den Gedanken kommen sollen, dass das ägyptische Theben ‘hunderttorig’ sei? Mit diesen hundert Toren sind zweifellos die zahlreichen Pylone der Tempelanlagen bei Karnak, Luxor und auf dem Westufer des Nils gemeint, die zum großen Teil mit Schlachtdarstellungen bedeckt waren. Wie hätte ein Grieche, der das sah, nicht glauben sollen, dass es sich um riesige Stadttore handelte, aus denen einst gewaltige Armeen herausgezogen waren? Der Name eines dieser Tempelbezirke tat offenbar ein Übriges, Assoziationen mit dem ‘siebentorigen’ Theben der griechischen Sage zu wecken.15

Wann können solche Augenzeugenberichte zuerst nach Griechenland gelangt sein? Für die Bekanntschaft der Griechen mit Ägypten markieren die Jahre um 663 den entscheidenden Wendepunkt.16 Karische (und wahrscheinlich auch griechische) Söldner dienten in Assurbanipals Heer und dürften sich in nicht geringer Zahl auch an der Plünderung von Theben beteiligt haben.17 Wenn wir Herodot (2.152ff.) glauben dürfen, dann beschränkten sich die griechischen Kontakte mit Ägypten in der Zeit davor auf gelegentliche Raubüberfälle auf das Nildelta.18 Erst Psammetichos I. (663–609, anfangs noch ein Vasall der Assyrer)19 habe für den Kampf gegen andere Prätendenten um die Alleinherrschaft über Ägypten (erreicht im Jahr 656) ionische und karische Söldner angeworben und diese später mit Siedlungsland im Nildelta belohnt:20 „Seit diese in Ägypten angesiedelt wurden und die Griechen so mit den Ägyptern in engeren Kontakt kamen [ἐπιμισγόμενοι], wissen wir über alles, was in Ägypten geschah, angefangen mit König Psammetichos und danach, genau Bescheid [ἐπιστάμεθα ἀτρεκέως]“. Wer dagegen behaupten wollte, ein griechischer Dichter hätte schon vor 663 etwas vom Reichtum Thebens wissen können, hat die Beweislast auf seiner Seite. Er müsste zeigen, wie ein solches Wissen vermittelt werden konnte, bevor griechische Söldner massenhaft in die Dienste eines ägyptischen Herrschers traten oder vielleicht schon an der Seite der Assyrer Theben plünderten.21 Nach allem, was wir wissen, ist dies aber nicht vor 663 der Fall.22

Ist die Ilias also tatsächlich erst um die Mitte des siebten Jahrhunderts entstanden? Tatsächlich gab es schon im Altertum neben all den viel zu hohen Daten auch vereinzelt Stimmen, die einen solchen Spätansatz vertraten. So soll Euphorion (fr. 177 Groningen, überliefert bei Clemens Alex. Strom. 1.117) behauptet haben, dass Homer ein Zeitgenosse des Gyges war. Tatian (ad Graec. 31.5) ergänzt dazu die Auskunft, Homer sei auch ein Zeitgenosse des Archilochos gewesen.23 Strabo (1.1.10, 1.2.9, 3.2.12) wiederum führt ‘einige Chronographen’ als Quelle für die Auskunft an, Homer habe zur Zeit der Kimmeriereinfälle oder kurz danach gelebt.24 Nun bestätigen die Annalen des Assurbanipal, dass Gyges irgendwann zwischen 650 und 643 im Kampf gegen die Kimmerier gefallen ist.25 Dürfen wir also auch mit dem Datum für ‘Homer’ bis auf die Mitte des siebten Jahrhunderts hinuntergehen?

Vielleicht ist aber auch das noch nicht genug. Wir haben zu Beginn die These aufgestellt, dass der Beginn der Tyrannis des Kypselos einen terminus post quem markiert. Diodor (7 fr. 9) gibt dafür das Jahr 657 an.26 Nun ist die Chronologie der Kypseliden aber seit langem ein heiß umstrittenes Problem, da vor allem Herodot einen deutlich niedrigeren Ansatz für Periander, den Sohn und Nachfolger des Kypselos, vorauszusetzen scheint. Die historische Forschung hat sich über diese Frage in zwei Lager geteilt: Die einen favorisieren den niedrigeren Ansatz Herodots, die anderen verteidigen das höhere Datum. Die Verfechter eines niedrigeren Datums setzen den Beginn der Tyrannis des Kypselos in die Jahre um 610 (K. J. Beloch und T. Lenschau), 620 (E. Will) oder 630 (V. Parker).27 In Anhang 3 hoffe ich aber überzeugend darlegen zu können, dass dieser Spätansatz auf einem Fehler Herodots beruht.

Details

Seiten
402
ISBN (PDF)
9783653056174
ISBN (ePUB)
9783653962727
ISBN (MOBI)
9783653962710
ISBN (Buch)
9783631663189
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Mai)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 402 S., 5 s/w Abb.

Biographische Angaben

Oliver Wehr (Autor)

Oliver Wehr studierte Klassische Philologie und Geschichte in Heidelberg, Siena und Berlin und wurde an der Universität Heidelberg promoviert. Er unterrichtet an einem Berliner Gymnasium.

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Titel: Die «Ilias» und Argos