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Die «Ilias» und Argos

Ein Beitrag zur homerischen Frage

von Oliver Wehr (Autor:in)
Dissertation 402 Seiten

Zusammenfassung

Oliver Wehr stellt in seinem Buch die These auf, dass die Ilias in der Gestalt, wie wir sie kennen, für einen Vortrag im Umfeld von Argos konzipiert ist. Beweise findet er im Epos selbst. In der Ilias tritt Diomedes wie ein Doppelgänger des Achilleus auf. Kaum hat dieser sich im Zorn zurückgezogen, springt Diomedes als Ersatz ein. Die prominente Rolle, die der Held aus Argos damit übernimmt, war in der epischen Tradition nicht für ihn vorgesehen. Sie konterkariert zudem die Mēnis-Handlung, indem der Rückzug des Achilleus lange ohne Folgen bleibt. Die Aristie des Diomedes erweist sich als das Kernstück einer umfangreichen Überarbeitung der Ilias, die offenbar dem Ziel dient, den Helden der Argiver aufzuwerten.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Einleitung
  • Teil 1
  • 1.1 Diomedes in der Ilias
  • 1.1.1 Ein zweiter Achilleus
  • 1.1.2 Die Aristie des Diomedes im Gesamtplan der Ilias
  • 1.1.3 Die ‘Nestorbedrängnis’ als Gegenstück zur Patroklie
  • 1.1.4 Diomedes und Achilleus im Zweikampf mit Aineias: ein Vergleich
  • 1.1.5 Diomedes und Achilleus im Kampf mit Göttern: ein Vergleich
  • 1.2 Tradition oder Innovation?
  • 1.2.1 Methodische Vorbemerkungen
  • 1.2.2 Die Epitheta des Diomedes
  • 1.2.3 Die Präsentation der Helden in der Teichoskopie: Wo ist Diomedes?
  • 1.2.4 Die Leichenspiele für Patroklos: ein neues ‘Ranking’ der Helden
  • 1.3 Diomedes in der älteren Troiasage
  • 1.3.1 Methodische Vorbemerkungen
  • 1.3.2 Diomedes in der Epigonensage
  • 1.3.3 Diomedes und Aitolien
  • 1.3.4 Diomedes in der zyklischen Tradition
  • 1.3.5 Die Heimat des Sthenelos
  • 1.3.6 Die Heimat des Amphilochos
  • 1.3.7 Die Freierliste bei Ps.-Apollodor
  • 1.3.8 Diomedes und der argivische Eintrag im Schiffskatalog
  • 1.3.9 Folgen für die Datierung der Ilias
  • 1.4 Zusammenfassung und vorläufige These
  • 1.4.1 Zusammenfassung
  • 1.4.2 Vorläufige These
  • Teil 2
  • 2.1 Die frühe Geschichte von Argos
  • 2.1.1 Argos in der Bronzezeit
  • 2.1.2 Die Ankunft der Dorier
  • 2.1.3 Argos und das argivische Heraion
  • 2.1.4 Die Zerstörung von Asine
  • 2.1.5 Die Amphiktyonie des Apollon Pythaieus
  • 2.1.6 Mykene und Tiryns
  • 2.1.7 Noch einmal: der argivische Eintrag im Schiffskatalog
  • 2.2 Könige und Tyrannen
  • 2.2.1 Temenos und die Rückkehr der Herakliden
  • 2.2.2 Die prekäre Quellenlage zu Pheidon
  • 2.2.3 Pheidons Datum nach Herodot
  • 2.2.4 Pheidons Datum nach Ephoros
  • 2.2.5 Pheidons Datum nach Theopompos und dem Marmor Parium
  • 2.2.6 Pheidon und die Geschichte vom Tod des Aktaion
  • 2.2.7 Pheidon und die korinthische Königsliste
  • 2.2.8 Eine Erklärung für die Daten bei Herodot und auf dem Marmor Parium
  • 2.2.9 War Pheidon ein ‘König’ oder ein ‘Tyrann’?
  • 2.2.10 Pheidons Nachfolger
  • 2.2.11 Pheidon und seine Nachfolger in Olympia
  • 2.3 Zusammenfassung
  • Teil 3
  • 3.1 Argos und Argeioi in der Ilias
  • 3.1.1 Die Ortsbezeichnung ‘Argos’
  • 3.1.2 ‘Argos’ = Stadt in der Argolis
  • 3.1.3 ‘Argos’ = Heimat der griechischen Helden vor Troia
  • 3.1.4 Das Iasische Argos
  • 3.1.5 Das Pelasgische Argos
  • 3.1.6 ‘Argos’ = Thessalien
  • 3.1.7 Schlussfolgerungen
  • 3.1.8 Ἀργείη Ἑλένη und Ἥρη Ἀργείη
  • 3.1.9 Die Ἀργεῖοι in der Ilias: ein analytischer Versuch
  • 3.2 Die frühesten Reflexe der Ilias in der griechischen Kunst
  • 3.2.1 Methodische Vorbemerkungen
  • 3.2.2 Szenen aus der Ilias
  • 3.2.3 Der Euphorbos-Teller
  • 3.2.4 Dolon auf frühen Vasenbildern
  • 3.3 Die Ilias in Argos und Olympia
  • 3.3.1 Die Reformen des Kleisthenes in Sikyon
  • 3.3.2 Diomedes und die Dorier in Argos
  • 3.3.3 Diomedes und das Bad der Pallas
  • 3.3.4 Diomedes und die argivische Tyrannis
  • 3.3.5 Pheidon in der Alkmaionis
  • 3.3.6 Ist die Ilias für einen Vortrag in Olympia konzipiert?
  • 3.3.7 Wo lag Nestors Pylos?
  • 3.4 Zusammenfassung und These
  • 3.4.1 Zusammenfassung
  • 3.4.2 These
  • Anhänge
  • Anhang 1: Setzt die Kleine Ilias die homerischen Epen voraus?
  • Anhang 2: Der Raub des Palladions
  • Anhang 3: Die Chronologie der Kypseliden
  • English Summary
  • Abbildungsnachweis
  • Literaturverzeichnis
  • Namen- und Sachregister
  • Stellenregister

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Vorwort

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die leicht überarbeitete Fassung meiner Heidelberger Dissertationsschrift, die im Wintersemester 2013/14 von der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg – seinerzeit noch unter dem Titel „Homer und die Argivischen Tyrannen. Zur Entstehung der Ilias“ – angenommen wurde. Mein Dank gilt an erster Stelle meinem Erstgutachter Herrn Prof. William D. Furley, PhD, der die Arbeit von Anfang an mit freundlichem Zuspruch gefördert und stets mit großem Interesse und Sachverstand begleitet hat. Herrn Prof. Dr. Jonas Grethlein danke ich für die Übernahme des Zweitgutachtens und weitere wertvolle Anregungen. Beiden Gutachtern rechne ich es hoch an, dass sie bereit waren, sich auf kontroverse Thesen einzulassen, auch wenn sie meine Auffassung nicht in allen Punkten teilen. Danken möchte ich ferner auch Herrn Prof. Dr. Michael von Albrecht für die Aufnahme meiner Arbeit in seine Reihe „Studien zur Klassischen Philologie“. Dr. Mirco Hüneburg, Matthias Voigt und Sebastian Zerhoch leisteten Hilfe bei der Korrektur des Manuskripts. Sollten noch Fehler oder Irrtümer im Text verblieben sein, ist dies selbstverständlich dem Verfasser anzulasten. Schließlich danke ich meiner Frau Sonja, die mich während der Entstehung dieser Arbeit aufgemuntert und ertragen hat, und meinen Eltern Angelika und Bernward, die mir durch ihre finanzielle Unterstützung das Studium ermöglicht haben.

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Einleitung

Die Ilias wird für gewöhnlich als panhellenisches Epos charakterisiert. Tatsächlich hat es auf den ersten Blick den Anschein, als werde darin weder ein bestimmter Ort noch eine bestimmte lokale Sagentradition bevorzugt. Wer dennoch nach dem Ursprung dieser Dichtung fragt, wendet den Blick meist nach Kleinasien. Die vorliegende Arbeit unternimmt dagegen den Versuch zu zeigen, dass sich in der Ilias trotz des panhellenischen Anspruchs, den sie zweifellos erhebt, eine ausgeprägte pro-argivische Tendenz bemerkbar macht. Es wird die These aufgestellt, dass die Ilias für einen Vortrag in Olympia bestimmt war, das im fraglichen Zeitraum unter argivischer Kontrolle stand. Dort hatte es der Dichter einerseits mit einem wahrhaft panhellenischen Publikum zu tun. Andererseits musste er zugleich die örtlichen Machtverhältnisse berücksichtigen.

Den Ausgangspunkt der Überlegungen bildet der bemerkenswerte Auftritt des Diomedes in der Ilias. Er dominiert das Kampfgeschehen, solange Achilleus sich im Zorn zurückhält. Mehr noch: Diomedes wird geradezu wie ein zweiter Achilleus dargestellt. Dabei legt der Doppelgänger jedoch einen derart fulminanten Auftritt hin, dass er sogar das Vorbild in den Schatten stellt. Nach der Aristie des Diomedes in Buch 5 wird Helenos bekennen (6.96–101), dass sich die Troianer nicht einmal vor Achilleus so sehr gefürchtet hätten, wie sie sich nun vor Diomedes fürchten. Dass die Griechen ohne ihren größten Helden kämpfen, macht sich so lange nicht bemerkbar, wie Diomedes für Achilleus eintritt. Die Aristie des Diomedes unterbricht also die Entfaltung der eigentlichen μῆνις-Handlung, bis Diomedes im elften Buch verwundet wird.

Die Beobachtung, dass die Konsequenz der Handlung durch die Aristie des Diomedes leidet, hat immer wieder zu analytischen Deutungen geführt. Auch in dieser Arbeit werde ich im Anschluss an Martin West (2011) die Auffassung vertreten, dass die Aristie des Diomedes Teil eines umfangreichen sekundären Einschubs ist, mit der ein Dichter – ich werde ihn im Folgenden einfach den Ilias-Dichter nennen – ein ursprünglich sehr viel kürzeres Achilleus-Epos nachträglich erweitert hat. In der erweiterten Fassung spielt Diomedes eine Rolle, die ursprünglich nicht für ihn vorgesehen war: Er ist nicht einfach nur ein zweiter Achilleus, sondern ein besserer Achilleus. Er stellt das Ideal dar, an dem sich Achilleus immer wieder messen lassen muss und scheitert: Auf die Beleidigung durch Agamemnon antwortet Diomedes nicht mit Rückzug, sondern mit seiner grandiosen Aristie. Er rettet Nestor in einer Szene, die als Gegenstück zur Patroklie gedeutet werden kann, während Achilleus durch seinen Trotz den Tod des ← 11 | 12 → Patroklos heraufbeschwört. Nur auf Athenes Drängen lässt sich Diomedes auf einen Kampf mit Göttern ein und siegt, während Achilleus sich im Blutrausch an einem Gott vergreift und nur mit Mühe überlebt. Offenbar hat der Dichter unserer Ilias ein kürzeres Achilleus-Epos – vermutlich war auch dies bereits sein eigenes – so überarbeitet und erweitert, dass nun Diomedes, der Held aus Argos, stärker in den Fokus rückt. Der Verdacht liegt also nahe, dass dieser Dichter ein argivisches Publikum im Blick hat.

Dieser Vermutung geht die vorliegende Arbeit systematisch nach. Sie gliedert sich dabei in drei Teile. Der erste Teil der Arbeit ist vornehmlich mit der Darstellung des Diomedes in der Ilias und der außeriliadischen, ‘zyklischen’ Überlieferung beschäftigt. Es wird sich zeigen, dass Diomedes in der älteren epischen Tradition noch als Aitolier gegolten haben muss. Erst die Ilias machte ihn – im Anschluss an eine argivische Sagenvariante, die auch den Stoff für die verlorene Alkmaionis lieferte – zum Argiver und wertete ihn gleichzeitig zum größten Helden neben Achilleus auf. Aus der Abhängigkeit der Ilias vom Sagenstoff der Alkmaionis ergibt sich außerdem ein terminus post quem um oder kurz nach der Mitte des siebten Jahrhunderts v. Chr.

Im zweiten Teil wird der mutmaßliche historische Hintergrund für die Entstehung der Ilias beleuchtet. Im Mittelpunkt steht dabei der Versuch, die fragmentarische und widersprüchliche Überlieferung zum frühen Herrschergeschlecht der Temeniden und insbesondere zu dessen bedeutendstem Vertreter, Pheidon, zu entwirren und historisch auszuwerten. Wie sich herausstellt, ist es möglich, den Grund für die Verwirrung in unseren Quellen eindeutig zu identifizieren: Schuld daran ist Ephoros, der bei der Revision der korinthischen Frühgeschichte ein heilloses Durcheinander angerichtet und so auch die Überlieferung zur frühen argivischen Geschichte, die eng mit der korinthischen verknüpft war, arg verstümmelt hat. Ephoros selbst muss noch eine einheitliche und in sich schlüssige Überlieferung gekannt haben. Demnach errichtete Pheidon noch in der Generation vor dem korinthischen Tyrannen Kypselos, also irgendwann vor der Mitte des siebten Jahrhunderts, in Argos eine Tyrannis, die bis zur Vertreibung seines Enkels Meltas währen sollte. Unter diesen Tyrannen nahm Argos auf der Peloponnes eine hegemoniale Stellung ein, die vor allem auch in der (zumindest indirekten) Kontrolle über die Olympischen Spiele ihren Ausdruck fand.

Im dritten und letzten Teil der Arbeit sollen dann die Ergebnisse aus den ersten beiden Teilen miteinander kombiniert werden. Ziel ist es dabei, die These aus dem ersten Teil im Lichte der Ergebnisse des zweiten Teils zu überprüfen und, wenn möglich, weiter zu erhärten. Dazu werden unter anderem die frühesten Reflexe der Ilias in der Vasenmalerei besprochen. Sie begegnen im letzten Viertel des siebten Jahrhunderts ausgerechnet in der Gegend um Argos und Korinth. ← 12 | 13 → Dann geht es um die Frage, welche Bedeutung der Gestalt des Diomedes im lokalen Mythos, im lokalen Kult und überhaupt für das Selbstverständnis der mehrheitlich dorischen Bevölkerung in Argos zukommt. Wir werden außerdem versuchen, die Entstehung der Ilias in einen konkreten historischen Kontext einzubetten.

Wer sich einen schnellen Überblick über den Inhalt der einzelnen Kapitel verschaffen möchte, sei auf die Zusammenfassungen auf den Seiten 135–140, 215ff. und 320–324 verwiesen. Spezielle Probleme, die sich im Verlaufe der Untersuchung ergeben, aber nicht an Ort und Stelle in der gebotenen Ausführlichkeit behandelt werden können, sind als Anhänge der Arbeit beigefügt. Wo aus Ilias und Odyssee zitiert wird, sind jeweils die Ausgaben von Helmut van Thiel (Hildesheim 1991/96) zugrunde gelegt. Die Übersetzungen sind – auch für alle anderen griechischen Autoren – meine eigenen. Abkürzungen für Nachschlagewerke und Textausgaben, auf die in der Arbeit ausdrücklich verwiesen wird, sind im Literaturverzeichnis aufgeschlüsselt.

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Teil 1

1.1 Diomedes in der Ilias

1.1.1 Ein zweiter Achilleus

Die Aristie des Diomedes im fünften Buch der Ilias ist ein heroisches Bravourstück sondergleichen. Sie steht am Beginn der eigentlichen Kampfhandlungen und stellt zugleich deren ersten Höhepunkt dar. Vergleichbares wird man erst wieder hören, wenn Achilleus in den Kampf zurückkehrt. Dem Diomedes steht von Anfang an Athene helfend zur Seite. Sie verleiht ihm die besondere Gabe, die Götter von Menschen zu unterscheiden (5.127–132), warnt ihn aber gleichzeitig davor, gegen Götter zu kämpfen. Nur Aphrodite dürfe er verletzen, falls diese sich in das Kampfgeschehen einzumischen wage. Tatsächlich ritzt Diomedes der Göttin mit dem Speer die Hand auf, als sie ihren unterlegenen Sohn Aineias vom Schlachtfeld bergen will (5.312–352). Göttliches Blut quillt aus der Wunde hervor, und mit einem lauten Aufschrei lässt Aphrodite ihren Schützling wieder fallen. Erst Apollon gelingt es schließlich, dem rasenden Helden Einhalt zu gebieten und Aineias vom Schlachtfeld zu entrücken (5.432–444). Diomedes ist fortan sichtlich bemüht, einem weiteren Kampf mit Göttern aus dem Weg zu gehen (5.592–606, 818–824; 6.128–141). Als sich das Kriegsglück jedoch zugunsten der Troianer wendet, greift Athene wieder ein. Sie steigt zu Diomedes auf den Wagen und drängt ihn zum Angriff auf Ares, der die Troianer und vor allem Hektor unterstützt. Gemeinsam verwunden sie schließlich den Gott, der daraufhin einen Schmerzensschrei ausstößt „so laut wie neun- oder zehntausend Männer“ und in einer gewaltigen Sturmwolke zum Olymp auffährt (5.841–867). Die Aristie des Diomedes klingt im sechsten Buch mit einer versöhnlichen Szene aus: Diomedes und der Lykier Glaukos erkennen einander als Gastfreunde und tauschen ihre Rüstungen miteinander (6.119–236).1

Der furiose Auftakt überrascht, da sich Achilleus doch erst kurz zuvor im Zorn zurückgezogen hat. So aber bleibt der Ausfall ihres wichtigsten Helden für die Griechen zunächst ohne jede Konsequenz. Obendrein hatte Zeus der Thetis im ersten Buch (1.495–527) versprochen, dass er die Troianer unterstützen werde, solange sich Agamemnon nicht bei ihrem Sohn entschuldigt. Stattdessen hinterlässt nun Diomedes bei den Troianern einen solchen Eindruck, dass Helenos im sechsten ← 15 | 16 → Buch sogar sagt (6.99f.): „Nicht einmal Achilleus, den Anführer der Männer, haben wir je so sehr gefürchtet, obwohl er doch, wie man sagt, der Sohn einer Göttin ist.“ Damit aber nicht genug: Diomedes springt nicht einfach nur für den fehlenden Achilleus ein. Er füllt dessen Rolle so vollkommen aus, dass man ihn für einen Doppelgänger des Achilleus halten könnte: Wie Achilleus wird auch Diomedes von Athene mit einem göttlichen Glanz umgeben (vgl. 5.4ff., 18.205–214, 226f.). Wie Achilleus kämpft auch Diomedes gegen Aineias, den beide Male nur die Intervention einer Gottheit vor dem sicheren Tod bewahren kann (vgl. 5.297–351, 20.158–340). Wie Achilleus lässt auch Diomedes sich auf einen Kampf mit Göttern ein (Achilleus legt sich in 21.233–384 mit dem Flussgott Skamandros an). Vor allem aber wird auch Diomedes im elften Buch durch einen Pfeilschuss des Paris am rechten Fuß verwundet (11.377) – eine offensichtliche Reminiszenz an den Tod des Achilleus.2 Øivind Andersen bemerkt dazu in seiner grundlegenden ← 16 | 17 → Studie zur Diomedesgestalt in der Ilias: „Das sind nicht zufällige Motivverdoppelungen. Der Dichter hat gewisse Motive aus der Achilleushandlung auf Diomedes übertragen, damit seine entsprechende – wenn auch in anderer Hinsicht nur vorbereitende – Rolle in der ersten Iliashälfte deutlich hervortrete. Diomedes als Krieger und Held scheint kurzum als Abbild bzw. Gegenbild zu Achilleus konzipiert worden zu sein“.3

Anders als Achilleus wird Diomedes durch den Pfeilschuss im elften Buch zwar nicht getötet, die Wunde genügt aber, um ihn für die Dauer der weiteren Kampfhandlungen außer Gefecht zu setzen. Erst deshalb können die Troianer im 12. Buch ihren Sturm auf das Schiffslager der Griechen beginnen. Marchinus van der Valk vermutete, der Dichter habe seine „special favourites“ Odysseus und Diomedes im elften Buch von der Szene genommen, um ihnen die Teilnahme am schmählichen Rückzug zu ersparen.4 Das mag sein, greift aber zu kurz. Diomedes muss gehen, weil er dem weiteren Verlauf der Handlung im Wege stehen würde. Wenn sich das Versprechen des Zeus an Thetis nämlich erfüllen soll, müssen die Griechen Rückschläge erleiden. Mit Diomedes aber waren schwere Niederlagen ebenso wenig denkbar, wie sie mit Achilleus denkbar waren. Vor allem aber wäre der spätere Auftritt des Achilleus durch die Anwesenheit eines zweiten Helden, der ihm durchaus ebenbürtig ist, in seiner Wirkung ernsthaft kompromittiert worden. So urteilte schon Wilamowitz: „Unter den Achäerhelden nimmt Diomedes eine eigene Stellung ein. Er ist ein so gewaltiger Kämpfer, daß er und Achilleus sich eigentlich ausschließen“.5

Diomedes zieht sich also vom Schlachtfeld zurück und beschränkt sich fortan auf die Teilnahme an den Heeresversammlungen, bis er bei den Leichenspielen für Patroklos im 23. Buch – auf wundersame Weise genesen – wieder zu großer Form aufläuft.6 Der Dichter schafft durch den zwischenzeitlichen Abtritt des ← 17 | 18 → Diomedes jedenfalls Raum für die Entfaltung der eigentlichen μῆνις-Handlung: Die Griechen erleiden nun, da ihnen weder Achilleus noch Diomedes zur Seite stehen, heftige Rückschläge. Das Schlimmste wird allein durch die Standhaftigkeit des Aias verhindert, an dem sich der Ansturm der Troianer wie an dem Fels in der Brandung bricht. Aias ist das ‘Bollwerk der Griechen’, der ἕρκος Ἀχαιῶν (vgl. 3.229, 6.5, 7.211), ein Held des Rückzugsgefechts. Sollte nicht jemand wie er gerade in jenen Teilen der Ilias dominieren, in denen Achilleus abwesend ist? Vor allem im fünften und sechsten Buch drängt Diomedes Aias aber völlig an den Rand.7

Die Aristie des Diomedes kommt also einigermaßen überraschend. Genauso so schnell und unerwartet, wie die Griechen zu ihren ersten Erfolgen gelangen, ist es damit aber auch schon wieder vorbei. Trotz des lauten Getöses scheint der spektakuläre Auftritt des Helden am Ende doch mehr oder weniger im Sande zu verlaufen; auf den weiteren Gang der Handlung hat er jedenfalls keinen nachhaltigen Einfluss (A. Lörcher: „viel Lärm um nichts“;8 C. H. Whitman: „a display for its own sake“9). Wozu also das Ganze? Analytiker wie Wilamowitz meinten das Problem zu lösen, indem sie die Aristie des Diomedes als ursprünglich separate Einzeldichtung deuteten, die nur lose mit dem Rest der Ilias verbunden sei10 – ein Ansatz, der schon lange diskreditiert ist. Ebenso wenig überzeugt aber ← 18 | 19 → das Urteil eines Unitariers wie Friedrich Lillge, wonach der Dichter habe zeigen wollen, „daß selbst ein Diomedes, der Sieger über Götter, nicht imstande ist, Achilleus zu ersetzen“.11 Denn schließlich bezeugen ja die Worte des Helenos im sechsten Buch (6.96–101), dass Diomedes zumindest in den Augen der Troianer sehr wohl imstande ist, Achilleus zu ersetzen.12 Auch die einstmals populäre Auffassung (zuerst von Carl Rothe im Jahre 1910 geäußert), dass die anfänglichen Siege der Griechen dem ‘Nationalstolz des Dichters’ geschuldet seien, der es nicht gewagt habe, sein Werk mit Erfolgen der Gegner einzuleiten, darf in dieser Form heute sicherlich als obsolet gelten.13 Samuel Basset teilte in den 1930er Jahren noch diese Auffassung („The national feeling of the audience demands a Greek victory“14), kombinierte sie aber mit der treffenden Beobachtung, dass die Troianer seit dem Bruch des Waffenstillstands durch Pandaros im vierten Buch ← 19 | 20 → (4.104–140) als Eidbrüchige kämpfen.15 Diomedes fällt also die Aufgabe zu, den Eidbruch zu bestrafen. Deshalb beschreibt der Dichter in grausigem Detail, wie Diomedes Pandaros mit seinem Speer durchbohrt (5.290–296).16 Die Troianer sind sich dieses Zusammenhangs sehr wohl bewusst, denn auch Antenor führt im siebten Buch (7.351f.) die Misserfolge seiner Landsmänner ausdrücklich auf den vorangegangenen Eidbruch des Pandaros zurück. Erst im achten Buch wird sich das Blatt allmählich wieder zugunsten der Troianer wenden, nachdem Zeus die Todeslose der Troianer und Griechen gegeneinander abgewogen hat (8.69–72).

Warum also nicht gleich so? Weshalb lässt der Dichter sein Publikum schon im ersten Buch zu Zeugen jenes Göttergesprächs zwischen Zeus und Thetis werden, wenn die Erfüllung des Versprechens, welches Zeus der Thetis gibt, bis zum achten Buch auf sich warten lässt? James Morrison bietet dafür folgende Erklärung an: Der Dichter baue hier wie an vielen anderen Stellen der Ilias mittels irreführender Vorverweise eine bestimmte Erwartungshaltung auf, deren Erfüllung jedoch immer wieder enttäuscht oder hinausgeschoben werde. So gelinge es dem Dichter, die Spannung aufrechtzuerhalten.17 Aber die Aristie des ← 20 | 21 → Diomedes ist mehr als nur retardierendes Moment. Dies zeigt sich, wenn man ihren Platz im Gesamtaufbau der Ilias bestimmt.

1.1.2 Die Aristie des Diomedes im Gesamtplan der Ilias

Spätestens seit den Arbeiten von Sheppard (1922), Myres (1932) und Schadewaldt (1938) ist unbestritten, dass die Ilias als Ganzes einem wohldurchdachten Plan folgt.1 Besonders deutlich wird dies etwa an der Art und Weise, wie der Schluss des Epos wieder auf den Anfang rekurriert: Motive und Konflikte aus dem ersten Buch (der vergebliche Versuch des Chryses, seine Tochter auszulösen; die Verweigerung der Bitte des alten Mannes durch Agamemnon; die neun Tage währende Pest; die Brandbestattung der Pestopfer) werden im 24. Buch wieder aufgegriffen und einer Lösung zugeführt (der erfolgreiche Versuch des Priamos, den Leichnam seines Sohnes auszulösen; das Mitleid des Achilleus mit dem alten Mann; die Brandbestattung Hektors nach neun Tagen der Trauer).

Nun unternahm aber schon Myres den Versuch zu zeigen, dass nicht nur das letzte Buch Motive aus dem ersten wieder aufnimmt, sondern das gesamte Epos nach dem Prinzip der Ringkomposition gestaltet sei.2 Von den Belegen, die er dafür anführt, seien hier nur einige genannt: Sowohl das zweite als auch ← 21 | 22 → das 23. Buch beginnen jeweils mit einer Traumszene (2.1–40; 23.62–101). Das Duell zwischen Paris und Menelaos im dritten Buch (3.340–382) scheint mit dem Duell zwischen Hektor und Achilleus im 22. Buch (22.248–363) zu korrespondieren. Das erste Duell läutet die Kampfhandlungen ein und rückt zugleich das Ende des Krieges in greifbare Nähe. Nur durch den vorzeitigen Abbruch des Duells erfährt das Ende zunächst noch einen Aufschub. Das zweite Duell steht am Ende der Kampfhandlungen und besiegelt zugleich den Untergang der Stadt. Auch die Mauerschau der Helena im dritten Buch (3.146–244) hat ihre Entsprechung im 22. Buch, wenn Andromache von der Mauer aus zusieht, wie ihr toter Gemahl durch den Staub geschleift wird (22.462–515).

Wie fügt sich nun die Aristie des Diomedes in eine solche Ringstruktur ein? Diomedes trifft im fünften Buch auf Aineias und besiegt ihn (5.297–351). Der verletzte Held wird allerdings von einem Gott entrückt. Im 20. Buch wiederholt sich der gleiche Ablauf mit einigen Variationen, wenn Aineias auf Achilleus trifft (20.158–340). Zugleich nehmen die von Athene inspirierten Angriffe des Diomedes auf Aphrodite und Ares im fünften Buch eine Konstellation des Götterkampfs im 21. Buch vorweg, in dem Athene selbst gegen Ares und Aphrodite antritt (21.391–433). Ares ruft bei dieser Gelegenheit sogar ausdrücklich den Vorfall aus dem fünften Buch in Erinnerung (21.396–399). Schließlich erhält Diomedes durch den Waffentausch mit Glaukos im sechsten Buch (6.234–236) eine neue Rüstung, während Thetis dem Achilleus zu Beginn des 19. Buches eine neue Rüstung überreicht (19.10–23).

Je weiter man jedoch ins Innere des Epos vordringt, desto mehr verschwimmen die Konturen einer solchen Ringstruktur.3 Es scheint, als ließen sich die mittleren Partien nur mit Gewalt in ein solches Raster zwingen. Auch Myres’ Schema gerät zunehmend aus der Balance; bei den Büchern 11–13 weiß er sich schließlich nicht mehr anders zu behelfen, als sie kurzerhand für „anomalous“ zu erklären. Als mutmaßliche Mitte der Ringstruktur identifizierte er – einigermaßen überraschend – die nächtliche Gesandtschaft an Achilleus im neunten Buch, da sich darin erstmals ein Umschwung in der μῆνις-Handlung andeute. Vor allem aber sei mit der Nacht des neunten Buches in der fiktiven Zeitstruktur der Ilias genau die Halbzeit erreicht.4 Nach Myres haben sich auch Cedric ← 22 | 23 → Whitman und Rismag Gordesiani an ähnlichen Analysen versucht, sind damit aber nicht auf ungeteilte Zustimmung gestoßen.5 Eine das ganze Epos umspannende Ringstruktur scheint demnach auf das erste und letzte Viertel des Werkes beschränkt: „Der Dichter reitet also sein Aufbauprinzip nicht zu Tode“ (M. Baltes).6 ← 23 | 24 →

Wie Myres haben auch Sheppard, Wade-Gery, Schadewaldt und Taplin die Bedeutung der erzählten Zeit (‘narrative-time’) für die innere Organisation des epischen Gedichts hervorgehoben.7 Sie deuteten diese aber nicht im Sinne einer Ringstruktur, sondern unterteilten das Gedicht danach in größere Einheiten, die ihrer Meinung nach jeweils dem Pensum eines einzelnen Vortragstags entsprachen. Zwei Nächte werden vom Dichter nämlich in besonderer Ausführlichkeit beschrieben: zum einen jene Nacht, in der die Gesandtschaft an Achilleus erfolgt (sie beginnt schon in 8.485 und füllt das gesamte neunte und, wenn man die Dolonie dazunimmt, auch das zehnte Buch); zum anderen die Nacht, in der Hephaistos die neuen Waffen für Achilleus schmiedet (sie beginnt in 18.239 und dauert bis zum Ende des 18. Buches). Daraus ergibt sich eine Einteilung des Epos in drei größere Handlungsabschnitte (‘movements’), wie sie an drei aufeinanderfolgenden Tagen zum Vortrag gekommen sein könnten: „Wenn ein Vortragstag zu Ende ging, war auch im Gedicht Abend geworden; wenn man morgens wieder begann, stieg auch in dem Gedicht wieder die Morgenröte auf“ (W. Schadewaldt).8 ← 24 | 25 →

Details

Seiten
402
ISBN (PDF)
9783653056174
ISBN (ePUB)
9783653962727
ISBN (MOBI)
9783653962710
ISBN (Hardcover)
9783631663189
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Mai)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 402 S., 5 s/w Abb.

Biographische Angaben

Oliver Wehr (Autor:in)

Oliver Wehr studierte Klassische Philologie und Geschichte in Heidelberg, Siena und Berlin und wurde an der Universität Heidelberg promoviert. Er unterrichtet an einem Berliner Gymnasium.

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