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Historische und systematische Fallstudien in Religion und Politik vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert

von Arno Strohmeyer (Band-Herausgeber:in) Lena Oetzel (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 268 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Einleitung (Arno Strohmeyer)
  • Die „Wahrheit“ von Religion(en) und die „Freiheit“ der Gesellschaft. Eine systematisch-theologische Analyse (Franz Gmainer-Pranzl)
  • Politiken der Repräsentanz. Die kulturelle und theologische Darstellung anderer Religionen zwischen Othering und Wertschätzung (Ulrich Winkler)
  • Buddhismus als Mittel der Herrschaftslegitimation unter Wu Zetian 武則天 (624–705; reg. 690–705), der einzigen Frau der chinesischen Geschichte auf dem Kaiserthron (Angela Schottenhammer)
  • Religion und Politik am nordöstlichen Rande Europas. Der Deutsche Orden und die Prußen bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts (Michael Brauer)
  • Die Flexibilität von Sprache: Maximilian Graf Trauttmansdorffs Korrespondenzen auf dem Westfälischen Friedenskongress im Spannungsfeld von Religion und Politik (Lena Oetzel)
  • Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo (1732–1812). Die Dominanz der Politik im Leben und Selbstverständnis eines geistlichen Fürsten in Zeiten des Aufruhrs (Elisabeth Lobenwein)
  • Politische Kultur im katholischen Milieu: St. Peter in Salzburg 1918–1938 (Ernst Hanisch)
  • Religion und Politik bei Thomas Bernhard (Gregor Thuswaldner)
  • Naher Osten: Religiöse Substrate regionaler Konflikte (Dietmar W. Winkler)
  • Die Christen Ägyptens: Religion, Kirche und Politik als Verhandlungsorte koptischer Identität seit den 1950er Jahren (Andreas Schmoller)
  • Personenregister
  • Verzeichnis der AutorInnen
  • Reihenübersicht

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Arno Strohmeyer

Einleitung

Für das Verständnis der Vergangenheit sind Zäsuren eine unerlässliche Hilfe, denn es handelt sich um markante Einschnitte, die das Ende einer alten und den Beginn einer neuen Epoche markieren. Oftmals kommt es zu einem spektakulären Ereignis, das den weiteren Verlauf der Geschichte irreversibel beeinflusst. Gleichzeitig öffnen sie die Augen für fundamentale Problemlagen, schon länger schwelende Konflikte und die historischen Wurzeln wirkungsmächtiger Prozesse. Beispiele aus der Zeitgeschichte bilden die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand 1914 in Sarajewo, die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki 1945 und der Fall der Berliner Mauer 1989. Als fundamentale Brüche der Frühen Neuzeit gelten etwa die Entdeckung Amerikas 1492, die Veröffentlichung der Thesen Martin Luthers 1517, der Sturm auf die Bastille 1789 und der Abschluss des Wiener Kongresses 1815. Bedeutende Wendepunkte der mittelalterlichen Geschichte sind beispielsweise der Tod Mohammeds 632, die Kaiserkrönung Karls des Großen 800 und die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453. Nicht immer ist der elementare Charakter einer Begebenheit sofort erkennbar, die Erfahrungen und Wahrnehmungen der Zeitgenossen können sich zudem von der nachträglichen Beurteilung der HistorikerInnen unterscheiden. Zäsuren sind daher mitunter umstritten.

Bei einem Ereignis der jüngsten Vergangenheit ist die Ansicht, es handle sich um einen Wendepunkt, bei den Zeitgenossen ebenso weit verbreitet wie auf der rückblickenden Deutungsebene: Gemeint sind die Terroranschläge am 11. September 2001 auf wichtige zivile und militärische Gebäude der Vereinigten Staaten, darunter die beiden Türme des New Yorker World Trade Center, ein Symbol für nationale Stärke und globale ökonomische Führungsansprüche der US-Wirtschaft. Zu den unmittelbaren Auswirkungen zählen der noch im selben Jahr begonnene Krieg gegen das Regime der Taliban in Afghanistan und der Irakkrieg 2003. Gegenwärtig noch nicht abschätzbar sind die Langzeitfolgen: Diskutiert wird u. a. über eine imperiale Überdehnung der USA, die letztlich sogar den Boden zur Wahl Donald Trumps zum neuen Präsidenten 2016 vorbereitet hätte, oder sogar über das Ende der westlichen Dominanz in der Weltpolitik.1 ← 7 | 8 →

Der Blick auf Schlüsselereignisse führt automatisch zur Analyse der Vorgeschichte und zur Suche nach den Ursachen: War ein imperialistisches Hegemonialstreben der USA der Grund? Oder spielte die israelische Nahostpolitik die entscheidende Rolle? Welche Bedeutung ist der in arabischen Ländern weitverbreiteten Armut beizumessen? Handelte es sich um eine Verzweiflungstat von Globalisierungsverlierern? Ist der Islam dafür verantwortlich? Diese Fragen werden sehr unterschiedlich beantwortet.2 Fest steht hingegen, dass Nine-Eleven der Welt die Bedeutung der religiösen Dimensionen von Politik und der politischen Dimensionen von Religion vor Augen geführt hat. Die Öffentlichkeit ist seither für die intensive Verflechtung von Religion und Politik, über welche die Medien nun tagtäglich berichten, sensibilisiert. Mit gutem Grund ist von der Rückkehr der Religion(en) die Rede.

Islamistische Bewegungen, aber auch christliche, jüdische und hinduistische Fundamentalismen beweisen regelmäßig die politische Vitalität des Religiösen und seine politische Sprengkraft. Religion kann barbarisieren, den Hass auf Andersdenkende schüren, militante Weltbilder erzeugen, Intoleranz hervorrufen und zur Gewalt auffordern. Ins Auge stechen dabei Schlagworte wie Kreuzzug, Heiliger Krieg und Dschihad. Die europäische Geschichte, aber nicht nur diese, ist geprägt von Religionskriegen – Kriege, die im Namen der Religion geführt wurden oder bei denen die Religion zumindest eine zentrale Rolle gespielt hat. Viele von ihnen sind durch besondere Grausamkeit gekennzeichnet, allen voran die Kreuzzüge, der Dreißigjährige Krieg, die Bauernkriege und die Türkenkriege. Aber auch etliche Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts wurden sakralisiert, etwa die Befreiungskriege gegen Napoleon (1813–1815) und der Krimkrieg (1853–1856). Militärprediger feierten den Ersten Weltkrieg als heiligen deutschen Krieg und Sultan Mehmed V. (reg. 1909–1918) forderte 1914 zum Dschihad auf. Der Zweite Weltkrieg wurde als Kreuzzug gegen den jüdischen Bolschewismus deklariert, aber auch als Heiliger Krieg gegen Nazi-Deutschland. Religion kann aber ebenso, und darauf ist gleichfalls hinzuweisen, humanisieren, zur Nächstenliebe motivieren, solidarisieren sowie Gesellschaften stabilisieren und Leid mindern. Sie bietet Orientierung und hilft, Lebensprobleme zu lösen.3

Diese Zusammenhänge sind epochenübergreifende Phänomene, die in der Antike genauso anzutreffen sind wie im Mittelalter und in der Neuzeit, beim Christentum ebenso wie beim Islam, beim Judentum und bei polytheistischen ← 8 | 9 → Glaubensformen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sich bei „Religion“ und „Politik“ um sehr komplexe Begriffe mit kontextuell geprägten und historisch wandelnden Bedeutungen handelt. So lässt sich mit einem Verständnis von Politik, das sich auf die interne Sphäre und die externen Beziehungen von Staaten bezieht, im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, als es noch keine „Staaten“ im modernen Sinn gab, nicht operieren.4 Die moderne Forschung ordnet daher den Politikbegriff stärker in den jeweiligen historischen Kontext ein. Bezogen auf die Frühe Neuzeit wird dann etwa unter dem „Politischen“ ein Handlungsraum verstanden, in dem kollektiv verbindliche Entscheidungen hergestellt und durchgesetzt wurden.5

Die Notwendigkeit eines reflektierten Begriffsverständnisses zeigt auch die Wortgeschichte von „Religion“. Die alten Römer meinten mit „religio“ zunächst nur die gewissenhafte Erfüllung von Pflichten, wobei sie nicht ausschließlich die Götter im Blick hatten, denn es ging mehr um den praktischen Vollzug kultischer Vorschriften ganz allgemein. Selten, aber doch, benutzten sie den Ausdruck auch in einem profanen Sinn. Im Mittelalter bezeichnete „religio“ kirchliche Ordensgemeinschaften.6 Die Ausbildung des „klassischen“ Religionsbegriffs, der eine große Bandbreite sakraler Phänomene zusammenfasst, setzte an der Wende vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit ein und war stark von christlichen Wertvorstellungen und Leitbildern geprägt; in Indien und China etwa fehlen entsprechende Ausdrücke. Großen Einfluss übten die Reformation, die Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts sowie die Aufklärung in Europa aus.7 Es ist daher unerlässlich, diese eurozentrischen Ursprünge und die Orientierung an den kulturellen Traditionen des Christentums bei der Verwendung des Religionsbegriffs zu beachten.8 ← 9 | 10 →

Die Formulierung „Religion und Politik“ setzt eine weitgehende begriffliche und inhaltliche Trennung zweier Sphären voraus, die keineswegs immer und überall anzutreffen ist, da die gegenwärtige Differenzierung der Gesellschaft in Teilsysteme wie Wirtschaft, Recht, Wissenschaft und Religion das Ergebnis eines langen gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozesses darstellt. Zu berücksichtigen ist außerdem die Abgrenzung des Christentums, das aus westlicher Sicht als richtungsweisendes Modell galt, von anderen Glaubensformen, insbesondere vom Judentum, aber auch vom Islam, der in Europa vor allem unter dem Primat der Andersartigkeit betrachtet wurde. Als Beleg galt hierbei beispielsweise die für den Islam postulierte Einheit von Religion und Politik, eine Folge der Herrschaft Mohammeds über die Gemeinschaft der Muslime.9 Zum anderen diente die europäische Geschichte als Norm, in deren Verlauf man die zunehmende Trennung des Geistlichen vom Weltlichen zu erkennen meinte. Im Mittelalter oder in der Frühen Neuzeit ist daher die strikte Unterscheidung zwischen Phänomenen wie „Macht“, „Herrschaft“ und „Staatlichkeit“ einerseits, und von „Religion“ andererseits, eine stets zu reflektierende analytische Hilfskonstruktion.

Eine Schlüsselrolle spielte in diesem Zusammenhang die Säkularisierung, die man als Fundamentalprozess der Neuzeit betrachtete. Der Begriff wurde und wird viel und kontrovers diskutiert.10 Im Kern ist ein umfassender Verlust der gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung von Religion gemeint, manchmal auch eine Individualisierung bzw. Privatisierung des Religiösen. Es kann aber auch die Verschärfung der Unterschiede zwischen Glauben und wissenschaftlichen Weltdeutungen gemeint sein. Insgesamt würde sich, so die Ansicht, die Moderne im Hinblick auf den Stellenwert des Religiösen im politischen Leben von früheren Epochen, in denen die Religion alle Bereiche des Lebens durchdrungen habe, deutlich unterscheiden. In der Tat lassen sich bereits im Mittelalter, besonders deutlich dann aber in der Neuzeit, Merkmale einer Säkularisierung beobachten. Hingewiesen wurde etwa auf die durch die Reformation bewirkte Ausbildung unterschiedlicher christlicher Konfessionen, die zu einer Pluralisierung des Religiösen und nicht kurz- oder mittel-, aber langfristig zu einer Relativierung des politischen Stellenwerts des Glaubens geführt habe. Genannt werden aber auch Rationalisierung und Verwissenschaftlichung, ← 10 | 11 → welche die Kirche als höchste Wahrheitsinstanz in Frage gestellt hätten, sowie der Rückgang der Bedeutung der Religion im öffentlichen Leben und ihre Verlagerung in den privaten Bereich. Schließlich wurde auf die Demokratisierung der politischen Systeme verwiesen – Staatsgewalt legitimiert sich nicht mehr durch Bezug auf ein Gottesgnadentum, sondern durch Wahlverfahren – sowie auf die Trennung von Staat und Kirche. Diese ist in den Verfassungen der europäischen Staaten höchst unterschiedlich festgelegt, besonders strikt etwa im laizistischen Frankreich, aber auch in China, Japan, Indien und Mexiko. Last but not least wird als Argument, das für eine Säkularisierung spricht, der Rückgang der Gläubigen angeführt, der in vielen Staaten zu beobachten sei.11

Die Säkularisierungsthese wird jedoch mit guten Gründen kritisiert, denn es gab in der Geschichte wiederholt Phasen, in denen die Religion an politischer Bedeutung gewann. Gegenwärtig nimmt in vielen Regionen der Welt die Zahl der Gläubigen wieder zu, wenn auch nicht immer in den institutionalisierten Kirchen. Bemängelt wurde auch, dass die Säkularisierungsthese die Sicht auf die Komplexität historischer Entwicklungen verstelle und die Forschungsergebnisse vorwegnehme. Der Hauptkritikpunkt jedoch lautet, dass es sich um eine eurozentrische Betrachtung handelt, die auf der Annahme einer Führungsrolle Europas in der Weltgeschichte beruhe, wovon jedoch keine Rede mehr sein könne.12

Trotz dieser Argumente gibt es weiterhin Verfechter der Säkularisierungsthese. Sie sehen in der aktuellen Situation nur eine befristete Gegenentwicklung, die am generellen Trend nichts ändere. Bei wirtschaftlichem Fortschritt, mit der Verbreitung des Wohlstands auch in armen Regionen und der Zunahme der sozialen Gerechtigkeit würde die Säkularisierung wieder einsetzen. Möglicherweise müsse die These auch nur insofern modifiziert werden, als zu berücksichtigen sei, dass es neben Prozessen der Entweltlichung der Religion auch eine stärkere Einbindung religiöser Elemente in das politische und wirtschaftliche Leben gebe. Vorgeschlagen wurde auch, über Säkularisierungen zu sprechen.13

Jürgen Habermas prägte in diesem Zusammenhang das Schlagwort der postsäkularen Gesellschaft, die sich nicht mehr durch einen fortschreitenden ← 11 | 12 → Bedeutungsverlust der Religion auszeichne, sondern durch das Mit- und Gegeneinander religiöser und säkularer Elemente. Vor allem die liberalen westlichen Staaten seien mit der zunehmenden Relevanz des Religiösen konfrontiert, die Bürgergesellschaft stehe vor der Herausforderung der Integration religiöser Gemeinschaften, wie sich umgekehrt religiöse BürgerInnen in einen säkularen Staat einordnen müssten.14

Alles in allem ist die Permanenz des Religiösen in der Politik eine der großen Herausforderungen unserer Zeit, der sich zahlreiche Monographien, Sammelbände, Konferenzen und Forschungsinitiativen stellen. Dabei ist eine bunte Palette an Zugängen, Vorgangsweisen, Methoden und Verfahren zu erkennen.15

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Der Band enthält die für die Drucklegung überarbeiteten Vorträge einer interdisziplinären Ringvorlesung, die im Sommersemester 2015 an der Paris Lodron Universität Salzburg stattfand. Die Lehrveranstaltung basierte auf der Kooperation der Fachbereiche Geschichte, Systematische Theologie sowie Bibelwissenschaft und Kirchengeschichte, des Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen, des Zentrums zur Erforschung des Christlichen Ostens sowie des außeruniversitären Salzburg Institute of Religion, Culture and the Arts.

Das Buch richtet sich nicht nur an die Fachwissenschaft, sondern will einen größeren Kreis interessierter LeserInnen ansprechen. Empirische Fallstudien, die sich im Spannungsfeld zwischen Einzelfall und übergeordnetem Zusammenhang bewegen, sollen einen Einblick in die Vielfalt an Verflechtungsformen gewähren und die große Flexibilität des wechselseitigen Verhältnisses von Religion und Politik vor Augen führen.16 Finden sich doch gerade im öffentlichen Raum vereinfachende Wahrnehmungsmuster, verzerrende Darstellungen und problematische Verallgemeinerungen. Beabsichtigt ist, vor einfachen Lösungen zu warnen, die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung aufzuzeigen und zum Nachdenken anzuregen. Insgesamt soll Orientierungswissen für ein besseres Verständnis der aktuellen Situation zur Verfügung gestellt werden. Zu diesem Zweck werden ← 12 | 13 → theologisch-systematische Perspektiven und historische Wurzeln gegenwärtiger Problemlagen aufgezeigt. Außerdem gewährt der Band exemplarische Einsichten in allgemeine Grundkonstellationen der Verknüpfung von Religion und Politik, ihre kontextuellen Prägungen und ihren historischen Wandel. Aber auch das Bewusstmachen der Andersartigkeit und der Einmaligkeit der Verflechtung in früheren Zeiten und außerhalb Europas kann helfen, die Gegenwart besser zu verstehen und zu erklären.

Von dem unerfüllbaren Unterfangen, alle wichtigen Aspekte der vielfältigen Beziehungen zwischen Religion und Politik abzubilden, wurde angesichts der „tendenziellen Unbestimmtheit des Verhältnisses“17 Abstand genommen. Die zehn Fallstudien erfolgen in sehr unterschiedlichen räumlichen, zeitlichen und religiösen Kontexten, konzentrieren sich dabei jedoch auf drei zentrale Themenfelder, die freilich selbst wieder eine enorme interne Bandbreite an Zusammenhängen aufweisen: die Verflechtung der Religion mit Macht, politischen Herrschaftsansprüchen und Staatlichkeit, ihre Verknüpfung mit (physischer) Gewalt sowie Formen der Bewältigung religiöser Pluralität. Die zeitliche Spanne reicht vom 7. Jahrhundert bis in die jüngste Vergangenheit. Im Fokus stehen, räumlich betrachtet, Europa sowie die Stadt Salzburg; in den Blick genommen werden aber auch außereuropäische Regionen wie der Nahe und Mittlere Osten sowie China. Besondere Aufmerksamkeit finden die Weltreligionen Christentum und Islam, die aufgrund ihrer zahlreichen AnhängerInnen und der überregionalen Verbreitung weltpolitisch gegenwärtig eine besonders wichtige politische Rolle spielen. Behandelt werden außerdem Buddhismus, Hinduismus, das Judentum sowie der Konfuzianismus, der keine Religion im westlichen Sinn des Wortes bildet, sondern eher als Philosophie, Soziallehre oder Weltanschauung zu verstehen ist. Dem interdisziplinären Zugang folgend, kommen die Geschichtswissenschaft, die Theologie und die Literaturwissenschaft zu Wort.

Den Band eröffnet der Beitrag von Franz GMAINER-PRANZL über „Die ‚Wahrheit‘ von Religion(en) und die ‚Freiheit‘ der Gesellschaft.“ Der katholische Theologe betrachtet das Spannungsfeld zwischen Religion und Politik als ein zentrales Problem theologischer Reflexion über individuelle Freiheit und Heilswahrheit, das polylogisch zu erschließen sei, interkulturell, in unterschiedlichen Weltgegenden und in interdisziplinärer Kooperation. Zunächst setzt er sich mit der Frage auseinander, ob die Heils- und Wahrheitsansprüche insbesondere von Offenbarungsreligionen quasi automatisch politischen Zündstoff enthalten und damit auch ← 13 | 14 → zur Anwendung von Gewalt führen würden. Dabei zeigt er auf, dass Religionen in einem Umfeld, das von politischen Konflikten, ökonomischen Krisen, ethnischen Spannungen und sozialen Differenzen geprägt ist, polarisieren und eine explosive Wirkung entfalten können. Dafür seien jedoch nicht ihre Heils- und Wahrheitsansprüche verantwortlich zu machen, sondern Modernisierungsstress und Erfahrungen sozialer Ungerechtigkeit. Vor allem aber müsse auf die machtpolitische Instrumentalisierung des Religiösen hingewiesen werden. Religionen dürften daher nicht isoliert von den jeweiligen politischen, sozialen und ökonomischen Prozessen und Diskursen beurteilt werden, in die sie unweigerlich eingebunden seien.

Davon ausgehend bestimmt Gmainer-Pranzl fünf Formen des Verhältnisses von Religion und Politik: Integralismus, Säkularismus, Separatismus, Wiederkehr der Religionen und Postsäkularität. Aus dem postsäkularen Modell, das areligiöse und religiöse Menschen in einer säkularen Gesellschaft zur gemeinsamen Problemlösung verpflichtet, leitet er fünf Thesen zur Bestimmung des Verhältnisses von Religion und Politik ab: 1. Religionen sollten als diskursive Größe wahrgenommen werden, 2. Spannungen zwischen Religion und Politik sollten selbstkritisch aufgearbeitet werden, 3. Religionen müssten in Auseinandersetzung mit der (politischen) Öffentlichkeit ihre Heils- und Wahrheitsansprüche rekonstruieren, 4. Theologie sei auf interdisziplinäre Zusammenarbeit angewiesen und 5. das ausschlaggebende Kriterium im wechselseitigen Verhältnis solle Humanität sein.

Zusammenfassung

Das Buch untersucht in unterschiedlichen räumlichen Kontexten den Zusammenhang von Religion und Politik vom 7. Jahrhundert bis in die jüngste Vergangenheit. Aus historischer, theologisch-systematischer und literaturwissenschaftlicher Perspektive werden die Verflechtung der Religion mit Macht und Gewalt sowie der Umgang mit religiöser Pluralität in der Vergangenheit vor Augen geführt. Besondere Aufmerksamkeit finden die Weltreligionen Christentum und Islam. Die AutorInnen analysieren die Wurzeln aktueller Problemlagen und die vielfältige politische Instrumentalisierung des Religiösen sowie die Grundkonstellationen im historischen Wandel.

Biographische Angaben

Arno Strohmeyer (Band-Herausgeber:in) Lena Oetzel (Band-Herausgeber:in)

Arno Strohmeyer ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Paris Lodron Universität Salzburg. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Herrschaftssysteme und Widerstand, Friedenssicherung, Interkulturalität, Religion und Politik, Quelleneditionen in der Frühen Neuzeit. Lena Oetzel promovierte an der Paris Lodron Universität Salzburg und arbeitet dort als Universitätsassistentin im Bereich Geschichte der Neuzeit. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Herrschaft und Kommunikation, Geschlechterverhältnisse, Diplomatiegeschichte und Friedenskongresse in der Frühen Neuzeit, England und das Heilige Römische Reich.

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Titel: Historische und systematische Fallstudien in Religion und Politik vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert