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Meine Sprachen, meine Forschung und ich

SprachwissenschaftlerInnen reflektieren über ihre Arbeit. Festschrift für Rudolf de Cillia

von Verena Krausneker (Band-Herausgeber:in) Marie-Luise Volgger (Band-Herausgeber:in)
Andere 247 Seiten
Reihe: Sprache im Kontext, Band 43

Zusammenfassung

Diese Festschrift für Rudolf de Cillia entstand auf Initiative und unter Herausgeberschaft seiner ehemaligen DissertantInnen. Der Sammelband vereint daher ausschließlich Beiträge von ForscherInnen, deren wissenschaftliche Laufbahn durch den Geehrten so positiv geprägt wurde. Den Ausgangspunkt aller Beiträge stellt jeweils eine von Rudi de Cillia betreute Dissertation dar, wobei die AutorInnen eine der folgenden Perspektiven aufgreifen: Sie reflektieren sich selbst als Forschende, rekapitulieren das Thema ihrer Dissertation in Hinblick auf den aktuellen Forschungsdiskurs oder stellen Bezüge zwischen einer aktuellen Forschungsfrage und ihrer jeweiligen Dissertation her.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Teil I: Ich als ForscherIn
  • Sprachwissenschaftlerin werden. Eine (Re-)Konstruktion meiner Forschungsbiographie
  • Gehen Sie zu allen. Ein persönlicher Blick auf das Erlernen soziolinguistischer Fundamente
  • Die Entwicklung der tschechischen Militärterminologie unter besonderer Berücksichtigung des Tschechischunterrichts im Rahmen des österreichischen militärischen Bildungswesens
  • Teil II: Forschung von damals im Licht von heute
  • Kinder und Jugendliche als Dolmetscher – eine veraltete Fragestellung oder aktuelle Herausforderung?
  • Die Basisbildung zwischen Institutionalisierung und Entwicklung. Eine Bestandsaufnahme
  • Internationalismen im Albanischen unter besonderer Berücksichtigung des Alltagswortschatzes
  • Sprachenpolitik im Internationalen Krisen- und Konfliktmanagement am Beispiel des Österreichischen Bundesheeres
  • The indigenous and “foreigners” discourse in Kenya’s ethnic conflict
  • Geschlechter- und Migrationsgerechtigkeit
  • Teil III: Aktuelle Forschung
  • Sprache als Politikum: die Konstruktion eines Diskurses jenseits von Mehrsprachigkeit
  • The Pet Dragon – exemplarische Literaturanalyse eines mehrsprachigen Bilderbuches von Christoph Niemann
  • Vom Diskurs zur Praxis: Mehrsprachigkeit und Integration als Forschungsgegenstand
  • Zur Implementation mehrsprachiger Innovationen an Volksschulen Wiens. Ein Überblick über die letzten zehn Jahre
  • Wie „normal“ ist das österreichische Deutsch? Über das Normverständnis im Inland und im Ausland
  • Einstellungen der KindergartenmitarbeiterInnen und der Eltern gegenüber Mehrsprachigkeit im Kindergarten
  • Teil IV: Über Rudolf de Cillia
  • Begleitung, nicht Betreuung. Rudi de Cillia als Dissertationsvater
  • Biografie und Schriftenverzeichnis von Rudolf de Cillia
  • Über die AutorInnen dieses Buches

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Marie-Luise Volgger und Verena Krausneker

Vorwort

Vorliegende Festschrift für Rudolf de Cillia entstand auf Initiative und unter Herausgeberschaft seiner ehemaligen DissertantInnen. Mit seiner wertschätzenden und respektvollen Art war Rudi de Cillia als Dissertationsbetreuer für viele von uns prägend und für einige ist er auch gegenwärtig noch ein wichtiger akademischer Begleiter. Daher vereint dieses Buch ausschließlich Beiträge von ForscherInnen, deren wissenschaftliche Laufbahn durch die Dissertationsbetreuung des Geehrten so positiv beeinflusst wurde.

Den Ausgangspunkt aller Beiträge stellt jeweils eine von Rudi de Cillia betreute Dissertation dar, wobei die AutorInnen eine der folgenden Perspektiven aufgreifen: Sie reflektieren entweder ihre eigene Forschung bzw. Methodik in Bezug auf sich selbst als Forschende (Teil I) oder sie greifen das Forschungsthema ihrer Dissertation nochmals auf, diskutieren dieses neu und rekapitulieren es in Hinblick auf den aktuellen Forschungsdiskurs (Teil II). In den Artikeln in Teil III des Buches wird einer aktuellen, neuen Forschungsfrage nachgegangen und es werden Bezüge zur Dissertation der AutorInnen hergestellt. Alle Beiträge beinhalten somit durchaus persönliche Entwicklungen und subjektive Positionen.

So illustriert Katharina Brizić, wie Rudi de Cillia sie dazu inspiriert hat, „zu allen zu gehen“ und so einen besonders intensiven Weg zu ihrem forschenden Selbst einzuschlagen. Sie beschreibt zwei Arbeitsgrundlagen qualitativer Forschung: kritisches Reflektieren der eigenen Person und Sozialkonstruktivismus. Ebenfalls ein selbstreflexiver Zugang eint die Beiträge von Christine Czinglar und Josef Ernst. Ausgehend von ihrer jeweiligen Dissertation reflektieren sie ihre eigene Forschungsbiografie.

Eine Verbindung zwischen gegenwärtigen Forschungs- und Politikpositionen und den Ergebnissen ihrer Dissertation stellt Vera Ahamer her. Sie betrachtet die damals gezogenen Schlussfolgerungen zum Thema „Kinder und Jugendliche als DolmetscherInnen“ vor dem Hintergrund der gegenwärtigen österreichischen Sprachen- und Migrationspolitik. Antje Doberer-Bey dokumentiert die jüngsten Entwicklungen sowie die neuen Schwerpunkte der Basisbildungsprogramme in Österreich und Bruno Nestler stellt den Forschungsbereich „Sprachenpolitik und Mehrsprachigkeit in der österreichischen Verteidigungspolitik“ vor. Die beiden beschreiben ebenfalls aktuelle Entwicklungen. James Ogola Onyango diskutiert den bereits in der Dissertation analysierten „discourse of indigenous versus ← 7 | 8 → foreigners in Kenya“ neu und rekapituliert die damaligen Ergebnisse. Auch Izer Maksuti fasst die Ergebnisse seiner Dissertation zusammen und berichtet über seine damalige Analyse der Internationalismen im Alltagswortschatz des Albanischen. Das Thema „Geschlechter- und Migrationsgerechtigkeit“ bildet den Mittelpunkt des Beitrags von Edith Stary. Sie stellt aktuelle Projekte der von ihr geleiteten Ich-Du-Wir Volksschule Pantzergasse Wien vor, die alle mit ihrem ehemaligen Dissertationsschwerpunkt in Zusammenhang stehen.

Einem im Rahmen seiner Dissertation entstandenen Forschungsdesiderat geht Niku Dorostkar nach, indem er eine Online-Forum-Diskussion zum Thema Deutschpflicht und mangelnde Sprachkenntnisse bei MigrantInnen diskursanalytisch beleuchtet. Mi-Cha Flubacher greift auch eine Fragstellung auf, die im Zuge ihres Dissertationsprojekts entstanden ist und mit der sie sich anschließend im Rahmen eines ethnografischen Forschungsprojekts auseinandergesetzt hat. Sie stellt in ihrem Beitrag den Zusammenhang zwischen Mehrsprachigkeit, Sprachkompetenzen und Integration in der Praxis der öffentlichen Arbeitsvermittlung im zweisprachigen Kanton Freiburg (Schweiz) dar. Die neuesten Ergebnisse des FWF-Forschungsprojekts „Österreichisches Deutsch als Unterrichts- und Bildungssprache“ in Österreich setzt Jutta Ransmayr in Zusammenhang mit den in ihrer Dissertation angestellten Status-Analysen des österreichischen Deutsch an Germanistik-Instituten im Ausland. Die in ihrem Beitrag erörterte Forschungsfrage, wie Österreich mit der eigenen Varietät im heimischen Deutschunterricht sowie in den Deutsch-als-Erstsprache-Lehrwerken und Studienplänen für Deutsch umgeht, ergab sich ebenfalls im Rahmen ihrer Dissertation. Ulrike Eder bietet einen Einblick in ihr aktuelles Habilitationsprojekt zur textnahen Arbeit mit mehrsprachiger Kinder- und Jugendliteratur im Deutsch als Fremd- und Zweitsprachenunterricht. Sie analysiert ein mehrsprachiges Kinderbuch und zeigt Möglichkeiten auf, die Formen und Funktionen literarischer Mehrsprachigkeit für eine differenzierte Literaturanalyse zu nützen. Mehrsprachigen Innovationen an den Volksschulen Wiens widmet sich Christina Philippi. Sie diskutiert die Ergebnisse ihrer Dissertation, indem sie diese einem Vergleich mit neuesten Interviewdaten unterzieht. Dabei steht die zentrale Fragestellung im Vordergrund, was sich in den letzten zehn Jahren hinsichtlich schulischer Rahmenbedingungen und deren Auswirkungen auf die schulische Praxis verändert hat. Einen Vergleich zwischen Resultaten der Dissertation mit jenen eines neuen Forschungsprojekts zum selben Thema stellt auch Ewelina Sobczak an. Sie vergleicht die Ergebnisse ihrer Dissertation zur Mehrsprachigkeit im Kindergarten mit jenen des jüngeren Forschungsprojekts SULMIK „Spracherwerb und lebensweltliche Mehrsprachigkeit im Kindergarten“. ← 8 | 9 →

Der letzte Abschnitt des Buches (Teil IV) steht im Zeichen der Person Rudolf de Cillias selbst. Verena Krausneker beschreibt ihre ganz persönliche Sicht auf ihn als Doktorvater. Die Biografie sowie ein Schriftenverzeichnis des Geehrten schließen die Festschrift ab.

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Teil I: Ich als ForscherIn

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Christine Czinglar

Sprachwissenschaftlerin werden. Eine (Re-)Konstruktion meiner Forschungsbiographie

Ungefähr ein Jahr vor der Abgabe meiner Dissertation an der Universität Wien sollte ich im Rahmen einer Karriereförderungsmaßnahme die Arbeitsschritte für den Abschluss der Dissertation und ihre weitere Verwertung visualisieren: Ich zeichnete mich, wie ich mit einem schweren Rucksack einen riesigen schwarzen Berg erklimme. Die einzelnen Stationen waren durch Gipfelkreuze gekennzeichnet, die wie Grabkreuze aussahen. Das höchste Gipfelkreuz markierte die Abgabe der Dissertation, danach flog ich mit einem orangen Paraglider ins Tal hinab, wo andere, weniger schwarze Aufgaben auf mich warteten. Als ich die Zeichnung am Schluss betrachtete, war ich selbst am meisten schockiert von dem inneren Bild, das ich von meinem Dissertationsprojekt zu haben schien. Zum Vergleich: Andere Kolleginnen zeichneten ein blaues Flüsschen, das sich munter an Bäumen vorbeischlängelte, die bunte Früchte trugen. Aber von Gesprächen mit peers und dem sehr empfehlenswerten Buch Writing Your Dissertation in Fifteen Minutes a Day (Bolker, 1998) weiß ich, dass ich nicht die einzige bin, der beim Schreiben der Dissertation schwarze Gedanken gekommen sind. Für die Überwindung dieser schwarzen Gedanken spielen neben individuellen auch Umweltfaktoren wie Betreuung, Stipendien, universitäre Infrastruktur, peers und (internationale) Kontakte eine entscheidende Rolle.

Um nachvollziehen zu können, wie es zu diesem inneren Bild kam, reflektiere ich in diesem Beitrag meine ganz persönliche Forschungsbiographie. Ich tue dies im Sinn von Gläser (2006: 89), der dazu zählt: die Abfolge der wissenschaftlichen Arbeiten, die Projekte, die Institutionen und Labors, in denen eine WissenschaftlerIn gearbeitet hat, ihre KollegInnen, KooperationspartnerInnen und Kontakte.

Dass Sprache einer der faszinierendsten Gegenstände überhaupt und Sprachwissenschaft das richtige Studium für mich ist, wusste ich bereits nach den ersten Lehrveranstaltungen. Die Entscheidung, dass ich Wissenschaftlerin sein wollte, traf ich erst viel später – dazu waren die Perspektiven zu unklar und die Zweifel zu groß. Bei der Diplomarbeit merkte ich, wieviel Spaß es mir machte, Fakten zu ordnen, Argumente zu strukturieren und einen kohärenten wissenschaftlichen Text zu schreiben – daher nehme ich sie zum Ausgangspunkt meiner ← 13 | 14 → Forschungsbiographie. Leider stand zu Beginn meines Doktorats die Lust an der Reflexion und am wissenschaftlichen Arbeiten weniger im Vordergrund, denn offensichtlich waren die eigenen Erwartungen an die Dissertation zu groß. Im Folgenden möchte ich beschreiben, unter welchen Rahmenbedingungen ich diese Lust wieder mobilisieren und die Dissertation schreiben konnte.

Trockentraining

Während meines Studiums der Allgemeinen Sprachwissenschaft in Wien interessierte ich mich für Grammatiktheorie, Semantik, Spracherwerb, Dialektsyntax und Computerlinguistik. In der Diplomarbeit beschäftigte ich mich mit der Syntax und Semantik der Existenzkonstruktion aus einer generativen Perspektive. Ich arbeitete Theorien zur Beschreibung und Erklärung der Existenzkonstruktion im Englischen there is auf und legte diese auf das Deutsche es gibt und die Alemannische Variante es hot um. Die Daten zum Alemannischen und Standarddeutschen erhob ich über die introspektive Methode der Grammatikalitätsurteile, wie sie im Rahmen der generativen Grammatik häufig verwendet wird (Schütze, 1996). Da ich selbst in Vorarlberg aufgewachsen bin, hatte ich erste Urteile, wollte diese jedoch durch kompetente DialektsprecherInnen absichern. Dazu konzipierte ich einen Fragebogen und ließ die Sätze in mündlichen Interviews von Bekannten aus dem Raum Montafon und Bludenz (Alemannisch, Ale) und LinguistInnen aus verschiedensten Regionen (Standarddeutsch, StD) beurteilen. Anhand von Sätzen wie (1) und (2) zeigte ich, dass es hot eine stärker lokative Bedeutung hat als es gibt, diese Bedeutung kann in der Standardsprache nur mit der Kopula sein ausgedrückt werden (Czinglar, 1997: 48f):

(1) *Es gibt einen bellenden Hund auf deinem Sofa.1 (StD)

(2) Es gibt einen großen Fleck auf deinem Sofa. (StD)

(3) Es ist ein Hund / ein großer Fleck auf deinem Sofa. (StD)

(4) Es hot an Hund / an großa Fleck uf dinam Kanapee. (Ale)

Details

Seiten
247
ISBN (PDF)
9783653057300
ISBN (ePUB)
9783653964165
ISBN (MOBI)
9783653964158
ISBN (Hardcover)
9783631664858
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Oktober)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 247 S., 4 s/w Abb., 1 Tab.

Biographische Angaben

Verena Krausneker (Band-Herausgeber:in) Marie-Luise Volgger (Band-Herausgeber:in)

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Titel: Meine Sprachen, meine Forschung und ich