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Philosophie der Kultur- und Wissensformen

Ernst Cassirer neu lesen

von Tobias Endres (Band-Herausgeber:in) Pellegrino Favuzzi (Band-Herausgeber:in) Timo Klattenhoff (Band-Herausgeber:in)
©2016 Sammelband 313 Seiten

Zusammenfassung

Das Potenzial der Philosophie Ernst Cassirers ist keinesfalls erschöpft, sondern vielmehr in systematischer, transdisziplinärer und gesellschaftlich relevanter Perspektive anschlussfähig, um Fragestellungen der Gegenwartsphilosophie und der Wissenschaften zu begegnen. Die Cassirer-Rezeption befindet sich in dieser Hinsicht an der Schwelle des Eintritts in eine neue Phase, die im Lichte eines ‚Neulesens‘ sowie einer zunehmend globalen Vernetzung betrachtet werden kann. Von der Wissensforschung und Wahrnehmungstheorie über neue Gebiete symbolischer Formung wie Film, Geld und Virtualität bis zum spannungsreichen Verhältnis zwischen Demokratie und Mythos: Die Beiträge des Bandes verstehen sich als Aktualisierung von Cassirers Philosophie der Kultur- und Wissensformen im 21. Jahrhundert.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Dagmar Borchers - Vorwort
  • Tobias Endres, Pellegrino Favuzzi & Timo Klattenhoff - Cassirer, globalized. Über Sinn und Zweck eines Neulesens
  • Christian Möckel - Symbolische Formen als Wissensformen?
  • Tobias Endres - Die Philosophie der symbolischen Formen als Phänomenologie der Wahrnehmung
  • Peter Remmers - Symbolische Form und Epistemologie filmischer Bewegungsbilder
  • Yosuke Hamada - Das Sehen der Malerei. Die ästhetische Anschauung nach Ernst Cassirer
  • Rafael Garcia - Technik und Externalisierung der Erkenntnis. Bemerkungen über das Zeitalter der virtuellen Welt
  • Timo Klattenhoff - Zur Universalität des Tauschmittels. Wie sich Geld als symbolische Form verstehen lässt
  • Felix Schwarz - Cassirers Antinaturalismus des Lebens und die Biologie des animal symbolicum
  • Sevilay Karaduman - Cassirers Kritik an Hegels Dialektik. Stillstand statt Dynamik?
  • Pellegrino Favuzzi - Das Pathos der Vernunft. Cassirers Philosophie zwischen Demokratie und politischem Mythos
  • Gisela Starke - Der politische Mythos als Instrument nationalsozialistischer Herrschaft nach Ernst Cassirer
  • Servanne Jollivet - Die Kulturphilosophie Cassirers in der Historismus-Debatte
  • Joel-Philipp Krohn - Symbol und Praxis. Eine Analyse des Tätigkeitsbegriffs in Ernst Cassirers Symbolphilosophie
  • Claudio Bonaldi - Cassirer und das philosophische Denken als generative Formung der Sinnwelt
  • Die AutorInnen
  • Siglenverzeichnis
  • Namensverzeichnis

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Dagmar Borchers

Vorwort

‚Ernst Cassirer neu lesen‘ heißt es im Untertitel dieses Bandes, der von Tobias Endres, Pellegrino Favuzzi und Timo Klattenhoff herausgegeben wird. Als erste Publikation in der Reihe mit dem neuen Titel ‚Philosophie im Kontext von Gesellschaft und Wissenschaften‘ passt diese Publikation mit dem oben formulierten Anspruch gleich in mehrfacher Hinsicht besonders gut zum Selbstverständnis der Reihe. Wie die Herausgeber betonen, ist es an der Zeit, Cassirer neu zu entdecken und seine Philosophie in den Kontext aktueller gesellschaftlicher Fragen und Themen zu rücken. Die hier vorgestellten Arbeiten zu Cassirer verbinden eine analytische Auseinandersetzung mit dessen Schriften, die der Grundlagenforschung der Philosophie neue Erkenntnisse in Hinblick auf Cassirers Arbeiten vermittelt, mit einer Hinwendung zur Angewandten Philosophie, indem sie Cassirers Ausführungen im Kontext zeitgenössischer gesellschaftlicher Themenfelder wie der modernen Kunst, der virtuellen Welt, aber auch der Politik und der Naturwissenschaften neu interpretieren und bewerten. Damit wird implizit u. a. deutlich, wie die Angewandte Philosophie in enger systematischer Verbindung mit der philosophischen Grundlagenforschung zu besonders fundierten und innovativen Fragen, aber auch Resultaten führen kann.

Die hier von den Autorinnen und Autoren programmatisch vorgenommene Lesart wird Cassirers Philosophie in besonderer Weise gerecht, mit ihrer Spannweite von erkenntnistheoretischen, sprachphilosophischen und kulturphilosophischen Grundsatzfragen hin zu einer systematischen Fundierung gesellschaftlicher Teilbereiche auf der Grundlage einer einheitlichen Theorie der symbolischen Form. Und es freut mich sehr, dass diese Reihe dazu beitragen kann, das Werk Ernst Cassirers durch die Arbeiten junger, engagierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neu zur Diskussion zu stellen.

Cassirer hat nicht nur die Pluralität der symbolischen Formen, der Kulturen und der Perspektiven im Blick gehabt, er hat auch die Philosophie in ihren unterschiedlichen Strömungen, Methoden und Entwicklungen interessiert und offen verfolgt und mit seinen eigenen Arbeiten dieser philosophischen Vielfalt Rechnung getragen. Diese prinzipielle Offenheit und das Interesse an der Vielfalt philosophischer Zugangsweisen und Schwerpunktsetzungen ist sicherlich ein Zug Cassirers, der für alle Philosophinnen und Philosophen vorbildlich sein könnte. ← 7 | 8 → Aber auch Cassirers Auffassung, die Philosophie habe „über ihre Zeit hinaus“ und ggf. auch „gegen sie“ zu denken, sollten wir in ihrer zeitlosen Aktualität bewahren.

Ich freue mich, dass die Herausgeber diesen Band zur neuen Lesart des Werkes von Ernst Cassirer in unserer Reihe publizieren und wünsche den Leserinnen und Lesern eine philosophisch anregende Lektüre und dem Band und seinen Autorinnen und Autoren viel Erfolg.

Bremen, Mai 2016

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Tobias Endres, Pellegrino Favuzzi & Timo Klattenhoff

Cassirer, globalized

Über Sinn und Zweck eines Neulesens

Der vorliegende Band ist das Ergebnis einer fortdauernden Zusammenarbeit von Forscherinnen und Forschern, deren hier versammelte und wesentlich erweiterte Beiträge am 9. Juli 2014 im Rahmen eines Workshops am Innovationszentrum Wissensforschung (IZW) der Technischen Universität Berlin vorgetragen wurden. Es sei betont, dass es sich hier um ein erstes Ergebnis handelt, besteht doch das Vorhaben der gemeinsamen Arbeit darin, die globale Vernetzung der Cassirer-Forschung voranzutreiben sowie den Anschluss an die systematisch und gesellschaftlich relevanten Debatten der Gegenwart in der Philosophie und den Wissenschaften auszubauen.

Diese Forschungsgemeinschaft wurde auf Initiative von Frau Prof. Dr. Martina Plümacher im März 2012 ins Leben gerufen und von ihr institutionell als ‚Ernst Cassirer-Arbeitsgruppe‘ am IZW der Technischen Universität Berlin verankert. Unter ihrer Leitung und der von Herrn Prof. Dr. Christian Möckel forscht die Gruppe mit Teilnehmern aus Berlin, Hamburg und Leipzig, aber auch aus Italien und Frankreich, Japan und China sowie Brasilien und den Vereinigten Staaten seit nunmehr vier Jahren. Der Forschungsschwerpunkt des von Herrn Prof. Dr. Günter Abel geleiteten IZW liegt auf der Analyse von Formen, Praktiken und Dynamiken von Wissen und ihren Wechselwirkungen im Kontext moderner Wissensgesellschaften. Da im Denken Cassirers der Formbegriff unbestritten von zentraler Bedeutung ist, lag es für die Arbeitsgemeinschaft nahe, aufgrund dieses Forschungskontextes zu ergründen, in welcher Weise sich unterschiedliche Wissensformen mit Cassirer und in seinem Werk thematisieren lassen. In diesem Geiste standen zunächst als Desiderata ‚Ausdrucksphänomen‘, ‚Farbwahrnehmung‘, ‚Natürliche und künstliche Zeichen‘, ‚Theoriegeladenheit der Wahrnehmung‘, ‚Kunsterfahrung‘ und ‚Perspektivität‘ zur Diskussion. Im Anschluss an diese Anfangsphase, in der das Zusammenspiel von im weitesten Sinne ästhetischer Erfahrung und Wissensform das Zentrum der Auseinandersetzung bildete, wurde der Untersuchungskreis um sozialphilosophische und pragmatistische, anthropologische und technikphilosophische Themen erweitert.

Der vielseitigen Spezialisierung der Teilnehmer und der Bandbreite des Cassirerschen Denkens geschuldet, wurden diese Ergebnisse im Juli 2014 auf genannter Veranstaltung präsentiert, zu der WissenschaftlerInnen aus ganz Deutschland ← 9 | 10 → kamen. Das vorgelegte und diskutierte Material ging weit über den thematischen Horizont der ursprünglich epistemologisch-wahrnehmungstheoretischen Orientierung hinaus. Ähnlich wie sich für Cassirer aus dem Symbolbegriff ein umfassendes Verständnis für die Vielfalt kultureller Formen entwickelte, tat sich den Teilnehmern des Arbeitskreises aus der Fülle des Besprochenen heraus eine neue Forschungsperspektive auf, so dass bei der Konzeption des Workshops und dieses Sammelbands vor allem eines klar wurde: Ernst Cassirer kann in vielen Debatten des 21. Jahrhunderts nach wie vor einen Beitrag leisten; wir müssen ihn neu lesen.

Wie ist das aber gemeint, Cassirer neu zu lesen? Und wie verhält sich, mehr noch, diese Idee zu dem Anspruch, ihn erneut ins Gespräch zu bringen, insbesondere wenn an anderer Stelle schon geurteilt wurde: „Attempts to revive his fortunes are, I am afraid, doomed to failure“1? Zum einen will damit gesagt sein, dass das Potenzial seiner Philosophie keinesfalls erschöpft, sondern vielmehr anschlussfähig für die Gegenwartsphilosophie ist. Zum anderen lebt diese Überzeugung von der Prognose, dass sich die Cassirer-Rezeption an der Schwelle des Eintritts in eine neue Phase befindet.

Zu Beginn der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts war die Philosophie Cassirers europaweit allmählich in Vergessenheit geraten, nach seinem Tode im Exil und dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschränkte sich ihr Wirken in erster Linie auf die USA.2 Diese frühe Rezeption war unter anderem dadurch ← 10 | 11 → eingeschränkt, dass Cassirer entweder als gelehrter Autor ideengeschichtlicher Studien zur Renaissance und Aufklärung oder als Theoretiker naturwissenschaftlicher Erkenntnis neukantianischer Prägung galt.3 Sie wurde zusätzlich durch den Umstand erschwert, dass neben seinen auf Englisch verfassten späten Arbeiten nur wenige Übersetzungen seines immensen Œuvres vorlagen, während die Gesamtausgabe seiner Schriften und die Erschließung des in New Haven aufbewahrten Nachlasses noch in weiter Ferne lagen.4

Donald Phillip Verene war es, der erstmals englischsprachig festgehaltene Vorträge aus Cassirers Nachlass sichtete. Diesen vergleichsweise kleinen Teil der nachgelassenen Schriften veröffentlichte er 1979 samt einer eigenen Übersetzung der Göteborger Antrittsvorlesung.5 Die Tagungen in Zürich 1986 und in Nanterre 1988 sowie die 1987 erschienene, bahnbrechenden Studie von John Michael Krois Symbolic Forms and History brachten erst jenes internationale und kollektive Unternehmen in Gang6, das zur breiten Wiederentdeckung und umfassenden Rehabilitierung von Cassirers Philosophie beitrug und bekanntlich Mitte der 1990er Jahren zur sogenannten ‚Cassirer-Renaissance‘ führte.7 Einen ← 11 | 12 → besonderen Aufschwung erfuhr diese Rezeption zum 50. Todestag Cassirers dank einer Vielzahl wissenschaftlicher Veranstaltungen.8 In eben diesen Zeitraum fallen unter anderem die Grundlegung zur Herausgabe Cassirers nachgelassener Manuskripte und Texte durch Klaus Christian Köhnke, John Michael Krois und Oswald Schwemmer9 sowie die von Birgit Recki herausgegebene Edition der gesammelten Schriften.10

Am Anfang des neuen Jahrtausends hat die Forschungsgemeinschaft viele wichtige Resultate hervorgebracht, die nicht nur Entwicklungen und Fortschritte11 innerhalb der Cassirer-Forschung dokumentieren, sondern auch die Aktualität Cassirers im philosophischen Diskurs widerspiegeln. Exemplarisch sind in dieser Hinsicht die Studien von Guido Kreis, in welchen Cassirers ‚Philosophie des objektiven Geistes‘ mit der gegenwärtigen, analytisch geprägten ‚Philosophy of ← 12 | 13 → Mind‘ ins Gespräch gebracht wird12, oder die Arbeiten von Sebastian Luft, der mit der Rede eines ‚Space of Culture‘ an die von Wilfrid Sellars aufgeworfene und von Robert Brandom, John McDowell und anderen weitergeführte Idee eines ‚Space of Reasons‘ anknüpft13.

Dieses noch immer zu entfaltende systematische Potential des Denkens Cassirers verbindet sich ebenso mit einer Aktualität im Rahmen breiterer multidisziplinärer und gesellschaftlich relevanter Diskurse. Seinem Philosophieren wohnt die dialogische und perspektivische Tendenz inne, von Problemen der Einzelwissenschaften auszugehen und auf die in den unterschiedlichen Disziplinen thematisierten Fakten Bezug zu nehmen, um rekonstruktiv die Einheit der menschlichen Kultur- und Wissensformen als offenen Prozess zu verstehen. Das geistige Erbe des klassischen Idealismus und der Marburger Schule lebt und entfaltet sich hierbei in der Forderung, eine transzendentale Kulturphilosophie „überall dort“ anzuwenden, „wo es sich überhaupt um Formen geistiger Gesetzlichkeit handelt, aus denen sich eine objektive Auffassung und ein objektiver Aufbau der Wirklichkeit ergibt.“14 So bewegt sich die Philosophie Cassirers programmatisch in einer Zwischensphäre, in einem ‚infinitesimalen Raum‘ zwischen den vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des menschlichen Geistes: Sie zeichnet sich insofern durch einen ausgeprägt transdisziplinären Charakter aus, als dass sie die Wissensfelder nicht als vorgefertigte Gebiete annimmt, sondern sie ‚integrativ‘ anspricht, um Vernetzung und Interaktion zu fördern und dadurch die Schaffung neuer Erkenntnis zu ermöglichen.

Es verwundert daher nicht, dass das Werk Cassirers in den letzten zwei Jahrzehnten eine vermehrte fruchtbare Rezeption in Fachgebieten wie den Politik-, Rechts-, Sozial-, Erziehungs- oder Kulturwissenschaften erlebt hat. An seine Theorie des Symbols und des Funktionsbegriffs haben sich beispielsweise die Sozial- und Kulturtheorie Pierre Bourdieus, die funktionelle Systemtheorie Niklas Luhmanns, die phänomenologische Soziologie Alfred Schütz’ oder die interpretative Ethnologie ← 13 | 14 → Clifford Geertz’ angeschlossen15, während seine Bestimmung des Rechts als symbolische Kulturform innerhalb eines immer mehr durch einen ‚Cultural Turn‘ geprägten, rechtstheoretischen Diskurses auf positive Resonanz gestoßen ist.16 Ebenfalls wurde Cassirers lange Zeit umstrittene Analyse der Politik des Nationalsozialismus erneut in verschiedenen Studien zu Totalitarismus, politischem Mythos und politischer Symbolik untersucht und rehabilitiert17, aber auch seine späteren kulturphilosophischen und anthropologischen Reflexionen erweckten im Rahmen einer ← 14 | 15 → jüngsten kulturwissenschaftlichen Neuorientierung der Pädagogik wachsendes Interesse.18

Von Bedeutung ist die Philosophie Cassirers aber auch aufgrund der systematischen Einsichten, die sie zur Erörterung gesellschaftlich bedeutsamer Fragestellungen bieten kann. Ihre dezidierte Kritik an allen naturalistischen und ontologischen Denkweisen sowie ihr funktions- und symboltheoretisches Verständnis kultureller Prozesse bilden den Ausgangspunkt zu einer relationalen und pluralistischen Begründung sozialer und politischer Ordnungen. Cassirer weist uns, kurz gesagt, immer wieder auf die Vielfältigkeit von Kulturen19 hin: Seine Philosophie – sicherlich nicht die eines „humanistische[n] Friedenspfeifenraucher[s]“20 – macht sowohl auf die pluralen Formen von Weltsicht als auch auf die damit einhergehenden Geltungsansprüche aufmerksam. Dass sie nicht nur unterschiedliche Wege der Wirklichkeitserkenntnis vorgeben, sondern auch das Potential zu Dissens und kulturübergreifender Auseinandersetzung beinhalten, bedenkt Cassirer durchaus.21 ← 15 | 16 → Somit schafft eine Kulturphilosophie wie diese den offenen Raum eines friedlichen Zusammenlebens durch ihre ständige Arbeit an der Kontextualisierung und Bewältigung von Gegensätzen zwischen immer möglichen, aus historisch-politischen oder intellektuellen Gründen motivierten Absolutheits- und Wahrheitsansprüchen. Besonders in dieser Hinsicht eröffnet das Denken Cassirers bedeutsame Perspektiven zum Nachdenken über mindestens zwei aktuelle Themen: zum einen über das schon lange diskutierte Problem der Bestimmung einer konsistenten Idee des Europäischen als übergreifende Einheit in der unaufhebbaren Vielfalt der nationalen Kulturen; zum anderen über die Frage nach Toleranz und Pluralismus innerhalb einer multireligiösen und multikulturellen, zugleich säkularisierten und durch soziale Medien und Technowissenschaften geprägten Gesellschaft.22

Von diesem Standpunkt aus kann die kommende Phase der Cassirer-Renaissance im Lichte eines Neulesens gesehen werden, das sowohl auf ein reiches und intensives Verständnis des Werkes Cassirers abzielt als auch den Bezug zum Stand der philosophischen, transdisziplinären und sozial relevanten Debatten der Gegenwart herzustellen vermag. Die Cassirer-Forschung ist aber darüber hinaus in eine neue Epoche der internationalen Vernetzung eingetreten23: Nicht nur in Europa und wieder in Nordamerika, sondern auch in Brasilien, Russland, China und Japan zeigt sich ein zunehmend globales Interesse für Cassirers Philosophie, wie viele wissenschaftliche Veranstaltungen und Tagungsbände belegen.24 Innerhalb dieses ← 16 | 17 → dynamischen Kontextes beabsichtigen die Aufsätze dieses Sammelbandes, einen entscheidenden Beitrag zu leisten sowie selbst neue Impulse zu geben, welche die Cassirer-Forschung weiter beleben und vor allem zu anderen, umfassenden und auch exzentrischen Lesarten ermutigen sollen. Auch vor dem Hintergrund einer sorgfältigen Berücksichtigung der jüngsten Resultate der Nachlassedition nehmen die versammelten Arbeiten entlang von Cassirers ‚Philosophie der Kultur- und Wissensformen‘ einerseits Bezug auf neue Gebiete der symbolischen Formung, wie die Technik der digitalen Informationsspeicherung, die Sinngebung im filmischen Wissen oder die Form monetärer Verwertung. Andererseits setzen sie sich mit aktuellen Fragen, wie solchen nach dem Zusammenhang von Relativismus und Pluralismus, von Vernunft und Gefühl in der Politik, aber auch mit der Brisanz politischer Mythen auseinander.

Den Auftakt zur Relektüre bilden zwei Artikel, in denen eine Gesamtschau auf Cassirers Werk anvisiert wird. Christian Möckel beschäftigt sich zunächst mit der ← 17 | 18 → programmatischen Frage, ob die symbolischen Formen im Sinne Cassirers überhaupt als Wissensformen angesprochen werden können. Den Denkanstoß zu dieser Untersuchung gibt ein Vergleich mit der phänomenologischen Philosophie Edmund Husserls und vor allem derjenigen Max Schelers, dessen ‚Soziologie des Wissens‘ immer noch zu erforschende Konvergenzen mit Cassirers Reflexionen über kulturelle Strukturen und ‚Lebensordnungen‘ aufweist. Eine Analyse des Begriffs ‚Wissensform‘ in seinem Bedeutungs- und Gebrauchswandel vom frühen Erkenntnisproblem bis zum späten Beitrag Zur Logik des Symbolbegriffs gibt prägnant die lebenslange Bemühung Cassirers wieder, ein solches Verständnis der menschlichen Erkenntnis zu entwickeln, das den Bezug auf die Einzelwissenschaften nicht aufgibt, aber zeitgleich für neue Gebiete kultureller Erfahrung offen bleibt.

Mit Blick auf das Hauptwerk Cassirers findet sich auch bei Tobias Endres die Ambition, einen umfassenden interpretativen Zugang aufzuzeigen: Wie ist die Philosophie der symbolischen Formen insgesamt, die ursprünglich als Ganze den Titel ‚Phänomenologie der Erkenntnis‘ tragen sollte, im Ausgang von ihrem dritten Band zu lesen? Es wird dabei unter systematischer wie textexegetischer Perspektive dafür argumentiert, dass Cassirer sein Hauptwerk auf Basis wahrnehmungsphilosophischer Überlegungen konzipiert hat. Die Phänomenologie der Erkenntnis wird in dieser Lesart zu einer Phänomenologie der Wahrnehmung. Cassirer erscheint in diesem Lichte nicht nur als unzureichend gewürdigter Wegbereiter der Philosophie Merleau-Pontys, sondern – wichtiger noch – als profunder Theoretiker einer integrativen Theorie perzeptueller Erfahrung.

Vor dem ausgebreiteten Hintergrund erfolgt die Erörterung und Untersuchung spezifischer Richtungen symbolischer Formgebung. Zuerst zeigt Peter Remmers auf, dass die Symboltheorie Cassirers im Rahmen aktueller repräsentations- und filmtheoretischer Diskussionen einen innovativen Beitrag zur Epistemologie des Films und besonders zu dessen Verständnis als eigenständiger Form der menschlichen Objektivierung leisten kann. Die bereits von Christian Möckel herausgestellte implizite Verwendung des Begriffs ‚Wissensform‘ lässt sich so gerade für filmisches Wissen beanspruchen. Dieses Spezifikum wird zunächst in Gegenüberstellung zu den symbolischen Formen Technik, Kunst und Mythos sowie in Auseinandersetzung mit verschiedenen Konzeptionen des Verhältnisses zwischen geistigem Gehalt und sinnlichem Zeichen untersucht. Im Lichte der pluralistischen Auffassung Cassirers erweist sich der Film als eine Art der Symbolisierung, indem er sich nun als Medium zur Gestaltung und Erschließung eines neuen Weltaspekts betrachten lässt. Angesichts der Wandlung des Bildbegriffs lässt sich der Film schließlich als ‚Werkzeug‘ des Zeigens ausweisen und somit auch ein neues Verständnis des umstrittenen Abbildbegriffs gewinnen. ← 18 | 19 →

Gewissermaßen als ‚Gegenprogramm‘ zur Auffassung bedeutender Kulturphänomene als symbolische Form schlägt Yosuke Hamada durch die begrifflich nuancierte Bestimmung einer ästhetischen Erfahrung einen wenig beschrittenen Pfad ein, indem er sich trotz dünner Textgrundlage an die Interpretation der ästhetischen Anschauung nach Cassirer wagt. ‚Anschauung‘ bedeutet hier ein Doppeltes in negativer wie positiver Hinsicht: Es geht um mehr als die visuelle Wahrnehmung, wenn man von ‚Anschauung‘ spricht, nämlich um die ästhetische Erfahrung als Ganze. Vom Objekt her betrachtet soll es aber um genau eine solche Erfahrung gehen, und zwar diejenige, die sich anhand der bildenden Kunst formiert. Hamada gewinnt über Cassirers zentralen Begriff der ‚Form‘, den letzterer im Anschluss an Platons Begriff der ‚Idee‘ bestimmt, einen anderen Begriff zurück, der ansonsten eher im Zusammenhang mit Cassirers Wahrnehmungstheorie fällt: den der ‚Gestalt‘.

Im Hinblick auf gegenwärtige Herausforderungen der Technisierung und Digitalisierung nimmt Rafael Garcia Cassirers Schrift Form und Technik als Ausgangspunkt, um Überlegungen zum Zeitalter der virtuellen Lebenswelt anzustellen: Es werden zum einen Gründe dafür erarbeitet, inwiefern informationelle Speichermedien von grundlegender Bedeutung für die Fortschreibung und Verfestigung kultureller Muster samt ihres sowohl theoretischen als auch praktischen Repertoires sind. Ausgehend von kulturkritischen Ansätzen Georg Simmels wird andererseits festgestellt, dass Technik eine Integration in die Dynamik der Kultur erfordert. Das heißt aber auch: Sie bedarf einer ‚Ethisierung‘ im Sinne Cassirers.

Indessen steht im Mittelpunkt des Aufsatzes von Timo Klattenhoff die Frage, ob sich Geld nicht bloß als ökonomisches Phänomen, sondern als Wissens- und Kulturform erfassen lässt. Den Ansatz zur Lösung dieses Problems bietet ein systematischer Vergleich zwischen Simmels und Cassirers sozial- und kulturphilosophischen Konzeptionen mit Blick auf das, was der erste unter Substanz- und Funktionswert, der zweite unter Ausdrucks- und Darstellungsfunktion versteht. Das Geld erweist sich schließlich als Kandidat für die Aufnahme wirtschaftlicher Phänomene in ein System möglicher Richtungen symbolischer Formung: Geld ist nämlich nicht auf das bloß materielle Mittel zum Austausch und zur Umrechnung reduzierbar, vielmehr konstituiert es eine eigene Erkenntnisart als monetäre, d. h. aufwertende und verwertende Form des Weltverständnisses.

Details

Seiten
313
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783631693995
ISBN (PDF)
9783653057379
ISBN (MOBI)
9783631694008
ISBN (Hardcover)
9783631664896
DOI
10.3726/978-3-653-05737-9
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (März)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 313 S.

Biographische Angaben

Tobias Endres (Band-Herausgeber:in) Pellegrino Favuzzi (Band-Herausgeber:in) Timo Klattenhoff (Band-Herausgeber:in)

Tobias Endres ist Lehrbeauftragter und Doktorand am Institut für Philosophie der Technischen Universität Berlin. Pellegrino Favuzzi ist Wissenschaftler an der Arbeitsstelle Ernst Cassirer-Nachlassedition der Humboldt-Universität zu Berlin. Timo Klattenhoff ist Doktorand am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Titel: Philosophie der Kultur- und Wissensformen