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Kartographien von Identität und Alterität in englischen Reiseberichten über die Neue Welt

1560–1630

von Sabrina Kessler (Autor:in)
©2016 Dissertation 445 Seiten

Zusammenfassung

Im Zentrum dieser Studie steht die diskursive Konstruktion von Identität und Alterität in englischen Reiseberichten über die Neue Welt. Sie untersucht, wie in dieser hybriden Textgattung zwischen 1560 und 1630 das Andere und Fremde repräsentiert und funktionalisiert wird, wobei das Eigene stets als zentraler Bezugspunkt fungiert. In intensiven close readings betrachtet die Autorin zahlreiche Berichte über einige der berühmtesten englischen Reisen des Age of Discovery von John Hawkins, Martin Frobisher, Francis Drake, Walter Raleigh und John Smith. Anhand der jeweils spezifischen Signatur der Einzeltexte erstellt sie eine Kartographie des Anderen und Fremden in der englischen Reiseberichterstattung der Frühen Neuzeit über Amerika, die ebenso als eine Kartographie von Selbstbildern zu lesen ist.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Siglenverzeichnis
  • Vorwort
  • 1 Anfänge
  • 1.1 Textauswahl
  • 1.2 Der Reisebericht der Frühen Neuzeit und das Problem der multiplen Autorschaft
  • 1.3 Terminologisches, methodisches Vorgehen und Forschungsliteratur
  • 2 John Hawkins und die Sklaverei: Verfahren im Dreieckshandel
  • 2.1 Die erste Reise und die ,Ware Mensch‘
  • 2.2 Multiple Dreiecksverhältnisse auf der zweiten Reise
  • 2.2.1 Die Folgen multipler Autorschaft: Erzähler, Protagonist und Kommentatorstimme als Reflex von Verfasser, Kommandeur und Herausgeber
  • 2.2.2 Multiple Fremdbilder: Triadische Strukturen
  • 2.2.2.1 Afrika und die Portugiesen
  • 2.2.2.2 Die Karibik, Südamerika und die Spanier
  • 2.2.2.3 Vom Kurs abgekommen? Nordamerika und die Franzosen
  • 2.3 The ,Troublesome‘ Voyage
  • 3 Martin Frobisher: Die Suche nach der NordWestpassage – auf dem Weg nach NirgendWo?
  • 3.1 Das ‚Who’s who‘ bei Martin Frobisher
  • 3.2 Exploring and digging: Syntagmatische und paradigmatische Textauswahl
  • 3.3 Die erste Reise des Martin Frobisher
  • 3.3.1 Christopher Hall – I and myself and the captain
  • 3.3.1.1 Die Verortung im Eigenen
  • 3.3.1.2 Die Funktionalisierung des Fremden
  • 3.3.1.3 Ziele des Reisens und des Schreibens
  • 3.3.2 Michael Lok – that matter owt of all dowbt
  • 3.3.3 George Best – the valor of the Englishmen
  • 3.4 Die zweite Reise: Dionyse Settle – all is not gold that glistereth
  • 3.4.1 The riches beyond and the beauty within
  • 3.4.2 Bekannte fremde Barbarei und unbekannte barbarische Fremde – like brute beasts
  • 3.5 Die dritte Reise: Thomas Ellis – this little booke of mine
  • 3.5.1 Der Protagonist als reisender Held
  • 3.5.2 Das narrative self-fashioning des Verfassers
  • 4 Sir Francis Drake: Der göttliche Pirat und die Einverleibung der Welt
  • 4.1 Potenzierte multiple Autorschaft und zeitliche Distanz
  • 4.2 The Famous Voyage als Schmelztiegel unterschiedlicher Texte
  • 4.2.1 Gesetzloser Pirat oder Freibeuter der Queen – die mixed identity des Sir Francis Drake
  • 4.2.2 Die Rückseite der (Neuen) Welt
  • 4.2.2.1 Nova Albion
  • 4.2.2.2 Mare Pacificum
  • 4.3 The World Encompassed
  • 4.3.1 Nationalheld, kultureller Botschafter und wohltätiger Pirat – Sir Francis Drake revived
  • 4.3.2 (De-)Constructing a hero: Die Doughty-Affäre
  • 4.3.3 In Gottes Auftrag
  • 5 Sir Walter Ralegh und das verrückte Labyrinth am Orinoko
  • 5.1 Politisches Pamphlet und Reisebericht: Dichotomisierung vs. Komplexität
  • 5.2 Der geographische Irrgarten
  • 5.2.1 Fluide Raumgrenzen
  • 5.2.2 Dichtung gleich Wahrheit: Der faktische Raum?
  • 5.2.3 Der labyrinthische Chronotopos
  • 5.2.4 Der gefährliche und ästhetische Raum: Der Orinoko als dramatische Bühne der heroischen Queste
  • 5.2.5 Trinidad als pars pro toto Guianas
  • 5.3 ‚Wir alle spielen Theater‘: Walter Raleghs soziales und literarisches Rollenspiel
  • 5.4 ‚Der Spanier‘: Bösewicht und Bedrohung oder Autorität und Vorbild?
  • 5.5 Die indigenen Stämme: Orenoqueponi, Epuremei, Ewaipanoma et al.
  • 5.6 Das Weibliche ist anders und das Andere ist weiblich
  • 5.6.1 Die indianische Frau und die europäische Moral
  • 5.6.2 Ezrabeta Cassipuna Aquerewana: Unsere Queen ist für alle da!
  • 5.6.3 Von Amazonen und Königinnen
  • 5.6.4 Jungfräuliches Guiana
  • 6 John Smith: ‚Wir sind gekommen, um zu bleiben‘
  • 6.1 Multiple Autorschaft und die Generall Historie als Reisebericht?
  • 6.2 Multiple Texte, multiple Stimmen
  • 6.3 Die Verzeitlichung und Konkretisierung des Raumes
  • 6.4 Wege zur Differenzierung und Individualisierung des Anderen
  • 6.5 Die Kolonie als Heterotopie
  • 6.5.1 Auflösung von Hierarchien und die Bedeutung des Einzelnen
  • 6.5.2 Interne Grenzziehungen und die Bedrohung von innen
  • 6.6 Aporien und prekäre Zustände
  • 6.7 Formen der Assimilation
  • 6.8 Das ‚Massaker von 1622‘: Der Beginn einer English black legend?
  • 6.9 Pocahontas und John Smith als Hoffnungsträger
  • 6.10 Wege zur Erlösung?
  • 7 Zusammenführung der Ergebnisse: Vom Längsschnitt zum Querschnitt
  • 7.1 Raum
  • 7.2 Personale Identität
  • 7.3 Personale Alterität
  • 7.4 Kollektive Alterität
  • 7.5 Kollektive Identität
  • 7.6 Weitere Horizonte
  • 8 Anhang
  • 8.1 English Summary
  • 8.2 Abbildungsnachweis
  • 8.3 Literaturverzeichnis
  • 8.3.1 Primärliteratur
  • 8.3.2 Sekundärliteratur

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Siglenverzeichnis

Hinweise auf die untersuchten Primärtexte werden in der Analyse durch folgende Abkürzungen vorgenommen:

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Vorwort

Diese Dissertation ist im Rahmen des DFG-geförderten Forschungsprojektes mit dem Titel „Die Erfahrung des Anderen: Diskursive Konstruktion von Alterität und Identität in der britischen Entdecker- und Reiseliteratur der Neuzeit“ unter der Leitung von Prof. Dr. Christoph Bode an der Ludwig-Maximilians-Universität München entstanden.

Zu Beginn der Arbeit musste ich feststellen, dass die von mir gewählte Epoche der Frühen Neuzeit Reiseberichte hervorbrachte, die auf den ersten Blick so gar nicht literarisch anmuten, eher rau und spröde wirken und ziemlich sperrig zu lesen sind. Aber wie auch die Begegnungen der Reisenden mit der Landschaft und den Menschen in der Neuen Welt oftmals erst auf den zweiten Blick interessant und schön sind, werden auch der Reiz und Charme der Reiseberichte der Frühen Neuzeit erst offengelegt, nachdem man etwas tiefer gegraben und geblickt hat. Dann erscheinen auch diese Texte nicht mehr trocken, sondern schillernd und komplex.

Obwohl es vielleicht ein abgegriffener Topos ist, kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass meine Zeit mit ‚den Jungs‘ auf See meine eigene Reise war, während der ich auf eine Alterität stieß, die auch meine Identität grundlegend verändert hat. Eine Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte und die sich letztlich sehr gelohnt hat, da ich an ihr wachsen konnte.

Die rund vierhundert Jahre alten Texte sind immer noch in der Lage, mit uns zu kommunizieren, und so hört ihre Narration nie auf; und es ist mir bewusst, dass meine Arbeit nur ein weiterer Kommentar (im Foucault’schen Sinne) ist, der die Texte in gewisser Weise weiterschreibt. Obwohl diese Analyse darauf abzielt, Bedeutungen der Berichte freizulegen, erscheint es doch eher so, dass durch sie immer noch weitere Bedeutungen hinzukommen. Auf diese Weise bin auch ich zu einem Teil dessen geworden, was die Reiseberichterstattung dieser Epoche auszeichnet: der multiplen Autorschaft, die im Folgenden noch eine tragende Rolle spielen wird.

Aufgrund der Komplexität der Primärliteratur und der frühneuzeitlichen Druckkonventionen ist es notwendig, vorab einige Anmerkungen zur Zitierweise zu machen: Die frühneuzeitliche Orthographie in den Originalzitaten wird in dieser Arbeit durchgängig beibehalten. Nur in Ausnahmefällen sind schwer verständliche Textpassagen gekennzeichnet oder zum besseren Verständnis kommentiert. Auch die sehr häufig auftretenden Kursivierungen in den Originalen sowie in der Sekundärliteratur werden belassen, aus pragmatischen Gründen jedoch nur dann ← 11 | 12 → speziell ausgewiesen, wenn es der Verständlichkeit dient. Von der Verfasserin hervorgehobene Stellen sind gesondert markiert.

Infolge der Uneinheitlichkeit der Schreibung von Personennamen in der Frühen Neuzeit treten sowohl in der Primär- als auch Sekundärliteratur unterschiedliche Varianten auf. In Originalzitaten werden die jeweiligen Formen unmarkiert übernommen, ansonsten richtet sich die Orthographie nach der heute üblichen Schreibweise.

Die Angabe der Erscheinungsjahre der Primärtexte erfolgt nach folgendem Prinzip: Nach dem Autornamen wird das Jahr der Erstveröffentlichung in eckigen Klammern angegeben, worauf das Jahr der verwendeten Ausgabe ohne Klammern folgt. Sind in den eckigen Klammern zwei Jahreszahlen zu finden, bezeichnet die erste das Jahr der Erstausgabe und die zweite das Jahr der Ausgabe, auf der die verwendete Edition beruht. Diese Systematisierung ist der Komplexität des Materials geschuldet, da sich die benutzten Textfassungen nicht immer auf die Erstveröffentlichung beziehen. Ist das Jahr der Erstausgabe unbekannt, wird dies nicht extra angezeigt, sondern vernachlässigt.

Aufgrund der Länge der Titel vieler Primärtexte werden diese im Siglen- sowie Literaturverzeichnis in gekürzter Form wiedergegeben. Die Auslassungen sind hierbei mit ‚[…]‘ gekennzeichnet.

Nach diesen einführenden Worten möchte ich – bevor die Expedition beginnen kann – die Gelegenheit nutzen, Danke zu sagen. Dieser ‚Reisebericht‘ hätte nicht entstehen können, wenn ich nicht eine Reihe von wunderbaren Menschen hinter mir gehabt hätte, die mir mit konstruktiver Kritik und positiver Unterstützung zur Seite gestanden haben.

Zu allererst möchte ich den Hilfskräften unseres Lehrstuhls danken, die mich in meiner Arbeit am Institut für englische Philologie der LMU immer so tatkräftig unterstützt haben, insbesondere Claire Brodka, Christine Grandl, Phillip Martini und Sabrina Müller.

Außerdem geht mein Dank an meine Kolleginnen aus der ‚Travel-Writing-Gruppe‘, die mir in unseren regelmäßigen Kolloquien konstruktives Feedback auf meine Arbeit gegeben und mich durch äußerst niveauvolle Diskussionen zu Höchstleistungen angetrieben haben: Stefanie Fricke, Yoshimi von Felbert, Anke Fischer-Kattner und Katharina Pink. In diesem Zuge möchte ich auch dem Rest von unserem ‚Kuschellehrstuhl‘ danken, der mich in seiner Mitte so herzlich aufgenommen hat. Insbesondere danke ich auch zwei meiner Kolleginnen am Institut, die mir bei dieser Arbeit ein besonderer moralischer Beistand waren: Helga Quadflieg und Yvonne Zips. ← 12 | 13 →

Überdies möchte ich meinen besten Dank an die Korreferenten meiner Arbeit aussprechen – Herrn Prof. Dr. Andreas Höfele und Herrn Prof. Dr. Helge Nowak. Zudem danke ich herzlich Herrn Prof. Dr. Jürgen Schläder, der mich bereits während meines Studiums unglaublich inspirierte und freundlicherweise als Nebenfachprüfer in meiner Disputation fungierte. Ich danke auch vielmals den Herausgebern Herrn Prof. Dr. Helmut Gneuss, Herrn Prof. Dr. Hans Sauer und Herrn Prof. Dr. Christoph Bode für die Aufnahme meiner Arbeit in ihre Reihe „MUSE: Munich Studies in English“.

In diesem Zusammenhang geht mein ganz besonderer Dank an meinen Doktorvater Herrn Prof. Dr. Christoph Bode, der mir seit Beginn meines Studiums ein großes Vorbild ist und in den letzten Jahren ein wirklich außergewöhnlicher Mentor für mich war: Ich glaube, niemand in einer Führungsposition ist in der Lage, den Spagat zwischen anspruchsvollem Chef und freundschaftlichem Kollegen so gut hinzubekommen wie er. Christoph, danke, dass du immer an mich geglaubt hast und so ein besonderer Mensch bist.

Darüber hinaus möchte ich meiner Familie danken: Mamas, Papas, Samantha, Christian und der kleine Nicholas – danke, dass ihr für mich da seid und mir stets die Freiheit gelassen habt, zu tun, was immer ich möchte. Ihr seid etwas ganz Besonderes.

Außerdem bedanke ich mich bei all meinen Freunden, die auch wenn die Zeit immer knapp zu sein scheint, trotzdem da sind, wenn man sie braucht. Ganz besonders möchte ich hier Armin Tichacek, Stefan Ballbach sowie Sybille und Stefan Eggl hervorheben, die mir eine große Unterstützung waren.

Mein herzlichster Dank geht an meinen Verlobten Rainer Sontheimer, ohne den das ganze Projekt ‚Neue Welt‘ nicht zustande gekommen wäre. Rainer, deine Ausdauer, Geduld und Hartnäckigkeit sind unglaublich und ich bewundere dich für deine Energie und Hingabe, mit denen du mich durch Höhen begleitest und durch Tiefen hindurchträgst. Ich kann dir gar nicht genug danken für das, was du tagtäglich für mich tust.

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1 Anfänge

Die ‚Entdeckung‘ Amerikas durch Kolumbus im Jahr 1492 wird häufig als eines der wichtigsten Ereignisse interpretiert, die den Anfang der Neuzeit markieren.1 Aber was sind Anfänge?

Aristoteles beschreibt den Anfang als etwas, „was selbst nicht notwendig auf ein anderes folgt, aus dem aber ein anderes natürlicherweise wird oder entsteht.“ (1961, 34) Diese Definition legt fest, dass einem Anfang nichts vorausgeht, was für dessen Existenz bzw. zu dessen Verständnis notwendig wäre. Da sich diese Arbeit zum Ziel setzt, die Anfänge der neuzeitlichen englischen Reiseberichterstattung zu untersuchen, könnte dementsprechend der trügerische Eindruck entstehen, es würde davon ausgegangen, das definierte Textkorpus sei urplötzlich und sozusagen aus einem Vakuum heraus entstanden. Aber keine Reise erfolgt voraussetzungslos; genauso wenig wie das Schreiben darüber, das seit jeher aufs Engste mit dem Reisen verknüpft ist und selbst oftmals metaphorisch mit einer Reise gleichgesetzt wird. (vgl. Hulme und Youngs 2007b, 2) Auch die Reiseberichterstattung der Frühen Neuzeit verfügte bereits über eine Vielzahl an Vorbildern von Vor-Gängern, die ein reiches rhetorisches Repertoire zur imitatio bereitstellten.2 Aber genauso wie jede diskursive Selbst-Begründung, die ein zentrales Thema dieser Arbeit ist, „immer mit einer dezisionistischen Setzung, der Setzung eines Anfangs beginnen [muss]“ (Bode 2008, 9), soll hier der ‚Beginn der Neuzeit‘ als solche begriffen werden. Diese Setzung, die im Allgemeinen mit Epochenbezeichnungen wie ‚Frühe Neuzeit‘, ‚Renaissance‘ oder ‚Zeitalter der Entdeckungen‘ ← 15 | 16 → versprachlicht wird,3 liefert den zeitlichen und diskursiven Rahmen, dem sich die behandelten Texte zuordnen lassen.

Jules Michelet beschreibt diese Periode – im Speziellen die Renaissance – mit dem Diktum der ‚Entdeckung der Welt und des Menschen‘. (vgl. Wiele 2003, 9) Jürgen Schlaeger geht noch weiter und postuliert, dass diese beiden ‚Entdeckungsfahrten‘ nicht nur nebeneinanderher vonstattengingen, sondern sich gegenseitig bedingt und beeinflusst haben:

Die Diskurse der Exploration und der Reise nach Innen [sic] sind in der frühen Neuzeit aufeinander bezogen und voneinander durchdrungen. Sie teilen Motive und Antriebe, bedienen sich ähnlicher Strategien und kreisen um verwandte Vorstellungen. Als ‘terra incognita’ wird nicht nur das angesehen, was die bekannte Welt in den alten mappae mundi begrenzte, sondern auch das, was im Innern des Menschen verborgen liegt. Und beides wird nicht mehr als Folge des Sündenfalls ehrfurchtsvoll hingenommen, sondern steht zur Aufarbeitung durch Anstrengung und d.h. auch zur Entdeckung und Kartographierung an. (1995, 135)

Indem durch humanistische Vorstöße die Stellung des Menschen im Kosmos hinterfragt wurde, entstanden also Bestrebungen, die Welt an sich zu erkunden und infrage zu stellen. Umgekehrt befeuerte die Entdeckung eines neuen Kontinents die Prozesse der Neuorientierung und -positionierung des Menschen in der Welt. (vgl. Grafton, Shelford und Siraisi 1992, 2ff.)

Diese Feststellung lässt die These zu, dass die enge Verzahnung von Weltentdeckung und Entdeckung des Menschen gerade in jenen Texten zu beobachten ist, welche die Auseinandersetzung von einem Ich mit der Exploration seiner Welt zum Gegenstand haben – wie dies in Reiseberichten über diese ‚Neue Welt‘ der Fall ist. Gerade der pragmatische Bezug dieser Texte zur Welt lässt diesen Zusammenhang vermuten, da hier die Verortung des schreibenden Ichs in der Welt durch ein in irgendeiner Weise ‚Sich-in-Bezug-Setzen‘ zu dieser unerlässlich ist. Dies ist ein konstitutives Merkmal jeder Art von Reiseliteratur, da für diese Gattung

eine bestimmte Art, in der Welt zu sein und sie zu erfahren, unabstellbar thematisch [ist]: Reiseliteratur handelt davon, wie ein spezifisches Ich besondere Erfahrungen mit ← 16 | 17 → dem Fremden, ihm bislang Unbekannten gemacht und wie es sie verarbeitet hat. (Bode 2009, 7)4

Um dieses ‚spezifische Ich‘, dessen Erfahrung des Fremden und deren Verarbeitung näher zu bestimmen, sollen in der folgenden Arbeit englische Reiseberichte der Frühen Neuzeit über die Neue Welt5 auf die diskursive Konstruktion von Identität und Alterität untersucht werden, wobei die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Entdeckung der Welt und des Subjektes bzw. Individuums latent mitschwingt.6

Ein bedeutender Einflussfaktor in den Reiseberichten der Frühen Neuzeit über die Neue Welt7 ist die besondere Art der Alteritätserfahrung, da sich die Reisenden mit einem Raum „as distant and fantastic as another planet“ (McGhee 2001, 5) konfrontiert sahen. Das Treffen auf eine Alterität, die im Gegensatz zu beispielsweise touristischen Reisen späterer Jahrhunderte noch wirklich fremd ist,8 stellt ← 17 | 18 → einen wesentlichen Bestandteil dieser Texte dar, da in den meisten Fällen noch auf wenige bereits vermittelte Vorstellungen genau dieses Raumes zurückgegriffen werden konnte. Hier wird deutlich, dass bei dem Korpus in der Tat von einem Anfang der neuzeitlichen Reiseberichterstattung gesprochen werden kann, da ein neuer, fremder Raum erschlossen und ‚erzählt‘ wird und nicht nur eine Erfahrung anderer, sondern zumeist tatsächlich unbekannter Kulturen vermittelt wird. Typischerweise werden in diesen Texten tradierte Deutungs- und Verarbeitungsschemata aus der Antike und dem Mittelalter zur Beschreibung dieser Fremdheit verwendet, um das Unbekannte ins Bekannte der Alten Welt zu übersetzen. (vgl. Chordas 2010, 65) Wie genau dies in den Texten vonstattengeht, ist in der Untersuchung folglich ebenso wichtig wie die Frage, ob neue Diskursstrukturen in der Begegnung mit der Fremde zu verzeichnen sind, und wenn ja, welche. Dabei ist wie gesagt nicht nur die Beschreibung der Alterität von Interesse, sondern auch deren Relevanz für die diskursive Konstruktion der eigenen Identität.

Was die Entdeckung einer fremden Welt so spannend macht, ist die Tatsache, dass diese immer neue Erfahrung, Unbekanntes, Un-Eindeutiges, Unklarheit und Unsicherheit bedeutet. Sie ist ein Prozess des Kennenlernens, der gerade erst in Gang kommt, bei dem noch viele blinde Flecken und unbekannte Räume auftreten, die zu erforschen und zu er-fahren sind. Die diskursive Verarbeitung dieser Erkundungen des Makrokosmos Welt und deren Auswirkung auf die Darstellung des Mikrokosmos Mensch in den Reisetexten der Frühen Neuzeit zu entdecken, offenzulegen und zu kartographieren, ist Ziel dieser Arbeit. Hierbei wird auch wichtig sein, ob diskursive Strukturen der Alteritäts- und Identitätsbeschreibung wie wir sie heute kennen, vielleicht noch gar nicht existent oder gerade erst im Entstehen sind.

Zusätzlich zur Fremdheit des Raumes bedingt die besondere historisch-politische Situation im frühneuzeitlichen Europa die Konstruktionen von Identität ← 18 | 19 → und Alterität in den untersuchten Texten. Vor allem der Vertrag von Tordesillas von 1494, in dem Papst Alexander VI. den Großmächten Spanien und Portugal jeweils eine Hälfte der Welt zusprach, hatte erheblichen Einfluss auf die Entdeckungs- und Kolonisierungstätigkeiten Englands.9 Da Portugal die westafrikanischen Länder und die Route an der afrikanischen Küste vorbei nach Indien für sich in Anspruch nahm und Spanien sein Recht auf das von Kolumbus entdeckte Amerika geltend machte (vgl. Leicht 1994, 213ff.), musste sich England entsprechend auf die vorliegende Situation einstellen: Während es die päpstliche Teilung der Welt offiziell nicht anerkannte, versuchte es – etwas verspätet – ab Mitte des 16. Jahrhunderts mit unterschiedlichen Taktiken, seinen Anteil an den neu entdeckten Ländern zu sichern.10 Diese viel diskutierte „belatedness“ (Sherman 2007, 18) der Engländer in der globalen Erschließung der Welt und der daraus resultierende wirtschaftlich-politische Druck provozierten Gesten ← 19 | 20 → der Abgrenzung und Hierarchisierung, die unter anderem über den religiösen Diskurs unter dem Einfluss der Reformation eingebracht wurden. (vgl. ebd., 18) Hieran ist abzulesen, dass eine mögliche Dichotomie zwischen dem Eigenen und dem Anderen nicht immer nur in der fremden Welt und Kultur zu suchen ist, sondern bereits in der Heimat. Die Identitäts- und Alteritätsdiskurse werden folglich immer wieder zwischen den drei Größen der englischen Identität, einer europäischen sowie einer ethnischen Alterität verhandelt.

Neben diesen Einflussfaktoren ist die Strukturierung der frühneuzeitlichen englischen Gesellschaft als weiteres wesentliches Moment der Untersuchung zu berücksichtigen. Die Umwandlung des „polyzentrischen mittelalterlichen Feudalstaat[es] in einen ganz auf den absolutistischen Souverän zentrierten institutionellen Flächenstaat“ (Pfister 2012, 55) führte zu einer neuen Form sozialer Mobilität, von der die Reisenden profitierten. Weiterhin liefern die geographischen, wissenschaftlichen, bildungspolitischen sowie informationsstrukturellen Umwälzungen der Zeit die Folie, vor der die diskursiven Repräsentationen von Identität und Alterität in den Reisetexten beurteilt werden müssen. Die Frage der sozialen, politischen sowie wirtschaftlichen Position und Macht personaler wie kollektiver Identitäten bzw. Alteritäten muss in diesem Zusammenhang immer wieder neu beantwortet und in die Interpretation einbezogen werden.

1.1 Textauswahl

Diese Arbeit ist als Teil eines breit angelegten Forschungsprojekts unter der Leitung von Prof. Dr. Christoph Bode mit dem Titel „Die Erfahrung des Anderen: Diskursive Konstruktion von Alterität und Identität in der britischen Entdecker- und Reiseliteratur der Neuzeit“ entstanden, dessen Agenda hier kurz zitiert sei:

Das Projekt […] zielt darauf zu analysieren, wie in verschiedenen Phasen der Neuzeit das Andere und Fremde imaginiert, entworfen und funktionalisiert worden ist (immer in Bezug auf den anderen Pol des Verhältnisses, das Eigene, das Ich, die britische Nation, die westliche Zivilisation etc.). Zu diesem Zwecke soll durch das Profil der Geschichte der englischen Reise- und Entdeckerliteratur eine Serie von Schnitten gelegt werden, die im diachronen Vergleich differentielle Analysen erlauben, aber auch synchrone Gruppierungen, die sich an spezifischen diskursiven Verarbeitungsparametern orientieren statt an bloßer Kontiguität. So ließe sich herauspräparieren, wie genau, d.h. historisch differenziert, sich kulturelle Identität gegenüber ihrem Anderen absetzt, wie die Erfahrung des Fremden zur Reise ins Ich wird (ein ‘alter’ neuzeitlicher Topos), wie damit aber auch Alterität als essentialistischer Gegenpol zum Eigenen aufgelöst und jede einfache Dichotomisierung unterlaufen wird. In theoretischer Hinsicht ist es das übergeordnete Ziel, eine ← 20 | 21 → gleichermaßen systematische wie historische Poetik der Diskursivität der Reiseliteratur zu entwerfen. (Bode 2009, 17)11

Im Rahmen dieser Konzeptualisierungsarbeit will die vorliegende Studie die diskursiven Konstruktionen von Identität und Alterität in englischen Entdecker- und Reiseberichten der Frühen Neuzeit über die Neue Welt kartographieren und somit wie bereits dargelegt die Untersuchung des ‚Anfangs‘ der englischen neuzeitlichen Reiseberichterstattung abdecken.

Die Selektion der untersuchten Texte erfolgte primär aus forschungspragmatischen Gründen. Um ein möglichst umfangreiches Bild der Identitäts- und Alteritätsdiskurse dieses Zeitraums nachzeichnen zu können, wurden die Berichte anhand unterschiedlicher analyserelevanter Parameter ausgewählt. Diese bilden die zeitliche Datierung, das geographische Ziel, der Impetus und die ‚geometrische Form‘ der jeweiligen Reise.

Alle Texte stammen grob aus der Zeit zwischen 1560 und 1630. Der späte ‚Anfang‘ dieses Untersuchungszeitraums innerhalb der frühneuzeitlichen Periode hat historische Gründe: Nachdem England auf dem Sektor der globalen Reise- und Expansionstätigkeit bis in die 1550er Jahre hinein eher zögerlich geblieben war, finden sich bis dato vergleichsweise wenige englische Reisetexte über die Neue Welt. (vgl. Sherman 2007, 18) Die ersten publizierten Berichte vor diesem Zeitraum waren vornehmlich Übersetzungen aus anderen Sprachen, wie Richard Edens The Decades of the Newe Worlde aus dem Jahr 1555,12 worin lediglich die frühen spanischen Entdeckungen in Zentral- und Südamerika beschrieben wurden. (vgl. ebd., 19) Erst mit der Regierungszeit Königin Elizabeths I. wurden mehr und mehr englische Vorstöße in die Neue Welt gewagt und schriftlich dokumentiert. Bis in die 1580er Jahre wurde der Buchmarkt noch von Übersetzungen dominiert und die Publikation englischer Reiseberichte kam nur langsam in ← 21 | 22 → Gang. (vgl. ebd., 19)13 Erst mit Richard Hakluyt dem Jüngeren – „the midwife of th[is] new literary genre“ (Parks 1974, 101) – bekam die englische Reiseberichterstattung einen wesentlichen Schub. Richard Hakluyt sammelte und verlegte einen Großteil der Texte seiner reisenden Landsleute zuvorderst in den Principal(l) Navigations,14 die bekanntermaßen als „Prose Epic of the modern English nation“ (Froude 1873, 446) gelten.15 Da Richard Hakluyt als „a potent catalyst for the exploration movement“ (Helfers 1997, 163) wesentlichen Einfluss auf die Reisetätigkeiten und deren Verschriftlichungen in den letzten Dekaden des 16. Jahrhunderts nahm,16 sind viele der ausgewählten Texte entweder ausschließlich in den Principal(l) Navigations oder aber – neben eigenständigen Publikationen – auch darin erschienen.17

Details

Seiten
445
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783631696835
ISBN (PDF)
9783653059557
ISBN (MOBI)
9783631696842
ISBN (Hardcover)
9783631665619
DOI
10.3726/978-3-653-05955-7
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (März)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 445 S., 11 s/w Abb.

Biographische Angaben

Sabrina Kessler (Autor:in)

Sabrina Kessler studierte Englische Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Nach dem Aufbaustudiengang Literarische Übersetzung aus dem Englischen arbeitete sie im Verlagswesen und promovierte am Lehrstuhl für Englische Literatur der Moderne der LMU.

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