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Interkulturelle Kommunikation und Ideologiekritik

Eine Untersuchung am Beispiel der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2008 in Beijing

von Shan Cao (Autor:in)
©2016 Dissertation 262 Seiten

Zusammenfassung

Die Autorin untersucht das Chinabild, das inländisch und international durch die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2008 in Beijing vermittelt wurde. Die Volksrepublik nutzte diese markante Gelegenheit interkultureller Repräsentation, um der Weltöffentlichkeit ihr Wunschbild zu kommunizieren und somit auf Kritik zu reagieren. Anhand einer semiotischen und ideologiekritischen Analyse erörtert die Autorin, wie sich China selbst stilisierte und welche Wirkziele das Gastgeberland verfolgte. Mithilfe der Auswertung chinesischer und deutscher Medien vergleicht sie die Abweichungen des deutschen Chinabildes von der chinesischen Selbstrepräsentation.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Fragestellungen und Ziele der vorliegenden Arbeit
  • 1.1.1 Das europäische Chinabild im Wandel
  • 1.1.2 Audiovisuelle Medien als Mittel der nationalen Präsentation
  • 1.1.3 Die Olympiade und ihre Eröffnungszeremonie
  • 1.2 Aufbau und Methode der Arbeit
  • 2. Interkulturelle Kommunikation
  • 2.1 Kultur
  • 2.1.1 Zur Definition von „Kultur“
  • 2.1.1.1 Kultur und Natur
  • 2.1.1.2 Kultur als Orientierungssystem
  • 2.1.2 Kultur: mental, sozial, material?
  • 2.1.3 Bezugsgrößen von Kultur
  • 2.1.4 Kulturwandel
  • 2.2 Kommunikation und Interkulturalität
  • 2.2.1 Was ist Kommunikation?
  • 2.2.2 Semiotische Komponenten der Kommunikation
  • 2.2.3 Begriffe der interkulturellen Kommunikation
  • 2.3 Stil und Stilisierung
  • 3. Image, Nationenbild, Massenmedien und Sport
  • 3.1 Begriffserklärung
  • 3.1.1 „Image“
  • 3.1.2 „Nationenbild“
  • 3.1.3 Wandelbarkeit des Nationenbildes
  • 3.2 Massenmedien, Sport und Nationenbild
  • 4. Kulturelle Identität und Stereotype
  • 5. Die Olympischen Spiele 2008 in Beijing
  • 5.1 Pierre de Coubertin und die Olympiade der Neuzeit
  • 5.2 Ziel der Olympischen Spiele: Völkerverständigung und Weltfrieden?
  • 5.3 Die Politisierung der Olympischen Spiele
  • 5.4 Basisinformationen zur Beijing-Olympiade und deren Eröffnungzeremonie
  • 5.4.1 Motto und Slogan der Beijing-Olympiade
  • 5.4.2 Das negative Image der Volksrepublik Chinas im Vorfeld der Beijing-Olympiade
  • 5.4.3 Die Eröffnungszeremonie: „Beautiful Olympics“
  • 5.5 Olympiade und Eröffnungszeremonie: Bühne für die (Re-)Konstruktion eines positiven Chinabildes
  • 6. Materialienauswahl und -aufbereitung
  • 6.1 Die Videoaufnahme der Eröffnungszeremonie
  • 6.2 Das Protokoll der Eröffnungszeremonie
  • 6.3 Szenenauswahl
  • 6.4 Die Transkription der chinesischen und deutschen Live-Kommentare zur Eröffnungszeremonie
  • 7. Die Selbstdarstellung Chinas bei der Eröffnungszeremonie
  • 7.1 Stolzer Gastgeber: China und Olympia
  • 7.2 Episoden aus der 5000-jähringen Kultur Chinas
  • 7.3 Die Selbstinszenierung als Weltmacht
  • 7.4 Die konfuzianische Harmonie Chinas: Gastfreundlichkeit, Friedensbewusstsein, Umweltbewusstsein
  • 8. Die Abweichungen des deutschen Chinabildes vom chinesischen Selbstbild – eine Bestandsaufnahme
  • 8.1 Emotionsausdrücke
  • 8.2 Oberflächliche, nachlässige und falsche Kommentare der deutschen Version
  • 8.3 Hierarchische „Schein-Harmonie“
  • 9. Die Abweichungen des deutschen Chinabildes vom chinesischen Selbstbild – eine Interpretation
  • 9.1 Neues Medium, neuer Stil – von der Radio- zur Fernsehreportage
  • 9.2 Die Entpatriotisierung der Deutschen: Wir sind nicht wieder wer!
  • 9.3 Konsenskultur vs. Streitkultur, Kollektivismus vs. Individualismus – die Rolle des Konfuzianismus in China
  • 9.4 Freie Presse? – Schein-Objektivität!
  • 9.5 Die Olympiade: Kampfplatz auch für Ideologien
  • 10. Das Chinabild der nacholympischen Zeit
  • 10.1 Die Werbekampagne Chinas nach der Beijing-Olympiade
  • 10.2 „China National Image Global Survey 2013“
  • 10.3 Ausblick: Synkretistische Harmonie
  • 11. Epilog
  • 12. Verzeichnis
  • 12.1 Literaturverzeichnis
  • 12.2 Film-Quellen
  • 12.3 Abbildungsverzeichnis
  • 13. Anhang
  • 13.1 Anhang I: Protokoll der Eröffnungszeremonie der Olympiade 2008 in Beijing
  • 13.2 Anhang II: Transkripte der chinesischen Live-Kommentare zu den sechs ausgewählten Szenen
  • 13.2.1 Die Konventionen nach GAT im Basistranskript
  • 13.2.2 Transkripte der chinesischen Live-Kommentare
  • 13.3 Anhang III: Transkripte der deutschen Live-Kommentare zu den sechs ausgewählten Szenen
  • Reihenübersicht

1.     Einleitung

„Beautiful Olympics“ (images的奥林匹克/měi lì de ào lín pǐ kè) war der offizielle Titel der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2008 in Beijing. „Schöne Spiele“ verspricht aber auch der Erlkönig in Johann Wolfgang Goethes bekanntem Gedicht dem kranken Kind.1 Dieses Versprechen ist zweideutig, und in zweierlei Hinsicht bzw. mit gemischten Gefühlen rezipierte die Weltöffentlichkeit denn auch das in Beijing Gebotene: einerseits Bewunderung, andererseits Ideologieverdacht.

1.1     Fragestellungen und Ziele der vorliegenden Arbeit

Die weltweite, vor allem wirtschaftliche, aber auch wissenschaftliche und kulturelle Vernetzung führt zu einem verstärkten Austausch zwischen Ländern und Kulturen. „Die Begegnung mit Fremden, mit Fremdem, mit ,der Fremde‘ ist schon zur alltäglichen Erfahrung geworden.“2 Diese Internationalisierung verschafft der interdisziplinären Wissenschaft „Interkulturellen Kommunikation“ seit den 1980er Jahren weltweite Beachtung. In den vergangenen Jahrzehnten wurde eine Vielzahl von Beiträgen an diesem Fachgebiet „Interkulturelle Kommunikation“ veröffentlicht, die aber ihren Fokus tendenziell mehr auf empirische Probleme im Bereich der Wirtschaft richten. Die Problematik interkultureller Begegnungen in medialen Räumen, insbesondere Differenzen oder gar Diskrepanzen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung werden bisher im wissenschaftlichen Diskurs weniger behandelt. Das Gleiche gilt für eine ideologiekritische Sicht der Sachverhalte. ← 13 | 14

Der politische Status eines Landes bzw. eines Staates3 hängt mit dessen Image4 eng zusammen. Die internationale Geltung von Image tangiert damit auch unmittelbar die wirtschaftlichen Interessen. Ein Image wirkt sich auf das Verständnis und die Beziehung zwischen zwei Ländern aus. Ein positives Image verhilft dazu, die Beziehung mit anderen Ländern aufzunehmen, zu pflegen und zu verbessern sowie Austausch und Zusammenarbeit zu intensivieren, nicht zuletzt auch im kulturellen und akademischen Bereich. Ein Beispiel für ein gutes Image ist die zunehmende Anzahl chinesischer Studierender in Deutschland.

Im Auftrag von BBC führt das Meinungsforschungsinstitut GlobleScan seit 2005 jährlich eine Umfrage durch, in der Teilnehmer aus über 20 Ländern durch Face-to-Face-Interviews oder Telefonumfragen befragt werden, ob ein Land in der Welt überwiegend positiven oder negativen Einfluss ausübe. Vom Dezember 2012 bis zum April 2013 hatten sich insgesamt 26299 Probanden aus 25 Ländern daran beteiligt. 59 % davon schätzen Deutschlands Einfluss positiv ein und die Bundesrepublik rangiert somit zum fünften Mal auf Platz Eins.5 Als das weltweit beliebteste Land zieht Deutschland immer mehr chinesische Abiturienten/-innen zum Studium an. In der Statistik „Ausländische Studierende und Studienanfänger/-innen nach Hochschularten und Herkunftsland“ für das WS 2013/14, die vom Statistischen Bundesamt im September 2014 veröffentlicht wurde, steht China mit 23796 Studierenden in Deutschland an der Spitze.6

Das Image eines (mehr oder weniger fernen und fremden) Landes lässt sich heutzutage hauptsächlich aus (audiovisuellen) Medien erschließen. An seinem ← 14 | 15 Entstehungs- und Rezeptionsprozess7 sind kulturelles Vorwissen und primäre und sekundäre (mediale) Erfahrungen der Kommunikatoren beteiligt. Ein Subjekt wird von der Außenwelt notwendigerweise immer anders wahrgenommen, als es sich selbst betrachtet. Ein vom Selbstbild abweichendes Fremdbild ist meist der Grund für das Fehlschlagen interkultureller Kommunikation.

China und Deutschland haben seit weniger Jahrzehnten engeren Kontakt miteinander aufgenommen. Die Volksrepublik ist heutzutage einer der wichtigsten Wirtschaftspartner Deutschlands und umgekehrt die Bundesrepublik Chinas größter Handelspartner in Europa. Das Reich der Mitte – wie es wörtlich auf Chinesisch genannt wurde – ist aber den Deutschen trotz zunehmender durch Medien vermittelter Sekundärerfahrungen immer noch ein Land der Ferne und Fremde.

Mit dem Thema „Chinabild“ hat sich der wissenschaftliche Diskurs in den vergangenen Jahren mehrfach auseinandergesetzt. Jedoch hat der Großteil der erschienenen Beiträge das Chinabild vor allem an vergangenen Epochen festgemacht.8 Es zeigt sich daher eine Lücke, wie nämlich das deutsche Chinabild in den modernen Medien, vor allem in audiovisuellen Medien, aussieht und welche Abweichungen des deutschen Chinabildes vom chinesischen Selbstbild – das von China selbst erwünschte Bild – die Verständigung zwischen beiden Ländern beeinflussen oder sogar beeinträchtigen. Die vorliegende Arbeit wird sich dieser Thematik widmen.

Dazu wird die Eröffnungszeremonie der Olympiade 2008 in Beijing als Beispiel herangezogen. 2008 ist ein großes Jahr für China. Die sportliche Großveranstaltung als medialer Event in Beijing lenkt die Aufmerksamkeit aller Welt auf das Riesenreich und bietet dem Gastgeberland eine große Bühne zur Selbstdarstellung. Wie aber präsentiert und stilisiert sich China? Welche Ziele verfolgt das Gastgeberland? ← 15 | 16 Und welche Abweichungen des deutschen Chinabildes vom chinesischen Selbstbild finden sich bei der Rezeption in den deutschen Medien? Darauf wird die Arbeit anhand einer semiotischen Analyse der Eröffnungsfeier in Beijing Antworten zu geben versuchen. Diese Selbstdarstellung auf der internationalen bzw. multimedialen Bühne ist wie jede Inszenierung nicht ohne Absicht. Sie dient vielleicht sogar weniger der Selbstreflexion und schon gar nicht allein der Unterhaltung als vielmehr einem „Nutzen“ (Horaz): eben der Vermittlung des erwünschten Selbstbildes. Zum Zwecke dieser Didaxe werden ganz im Sinne der antiken Rhetorik die unterschiedlichsten Mittel eingesetzt. Ist das Fremdbild schlecht, so suchen die politisch, organisatorisch und ästhetisch Verantwortlichen nach einer Chance, die Weltöffentlichkeit eines Besseren zu belehren. Darüber hinaus setzt sich die Arbeit das Ziel, Gründe für Abweichungen zwischen Fremd- und Selbstbild aufzuzeigen, um nicht zuletzt auch Missverständnisse und Kommunikationsdefizite zwischen beiden Ländern zu reduzieren und nach Möglichkeit zu beseitigen.

Das folgende Kapitel widmet sich zunächst einem kurzen Rückblick auf den Wandel des europäischen, insbesondere des deutschen Chinabildes.

1.1.1     Das europäische Chinabild im Wandel

Die ersten Berichte über China finden sich in der römischen Antike.9 Bis der erste chinesische Kaiser Qin Shihuang 221 v. Chr. das damals in sechs Reiche10 gespaltene Land vereinte, gelangten um 300 v. Chr. nur vage Nachrichten über das Reich der Mitte nach Europa.11

Nach der Öffnung der Seidenstraße bereisten von den chinesischen Kaisern beauftragte Gesandte die Westgebiete um Handel zu treiben.12 Dadurch wurde Informationen vom „Westen“ nach China geliefert, so dass die Chinesen wussten, dass es außer ihnen noch andere Hochkulturen gab. Allerdings betrachtete sich China aber nach wie vor als „das Zentrum und die alleinige Quelle aller Kultur und Zivilisation“.13 In den darauf folgenden Jahrhunderten wurde die europäisch-chinesische Verbindung über die Seidenstraße wegen politischer Unruhen mehrmals unterbrochen, so dass man resümieren kann: Bis zum 13. Jahrhundert sind Europa und China einander fremd, ja nahezu unbekannt geblieben. ← 16 | 17

Erst mit der Mongolenherrschaft im 13. Jahrhundert begann ein anhaltender unmittelbarer Kontakt zwischen China und dem Abendland.14 In der damaligen Zeit galten Reiseberichte von Europäern als die wichtigste und glaubwürdigste Quelle für die Entstehung eines europäischen Chinabildes. Dazu zählten Marco Polos Reiseberichte als die bedeutendste Quelle, wie es sie noch nie zuvor gegeben hatte.15

Anhand der Reiseberichte wandelte sich das Chinabild in Europa von vagen Phantasien zu konkreten Vorstellungen. Dass es in Fernost noch eine andere Hochkultur gab, widersprach dem Welt- und Selbstbild der Europäer und erschütterte das westliche Überlegenheitsgefühl weit mehr, als es die ägyptischen Altertümer je getan hatten.16 Marco Polos Berichte über dieses mächtige Reich im Osten wurden daher von seinen Zeitgenossen nicht selten ins „Reich der Fabel“17 verwiesen.

Allerdings erhielt man bei Marco Polo nur einen Überblick über „Industrie“ und „Handel“, d. h. die materielle Seite der chinesischen Kultur. Deren geistige Leistungen wurden von Marco Polo vollkommen außer Acht gelassen. Mit dem Beginn der jesuitischen Missionen im 16. Jahrhundert kamen China und das Abendland erneut in engeren Kontakt zueinander.

Das Bild, das die Jesuiten von China gaben, war das eines großen machtvollen Reiches, das im Wohlstand Ruhe und Frieden genoß. An seiner Spitze stand ein weiser, kultivierter Herrscher, der den Vorschriften der Vernunft und einer erhabenen Staatsethik entsprechend regierte. Das Volk wurde geleitet von den Gesetzen einer hohen und reinen Sittlichkeit. Künste und Wissenschaften blühten, von hoch und niedrig in gleicher Weise in Ehren gehalten. Das Leben floß dahin in einem System fest geregelter Formen. Aller Krieg und Streit waren verfemt, Friede und Harmonie oberstes Gebot. Demgegenüber bot das in sich zerrissene und von ständigen Kriegen heimgesuchte Europa mit seiner Armut und seinem Elend nach dem 30jährigen Kriege ein klägliches Bild.18

Aus den jesuitischen Berichten entwickelte sich ein idealisiertes, ja realitätsfernes Chinabild. China wurde in Hinsicht auf das soziale und gesellschaftliche System als Utopie für Europa, das durch ständige Kriege in Elend geraten war, betrachtet. Die China-Schwärmerei hatte besonders deutsche Denker der Aufklärung, wie z. B. Leibniz, erfasst. Der Philosoph hielt in seinen „Novissima Sinica“ das hochentwickelte Land für „die höchste Kultur und die höchste technische Zivilisation“.19 ← 17 | 18

Im späten 17. und 18. Jahrhundert blieben chinesische Kunst und Philosophie immer noch ein beliebtes Thema in Europa.20 Als Gegenentwurf zu den europäischen Verhältnissen nahmen die Philosophen an, dass in China dank Konfuzius ein idealer Staat, „auf Vernunft und Humanität“21 gegründet, geschaffen worden sei.22 Parallel dazu entstand eine regelrechte Chinamode. Als Chinoiserien bezeichnete man insbesondere Porzellan- und Lackarbeiten mit idyllischen Chinaszenen.23 Aber auch die chinesische Architektur wurde verehrt. Die Pagodenburg im Schlosspark Nymphenburg München gilt als eines der Hauptwerke der Chinamode im 18. Jahrhundert. Die blau-weiße Wand- und Deckenmalerei im Erdgeschoss des Pagodenburgs verweist auf China und dessen Porzellan (Abb. 1). Die Tapeten an den Wänden des chinesischen Salons im Obergeschoss und die Lackmalerei in diesem kleinen Raum weisen ebenfalls chinesische Züge auf (Abb. 2). In der Münchner Residenz finden sich auch Zimmer, die mit chinesischen Lackmöbeln ausgestattet sind (Abb. 3). Ein weiterer bedeutendster Repräsentant der europäischen Chinarezeption im 18. Jahrhundert ist das Chinesische Haus im Rehgarten des Parks von Sanssouci24 in Potsdam (Abb. 4).

Als die industrielle Revolution und der damit verbundene wirtschaftliche Aufschwung, die Eroberung von Kolonialgebieten und nicht zuletzt die Renaissance der griechisch-römischen Antike das Interesse der Europäer wieder auf sich selbst zurücklenkten und dadurch ihr Überlegenheitsgefühl erneuerten, gehörte das neidische und nostalgische Interesse an China der Vergangenheit an.25 China schien jetzt in vielfacher Hinsicht gegenüber dem Abendland zurückgeblieben, ja wurde aus eurozentrischer Sicht heraus als hoffnungslos rückständig geschildert, was ihrer Ansicht nach im Wesentlichen auf die „orientalische Despotie“ zurückzuführen war. Schon Herder hielt China für „eine balsamierte Mumie“26 und dessen inneren Kreislauf als „das Leben schlafender Wintertiere“.27 Diese Geringschätzung Chinas hielt bis ins 19. Jahrhundert an. Das chinesische Reich wurde verachtungsvoll als ein in zeitloser Stagnation verharrendes Land, ein Land ohne Geschichte verstanden.28 ← 18 | 19

Abb. 1:     Der Erdgeschoss des Pagodenburgs29

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Abb. 2:     Der chinesische Salon im Obergeschoss des Pagodenburgs30

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Abb. 3:     Lackmöbel in der Münchner Residenz31

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Abb. 4:     Das Chinesische Haus32

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Wegen der (vermeintlichen) Bedrohung der „Weißen“ durch das Bevölkerungswachstum und die zunehmende Expansion besonders Chinas und Japans kam Ende des 19. Jahrhunderts in Europa und den USA der Begriff „Gelbe Gefahr“ auf.33 In einem Gemälde mit dem Titel „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter!“ (Abb. 5), das 1895 nach einem Entwurf des deutschen Kaiser Wilhelm II. von Hermann Knackfuß geschaffen wurde, kam die Furcht vor Ostasien und insbesondere China, das die eurozentrische Weltmachtstellung zu brechen trachtete, zum Ausdruck. ← 20 | 21

Abb. 5:     Knackfuß: Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter!34

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Nach dem Ersten Weltkrieg geriet die kulturelle Arroganz der Europäer ins Wanken, zumindest europäische Intellektuelle und Wissenschaftler warnten vor dem „Untergang des Abendlandes“.35 Um die europäische Zivilisation vor ihrem „Selbstmord“ zu retten, wandten sich die Europäer wiederum der traditionellen chinesischen Philosophie zu. Damit nahm die Entwicklung des Chinabildes in Europa wieder positive Züge an. In Deutschland riefen vor allem Übersetzungen aus der chinesischen Literatur ein wahres China-Fieber, vor allem bei Philosophen und Psychologen, hervor. Als einer der renommiertesten deutschen Sinologen dieser Zeit ist Richard Wilhelm zu nennen. Das im 19. Jahrhundert vorherrschende düstere Chinabild wurde durch Wilhelms Übersetzungen aufgehellt. Seine Werke werden bis heute nachgedruckt und leisten nach wie vor einen bedeutenden Beitrag zur Positivierung des Chinabildes. Die erneut auflebende Begeisterung schuf wieder ein idealisiertes China, das als „Flucht [der Europäer] aus der Realität der hoffnungslos erscheinenden Gegenwart in die Unwirklichkeit einer fernen, nicht greifbaren, längst vergangenen Welt“36 zu verstehen war.

Indes, nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 wurde das Reich der Mitte westlich des sog. Eisernen Vorhangs zum kommunistischen „Bösewicht“ dämonisiert. Die Vorstellung der „blauen ← 21 | 22 Ameisen“ löste die „Gelbe Gefahr“ aus dem 19. Jahrhundert ab.37 Zwar brachte der ehemalige Ministerpräsident der Volksrepublik Chinas Zhou Enlai 1954 zum Ausdruck: „Zwischen dem chinesischen und dem deutschen Volk besteht eine tiefe Freundschaft“,38 was aber offenbar nur für die Deutsche Demokratische Republik gelten sollte. Dagegen entwickelten sich die bilateralen Beziehungen zwischen China und der Bundesrepublik Deutschland nicht in erwünschter Weise. Erst nachdem die Volksrepublik China und die Bundesrepublik Deutschland 1972 diplomatische Beziehungen aufnahmen, konnte sich die Zusammenarbeit in vielfacher Hinsicht – Handel, Kultur, Technologie usw. – entwickeln.

Nach der Einführung der Öffnungs- und Reformpolitik von Deng Xiaoping im Jahre 1979 ging es mit dem Chinabild tendenziell aufwärts. Die Gründe dafür waren einerseits auf eine Begeisterung für Buddhismus in Europa zurückzuführen und lagen andererseits darin, dass China dank seiner Öffnungspolitik einen riesigen Markt bot, der von einer Exportnation wie Deutschland nicht zu übersehen war.39

Die Studentenbewegung 1989 in Beijing sollte einen erneuten Wendepunkt für das Chinabild darstellen. Seitdem wird die Volksrepublik China in den westlichen Medien bezüglich ihrer Menschrechtsverletzungen angeprangert. Besonders der Zerfall der Sowjetunion 1990 stellte die Volksrepublik China als einzig übriggebliebenen kommunistischen „Schurkenstaat“ an den Pranger. Das Chinabild mutierte wieder ins Negative.40 In diesem Sinne äußerte der Sinologe Wolfgang Kubin einmal: „Nach dem Untergang der Sowjetunion firmiert die Volksrepublik China gleichsam als das neue Reich des Bösen. Kein Land der Welt hat eine solch schlechte Presse in Deutschland.“41 Eine abwertende Einstellung gegen China war zum einen von eurozentrischer Ideologie geprägt, zum anderen wird die aufkommende Wirtschaftsmacht China als Bedrohung für Deutschland bzw. den gesamten Westen wahrgenommen. Das belegt ein Kommentar des Berliner Journalisten Gabor Steingart: „Ihr Aufstieg ist unser Abstieg.“42 ← 22 | 23

Wie zu zeigen war: Das europäische bzw. deutsche Chinabild war und ist kein statisches Gebilde. Die Aufs und Abs des Chinabildes entsprechen stets historischen Entwicklungen sowohl in Europa als auch in China. Bis in die Gegenwart vermitteln europäische bzw. deutsche China-Studien kein Bild frei von Über- und Unterschätzung, sondern aus ideologischen und politischen Präferenzen entweder ein generalisiertes oder ein von Ausschnitten und Einzelfällen bestimmtes Chinabild. Soweit pendelt sich das Chinabild stets zwischen zwei Polen: der Sinophilie und der Sinophobie.

1.1.2     Audiovisuelle Medien als Mittel der nationalen Präsentation

In früherer Zeit, als die Medientechnik noch nicht digitalisiert war, konnte ein Land weder direkt noch sofort auf ein gegenüber seinem Selbstverständnis negatives Bild reagieren. In dem gegenwärtigen globalisierten und medial hochentwickelten Zeitalter strebt ein Land danach, unmittelbar ein zeitgemäßes und positives Image darzubieten und zugleich unzutreffenden Einschätzungen entgegenzuwirken. Dabei ist heute die Nutzung audiovisueller Medien angesichts ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten und ihrer nachhaltigen Prägung des Massenpublikums eine Selbstverständlichkeit.

Medien, vor allem audiovisuelle Medien wie das Fernsehen, wurden aufgrund ihrer Reichweite über nationale Grenzen hinweg, ihrer Bedeutung für die Wirtschaft, ihrer Verständlichkeit, ihrer Überzeugungskraft und ihrer stetig wachsenden Beliebtheit im Laufe der Zeit immer mehr zu einem Mittel der nationalen sowie internationalen Politik. Schon im Ersten und dann auch im Zweiten Weltkrieg entdeckte man den Film als hervorragendes Propagandainstrument, und nach dem Krieg wurden der Film und später das Fernsehen auf politischer Ebenen hauptsächlich zum Kennen lernen [sic] und Verständigen der Völker und Staaten eingesetzt.43

Während bislang die Konstruktion und Verbreitung eines Chinabildes wesentlich von der ausländischen, nicht-chinesischen Presse abhängig war, bieten die neuen audiovisuellen Medien China einen direkten Zugang zur Weltöffentlichkeit. Diese Chance gedachte die Volksrepublik mit der Bewerbung und die Ausrichtung der Olympischen Spiele zu nutzen – zumal die Olympische Idee eine politisch neutrale zu sein beanspruchte, obwohl natürlich schon – und in besonderem Maße – das nationalsozialistische Dritte Reich die Olympischen Spiele 1936 von Berlin zu Propagandazwecken eingesetzt hatte.44 Die Olympischen Spiele, insbesondere ← 23 | 24 deren Eröffnungszeremonie, boten China 2008 die beste Gelegenheit für eine Selbstpräsentation vor der Weltöffentlichkeit.

Die 1949 gegründete sozialistische Volksrepublik China hatte sich jahrzehntelang von der Außenwelt abgeschlossen. Nach der Einführung der Öffnungs- und Reformpolitik im Jahr 1979 hat sich China zu einer Supermacht entwickelt. Nicht zuletzt deswegen stand und steht es unter verschärfter Beobachtung und hat dann auch viel Kritik geerntet – zum Teil auf der Grundlage überkommener Klischees. Deshalb war es eine dringend anstehende Aufgabe für das Reich der Mitte, sich vermittels Medien, vor allem über wirkungsmächtigen audiovisuellen Medien, neu zu präsentieren.

Konsequenterweise wurden im Sommer 2008 die Olympischen Spiele zu einem der größten Medienereignisse der Welt gestaltet: mit dem Ziel ein adäquates, zeitgemäßes, authentisches und vor allem ein sympathisches Gesicht der Volksrepublik China zu präsentieren. Das geeignetste Format für eine solche Selbstdarstellung bietet mehr noch als der sportliche Wettkampf die Eröffnungszeremonie. Diese bietet den größten kreativen Freiraum, da die Wettkämpfe selbst reglementiert sind und allenfalls die Anzahl der Medaillen eine deutliche Sprache spricht.

1.1.3     Die Olympiade und ihre Eröffnungszeremonie

Details

Seiten
262
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783631693872
ISBN (PDF)
9783653061970
ISBN (MOBI)
9783631693889
ISBN (Hardcover)
9783631667019
DOI
10.3726/978-3-653-06197-0
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (September)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 262 S., 58 s/w Abb.

Biographische Angaben

Shan Cao (Autor:in)

Shan Cao studierte Germanistik an der Universität Qingdao sowie der Tongji Universität in Shanghai. Sie wurde am Institut für Deutsche Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München promoviert.

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Titel: Interkulturelle Kommunikation und Ideologiekritik