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NS-Herrschaft und demokratischer Neubeginn in der Publizistik nach 1945

Die Zeitschrift «Die Wandlung»

von Sonja Begalke (Autor:in)
Dissertation 572 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • 1 Einleitung
  • 1.1 Gegenstand und Fragestellung
  • 1.2 Eine politisch-literarische Zeitschrift als Zugangsmöglichkeit zur Vorgeschichte der Bundesrepublik
  • 1.3 Aufbau der Untersuchung
  • 2 Geschichte und Netzwerk der Wandlung
  • 2.1 Rahmenbedingungen, Gründung und Geschichte
  • 2.1.1 Zentrale Daten und Fakten im Überblick
  • 2.1.2 Presse- und Lizenzpolitik der amerikanischen Besatzungsmacht
  • 2.1.2.1 Zum Re-education-Programm
  • 2.1.2.2 Pläne und Vorgehen der Presseabteilungen
  • 2.1.2.3 Zur Praxis der Lizenzierung und zur Rolle politisch-kultureller Zeitschriften
  • 2.1.3 Politisch-literarische Zeitschriften als Element der Demokratisierung und politischen Kultur nach 1945
  • 2.1.4 Konzeption der Monatsschrift Die Wandlung
  • 2.1.4.1 Vorgeschichte und Gründung
  • 2.1.4.2 Aufbau und Inhalt
  • 2.1.4.3 Ziele der Wandlung: das Geleitwort
  • 2.2 Die Wandlung als Netzwerk
  • 2.2.1 Freundschaftliche Netzwerke
  • 2.2.2 Innere Emigration: Definitionen und Selbstverständnis
  • 2.2.3 Interne Akteure
  • 2.2.3.1 Der Herausgeber Dolf Sternberger
  • 2.2.3.2 Die Mitherausgebenden
  • 2.2.3.3 Der Verleger
  • 2.2.4 Andere Akteure
  • 2.2.4.1 Akteure aus dem akademischen Bereich
  • 2.2.4.2 Akteure in politischen und juristischen Funktionen
  • 2.2.4.3 Akteure in journalistischen Funktionen
  • 2.2.4.4 Emigrierte Akteure
  • 2.2.4.5 Externe Akteure aus Gesellschaft, Politik, Kultur und der amerikanischen Militärregierung
  • 2.3 Zusammenfassung
  • 3 Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Wandlung
  • 3.1 Das Thema Schuld in der Wandlung
  • 3.1.1 Der Hintergrund: Die Schuldfrage in der allgemeinen Debatte der Nachkriegszeit
  • 3.1.1.1 Öffentliche Debatte und Kontext des Kollektivschuldvorwurfs
  • 3.1.1.2 Begrifflichkeiten und Kategorien von Schuld: die Schrift Die Schuldfrage von Karl Jaspers
  • 3.1.2 Kritische (Selbst-)Reflexionen zum Thema Schuld und die Erörterung der Dimensionen von Mittäterschaft
  • 3.1.2.1 Humanistische, theologische und philosophische Reflexionen
  • 3.1.2.2 Dimensionen von Mittäterschaft
  • 3.1.3 Die Schuldproblematik in der Evangelischen Kirche
  • 3.1.3.1 Der historische Hintergrund: Die Evangelische Kirche im „Dritten Reich“ und die Entstehung der Stuttgarter Schulderklärung
  • 3.1.3.2 Die Debatte über die Stuttgarter Schulderklärung – Die Schuldproblematik in der Evangelischen Kirche
  • 3.2 Frühe Aufklärung über NS-Verbrechen und Widerstandsbewegungen in der Wandlung
  • 3.2.1 Dokumente über die Vernichtung des Warschauer Ghettos
  • 3.2.2 „Euthanasie“ im NS-Staat und der Nürnberger Ärzteprozess
  • 3.2.3 Widerstand gegen den Nationalsozialismus
  • 3.2.3.1 Carl Goerdeler und der Umsturzversuch gegen Hitler vom 20. Juli 1944
  • 3.2.3.2 Die Widerstandskämpfer Carlo Mierendorff (Kreisauer Kreis) und Willi Graf („Die Weiße Rose“) – zwei Portraits
  • 3.3 Der Stellenwert von Originaldokumenten und der Plan des Aufbaus eines Archivs
  • 3.4 Zusammenfassung
  • 4 Konzepte für einen demokratischen Neuanfang in der Wandlung
  • 4.1 Demokratie und Mentalität
  • 4.1.1 Kritik am preußischen Erziehungsideal
  • 4.1.2 Die Idee der Bürgerlichkeit zur Überwindung des Autoritarismus
  • 4.2 Demokratie und Verfassung
  • 4.2.1 Die Entstehung der Länderverfassungen
  • 4.2.2 Die Einflussnahme der Wandlung auf die Entstehung des Grundgesetzes ‒ zwei Beispiele: Pressefreiheit und Wahlrecht
  • 4.2.2.1 Der Begriff der Freiheit
  • 4.2.2.2 Pressefreiheit
  • 4.2.2.3 Gefährdungen von Freiheit und Demokratie: Eine weitere Stellungnahme zu einem Pressegesetz
  • 4.2.2.4 Das Wahlrecht im Grundgesetz ‒ Eine Umfrage in der Wandlung zum Wahlverfahren
  • 4.3 Demokratie und die versuchte Verhinderung von Kontinuität am Beispiel der Verwaltung und der Universitäten
  • 4.3.1 Tendenzen der Debatte über den Entnazifierungsprozess 1946–1948 – kritische Einwände
  • 4.3.2 Die Debatte um das Berufsbeamtentum – Versuche der Ausschaltung der NS-Funktionseliten nach 1945
  • 4.3.3 Universitäten
  • 4.3.3.1 Die Auflösung des Mythos einer Trennung von Wissenschaft und Politik
  • 4.3.3.2 Entnazifizierung an den Universitäten
  • 4.3.3.3 Die Wiederherstellung des Rechts auf Selbstverwaltung an den Universitäten
  • 4.4 Demokratie und Recht
  • 4.5 Das Ende der Wandlung? Ein Resümee
  • 5 Nachwirkungen: Die Konzepte der Wandlung im Spiegel gegenläufiger Entwicklungen in der frühen Bundesrepublik
  • 5.1 Die Nicht-Ahndung von NS-Verbrechen am Beispiel der Gesetzgebung
  • 5.1.1 Die Kontinuität in der Beamtenschaft als Folge von Artikel 131 GG
  • 5.1.2 Das Amnestiegesetz von 1954
  • 5.2 Die Nicht-Ahndung von NS-Verbrechen am Beispiel der NS-„Euthanasie“
  • 5.3 Die Nicht-Ahndung von NS-Verbrechen und der Umgang mit dem Widerstand
  • 6 Schlussbemerkung
  • Dank
  • Abkürzungen
  • Quellen- und Literaturverzeichnis
  • Personenverzeichnis
  • Reihenübersicht

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1 Einleitung

„Die Gleichgültigkeit, ja der Widerwille gegen den historischen

und moralischen Unterricht, den die Strafprozesse darstellen könnten,

finden sich nicht erst ‚zwanzig Jahre danach‘, sie kennzeichnen

die Zeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch bis heute.“1

Fritz Bauer, 1964

1.1 Gegenstand und Fragestellung

Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist der Umgang mit der NS-Vergangenheit und die Entwicklung neuer demokratischer Konzepte in der Phase der Vorgeschichte der Bundesrepublik Deutschland (1945–1949) am Beispiel der Zeitschrift Die Wandlung.

Eine genauere Beleuchtung dieser Phase ist deshalb wichtig, weil die zu dieser Zeit entwickelten Konzepte zur Aufarbeitung der NS-Herrschaft in der frühen Bundesrepublik größtenteils zurückgedrängt und nicht weiter verfolgt wurden. So sind die frühen kritischen Positionen, die einen klaren Bruch mit dem NS-Unrechtsstaat intendierten, auch von der Zeitgeschichtsschreibung nicht hinreichend wahrgenommen worden. Stattdessen besteht ein großer Konsens, die westdeutsche Nachkriegsgeschichte als eine geradlinige „Erfolgsgeschichte“ der Bundesrepublik zu einer demokratischen Gesellschaft zu schreiben.2 Seinen Höhepunkt erlebte das Narrativ von der „Erfolgsgeschichte“ anlässlich des 60. Geburtstags der Bundesrepublik, als – zumal in Abgrenzung von der gescheiterten DDR – die „geglückte Demokratie“ gefeiert wurde. Edgar Wolfrum bilanziert etwa: „In den 50er Jahren hat Westdeutschlands Erfolgsweg zur demokratischen Gesellschaft begonnen.“ Die Geschichte der Bundesrepublik verlief nach Wolfrum „überaus glücklich“, weil Modernisierung und Demokratisierung verbunden waren.3

In seiner Monografie „Die geglückte Demokratie“ meint Edgar Wolfrum, die zahlreichen NS-Prozesse, die die Justiz seit Ende der 1950er Jahre führte, hätten das Bewusstsein der Gesellschaft für die Verbrechen und die Geschichte ← 11 | 12 → insgesamt sensibilisiert.4 Beispielhaft verweist Wolfrum zwar auch auf die problematische, viele NS-Täter exkulpierende Gehilfenrechtsprechung, in der Gesamtbilanz aber sei die Bundesrepublik eine „lernende Demokratie“ gewesen, die sich – trotz einzelner zu kritisierender Rechtsfiguren wie der Gehilfenrechtsprechung – insgesamt zu einer „geglückten Demokratie“ entwickelt habe.5 Die „Belastungsgeschichte“, die die NS-Täter integrierte und dabei die Opfer vergaß, wird lediglich als Phase der Gründerjahre behandelt, die schließlich in der Erfolgsgeschichte aufging.6

Eine ähnliche Gewichtung findet sich auch in dem 2002 von Ulrich Herbert herausgegebenen Sammelband „Wandlungsprozesse in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung 1945–1980“7. Auch die in diesem Sammelband vertretenen Autorinnen und Autoren fokussieren die Veränderungen, nicht aber die Aspekte von Kontinuität des Nationalsozialismus in der Geschichte der frühen Bundesrepublik. So wird die Entwicklung einer „stillen Demokratie“ angesichts des hohen Maßes an „Ehemaligen“ und einer in Umfragen belegten noch nachträglichen hohen Zustimmung zu Hitler als nicht zu erwartender Glücksfall interpretiert.8

Konrad Jarausch sieht die Inkorporation des ehemaligen NS-Personals in die Demokratie ebenfalls nicht als Problem. Zwar sei die „Wiederherstellung von Gewesenem augenfällig“ gewesen, doch die Demokratie habe, wenn auch einer „Ironie der Geschichte“ gleich, von dieser „bürgerliche[n] Rückbesinnung wie [einer] vorsichtige[n] Erneuerung profitiert“.9

Der Historiker Rudolf Morsey bewertet sogar die Kritik an personellen Kontinuitäten als „destruktiv“.10 Wie Wolfrum schätzt Morsey die Bedeutung personeller Kontinuitäten als völlig irrelevant für die Geschichte der Bundesrepublik ein: „einige (inzwischen schon wieder vergessene) Autoren“ hätten damals ← 12 | 13 → „verschüttete Erneuerungspotentiale und vermeintlich versäumte Reformen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens“ entdeckt.11

Heinrich August Winkler meint, aus wissenschaftlicher Sicht müssten personelle Kontinuitäten nicht ernsthaft diskutiert werden. In seiner Rekonstruktion deutscher Geschichte von 1933 bis 1990 als dem „lange(n) Weg nach Westen“ weist Winkler jede Kritik an der Personalpolitik der Adenauer-Regierung zurück, denn diese Politik sei demokratisch legitimiert gewesen.12

In den hier skizzierten Argumentationslinien und Bewertungen des Umgangs mit der NS-Vergangenheit zeichnet sich ein ‒ meines Erachtens ‒ kritikwürdiger Trend in der Historiografie ab: Die mittlerweile vorliegenden Studien, die die Blockierung und Abwehr der Aufklärung des Nationalsozialismus kritisch darstellen, werden zwar in Literaturverzeichnissen genannt, so zum Beispiel die Arbeiten von Norbert Frei, Hubert Rottleuthner, Ilse Staff, Joachim Perels, Kerstin Freudiger, Irmtrud Wojak, Marc von Miquel, Claudia Fröhlich, Redaktion Kritische Justiz oder Annette Weinke13, – ihre Inhalte werden aber bemerkenswerterweise ← 13 | 14 → selten rezipiert. Die Studien gelten als Beleg eines in der Bundesrepublik fest verankerten kritischen Umgangs mit der Geschichte, ohne dass deren Inhalte im Detail wahrgenommen werden.

Der Ansatz der vorliegenden Untersuchung ist es, die westdeutsche Geschichte im Umgang mit der NS-Vergangenheit nicht von ihrem „erfolgreichen Ende“ her wahrzunehmen, sondern sie in ihren ambivalenten Entwicklungen zu rekonstruieren. Das heißt, sowohl die verloren gegangenen alternativen Positionen der Vorgeschichte mit ihren Konzepten für eine Institutionalisierung der Demokratie in den Blick zu nehmen als auch die späteren Entwicklungen dieser Institutionen und ihrer konkreten Entscheidungen. Dies geschieht am Beispiel der Zeitschrift Die Wandlung als Teil der verloren gegangenen Vorgeschichte der Bundesrepublik. Die Wandlung wird als beispielhafte Quelle der vielfach ausgeblendeten frühen Phase für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Paradigma der „geradlinigen Erfolgsgeschichte“ benutzt.

1.2 Eine politisch-literarische Zeitschrift als Zugangsmöglichkeit zur Vorgeschichte der Bundesrepublik

Die Wahrnehmung der NS-Zeit als Teilaspekt der Periode der unmittelbaren Nachkriegszeit ist in der Forschung bisher nicht schwerpunktmäßig behandelt worden. Die meisten Untersuchungen zu dieser Thematik setzen entweder erst nach 1949 ein oder behandeln den Zeitraum der Besatzungsherrschaft verhältnismäßig knapp.14 ← 14 | 15 →

Mittlerweile sind mehrere Studien zu den Nürnberger Prozessen erschienen.15 Darüber hinaus hat die Forschung zur Rolle des Auswärtigen Amtes im „Dritten Reich“ und nach 1945 viel Bewegung in die Debatte um personelle Kontinuitäten und Verdrängungstendenzen in den Bundesministerien gebracht, so dass mittlerweile auch weitere Historikerkommissionen berufen worden sind, die „Erbschaft des Nationalsozialismus“ in den politischen Institutionen der Bundesrepublik zu untersuchen.16

Eike Wolgast17 hat anhand von offiziellen Stellungnahmen und öffentlichen Reden die Thematisierung des Nationalsozialismus in den Parteien, den Kirchen und den Universitäten analysiert. Er kommt zu dem Ergebnis, dass der Nationalsozialismus und das „Dritte Reich“ zwar ohne Einschränkung abgelehnt wurden, die Erklärungen für die Entstehung des Nationalsozialismus und seine Verbrechen aber ebenso differieren wie die Antworten, die auf die Frage nach der Schuld gegeben werden. Neben der Institutionengeschichte befassen sich ← 15 | 16 → autobiografische Schriften18, Reportagen19 sowie Zeitungen20 mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Zeitschriftenanalysen, die sowohl vielfältige Einblicke in die Denkhaltungen und Mentalitäten der deutschen Bevölkerung gewähren als auch politische Entwicklungen verdeutlichen, sind hingegen ein gut bearbeitetes Feld.

Politisch-literarische Zeitschriften wurden ab 1945 im Rahmen eines von den Alliierten kontrollierten Lizenzsystems in allen vier Besatzungszonen gegründet. Diese Zeitschriften waren ein Instrument, um nach dem Terror-Regime wieder einen Prozess der öffentlichen Kommunikation in Gang zu setzen, in dem es vor allem um eine Verständigung über politische Normen und Ordnungen ging.21 Neben der Informationsvermittlung und der Initiierung von Debatten übernahmen sie in der Situation eines politischen Vakuums die Funktion der üblichen Räume politischer Diskussion wie z. B. Parteien und Parlamente. ← 16 | 17 →

Politisch-kulturelle Zeitschriften nach 1945 waren somit ein wesentliches Element der damaligen Öffentlichkeit. Unter Öffentlichkeit wird in dieser Studie, in Anlehnung an Jürgen Habermas, die Form verstanden, in der eine Gesellschaft oder Gruppe unter den historisch jeweils vorherrschenden politischen, sozialen, kulturellen und technischen Rahmenbedingungen einen Meinungs- und Interessenaustausch organisiert. Öffentlichkeit als ein normatives Instrument der sozialen Kontrolle von dominanten Herrschaftsstrukturen soll idealerweise Transparenz und gesellschaftliche Partizipation ermöglichen.22

Seit Mitte der 1980er Jahre gibt es Studien, die sich mit dem Phänomen der politisch-kulturellen Zeitschriften und ihrer Bedeutung für die politische Kultur in der unmittelbaren Nachkriegszeit beschäftigen und die wesentlichen Inhalte der jeweils ausgewählten Publikationen darlegen.23

Daneben gibt es Arbeiten, die mehrere Publikationen unter einer bestimmten Fragestellung vergleichend analysieren: Hans Borchers und Klaus W. Vowe fragen nach der Bedeutung politisch-kultureller Zeitschriften für die Demokratisierung der deutschen Gesellschaft nach 1945.24 Barbro Eberan stellt auf der Basis von 52 Zeitschriften die Debatte über die Schuldfrage von 1945 bis 1949 dar.25 Jürgen Steinle26 und Uta Hallwirth27 untersuchen Aufsätze aus Zeitschriften ← 17 | 18 → zum Thema des nationalen Selbstverständnisses nach dem Nationalsozialismus. Schließlich wurden einige Publikationen, und hier vor allem die bekanntesten wie die Frankfurter Hefte28, Der Ruf29, Das Goldene Tor30, Die Fähre/Literarische Revue31 und Ost und West32, in Monografien untersucht.

Die Wandlung wird zwar in Überblicksdarstellungen und Artikeln der Forschung als eine herausragende Publikation genannt und partiell veranschaulicht,33 eine umfassende Untersuchung im Hinblick auf die in dieser Untersuchung erörterten Fragestellungen liegt jedoch noch nicht vor. So hat Friedrich Kießling einzelne Inhalte der Wandlung aus einer ideengeschichtlichen Perspektive im Vergleich mit den Zeitschriften Merkur, Frankfurter Hefte und Der Ruf für den Zeitraum 1945‒1972 untersucht.34 Stephan Beilecke beschäftigte sich in einem Beitrag in einer Publikation zum Europadiskurs in den deutschen Zeitschriften 1945 bis 1955 mit den Beiträgen zur europäischen Idee in der Wandlung.35

Die einzige Monografie dazu hat Monika Waldmüller verfasst.36 Mit ihrer Arbeit hat sie das Redaktionsarchiv der Wandlung, welches Dolf Sternberger, ← 18 | 19 → Gründer und Mitherausgeber der Wandlung, 1974 dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach übergeben hatte, für Nutzerinnen und Nutzer geordnet und zugänglich gemacht. Waldmüller entwirft in ihrer Darstellung querschnittartig ein lebhaftes Bild der Wandlung und legt dabei einen Schwerpunkt auf die literarischen Beiträge sowie die Gründungsgeschichte der Zeitschrift. Insgesamt liefert die Arbeit gemäß ihrem Charakter eines „Archivberichts“ einen ersten Eindruck des Wandlungs-Projekts, der in der vorliegenden Arbeit ergänzt wird.

Darüber hinaus sind zwei Studien erschienen, die innerhalb eines weiteren Forschungsinteresses die Bedeutung der Wandlung für die politische Kultur der Nachkriegszeit beschreiben. Claudia Kinkela verfasste eine biografische Studie über Sternberger und seinen Begriff des Politischen, die auch einen Abriss der Gründungsgeschichte der Wandlung beinhaltet; außerdem liefert sie eine thematische Analyse zur Schuldfrage, zum Begriff der Bürgerlichkeit sowie zum Thema „demokratische Verfassung“. Birgit Pape widmet sich in ihrer Studie über Heidelberg nach 1945 auch dem Begriff der Freiheit, so, wie er in der Wandlung ausgearbeitet wurde. Beide Arbeiten sind für die vorliegende Analyse wertvoll, weil sie Themen umreißen, auf die in dieser Arbeit ebenfalls eingegangen wird.37 Die Darstellungen der außergewöhnlichen inhaltlichen Vielfalt der Zeitschrift sowie ihrer Eigenschaft als kommunikationspolitisches Netzwerk bleiben dort jedoch verkürzt.

Demgegenüber liegt der Schwerpunkt dieser Untersuchung in erster Linie auf der Rekonstruktion der Kommunikations- und Diskursstrukturen der führenden Mitarbeitenden der Wandlung. Hierzu wird für die Fragen nach der Wirksamkeit der Wandlung in der frühen Nachkriegszeit im politischen Raum sowie nach der Resonanz in der Leserschaft der perspektivische Zugang über die Netzwerkanalyse gewählt. Diese hat sich mittlerweile in der Geschichtswissenschaft und besonders auch in der Zeitschriftenforschung als Ergänzung zur Inhaltsanalyse durchgesetzt.38 Dieser Studie liegt die Annahme zugrunde, dass der Erfahrungshintergrund ← 19 | 20 → der Herausgebenden und Autoren sowie das gesellschaftliche Umfeld, in dem die Debatten stattfanden, entscheidend für die Kontextualisierung der Inhalte der Wandlung sind. Daher werden in dieser Studie die Herausgebenden und eine große Zahl von Autoren und anderen Akteuren des Netzwerks, besonders im Hinblick auf ihre Aktivitäten während der NS-Zeit, ihre berufliche und gesellschaftliche Position während der Zeit der Wandlung sowie ihre Beziehungen untereinander, dargestellt.

Zudem wird über eine quellenkritische Analyse von Beiträgen der Wandlung aus den Bereichen Politik, Philosophie, Kirche/Religion und der in der Wandlung veröffentlichten Dokumente zu NS-Verbrechen geklärt, welche Konzepte zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit einerseits und zur Gestaltung eines demokratischen Rechtsstaats andererseits entwickelt und debattiert und welche inhaltlichen Schwerpunkte aufgrund bestimmter politischer Rahmenbedingungen gesetzt wurden.

Eine dritte Perspektive auf die Wandlung ergibt sich aus der Einbeziehung der Quellen des Wandlungs-Archivs im Deutschen Literaturarchiv (DLA). Sowohl für die Inhalts- als auch für die Netzwerkanalyse werfen die im Archiv erhaltenen Briefe und Redaktionsprotokolle aufschlussreiche Schlaglichter auf die einzelnen Themen. Das Wandlungs-Archiv umfasst mit mehreren tausend Briefen die Korrespondenz zwischen dem Herausgeber und gleichzeitigen Chefredakteur, Dolf Sternberger, mit den Autorinnen und Autoren, mit den weiteren Herausgebenden, mit Mitarbeitern der amerikanischen Militärregierung und den anderen drei Besatzungsbehörden sowie mit bekannten Persönlichkeiten aus Politik und Kultur (darunter Mitgliedern des Parlamentarischen Rates wie Carlo Schmid, Theodor Heuss und dem hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn). Darüber hinaus sind Redaktionsprotokolle und Leserbriefe zu einzelnen Artikeln und Themen sowie Konvolute zu den Nürnberger Prozessen archiviert.

Alle drei genannten Perspektiven erläutern sich gegenseitig, auch wenn sich dies im Aufbau der Untersuchung nicht eins zu eins abbilden lässt: Durch die Einbeziehung der Briefe verändert sich der Blick auf die Texte und auch manche Aktionen der Netzwerkakteure, wie zum Beispiel durchgeführte Meinungsumfragen, werden durch sie erhellt. Besonders die umfangreiche Korrespondenz mit Vertretern der Organe der amerikanischen Militärregierung – vor allem der Presseabteilungen und des Supreme Courts in Nürnberg – zeigt den Netzwerkcharakter der Wandlung. Erst die Einsicht in die Briefe macht verständlich, dass ← 20 | 21 → und wie sich die Wandlung in ganz besonderer Weise für die Dokumentation der in den Nürnberger Prozessen verhandelten NS-Verbrechen engagierte.

Die Untersuchung der Quellen folgt der Methode der hermeneutischen Quellenkritik: Inhalte, Sprache und Struktur der Texte werden in Beziehung zum sozialen und politischen Kontext gestellt.

1.3 Aufbau der Untersuchung

Die vorliegende Untersuchung besteht aus vier Hauptkapiteln und einer Schlussbemerkung. Zunächst wird in Kapitel 2 zur grundlegenden Orientierung ein Überblick über die publizistischen Rahmenbedingungen für die Wandlung in der Besatzungszeit in Bezug auf die Re-education- und Lizenzpolitik der amerikanischen Militärregierung gegeben. Außerdem werden die Gründungsgeschichte der Wandlung und die Rolle politisch-literarischer Zeitschriften für den Demokratisierungsprozess beleuchtet. Der zweite Teil des Kapitels enthält die Netzwerkanalyse. Dabei werden das Wandlungs-Netzwerk rekonstruiert, die Vielseitigkeit der Herausgebenden und Autoren herausgearbeitet sowie die wechselseitige Beeinflussung der verschiedenen Akteure dargestellt.

In Kapitel 3 und 4 werden die Inhalte der Wandlung analysiert und kontextualisiert. Hierbei erfolgt eine Konzentration auf die Betrachtung der politischen Texte.

Kapitel 3 untersucht den spezifischen Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Zeitschrift. In einem ersten Teil geht es schwerpunktmäßig um die Schuldthematik und die Diskussion eines Kollektivschuldvorwurfes. Der zweite Teil des Kapitels untersucht die in der Wandlung thematisierten historischen Geschehnisse aus der NS-Zeit – insbesondere die NS-Verbrechen sowie den Widerstand gegen das NS-Regime. Exemplarisch stehen dabei die brutale Judenvernichtung im Zusammenhang mit der Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto, die NS-„Euthanasie“-Tötungen sowie die Widerstandsgruppen des 20. Juli, des Kreisauer Kreises und der Weißen Rose im Fokus. Abschließend geht Kapitel 3 auf die besondere Bedeutung der Rubrik „Dokumente und Berichte“ zur Aufarbeitung der NS-Zeit ein.

Die von den Autorinnen und Autoren der Wandlung entwickelten Konzepte zur Überwindung der NS-Herrschaft finden ihre Entsprechung in alternativen Demokratiekonzeptionen sowohl in den Texten als auch in Aktionen im Umfeld der Zeitschrift. Sie sind Gegenstand von Kapitel 4. Hier spielt zum einen der Diskurs um die Begriffe Humanismus, Freiheit, Recht und Bürgerlichkeit ← 21 | 22 → eine Rolle, zum anderen die Thematisierung konkreter Verfassungselemente39 wie Grund- und Menschenrechte, Wahlrecht, Pressefreiheit sowie das Thema Entnazifizierung und die Debatte um die Reform des Berufsbeamtentums, das zu den Trägerschichten des NS-Regimes gehörte.

Kapitel 5 liefert einen Ausblick auf die gegenläufigen Entwicklungen zu den in der Wandlung publizierten und diskutierten kritischen Konzepten für einen umfassenden Bruch mit dem NS-Unrechtsstaat.

In dieser Untersuchung wurden bei personenbezogenen Substantiven überwiegend die männliche und die weibliche Schriftform verwendet. In einigen Fällen wurde auf geschlechtsspezifische Begriffe verzichtet, um das Lesen zu vereinfachen. Oft wurden bewusst männliche und weibliche Schriftformen kombiniert, was sowohl der Gleichbehandlung aller Geschlechter Rechnung tragen als auch das Lesen vereinfachen soll. Falls nur die männliche Form von personenbezogenen Substantiven gewählt wurde, ist damit keine Herabwürdigung und/oder Diskriminierung anderer Geschlechter beabsichtigt.


1 Fritz Bauer, NS-Verbrechen vor deutschen Gerichten, in: Diskussion (1964), H. 14, S. 5.

2 Vgl. Axel Schildt, Ankunft im Westen. Ein Essay zur Erfolgsgeschichte Bundesrepublik, Frankfurt/M. 1999; ders., Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre, Bonn 1993.

3 Edgar Wolfrum, Die Bundesrepublik Deutschland (Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 23), 10., völlig neu bearb. Aufl., Stuttgart 2006, S. 68f.

4 Edgar Wolfrum, Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Bonn 2007, S. 179‒181.

5 Wolfrum, Die geglückte Demokratie, S. 14.

6 Vgl. ebd., S. 14.

7 Ulrich Herbert (Hg.), Wandlungsprozesse in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung 1945‒1980, Göttingen 2002.

8 Ebd., S. 7f.

9 Konrad Jarausch, Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945‒1995, Bonn 2004, S. 181.

10 Rudolf Morsey, Die Bundesrepublik Deutschland. Entstehung und Entwicklung bis 1969 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 19), 4., überarb. u. erw. Aufl. München 2000, S. 150; Wolfrum, Die Bundesrepublik, S. 70.

11 Morsey, Die Bundesrepublik, S. 141.

12 Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen: Deutsche Geschichte vom „Dritten Reich“ bis zur Wiedervereinigung Bd. 2, Bonn 2004.

13 Vgl. Ilse Staff (Hg.), Justiz im Dritten Reich. Eine Dokumentation, Frankfurt/M. 1978; Redaktion Kritische Justiz (Hg.), Die juristische Aufarbeitung des Unrechtsstaats, Baden-Baden 1998; Joachim Perels, Das juristische Erbe des „Dritten Reiches“. Beschädigungen der demokratischen Rechtsordnung, Frankfurt/M., New York 1999; Norbert Frei, Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München 2012 (Erstausgabe 1996); Claudia Fröhlich, Wider die Tabuisierung des Ungehorsams. Fritz Bauers Widerstandsbegriff und die Aufarbeitung von NS-Verbrechen, Frankfurt/M. 2006; dies., Restauration. Zur (Un-)Tauglichkeit eines Erklärungsansatzes westdeutscher Demokratiegeschichte im Kontext der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, in: Stefan Alexander Glienke/Volker Paulmann/Joachim Perels, Erfolgsgeschichte Bundesrepublik. Die Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus, Göttingen 2008, S. 17–52; Irmtraud Wojak, Fritz Bauer 1903–1968. Eine Biographie, München 2011; Kerstin Freudiger, Die juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen, Tübingen 2001; Klaus-Detlev Godau-Schüttke, Der Bundesgerichtshof ‒ Justiz in Deutschland, Berlin 2006; Marc von Miquel, Ahnden oder amnestieren? Westdeutsche Justiz und Vergangenheitspolitik in den sechziger Jahren, Göttingen 2004; Annette Weinke, Eine Gesellschaft ermittelt gegen sich selbst. Die Geschichte der Zentralen Stelle Ludwigsburg 1958–2008, Darmstadt 2008; Wolfram Wette/Joachim Perels (Hg.), Mit reinem Gewissen. Wehrmachtrichter in der Bundesrepublik und ihre Opfer, Berlin 2001; Hubert Rottleuthner, Karrieren und Kontinuitäten deutscher Justizjuristen vor und nach 1945, Berlin 2010. Hubert Rottleuthner geht in seiner Studie über die deutsche Justizgeschichte zwei Fragen nach: „1. Wie ist die Konformität der Richter, allgemein des Rechtsstabes – das heißt der Personen, die beruflich mit der verbindlichen Interpretation und Durchsetzung von Rechtsnormen betraut sind –, gegenüber dem nationalsozialistischen Regime zu erklären? 2. Welche personellen Kontinuitäten weist die deutsche Justiz nach 1945 auf?“, ebd., S. 11.

14 Ein deutliches Übergewicht bei der Untersuchung von Wahrnehmung und Verdrängung des Nationalsozialismus liegt in den 50er Jahren und danach, vgl. z. B. Norbert Frei/Sibylle Steinbacher, Die deutsche Nachkriegsgesellschaft und der Holocaust, Göttingen 2011; Ulrich Brochhagen, Nach Nürnberg. Vergangenheitsbewältigung und Westintegration in der Ära Adenauer, Hamburg 1994; Clemens Vollnhals, Zwischen Verdrängung und Aufklärung. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in der frühen Bundesrepublik, in: Büttner, U., Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich, Hamburg 1992, S. 357–386.

15 Vgl. u. a., Kim C. Priemel/Alexa Stiller, NMT. Die Nürnberger Militärtribunale zwischen Geschichte, Gerechtigkeit und Rechtschöpfung, Hamburg 2013; Gerd R. Ueberschär (Hg.), Der Nationalsozialismus vor Gericht. Die alliierten Prozesse gegen Kriegsverbrecher und Soldaten 1943–1952, Frankfurt/M. ²2008.

16 Untersucht werden das Bundesjustizministerium, das Bundesarbeitsministerium, das Bundesgesundheitsministerium sowie das Bundesamt für Verfassungsschutz. Christian Mentel, „Die Akten sind unüberschaubar“. Ein Interview mit Manfred Görtemaker zum Forschungsprojekt über das frühe Bundesjustizministerium, in: Zeitgeschichte-online, Juni 2012 (http://www.zeitgeschichte-online.de/interview/die-akten-sind-unueberschaubar, letzter Zugriff: 30.8.2018); Manfred Görtemaker/Christoph Safferling (Hg.), Die Akte Rosenburg. Das Bundesministerium der Justiz und die NS-Zeit, München 2016; Constantin Goschler/Michael Wala, Der Schatten. Das Bundesamt für Verfassungsschutz lässt die NS-Karrieren seiner frühen Mitarbeiter aufarbeiten – ein Zwischenbericht der beiden Historiker, in: SZ, 9/10.3.2013; Constantin Goschler/Michael Wala, „Keine neue Gestapo“. Das Bundesamt für Verfassungsschutz und die NS-Vergangenheit, Reinbek 2015; Frank Bösch/Andreas Wirsching (Hg.), Hüter der Ordnung. Die Innenministerien in Bonn und Ost-Berlin nach dem Nationalsozialismus (Veröffentlichungen zur Geschichte der deutschen Innenministerien nach 1945; Bd. 1), Göttingen 2018.

17 Eike Wolgast, Die Wahrnehmung des Dritten Reiches in der unmittelbaren Nachkriegszeit 1945–1946, Heidelberg 2001.

18 Klaus Mann, Auf verlorenem Posten. Aufsätze, Reden, Kritiken 1942–1949, Reinbek bei Hamburg 1994; Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Bd. 17, Briefwechsel 1941–1948, Frankfurt/M. 1996; Viktor Klemperer, So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Tagebücher 1945–1949, 2 Bände, hg. von Walter Nowojski, Berlin 1999.

19 Julius Posener, In Deutschland. 1945 bis 1946, Berlin 2001; Isaak Deutscher, Reportagen aus Nachkriegsdeutschland, Hamburg 1980; Stephen Spender, Deutschland in Ruinen. Ein Bericht von Stephen Spender, Heidelberg 1995; Klaus R. Scherpe, (Hg.), In Deutschland unterwegs. Reportagen, Skizzen, Berichte 1945–1948, Stuttgart 1982; Klaus R. Scherpe, Erzwungener Alltag. Wahrgenommene und gedachte Wirklichkeit in der Reportageliteratur der Nachkriegszeit, in: Jost Hermand/Helmut Peitsch/Klaus R. Scherpe (Hg.), Nachkriegsliteratur in Westdeutschland 1945‒1949. Schreibweisen, Gattungen, Institutionen, Berlin 1982, S. 35–102.

20 Hans Meiser untersuchte für die Jahre 1946–1949 drei Tageszeitungen und die Wochenzeitschrift Die Zeit. Hans Meiser, Der Nationalsozialismus und seine Bewältigung im Spiegel der Lizenzpresse der britischen Besatzungszone von 1946–1949, Osnabrück 1980, vgl. zur Geschichte der Zeit auch: Christian Haase/Axel Schildt (Hg.), „Die Zeit“ und die Bonner Republik. Eine meinungsbildende Wochenzeitung zwischen Wiederbewaffnung und Wiedervereinigung, Göttingen 2008. In diesem Sammelband wird jedoch die Besatzungszeit nur am Rande behandelt.

21 Eugen Kogon/Walter Dirks, Die Rolle der Publizisten, in: Frankfurter Hefte, 2. Jg., H. 12, 1947, S. 1185–1199; Ingrid Laurien, Politisch-kulturelle Zeitschriften in den Westzonen 1945‒1949. Ein Beitrag zur politischen Kultur der Nachkriegszeit, Frankfurt/M., Bern, New York, Paris 1991. Vgl. auch für die 1950er und 1960er Jahre in der Bundesrepublik Morten Reitmayer, Kulturzeitschriften im Intellektuellen Feld der frühen Bundesrepublik, in: Jutta Schwarzkopf/Daniela Münkel, Geschichte als Experiment. Studien zu Politik, Kultur und Alltag im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Adelheid von Saldern, Frankfurt/M., New York 2004, S. 61–73.

22 Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Frankfurt/M. ³1993 und ders.: Theorien des kommunikativen Handelns, 2 Bde., Frankfurt/M. 1981. Christina von Hodenberg stellt demgegenüber fest, dass die kritische Öffentlichkeit im Bereich der Presse ab 1947/48 wieder gefährdet war, da nach dem Abschluss der Entnazifizierung durch die Alliierten viele als belastet eingestufte Journalisten wieder in ihren alten Beruf ‒ vornehmlich in die Redaktionen der Tageszeitungen ‒ zurückkehrten. Vgl. Christina von Hodenberg, Die Journalisten und der Aufbruch zur kritischen Öffentlichkeit, in: Herbert (Hg.), Wandlungsprozesse, S. 278‒314, S. 264ff.

23 Laurien, Politisch-kulturelle Zeitschriften; Doris von der Brelie-Lewien, Katholische Zeitschriften in den Westzonen 1945–1949. Ein Beitrag zur politischen Kultur der Nachkriegszeit, Göttingen, Zürich 1986; Birgit Bödeker, Amerikanische Zeitschriften in deutscher Sprache, 1945‒1952. Ein Beitrag zur Literatur und Publizistik im Nachkriegsdeutschland, Frankfurt/M. u. a. 1993.

24 Hans Borchers/Klaus W. Vowe, Die zarte Pflanze Demokratie. Amerikanische Re-education in Deutschland im Spiegel ausgewählter politischer und literarischer Zeitschriften (1945‒1949), Tübingen 1979. In dieser Studie wird auch die Wandlung untersucht.

25 Barbro Eberan, Luther? Friedrich der Große? Wagner? Nietzsche? …? …? Wer war an Hitler schuld? Die Debatte um die Schuldfrage 1945‒1949, München 1983.

26 Jürgen Steinle, Nationales Selbstverständnis nach dem Nationalsozialismus. Die Kriegsschulddebatte in Westdeutschland, Bochum 1995.

27 Uta Hallwirth, Auf der Suche nach einer neuen Identität? Zum nationalen Selbstverständnis in der westdeutschen Presse 1945‒1955, Frankfurt/M., Bern, New York u. a. 1987.

28 Martin Stankowski, Linkskatholizismus nach 1945. Die Presse oppositioneller Katholiken in der Auseinandersetzung für eine demokratische und sozialistische Gesellschaft, Köln 1976; Friedrich Kießling, „Gesprächsdemokraten“ – Walter Dirks’ und Eugen Kogons Demokratie- und Pluralismusbegründung in der frühen Bundesrepublik, in: Alexander Gallus/Axel Schild (Hg.), Rückblickend in die Zukunft. Politische Öffentlichkeit und intellektuelle Positionen in Deutschland um 1950 und um 1930, Göttingen 2011, S. 385–412.

29 Jérôme Vaillant, Der Ruf ‒ Unabhängige Blätter der jungen Generation. Eine Zeitschrift zwischen Illusion und Anpassung, München, New York, Paris 1978.

30 Alexandra Birkert, Das Goldene Tor. Alfred Döblins Nachkriegszeitschrift. Rahmenbedingungen, Zielsetzung, Entwicklung, Frankfurt/M. 1989.

31 Kai Schlüter, Die „Fähre/Literarische Revue“. Analyse einer Literaturzeitschrift der ersten Nachkriegsjahre (1946‒1949), Göttingen 1983.

32 Barbara Baerns, Ost und West – Eine Zeitschrift zwischen den Fronten. Zur politischen Funktion einer literarischen Zeitschrift in der Besatzungszeit, Bremen 1968.

33 Vgl. Axel Schild/Detlef Siegfried, Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik – 1945 bis zur Gegenwart, München 2009.

34 Vgl. Friedrich Kießling, Die undeutschen Deutschen. Eine ideengeschichtliche Archäologie der alten Bundesrepublik 1945‒1972, Paderborn, München, Wien u. a. 2012.

35 François Beilecke, Vom Europa der Dritten Kraft zur Weltregierung. Ursprünge und diskursive Ausprägungen in Die Wandlung (1945‒1949), in: Michel Grunewald (Hg.) in Zusammenarbeit mit Hans Manfred Bock, Le discours européen dans les revues allemandes 1945–1955/Der Europadiskurs in den deutschen Zeitschriften 1945–1955, Berne 2001, S. 121–148.

Zusammenfassung

Das Buch liefert eine profunde Untersuchung der Auseinandersetzung mit der NS-Herrschaft in der Publizistik 1945–1949: Am Beispiel der zeitgenössischen Zeitschrift «Die Wandlung» und ihres Netzwerks zeichnet die Autorin detailliert den Umgang damals führender Intellektueller mit den Themen Aufarbeitung der NS-Verbrechen, Schuld und Widerstandsbewegungen nach und untersucht die Konzepte für einen demokratischen Neuanfang. Diese frühen kritischen Positionen, die auf einen klaren Bruch mit dem NS-Unrechtsstaat abzielten, wurden in der frühen Bundesrepublik weitestgehend zurückgedrängt und von der Zeitgeschichtsschreibung bis heute nicht hinreichend wahrgenommen. Die Studie liefert somit einen Beitrag zur Kritik am Narrativ einer geradlinigen „Erfolgsgeschichte" der Bundesrepublik.

Details

Seiten
572
ISBN (PDF)
9783653063202
ISBN (ePUB)
9783631701591
ISBN (MOBI)
9783631701607
ISBN (Buch)
9783631667354
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
NS-Funktionseliten Netzwerkanalyse Schuldfrage Entnazifizierung Re-education Artikel 131 Grundgesetz Widerstand NS-„Euthanasie“ Pressefreiheit Amnestie Nicht-Ahndung von NS-Verbrechen
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. 569 S.

Biographische Angaben

Sonja Begalke (Autor:in)

Sonja Begalke studierte Politische Wissenschaft und Geschichte an der Leibniz Universität Hannover. Seit 2014 ist sie Teamleiterin und Wissenschaftliche Referentin im Handlungsfeld «Auseinandersetzung mit der Geschichte» bei der Stiftung «Erinnerung, Verantwortung und Zukunft» (EVZ) in Berlin.

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Titel: NS-Herrschaft und demokratischer Neubeginn in der Publizistik nach 1945