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Danzig/Gdańsk als Erinnerungsort

Auf der Suche nach der Identität im Werk von Günter Grass, Stefan Chwin und Paweł Huelle

von Joanna Bednarska-Kociołek (Autor:in)
Monographie 254 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • I. Einführung
  • II. Theoretische Grundlagen
  • 1. Patria chica versus Nationalismus
  • 2. Die Geschichte Danzigs im Angesicht des Nationalsozialismus
  • 3. Erinnerung und Gedächtnis
  • 4. Mythologisierte Erinnerungslandschaften
  • 5. Danzig / Gdańsk und seine literarische Identität
  • 6. Intertextualität
  • III. Vorgeschichte der Freien Stadt Danzig in Castorp Paweł Huelles
  • 1. Wilder Osten Danzig und der Fremde in der deutschsprachigen Provinz
  • IV. Günter Grass. Identität der Stadt zwischen Multikulturalität und Nationalismus
  • 1. „Verlust als Voraussetzung für Literatur“
  • 2. Zurück nach Danzig. Wer bin ich? – autobiografisches Erzählen und Autobiografie
  • 3. Kindheitswelt in Erinnerungen
  • 3.1 Bernstein
  • 3.2 Zwiebel
  • 4. Orte der Erinnerung
  • 4.1 „mein kleinbürgerliches Herkommen“
  • 4.2 Stadtteile – Langfuhr
  • 4.3 Schulen
  • 4.4 Kirchen
  • 4.5 Ostsee und Strand
  • 4.5.1Vineta
  • 5. Der kulturelle Schmelztiegel
  • 5.1 Deutsche
  • 5.1.1Die Sprache der Danziger Kleinbürger
  • 5.2 Polen
  • 5.2.1Der Anfang des Krieges und die Polnische Post
  • 5.2.2Der polnische Soldat, Pan Piłsudski, polnische Kavallerie und polnische Fahne
  • 5.3 Kaschuben
  • 5.3.1Essgewohnheiten: Kartoffel und kaschubische Kochkunst
  • 5.4 Juden
  • 6. Fazit
  • V. Stefan Chwin – Die Metamorphose der Stadt
  • 1. Identitätsfrage, Kontinuität und Multikulturalität
  • 1.1 Friedhöfe
  • 1.2 Die Stadt als Palimpsest
  • 1.3 Die unbelebte Welt der Gegenstände
  • 2. Leben und Tod – Tod in Danzig
  • 2.1 Zufälligkeit des Handlungsortes
  • 2.2 Das Leben der Danziger Gegenstände in Gdańsk
  • 3. Fazit
  • VI. Paweł Huelle – Spuren der Vergangenheit
  • 1. Überblick über die Entstehung und Rezeption des Romans Weiser Dawidek
  • 1.1 Ein Grass – Spiel
  • 1.2 Jener Sommer voller Mysterien - Raum- und Zeitsemantik
  • 2. Huelles Erzählungen
  • 2.1 Private Hybridität
  • 2.2 Danziger Schmelztiegelgesellschaft
  • 2.2.1Deutsche
  • 2.2.2Kaschuben
  • 2.2.3Mennoniten (Hauländer)
  • 2.2.4Polen
  • 2.3 Die Unwiederbringlichkeit des Vergangenen
  • 2.4 Literatur als Bernsteinmetapher
  • VII. Zusammenfassung und Ausblick
  • Literaturverzeichnis

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I. Einführung

Danzig ist ein Ort, an dem wie selten sonst so deutlich zu sehen ist, dass die Geschichte keine große, lange Aneinanderreihung von Ereignissen ist, sondern eine immer wieder zerrissene historische Kette, vielmehr noch eine Ansammlung unzähliger Kettenglieder. Es ist schwer, sie wieder aneinanderzusetzen – und warum auch? Wenn wir die Geschichte nicht als Leidenserzählung oder als Beweis für diese oder eine andere These, eines solchen oder eines anderen Besitzstandes betrachten, dann können alle diese Danziger Unterbrechungen, alle diese Kehrtwendungen, Umbrüche, Revolutionen und Zerstörungen zum Inhalt einer allgemeindanziger Identität werden: Danzig als Erinnerungsort und Denkmal des modernen Europas, als eine Stadt mit vielen Wunden, mit grellen Kontrasten und überraschenden Lösungen.1

Auf diese Art und Weise illustriert Peter Oliver Loew die Identität der Stadt Danzig / Gdańsk. Er unterstreicht, dass Danzig im 20. Jahrhundert mehrmals Achse der Welt war, obwohl die Stadt selbst einen provinziellen Charakter hatte. Hier brach der Zweite Weltkrieg aus, hier entstand die polnische Gewerkschaft ‚Solidarność‘. Grundlage dieses Buches ist die Beschreibung des literarischen doppelten Erinnerungsortes Danzig / Gdańsk, für die die gleich genannte, authentische Stadt das Fundament bildet. ‚Doppelter Erinnerungsort‘ ist ein Begriff von Pierre Nora und beschreibt einen Raum, der für zwei Nationen, in diesem Fall Deutsche und Polen, gleichermaßen bedeutsam ist und eine symbolische Rolle spielt2. In der Kultur der Stadt Danzig / Gdańsk dominierte lange die Differenz anstelle der Gleichheit. Auf diesem geographischen Gebiet vermischten und ergänzten sich unterschiedliche Kulturen und Ethnien. Danzig / Gdańsk ist bis heute eine Stadt, die sowohl für die polnische als auch für die deutsche Erinnerung und Identität von besonderer Bedeutung ist.

Mein Ziel ist zu zeigen, dass es zwischen den deutschen und polnischen literarischen Werken mit Bezug auf Danzig mehrere Korrelationen gibt. Es werden Texte besprochen, die durch die Literatur und in der Literatur einen Dialog miteinander führen. Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit der Frage, welche Bedeutung die literarischen Erinnerungen an die vergangene Welt für die Identität der Stadt Danzig / Gdańsk haben. Es ist wichtig darzustellen, wie die Stadt ← 9 | 10 → beschrieben wird, wobei die Metamorphose der deutschen Stadt in die polnische nach dem Zweiten Weltkrieg und die damit verbundene Suche nach der eigenen Identität und die Gründung des Mythos – Danzig / Gdańsk – entscheidend sein wird. Ich konzentriere mich auf die Literatur, in der die Stadt durch Literatur mythologisierter Ort dargestellt wird. Was heißt es, Danziger zu sein? Was heißt es, Gdańszczanin zu sein? Westerplatte, Poczta Polska, Solidarność – sind diese nationalen Mythen in der Literatur immer noch lebendig oder schon vergangen?

Als Grundlage dafür dienen die Texte des vor Kurzem verstorbenen Günter Grass sowie von polnischen Autoren Stefan Chwin und Paweł Huelle. Es wurden dabei jene Texte ausgewählt, die die Zeit der Freien Stadt Danzig (1920–1939) bis zu ihrer Transformation zu Gdańsk umfassen. Eine Ausnahme bildet Huelles Roman Castorp, der die Stadt noch vor der Entstehung der Freien Stadt Danzig aus der Perspektive eines Fremden darstellt. Des Weiteren wird untersucht, inwieweit die Stadt trotz des historischen Bruches von 1945 als deutsch-polnischer Erinnerungsort in der Literatur fungieren kann. Die ausgewählten Werke zeigen die Kontinuität der Geschichte auf und erinnern an die deutsche Vergangenheit der Stadt. Der Raum – Danzig / Gdańsk – wird bei Grass, Chwin und Huelle deutlich als Heimat apostrophiert und als kulturelle Größe wahrgenommen. Am Beispiel ihrer Werke ist es möglich, den in der Literatur- und Kulturwissenschaft wichtigen Paradigmenwechsel zu beobachten, der als ‚Wiederkehr des Raumes‘ („spatial turn“)3 bezeichnet wurde. Jürgen Joachimsthaler verweist darauf, dass für sehr lange Zeit die Kategorie ‚Raum‘ im internationalen wissenschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Diskurs vernachlässigt wurde, was sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts allmählich geändert hat4. Die Schriftsteller zeigen eine nicht mehr existierende, vergangene Welt, und der Raum Danzig / Gdańsk spielt dabei eine entscheidende Rolle. Das Deutsche, das ambivalente Gefühle hervorruft, übt dabei auf die Schriftsteller eine besondere Faszination aus.

Im theoretischen Teil wird der Begriff ‚patria chica‘ in Bezug auf Nationalismus und dessen Entwicklung mit Hilfe der Theorien von Eric J. Hobsbawm, Benedict Anderson und Ernst Gellner erklärt. Zudem wird die Danziger Geschichte im Angesicht der Entwicklung der nationalistischen Bewegung erläutert. Der Begriff ‚Erinnerung‘ wird auf der Grundlage der Theorien von Aleida und Jan Assmann, Pierre Nora und Harald Welzer definiert und seine Bedeutung anschließend am Beispiel der Nachbarländer Deutschland und Polen erläutert. ← 10 | 11 → Die Erinnerung erscheint in den Texten aller drei Autoren als literarisches Leitmotiv. Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis sind bei der Erinnerung an das ursprüngliche Danzig von zentraler Bedeutung und ermöglichen einen Blick auf die Stadt aus heutiger deutscher und polnischer Perspektive. Zu einem gemeinsamen Erinnerungsort entwickelt sich die Stadt, indem Erinnerung nicht nur als Thema im Text erscheint, sondern der Text selbst zur Erinnerung der Erzählerfiguren wie auch der Autoren wird. Danzig / Gdańsk ist eine bemerkenswerte Stadt, in der mehrere Jahrhunderte lang Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Sprachen und Religionen lebten, wodurch sich hier verschiedene Kulturen vermischten, in erster Linie die deutsche, polnische, jüdische und kaschubische, aber auch andere, da hier zudem Russen und Mennoniten aud Holland wohnten. Ein solch hybrider Ort war damit selbstverständlich mehr als einmal Schauplatz verschiedener Auseinandersetzungen, doch zugleich wurde dieser Schmelztiegel zur Quelle einer interessanten und reichen Kulturmischung. Mein Blick richtet sich also auf eine periphere Region, die von sprachlich-kultureller Heterogenität geprägt war. Im Folgenden wird auch der Wandel der Stadt von Danzig zu Gdańsk beschrieben. Es werden Texte berücksichtigt, die auf die deutsch-polnische Geschichte der Stadt eingehen. Die unterschiedlichen Phasen in der Stadtgeschichte zeigen deutlich, wie mit der Umbenennung von Danzig in Gdańsk und der Etablierung eines neuen politischen Systems die Spuren deutscher Geschichte allmählich aus dem Stadtbild verschwinden.

Ewelina Kamińska unterstreicht, dass der Heimatverlust zunehmend dazu führe, dass die Heimat des Öfteren in Erinnerungsbildern existiere. So werde eine Brücke zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem geschlagen, die die Entwurzelung zumindest teilweise zu relativieren vermöge5. Die nicht mehr existierende Freie Stadt Danzig mit ihrer zerissenen Geschichte wurde paradoxerweise zum Erinnerungsraum in der Literatur und Kultur und somit zu einem Teil des kulturellen Gedächtnisses sowohl der Deutschen als auch der Polen. Diese literarische Welt ist eine Mischung des Realen mit dem Magischen, sie überwindet des Öfteren gerade dadurch die Sphäre des Privaten und bekommt einen universellen Charakter.


1 Loew, Peter Oliver: Zerstörung, Kontinuität, Erdichtung. Das Kriegsende und der neue Anfang einer alten Stadt. In: Inter Finitimos Jahrbuch zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte 3/2005, S. 82f.

2 Vgl. François, Etienne / Schulze, Hagen (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte. Eine Auswahl. München 2005. S. 11.

3 Joachimsthaler. Jürgen: Von der einen Nation zur kulturell vielfältigen Region. Der „spatial turn“ als Provokation der Nationalphilologien. In: Joachimsthaler, Jürgen / Sauerland, Karol (Hg.): Convivium. Germanistisches Jahrbuch. 2008. S. 29–59.

4 Ebd., S. 29ff.

5 Kamińska, Ewelina: Erinnerte Vergangenheit – inszenierte Vergangenheit. Deutsch-polnische Begegnungsräume Danzig/Gdańsk und Stettin/Szczecin in der polnischen Prosa im Kontext der Wende von 1989. 2009. S. 30.

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II. Theoretische Grundlagen

1. Patria chica versus Nationalismus

Als ein von Deutschen und Polen gemeinsam beschriebener Raum wird Danzig / Gdańsk durch die Literatur erneut zu einem heterogenen deutsch-polnischen „Grenzland“6, in dem verschiedene Kulturen und Nationen aufeinandertreffen, wie dies jahrhundertelang in der Geschichte der Stadt der Fall gewesen ist. Durch die Erinnerung, auch die literarische, wird die Vorstellung einer Heimat wieder hergestellt, die nicht mehr existiert, und sie wird zum literarischen Motiv. Paweł Huelle unterstreicht: „Alles ging verloren und wurde so nicht nur zum Gegenstand der eigenen Erinnerung, sondern zum Anreiz, eine diesem Erinnern gemäße literarische Konstruktion zu verfassen und eine alternative Welt – die Literatur – zu entwerfen.“7 Nach dem Krieg, infolge der Beschlüsse der Potsdamer Konferenz, wurden Millionen von Menschen in Europa gezwungen, sich als Flüchtlinge, Vertriebene, Ausgesiedelte auf die Suche nach einem neuen Wohnort zu begeben. Somit verloren sie ihre Heimatländer. Daher existiert „heutzutage die Heimat oft in Erinnerungsbildern“8. Dies ist häufig nur in den Erinnerungen und in der Literatur möglich.

Huelle unterstreicht, dass die einzige wahre Heimat jedes Menschen (aber v. a. des Schriftstellers) die eigene Kindheit darstelle9. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Heimat, die auf nationalen oder ethnischen Kriterien beruht, sondern um die sogenannte ‚kleine Heimat‘. Im Polnischen benutzt man den Begriff ‚mała ojczyzna‘ für denjenigen Ort, an dem man sich daheim fühlt10: Heimat (…) wäre hier (…) weniger als die authentischen Geburts- und Wohnorte (…) zu verstehen, sondern vielmehr als die symbolische Dimension dieser Orte, dieser ← 13 | 14 → imaginär-historischen Räume (…).“11 Heimat in dieser Bedeutung ist also ein Äquivalent des Wortes Sicherheit, und es ist unmöglich den Begriff auf die räumliche Kategorie zu reduzieren. Garanten dieser Sicherheit sind z. B. das Elternhaus, ein Kirchturm, ein vertrauter Geruch, die heimatliche Sprache oder einfach Menschen12. Ewelina Kamińska bemerkt, dass man in der Alltagssprache Heimat mit dem Gebiet assoziiert, in dem man herangewachsen ist und mit dem man sich identifiziert, mit einer kulturellen Gemeinschaft, die Wärme, Schutz und Geborgenheit garantiert und somit zur Persönlichkeitsentfaltung beiträgt13. Laut Andrea Bastian ist das Heimatgefühl vorstellbar beispielsweise als der Geruch auftauender Erde im Vorfrühling oder eines frisch gebohnerten Holzfußbodens; als der Anblick eines Gegenstandes oder Gebäudes, das Hören einer bestimmten Melodie oder einer Stimme. Die genannten Empfindungen rufen beispielsweise Erinnerungen an eine bestimmte Naturlandschaft, an ein Zimmer im Elternhaus oder in der Schule, an einen bestimmten Wohnort, an nahestehende, vertraute Menschen oder an regelmäßig wiederkehrende Feste wach. Bastian unterstreicht, dass diese Erinnerungen mit Empfindungen wie Vertrautheit, Sicherheit, Zugehörigkeit, Anerkennung, Geborgenheit verbunden sind14.

Noch im 19. Jahrhundert war in Europa der Begriff ‚patria chica‘ (das kleine Vaterland) sehr verbreitet15, obwohl seine Wandlungen vor Beginn des industriellen Zeitalters datiert werden. Im Falle von Danzig / Gdańsk scheint dieser Begriff besonders treffend zu sein, da es für zahlreiche hier lebende Menschen ohne Bedeutung war, welche Staatsangehörigkeit sie hatten. Es war für sie jedoch relevant, dass sie Danziger waren. Sie lebten in der Provinz, trotzdem waren stolz auf ihre Region, was zahlreiche Legenden deutlich illustrieren. Beispielsweise erklärt die Legende Das kaschubische Paradies, wie die Kaschubei entstanden ist. Nachdem Gott die Welt geschaffen hatte, freuten sich alle im Himmel bis auf einen Engel. Er erklärte Gott, warum er traurig sei. Er war verantwortlich für ein Land, das Pommern genannt wurde. Das Land war wenig fruchtbar, grau, platt und leer. Gott gab also dem Engel alles, was ihm noch übrig geblieben ist, und zwar: Seen, ← 14 | 15 → Wälder, Wiesen und Hügel und der Engel verteilte dies alles mit großer Liebe. Das Gebiet ist deswegen sehr abwechslungsreich. Sogar die Mutter Gottes liebe das Land und sie gehe hier oft spazieren16. Diese alte Legende zeigt, dass Pomoranen sehr stolz auf ihre Herkunft, Identität und ihre kleine Heimat waren.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts begann man ‚tierra‘ mit dem Staat und Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Patriotismus zu verbinden. Benedict Anderson sieht die Natur dieser politischen Liebe in der Begrifflichkeit, denn beide Sprechweisen bezeichneten etwas, an das man auf natürliche (nicht bewusst gewählte) Weise gebunden sei: „es geht um Verwandtschaft (motherland, Vaterland, patria) oder Heimat (home oder tanah air – Erde und Wasser, den Begriff für die heimatliche Inselgruppe der Indonesier).“17 Anderson bemerkt, dass „Nation-Sein der Hautfarbe, dem Geschlecht, der Herkunft und der Zeit, in die man geboren wird, nahe steht all dem also, was nicht zu ändern ist18. Jedoch ist die Entwicklung des Phänomens ‚Nationalismus‘ stark verbunden mit der Entwicklung der Industriegesellschaft. Ernst Gellner weist darauf hin, dass die Industriegesellschaft nicht durch das göttliche Fiat ‚so soll es geschehen‘ entstanden ist, sondern durch den Prozess der Weiterentwicklung der Agrargesellschaft19. Die Bedeutung der Wörter ‚Nation‘, ‚Nationalität‘, ‚Nationalismus‘ veränderte sich somit parallel zur Entwicklung der Gesellschaft. Noch am Vorabend des Ersten Weltkriegs war die Monarchie fast überall die Norm und die meisten Monarchen in Europa stammten aus einer Reihe untereinander verwandter Familien. Eric J. Hobsbawm zeigt, dass für sie als Staatsoberhäupter ‚Nationalität‘ ohne Bedeutung war, falls sie ihrem subjektiven Empfinden nach überhaupt eine hatten. Auch ohne eigenes ‚nationales Bewusstsein‘ betrachtete ein Herrscher sein ‚Volk‘ jedoch als Kollektiv im Sinne der ‚Nation‘. Die Bürger hatten ihre Rechte und Pflichten20. Einerseits fühlten sich die Untertanen mit ihrem Ort im Sinne der Heimat verbunden, oft sprachen sie zu Hause Dialekt, andererseits wurde ihnen allmählich ein „Nationalismus von oben“21 aufgezwungen, indem sie ihre Pflichten dem konkreten Herrscher / dem konkreten Staat gegenüber auszufüllen gezwungen waren. Aber die ursprüngliche, ← 15 | 16 → revolutionär-volkstümliche Idee des Patriotismus sei – so Hobsbawm – staatsorientiert und nicht nationalistisch gewesen, da sie sich auf das souveräne Volk selbst bezogen habe, also auf den Staat, der seine Macht in dessen Namen ausgeübt habe22. Die Französische Revolution verstand unter dem Begriff ‚Patriot‘ „einen Menschen, der die Liebe zu seinem Land durch den Wunsch unter Beweis stellte, es durch Reformen oder eine Revolution zu erneuern.“23 Dabei war ethnische Zugehörigkeit bedeutungslos, nationale Loyalität war noch zu dieser Zeit ausschließlich eine politische Entscheidung. Hobsbawm erinnert daran, dass am 19. November 1789 in der Nähe von Valence 1 200 Nationalgardisten zusammenkamen, die „einen Loyalitätseid auf die Nation, das Gesetz und den König“24 schworen und „erklärten, nicht länger Dauphinois, Provençaux und Languedociens zu sein, sondern nur noch Franzosen.“25 Dieses Ereignis ist als die symbolische Geburt der Nation zu begreifen, wobei Nation als Gemeinschaft verstanden wird, deren Mitglieder das gleiche Recht auf Selbstbestimmung haben. Es war der symbolische Akt der Demokratisierung, der Untertanen in Bürger verwandelte. ‚Nation‘ wurde nach der Französischen Revolution „als Gemeinschaft von Staatsbürgern verstanden, denen aufgrund entsprechender Rechte das Wohl des Landes am Herzen lag und die dadurch den Staat bis zu einem gewissen Grad zu ihrem eigenen machten.“26 Jede Nation musste zunächst ihre Einheit auf Grundlage von Vielfalt konstruieren. Die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende Form des Nationalismus basierte zunächst auf der Ideologie und noch nicht auf den Kategorien von Ethnie oder Sprache27. Es gab zu dieser Zeit in Europa nur wenige homogene Nationalstaaten. Im Rahmen der Homogenisierung der Einwohner eines Staates musste man jedoch eine Landessprache als Nationalsprache / Amtssprache wählen. Benedict Anderson unterstreicht zu Recht, dass die allmähliche Zurückdrängung von Mundarten eine Bedingung für die Entstehung einer Nation war28. In den meisten Fällen wurde die Nationalsprache aus pragmatischen Gründen gewählt, also vermutlich jene Sprache, die von der größten Gruppe der Einwohner gesprochen und verstanden wurde. Eric J. Hobsbawm legt zugleich dar, dass im 19. Jahrhundert für viele Bürger die Sprache die Seele der Nation im Sinne der Verbindung mit den Verstorbenen war und oft das entscheidende Kriterium ← 16 | 17 → ihrer Nationalität darstellte29. 1842 konnte man in Revue de Deux Mondes lesen, dass die wahren, natürlichen Grenzen nicht durch Berge und Flüsse bestimmt werden, sondern durch die Sprache, die Gebräuche, die Erinnerungen, alles, was eine Nation von einer anderen unterscheidet30. In Vielvölkerstaaten gewannen zu dieser Zeit Landessprachen als Amtssprachen zunehmend an Bedeutung. Minderheitensprachen und Soziolekte wurden durch die offiziellen Amtssprachen massiv zurückgedrängt (z. B. die schottisch-gälische Sprache in Schottland und Irland durch das Englische)31. Auf diese Art und Weise sind mehrere Sprachen (auch das Danziger Missingsch) mittlerweile verschwunden. Laut Anderson entwickelte sich in Europa von etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts an ein so genannter ‚offizieller Nationalismus‘. Anderson stellt dar, dass diese Art von ‚Nationalismus‘ erst nach der Entstehung eines sprachlichen Volksnationalismus möglich war32. In diesem offiziellen Nationalismus bemerkt Anderson eine reaktionäre Politik als Antwort auf den spontanen Volksnationalismus33.

Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts beanspruchte jede Gemeinschaft von Menschen, die sich als Nation verstand, „das Recht auf einen eigenen, souveränen und unabhängigen Staat auf ihrem Territorium“34 Hobsbawm weist darauf hin, dass, als Folge dieser Vermehrung potentieller Nationen ohne eigene Geschichte, ethnische Zugehörigkeit und Sprache zu zentralen Kriterien für die Konstruktion nationaler Identität wurden. Der ethnisch begründete Nationalismus bekam in dieser Zeit immer größere Unterstützung und die Begriffe ‚Rasse‘ und ‚Nation‘ wurden als Synonyme betrachtet35. Zu dieser Zeit begannen sich in Europa neue Nationen herauszubilden. Seinen Höhepunkt erlebte der Nationalismus in Europa in den Jahren 1918–1950. Dies war das Ergebnis zweier Entwicklungen: des Zusammenbruchs der großen Vielvölkerstaaten in Ost- und Mitteleuropa sowie des Ausbruchs und der Folgen der Russischen Revolution36. Doch die Staaten, die nach dem Zerfall der alten Vielvölkerstaaten entstanden, waren nicht weniger heterogen als ihre Vorgänger. Lediglich die Staatsterritorien waren kleiner und ← 17 | 18 → „die in ihnen lebenden unterdrückten Völker [wurden] jetzt unterdrückte Minderheiten genannt.“37 Hobsbawm fasst dies wie folgt zusammen:

Die logische Konsequenz aus dem Versuch, einen Kontinent säuberlich in zusammenhängende Territorialstaaten aufzuteilen, die jeweils von einer ethnisch und sprachlich homogenen Bevölkerung bewohnt wurden, war die massenhafte Vertreibung oder Vernichtung von Minderheiten. Das war und ist die mörderische reductio ad absurdum eines Nationalismus in seiner territorialen Spielart, obwohl dies erst in den Jahren nach 1940 deutlich zu sehen war.38

Die Entstehung der Nationalstaaten hatte massenhafte Vertreibungen zur Folge; doch die Grenzen des Versailler Vertrags erwiesen sich als nicht dauerhaft, obwohl die nach 1918 in verschiedenen Regionen mit national unterschiedlichen Bevölkerungen durchgeführten Plebiszite, mit denen über die Zugehörigkeit der Bewohner zu Nationalstaaten entschieden werden sollte, gezeigt hatten, dass viele Menschen sich für die Zugehörigkeit zu einem Staat aussprachen, dessen Sprache nicht die ihre war.

In Europa wurde der Nationalismus nach dem Ersten Weltkrieg „seines befreienden und einigenden Inhalts“39 beraubt und bekam Züge des politischen Nationalismus. Durch die modernen Massenmedien konnten Ideologien „für die Massen einerseits standardisiert, homogenisiert und umgeformt und andererseits natürlich von Privatinteressen und Regierungen für die Zwecke einer gezielten Propaganda“40 eingesetzt werden. Die Weltwirtschaftskrise ließ viele Menschen zu Anhängern eines militanten Nationalismus werden, was unter anderem als Folge der allgemeinen Verzweiflung verstanden wird. Die nationale Identifikation fand zu dieser Zeit neue Mittel, „sich in modernen, urbanisierten und hochtechnisierten Gesellschaften auszudrücken.“41 Gemeint sind hier die modernen Massenmedien (Presse, Funk, Film). Die Nationalsozialisten in Deutschland wussten die Rolle der Medien richtig einzuschätzen. Nicht zufällig übernahm das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, unter der Leitung von Propagandaminister Joseph Goebbels, die inhaltliche Lenkung der Medien. Hobsbawm bemerkt zu Recht:

Dennoch war eine gezielte Propaganda zweifellos weniger ausschlaggebend als die Fähigkeit der Massenmedien, letztlich nationale Symbole zu einem Bestandteil des Lebens ← 18 | 19 → jedes einzelnen zu machen und auf diese Weise die Trennung zwischen dem Privatbereich und der lokalen Sphäre, in der die meisten Bürger normalerweise lebten, einerseits und der öffentlichen und nationalen Sphäre andererseits aufzuheben.42

Zusammenfassung

Danzig/Gdańsk war im 20. Jahrhundert mehrmals Schauplatz der Weltgeschichte: Hier brach der Zweite Weltkrieg aus und hier entstand die polnische Gewerkschaft ‚Solidarnos´c´’. Die Autorin untersucht das literarische Bild der Stadt als doppelten Erinnerungsort bei Günter Grass, Stefan Chwin und Paweł Huelle. Vergleichend arbeitet sie heraus, wie die Schriftsteller die kulturelle Diversität der Stadt vor dem historischen Hintergrund ästhetisch zum Ausdruck bringen und die identitätsstiftende Funktion Danzigs/Gdańsks literarisch diskutieren.

Details

Seiten
254
ISBN (ePUB)
9783631693612
ISBN (PDF)
9783653063943
ISBN (MOBI)
9783631693629
ISBN (Hardcover)
9783631667590
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (August)
Schlagworte
Zweiter Weltkrieg doppelter Erinnerungsort kulturelle Diversität Identitätsstiftung
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 254 S.

Biographische Angaben

Joanna Bednarska-Kociołek (Autor:in)

Joanna Bednarska-Kociołek studierte Germanistik in Łódz´, Passau sowie Berlin und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Literatur und Kultur Deutschlands, Österreichs und der Schweiz an der Universität Łódz´.

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Titel: Danzig/Gdańsk als Erinnerungsort