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Erinnerung sichtbar machen

Braunschweiger Vorträge zur Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands 2009/2010

von Matthias Steinbach (Band-Herausgeber:in) Michael Ploenus (Band-Herausgeber:in)
©2016 Konferenzband 173 Seiten

Zusammenfassung

Der Band versammelt die Beiträge der Vortragsreihe Geteilte Erinnerungen – deutsche Geschichten, die im Wintersemester 2009/2010 an der TU Braunschweig stattfand. Sie spürt jenen deutsch-deutschen Geschichten nach, die sich im Schatten der Mauer zugetragen haben und sich – wie deren Splitter – verstreuen und verflüchtigen. Selbst harte politisch-militärische Grenzen wie der römische Limes, die chinesische Mauer oder Europas Eiserner Vorhang unterliegen am Ende dem Naturgesetz des Wandels – von einer trennenden Demarkationslinie und Angstzone hin zu einem verbindenden Kulturraum. Allerdings, und insofern stimmt das mit dem Naturgesetz nur bedingt, geschieht derlei nie von selbst. Man muss die Dinge anfassen und die Frage nach den Geschichten dahinter stellen. Es ist an uns, sie zu erzählen, wieder und wieder.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Über deutsche Teilung und Einheit reden
  • Geteilte Erinnerung – Grenzeigene Erfahrung. Ein Forschungsprojekt für die Region
  • Glasnost in der Schule – historisches Lernen als Grenzüberschreitung
  • Neues Licht auf das Sperrgebiet
  • Von Teterow nach Braunschweig – Eine normale DDR-Fluchtgeschichte
  • Von Berlin nach Europa – der Europa-Radweg „Eiserner Vorhang“ als (his)touristische Herausforderung für die Erfahrung von Politik, Kultur und Geschichte
  • „Aufatmen und sich zur Ordnung rufen“ – Gegenläufigkeiten und Angleichungserfahrungen im deutschen Universitätsleben vor und nach 1989/90
  • Respekt vor Biographien: Die deutschen Universitäten im Einigungsprozess. Reflexion der Jahre in Jena (1990–1992)
  • Die deutsche Automobilindustrie und die Wiedervereinigung mit VW in der Pionierrolle
  • „Die Mauer fiel nicht nur in Berlin. Geschichtsbilder zur Grenzöffnung 1989 aus Schule und Gesellschaft“. Ansprachen zur Ausstellungseröffnung am 28. Sept. 2009
  • Reihenübersicht

Matthias Steinbach

Über deutsche Teilung und Einheit reden

Während die chinesische Mauer noch vom Mond aus mit bloßem Auge erkennbar sein soll, ist der „Eiserne Vorhang“, der sich nach Churchills schauerlich schöner Metaphorik 1945 über Europa und die Welt senkte, wenige Jahre, nachdem er außer Dienst gestellt wurde, kaum mehr auffindbar – fast wie Karthago nach dem dritten Punischen Krieg. Die meisten Berliner Mauerteile sind inzwischen in alle Welt verstreut, und Touristen Fragen notorisch: Wo ist denn nun die Mauer (gewesen)? Man könnte sagen: gut, dass sie verschwunden ist, und wer wollte diesem menschenfeindlichen Machwerk ernsthaft nachtrauern? Lieber schnell vergessen und mit Nietzsches kritischer Historie dem Leben dienen, indem man „die Kraft haben und von Zeit zu Zeit anwenden [muss], eine Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen“1. Dabei scheinen harte politisch-militärische Grenzen, wie der römische Limes, die chinesische Mauer oder eben Europas Eiserner Vorhang, am Ende doch immer dem Naturgesetz der Aufweichung und des Wandels – von einer trennenden Demarkationslinie und Angstzone hin zu einem verbindenden Kulturraum – zu unterliegen. Irgendwann folgt auf den Krieg die Kunst und auf den Panzer das Fahrrad, und nach der Weisheit des Laotse besiegt das weiche Wasser mit der Zeit den harten Stein2. Allerdings, und insofern stimmt das mit dem Naturgesetz nur bedingt, geschieht derlei nie von selbst. Man muss die Dinge anfassen und mit der Frage nach der Mauer die Frage nach den Geschichten stellen, die sich in ihrem Schatten zugetragen haben, nach jenen deutsch-deutschen Geschichten also, die sich wie die Mauersplitter verstreuen und verflüchtigen. Es ist an uns, diese Geschichten zu erzählen, wieder und wieder. Denn es sind unsere Geschichten. Wir sind unsere Geschichten.3

In der hier publizierten Vortragsreihe ging es darum, von Braunschweig, einer Stadt am ehemaligen „Zonenrand“ und in der Mitte Deutschlands, den Blick auf deutsche Befindlichkeiten vor und nach 1989/90 zu richten, mithin auf eine in unmittelbarer Nähe noch erkennbare und fühlbare historisch-politische Traumalandschaft. Der gleichnamige Vortrag der niederländischen Landschaftsarchitektin ← 7 | 8 → Joyce van den Berg wurde in der Ankündigung irrtümlich mit „Traumlandschaften“ überschrieben4, aber niemand nahm Anstoß daran. Offenbar liegt etwas Visionäres, vielleicht sogar Poetisches über den verdämmerten Grenzräumen – eine Poesie, die nach und aus dem Schmerz kommt, einem Phantomschmerz zumal, den durch Grenzen geprägte und zerrissene Biografien zu verursachen pflegen, auch lange nachdem die Stacheldrähte und Schlagbäume verschwunden sind. Vom Trauma zum Traum, von der Brache zum Kulturland, zum Kommunikationsraum? Davon etwas zu erfassen, war das Anliegen der Vortragsreihe „Geteilte Erinnerungen – deutsche Geschichten“, die im Wintersemester 2009/10 im Haus der Wissenschaft der TU Braunschweig stattfand. Es ging um strukturell bedeutsame Fragen und um Schauplätze der deutschen Teilung und Wiedervereinigung, aber auch um Grenzen und Sprünge im kollektiven Gedächtnis5, um „innere Karten“, die, wie Karl Schlögel es einmal ausdrückte, überaus langlebige „Zugehörigkeits- und Loyalitätsverhältnisse“ spiegeln6. Ohne Zweifel wirken diese inneren Demarkationslinien in Deutschland und Europa immer noch nach. Daher auch die Notwendigkeit klärender Erinnerungsarbeit. Erich Kästner hatte einst für einen sächsisch-preußischen Grenzstein die bittersüße Inschrift vorgeschlagen:

„Wer hier vorübergeht, verweile!

Hier läuft ein unsichtbarer Wall.

Deutschland zerfällt in viele Teile.

Das Substantivum heißt: Zerfall.

Was wir hier stehngelassen haben,

das ist ein Grabstein, dass ihr’s wisst!

Hier liegt ein Teil des Hunds begraben,

auf den ein Volk gekommen ist.“

Gleichwohl ist fraglich, ob es unter den geteilten Himmeln der deutschen Zweistaatlichkeit bei aller Entfremdung zwischen West und Ost jemals wirklich hermetisch getrennte Produktionswelten, Märkte, Identitäten und Weltanschauungen gab. Wenn überhaupt, dann wahrscheinlich nur sehr kurz. Den Vorträgen war daher nicht nur das Trennende von Belang, sondern auch die Verflechtungen ← 8 | 9 → und Verbindungen, das von Hüben nach Drüben in den Köpfen und Herzen der Menschen, das es noch während der finstersten Zeiten des Kalten Krieges gab. Die Forschung hat davon bislang nur wenig Notiz genommen. Ein lehrreiches Beispiel liefert der ehemalige VW-Vorstandschefs Carl H. Hahn in seinen Ausführungen zur deutschen Automobileinheit, die entlang der Biografie Hahns bis in die 1920er Jahre und ins sächsische Zwickau zurückführen. Kenner aus unserer Region werden sich erinnern, wie im Dezember 1977 die Wolfsburger Mitarbeiterzeitschrift meldete, „10.000 Golf für die DDR“ produzieren und liefern zu wollen. Ab 1978 rollten dann die ersten Autozüge über die innerdeutsche Grenze gen Osten. Sogar die „Tagesschau“ berichtete damals vom Bahnsteig7, und in meiner Heimatstadt Jena, in der Oberlauengasse bewunderte man einige Zeit später den Fleischermeister Gans als einen der ersten stolzen Besitzer eines VW-Lieferwagens (Pritsche). Honecker und die Seinen freuten sich jedenfalls, dass der VW-Konzern „äußerst günstige kommerzielle Bedingungen“ eingeräumt hatte. Karl Marx, der die Welt und ihre Sozialisten ja stets gerade vor kühn werdendem Kapital gewarnt hatte – bei 300% existiere kein Verbrechen, das es nicht riskiere usf.8 –, schien im Politbüro offenbar völlig vergessen. Vielleicht nicht ganz, denn VW bekam vom chronisch devisenschwachen DDR-Staat für seine zunächst nur in Ostberlin teuer verkaufte Fracht keineswegs harte Valuta, sondern Pressen, Werkzeugmaschinen und ein Planetarium der Firma Carl Zeiss aus Jena, das zum vierzigsten Geburtstag Wolfsburgs in die Autostadt ging. Es soll damals sogar mit Naturalien bezahlt worden sein, und in der VW-Kantine, so wird erzählt, habe es Thüringer Bratwürste gegeben.

Die Ringvorlesung war ein Experiment in zweierlei Hinsicht: Man sprach über die Verfassung und Verfasstheit Deutschlands aus einer deutschen Universität heraus und vergegenwärtigte sich den Wandel nicht ohne einen kritischen Blick auf deren Gegenwart und Zukunft selbst. Es ging um 1989 und um 2010 und zwar im Dialog verschiedener Referenten und Perspektiven. Neben Karl H. Hahn, dem Kopf eines global tätigen Automobilkonzerns, kamen der ehemalige Präsident der Technischen Universität Bernd Rebe, der Bonner Politologe Ludger Kühnhardt, der EU-Parlamentarier Michael Cramer, die niederländische Landschaftsarchitektin Joyce van den Berg sowie die Braunschweiger Historiker/innen Heike Christina Mätzing, Gerhard Schildt und Michael Ploenus zu Wort. Heute, im Dezember 2014, sind auch die Einlassungen von 2010 schon wieder historisch. Anders als in Oberseminaren und wissenschaftlichen Kolloquien sollten Fragen der Forschung mit eigenen Erfahrungen und Wertungen verknüpft werden; ging es in Vorträgen ← 9 | 10 → und Diskussionen um die Verbindung von äußerem und innerem Leben, das heute selbst schon wieder Geschichte geworden ist9. Etwas Experimentelles hatte die Angelegenheit auch für mich als dem Initiator und Moderator, der Student war 1989 im Osten des damals noch geteilten Deutschlands und Professor 2010 im Westen des inzwischen wiedervereinten Landes. Der Student Steinbach gehörte, wie ein 1993 aus Köln nach Jena berufener Mediävist mit dem Scharfblick einer gewissen Verärgerung feststellte, der „verwilderten Wendegeneration“ an – also zu denen, die noch im alten DDR-System ihr Studium aufgenommen und dann innerhalb des raschen Kommen und Gehens, des großen Stühlerückens der Jahre nach 1990 bei wenig Kontrolle und einem wunderbaren Prüfungsvakuum jede Menge Anregung und Abwechslung erfahren, dafür aber, was dem methodengestrengen Mediävisten Unbehagen bereitete, kein ordentliches Proseminar besucht hatten. Die Geschichte schien damals für einen Moment innezuhalten, so dass die Jenaer Studenten in Ost und West, in Sozialismus und Kapitalismus zugleich lebten und wilderten.

Diese verwilderte Zeit an den sich befreienden und neu formierenden Universitäten war aus studentischer Perspektive, man kann es angesichts der schleichenden Verschulung und Bürokratisierung deutscher Hochschulen im Zeichen Bolognas nur immer wieder betonen, eine herrliche Zeit, eine herrlich geöffnete Zeit. Man hielt einfach nach Lehrern Ausschau, die Geist hatten und Geist zu wecken verstanden, und davon gab es alte wie neue. Man ging einfach hin, egal, welche Epoche oder welches Fach sie vertraten. Oft fanden sich nur eine Handvoll Leute in diesen Vorlesungen und Seminaren ein. Ich entsinne mich an eines beim kürzlich verstorbenen Heinz Dieter Kittsteiner zu Kant, Marx und Nietzsche als Geschichtsphilosophen. Da saßen wir zu viert und waren ständig dran. Ich weiß noch, wie Kittsteiner, der gerade aus dem berühmten Bielefeld von Reinhard Koselleck in den Osten gekommen war, gleich am Anfang des Seminars freudig berichtete, dass er sich eine Ausgabe der MEFFFFF (so nannten die Insider die vierzig blauen Bände der Werkausgabe von Marx und Engels) für „sage und schreibe zwanzig Mark“ in einem Jenaer Antiquariat gekauft habe. Das war unzeitgemäß, aber die deutsche Einheit war es, zumindest aus den Sinnhorizonten des Kalten Krieges gesehen, ja auch. ← 10 | 11 →

„Geteilte Erinnerungen – Deutsche Geschichten“

Vortragsreihe anlässlich des 20. Jahrestages der Grenzöffnung und der Wiedervereinigung Deutschlands10

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02.10.2009 bis 05.03.2010, Ort: Haus der Wissenschaft, Braunschweig, Pockelsstr. 11, 5. Stock, jeweils 18.30 Uhr

28.09.2009: Eröffnungsveranstaltung

„Die Mauer fiel nicht nur in Berlin. Geschichtsbilder zur Grenzeröffnung 1989 aus Schule und Gesellschaft“ Dr. Heike Christina Mätzing (Braunschweig) und Studierende des Hist. Seminars der TU Braunschweig

02.10.2009

„‚Glasnost‘ in der Schule – historisches Lernen als Grenzüberschreitung“ Prof. Dr. Matthias Steinbach (Braunschweig)

30.10.2009

„Neues Licht auf das Sperrgebiet – Grenzen als ‚Traumlandschaften‘“ Joyce van den Berg (Amsterdam)

27.10.2009

„Von Teterow nach Braunschweig – eine ‚normale‘ DDR- Fluchtgeschichte“ Prof. Dr. Gerhard Schildt (Braunschweig)

Details

Seiten
173
Jahr
2016
ISBN (PDF)
9783653060119
ISBN (ePUB)
9783653957181
ISBN (MOBI)
9783653957174
ISBN (Hardcover)
9783631668276
DOI
10.3726/978-3-653-06011-9
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Mai)
Schlagworte
deutsche Teilung Mauer Wiedervereinigung Grenzland
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 173 S., 22 s/w Abb.

Biographische Angaben

Matthias Steinbach (Band-Herausgeber:in) Michael Ploenus (Band-Herausgeber:in)

Matthias Steinbach ist Professor für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der TU Braunschweig. Michael Ploenus ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der TU Braunschweig.

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Titel: Erinnerung sichtbar machen