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Die «Teltowgraphie» des Johann Christian Jeckel (1672–1737): Von kirchlichen Stadtsachen

von Frank Jürgen Seider (Band-Herausgeber:in)
©2016 Andere CXIV, 455 Seiten
Open Access

Zusammenfassung

Diese Edition präsentiert den zweiten Teil des handschriftlichen Manuskriptes des Pfarrers Johann Christian Jeckel, dessen Chronik der Stadt Teltow («Teltowgraphie») aus einem «weltlichen» und einem «kirchlichen» Teil besteht. Sie schließt an die Edition des ersten Teils der «Teltowgraphie» an, womit nun erstmals das Gesamtwerk Jeckels vorliegt. Die mit Quellen belegten Überlieferungen in der Chronik umfassen den Zeitraum vom Anfang des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des ersten Drittels des 18. Jahrhunderts (1500–1735). Den Schwerpunkt des Manuskripts bildet die Kirchengeschichte von Teltow. Der Editor kommentiert den Text Jeckels mit einer Einleitung und einem umfangreichen Erläuterungsapparat, bestehend aus Worterklärungen, Übersetzungen lateinischer Wörter und Passagen sowie Lebensdaten erwähnter Personen. Eine Bibliographie zur Quelle, Register und Quellenverzeichnisse beschließen die Edition.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Zum Geleit
  • Vorwort
  • 1. Der Autor und sein Werk
  • 1.1 Vom Leben des Johann Christian Jeckel
  • 1.2 Sein Werk
  • 1.2.1 Entstehung und Verbleib der Teltowgraphie
  • 1.2.2 Seine Quellen
  • 1.2.3 Aufbau und Gliederung
  • 1.2.4 Zur Kirchengeschichte
  • 2. Quellendiskussion und Rezeption
  • 2.1 Das Schwanebecksche Hausbuch
  • 2.2 Carl Ludwig Peschels „Descriptio“
  • 2.3 Krügers „Nachrichten“
  • 2.4 Thomas Philipp von der Hagens „Beschreibung“
  • 2.5 Rezeption
  • 3. Zur Edition
  • 3.1 Beschreibung der Handschrift
  • 3.2 Inhaltsverzeichnis
  • 3.3 Editionsgrundlagen
  • 3.4 Siglen und Abkürzungen
  • [4. TELTOWRAPHIAE oder Beschreibung der Stadt Teltou II. Theil]
  • 5. Anhang
  • 5.1 Übersetzungen
  • 5.2 Glossar
  • 5.3 Bibliographie zur Quelle
  • 5.4 Register
  • Personenregister
  • Geographisches Register
  • 5.5 Quellen und Literatur
  • Ungedruckte Quellen
  • Gedruckte Quellen
  • Literatur und Nachschlagewerke
  • Bildanhang
  • Reihenübersicht

Zum Geleit

Der Teltower Stadtpfarrer Johann Christian Jeckel (1672–1737) ist mit seiner „Teltowgraphie“, einer dreiteiligen Darstellung der Geschichte von Stadt und Kreis Teltow, kein unbekannter Name in der brandenburgischen Landesgeschichtsschreibung geblieben, obwohl sein Tod den geplanten Druck des Werkes verhindert und allein seine Handschrift, an der er noch ein gutes Jahr vor seinem Ableben gearbeitet hatte, bis zu einer jetzt über 20 Jahre zurückliegenden Teilpublikation Interessenten an ihrer Lektüre und Verwertung seit dem späteren 18. Jahrhundert in der damaligen Königlichen Bibliothek in Berlin, der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz zur Verfügung stand. Aber schon Kenner der brandenburgischen Landesgeschichte aus dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts wussten zumindest von der Existenz seines Manuskriptes oder benutzten es schon für ihre eigenen landeskundlichen Untersuchungen. Im 19. und 20. Jahrhundert werteten es so gewichtige Historiker wie Ernst Fidicin und Willy Spatz für ihre orts- und regionalgeschichtlichen Grundlagenwerke zur Mark Brandenburg und zum Kreis Teltow aus, und spätere Teltower Stadthistoriker sind ihnen darin gefolgt und haben den Wert der Quelle herausgestrichen. Aber ihre geschichtswissenschaftliche Verwendung litt darunter, dass sie nur im Allgemeinen bekannt war, ausschließlich ihr erster Teil zuweilen auszugsweise herangezogen und manche Behauptung zur Handschrift und ihrem Inhalt ungeprüft von Veröffentlichung zu Veröffentlichung weitergeschleppt wurde. Dieser unbefriedigende Zustand wurde in beachtlichem Maße dadurch überwunden, dass Gaby Huch in ihrer 1993 unter dem Titel „Die Teltowgraphie des Johann Christian Jeckel“ veröffentlichten Dissertation den ersten Teil von Jeckels Handschrift, überschrieben „Von Weltlichen Stadtsachen“, vollständig edierte und reich kommentierte – wobei dieser erste Teil auch den dritten Teil „Beschreibung des Creises“ in einer etwas knapperen Fassung enthält. Huchs kritische Ausgabe hat die eingehende Beschäftigung mit der „Teltowgraphie“ durch die Bereitstellung des Textes und durch die ausführlichen Erläuterungen zu den in ihm erwähnten Personen, Orten und Sachen überhaupt erst ermöglicht, so dass sowohl die historiographische Stellung Jeckels innerhalb der ← VII | VIII → Entwicklung der brandenburgischen Landesgeschichtsforschung erörtert als auch die Fülle seiner Nachrichten für Gesamt- und Spezialdarstellungen zur Geschichte von Stadt und Kreis Teltow auf sicherer Grundlage herangezogen werden kann.

Es ist vorbehaltlos zu begrüßen, dass 22 Jahre nach der Arbeit Huchs der zweite Teil des Jeckelschen Manuskriptes von Frank Seider in seiner sorgfältigen Edition der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Er entbehrt in der Vorlage einer eigenen Überschrift, ist betitelt „Teltowgraphiae oder Beschreibung der Stadt Teltou II. Theil“, ohne seinen eigentlichen Gegenstand genauer anzugeben. Betrachtet man das Inhaltsverzeichnis mit seinen 26 Kapiteln und zahllosen Unterkapiteln, erschließt er sich einem aber sogleich: Die Kirchengeschichte Teltows steht im Mittelpunkt, so dass man in Analogie zum ersten Teil „Von Kirchlichen Stadtsachen“ sprechen könnte. Studiert man aufmerksam die Darstellung, kommt man nicht um das Urteil herum, dass der zweite Teil dem ersten an historischer Aussagekraft in nichts nachsteht und dass er, wenn man sich ein umfassendes und klares Bild insbesondere von den Teltower Verhältnissen vom vorreformatorischen frühen 16. Jahrhundert bis zum ersten Drittel des 18. Jahrhunderts verschaffen will, unverzichtbar ist, vornehmlich aus zwei Gründen. Die Kirche war in dieser Epoche sowohl auf Grund ihrer geistlichen Lehre wie auf Grund ihrer sozialen Stellung eine lebensbestimmende Macht, das Dasein der Teltower Bürgerschaft stand maßgeblich im Zeichen oder im Lichte ihrer Stadtpfarrkirche, weil dessen Personal mit dem Pfarrer an der Spitze mit seiner vielseitigen Tätigkeit tief in ihre Lebensbedingungen eingriff und sie gestaltete. Und Jeckel vermag wegen der zahlreichen von ihm benutzten Quellen wie wegen seiner ausgiebigen Studien zur Erkenntnis seines Themas die kirchlichen Gegebenheiten in seiner Pfarrgemeinde in ihrer ganzen Vielfalt dem Leser höchst anschaulich vor Augen zu stellen, sowohl die älteren Zeiten, für die er sich allein auf schriftlichen Unterlagen stützen muss, als auch die jüngeren, von ihm selbst erlebten Zeiten, für die er auf eigene Erlebnisse und Erfahrungen wie auf Aussagen von Zeitzeugen zurückgreifen kann.

Bringen wir diese beiden grundsätzlichen Gesichtspunkte durch ein paar zusätzliche Bemerkungen noch nachdrücklicher zur Geltung. Jeckel war, wie sein Werk mit seinen etlichen Literaturnachweisen eindrücklich belegt, ein, gemessen am durchschnittlichen märkischen Stadtpfarrer seiner Zeit, ← VIII | IX → überaus belesener, gebildeter Mann. Seine Kenntnisse hat er sich sowohl durch seinen Schul- und Universitätsbesuch mit nachfolgender Lehrertätigkeit als auch durch die andauernde Lektüre des älteren wie zeitgenössischen Schrifttums, das er wohl auch in seiner eigenen Bibliothek gesammelt hat, erworben. Die zahlreichen Zitate und Belege in beiden Teilen der Teltowgraphie summieren sich auf über 150 herangezogene literarische Titel bis hin zu Dissertationen und Gelegenheitsschriften. Im zweiten Teil überwiegen neben den humanistischen und nachhumanistischen Geschichtsschreibern der Mark verständlicherweise theologische und kirchengeschichtliche, besonders reformationsgeschichtliche Literatur, Bände zum allgemeinen Recht und besonders zum Kirchenrecht, geistliche Schriften und Nachschlagewerke. Jeckel hat sie vor allem zur Weitung des Blickes über Teltow hinaus, zur Einbeziehung von Vorgängen der brandenburgischen Landesgeschichte sowie zur Erläuterung und Kommentierung der Teltower Gegebenheiten verwendet. Aber seine Schilderung stützt sich in ihrem Kern auf die Bestände seines eigenen Teltower Pfarrarchivs, und sie gewinnt für den heutigen Historiker ihr unübersehbares Gewicht dadurch, dass sie dessen reichhaltig überlieferten Papiere ausgiebig ausgeschrieben hat. Die noch von Jeckel benutzten Unterlagen sind in den nachfolgenden Zeiten nicht immer mit der erforderlichen Sorgfalt behandelt worden, so dass sie teilweise inzwischen verlorengegangen sind und heute im Pfarrarchiv fehlen, mithin Jeckel für viele seiner Aussagen inzwischen den Rang einer Primärquelle eingenommen hat. Wenn die überkommenen Quellen mit seinem diesbezüglichen Text verglichen werden, offenbart sich die Sorgfalt seiner Arbeitsweise; er hat sich immer um die zutreffende sinngemäße oder wörtliche Wiedergabe seiner Zeugnisse bemüht, so dass an der Verlässlichkeit seiner Quellenbenutzung nicht zu zweifeln ist.

Das Teltower Pfarrarchiv verwahrte zu seinen Lebzeiten die klassischen Gattungen, aus denen ein lutherisches Kirchenarchiv entsprungen ist: Kirchenbücher und Kirchenrechnungen, Visitationsregister und Visitationsabschiede, mithin diejenigen Amtsbuch- und Dokumenttypen, die in der Ausbildung der evangelischen Landeskirchen entstanden, um ihrem Leben und ihrer Wirksamkeit einen festen organisatorischen und inhaltlichen Halt zu verschaffen, um ihre für jede neue Generation bedeutsamen Regeln und Festlegungen auf Dauer schriftlich zu fixieren. Zu Jeckels Amtszeit muss darüber hinaus der sonstige geschäftliche Schriftverkehr seiner Vorgänger ← IX | X → noch in größerem Umfang in dem von ihm angesprochenen Kirchenkasten vorhanden gewesen sein: Gesetze, Edikte, Verordnungen und Befehle der vorgesetzten kirchlichen Behörden ebenso wie die aus der eigenen Wirksamkeit der Pfarrer erwachsenen Briefe, Berichte und andere Schriftstücke. Besonders ausgiebig hat Jeckel den Nachlass seines Amtsvorgängers Michael Martini (1609–1622) ausgebreitet, wofür noch zu berührende inhaltliche Gründe sprachen, aber eben unter der gegebenen Voraussetzung, dass umfangreiche Nachlassmaterialien überkommen waren. Für die Schilderung der Teltower kirchlichen Verhältnisse zu seiner eigenen Amtszeit ab 1701 hat Jeckel in ausgedehntem Maße, in heutiger Terminologie ausgedrückt, die Möglichkeiten des „Zeithistorikers“ und der „Oral history“ genutzt, sowohl seine eigenen Erlebnisse zu Papier gebracht als auch in Gesprächen mit Zeitzeugen deren Erfahrungen erfasst und einbezogen. Schließlich hat er, in der Begrifflichkeit Johann Gustav Droysens gesprochen, historische „Überreste“ berücksichtigt, Inschriften auf Kirchenglocken, Altar und Kanzel, auf Tafeln und Grabmälern in der Kirche festgehalten. Die ältesten Zeugnisse des Teltower Pfarrarchivs entstammen dem frühen 16. Jahrhundert, den letzten Jahrzehnten vor der Einführung der Reformation, während für die vorangegangenen Jahrhunderte Jeckel vor allem auf die märkische Geschichtsschreibung des 16. und 17. Jahrhunderts angewiesen war; sie kannte noch nicht die im 19. Jahrhundert entwickelte Quellenkritik und entwarf daher, vom heutigen Erkenntnisstand aus betrachtet, ein verzerrtes und legendenhaftes Bild des Mittelalters. Im Ergebnis beeindruckt Jeckel sowohl durch Quantität wie Qualität seiner Quellenerfassung und -verarbeitung, durch seinen Materialreichtum vorrangig für die Geschichte der lutherischen Kirchengemeinde seit der Mitte des 16. Jahrhunderts.

Schlägt man Jeckels Inhaltsverzeichnis seiner Teltower Kirchengeschichte auf, wird man wahrscheinlich von seiner Gliederung des Stoffes überrascht sein, folgt er doch auf der obersten Gliederungsebene der 26 Kapitel überhaupt nicht der Chronologie, sondern einer Sachsystematik. Der die moderne Geschichtswissenschaft leitende Entwicklungsgedanke, die Beschreibung einer Person oder Institution oder eines Staates in zeitlicher Abfolge ihrer Taten und Politik, die dazu dient, die organische Entfaltung eines historischen Subjektes in ihrer Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt zu erhellen und zu erklären, war Jeckel noch gänzlich fremd. Sein Gedankengang ist, sucht man die Themen der einzelnen Kapitel zu größeren Sinneinheiten ← X | XI → zusammenfassen, auf drei Schwerpunkte konzentriert: auf die Kirche bzw. auf das Gotteshaus, auf das Kirchenpersonal bzw. die einzelnen geistlichen Ämter, auf die Kirchengemeinde und ihre Einrichtungen. Zum ersten Schwerpunkt gehören vornehmlich Name, Stiftung, äußere und innere Gestalt, Inventar, Finanzverhältnisse, Altarstiftungen der Kirche. Zum zweiten Schwerpunkt, der gemessen an den Seitenzahlen, über 50 % des Textes ausmacht, gehören die einzelnen „Organe“ der Pfarrei, vom Pfarrer über die Kapläne bis zu den Vorstehern, die jeweils mit ihrem Amt und ihren Aufgaben unter Aufzählung der Amtsinhaber charakterisiert werden. Der dritte, uneinheitlichere Schwerpunkt setzt mit der Kirchengemeinde ein, handelt von den „Wohltätern“ der Kirche und ihren Schenkungen; von gewichtigen Veränderungen wie besonders der Einführung der Reformation und dem Wiederaufbau des abgebrannten Kirchengebäudes sowie schließlich von der Schule und dem Pfarr- und Kantorenwitwenhaus. Innerhalb der einzelnen Kapitel wird der Stoff nach Möglichkeit gemäß der Chronologie ausgebreitet, wobei in den Kapiteln des letzten Schwerpunktes die zeitgeschichtlichen Schilderungen eindeutig überwiegen. Den meisten Platz nehmen die Ausführungen zum Pfarramt und zu den einzelnen Pfarrern ein, ca. 130 von insgesamt ca. 225 Blatt der Handschrift werden davon gefüllt. Jeckel setzt hier in drei Kapitel (Kap. 7–9) mit Betrachtungen vornehmlich zum Amt, zum Einkommen und zu den Rechten des Pfarrers ein und liefert dann in zehn Kapiteln (Kap. 10–19) in chronologischer Folge „Pfarrerbiographien“, beginnend mit den letzten beiden katholischen Pfarrern Liborius Grotz und Joachim Cassel in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und fortfahrend mit den acht evangelischen Pfarrern ab 1546 bis zu ihm selbst. Er schildert hier deren „Taten“, reiht die Nachrichten aneinander, die er seinen Quellen über ihre Wirksamkeit entnommen hat. Zwei Pfarrern wird besonders viel Platz eingeräumt: Michael Martini über 30 Blatt – weil hier vornehmlich etliche Schriftstücke zum Berliner Konvent des Frühherbstes 1614 über die kontroversen Debatten der lutherischen Pfarrgeistlichkeit der Mark Brandenburg und der Stände mit dem 1614 zum Calvinismus übergetretenen Kurfürsten Johann Sigismund und seinen calvinistischen Anhängern am Hof wiedergegeben werden – und dem Verfasser Jeckel selbst ebenfalls ca. 30 Blatt – weil er aus eigenem Erleben heraus seinen Werdegang und herausragende Ereignisse und Maßnahmen seiner Amtszeit eingehend schildert. Auch wenn die Systematisierung des Stoffes nicht überall ← XI | XII → zu sachlich und logisch einwandfreien Ergebnissen führt, bleibt die grundsätzliche Gedankenführung problemlos nachvollziehbar: Jeckel geht von dem Gotteshaus aus, von dessen Namen, Ursprung, Bau und Ausstattung, Einnahmen und Ausgaben, und schreitet weiter zu den einzelnen Gliedern wie der Gesamtheit der Pfarrgemeinde, konzentriert auf den Pfarrer, aber unter Einbeziehung der anderen Ämter, sowie schließlich zu den kirchlichen „Werken“ wie Schule und Witwenhaus. Obwohl die Gliederung sein zentrales Thema nicht schon durch die Kapitelüberschriften aufdeckt, so ist es doch in der Lektüre leicht zu erkennen: das Leben der Kirchengemeinde und ihres Personals in seinen geistlichen wie weltlichen Aufgaben und in seinen vielgestaltigen Elementen wird vorgestellt. Zur Sprache kommen Gottesdienste und sonstige geistliche Verrichtungen, die Fürsorge für Arme und Kranke, die Finanzierung und der Unterhalt des Personals ebenso wie der Gebäude (Kirche, Schule und sonstige), die Wirtschaftsführung, der Einsatz der verschiedenen Amtsinhaber. Art und Umfang der kirchlichen Tätigkeit der verantwortlichen Personen in Vergangenheit und Gegenwart sollen dem Leser vorgeführt und verdeutlicht werden, diesem vorrangigen Ziel dient die an Sachgesichtspunkten orientierte Gliederung, die demgegenüber die zeitliche Abfolge der Vorgänge und Ereignisse an die zweite Stelle rückt.

Noch in anderer Beziehung unterscheidet sich Jeckels Ausarbeitung von der „modernen“ Landesgeschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert. Er trägt aus den ihm zugänglichen Unterlagen, gedruckter Literatur und vor allem archivalischen Quellen, seinen Stoff zusammen, er ordnet die von ihm ermittelten Vorgänge seinen Sachthemen zu, aber im Kern kommt er über eine so geordnete Materialsammlung und -zusammenstellung nicht hinaus. Eine historische Analyse fehlt, eine Erläuterung des Geschehensablaufes etwa im Hinblick auf subjektive Motive und Absichten der Handelnden und der objektiven Folgen ihrer Handlungen wird man vergeblich suchen, zu einer lebendigen Schilderung der kirchlichen Entwicklung in Teltow in dem Miteinander und Gegeneinander der beteiligten Personen und Kräfte dringt Jeckel nicht vor. Zu einer solche Einschätzung gelangt man gerade in den Partien, in denen Jeckel den Rahmen der Teltower Stadtgeschichte überschreitet und auf Grund der Mitwirkung seiner Teltower „Helden“ herausragende Vorgänge der brandenburgischen Landesgeschichte berührt. Das beste Beispiel ist seine viele Seiten umfassende, in die Biographie des Pfarrers Michael Martini eingefügte Beschreibung des Berliner Theologengesprächs vom Oktober 1614: ← XII | XIII → Sie besteht fast ausschließlich aus den Jeckel im Pfarrarchiv vorliegenden, von seinem Amtsvorgänger empfangenen Papiere der widerstreitenden Parteien der Mark, der lutherischen Pfarrgeistlichkeit, der Stände und des Kurfürsten, und erlaubt es, die damaligen Auseinandersetzungen zwischen Lutheranern und Calvinisten in Brandenburg um prinzipielle Fragen eines frühneuzeitlichen konfessionellen Landesstaates wie Religions- und Gewissensfreiheit nachzuvollziehen. Wie sehr Jeckel von dieser Kontroverse, in der sich die lutherische Konfession, genauer gesagt, der lutherische Pfarrerstand und die lutherischen Stände, gegenüber den calvinistischen Absichten des Kurfürsten Johann Sigismund zu behaupten hatten, ergriffen war, ergibt sich allein aus dem ihr eingeräumten Platz. Aber eine eigene Analyse und Wertung des historischen Vorganges aus seiner Feder fehlt vollständig, er kommt über eine Quellenbereitstellung nicht hinaus. Studiert man aufmerksam die von Jeckel abschriftlich wiedergegebenen Eingaben der lutherischen Pfarrer von 1614, wird man von der argumentativen Rechtfertigung ihrer Forderung nach Gewissensfreiheit beeindruckt sein, betreffen ihre Darlegungen doch ein Grundsatzproblem moderner Staatlichkeit, das in verwandelter Gestalt bis auf den heutigen Tag besteht. Die brandenburgischen Pfarrer und Kirchendiener beteuern den Landständen, dass ihr Glaube in der Heiligen Schrift und Testamentsworten Christi wie auch in den von früheren brandenburgischen Kurfürsten gebilligten symbolischen Kirchenbüchern „sattsam begründet“ sei, „dannenhero wir von solcher uns ufgeerbeten väterlichen lehre ohn nachtheil göttlicher wahrheit, verletzung unserer gewissen, auch ärgerniß und betrübniß vieler frommen Christen, im geringsten nicht weichen können“, wie sie auch vom richtigen klaren Maß des bisherigen Religionswesen des Landes „ohne äußerste beschwerung unserer gewißen nicht eines fingers breit weichen können, noch durch beistand des Heiligen Geistes zu weichen gesonnen“. Und sie beschwören ihren Landesherrn mit allem Nachdruck, „Hochgedachte Eure Churfürstlichen Gnaden wollten nach dem exempel des hochlöblichen Königes in Pohlen, Stephani Barthori, welcher hat pflegen zu sagen: Se esse Regem populorum non conscientiarum [Er sei König der Völker, nicht der Gewissen]: über unsere gewissen nicht herrschen, sondern uns bei unserer religion und ceremonien schützen und handhaben“. Die später zu Recht viel gerühmte (Religions-)Toleranz des brandenburg-preußischen Staates hat in diesen Debatten ihren Ursprung – und es lohnt sich, hierfür Jeckels Darstellung zu lesen. ← XIII | XIV →

Die vorliegende Edition des zweiten, der Kirchengeschichte gewidmeten Teils der „Teltowgraphie“ wird der Initiative und Ausdauer des Bearbeiters Frank-Jürgen Seider verdankt. Er hat sich nicht von den beachtlichen Schwierigkeiten der Aufgabe abschrecken lassen, sich den großen Herausforderungen, die sich aus einer dem tieferen Verständnis der Quelle dienenden Darbietung ergeben, gestellt und nach jahrelangen Bemühungen mit fachlichem kollegialem Beistand für unterschiedliche Benutzerkreise ein rundum überzeugendes Ergebnis erreicht. Denn mit der bloßen Abschrift der Vorlage ist es am allerwenigsten getan. Es gilt, die Handschrift in ihrer Entstehung zu deuten, ihren Verfasser zu identifizieren, seinen Werdegang und seine Arbeitsweise zu erläutern, seine Quellen- und Literaturgrundlagen festzustellen, die Verlässlichkeit seiner Darstellung zu prüfen, Hilfsmittel zum Verständnis des Textes, deren lateinische Passagen, griechischen Worte und altertümliche Begriffe sich den meisten heutigen Lesern verschließen, zu erarbeiten, also Übersetzungen und ein Glossar anzufertigen, angesprochene oder angedeutete Sachverhalte zu erläutern, die gezielte Benutzung durch Beigabe von Registern zu ermöglichen. All diese anspruchsvollen Aufgaben sind vom Bearbeiter in seinem mühevollen Einsatz angepackt und bewältigt worden. Es ist besonders anerkennend hervorzuheben, dass Seider für sein Editionsvorhaben in seiner Heimatstadt Teltow von verschiedenen Seiten, vom Heimatverein Stadt Teltow 1990 e.V, von der Stadtverwaltung Teltow und der Evangelischen Kirchengemeinde Teltow, nachhaltig gefördert worden ist. Das Brandenburgische Landeshauptarchiv ist erst spät in die Edition einbezogen worden, als bereits ein vollständiges vorläufiges Manuskript vorlag, und hat mit seinen Hinweisen durch empfohlene Umgestaltungen und Ergänzungen die Qualität der Edition noch zu verbessern gesucht. Dass das Seidersche Werk aber auf jeden Fall eine Veröffentlichung verdiente, war dem unterzeichnenden Reihenherausgeber sogleich nach seiner ersten Lektüre der vorläufigen Fassung klar geworden, und so hat er sich schon vor längerem zur Publikation des Werkes in den „Quellen, Findbüchern und Inventaren des Brandenburgischen Landeshauptarchivs“ bereiterklärt. Frank-Jürgen Seiders große Forschungsleistung erscheint im Jubiläumsjahr 2015 der Stadt Teltow, anlässlich ihrer 750jährigen urkundlichen Ersterwähnung. Das Brandenburgischen Landeshauptarchiv trägt im Rahmen seiner intensiven Bemühungen um die Unterstützung der brandenburgischen Orts- und Regionalgeschichtsforschung gerne dazu bei, eine für die ← XIV | XV → Teltower Stadt- wie für die brandenburgische Landesgeschichte bedeutsame Quelle zu publizieren und dadurch die beeindruckenden Arbeitsergebnisse des Editors der wissenschaftlichen und allgemeine Öffentlichkeit zwecks weiterer historischer Forschung zur Verfügung zu stellen.

Details

Seiten
CXIV, 455
Jahr
2016
ISBN (PDF)
9783653062816
ISBN (ePUB)
9783653955989
ISBN (MOBI)
9783653955972
ISBN (Hardcover)
9783631668832
DOI
10.3726/978-3-653-06281-6
Open Access
CC-BY-NC-ND
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (November)
Schlagworte
Reformationsgeschichte Kirchen- und Schulalltag Baugeschichte Kirchenrecht Quellenstudien zur Kirchengeschichte
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. CXIV, 455 S., 14 farb. Abb.

Biographische Angaben

Frank Jürgen Seider (Band-Herausgeber:in)

Frank-Jürgen Seider ist Heimatforscher und als Archivpfleger im Kirchenarchiv Teltow tätig. Er hat zur Stadt- und Kirchengeschichte des Ortes und zur brandenburgischen Landesgeschichte veröffentlicht.

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Titel: Die «Teltowgraphie» des Johann Christian Jeckel (1672–1737): Von kirchlichen Stadtsachen