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Im intertextuellen Schlangennest

Adam Mickiewicz und polnisch-russisches (anti-)imperiales Schreiben

von Heinrich Kirschbaum (Autor)
Habilitationsschrift 454 Seiten

Inhaltsverzeichnis


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0. Methodisch-konzeptionelle Grundlegung

Die Sprache verspricht (sich).
Paul de Man (1979, 277)

Нам не дано предугадать,
Как слово наше отзовется

Wir vermögen es nicht vorauszuahnen,
Wie unser Wort nachhallt.1
Fedor Tjutčev (1957, 270)

Słowo stało się Ciałem,
a Wallenrod – Belwederem.

Das Wort ward Fleisch,
Und Wallenrod – Belvedere.2

0.1. Einleitung. Kurzer Überblick über die Struktur der Monographie

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts trat die Ausformung des Selbstbewusstseins der europäischen Völker in ihre entscheidende Phase ein. In den Literaturen der jeweiligen Länder, die sich selbst als Nationalliteraturen definierten (und Dichter als Nationaldichter), erhielten Diskurse des Nationalen und Nationalstaatlichen ihre Prägung: Motive wurden zu Mythologemen, Metaphern zu Ideologemen, literarische Bilder zu kulturphilosophischen und politischen Koordinaten und umgekehrt. Dabei kam es zu paradox anmutenden Erscheinungen: Zwar wanderten diese Themen und Topoi grenzüberschreitend von Land zu Land, von einer (poetischen und politischen) Kultur in die andere; dieses transkulturelle ← 11 | 12 → und transliterarische Gemeingut wurde jedoch zur Selbstspezifizierung eingesetzt, die eine Abgrenzung von den Literaturen und Kulturen der Nachbarländer implizierte.

Während und in Folge der Ereignisse von 1812–15 erlebte die russische Gesellschaft eine patriotische Sieges- und Befreiungseuphorie, die in den darauffolgenden Jahren zum einen in die Begeisterung für die immer erfolgreicher werdende imperiale Expansionspolitik Russlands mündete und zum anderen in die regime- und gesellschaftskritischen, antiautokratischen und liberal-rebellischen Stimmungen umschlug, die im Pathos des Dekabristenaufstandes ihren Niederschlag fanden. Die Expansionspolitik Russlands geriet zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik. Die russische Staatsmacht suchte nach einer Rechtfertigung ihrer imperialen Eroberungen in Form einer realpolitisch tragfähigen und historiosophisch fundierten Staatsdoktrin. Neben den erfolgreichen Eroberungen im Süden (bzw. im „Orient“)3 bildete vor allem der innen- und außenpolitische Fall Polen eine besondere apologetische Herausforderung. Dieser Aufgabe stellte sich die russische Dichtung. Sie war in der hier interessierenden Epoche einerseits mit der literarischen Ästhetisierung imperialer Diktionen und Diskurse beschäftigt; andererseits prägte sie auch den Liberalismusdiskurs aktiv mit und verarbeitete poetisch – nach 1825 – das Scheitern des Dekabristenaufstandes und die darauffolgenden Repressionen.

Nicht weniger kontrovers gestalteten sich die Identifikationsprozesse in Polen, das einst eine mächtige innereuropäische „Kolonialmacht“ gewesen war, nach 1795 jedoch keine Eigenstaatlichkeit mehr besaß und zwischen Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt wurde. Jegliche Versuche, gegen die Fremdherrschaft zu rebellieren und die verlorene Eigenstaatlichkeit wieder herzustellen, die in der Teilnahme am für Polen antiimperialen und zugleich nostalgisch-revisionistischen Feldzug gegen Russland von 1812 kulminierten, scheiterten. Einen untrennbaren Teil der sich unter diesen Bedingungen vollziehenden Identitätsfindung bildete eine spezifisch polnische Kultur der Revolte und Resignation: Poetische Motive wurden als politische Programme interpretiert und in Aktion umgesetzt. In der ← 12 | 13 → polnischen Dichtung, die das Ende aller mit Napoleon verbundenen Hoffnungen auf die Wiederherstellung eines mächtigen polnischen Staates literarisch zu verkraften suchte, wurde die Erschaffung eines poetisch-politischen Konstrukts, eines Erinnerungs- und Zukunftsprojekts einer polnischen Identität anvisiert.

Die die Diskursgrenzen überschreitenden Korrelationen zwischen Dichtung und Politik, Fiktion und Ideologie gestalteten sich in den Literaturen des entterritorialisierten Polens und des immer expansiver werdenden Russlands umso komplexer, da sich die beiden Kulturen mit Verspätung und daher in beschleunigter und kondensierter Form die Errungenschaften der europäischen Romantik aneigneten. Während das Individuum der europäischen Romantik sich durch Exklusion statt Inklusion definierte, fühlten sich die jeweiligen Literaturen verpflichtet, sowohl ihre Zugehörigkeit zum europäischen Ganzen als auch die Autonomie und die elitäre Spezifik des jeweiligen Eigenen – „Nationalen“ – zu behaupten. Für zusätzliche literaturhistorische Dramatik sorgte dabei die Tatsache, dass viele zu assimilierende Ideen, Topoi und Motive aus den Literaturen der Teilungsmächte (darunter auch aus Russland) bzw. aus der Literatur des besetzten Polens (für die russische Literatur) entlehnt wurden: Bei ihrer Übernahme, beim intertextuellen Transfer zwischen den beiden Literaturen, erfuhren sie essentielle Umkodierungen. Eine Schlüsselposition kam bei diesen hier zu untersuchenden Umdeutungen den geopoetischen Themen und Motiven zu, die ins Netz aktueller geopolitischer Assoziationen und Konnotationen gerieten.

In den 1810er und vor allem in den 1820er Jahren kam es zu „natürlichen“, jedoch auch zu „erzwungenen“ Berührungen zwischen den beiden benachbarten Literaturen. Russische Literaten reisten nach Polen und leisteten dort ihren Militär- bzw. Staatsdienst (wie die für die vorliegende Untersuchung relevanten Dichter Petr Vjazemskij oder Kondratij Ryleev); auch polnische Dichter besuchten Russland oder wurden nach Russland verbannt. Zentral ist dabei Adam Mickiewicz, der wegen Mitgliedschaft im Wilnaer patriotischen Philomathenbund verhaftet wurde und für fünf Jahre (1824–29) in die Verbannung nach Russland gehen musste, wo er führende russische Literaten und Literaturkritiker (darunter auch Aleksandr Puškin) kennenlernte. Während Mickiewicz’ Aufenthalt in Russland kam es zu einer Intensivierung der bisher eher flüchtigen Relationen zwischen den beiden Literaturen, zu persönlichen und (inter-)textuellen Begegnungen, die literarische und kulturelle Interaktionen zwischen den beiden Ländern sowie die gegenseitigen Fremd- und Eigenbilder für Jahrzehnte, ja für fast zwei Jahrhunderte maßgeblich prägten.

Mit den Versen aus Mickiewicz’ in Russland entstandener verschwörerischer Verserzählung Konrad Wallenrod auf den Lippen zogen 1830 die polnischen Aufständischen in den Kampf gegen die russische Hegemonialmacht. Nach der ← 13 | 14 → Niederschlagung der Rebellion schrieb Mickiewicz im Dresdner Exil am dritten Teil seines Dramas Dziady (Die Ahnenfeier), in dem er das Werden des polnischen Widerstandsgeistes unter den russischen Repressionen der 1820er Jahre (re-)konstruierte und seine eigene Lebensgeschichte (sowie die seiner Generation) zum martyrologischen Mysterium umkodierte. An den Haupttext des Dramas wurde ein Annex angehängt – der sogenannte Ustęp (Digression): Darin nahm Mickiewicz in seiner harten Russland-Kritik viele Thesen und Diktionen des zehn Jahre später entstandenen Buches von Astolphe de Custine La Russie en 1839 (Russland im Jahre 1839) vorweg und rechnete in bissigen Invektiven mit dem russischen Imperium ab. In seinem letzten großen Werk, Pan Tadeusz, entwarf Mickiewicz schließlich ein paradigmatisches, die polnische Nation (re-)konsolidierendes Identitätsprojekt, dessen historische Grundlage der polnische Kampf gegen die russische Besatzung und für die Wiederherstellung eines erneuerten polnischen Staates bildete.4

In der vorliegenden Monographie wird versucht, den Wirkungsmechanismen des interdiskursiv-intertextuellen polnisch-russischen Spannungsfeldes, das sich im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts im Zeichen des immer schwieriger werdenden antiimperialen bzw. imperialen Verhältnisses zwischen den beiden Kulturen entwickelte, aus einer postkolonialen Perspektive nachzugehen. Dieses Spannungsfeld interessiert hier nicht nur komparatistisch, sondern vor allem unter seinem intertextuellen Aspekt: Es wird in erster Linie danach gefragt, wie die jeweiligen Literaturen ihre imperialen und anti- bzw. para- und re-imperialen Diktionen, Ansprüche und Identitätsstrategien in (inter-)textueller Interaktion entwickeln sowie zur Geltung bringen.

Viele Aspekte der Beziehungen polnischer und russischer Literaten der hier thematisierten Epoche im Allgemeinen – und diejenigen Mickiewicz’ im Speziellen – sind bereits erforscht. Neben bio-bibliographischen Aspekten der polnisch-russischen literarischen Beziehungen liegt der Schwerpunkt dabei auf der Beziehung von Puškin und Mickiewicz.5 Auch Kondratij Ryleevs Verhältnis zu ← 14 | 15 → Polen und zur polnischen Literatur ist zum Teil problematisiert.6 Literaturhistorische Problematisierung erfahren in neueren Studien auch andere, bisher eher kursorisch behandelte Autoren und Werke: von Joachim Lelewels Karamzin-Kritik bis zu Józef Sękowskis und Faddej Bulgarins (Tadeusz Bułharyns) interkulturellen literarischen Strategien.7 Neben den Untersuchungen zu den Schnittstellen polnischer und russischer Biographien und über die Markierung interferierender Parallelstellen hinaus liegen einzelne Interpretationen der Russland-Bilder polnischer und russischer Romantiker vor.8 Theoretisch-methodisch verbleiben diese Untersuchungen jedoch entweder bei der Zusammenstellung textueller und intertextueller Fakten oder aber im Rahmen imagologischer Fragestellungen. Eine Ausnahme bilden hier die Aufsätze von Mirja Lecke (2004 und 2009), in denen Bulgarins polnisch-russische Identitätstrategien, manifestiert in seinem Drama Dmitrij Samozvanec (Pseudodemetrius) und in seinen Vospominanija (Erinnerungen), aus spät-postkolonialer Perspektive (Hybridität, Mimikry) plausibiliert werden.9 Auch wurden isolierte Aspekte der Orientalismen Puškins und Mickiewicz’ ← 15 | 16 → bereits untersucht,10 doch die (anti-)imperiale Reziprozität der jeweiligen Polen- und Russland-Konstrukte erfährt dabei kaum eine postkolonial-intertextuelle Perspektivierung.

Im Kontext postkolonialer Ansätze in der Osteuropaforschung untersucht die vorliegende Arbeit das intertextuelle Spannungsfeld zwischen der polnischen und russischen poetischen Kultur, in dem sich die jeweiligen Literaturen um 1830 entwickeln. Dadurch erfolgt eine Rephilologisierung der primär kulturwissenschaftlich ausgerichteten postcolonial studies. Dies soll eine Neuperspektivierung der polnischen und russischen Literaturen der 1820er Jahre ermöglichen, da diese Literaturen sich nicht mehr nur auf nationale Identität stiftende patriotische Zielsetzungen bezogen, sondern in ihren verschiedenen Erscheinungsformen als Ausdruck spezifischer (anti-)imperialer Schreibstrategien lesbar werden. Die vorliegende Untersuchung knüpft somit an die Forschung zur doppelten Diktion eines antikolonialen und zugleich kolonisatorischen Sprechens an und sucht diese – übertragen auf die Zeit um 1830 – mithilfe literaturwissenschaftlicher Kategorien wie Intertextualität zu konkretisieren, indem sie der Korrelation zwischen Literatur und (anti-)imperialer Stoßrichtung für die polnische und russische Literatur der 1820er Jahre in Interaktion nachgeht. Mit diesem Vorgehen sollen sowohl die Relevanz und der Erkenntnisgewinn der postkolonialen Ansätze für die Beschreibung der polnischen und russischen Literatur und Kultur und ihrer Wechselbeziehung erforscht als auch die (anti-)imperialen Diktionen untersucht werden, die in der polnischen und russischen Literatur des genannten Zeitraums beobachtbar sind.

Ausgehend von Mickiewicz’ Werk soll durch prätextuelle Rück- und posttextuelle Ausblicke das intertextuelle (darunter auch autotextuelle) Netz konturiert werden, in dem sich die polnisch-russischen (anti-)hegemonialen Diktionen um 1830 reziprok entfalten. Dabei sollen die für das polnisch-russische (anti-)imperiale Schreiben zentralen intertextuellen Beziehungen zwischen Mickiewicz, Niemcewicz, Puškin, Ryleev und Vjazemskij neu interpretiert werden, indem sie unter anderem in einen größeren verzweigten (inter-)textuellen Kontext gestellt werden. Mögen viele andere Autoren wie etwa Kazimierz Brodziński, Faddej Bulgarin, Joachim Lelewel, Edward Odyniec, Gustaw Olizar, Nikolaj Polevoj, Bohdan Zaleski, Vasilij Žukovskij u.a. in der vorliegenden Untersuchung eher mehr oder weniger „Episoden-“ oder „Nebenrollen“ spielen, geht es hier jedoch nicht um die ← 16 | 17 → Gewichtung des Anteils der einzelnen Literaten an den polnisch-russischen Begegnungen im Vorfeld und unmittelbar nach dem Aufstand von 1830/31, sondern um punktuelle, exemplarische Proben der wechselseitigen polnisch-russischen intertextuellen Sujets, in denen sich einige spezielle und zugleich für die polnisch-russische Intertextualität ausschlaggebende Themen, Topoi und Tendenzen des synallagmatischen (anti-)imperialen Schreibens niederschlagen.

In der vorliegenden Untersuchung werden zwar unter anderem auch die bereits in der Forschung markierten intertextuellen Begegungen beider Literaturen zur Debatte stehen – Bachčisarajskij fontan (Die Fontäne von Bachčisaraj) – Sonety krymskie (Die Krimsonette), Dumy – Śpiewy historyczne (Historische Gesänge), Vojnarovskij – Poltava – Konrad Wallenrod –, diese werden allerdings in neue inter- und autotextuelle Umfelder und Zusammenhänge gestellt und in diesen Kontexten postkolonial analysiert. Auf die Polemik zwischen Puškins Mednyj Vsadnik (Der eherne Reiter) und Mickiewicz’ Ustęp, die in der Forschungsliteratur bereits herausgearbeitet wurde, wird nicht näher eingegangen. Die Parallelen und Konvergenzen zwischen den beiden Texten werden allerdings in andere Analysen einbezogen, insofern sie frühere intertextuelle Verquickungen in einem neuen interpretatorischen Lichte erscheinen lassen. Dies betrifft auch das Polen-Bild in Puškins Gedichten über die Niederschlagung des polnischen Aufstandes oder das Russland-Bild bzw. das Bild der russischen Literatur in Mickiewicz’ Pariser Vorlesungen (Prelekcje paryskie). Angesprochen und zur Interpretation herangezogen werden auch andere spätere Texte, soweit sie Rudimente und intertextuelle Echos der Polemik der 1820er Jahre aufweisen und zu deren Interpretation beitragen.

Im ersten Teil der Monographie werden die methodisch-konzeptionellen Grundlagen der Arbeit artikuliert und die aktuellen Probleme und Perspektiven der postcolonial studies in und über Ost- und Mitteleuropa thematisiert. Dabei werden sie weniger wissenschaftshistorisch skizziert, sondern vor allem auf ihre Effektivität bezüglich der hier interessierenden (anti-)imperialen polnisch-russischen Intertextualität hinterfragt (0.2.). Dabei geht es primär um die Problematik der inneren Kolonisierung und Selbstorientalisierung (0.3.) oder um die konzeptuell angrenzenden Ansätze wie etwa die geopoetologischen (0.4.). Die Problematisierung der interdiskursiven Relationen zwischen den kulturosophischen und literaturspezifischen Diktionen eröffnet das Gespräch über die spezifische (anti-)koloniale Intertextualität (0.5.). Die theoretisch-methodische Fundierung der Arbeit endet mit dem Entwurf der Dichotomie „Poetik der Subalternen“ vs. „Rhetorik der Orientalisierung“, wobei der literarischen und zugleich antiimperialen Figur der Metonymie die entscheidende Rolle zukommt (0.6.).

Die im theoretischen Teil der Untersuchung markierten Fragen der postkolonial zu interpretierenden Intertextualität werden in den darauffolgenden Kapiteln ← 17 | 18 → an literaturhistorisch konkreten Phänomenen bzw. Ausprägungen der polnisch-russischen (anti-)imperialen literarischen Wechselseitigkeit im ersten Drittel des 19. Jahrhundert weiter problematisiert. Zwar hat die vorliegende Monographie, wie oben bereits erwähnt, keinen Anspruch, eine flächendeckende postkoloniale Literaturgeschichte der Konjunktionen beider Literaturen um 1830 zu schreiben, sie verfügt jedoch über einen roten Faden, nämlich diverse (anti-)imperiale Verschränkungen von Nord- und Orientdiskursen im intertextuellen Spannungsfeld polnischer und russischer Dichtung der Epoche: Ein damit verbundenes Nebensujet stellt dabei der litauisch-ukrainische geopoetische Komplex dar.

Der Hauptteil der Arbeit knüpft unmittelbar an die theoretisch-methodischen Überlegungen zur Metonymizität an. Zunächst werden die für die vorliegende Monographie zentralen Konzepte des polnischen bzw. polnisch-russischen Partialitätsschreibens (1.1.) herausgearbeitet, prä- bzw. frühromantische Ausprägungen der gegenseitigen polnisch-russischen Vernetzung von Nord- und Orientdiskursen thematisiert und an die Problematik der multifunktionalen Genre-Valenzen und -Kompentenzen am Beispiel der duma angeknüpft. In den anschließenden Kapiteln (1.2.–1.4.) werden, ausgehend von der epistolaren und poetischen Auseinandersetzung zwischen Kondratij Ryleev und Julian Ursyn Niemcewicz und der aus/nach dieser Korrespondenz entstandenen Diskussion über die Herkunft der dumy-Gattung, diverse polnisch-russische prä-panslavistisch argumentierende „Genrekolonialismen“ und Revisionsmechanismen problematisiert.

Im zweiten Teil der Monographie werden zunächst Mickiewicz’ frühe poetische Hybridisierungen der Nord- und Orientsujets ins Visier genommen (2.1.), vor derem autotextuellen Hintergrund Mickiewicz’ in Russland verfasste (Nord-)Orient-Texte zu lesen sind. In den darauffolgenden Kapiteln wird gezeigt, wie die polnischen Spuren und Subtexte im Umfeld von Puškins südlichem Poem Bachčisarajskij fontan (2.2.) die intertextuell-biographische Folie für Mickiewicz’ Auseinandersetzung mit dem polonisierten Orient in Sonety krymskie bilden. Neue und alte modifizierte Begrifflichkeiten wie „Poetik der Eifersucht“ und „Interbiographizität“ (2.3.), „geopoetische Inversion“, „Route des Verschweigens“ und „orientalistische Ruthenismen“ (2.4. und 2.5.) sollen dabei die gegenseitigen (anti-)hegemonialen Diktionen plausibilisieren. Im den zweiten Teil abschließenden Kapitel (2.6.) wird zu zeigen sein, wie Mickiewicz und seine polnischen und russischen Kollegen in ihren nicht zuletzt (anti-)imperial motivierten Rezensionen, Rezeptionen und Revisionen rund um die Krimsonette die jeweiligen Polen- bzw. Russland-Konstrukte kreieren und dabei ihre eigenen nationalliterarisch-polemischen Ziele verfolgen, die zur gegenseitigen Etablierung der in den beiden literarischen Kulturen proklamierten romantischen Poetik beitragen sollten. ← 18 | 19 →

Die Multifunktionalität der polnischen (anti-)imperialen intertextuellen und autotextuellen Schreibstrategien um 1830 wird im dritten Teil der Arbeit zunächst anhand des für Mickiewicz’ Werk wichtigen (Leit-)Motivs der Schlange, das während seiner Verbannung in Russland antihegemoniale Konturen annimmt, exemplarisch demonstriert (3.1.–3.3.). Die ethisch-ästhetische Problematik des Verrats dominiert die zu analysierenden mehrdeutigen und multifunktionalen äsopischen Allegorien, Mimikry-Motive, Hybridisierungsfigurationen und Trugbilder der Resignation und der Revolte, die dabei entworfen werden. Wie die ethisch problematischen und politisch aktuellen Diskurse des Verrats, der Vergeltung und des Aufstands in Verbindung mit den Kosakensujets der russischen Literatur um 1825 verknüpft werden und welche Rolle dabei der polnischen Komponente zukommt, wird in den folgenden Kapiteln (3.4. und 3.5.) diskutiert, die eine thematische Brücke zu den duma-Kapiteln (1.2.–1.4.) schlagen. Es gilt dabei zunächst zu demonstrieren, wie Ryleev in den polnisch-ukrainischen Sujets seiner dumy oder in den ebenfalls die polnische Thematik implizierenden Poemen über die Geschichte der ukrainischen Rebellionen (Vojnarovskij u.a.) nach einem ethisch-poetischen Ausweg aus dem prädekabristischen (Schein-)Dilemma (Liberalismus vs. Imperialismus) sucht (3.4.). Die Schlüsselposition in der Problematik der außen- und innenpolitischen Aufstände nimmt dabei das Mazepa-Sujet ein, das erst Ryleev beschäftigte und das Puškin dann in seinem Poem Poltava weiter verarbeitete (3.5.). Die Analyse der autotextuellen Vor- und Nachgeschichte der Kosakenthematik bei Puškin soll die Ambivalenzen der damit verbundenen Schreibstrategien aufdecken. Relevant wird dabei vor allem die intertextuelle Polemik gegen Mickiewicz’ Konrad Wallenrod sein.

Neben dem „ukrainischen“ poetisch-politischen Terrain stellt auch der Norden ein weiteres umstrittenes Objekt der russisch-polnischen geopoetischen Auseinandersetzung dar. Im vierten Teil der Arbeit werden die Bilder Russlands als eines Nord- und Winterlandes im (anti-)imperialen intertextuellen Spannungsfeld zwischen Mickiewicz und seinen russischen Dichterkollegen diskutiert. Dabei wird zunächst verfolgt, wie die Nord- und Wintertopik zum metaphorisch-semantischen Feld wird, in dem die russische Dichtung der 1810–20er Jahre antinapoleonische und antipolnische Sujets verquickt (4.1.). Petr Vjazemskijs Gedicht Pervyj sneg (Erster Schnee) wird zum Ausgangstext im russischen Winterdiskurs (4.2.), an dessen Konstruktion und zugleich partieller Demontage Ryleev, Vjazemskij selbst und Puškin arbeiten (4.3. und 4.4.). Genau diese Texte werden zur intertextuellen Grundlage, von der aus Mickiewicz seine wichtigste und paradigmatischste Russland-Vision entwirft – den Ustęp zum dritten Teil seines Dramas Dziady. In Mickiewicz’ russischem Winterchronotopos werden Russlandbilder entwickelt, deren genrediskursive Diktionen von der pamphletartigen Satire bis ← 19 | 20 → zur eschatologischen Historiosophie reichen (4.5. und 4.6.). Im Mittelpunkt von Mickiewicz’ antihegemonialer Russland-Poetik steht das Trauma des missglückten Feldzuges gegen Russland von 1812, jenes historische und poetische Ereignis, das bis heute die spezifisch polnische antiimperiale und zugleich koloniale Kultur des Widerstandes und der Niederlage mitprägt (4.6. und 5.).

0.2. Joseph Conrad, Edward Said und die Postcolonial Studies in und über Polen

Zwar wurden Russlands koloniale Diskurse aus den postkolonialen Studien Edward Saids ausgeschlossen, jedoch kann genau Said als indirekter Mitbegründer der postcolonial studies zu Ost- und Mitteleuropa gelten: Der amerikanisch-arabische Forscher, der zu Joseph Conrad promovierte (1966), setzte sich bezeichnenderweise zwanzig Jahre später, d.h. bereits nach seinem für die Entwicklung der postcolonial studies paradigmatischen Buch Orientalism (1978), erneut mit dem Werk des englischsprachigen Schriftstellers polnischer Abstammung auseinander. In seinem Buch Culture and Imperialism (1994) markiert Said bei Conrad dessen narrative Distanzierung von seinen Protagonisten – und hier kommen Said seine narratologischen Analyseerfahrungen aus seiner Dissertationszeit zu Hilfe – als Zeichen für die in der spezifischen Biographie Conrads wurzelnde Ambivalenz seines kolonialen Schreibens. Conrad sei als ein aus der „polnischen Ukraine“11 stammender polnischer Schriftsteller und Sohn der vom Zarengerime verfolgten Eltern zunächst ein Opfer des (russischen) Imperialismus gewesen, der dann seine Subalternität auch in England bzw. in der englischen Literatur zu meistern suchte.

Zu indirekten „Conrad’schen Wurzeln“ der modernen postcolonial studies (nicht nur zu Osteuropa) kehren die Forscher immer wieder zurück, wovon der jüngst erschienene Tagungsband zur polnischen Komponente in Conrads Leben und Werk zeugt (vgl. Schenkel, Trepte 2010),12 in dem alte und neue Beiträge zu ← 20 | 21 → Conrads polnischem Hintergrund gesammelt wurden. Bereits 1991, d.h. noch vor dem Durchbruch in den postkolonialen Perpsektivierungen Osteuropas, wurde Conrads Verhältnis zur polnischen Romantik aus der Perspektive besprochen, die später eine postkoloniale Konzeptualisierung erfahren hat, und zwar von keiner anderen als Maria Janion (2010), die man ohne Vorbehalt als die polnische Romantikforscherin par excellence bezeichnen kann: Ihr Leben lang sucht Janion, immer wieder ihrer Zeit vorausgreifend und oft die akademischen Konventionen brechend, nach diversen alten und neuen innovativen Zugängen zur polnischen Literatur der Teilungszeit. Conrads Sprachwechsel zum Englischen bringt Janion nicht nur mit seinem inneren Bedürfnis nach Überwindung der polnischen romantischen (ideologischen) Paradigmen, sondern auch mit einigen literaturhistorischen, ja gattungsgeschichtlichen Fakten in Verbindung. Prosa zu schreiben habe Conrad bei französischen Realisten und Naturalisten gelernt, vor allem aber bei englischen Romanautoren, weil es in Polen keine entsprechende Prosa gegeben habe. Janion verbindet überzeugend literaturhistorische und narratologische Argumentationen mit der Frage nach den Identitätsstrategien Conrads und seiner Helden. Die Beziehung zur polnischen romantischen Tradition gestaltet sich bei Conrad demnach polemisch; Conrad entfliehe deren Wirkungsradius, indem er zum einen erzähltechnisch experimentiere und zum anderen die ethische Problematik der polnischen Romantik universalisiere. So wird zum Beispiel die spezifisch polnische „Kultur der heroischen Niederlage“ auf allgemein-menschliche Erfahrungen übertragen. Das Ethos bzw. Pathos der Auseinandersetzung der polnischen Romantik mit dem politischen Bösen werde in Conrads Entpolonisierung und Universalisierung von einer nationalhistorischen Frage zu einer anthropologischen. Janion attestiert Conrads Werk die Modifikation und Entautomatisierung von Begriffen und Konzepten der polnischen Romantik (der Ehre, des szlachta-Ethos u.a.). Auch hier, in der philologischen Fundierung der Fragestellungen des Sprachwechsels nimmt Janion wiederum die neusten Tendenzen in den identity studies vorweg.

Conrads Leben und Werk als Inbegriff des polnischen antiimperialen Schreibens, das zugleich nostalgische koloniale Diktionen beinhaltet, beschäftigt die Forscher immer wieder. So bescheinigt die Regisseurin Agnieszka Zawadowska (2010, 73–84), ausgehend von der Inszenierung von Under Western Eyes am Teatr Polski ← 21 | 22 → in Poznań und inspiriert von Edward Saids Überlegungen zu Conrad, dem Werk des englischschreibenden Polen im Allgemeinen und seinem Russland-Konzept im Besonderen eine typisch orientalistische Konstruktion bis hin zur Feminisierung des Ostens. Monika Majewska (2010) geht dem komplexen Verhältnis Conrads zu russischen Schriftstellern nach. Conrad habe eine Vorliebe für Turgenev, ein schwieriges, differenziertes Verhältnis zu Lev Tolstoj und ein noch problematischeres zu Fedor Dostoevskij. Die Auseinandersetzung mit Dostoevskij, der als Verkörperung des Russischen angesehen wird, vollziehe sich bei Conrad vor einer biographischen Folie: Conrads Eltern nahmen am Aufstand von 1863 teil, nach dem eine Radikalisierung von Dostoevskijs Ansichten im Allgemeinen und jener gegenüber Polen im Besonderen stattfindet. In Folge des Aufstandes wurden Conrads Eltern zu Exilanten. Im Kontext der Autokratie-Kritik und in seinen Briefen kontextualisiere Conrad Dostoevskijs russophilen Messianismus.13

Christiane Bimberg (2010) untersucht gleichfalls Conrads Haltung zu Russland. Narration vermische sich mit Essayistik, der intertextuelle Umgang mit russischen literarischen Texten schaffe einen zusätzlichen rhetorischen Raum für die Beschäftigung mit Russland und mit der westlichen Sicht auf Russland. Die Forscherin demonstriert, indem sie Conrads Erzählmodi und -perspektiven in ihrer Komplexität aufzeigt,14 wie subjektiv und zugleich unparteiisch, kritisch und doch auch zwiespältig sich Conrads Verhältnis zu Russland gestaltete. Dass Conrads Konzeptualisierungen des Westens und des Ostens in ihrer Wechselbeziehung keineswegs in binären Lösungen verhaftet sind, bezeugt Hans-Christian Trepte, der die bei Conrad geschilderte „Vergegnung“ (im Buber’schen Sinne) eines Fremdlings aus den polnisch-slowakischen Karpaten mit den Engländern untersucht: Das scheiternde Gespräch zwischen Ost und West gerate zum Antidialog (Trepte 2010, 172). Ungewöhnlich sei die negative Wertung der Engländer als Barbaren, eben jener Engländer, die in den anderen Werken Conrads als stolze Vertreter der Kolonialmacht fast durchgehend idealisiert und verklärt würden.

Die Besonderheit von Conrads Orientalismus besteht allerdings darin, dass er sich, stellvertretend für Polen, in einem dritten Raum zwischen den beiden Extremen der orientalistischen Konstellation befindet. Stephen Brodsky (2010) geht den Orientalisierungs- und Exotisierungsstrategien Conrads nach, und zwar ← 22 | 23 → beginnend bei Conrads Bekanntschaft mit den englischen Orientalisten (Brodsky 2010, 212). Somit markiert Stephen Brodsky den Orientalismus bei Conrad auch in der primären Said’schen Bedeutung der Orient-Erfindung durch die Orientalistik. Darauffolgend bringt der Forscher überzeugend Conrads Pathetik der britischen Mission mit dem szlachta-Ethos und dem sarmatischen Ideal in Verbindung. Brodsky (2010, 212–215) zieht Parallelen zwischen Conrads Erzählband Karain: a Memory und der polnischen gawęda, zwischen Mickiewicz’ Konrad Wallenrod und Conrads Almayer’s Folly und zeigt somit Konvergenzen zwischen Conrads Orientalismus und den (anti-)imperialen Diktionen der polnischen Romantik auf. Conrad entwerfe die hybriden Identitäten der exotischen Grenzgebiete nicht zuletzt in Anlehnung an die Tradition der Kresy-Literatur. An zahlreichen Beispielen zeigt Brodsky in seinem postkolonial fundierten Beitrag, wie das Exotische sowohl als das dämonisierte Andere als auch das dämonische Eigene auftritt. Die polnische (post-)romantische Ausgangssituation Conrads habe es dem Schriftsteller ermöglicht, „klassische“ orientalistische Konstellationen und Situationen in paradoxaler Diversität und Komplexität zu entwerfen (Brodsky 2010, 220f.).

Charakteristisch ist auch die Rezeptionsgeschichte Conrads in Polen,15 Tschechien16 und Deutschland.17 Auch die Verfasser des jüngsten wissenschaftshistorischen ← 23 | 24 → Rückblicks auf die Geschichte der postcolonial studies zu Osteuropa (Sproede, Lecke 2011) kehren zu Joseph Conrad als Ausgangspunkt der slavistischen Perspektivierung des Problems zurück.18 Auf den Spuren Saids spricht Clare Cavanagh in ihrem für die (mittel-)osteuropäischen postcolonial studies paradigmatischen Diskussionartikel Postkolonialna Polska: Biała plama na mapie współczesnej teorii (Postkoloniales Polen: Ein weißer Fleck auf der Karte der zeitgenössischen Theorie) den (anti-)kolonialen polnisch-russischen Hintergrund Conrads ebenfalls an (vgl. Cavanagh 2003 und 2004).19

Die Said’schen, nicht zuletzt durch die Beschäftigung mit Conrad inspirierten Kolonialismus- und Orientalismus-Konzepte fanden in den 2000er Jahren den Weg nach Mitteleuropa und wurden zum Objekt einer intensiven kritischen Reflexion. Die amerikanische Slavistin polnischer Abstammung Ewa Thompson problematisiert in ihrer bahnbrechenden Monographie Imperial Knowledge: Russian Literature and Colonialism (Thompson 2000) eine koloniale Beziehung zwischen Russland bzw. der UdSSR und den mitteleuropäischen Staaten im Allgemeinen und Polen im Besonderen. In ihrem Buch untersucht Thompson, die Saids Dichotomie mehr oder weniger eins zu eins auf die Beziehung Russland – Mitteleuropa überträgt, zahlreiche literarische Diktionen und Formate russischer imperialer Hegemonie. Polen wird dabei als ein mit den „klassischen“ ← 24 | 25 → Kolonien wie Indien oder Algerien vergleichbares postkoloniales Land postuliert. Auf Thompsons Monographie folgte eine rege, bis heute andauernde theoretisch-methodologische Diskussion (Fiut 2003, Kowalczyk-Twarowski 2004, Korek 2007, Surynt 2007a etc.), in deren Verlauf sich einige wichtige postkoloniale Ansätze als produktiv für die polnische Kulturgeschichtsschreibung herauskristallisierten. Der Streit um die Etablierung der postcolonial studies in und über Polen wurde dabei nicht selten zum Kampf gegen die konservative akademische Polenforschung in Polen20 und gegen die Marginalisierung der Polonistik in der modernen Slavistik und in den angrenzenden geschichts- und politikwissenschaftlichen Disziplinen. Clare Cavanagh (2003) und Izabela Surynt (2007a) kritisieren die Fixierung der postcolonial studies auf die sogenannte Erste und Dritte Welt und plädieren dafür, dass eine solche Perspektivierung der „Zweiten Welt“ längst überfällig sei. Dariusz Skórczewski (2006) sieht einen der Gründe für die Vernachlässigung des mitteleuropäischen Raumes in der Priviligierung der Russistik in der modernen (amerikanischen) Slavistik.21 Für Skórczewski ist Polen ein doppeltes Objekt kolonialer Marginalisierung und Provinzialisierung, sowohl aus russischer als auch aus westeuropäischer Sicht.

Die probeweise Anwendung der postkolonialen Ansätze auf Mitteleuropa (im Besonderen auf Polen) geht dabei Hand in Hand mit der metawissenschaftlichen Reflexion der Vor- und Nachteile, Gefahren und neuen Chancen, die der Theorietransfer des aus den USA stammenden Forschungsparadigmas mit sich bringt.22 Dabei warnen sowohl Kritiker als auch Befürworter dieser Perspektive vor einer unreflektierten Übertragung postkolonialer Schemata auf die Situation Ost- und Mitteleuropas und im Besonderen Polens (vgl. Skórczewski 2006, ← 25 | 26 → Bolecki 2007).23 Vor allem wird vor einer Transmission des klassischen Kolonialismus-Begriffs auf die europäische Geschichte gewarnt. Aber auch Kritiker geben zu, dass die polnischen Identitätsstrategien im Zeitalter der Teilungen oder auch im 20. Jahrhundert durch eine Adaption der entsprechenden postkolonialen Terminologie beschreibbar seien. Für die vorliegende Untersuchung ist die sich in der Forschung langsam aber sicher durchsetzende Meinung relevant (vgl. Bolecki 2007), dass bereits in der polnischen Literatur des 19. Jahrhunderts ein (anti-)kolonialer Gestus zu verzeichnen sei, der erst im postkolonialen Prisma in aller Deutlichkeit zutage trete.24

Eine Wende erlebten die postkolonialen Auseinandersetzungen mit der polnischen Kulturgeschichte, als der nächste Schritt gemacht wurde und Polen selbstkritisch, mit den Denkschemata der Selbstviktimisierung brechend, nicht mehr nur in der Rolle des Unterworfenen zur Zeit der Teilungen, sondern auch als „Kolonisator“ thematisiert wurde. Bogusław Bakuła (2006, 2007) weist darauf hin, dass die als urpolnisch dargestellten östlichen Grenzgebiete (Kresy) ← 26 | 27 → von Polen weitgehend kolonisiert worden seien. Diese Aussage bricht mit der tradierten Beschreibung der Kresy, welche Bakuła als idealisierendes koloniales Konstrukt einstuft. Maria Delaperrière (2008, 10–16), die in Bezug auf den polnischen politischen und kulturellen Raum vom fließenden Übergang zwischen Täter und Opfer, Eigenen und Fremden, Zentrum und Peripherie spricht, betont, dass Polen zu diversen Zeiten sowohl als Objekt als auch als Subjekt des Orientalismus auftrat.25 Gerade weil in Ost- und Mitteleuropa Grenzen zwischen Herrschen und Beherschtsein, so Sproede und Lecke (2011, 33) in ihrer analytischen Übersicht der bisherigen postkolonialen Debatten in und über Polen, nicht deckungsgleich mit Trennungslinien zwischen ethnokulturellen, sozialen und ideologischen Gruppen seien, könnten Homi Bhabhas Problematisierungen des Dritten Raums und der Hybridität (vgl. Bhabha 1997 und 2000) wichtige Anregungen geben.

Die Angemessenheit und Produktivität der Übertragung postkolonialer Ansätze auf Polen ist in der Vergangenheit zwar kritisiert und korrigiert worden, allerdings vor allem aus historischer und politologischer Sicht. Dabei erscheint das ← 27 | 28 → Spezifikum der polnischen Situation um 1830 weniger in einer binneneuropäischen kolonialen Lage Polens zu bestehen, sondern vor allem in den diskursiven Räumen, in denen sich die polnischen (anti-)imperialen Diskurse entfalten. Die Literatur, welche in vielen postkolonialen Studien als durch andere Textsorten und Diskurse beliebig ersetzbar angesehen wird, spielt bei den nationsbildenden Prozessen im geteilten Polen eine entscheidende Rolle (vgl. Janion, Żmigrodzka 1978, Stefanowska 1978). Denn die Literatur erschafft einen medialen bzw. diskursiven Raum, in dem sich identitätsstiftende polnische (anti-)imperiale Diktionen um 1830 formen, deren Nachwirkungen bis ins 21. Jahrhundert hineinreichen (vgl. Meyer 2004).

Die in der bisherigen Forschung dominierende Ansicht, dass die Literatur die (polnische) Nation bewahre bzw. erhalte, wurde in neueren Studien dahingehend erweitert und konkretisiert, dass sich der romantische Dichter, konkret Mickiewicz, nicht bloß an eine Nation richte, sondern (sich) die Nation qua Publikum erst erschaffe (vgl. Uffelmann 2007). Um die Prozesse dieser Erfindung zu plausibilisieren, prägt Dirk Uffelmann (2007, 95) den Begriff des Perlokutionären, in Anlehnung an die linguistische Bezeichnung von Sprechakten, welche eine Anschlusshandlung des Angesprochenen erfordern. In dieser Hinsicht ist zu hinterfragen, inwieweit es sich dabei um eine Illusion der Perlokution (in Analogie zur Illusion des skaz) handelt, die dann in Folge der Ereignisse von 1830/31 perlokutionär gelesen wird. Das Paradebeispiel bzw. die Manifestation eines solchen Übergangs des Pseudo- bzw. Protoperlokutionären ins Perlokutionäre stellt wohl Mickiewicz’ Konrad Wallenrod dar, der an anderer Stelle auf verschlüsselte Beschreibungen eines latenten Mimikry-Verhaltens untersucht wird (Uffelmann 2010a und 2012a).26 Zur Ergänzung von Uffelmanns Deutung sei an dieser Stelle angemerkt, dass Texte wie Konrad Wallenrod nicht nur perlokutionär, sondern auch performativ funktionieren. Sie verbergen in sich nicht nur die nach dem Sprechakt kommende und daraus resultierende Aktion, sondern bilden verschlüsselt eine Art Eid, Versprechen und Selbstbeschwörung. Die primäre Performativität des polnischen antiimperialen Schreibens im Vorfeld des Novemberaufstandes fundiert und programmiert dessen Perlokutionarität. Weiterer Überlegungen (auch methodologischen Charakters) bedürfen mögliche Berührungspunkte zwischen den von Uffelmann untersuchten perlokutionären Effekten von Mickiewicz’ Mimikry, die man auch äsopischen Macchiavellismus nennen könnte, und dem im Spätformalismus angesprochenen Phänomen der „Einstellung“ („установка“) als Korrelation der literarischen Reihe mit der ← 28 | 29 → nächsten nicht-literarischen rhetorischen Reihe, im Falle von Mickiewicz – derjenigen der politischen Rede.27

Die Kolonisierten entwickeln eine Poetik der Paradoxalität. Zwar bedürfen sie noch äußerer Autorisierung einer eigenen Stimme/Sprache, doch benutzen sie die Sprache und Literatur der (fremden) Herrschenden auf eine kryptopolemische Weise, die an Mimikry gemahnt (Gall 2007; poln.: 2008b). Bei Henryk Rzewuski verstecke sich der Autor hinter dem fiktiven Erzähler Soplica. Die gawęda-Erzähltaktik, die an die skaz-Illusion anknüpft (vgl. Gall 2007, 109), erweise sich als symptomatisch für die antiimperialen kulturmnemonischen Schreibstrategien der polnischen Romantik: Die eigene Stimme muss noch entwickelt bzw. erfunden werden. Die fehlende Reflexion situiere den angeblichen Herausgeber in einer leeren Zeit. Das damit verbundene Konzept des polnischen Inbetween formuliert Gall an anderer Stelle aus (vgl. Gall 2008a). Galls Anlehnung an die Konzeption des skaz, welche zwar nicht direkt an die jüngste (De-/Re-)Konstruktion des Formalismus anknüpft,28 aber Teil der neoformalistischen Welle der modernen Slavistik ist, könnte paradigmatisch werden. Wollen die postcolonial studies in der Slavistik nicht bloß eine kulturwissenschaftliche, sondern auch eine philologische Zukunft haben, sind die Formalisten eine in vieler Hinsicht zuverlässige Adresse: Im theoretisch-methodisch-konzeptuellen Apparat der vorliegenden Monographie spielen die formalistischen Konzeptionen ebenfalls eine große Rolle (vgl. Kap. 0.4.).

Die Relevanz genrepoetologischer Komponenten (Elegie, Ode, Fragment) im poetischen Orientalismus wurde direkt und indirekt bereits in der russistischen Forschungsliteratur der 1990–2000er Jahre hervorgehoben (vgl. Greenleaf 1994 und Ram 2003). In den letzten Jahren ist ebenfalls eine Intensivierung der postkolonial inspirierten Gattungsforschung in der Polonistik zu verzeichnen. Gall (2012) untersucht auch die Versepik des polnischen Barock als ein Genre und Medium, in dem geokulturelle Identitäten der polnischen szlachta in Relation zum islamischen Raum entworfen werden. In terminologischer Anlehnung an Pierre Bourdieu und Norbert Elias geht Gall von Sarmatismus als kulturellem Habitus der polnischen szlachta im 17. und 18. Jahrhundert aus (Gall 2012, 241–243). Der ← 29 | 30 → Sarmatismus evoziere sowohl einen Herkunftsmythos (imaginierte Genealogie von den Sarmaten) als auch die Lebensweise des polnischen Adels. Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit der mentalen Landkarte der polnischen Barockkultur sei der Gebrauch des Begriffs und des dahinter stehenden Konzepts antemurale christianitatis, mit dem die spezifische geopolitische Lage Polen-Litauens an der Grenze zum Osmanischen Reich umschrieben werde (Gall 2012, 240). Diverse Ausprägungen der Selbstsakralisierung produzierenden „Vormauer der Christenheit“ demonstriert Gall anhand von zwei Texten des polnischen Barock. Gall zeigt „text-punktuell“, dass die polnische barocke Versepik um die sogenannten Türkenkriege auch als Archiv – man könnte hier eventuell eher von einem Labor sprechen – diverser Raumvermessungen und symbolischer Raumkonstruktionen lesbar sei (2012, 261f.).29

Gall veröffentlichte außerdem eine ganze Reihe von Publikationen zur polnischen Spätromantik, in denen die literaturhistorische bzw. genregeschichtliche Problematik aus postkolonial-literatursoziologischer Perspektive fokussiert wird. Er (Gall 2010b, 2010c) analysiert, wie im Genreraum der gawęda die Erfindung von Tradition und Geschichte stattfindet und geht auch dem utopisch-nostalgischen Potenzial der polnischen spätromantischen Versepik (im Allgemeinen und bei Pan Tadeusz im Einzelnen) sowie den Besonderheiten der polnischen ← 30 | 31 → Messianismus-Diskurse, Mickiewicz und Woronicz vergleichend, nach.30 Die gawęda-Erzähltaktik wird zum Teilaspekt der Problematik des autobiographischen Schreibens, dem German Ritz (2010c) eine umfassende Studie widmet, in der auch die russischen und die Kresy-Komponenten intensiv behandelt werden.

In den jüngsten Studien wird immer wieder auch die für die polnischen romantischen Identitätsentwürfe zentrale Verschränkung von Nation und Gender aufgegriffen. Hier wäre exemplarisch auf einen Artikel von German Ritz (2007) zu verweisen, der die Interrelationen zwischen den kolonialen und Gender-Diskursen plausibilisiert. Die Geschichte dieser Diskursverbindung gehe nicht zuletzt auf Benjamin Constants Roman Adolphe zurück, in dem das postrevolutionäre Frankreich und das geteilte Polen im „Zerrspiegel der Liebesbeziehung der Haupthelden […] ambivalent aufeinander bezogen“ erscheinen (Ritz 2007, 370f.). Später werde das westeuropäische Modell an das polnische (anti-)imperiale Schreiben angepasst: Die Ukraine werde dabei als entgrenzter Raum der alten Rzeczpospolita und als Teil des Orients konzipiert, „sie ist gendered [sic] und phantasmatisch zugleich“ (Ritz 2007, 371f.).31 Ritz (2007, 376–380) untersucht auch eine weitere Nuance in der Geschlechtergeschichte der polnischen Romantik: Die „weibliche Romantik“ entfaltet sich nicht in der „männlichen“ Lyrik oder im Drama, sondern im Roman. Ritz’ Verknüpfung der Problematik von Gender und Nation mit Gattungsproblematiken markiert eine wichtige Tendenz in der aktuellen Romantikforschung. Die poststrukturalistische programmatisch-pragmatische Genreblindheit wird damit indirekt kritisiert.

Dass eine philologische und literaturhistorische Fundierung der postcolonial studies sehr produktiv sein kann, belegen, neben den bereits erwähnten Untersuchugen von Gall, Lecke und Ritz auch Maria Janions Beiträge zur Diskussion (2000, 2007). In ihrem halb-essayistischen, deswegen jedoch literatur- und kulturhistorisch gesehen nicht weniger sachlichen und produktiven Beitrag zum „Unheimlichen Slaventum“ („Niesamowita słowiańszczyzna“, 2006) untersucht Janion das romantisch-Freud’sche Konzept des Unheimlichen, das die westeuropäische Rezeption und Konstruktion der Slaven charakterisiert. Laut Janion werden die Schauer- und Vampirgeschichten der europäischen (im Besonderen der deutschen) (Prä-)Romantik in Verbindung mit den Slaven gebracht. Das ist einer der Gründe für die Popularität des selbstorientalisierenden Vampirsujets in der ← 31 | 32 → polnischen Literatur der 1820er Jahre. Als Paradebeispiele einer solchen „Selbstvampirisierung“ kann Mickiewicz’ Frühwerk dienen (vgl. Janion 2006, 64f.). Den westlichen Mustern entsprechend entwickelt die polnische Literatur ihr eigenes sekundäres unheimliches Slaventum. Dem Genre der (Schauer-)Ballade kommt dabei eine gewichtige Rolle zu. Maria Janion spricht in ihrem engagierten Buch indirekt das auch für die vorliegende Untersuchung relevante sub- und antikoloniale Verfahren der Selbstorientalisierung an.

Auch Thomas Grob (2007a), der in den Untersuchungen der letzten Jahre postkoloniale Inspirationen mit philologischen Fokussierungen zu verbinden sucht, nimmt die Ballade ins Visier. Er hinterfragt die angebliche Radikalität des Umbruchs vom Klassizismus zur Romantik. Diese sei wohl zu unkritisch aus der romantischen Selbstbehauptungsdiktion zu einem literaturhistorischen Topos avanciert. Grob zeigt verdrängte bzw. vertuschte Affinitäten und Kontinuitäten im (prä-)romantischen Schreiben. Dabei demonstriert er die Zwiespältigkeit des „negativen Gestus der romantischen Phantasie“ (2007a, 259f.) am autoparodistischen Potenzial der „Poetik der Leerstelle“ (2007a, 268–272) und des Geheimnisses (2007a, 272–276).32

Die vorliegende Untersuchung möchte diesen oben skizzierten philological turn (vielleicht genauer re-turn) in den postcolonial studies aufgreifen, und zwar nicht nur, weil sich die alten philologischen Tugenden wie eine ausgeprägte Differenzierung der zu untersuchenden Textsorten und Gattungen als äußerst produktiv erweisen, sondern auch weil eine Untersuchung der Romantik ihrem Untersuchungsobjekt nur dann adäquat sein kann, wenn man das für das erste Drittel des 19. Jahrhunderts entscheidende Genre(-selbst-)bewusstsein der Literatur beachtet. Dieser Problematik werden in der vorliegenden Untersuchung u.a. einige Kapitel gewidmet, die sich speziell mit der Etablierung der dumy-Gattung beschäftigen (1.1.–1.4.). ← 32 | 33 →

0.3. Innere (und) äußere Orientalismen

In kritischer Anlehnung an Saids Überlegungen zu Funktionen und Mechanismen des Orientalismus sowie bei deren Übertragung auf die Konstellationen des ost(-mittel-)europäischen Kulturraumes entwickelte man am Beispiel Russlands das Konzept der inneren Kolonisierung, das in letzter Zeit intensiv diskutiert wurde. Nicht selten berufen sich die Adepten der neuen Perspektivierung auf August Haxthausens Begriff der „inneren Kolonisierung des russischen Imperiums“ (Haxthausen 1968, 76) und Vasilij Ključevskijs Formel von Russland als einem Land, das sich kolonisiert: „История России есть история страны, которая колонизуется“ (Die Geschichte Russlands ist die Geschichte eines Landes, das kolonisiert wird [bzw. sich selbst kolonisiert], Ključevskij 1987, I, 50). Uffelmann (2012b, 58) fragt in diesem wissenschaftshistorischen und theoretisch-terminologischen Kontext zu Recht, inwiefern es überhaupt legitim sei, die Reflexivkonstruktion, die Ključevskij benutzt, als Terminus zu betrachten. Vielleicht handele es sich dabei bloß um eine unpersönliche Form, die für die russische Bürokratie- und Kanzleisprache nicht unüblich sei. Uffelmann problematisiert ferner, inwieweit Ključevskij intellektuelles Vergnügen aus dem Paradoxon der „reflexiven Selbstunterwerfung“ schöpfte und sich der Tropizität seiner Formel bewusst gewesen sei.

Ein anderer russischer Historiker, Sergej Solov’ev (1966, 648), verwendete auch den Terminus der Autokolonisierung („самоколонизация“).33 Grundlegend für die Entwicklung dieses neuen geschichts-, kultur- und literaturwissenschaftlichen Paradigmas sind die Artikel von Aleksandr Ėtkind (2001, 2002 und vor allem 2003). Die unterschiedlichen Formen des kolonialen Modellierens der kulturellen Distanz seitens Großbritanniens und Russlands würden im geographisch bedingten Charakter der jeweiligen Kolonisierungsstrategien wurzeln. Während England seine Kolonien in Übersee gegründet habe, habe Russland seine „natürlichen“ Grenzen erweitert.34 Wenn man den Begriff des Orientalismus direkt auf Russland ← 33 | 34 → übertragen würde, dann würde es mit den anderen Imperien – wie etwa dem spanischen, britischen oder französischen – gleichgesetzt. Somit würde die Spezifik der russischen kolonialen Diskurse negiert oder zumindest revidiert, die nicht nur in dem oben angesprochenen geographischen Faktor liege, sondern auch in der Tatsache, dass es in seinen diversen Teilen, Epochen und Akteuren sowohl als Subjekt als auch als Objekt von Kolonialismen auftritt (vgl. Ėtkind 2003, 108).35 Um der Komplexität und Spezifik der russischen (anti-)kolonialen Diskurse gerecht zu werden, schlägt Ėtkind den Begriff des inneren Orientalismus („внутренний ориентализм“) vor (Ėtkind 2003, 109).36

Die innere Kolonisierung habe in der russischen Kultur und Literatur, so Ėtkind (2003), ihr eigenes Lieblingssujet bzw. eine Figurenkonstellation, in der sie sich abspielt. Laut Ėtkind gehören zu diesem Hass-Liebe-Dreieck ein Mann der Macht/Kultur, ein Mann des Volkes und die russische Schönheit. Puškins Kapitanskaja dočka (Die Hauptmannstochter) stelle dafür ein paradigmatisches Beispiel dar. Ėtkind hat damit ein konzeptuelles Provisorium entworfen, dessen kritische Ausformulierung und Korrektur zu weiteren Erkenntnissen führt: So kommt Mark Lipoveckij (2012) zu dem Schluss, dass sich die von Ėtkind skizzierte Konfiguration in den 1920er Jahren transformiert hat. Der Mensch bzw. Mann der Macht/Kultur zersplittert in den Menschen der Macht („большевик“, Bolschewik) und in den ← 34 | 35 → Menschen der Kultur („интеллигент“). In der Literatur wird der Intelligenzler zum einen als Träger der neuen Modernisierungsideologie dargestellt, der sowohl dem Menschen der Macht als auch dem des Volkes opponiert.37 Zum zweiten tritt der Mensch der Kultur als Träger, Vermittler und zugleich Opfer der archaischen Modernisierung auf.38 Lipoveckij markiert auch neue Dreieckskonstellationen der inneren Kolonisierung, die in Jurij Olešas Zavist’ (Neid) modelliert werden: Dabei wird das Bild der russischen Schönheit reduziert und zum Mediator zwischen den anderen Figuren der inneren Kolonisierung umfunktionalisiert.39

Während die fruchtbarsten Diskussionen um die Applizierbarkeit der postcolonial studies in und auf Polen in der Zeitschrift Teksty drugie ausgetragen wurden und werden, so wird das Potenzial der postkolonialen Plausibilisierungen der russischen imperialen Kultur nicht zuletzt – neben den Zeitschriften Novoe literaturnoe obozrenie und Neprikosnovennyj zapas – in der Zeitschrift mit dem programmatischen Titel Ab Imperio diskutiert. Hier hat Aleksandr Ėtkind nicht nur seine Ideen (weiter) ausformuliert,40 sondern auch runde Tische zur immer aktueller werdenden Problematik der inneren Kolonisierung und Selbstkolonisierung veranstaltet, an denen die für die postkolonialen Paradigmen charakteristischen interdisziplinären kultur-, geschichts- und literaturwissenschaftlichen Diskussionen stattfinden.41 ← 35 | 36 →

Die Debatten um die Möglichkeiten und Grenzen der postkolonialen Ansätze bezüglich Russlands wurden auch in deutschen (vor allem geschichtswissenschaftlichen) Zeitschriften wie Osteuropa und Jahrbücher für Geschichte Osteuropas ausgetragen.42 Als wichtiger Standort der postkolonialen Untersuchungen zu Osteuropa konnte sich Deutschland endgültig etablieren, nachdem 2010 in Passau eine internationale Konferenz zur Problematik der inneren Kolonisierung Russlands stattgefunden hatte (vgl. Ėtkind, Uffel’mann, Kukulin 2012), bei der die wichtigsten Verfechter des Ansatzes zusammenkamen und die Ideen und Phänomene diskutierten, die mit dem Paradigma der inneren Kolonisierung zu tun haben: von den theoretisch-methodischen Fragen zur Anwendbarkeit des konzeptuellen Instrumentariums der postcolonial studies auf die russische Kulturgeschichte bis zu konkreten kultur- und literaturhistorischen Problemen des Verhältnisses zwischen den Diskursen zur inneren und äußeren Kolonisierung Russlands, zwischen Kolonisierung und Modernisierung sowie ihrer Spezifik für die (post-)sowjetische Situation.43

Im Umfeld des Paradigmas der inneren Kolonisierung entstand allmählich ein Begriffsapparat, dessen inspirierende Kraft zwar außer Zweifel steht – was die oben skizzierte Fülle von Publikationen belegt –, dessen terminologische Reflexion jedoch neben immer neuen Möglichkeiten auch Gefahren birgt. So untersucht Uffelmann (2012b) kritisch die metaphorischen Ressourcen und die „verborgenen ← 36 | 37 → Riffe“ der Konzepte der inneren Kolonisierung. Er plädiert hierbei für bedachte bzw. noch zu artikulierende Differenzierungen und Nuancierungen der Termini „äußere Kolonisierung“, „innere Kolonisierung“ und „Selbstkolonisierung“ und schlägt dabei eine stufenartige Unterscheidung der dahinter stehenden Phänomene vor. Uffelmann versucht in seiner terminologischen Hermeneutik sowohl das Moment der Prozessualität, das dem Begriff der Kolonisierung („колонизация“) inhärent ist, als auch das Systemhafte, das im Begriff des Kolonialismus („колониализм“) vertreten ist, zu beachten, indem er den morphologisch noch ein wenig ungewöhnlich wirkenden Terminus Kolonialisierung („колониализация“) ins Spiel bringt, der das Prozessuale und die systematische Performativität der kolonialen Diskurse unterstreichen kann und somit indirekt die Frage beantworten soll, warum die Dekolonisierung so schleppend verläuft.44

Wie man aus der Psychologie produktive Inspirationen für die postkoloniale Problematisierung der osteuropäischen Kulturgeschichte schöpfen kann, zeigt der Aufsatz von Igor’ Smirnov (2012), der die Geschichte der Vielherrschaft in der Rus’ von Boris, Gleb und Svjatopolk Okojannyj bis Putin und Medvedev untersucht. Zum paradigmatischen und bis heute nachwirkenden Ereignis in den russischen Diskursen und Selbstinszenierungen der Staatsgewalt werde dabei die Gründung der opričnina-Institution, die die byzantinische Sakralität vitalisiert, die Mönchsbruderschaft imitiert habe und eine Art translatio imperii wurde. Die Aufgaben und Praktiken der Staatsgewalt der opričnina definiert Smirnov mit einem Terminus aus der Psychokriminalistik: mit stalking als einer Variation des irregulären Psychoterrors. Die stalking-artige Autokolonisierung wird dabei mit historischen Beispielen illustriert, von der Versklavung der Bauern, der Expropriierung des Adels unter Alexander II. bis zur bolschewistischen Nationalisierungspolitik und der Kollektivierung.45 Psychologische, ja psychopathologische ← 37 | 38 → (Neben-)Perspektivierungen sollte man nicht zum Universalschlüssel zu den zu untersuchenden Phänomenen erheben. Es wäre jedoch unbedacht, ihr Potenzial zu ignorieren, zumindest für die (anti-)kolonialen Konstellationen und Konfigurationen der polnisch-russischen Poetik um 1830, die im Wesentlichen als Angriffs-, Gegenangriffs- und Abwehr-Schreiben funktionierten und verbale, diskursive Oppressionsaktionen sowie Wehr- und Schutzreaktionen darstellen.

Bei näherer Betrachtung erweisen sich die konkreten kulturhistorischen Situationen und Konstellationen als dynamischer und komplexer, als man im anfänglichen und durchaus inspirierenden Pauschalisierungsrausch zu glauben pflegt. Von der Produktivität einer selbstkritischen Perspektivierung der diskursiven Praktiken der inneren Kolonisierung zeugen auch zahlreiche Fallstudien. Stefan Rohdewald (Rodeval’d 2012) kritisiert die die postkolonialen Fragestellungen kennzeichnenden Binarismen aus der Perspektive eines Historikers: An der „Kolonisierung“ nähmen unterschiedliche Interessengruppen mit differierenden Konzeptionen von Staatlichkeit und Hegemonie teil. Zur Illustration dieser Komplexität interpretiert und periodisiert Rohdewald die Inszenierungen der Zarenmacht von Peter dem Großen bis zu Nikolaus II. und schlägt dabei zwei wesentliche terminologische Modifikationen vor. Bezüglich der diskursiven Strategien vor 1860 sei es angemessener von der imaginierten äußeren Kolonisierung des Inneren zu sprechen, wogegen die Diskurse nach 1860 (besonders diejenigen, die die west- und südrussischen Provinzen betreffen) ein Sprechen von der imaginierten inneren Kolonisierung des Äußeren verlangen.

Wie komplex dabei vor allem der Problemfall Polens und der ehemals polnischen Gebiete sein kann – zumindest in dessen literarischen Diskursivierungen um 1830 – wird auf vielen Seiten der vorliegenden Monographie thematisiert. Die russischen Polen-Bilder, in denen oft widersprüchliche Innen-Außen- und entsprechend Eigen-Fremd-Austauschstrategien sowie auch (Selbst-)Täuschungskonstrukte ent-stehen und miteinander verquickt werden, – so eine der Ausgangsthesen – werden umso komplexer, da diese Polen-Entwürfe ihrerseits Repliken auf polnische literarische Polen- und Russland-Bilder sind. Ein ähnliches Phänomen charakterisiert das polnische Schreiben über die verlorenen Gebiete der Ukraine und Litauens, in dessen Problematik die Frage der polnischen Unabhängigkeit integriert wird. Dabei konkurrieren die polnischen Entwürfe des Eigenen und Fremden mit den entsprechenden russischen. Jeder neue Text gerät in die intertextuellen Magnetfelder und Rezeptionskreise des russisch-polnischen Polen-Russland-Textes. Die ← 38 | 39 → politischen Positionen der intendierten, imaginierten und okkasionalen Adressaten und Rezipienten bestimmen auch die Lesarten des jeweiligen Werks; dabei handelt es nicht nur um die russische und die polnische Position (vgl. Kap. 1.2. und 1.3.). Auch innerhalb eines Rezipientenkreises herrscht eine immer zu differenzierende und zu nuancierende Pluralität der Rezeptionen: Ein Beispiel dafür stellt die (im Kap. 2.4.) zu besprechende Wahrnehmung der berüchtigten Provinzialismen Mickiewicz’ dar.

Terminologische Korrekturen und kultur- und literaturhistorische Konkretisierungen des wissenschaftlichen Paradigmas der inneren Kolonisierung überzeugen am meisten, wenn die Forscher möglichst induktiv arbeiten und die dynamische Historizität und Sukzessivität der entsprechenden Phänomene nicht aus dem Blick verlieren. So stellt Wolfgang Stephan Kissel (2012a) ein Spezifikum der russischen Ägyptomanie fest: Während der Kaukasus oder Mittelasien als Objekte russischer Orientalismen eng mit der territorialen Expansion des Imperiums verbunden gewesen seien, habe Ägypten außerhalb der Reichweite kolonialer Ambitionen gelegen (2012a, 95). Das Fehlen eines solchen politischen „Dopings“ verlieh dem ägyptischen Text der russischen Kultur spezifische Züge und Funktionen. Die literarische Szene habe über die Selbstorientalisierung qua Ägyptisierung die Verbindung zu einer großen europäischen Ägypten-Tradition gesucht. Kissels Beitrag zum ägyptischen Zweig russischer Orientalismen und Selbstorientalisierungen kann umso mehr als gelungen betrachtet werden, da der Bremer Forscher nicht nur diverse Ausprägungen der russischen Orientalismen exemplarisch veranschaulicht, sondern sie auch in ihrer dynamischen und wandelnden Multifunktionalität für die literarisch-kulturellen Identitätsdiskurse der jeweiligen Autoren (Andrej Belyj und Osip Mandel’štam) zeigt. Die postkoloniale Perspektive bildet für Kissel keineswegs einen Universalöffner, sondern eine erste produktive methodisch-konzeptuelle Orientierungshilfe, die im Laufe der Untersuchung dem Analyseobjekt gerecht wird und nicht umgekehrt. Das ägyptische Thema wird dabei zu einem produktiven Neben-Schlüssel zum Gesamtwerk der besprochenen Autoren.46 ← 39 | 40 →

Il’ja Kukulin (2012) unterscheidet seinerseits zwischen zwei Dimensionen der inneren Kolonisierung: der Eroberung/Aneignung jener Territorien, die als leer und besiedlungsbedürftig konzipiert werden und der Akkulturation („аккультурация“), d.h. der Regierung der Territorien, die kulturell von der anderen Bevölkerung angeeignet waren. Der Moskauer Forscher untersucht am breiten und zugleich konkreten literarischen Material der russischen Literatur der 1970–2000er Jahre die Entwürfe und Reflexionen eines neuen postkolonialen (Selbst-)Bewusstseins.47 Kukulin zeigt dabei auf, wie es allmählich zur „Erosion“ des Ideologems der „Eroberung des Nordens“ kommt (2012, 855–861) und erläutert Aleksandr Solženicyns Utopie der kollektiven Flucht vor dem Kolonisatorenstaat (2012, 861–865) sowie die in den 2000er Jahren stattfindende Demontage der Diskurse der kollektiven inneren Emigration (2012, 865–870).48 Die von Kukulin ← 40 | 41 → beschriebene „Erosion“ des russischen kolonialen Nord-Diskurses beginnt im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts eigentlich gleichzeitig mit dessen Begründung. Es wird (im Kap. 4.) noch zu zeigen sein, welche Rolle bei dieser (De-)Konstruktion die polnische Komponente und der polnische Diskurs, der Russland als Norden imaginiert, gespielt hat.

Der Fall Polen ist in den russischen Diskursen des 19. Jahrhunderts ein Beispiel dafür, wie ein koloniales Problem sowohl als ein außenpolitisches (außerkoloniales) als auch innenpolitisches (innerkoloniales) betrachtet werden kann und erst nach dem diskursiven Misserfolg einer Legitimation aus der Perspektive der äußeren Kolonisierung zunehmend zum Objekt der innerkolonialen Rhetorik wird. Für die Analyse der Diskurse der inneren Kolonisierung werden Orte und Formen der Selbstrepräsentation imperialer Macht von Bedeutung,49 wobei das Medium Literatur nicht vernachlässigt, sondern in seiner Spezifik aufgefasst werden soll. Gerade dort werden die Grenzen zwischen den Bereichen der inneren und äußeren Kolonisierung oft als verschwommen, ja beweglich dargestellt.50 ← 41 | 42 →

Während Susanne Frank (1998) anhand von Puškins Kavkazskij Plennik (Der kaukasische Gefangene bzw. Gefangen im Kaukasus) und Lermontovs Mcyri die vom „klassischen“ Orientalismus abweichenden russischen romantischen Kaukasus-Diskursivierungen in ihrer Ambiguität und Multifunktionalität für das russische imperiale Schreiben der 1820–30er Jahre untersucht, zeigt Kechėj Norimacu (2012) am Beispiel von Aleksandr Bestuževs (Marlinskijs) Ammalat-Bek und Puškins Putešestvie v Arzrum (Die Reise nach Arzrum), dass die Grenzen Russlands weniger als undefiniert, sondern eher als mobil und beweglich konzipiert wurden. Die Beispiele und Schlussfolgerungen Norimacus mögen dabei für die Konzeptualisierung der südlichen Grenzen Russlands zutreffen; auf die sogenannten westlichen Gebiete sind sie nur unter Vorbehalt und mit Vorsicht zu übertragen: Die Grenzen Polens wandern, allerdings immer wieder alten, administrativen Einteilungen entsprechend. Es handelt sich in den jeweiligen Diskursen um keine neuen Eroberungen des Unbekannten, sondern um die Fortsetzung der alten geschichtlich-politischen Auseinandersetzungen (vgl. die Figur des „alten (slavischen) Streits“ im russischen poetischen Echo auf den polnischen Aufstand von 1830/31).51

Thomas Grob (2012) bemerkt in diesem Zusammenhang, dass zwar die Hegemonie der Macht nach Said eine eigene Metaerzählung schaffe (die dann die postkolonialen Analysen zu dekonstruieren suchen), Narrativierungen entkämen jedoch auch die narrationskritischen postcolonial studies nicht (2012, 46). Oft würden Saids Forschungsparadigmen zu leichtfertig und die Komplexität der osteuropäischen Kolonialismus-Phänomene vereinfachend auf slavische Kulturräume im Allgemeinen und auf Russland im Besonderen übertragen. Grob appelliert an die produktive Skepsis und nuancierenden Herausarbeitung der Spezifik von kulturellen Repräsentationen der Aneignung und demonstriert die Relevanz solcher Differenzierungen anhand von russischen Kaukasus-Diskursen. ← 42 | 43 → So sei entscheidend für das kulturelle Bild, wie es etwa in der russischen Literatur reflektiert werde, dass es sich um einen abgrenzenden Gestus handele: Man habe sich selbst gerade nicht als Kolonisator, nicht als Sklavenhalter oder Unterdrücker gesehen (2012, 50f.). Man könne darin einen Selbstmythos der russischen Intelligencija sehen, doch wäre dann der Nachweis zu erbringen, dass die „großen Erzählungen“ über sich selbst und diejenigen über den Anderen immer differieren (2012, 51). Grob kritisiert eine zu direkte postkoloniale Interpretation der russischen romantischen Kaukasusliteratur: Entgegen der Annahme Katya Hokansons (1994), die die Reichsbildung mit Russifizierung gleichsetzt, fundiere etwa Orest Somov (und nach ihm Puškin) ein Dichtungsprogramm auf der Basis eines Nationalbegriffs, der kulturell plural sei, sich zwar auf die Grenzen des Imperiums beziehe, jedoch nicht auf das Russentum.

Grob (2012, 54) erinnert daran, dass die Schaffung etwa einer ukrainischen Literatursprache in den 1820er Jahren noch umstritten war, doch entscheidende Impulse erhalten habe; erst recht hätte kein Romantiker angenommen, die Polen des Reichs würden plötzlich russisch dichten – ganz im Gegenteil: Gerade Mickiewicz wurde von seinen russischen Bekannten zum Genie erklärt. Auch die Thesen von Verwischung und Auflösung kultureller Grenzen in Puškins Kavkazskij plennik als Gesten der Aneignung, vertreten durch Hokanson (1994) oder Susan Layton (1994), bedürften substantieller Korrekturen. Der Kaukasus wurde – hier stützt sich Grob auf Frank (1998) – eher als Peripherie denn als Fremdes konzipiert. Zwischen Russen und Bergbewohnern hätten Kontakte stattgefunden (Grob 2012, 56), die Kaukasier erkannten sich in ihrem Gefangenen wieder und vice versa. Das (kulturell, geschichtlich, geschlechtlich, sozial etc.) Andere und Fremde sei für das romantische Paradigma notwendig. Es gebe kein Ich ohne seine Spiegelung in seinem Anderen; das Eigene könne seinerseits erst als Verfremdetes wahrgenommen werden. Deswegen müsse das romantische Ich lieben und reisen. Das Andere sei fremd; es sei aber auch reziproke (Zerr-)Spiegelung. Die Erfahrung des Anderen beruhe auf Prozessen des Anderswerdens; dabei sei die Perspektive vom Anderen bestimmt, bleibe jedoch tendenziell egozentrisch. Für das romantische Ich müsse daher die Begegnung Austausch ermöglichen, Verschmelzung jedoch verhindern.52 ← 43 | 44 →

Das Problem der gegenseitigen Dependenz zwischen den Diskursen der inneren und äußeren Kolonisierung tritt am deutlichsten im Falle der russischen Ukraine-Beschreibungen in Erscheinung. Russland, das sich als eine Art neuer Robinson begreife, schreibe der Ukraine, so Mykola Rjabčuk (2012), die Rolle Freitags zu. Der russische Blick auf die Ukraine beinhalte sowohl Elemente des klassischen Orientalismus als auch der Rhetorik der inneren Kolonisierung. Die entgegenwirkenden ukrainischen Diskurse der nationalen Identität seien nicht im Stande, aus dem Teufelskreis der diskursiven Abhängigkeit von Russland auszubrechen. Die Grundlagen einer inner- und außerkolonialen Sicht auf die Ukraine im Allgemeinen und auf die Kosaken im Besonderen werden dabei im 18. Jahrhundert gelegt (vgl. Kiselev, Vasil’eva 2012). In den Kapiteln 3.4. und 3.5. wird noch zu zeigen sein, wie multifunktional die russischen Ukraine-Konstrukte sind und wie sie sich dabei mit Polen-Bildern verstricken. Dabei mögen die Diskurse der Provinzialisierung der Ukraine als des Anderen (bzw. des anderen Eigenen) mit denjenigen der Selbstprovinzialisierung interferieren bzw. ineinander übergehen. Die russischen Selbstprovinzialisierungen innerhalb des Ukraine-Diskurses kreuzen sich typologisch, aber auch intertextuell mit ähnlichen Diktionen und Strategien der polnischen Ukraine- und Litauen-Literatur. Die Schreibmodi der Selbstprovinzialisierung (mit ihren metonymischen Figuren der antonomastischen Meiosis und partiellen Apposition), deren Anfänge übrigens genau in die hier interessierende Epoche hineinreichen, bilden einen wesentlichen Bestandteil der russischen Diskurse der inneren Kolonisierung, und zwar bis heute.53 ← 44 | 45 →

In der vorliegenden Untersuchung wird u.a. der Versuch unternommen, die Interdependenz und Hybridität der Diskurse der äußeren und inneren Kolonisierung (bzw. der äußeren und inneren Orientalisierungen) am Phänomen der polnischen Thematik in der russischen Literatur des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts aufzuzeigen und somit Ėtkinds Polarisierungen der beiden Diskurse (Ėtkind 2003, 109) etwas zu korrigieren bzw. zu relativieren. Der Sonderfall Polens, das zum Experimentierfeld Alexandrinischer Reformpolitik wurde, scheint darin zu bestehen, dass es in den russischen Polen-Diskursen als (Ex-)Invasor und Kolonisator Russlands und somit nicht nur als Objekt, sondern auch als Subjekt der Kolonisierung auftrat. Dass die polnische Frage auch die Frage nach den neu gewonnenen westlichen Gouvernements des russischen Reiches wie der Ukraine, Litauen etc. implizierte, goss zusätzlich Öl ins Feuer der Thematisierungen der (anti-)kolonialen Rivalität der beiden Länder. Außerdem wurde in den jeweiligen russischen Diskursen versucht – nicht zuletzt über die präpanslavistische bzw. präslavophile Argumentationsroute (vgl. Kap. 1.3. und 1.4.) – Polen während und vor allem nach den Teilungen als integralen bzw. noch zu integrierenden (Bestand-)Teil Russlands zu konzeptualisieren. Genau hier kommen in die russischen Polendiskurse die Diktionen der inneren Kolonisierung hinein und umgekehrt. Diskurse der inneren Kolonisierung werden durch die rhetorischen Verfahren der äußeren Kolonisierung inspiriert. Dabei kommt es zu einer im Weiteren zu besprechenden Verschmelzung und Verschränkung beider Orientalismen.

Ėtkind (2003) und viele andere Forscher vor und nach ihm arbeiten auch stellenweise mit einem zu statischen Begriff des „Eigenen“, während genau in der ← 45 | 46 → hier interessierenden Zeit der Konstruktion der eigenen Nation(en) das „Eigene“ nicht zuletzt gerade auch durch seine Metaphern und Metonymien definiert wird (vgl. Kap. 0.6.), wie z.B. im Falle der russischen und polnischen Ukraine-Konzeptualisierungen. Die Identitätsbildung vollzieht sich nicht nur durch die klare Abgrenzung des „Eigenen“ von dem „Fremden“, sondern auch durch die Verschwommenheit dieser Grenzen. Man kann sich deswegen Uffelmanns Appell an die Theoretiker der inneren Kolonisierung (Uffel’mann 2012b, 70f.) anschließen, es sich zur Aufgabe zu machen, die Grenzen zwischen dem Äußeren und dem Inneren zu begreifen, die im zu untersuchenden historischen Zeitabschnitt existierten. Oder umgekehrt: Das Verwischen von Grenzen sei als Strategie und Bestandteil der diskursiven Gewalt zu beschreiben.

Die sogenannte polnische Frage um 1830 stellt ein Paradebeispiel für eine solche Strategie dar. Je nach konkreter rhetorischer Situation wird Polen entweder als außenpolitischer Gegner Russlands oder als ein innenpolitisches Problem dargestellt. Die Spezifik des imperialen „Eigenen“ setzt genau eine figurative Erweiterung des „Eigenen“ voraus, wobei das neu einverleibte „Eigene“ keineswegs seine ornamentale Peripherie bedeutet. Das Phänomen der imaginierten Ukraine, die in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts zunehmend als Russland im Quadrat konzipiert wird, belegt dies, wie etwa bei Nikolaj Gogol’. Die noch zu besprechende Tropizität der Identitätsbildung setzt keineswegs deren stabilen Kern voraus.54

Das ähnliche Phänomen der metonymischen Selbst(er)findung bestimmt auch die Konstruktionen der Subalternen; Polen wird, nicht zuletzt dank des „Litauers“ Mickiewicz, durch seine Randgebiete wie Litauen (oder in der Ukrainischen Schule die Ukraine) konstruiert. Dabei kann es zu einem regelrechten (literarischen) Kampf um Figuren und (Kon-)Figurationen des „Eigenen“ kommen, wie im Falle der imaginierten Ukraine in der russischen und polnischen Literatur des 19. Jahrhunderts, wobei diese Tropen und Sujets immer eine historische geopolitische Komponente implizieren (vgl. Kap. 0.4.). Ėtkind geht davon aus, dass die koloniale Situation dual ist. Das Beispiel der russischen imperialen Argumentationsfiguren und Identitätsformeln relativiert jedoch diese Dualität (vgl. Kap. 3.4. und 3.5.). Die koloniale Situation kann zwar durch das Modellieren einer kulturellen Distanz bestimmt werden, muss es aber nicht.

Nicht nur die Diktionen der inneren Kolonisierung Russlands, sondern auch deren Meta-Reflexionen waren implizit bereits in der hier zu untersuchenden ← 46 | 47 → Epoche vorhanden. An dieser Stelle wäre abschließend ein dieses (Meta-)Denken illustrierendes Witzgedicht eines der wichtigsten Protagonisten dieses Buches, Kondratij Ryleev, an seinen polnisch-russischen Freund Faddej Bulgarin zu zitieren, in dem die russische imperiale Verteidigungspolitik und die Gewalt der inneren Bürokratie miteinander in Verbindung gebracht werden. Russland habe zwar alle äußeren Feinde besiegt, jedoch habe Gott das Land, um es weiter zu bestrafen, mit dem heuschreckenartigen Geschlecht der Behörden und Bürokraten bevölkert:

In seinem Gedicht baut Ryleev eine kausale Verbindung zwischen den früheren Repressionen der Tataren bzw. Mongolen und den aktuellen der (Polizei-)Behörden auf. Somit „ergänzt“ Ryleev Ėtkind, der bei seinem Konzept der inneren Kolonisierung von der Übertragung des westlichen kolonial-missionarischen Modells auf innerrussische Verhältnisse ausgeht. Laut Ryleev sei die Gewalt der inneren Kolonisierung der logische Nachfolger der Gewalt der Mongolen. Der Diskurs der inneren Kolonisierung wird somit indirekt mongolisiert und barbarisiert.55

In Ryleevs Gedicht (1971, 70f.) werden die siegreichen Angriffs- und Verteidungskriege Russlands aufgezählt, von den früheren bis zu den aktuellen (Eroberung der Krim, Vertreibung Napoleons).56 Die Teilungen Polens werden wegen ← 47 | 48 → der Herkunft des Adressaten (des Polen Bulgarin) nicht explizit genannt. Ryleev, der des Polnischen mächtig war und eine Zeit lang in Bulgarins Heimatstadt Nieśwież (Nesviž) weilte, benutzt allerdings einen Polonismus, den er selbst hervorhebt: „при наездах“, in der russischen Behördensprache in der Bedeutung von „Kontrolle“ bzw. „Kontrollbesuch“, im Polnischen „Überfall“ („najazd“). Das Gedicht stellt eine in humoresker Form gestaltete Einführung in die Problematik der russischen innerkolonialen Gewalt dar, adressiert an den Polen Bulgarin, der sich Anfang der 1820er Jahre in die russische (literarische) Gesellschaft zu intergrieren suchte. Die Ironie von Bulgarins Schicksal im Allgemeinen und seiner Beziehung zu Ryleev im Besonderen offenbart sich u.a. darin, dass Bulgarin später für die Dritte Abteilung arbeiten wird, d.h. genau für jene Polizeibehörde, deren innerkoloniale Gewalt Ryleev anklagt. Offen bleibt die Frage, ob die Zusammenarbeit Bulgarins mit der Kanzlei Alexander Benckendorffs als eine Art unbewusste Rache des kolonisierten Polen und Ex-Kolonisators (Bulgarin nahm am napoleonischen Feldzug von 1812 teil) bzw. als übertriebene Assimilation bis zur Teilnahme an den Repressionsstrukturen des Staates als Vergeltung des Subalternen zu interpretieren wäre. Mehr noch: Durch die Teilnahme an der inneren Kolonisierung Russlands setzt Bulgarin die polnische, nun der Vergangenheit angehörende äußere Kolonisierung fort. Eins steht vorerst fest: Die Verschränkung der Diskurse der inneren und äußeren Kolonisierung war den Menschen des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts keineswegs fremd. Sie erlebten diese Verschränkungen am eigenen Leibe und gestalteten sie in und mit ihren Schriften sowie Lebenswegen selbst mit.

0.4. Geopoetik – (Prä-)Kulturosophie

Die modernen Kultur- und Literaturwissenschaften erleben etwa seit Anfang der 2000er, vor allem in Bezug auf die Mittel- und Osteuropa-Forschung, neben dem ← 48 | 49 → postkolonialen Fieber auch einen topographical turn,57 im Zuge dessen auch der Begriff der Geopoetik aufkam und sich durchsetzte.58 Von der Aktualität und Produktivität der Untersuchungen der Geopoetiken in Bezug auf diese Region zeugt u.a. der Sammelband von Magdalena Marszałek und Sylvia Sasse (2010a), dessen Autoren sich mit diesem Thema in den letzten Jahren intensiv beschäftigt haben. Nach Auffassung der Herausgeberinnen eigne sich der Begriff der Geopeotik zur Analyse und Beschreibung unterschiedlicher Korrelationen und Interferenzen zwischen Literatur und Geographie nicht nur deshalb, weil er schon vom Wort her auf das mediale Hergestelltsein von Geographie anspiele, sondern auch, weil dieser Terminus die Frage nach der Rolle geographischer „Einstellungen“, „Wahrnehmungen“ oder „Materialitäten“ in der literarischen Praxis und Produktion provoziere – unabhängig davon, ob diese kulturell konstruiert oder natürlich gegeben seien (Marszałek, Sasse 2010b, 9).

Den wohl wichtigsten Beitrag zur Etablierung des Begriffs der Geopoetik und der damit verbundenen Perspektivierungen von Raumkonstruktionen in den slavistischen Kultur- und Literaturwissenschaften hat Susanne Frank in ihren zahlreichen theoretisch-methodischen und „praktischen“ Aufsätzen geleistet.59 Das besondere wissenschaftsdialogische Verdienst Franks besteht darin, dass sie sich bei ihren konzeptuell-methodischen Vorarbeiten zu Untersuchungen der Geopoetik nicht nur von der cultural geography und angrenzenden westeuropäischen sowie amerikanischen Untersuchungen, sondern, natürlich kritisch, auch von den Fragestellungen und Erfahrungen der Tartu-Moskauer Semiotikschule inspirieren ließ. Die geopoetologischen Problematisierungen brachte sie in Verbindung mit Jurij Lotmans Konzepten von Grenzen und Grenzüberschreitungen, mit Tartuer neoformalistischen Zentrum-Peripherie-Konzepten und nicht zuletzt mit den Thematisierungen des Petersburger Textes. Indem in der vorliegenden ← 49 | 50 → Monographie die Grenz- und Peripherie-Problematik der polnisch-russischen politischen, kulturellen und vor allem literarischen Beziehungen aufgegriffen sowie auch zum Teil Mickiewicz’ Beitrag zum Petersburger Text und zum Krimtext diskutiert wird, soll hier eine weitere „(Re-)Slavistizierung“ der geopoetologischen Untersuchungen stattfinden.

Frank hat ebenfalls diverse Vorschläge zur terminologischen Differenzierung und Nuancierung von Geopoetik und angrenzenden Begriffen (Geokulturologie etc.) zur Diskussion gestellt.60 Trotzdem wird der Terminus oft inkonsequent verwendet. Unklar bleibt vor allem, ob mit Geopoetik das geopoetische Schreiben gemeint wird oder die Disziplin, die es untersucht. Dasselbe Problem der terminologischen Homonymität betrifft Begriffe wie Geschichte, Rhetorik, Grammatik und auch den Begriff der Poetik selbst. Um diese Zweideutigkeit zu vermeiden, wäre es eventuell sinnvoll als Geopoetik das geopoetische Schreiben zu bezeichnen und die Disziplin, die dann Geopoetik untersucht, Geopoetologie zu nennen (vgl. Frank 2002, 57). Von Relevanz ist auch die paronymische Nähe der Begriffe Geopoetik und Geopolitik (der Begriff Geopoetik wurde höchstwahrscheinlich analog zur Geopolitik gebildet). Diese Nähe erweist sich, zumindest in der hier interessierenden Epoche der Nationenbildung mit ihrer Politisierung und Ideologisierung des Poetischen einerseits und der Poetisierung der politisch-historischen Identitätsstrategien andererseits, als weit über das Lautliche hinausgehend.

Auf die Verbindung zwischen den geopoetologischen (bzw. geokulturologischen) Fragestellungen und denjenigen der postcolonial studies hat bereits Frank hingewiesen (2002, 60f.). Geographische Räume würden, so der Ausgangspunkt von Franks Überlegungen, benannt und eingeteilt in Landschaften, Regionen, Klimazonen, Staaten, Kontinente, die einen symbolischen kulturellen Wert haben und ideologische Inhalte transportieren (2002, 56). Geodiskurse funktionierten ihrerseits in einem realen, aber auch diskursiven Raum, in dem Hegemonialverhältnisse herrschten; Thematisierungen des Geographischen würden nicht zuletzt zu den Medien der Herrschafts- bzw. Subalternendiskurse, in denen Machtkonstellationen und -ambitionen mitwirkten. So sind z.B. für die aufklärerische und postaufklärerische Ideologisierung von Klima, Jahreszeiten und Landschaften die geo-klimatologischen Kulturkonzeptionen Montesquieus zentral.61 In den Konzeptionen des französischen Philosophen ← 50 | 51 → und seiner präromantischen Anhänger, von Herder bis zu Madame de Staёl, die vom Ende des 18. bis zum ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in Polen und Russland ebenfalls intensiv rezipiert wurden, kommt es sowohl zur für die Ideologiebildung relevanten Determinierung vom Einfluss des Klimas auf den Charakter von Menschen und Kulturen als auch zur Entdeckung und Neuaufwertung des Mythologischen und, wie im Falle der Nord-Diskurse, zur Ideologisierung der (hier relevanten) nördlichen Mythologie und zur Umwertung der historischen Rolle und des kulturellen Erbes von Nordeuropa.

Russland, das seit Katharina II. zum einen immer wieder seinen Europäisierungsimperativ betont und sich zum anderen bemüht, seine eigene autonome kulturelle und historische Identität zu formulieren, eignet sich – nach entsprechender Umkodierung und Anpassung – diese Konzepte an. Die postkolonial zu deutenden Paradoxa dieser geokulturellen und geopoetischen Assimilationen bestehen nicht nur darin, dass Russland aus einem Objekt der geopoetischen kolonialen Diskurse Europas zu deren Subjekt wird, sondern auch darin, dass die damit verbundenen selbstorientalisierenden Diktionen ebenfalls Selbsteuropäisierung suggerieren und evozieren sollen. Auch Polen versucht sich in das Nord-Paradigma einzuschreiben, zumindest teilweise in den Diskursen über Litauen. Dabei interferieren und konfligieren diese Diskursivierungen mit den russischen geopoetischen Thematisierungen der sogenannten westlichen Gouvernements. Die hier zu untersuchenden literarischen Konstruktionen und (Auto-)Dekonstruktionen des Nordens, nicht selten mit der Orient-Problematik verbunden, bestimmen in vieler Hinsicht das polnisch-russische Schreiben um 1830.

Zeitgleich mit der Aneignung europäischer Nord-Diskurse finden auch polnische und russische geopoetische Erschließungen und Erfindungen der Ukraine bzw. der ukrainischen Steppe statt. Diese Entwürfe geraten ihrerseits in den diskursiven Kontext (anti-)imperialer bzw. revisionistisch-nostalgischer geohistorischer Konstruktionen und Legitimationen. Für die vorliegende Untersuchung ist dabei zum einen der Aspekt des kolonialstrategischen geopoetischen und zugleich geopolitischen Kampfes (hier um Südrussland bzw. die Ukraine) relevant und zum anderen die Tatsache, dass polnische und russische Dichter dabei die romantischen Motive des Grenzenlosen verwenden (vgl. u.a. Kap. 2.4. und 4.5.). Die scheinbar unpolitische Topik des Unendlichen gerät ins Magnetfeld (anti-)kolonialer geohistoriosophischer Anspielungen. Dabei kommt es zu ← 51 | 52 → komplexen diskursstrategischen Metonymisierungen der Nord-, Litauen- und Ukraine-Diskurse, die in der vorliegenden Schrift ebenfalls eines der Leitthemen bilden. Die hier interessierenden polnischen und russischen Entwürfe von Klima, Landschaft und Himmelsrichtungen entstehen im intertextuellen Spannungsfeld, das im Zeichen des komplexen (anti-)imperialen und somit auch postkolonial zu analysierenden Verhältnisses zwischen den beiden Literaturen steht. Daher sollen hier postkoloniale Fragestellungen und Perspektivierungen auch geopoetologische Ansätze voraussetzen und umgekehrt.

Bei der Plausibilisierung der Schreibstrategien polnischer und russischer Literatur um 1830 können dabei nicht nur die modernsten geopoetologischen Ansätze produktiv sein, sondern auch ältere (prä-)geokulturologische Perspektivierungen von Raumkonzeptionen wie z.B. diejenigen, die im Rahmen der Chronotopos-Theorie formuliert wurden. Michail Bachtin (1975, 296–301) führt in seinem Chronotopos-Buch den Begriff der historischen Inversion („историческая инверсия“) ein: Das mythologische und fiktionale Denken projiziere seine Ideale und Ziele in die Vergangenheit. Das als bereits vergangen Gehandelte bzw. zu Verhandelnde wäre so zugleich ein Zukunftsprojekt, ein Wie-es-sein-muss bzw. -könnte. Diskursive Autorität besäßen nur die (geo-)poetisch (re- bzw. de-)konstruierte Vergangenheit und die Gegenwart; die Zukunft evoziere ephemere Materialität und Dichte. Die ideele Konkretheit werde durch eine historische Inversion simuliert.

Mit sprachwissenschaftlichen Kategorien bzw. Metaphern sprechend, evozieren und provozieren das Präteritum (und/oder das historische Präsens) der jeweiligen Identitätskonstrukte und deren utopisches Futurum in gegenseitiger Übereinstimmung einen Identitätskonjunktiv und -imperativ.62 Im Falle des polnisch-russischen Schreibens nach den (und um die) Teilungen besitzen diese zeitlichen figurativen Verlagerungen immer eine räumliche, geopolitische und geohistorische Komponente. Das „Eigene“ als räumliches geopolitisches Eigentum, ja Landbesitz und Landnahme (eigene Staatlichkeit, Kresy) werden zeitlich verhandelt. Die Verlegung des Gewünschten in die Vergangenheit führt zugleich zur Entchronotopisierung der Zukunft. Die dabei entstehenden katastrophistischen Idyllen bzw. idyllisierten Katastrophen (wie z.B. in Pan Tadeusz) weisen Merkmale der einander widersprechenden Diktionen auf: diejenigen der Utopie (mit ihrer gewünschten bzw. potenziellen Realisierbarkeit) und die der die ← 52 | 53 → Zukunft entleerenden Eschatologie (mit ihrer Erwartung der Erlösung und der Sujetlosigkeit). Die zeitlichen Vorstellungen haben dabei immer eine räumliche Dimension, in der die Kategorie der territorialen Größe die entscheidende Rolle spielt. Geohistorischer und geopoetischer Optimismus, der zugleich Fatalismus ist, geht bei den geohistorischen Inversionen in den Messianismus über und umgekehrt: Die Vergangenheit wird idealisiert und zugleich als für immer verloren beschrieben, die Zukunft als aussichtsloses und zugleich offenes prophetisches Feld, ein (wieder) zu eroberndes Territorium perspektiviert.

Das politisierte, in vieler Hinsicht vom (anti-)imperialen Verhältnis der polnischen und russischen (poetischen) Kulturen motivierte geopoetische Schreiben der 1820–30er Jahre funktioniert seinerseits in einem poetisch-rhetorischen Raum, den man präkulturosophisch bzw. prähistoriosophisch nennen könnte. Nach Rainer Grübel und Igor’ Smirnov (1997, 5) wird unter der Kulturosophie im Unterschied zur Kulturwissenschaft ein Herangehen an die Kultur verstanden, das sich auf ihr Zerlegen in axiologische Dichotomien gründet.63 Die Kulturosophie erstrebe ein höheres und endgültiges, ein wertendes Verstehen von Kulturen, die in disjunktiver Ordnung als entweder falsch oder wahr betrachtet werden. Beim kulturosophischen Denken werde angenommen, dass nur eine bestimmte Kultur allein allgemeingültige Bedeutung besitze. Der jeweilige Kulturosoph befinde sich – im Gegensatz zum Kulturwissenschaftler – innerhalb der von ihm privilegierten Kultur.64

Die Ausdifferenzierung zwischen Kulturwissenschaft und Kulturosophie vollzieht sich bei Grübel und Smirnov am russischen kulturellen Material. Die oben skizzierten Charakteristika der Kulturosophie – vor allem das Moment des wertenden Kulturdenkens und die „Insiderposition“ des Kulturosophen – treffen aber nicht nur auf die russische Kulturphilosophie, sondern auch auf viele andere europäische Kulturkonzeptionen des 19. Jahrhunderts zu. In der vorliegenden Arbeit wird der Versuch unternommen, den Begriff der Kulturosophie auch auf die polnische Kulturphilosophie und ihre Kulturosopheme zu übertragen. Für eine solche Übertragung gibt es nicht nur inhaltliche Voraussetzungen und Anhaltspunkte (das polnische Kulturdenken ist auch durchaus axiologisch): Die Verwendung des Begriffs für Polen hat auch eine begriffshistorische Berechtigung. Die Unterscheidung zwischen Kulturosophie und Kulturwissenschaft ist laut Uffelmann (1999, ← 53 | 54 → 32, Anm. 11) im Begriffspaar Historiosophie vs. Historiographie oder ähnlichen Doppelbegriffen wiederzufinden. Der Begriff der Historiosophie geht seinerseits auf das Buch Prolegomena zur Historiosophie des polnischen Denkers August Cieszkowski (1838) zurück. Die Ideen Cieszkowskis begeisterten ihrerseits die russischen Kulturosophen wie Aleksandr Gercen, Nikolaj Stankevič, Michail Bakunin und auch den „Auslöser“ der russischen Kulturosophie Petr Čaadaev (vgl. Čaadaev 1991, I, 513f.). Wenn im Weiteren mit dem Begriff der Kulturosophie in Bezug auf die Zeit der polnischen Romantik operiert wird, bleiben wir somit in einem mehr oder weniger authentischen Begriffsfeld.

Aleksander Lipatow (1999, 222) stellt Puškins Historiographismus Mickiewicz’ Historiosophizität gegenüber: Für Puškin war ein historiographisches, staatliches, großmacht-nationales Denken charakteristisch, für Mickiewicz dagegen ein historiosophisches Denken, universalistisch in der Deutung von Staatlichkeit, Volkstümlichkeit und Nation. Es bleibt dahingestellt, inwieweit Puškins post-Karamzin’sche Konzepte historiographisch waren. Die Historiosophie habe laut Lipatow im Gegensatz zur realpolitisch verankerten und inspirierten Historiographie einen universalistischeren Anspruch. Lipatows Gegenüberstellung könnte man – trotz der Fraglichkeit seines Historiosophie- und Historiographiebegriffs – erweitern: Im Kontrastpaar Mickiewicz’ Historiosophizität vs. Puškins Historiographizität wird auf einer neuen Ebene die Konfrontation der geistigen Väter beider Dichter – Nikolaj Karamzin und Joachim Lelewel – ausgetragen: Aus der Position des Historiographen, geschult durch die deutschen Historiker, übt Lelewel starke Kritik genau an den historiosophischen Elementen in Karamzins Geschichtsschreibung in der Istorija Gosudarstva Rossijskogo (Geschichte des russischen Staates, 1821), übrigens dazu motiviert vom „Renegaten“ Faddej Bulgarin.65

Der russisch-polnische kulturo- und historiosophische Kreis (Lelewel – Mickiewicz – Cieszkowski – Karamzin – Puškin – Čaadaev – Gercen – Bakunin) schließt sich: Somit soll in der vorliegenden Monographie mit dem Gebrauch des Kulturosophie- und Historiosophiebegriffs zugleich das für die folgende Untersuchung zentrale Problem der Korrelationen zwischen polnischer und russischer Kultur markiert werden. Der Gebrauch des slavistischen Kulturosophiebegriffs soll bereits auf der terminologischen Ebene eine der arbeitshypothetischen Prämissen ← 54 | 55 → dieses Buches markieren: Selbst- und Fremddefinitionen der polnischen und russischen Romantik funktionieren synergetisch und bilden ein interdependentes poetisch-kulturosophisches Netz.66

Die Unterscheidung Kulturosophie vs. Kulturologie bzw. Historiosophie vs. Historiographie soll auch mögliche, wenn auch zum Teil in die Irre führende Assoziationen mit der Analogie Theologie vs. Theosophie berücksichtigen. Im Gegensatz zur Theologie, die rationale Reflexion religiöser Inhalte impliziert, bezieht sich die Theosophie auf eine a(-nti-)verbale, mystische Erfahrung des Göttlichen. Auch diese Parallele liefert Stoff für weitere Konzeptualisierungen: Die russische und noch viel mehr die polnische Kulturo- bzw. Historiosophie stellt zugleich eine „Theosophie“, oder genauer, „Parachristologie“ und „Paramariologie“ der (polnischen bzw. russischen) Kulturgeschichte dar.67 Zu berücksichtigen wäre in dieser Hinsicht nicht nur die parachristologische Komponente des polnischen Messianismus, sondern auch die Neigung der Anführer der polnischen Romantik zu Mystik, Häresie und Sektentum; die Ideen des Towianisten Mickiewicz stellen dafür nicht nur ein repräsentatives Beispiel, sondern dessen paradigmatische Ausprägung dar. Im Weiteren wird hauptsächlich mit der Bezeichnung Kulturosophie operiert, aber ihre geschichtsphilosophische und „geschichtstheosophische“ Komponente, ja gar Dominante soll beibehalten werden.

Der Begriff der Kulturosophie ist weiter gefasst als derjenige der Historiosophie, nicht weil der Begriff der Historiosophie zu sehr das Geschichtliche in den Vordergrund stellen und das Gegenwärtige und das Künftige als Gegenstände der spätromantischen Reflexion schmälern würde – ganz im Gegenteil: Gerade Cieszkowskis Historiosophie macht die zu prognostizierende bzw. geschichtlich zu prophezeiende Zukunft programmatisch zu ihrem Meditationsobjekt. Der weniger authentische Begriff der Kulturosophie umfasst jedoch – nicht zuletzt dank des nicht ungefährlichen totalitären Universalismus des Kulturbegriffs selbst – neben der historiosophischen Komponente auch andere Aspekte. Für die vorliegende Untersuchung sind vor allem diejenigen Vorstellungen zentral, die rhetorische Verfahren sind und zugleich in Anlehnung an die geopoetologischen Fragestellungen als „Geokulturosopheme“ bezeichnet werden könnten. ← 55 | 56 →

Es wäre jedoch eventuell histori(-zisti-)scher, nicht direkt von Kulturosophie bzw. Historiosophie, sondern von Präkulturosophie bzw. Prähistoriosophie zu sprechen. Im Gegensatz zu den 1830–40er Jahren, als sowohl in Polen als auch in Russland eigene, wenn auch sehr spezifische (Kultur- und Geschichts-)Philosophien entstehen, beschäftigen sich Literatur und Literaturkritik der 1820er Jahre mit den Themen und Fragestellungen, die später zu den Objekten der kulturo- und historiosophischen Fokussierungen avancieren. So werden bei den linguistisch-poetologischen Arzamas-Beseda-Debatten (Kontroverse zwischen Karamzin und Šiškov) im rhetorischen Rahmen des Poetologischen (bzw. der zunächst normativen und dann immer weniger normativ werdenden Poetik) präkulturosophische Fragen diskutiert.

In den 1830er Jahren, als die lyrische Dichtung, zumindest in Russland, an die Peripherie des literarischen Prozesses gerät und somit ihre nicht nur literarische, sondern auch nationale Identität stiftende Funktion und Einflussmacht einbüßt, münden diese präkulturosophischen Diskussionen in die Debatten der Westler und Slavophilen. Die spezifische Essayistik und Publizistik lösen die Literatur in dieser Funktion ab und werden zum Hauptaustragungsort kulturphilosophischer Fragestellungen. Eine ähnliche Vorgeschichte haben die kulturosophischen Modelle und Entwürfe, die in den 1830er Jahren eine zunehmende Politisierung erfahren, wie etwa diejenigen des Panslavismus. In den 1820er Jahren werden präpanslavistische bzw. präslavophile Fragen und Diktionen in der Literatur und der sie begleitenden Literaturkritik ausgetragen und ausgetestet.

Bei der Analyse dieser präkulturosophischen (und darunter auch präpanslavistischen) Diskurse und Projekte muss natürlich die Spezifik ihres poetisch-rhetorischen Austragungsortes – nämlich der Literatur und Literaturkritik – mit berücksichtigt werden. „Geokulturosopheme“ bzw. „Prägeokulturosopheme“ existieren in der Gestalt von literarischen Motiven und Metaphern und umgekehrt, Genre- und Stilfragen bekommen politische und kulturosophische Aktualität, das politisierte präkulturosophische Moment verschärft zudem die Debatten über angeblich rein poetische Fragen.68 In den Kapiteln 1.2.–1.4. der vorliegenden Untersuchung sei am Phänomen der polnisch-russischen Diskussion über die Herkunft der duma-Gattung sowie der poetischen Praxis dieses Genres zu zeigen, wie das für die damaligen Literaten fundamentale Genredenken auch (anti-)imperiale ← 56 | 57 → und präpanslavistische Argumentationsfiguren und Diktionen sowie deren geopoetisch-geopolitische Komponenten (duma – Ukraine) beinhaltet.

Die poetische Bewusstwerdung „der polnischen Frage“ bildet die diskursive Grundlage und ideologische Dominante der polnisch-russischen kulturellen Kontroverse um 1830. Sogar angeblich poetisch autonome Texte stellen ästhetisch offene und einflussreiche Einheiten mit einem potenziellen perlokutionären Effekt sowie diskursive Resonatoren und Generatoren in einem größeren interdiskursiven und intertextuellen Labyrinth bzw. kulturosophisch-politischen Netzwerk dar, in dem nationale, kulturelle und literarische Identitäten in ihrer reziproken und kontingenten Interaktion verhandelt werden. Der Held von Mickiewicz’ Konrad Wallenrod, d.h. von dem Werk, dessen poetisches Wort beim Novemberaufstand in die Tat umgesetzt wurde, ist programmatisch nicht nur Ritter, sondern auch Dichter. Im Motiv des handelnden, kämpfenden Dichters und des dichtenden Kriegers manifestiert sich das für Mickiewicz und seine Generation programmatische Zusammenfließen des Poetischen und des Politischen. Konrads gefährliches geheimes Spiel mit seinen wechselnden und schillernden Identitäten betrifft nicht nur seine national-ethnische, sondern auch diskursive und metapoetische Identität, die in den Versen rund um das Erzählepizentrum des Konrad Wallenrod – das sogenannte Wajdelotenlied – ihre Kulmination erreicht. Mickiewicz’ Wajdelote Halban stellt zugleich eine modifizierte Version des ossianistischen Barden dar. Das literarische Polen der 1820er Jahre befindet sich im latenten poetischen Krieg mit den deutschen und russischen Nachbarn bzw. Besatzern. Die Autonomie der Literatur schließt dabei deren offene oder verhüllte agitative Funktion nicht aus.

Diese für Mickiewicz charakteristische überliterarische Ausrichtung und Verflechtung des Dichterischen und des Biographischen manifestiert sich im Leben und Werk seines russischen Freundes und Kollegen Kondratij Ryleev. Letztendlich werden sowohl Mickiewicz (Teilnahme am Krimkrieg) als auch Ryleev (Teilnahme am Dekabristenaufstand) zu politischen Akteuren. Paradoxerweise liege, so Thomas Grob (2004, 145), die Eigenheit des poetischen Politischen in der ästhetisierten und autoreflexiv ausgerichteten Romantik gerade in der (tentativen) Aufhebung von Systemgrenzen der Literatur. Dies widerspreche nur scheinbar der romantischen „Autonomie“ der Literatur. Wenn das Politische auf seiner poetischen Modellierbarkeit beruhe, dann unterliege es ästhetischen Kriterien: Die Poesie überschreite ihre Grenzen, um wiederum in der Poesie anzukommen.69 ← 57 | 58 →

In der vorliegenden Monographie wird vorsichtig mit der gängigen literaturhistorischen Einteilung der polnischen Literaturgeschichte in Früh-, Hoch- und Spätromantik umgegangen. Die wichtigsten Zäsuren bilden in der hier interessierenden Epoche vor allem „äußere“ politisch-gesellschaftliche Ereignisse und Entwicklungen, sie bestimmen das sich rasch entwickelnde Selbstbewusstsein der polnischen Literatur der 1820er Jahre bzw. diese Literatur in vielerlei Hinsicht den Charakter dieser Ereignisse maßgeblich mit. Das historisch-politische Zeitgeschehen (und darunter fällt auch das aus strukturalistischer Gewohnheit verworfene Biographische bzw. Biographie-Gestaltende) bildet daher keinen „historischen Hintergrund“, sondern den eigentlichen Raum, dessen diskursive Mitgestaltung zur imperativischen Dominante der polnischen Literatur um 1830 wird.

Wenn hier von der romantischen poetischen Prägung der polnischen und russischen (Prä-)Kulturosophie gesprochen wird, so soll gleichzeitig darauf verwiesen werden, dass die Kulturosophie der späten 1830er und 1840er Jahre mehr oder weniger ein Nebenprodukt/Nebeneffekt dieser Literatur ist, im Wesentlichen von den (Ex-)Literaten und Literaturkritikern mitgetragen wird und sich erst in den 1830er Jahren als selbstständiger, nicht-literarischer Diskurs manifestiert. In der Zeit vor und kurz nach 1830, vielleicht bis zu Mickiewicz’ Księgi narodu polskiego i pielgrzymstwa polskiego (Bücher der polnischen Nation und der polnischen Pilgerschaft, 1832), kann man höchstens von der Präkulturosophie sprechen. Bei Rückprojektionen ist höchste Vorsicht geboten: Die „Später“-Logik gibt es bei einer historizistisch angelegten Untersuchung nicht. Präkulturosopheme „wissen“ zum Zeitpunkt ihrer Präexistenz nichts von der Entfaltung der späteren Kulturosophie. Sie agieren in einem anderen diskursiven Funktionsfeld als Teil seines Korrelationsnetzes.

Nur bei einer anachronistischen Betrachtungsweise – welche eine Art romantisch geprägten wissenschaftlichen Retro- bzw. Post-factum-Fatalismus bildet – könnte man meinen, dass die romantische Poesie gerade den rhetorischen Raum darstellt, in dem sich das proto-kulturosophische Gedankengut formt und reift. Diese Reifungslogik und -metaphorik plausibilisiert nicht die spezifisch literarischen bzw. meta-literarischen Entstehungsbedingungen und Aufgaben der Präkulturosopheme, sie schmälert ihre zeitgenössische diskursspezifische Aktualität. Für die vorliegende Untersuchung wird daher gerade diese Präexistenz ← 58 | 59 → der vorkulturosophischen Kulturosophie interessant, allerdings nicht in Bezug auf ihre spätere kulturosophische Zukunft, sondern hinsichtlich der Spezifik der Zirkulationen der Präkulturosopheme im literarischen Diskurs im Allgemeinen und in ihrer (meta-)literarischen Funktionalität im Einzelnen. Natürlich wird in den Ausblicken der Frage nachgegangen, wie dieses proto-kulturosophische Denken in den 1830er Jahren die literarische Reihe verlässt und autonom bzw. parallel wird: So enstehen Mickiewicz’ kulturosophische Księgi narodu polskiego i pielgrzymstwa polskiego parallel zum Drama Dziady III und seinem antiimperial-antirussischen Ustęp. Erst nach 1834 sinkt abrupt die dichterische Produktion Mickiewicz’, der zu einem (dem) Nationaldichter in Rente wird. Es bedarf weiterer Untersuchungen dazu, inwieweit die Marginalisierung der Poesie in den 1830–40er Jahren (deutlich in Russland, und mit Verspätung auch in Polen) nicht nur auf das Aufkommen der künstlerischen Prosa zurückzuführen ist, sondern auch auf die Dominanz der kulturosophischen Essayistik und Publizistik. Der essayistische kulturosophische Diskurs, einst in der Poesie entstanden oder zumindest auch von ihr mitgestaltet, verselbstständigt sich: Diese Autonomisierung impliziert eine Verdrängung bzw. Marginalisierung anderer diskursiver Kanäle wie der Dichtung.

Bilder und Motive avancieren zwar zu nationale Identität stiftenden Ideologemen (und umgekehrt), sie leben jedoch in der Literatur weiter, allerdings „infiziert“ mit bestimmten, in jedem konkreten literaturhistorischen Fall zu bestimmenden Konnotationen, welche sie außerhalb des Literarischen erfahren haben. Diese in Folge der Genre- und Diskursüberschreitungen (des Literarischen) erworbenen Konnotationen beeinflussen und verändern ihrerseits die binnen- und metaliterarischen Funktionskonstellationen der einzelnen Motive. Die Metaliterarizität umfasst dabei zwei Aspekte: jenen der Selbstbeschreibung der Literatur und jenen der literarisch-poetologischen Polemik und Kritik. Der selbstreferenzielle bzw. (auto-)metatextuelle Diskurs der Literatur darf aber – so die Prämisse der vorliegenden Arbeit – nur bedingt (wenn überhaupt) marginalisiert werden. Wenn der metaliterarische Diskurs nicht offen ausgetragen wird, nicht expliziert wird, dann heißt das bei Weitem nicht, dass er verschwindet. Er lebt weiter: Die Metaebene der Literatur passt sich an und knüpft an die jeweilige Dominante der Literatur an, in unserem Falle an die Themen und Topoi, die in den 1820er Jahren im Vorfeld des Dekabristen- bzw. Novemberaufstands eine zunehmende Politisierung erfahren und diese Revolten auch poetisch-ideologisch mit vorbereiten. Einerseits vollzieht sich in der Literatur eine Ästhetisierung des Politischen, andererseits sind das Politische und das Historiosophische „bloß“ ihr Stoff. Beim Eintreten in die Literatur gerät dieser in ein anderes Funktionalitätsnetz, Politisches und Historiosophisches werden ← 59 | 60 → zu Metaverfahren der Literatur: Politisch-ideologisch motivierte und konnotierte poetische Geokulturosopheme werden von und in der Literatur für eigene, auch metaliterarische Zwecke benutzt.70 In den genetisch internationalen und evolutionär nun nationale Identität stiftenden Narrativen beschreibt die (polnische/russische romantische) Literatur sich selbst und ihren Kampf um den Platz unter den europäischen Literaturen und natürlich den Kampf jedes einzelnen Schriftstellers um seine eigene souveräne Stellung in der jeweiligen Literatur. Methodisch-perspektivisch gesehen müssen daher bei der Analyse der jeweiligen geopoetologisch und postkolonial zu problematisierenden Diktionen auch deren metaliterarische und metatextuelle Aspekte mit berücksichtigt werden, d.h. diejenigen der literarisch-poetologischen Polemik und der autotelischen Beschreibung der Literatur.71

0.5. Antikoloniale Intertextualität: Mimikry, Parodie, Revision

I zazdrościła młodzież wieszczów sławie […]

Und die Jugend beneidete der Dichter Ruhm […]

Adam Mickiewicz (1955, IV, 383)

Das Spannungsfeld zwischen den polnischen und russischen poetischen Kulturen kann im Kontext (anti-)kolonialer Schreibstrategien aufgefasst und untersucht werden. Von den in den postcolonial studies herausgearbeiteten Techniken des Widerstandes würde vielleicht das Verfahren der Mimikry am ehesten auf die Situation der polnischen Literatur um 1830 zutreffen. Bei der Mimikry übernimmt der Kolonisierte die äußeren Formen des Kolonisators. Zwar ahmt das Objekt des Kolonialismus in der Mimikry den Kolonisator nach, zugleich aber behauptet es seine Alterität: „Es ist nicht ganz, nicht weiß“ („not quite, not white“, Bhabha 1994, 92). ← 60 | 61 → Die Nachahmung bewege sich zwischen Mimikry und Farce (Bhabha 1994, 86), sie sei eine Art „geheime Rache“ des Kolonisierten (Bhabha 1997, 112): Eine solche tarnende Nachahmung durchlöchere die Autorität der Besatzer. Mimikry entstehe als die Differenz-Repräsentation, die ihrerseits ein Prozess der Verleugnung sei. Mimikry sei somit das Zeichen einer doppelten Artikulation, eine komplexe Strategie der Reform, Regulierung und Disziplin, die sich den anderen aneigne, indem sie die Macht visualisiere. Die Mimikry sei jedoch auch das Zeichen des Un(-an-)geeigneten, eine Differenz oder Widerspenstigkeit, die die dominante strategische Funktion der kolonialen Macht auf sich konzentriere, die Überwachung intensiviere und für normalisierte Arten des Wissens eine immanente Bedrohung darstelle (Bhabha 2000, 126f.). Mimikry sei aber, so Maria Castro Varela und Nikita Dhawan (2005, 92), nicht als antikoloniale Waffe in den Händen eines selbstbewussten Subjekts, sondern lediglich als „ein Effekt der Risse im kolonialen Diskurs“ zu verstehen.

Es gibt allerdings einen ganz anderen inhaltlichen und theoretisch-methodischen Aspekt der Mimikry als Spezialausdruck der Hybridität, der bisher in den postcolonial studies kaum angesprochen wurde: das Intertextualitätsmoment. Bhabha spricht von Imitation und Simulation, von Mimikry und Farce, von „demselben und doch nicht ganz demselben“. In dem Augenblick jedoch, in dem man das Territorium der Parodie und der Imitation betritt, befindet man sich bereits mitten im Intertextualitätskomplex. Die Literatur wurde in den postcolonial studies hauptsächlich zum Objekt kulturwissenschaftlicher Hinterfragung. In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen, das interdisziplinäre Blatt zu wenden: Kulturwissenschaftlich zu erforschende Kulturosopheme und Historiosopheme werden u.a. in Bezug auf ihre literarische und metaliterarische Funktionalität hinterfragt. Wie es scheint, würde eine solche (neo-)formalistische „Impfung“ das philologische Potenzial der geokulturologischen und postkolonialen Ansätze herauskristallisieren und ihnen somit aus ihrer theoretisch-methodologischen und interdisziplinären Grauzone heraushelfen.72 ← 61 | 62 →

Textuelle Mimikry entwickelt sich im rhetorisch-poetischen Raum der Intertextualität. Die moderne Intertextualitätsforschung schöpft ihre Inspirationen aus zwei konkurrierenden und zugleich einander korrigierenden theoretisch-methodischen Ansätzen – aus denjenigen, die auf die Formalisten zurückgehen und denjenigen, die Bachtins Konzepte der Dialogizität weiter entwickeln. Für die vorliegende Arbeit sind unter anderem die Ansätze der formalistischen Präintertextualitätsforschung im Allgemeinen und diejenigen Jurij Tynjanovs von größerer Bedeutung. Warum ausgerechnet Tynjanov? Weil Tynjanov (und auch andere Formalisten) seine protokollartig wirkenden (und daher auch sehr viel Konzeptualisierungspotenzial besitzenden) Theorien und Konzepte größtenteils am Material der auch hier zu untersuchenden Epoche herausgearbeitet hat. Dabei stellte die Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für Tynjanov keineswegs ein mehr oder weniger beliebiges Beispiel (wie das bei vielen anderen Intertextualitätstheorien der Fall ist), sondern das eigentliche Untersuchungsproblem dar. Die Imperative der Induktion (oder der produktiven Illusion der Induktion), Authentizität und Kontextualisierung, von denen die literaturhistorisch fundierte Literaturwissenschaft lebt und dank denen sie sich diszipliniert, verpflichten zur Problematisierung konkreter, kontextbezogener Phänomene und warnen somit vor zu eiligen Generalisierungen und universalisierenden Pauschalisierungen, die unterschwellig, wenn auch mit postmoderner bzw. poststrukturalistischer intellektualistischer Raffinesse, dem im Grunde genommen (neo-)positivistischen Rationalisierungs-, Klassifizierungs- und Schematisierungszwang verhaftet bleiben und vor dem konkreten Ereignis des einzelnen Textes fliehen. Die formalistische „Illusion der Induktivität“ ist produktiv, sie sät Misstrauen. Diese theoretisch-methodische Selbstverunsicherung hat sicherlich viele Nachteile; sie macht sich jedoch in der Sensibilität für die Dynamik der Literatur bezahlt.

Die Literaturgeschichte (und das Intertextualitäsproblem ist ein Teilaspekt davon) kennt im Idealfall, in ihrem inneren Imperativ keine illustrierenden Exempel, sondern zu untersuchende Phänomene. Dem Analogiedenken, d.h. einem metaphorischen Denken der Beispiel-Analytiker und der Verfechter der Deduktion, stellt die formalistisch geschulte Literaturgeschichtsschreibung – zumindest als dessen Ausgleich und Korrektur – ein metonymisches wissenschaftliches Denken gegenüber. Die zu untersuchenden literaturhistorischen Phänomene besitzen demnach kein statisches tertium comparationis, sondern sind in einer in ihrer Dynamik zu untersuchenden Kontiguitätsbeziehung aufeinander bezogen. Im Gegensatz zu Metaphern markieren Metonymien ihre Metonymisierungsrouten. Das für eine intertextuelle Untersuchung entscheidende Moment der dynamischen Prozessualität, Mobilität und Interaktion (Interaktivität) rückt somit in den Vordergrund des Erkenntnisinteresses. ← 62 | 63 →

Einen weiteren Grund für die Berufung auf Tynjanov bildet die Tatsache, dass Tynjanov die intertextuellen Phänomene im Rahmen seiner Fragestellung nach der literarischen Evolution untersucht. Die Problematisierung der literarischen Evolution beinhaltet die Fokussierung auf Entstehungs-, Kanonisierungs- und Dekanonisierungstrategien und -verfahren, d.h. auf Macht- und Entmachtungsstrategien. In diesem Sinne nehmen Tynjanovs Konzepte viele Aspekte der diskursanalytischen Prämissen vorweg, und zwar in Bezug auf die Machtdiktionen und -intentionen in der Literatur. Diese Macht- und Entmachtungstaktiken und -praktiken, die den Prozess der literarischen Evolution mit prägen, untersuchen Tynjanov und seine Mitstreiter nicht zuletzt, indem sie literarische Texte nicht nur in ihrer Wechselbeziehung zueinander analysieren, sondern auch in deren Reflexion in der zeitgenössischen Literaturkritik.

Das Einbeziehen der zeitgenössischen Rezeption (der Literaturkritik), die die intertextuellen Abweichungen und Entstellungen registriert, verbindet Tynjanovs präintertextuelle Fragestellungen mit denjenigen der Rezeptionsästhetik, die ebenfalls einen Teilaspekt der Intertextualitätsforschung bilden. Hans Robert Jauß beruft sich explizit auf Tynjanov (und zum Teil auf Šklovskij), wenn er von der Rekonstruktion der Rezeptions- und Wirkungsgeschichte eines literarischen Werkes und von der Sukzessivität der Entfaltung „eines im Werk angelegten, in seinen historischen Rezeptionsstufen aktualisierten Sinnpotenzials“ (Jauß 1970, 186) spricht. In der vorliegenden Untersuchung werden daher sowohl literaturkritische als auch memoiristische Zeugnisse zur Interpretation herangezogen: Um mit Gérard Genettes Klassifizierung der Intertexte (Transtexte) zu sprechen (1982; dt.: 1993), stellen diese kritischen und polemischen Stellungnahmen Metatexte (explizite und implizite Kommentare) dar, die zugleich die Relationen zwischen den eigentlichen Intertexten und Hypertexten markieren und, wenn man die Wichtigkeit der Gattungsfrage für die Literaturdebatten des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts in Betracht zieht, auch ihre architextuelle Komponente (d.h. die Frage der Genrezugehörigkeit) hervorheben.

Die Formalisten könnte man mit Recht als Begründer der modernen literaturhistorisch fundierten Intertextualitätsforschung bezeichnen. Mit den Fragen der Intertextualität und der Intertextualitätsforschung beschäftigte sich unter den Formalisten in erster Linie wiederum Tynjanov in den hier relevanten Arbeiten zur Parodie (1977, 198–226, 284–310, 350–395). Jede literarische Kontinuität („преемственность“) sei vor allem ein Kampf, die Zerstörung des Alten und die Rekonstruktion der alten Elemente (Tynjanov 1977, 198). In der vorliegenden Arbeit wird nach Tynjanov (1977, 284–289) nicht der komische Aspekt als das zentrale Merkmal von Parodie (bzw. Mimikry) hervorgehoben. Das Auslassen der Komik als der Dominante der Parodie ist im Kontext der Diskussionen um ← 63 | 64 → das Lachen in der polnischen Romantik zusätzlich berechtigt.73 Nach Tynjanov (1977, 201) kann sogar die Tragödie eine Parodie der Komödie darstellen. Die Haupteigenschaft der Parodie liege nicht im Komischen (auch wenn die komische Parodie ein offensichtliches, einfaches Paradebeispiel bzw. einen Sonderfall der Parodie bilde), sondern in deren Ausrichtung („направленность“) auf den anderen Text bzw. eine Reihe von Texten, ganze Genres, Autoren und literarische Strömungen (Tynjanov 1977, 290f.).74

Für die vorliegende Untersuchung ist dabei u.a. von Relevanz, dass Tynjanovs Parodiebegriff, den man im Kontext der hier interessierenden Fragestellungen auch „intertextuelle Mimikry“ nennen könnte, nicht nur Gattungen, Topoi und Poetologeme betrifft, sondern auch das (der polnischen und russischen Literatur der 1820–30er Jahre inhärente) epigonale, nachahmende Schreiben in das Problem der parodistischen mimikryhaften Intertextualität einschließt und es als untersuchungswürdiges Entautomatisierungsverfahren rehabilitiert. Im Falle der Romantik betrifft die Entautomatisierung und Verfremdung nicht nur gewisse Textstrukturen, sondern auch ihre Zugehörigkeiten zu den jeweiligen Nationalliteraturen. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts kommt nicht der Übersetzung, sondern der im Tynjanov’schen Sinne zu verstehenden parodierenden Nachdichtung bzw. Improvisation eine besondere Rolle zu: Die Übernahme fertiger Genres würde den Anforderung der Erschaffung eigener Literatur nicht gerecht ← 64 | 65 → (vgl. Tynjanov 1969, 39f.). Diesem Problem wird hier bei der Analyse der bereits erwähnten polnisch-russischen dumy-Diskussion nachgegangen (vgl. Kap. 1.).

Tynjanov (1977, 292) betont die bedeutungskonstituierende Verbindung der Parodie zu den Phänomenen der Nachahmung und der Variation („подражание“, „вариирование“). Palimpsestartiges Variieren und Nachahmen – sei es spielerisch, satirisch oder ernsthaft, um wieder mit Genette zu sprechen – bildet im Kontext der Fragestellung der vorliegenden Untersuchung den zentralen Aspekt einer Transposition der Prätexte. Tynjanov (1977, 292f.) stützt sich in seinen konzeptuellen Durchbrüchen und Meditationen zum Wesen der Parodie auf eine russische Übersetzung des Wortes „Parodie“: „перепеснь“ (etwa mit Überlied/Nachlied bzw. Übergesang/Nachgesang zu übersetzen). Der Neologismus geht auf den russischen Dichter, Parodisten, Verleger und zugleich Theoretiker der Parodie Nikolaj Ostolopov (1783–1833) zurück, d.h. einen Vertreter der hier relevanten Epoche. Für Tynjanov ist wichtig, dass der vergessene Begriff Ostolopovs die Komponenten der Nachahmung und der Variation beinhaltet („перепеснь“ – „перепев“). Das Variieren und „Nachäffen“ von eigenen und fremden Versen, das beim Parodieren stattfindet, hat für die Literatur evolutionäre Bedeutung.

Tynjanov akzentuiert besonders das Faktum der Autoparodie im Sinne der polemischen Autotextualität. Diese sub- und autotextuellen, d.h. (auto-)mimikrischen75 Demontagen, die die Topoi, Texte oder sogar ganze Genres und ihre (fremde) nationale Identität stiftenden Funktionen betreffen, dienen der Entstellung und Dekanonisierung politisierter und in (anti-)imperialen Konstellationen existierender literarischer Systeme und Paradigmen. Verfremdende Parodie, so Tynjanov in der Deutung Aage Hansen-Löves (1978, 386f.), bilde einen einheitlichen Prozess, der den Mechanismus des herrschenden Systems seiner illusionären, normativen, identifikationsstiftenden und die Struktur maskierenden Motivation beraube; Parodie bzw. Verfremdung im weiteren Sinn führe immer zu einer Emanzipation des reflektierenden Bewusstseins von Wahrnehmungshaltungen, die ihrer Konventionalität überführt würden.

Die (Prä-)Intertextualitätsforschung, die Tynjanov betreibt, stellt zugleich einen der wichtigsten Bestandteile seiner Evolutionstheorie und der ihr zugrunde liegenden Dichotomie von Genese und Evolution dar. Der Einfluss als genetisches Phänomen bekommt durch die mimikryhafte Übertragung eine evolutionäre Bedeutung, umso mehr in den Zeiten, in denen die Literatur aufgefordert ← 65 | 66 → wird, ihre „eigenen“, „nationalen“ Topoi und Genres zu entwickeln. Die hier postkolonial zu thematisierende Mimikry wird zum Kanal (Instrument, Sprache) der Umwandlung des Genetischen ins Evolutionäre. Konzeptuell verwandt mit der hier relevanten Parodietheorie ist Tynjanovs Unterscheidung von Einfluss („влияние“) und Entlehnung („заимствование“). Laut Tynjanov (1977, 387) stelle der Einfluss die Übertragung bzw. Transposition („перенесение“) des Hauptkompositionsverfahrens aus der Kunst eines anderen Künstlers bzw. einer fremdsprachigen Literatur in eine persönliche oder nationale Kunst dar. Die Entlehnung bilde einen Sonderfall des Einflusses, d.h. die Übertragung eines einzelnen Verfahrens, das bereits mit künstlerischem Fleisch („художественная плоть“), thematischer und verbaler Umgebung („словесное окружение“) überwachsen ist, oder die Übertragung eines thematischen oder verbalen Elements, das bereits mit anderen Verfahren überarbeitet wurde. „Заимствование“ ist neben „Entlehnung“ auch mit „Übernahme“ zu übersetzen: Wichtig ist dabei das Moment der Aktivität der Entlehnung (als Wille zur diskursiven Macht) im Gegensatz zur fatalen – fatalistischen – Passivität, ja Indolenz des Einflusses. Die genetischen Einflüsse, auch die fremdsprachigen, auf die einheimische Literatur würden unter dem Druck jenes Systems, in das sie eingeführt werden, deformiert und transformiert (vgl. Hansen-Löve 1978, 370); sie geraten in die „eigenen“ literarischen und außerliterarischen Kontexte und Konstellationen. Dem genetischen Zwang (in unserem Falle demjenigen des kolonialen Einflusses) steht beim Eintreten ins neue diskursive Koordinatensystem die evolutionäre und emanzipierende parodierende Mimikry gegenüber. Diese Transformation des fremden Einflusses erhält im Falle der polnisch-russischen Intertextualität nicht nur zusätzliche (anti-)imperiale Motivationen; durch den (anti-)kolonialen diskursiven Kontext wird auch die Ausrichtung dieser Umwandlungen, die zu antikolonialen Verfahren werden, vorgegeben. Sie sollen der identitätstiftenden Selbstbehauptung der jeweiligen (literarischen) Kultur dienen. Die (anti-)imperiale Motivation bestimmt maßgeblich die Stärke des Referenzsignals.76

Somit wird das Objekt der Kolonisierung entgegen den ontologischen Passivitätszuschreibungen Edward Saids zu einem Aktanten,77 der zwar zunächst keine ← 66 | 67 → eigene Stimme besitzt, diese allerdings durch die zu parodierende fremde Stimme, die er mimikryhaft umwandelt, erhält: Die Subalternen sprechen, indem sie nachsprechen. Dieses deformierte und deformierende Nachsprechen (Nachäffen, Nachahmen, Nachdichten) diskreditiert die diskursive Autorität der Einflussgewalt. Zugleich leistet die Intertextualität Gedächtnisarbeit (vgl. Lachmann 1990); im Falle der polnischen Literatur der Zeit unmittelbar nach den Teilungen kommt der Dichtung eine besondere, antikoloniale, das „Gedächtnis der Nation“ bewahrende bzw. stiftende Funktion zu.

Eine theoretisch-methodische Alternative bzw. Ergänzung zu der formalistisch inspirierten Intertextualitätsforschung wären die von Michail Bachtin ausgehenden Konzepte der Text-Text-Bezüge (vgl. Kristeva 1996). Es mahnen jedoch einige inhaltliche und wissenschaftshistorische Nuancen zur Vorsicht im Gebrauch von Bachtins Ansätzen gerade bei literaturhistorisch konkreten Untersuchungen von Intertextualität: Die Literaturgeschichte avanciert (bzw. degradiert) bei Bachtin – im Gegensatz zum Pathos der Prozessualität und Sukzessivität bei den Formalisten – zu einem dialogischen Mysterium über Zeit und Raum hinweg. An die Stelle der von den Formalisten immer wieder akzentuierten Dynamik des literarischen Prozesses und des literarischen Systems tritt bei Bachtin die (gute oder schlechte) Unendlichkeit des Dialogs; Literaturgeschichte wird durch Atemporalität ersetzt.78 Der Dialog, den man nicht nachweisen ← 67 | 68 → kann, erweist sich dabei als eine Glaubensfrage.79 Bachtins Theorien leben von ihrer programmatischen, mystischen Offenheit. Der Erfolg und das manchmal seltsam anmutende Nachleben seiner Theorien im Westen liegt in ihrem philosophischen Anspruch, der nach dem Strukturalismus als befreiend empfunden wurde, und nämlich in seiner Dialogizität selbst: Der Pluralismus der Interpretationen, der für Bachtins Dialogizitätstheorie zentral ist, betrifft in jedem Fall seine Theorien und ihre Rezeption.

Bachtin zeigt die Dialogizität (in) der Literatur am Beispiel seiner Lieblingsgattung: Er spricht vom Roman als einem polyphonen, mehrstimmigen Mikrokosmos der Redevielfalt. Die Lyrik, die für die vorliegende Untersuchung zentral ist, sei dagegen eine zu monologische Gattung. Die Sprache der poetischen Gattung sei die einheitliche und einzige ptolemäische Welt, außerhalb derer es nichts gebe und nichts zu geben brauche. Die Idee der Pluralität sprachlicher Welten, so Bachtin (1979, 178), sei dem poetischen Stil verschlossen. In der Lyrik trete eine Stimme hervor, eine zu dominante Stimme, welche die anderen Stimmen verstummen lasse. Das, was Bachtin autoritär nennt, könnte man auch explizite Macht-Diktion par exellence nennen. Poetische Texte wollen im Gedächtnis bleiben, sie bilden nicht nur potenzielle Erinnerungsfiguren, sondern auch Slogans, sie besitzen textart- bzw. genrebedingt viel größere propagandistische und performative Kraft als die prosaischen. Allein die Härte des poetischen Diktats, die Nicht-Austauschbarkeit der Wörter im poetischen Text und die hermetische Formelhaftigkeit können in den Situationen des (antikolonialen) Widerstands ← 68 | 69 → als Ausdruck des Widerwillens agieren und den poetischen Texten eine größere agitatorische Autorität garantieren.

Der Dialog wäre außerdem eine zu idealisierende, zu harmonisierende und zudem inflationsgefährdete universalistische Metapher für die polnisch-russische Intertextualität im Vorfeld des Novemberaufstandes. Man könnte natürlich sagen, dass zwischen der russischen und polnischen Literatur um 1830 ein intertextueller Dialog stattfindet, jedoch nur, wenn das Wort bzw. Konzept des Dialogs eine sehr polemische Interaktion, latente und stellenweise offene Konfrontation, ja ein poetisches Duell implizieren würde. Legitimer und zutreffender wäre es eventuell von einem intertextuellen Streit oder Zwist zu sprechen: Genau dieses Wort („спор“) gebraucht Puškin in seinen Polen-Texten für polnisch-russische Auseinandersetzungen (vgl. Puškin 1957, III, 224). Dabei ist sogar der „Streit“ bei Puškin eindeutig ein Euphemismus.

Das Bewusstsein des Wettstreits ist auch bei Mickiewicz Mitte der 1820er Jahre präsent. Im Brief an Edward Odyniec vom März 1826 gibt er seinem Wilnaer Freund einen Rat, in dem seine eigene Grundposition zum Dichten artikuliert wird. Sogar für den innerpolnischen „Dialog“ der Dichter ist die Wettbewerbsmotivation entscheidend:

Die Prämisse der Rivalität motiviert sowohl zur Steigerung der poetischen Qualität als auch zur Suche nach der Souveränität und Originalität der eigenen poetischen Stimme. Beim poetischen Wettstreit handelt es sich, zumindest in den Fällen von Mickiewicz und Puškin, auch um den Wettstreit um den Titel des ersten Dichters ihrer jeweiligen Nationen. Nachdem sich beide Dichter Anfang der 1830er Jahre diesen ersten Platz gesichert haben, schreiben sie praktisch keine Gedichte mehr: Es gibt keine Konkurrenz mehr, der Wettstreit ist gewonnen.80 ← 69 | 70 → Weiter (Gedichte) zu schreiben, würde bedeuten, sich selbst zu wiederholen und zu wenn auch (kon-)genialen Epigonen ihrer Selbst zu werden.81

Man könnte also Bachtins Begriff „Dialog“ in dieser Arbeit applizieren, wenn man zum einen die ihn dominierende (Wett-)Streitskomponente damit nicht marginalisieren würde und zum anderen, wenn man anerkennt, dass der Dialog auch stille Post (Flüsterpost) der (literarischen) Kulturen bedeutet. Im Falle der russischen und polnischen poetischen Begegnung der 1820er Jahre könnte man sogar von einer „vorsätzlichen“, aus der (anti-)imperialen Situation und Konstellation resultierenden stillen Post sprechen, bei der eine verzerrende Mimikry der prätextuellen Aussage stattfindet. Eine der Aufgaben der vorliegenden Monographie besteht genau darin, die Mechanismen und Techniken des intertextuellen Verhörens bzw. Verschreibens dieser stillen Post exemplarisch zu beschreiben.

Für den Dialog im Roman, den Bachtin (1979, 175) der Lyrik gegenüberstellt, dient nicht der Gegenstand als Arena für die (dialogische, intertextuelle) Begegnung, sondern der subjektive Horizont des Lesers. In seinem eindeutig hierarchisch konzipierten Verständnis der Dialogizität markiert Bachtin nämlich das auch in dieser Schrift relevante Problem. Es mag banal und einfach klingen, aber in den Texten der in der vorliegenden Monographie zu behandelnden Autoren geht es mehr oder weniger um einen Gegenstand: um die polnische Frage. Er bestimmt, um mit Bachtin (1979, 180) zu sprechen, den verbal-ideologischen und sozialen Horizont der polnischen Literaten der 1800–20er Jahre und prädestiniert ihre Berührung mit der russischen Dichtung. Das Objekt der russisch-polnischen intertextuellen Auseinandersetzung, die unlösbare polnische Frage, bei der beide Seiten zu keinen Kompromissen und Zugeständnissen bereit sind, programmiert nicht nur die Modi der gegenseitigen Fremd- und Eigenkonstruktionen, sondern raubt ihnen die Möglichkeit zum Dialog im Voraus. Der explizite intertextuelle Konflikt zwischen Mickiewicz und Puškin nach dem Novemberaufstand (in seinem Epizentrum steht die Konfrontation zwischen Ustęp und Mednyj Vsadnik) stellt keineswegs eine durch äußere politische Umstände verursachte Deformation des Dialogs dar, sondern deren Offenlegung. ← 70 | 71 → Nach dem Aufstand durften nun die beiden Seiten „Klartext reden“. In der vorliegenden Arbeit wird genau der aus mehreren Gründen verschleierte „Noch-Nicht-Klartext“ untersucht, dessen Motive und Diktionen zum Labor für den künftigen (nach dem Novemberaufstand) „Klartext“ wurden. Um zu Bachtin zurückzukehren: Der Verfechter der Dialogizität als Ideologe der literaturwissenschaftlich exemplifizierten Theorie der sozialen Kommunikation unterschätzt die Rolle des Gegenstandes des Dialogs. Hier offenbart sich wiederum das Ahistorische der Bachtin’schen Literaturauffassung: Der russische Literaturosoph Bachtin konnte es sich nicht vorstellen, dass es nicht nur Gattungen, sondern auch Zeiten und Situationen gibt, in denen der Gegenstand des „Dialogs“ für seine Teilnehmer entscheidend ist, einen Dialog unmöglich macht und dafür eine ganz andere Form der Begegnung, in Konfrontation, Rivalität und Gesten der Überbietung, ermöglicht. Bachtins Dialogverständnis setzt voraus, dass der eine Dialogpartner dem anderen zumindest die Möglichkeit einräumt, würdig auf seiner Position zu beharren. Die Eskalation des intertextuellen Konflikts zwischen Puškin und Mickiewicz nach dem Aufstand – auch wenn beide einander immer wieder poetisch anerkannten – erlaubte diese dialogische Haltung nicht, und zwar wegen des Gegenstands des „Dialogs“. Der Puškin-Nekrolog von Mickiewicz (Pouchkine et le mouvement littéraire en Russie, Puškin und die literarische Bewegung in Russland) stellt in dieser Hinsicht ein wichtiges Dokument des Nicht-Dialogs dar. Über Tote redet man nicht schlecht: In seiner Totenrede, in der zwar latente Gewissensbisse wegen der geführten Polemik vorkommen, gibt es zwar Ehrung und Würdigung des anderen Großen bzw. des großen Gegners, aber keine Versöhnung.

Zum Primat des Gegenstandes kommt noch die von Bachtin markierte Souveränität der dichterischen Sprache hinzu, die sich als „unumstritten, unanfechtbar und umfassend“ (Bachtin 1979, 178) behauptet. Bezeichnend ist, wohin die beiden Dichter fliehen, nachdem sie ihre Lorbeerkränze als Nationaldichter errungen haben. Mickiewicz flüchtet teilweise in die Esoterik, teilweise in die Literaturgeschichtsschreibung, wo er als polnischer, aber auch als slavischer Nationaldichter, urbi et orbi, die Wege der slavischen Dichtung skizziert. Puškin geht zur Prosa über, wo er wiederum paradigmatische Texte kreiert und dann zunehmend zur Geschichtsschreibung, d.h. in die Bereiche einer der poetischen Macht inhärenten, benachbarten diskursiven Machtdiktion. Der poetische Diskurs der Macht macht süchtig und unersättlich, auch nachdem der (poetische) Hauptdurst gestillt ist. Die Poesie steckt den Dichter mit Ruhm- und Machthunger an. Um abschließend mit Genettes Dichotomie „Fiktion – Diktion“ (1992, 11–41) zu sprechen: Der Fiktion des Dialogs stellt die Poesie die Diktion der Botschaft gegenüber. ← 71 | 72 →

Hier wäre der falsche Ort, die programmatische Offenheit von Bachtins Ideen zu kritisieren. Sie wirkte und wirkt immer noch produktiv nach, nicht zuletzt in den postcolonial studies: Homi Bhabha ließ sich auch von den Dialogizitätsideen inspirieren (vgl. Sasse 2010, 131–140), sie gingen in seine Konzepte der Hybridität ein. Im Geiste Bachtins relativiert Bhabha den Essentialismus und die Linearität in Saids Auffassung von postkolonialen Diskursen. Kulturen seien in sich nie einheitlich und nicht einfach dualistisch in ihrer Relation des Selbst zum Anderen (Bhabha 1994, 35f.). Bhabha kritisiert das (räumliche) Denken in Grenzen bzw. Abgrenzungen; anstelle klarer Unterschiede setzt er die Hybridität, die per definitionem von Verweisen und Verschränkungen, Relationen und Relativitäten lebt und indirekt interaktive, dialogische Kontiguität hervorhebt. Und was ist schließlich Intertextualität, wenn nicht eine dynamische und sukzessive, fortwährende Hybridität, ja Hybridisierung von Texten, ein Durcheinander von Übergängen und Übertragungen, Mischungen und Durchdringungen, mnemonischen Anpassungsmasken, Simulacren und reziproker Mimikry?!

Die manchmal zu aufdringliche und nicht zuletzt von der Pathetik der Revolutionsrhetorik inspirierte Kampfmetaphorik der Formalisten scheint dem Fall der polnisch-russischen intertextuellen Identitäts(-er-)findung gerechter zu werden als Bachtins idyllische Dialogizitätsdoktrin. Die formalistischen Intertextualitätsansätze, denen das literarhistorische Verständnis eines Rivalitäts- oder zumindest polemischen Verhältnisses zwischen Texten zugrunde liegt, bekommen (neben der postkolonialen) eine weitere, auf den ersten Blick unerwartete konzeptuelle Unterstützung seitens des Poststrukturalismus. Um das intertextuelle Verhältnis zwischen Mimikry und dem zu Mimikrierenden82 zu bestimmen, scheinen für die vorliegende Untersuchung einige Aspekte der Revisionstheorie Harold Blooms tragfähig zu sein. Bloom versuchte die als positivistisch verworfene Einflussforschung mit Freuds Theorien zu verbinden: Intertextualität sei als Waffe und Schlachtfeld der Einfluss-Angst („anxiety of influence“), der Revision und Limitation der Prätexteinflüsse zu verstehen (Bloom 1973, dt.: 1995). Ein Gedicht sei immer eine Antwort auf ein Gedicht (Bloom 2011, 29). Der Prätext wird als Herausforderung und „Vatertext“ angesehen, den es zu übertreffen (intertextuell zu überwinden) gilt. Jeder Posttext sei nach Bloom ← 72 | 73 → als eine Fehllektüre des ihn beeinflussenden Prätextes zu verstehen, oder, um es wieder formalistischer zu formulieren, eine entautomatisierende Neudeutung, eine Umschrift, ein „сдвиг“. Unter der intertextuellen Revision versteht Bloom (2011, 10) ein Wiederanvisieren („re-aiming“), ein prüfendes Wiederhinsehen, das zu einer Bewertung führe.

Mit seiner Theorie hat Bloom auf das in den philologischen Diskursen etwas tabuisierte Problem der Inspiration und der Berufung zum Dichter aufmerksam gemacht. Die Einbeziehung Sigmund Freuds in ihre jeweiligen Konzeptionen verbindet Bloom und Bhabha (vgl. bei Bhabha 2000, 132).83 In der vorliegenden Arbeit wird allerdings versucht, Blooms parafreudianische Auslegung des intertextuellen Einflussproblems, das somit im Bereich der Psychologie (Psychoanalyse) des Schaffens liegen würde, postkolonial zu untermauern bzw. zu relativieren.84 Der postkoloniale Zugang liefert zu dem Problem eine plausible und kulturhistorisch fassbare Motivation der von Bloom markierten Limitation: Die anzueignenden und zugleich zu überwindenden Einflüsse kommen aus den (literarischen) Kulturen, die die Kulturen der Besatzungsmächte (bzw. Teilungsmächte) darstellen. Selbstorientalisierende Nachdichtungen und andere intertextuelle Umformungen erscheinen im Kontext der oben geschilderten Mimikry nicht nur als Folgen der Orientalisierungen von außen, sondern zugleich auch als Schritte zu deren Überwindung. Hier werden Einfluss und Entlehnung zu einer strategischen Einheit.

Der im Tynjanov-Bloom’schen Sinne verstandene agonale Geist der Überwindung des Einflusses bestimmt das Selbstbewusstsein der Literaten der hier interessierenden Epoche. So charakterisiert Petr Vjazemskij in einem Gedicht von 1820 (Poslanie k M.T. Kačanovskomu, Botschaft an M.T. Kačanovskij) das ← 73 | 74 → Nachahmungsverhältnis zwischen den Dichtern als Eifersucht der Rivalität („соперничества ревность“): Als Beispiel eines solchen Einflussverhältnisses wird von Vjazemskij das Verhältnis Žukovskijs zu Byron angeführt (vgl. Vjazemskij 1986, 150). Die Dichter der Generation Vjazemskijs und Mickiewicz’ schreiben sich Anfang der 1820er Jahre den Namen Byrons auf die Fahnen, sind jedoch zugleich aufgefordert, in den Augen der Kritiker und in ihren eigenen Augen ihre Selbstsuffizienz und Unabhängigkeit vom paradigmatischen englischen Romantiker zu behaupten. Variieren und Nachdichten, von denen Tynjanov spricht, werden in der hier zu behandelnden und im Lichte der Bloom’schen Theorie zu betrachtenden Epoche zum dichterischen Überbieten.

Einen der Kultautoren der Epoche stellt neben Byron Gottfried August Bürger dar. Mit seiner berühmten Lenore (über deren Nachahmungen seitens polnischer und russischer Literaten im Kap. 2.1. noch die Rede sein wird) habe Bürger, so Mickiewicz, in vielerlei Hinsicht über sich selbst und seine Dichtergeneration sprechend, viele Nachahmer geweckt bzw. erzeugt („Bürger sławną Lenorą […] obudził mnogich naśladowców“, Mickiewicz 1955, V, 204). Die semantische Wirkungskraft des polnischen Wortes „naśladowca“ verbirgt teilweise das für die neue Literatengeneration der 1820er Jahre zentrale Dilemma der nachahmenden Originalität bzw. der nach der Emanzipation von den Vorgängern strebenden Sekundarität. Diese Wirkungskraft reicht von „Anhänger“ über „Nachahmer“ und „Nacheiferer“ bis zu „Imitator“. „Naśladownictwo“ bedeutet nicht nur Nachahmung, sondern auch Mimikry. Man sollte dabei auch die etymologischen Nuancen und Ressourcen von „naśladowca“ nicht unterschätzen; es ist einer, der in die Spur („ślad“) bzw. in die Fußstapfen des Vorgängers tritt. Die paradigmatischen Prätexte hinterlassen Spuren: Sie werden ja erst paradigmatisch, indem sie Spuren hinterlassen, die dann von den Posttexten verfolgt werden.

Der Einfluss bedeutet im postkolonial aufzufassenden Nachahmungskontext keineswegs eine Einbahnstraße. Die Wirkungskraft – Wirkungsmacht – Wirkungsgewalt setzt die Nachwirkung (Nachahmung) voraus, ja provoziert sie und wird dabei selbst zu einer Herausforderung, zum Objekt der nach der intertextuellen Initiation kommenden Revision. Bei der Nach- und Überdichtung handelt es sich – zumindestens für die hier fokussierte Epoche – um eine scheinbar „unschuldige Hommage“ bzw. ein Pastiche, auf deren Grund jedoch die latente Persiflierung lauert. Die Aufgabe, eigene nationalspezifische Texte und Genres nach europäischen Mustern zu schaffen, ihre autoritative Musterhaftigkeit jedoch sowohl zu markieren als auch – simulakrumartig – zu verfehlen oder gar zu verweigern, ist nicht leicht. Die Unterdrückung der Nachahmungsmotivation und des Zwanges, zwar nachzuahmen und zugleich das eigene Werk als eine explizite ← 74 | 75 → Nicht-Nachahmung zu präsentieren und als das Nicht-Fremdbestimmte zu inszenieren, führt schließlich zu Paradoxien und Komplexen, Diktionsspaltungen, subversiven Aporien und nicht zuletzt zu den Explosionen des auch gegen sich selbst gerichteten sardonischen Schreibens.85

In seinem Aufsatz O poezji romantycznej (Über die romantische Dichtung), der dem seinerzeit umstrittenen Balladen- und Romanzenband Mickiewicz’ (1822a) vorangestellt wurde, legitimiert der junge, jedoch immer selbstbewusster werdende Wilnaer Dichter die sogenannte „romantische Poesie“. Interessant sind dabei nicht die „wirklichen“ Quellen der Auffassung von Mickiewicz, sondern vielmehr das literaturhistorisch-poetologische Selbstverständnis des polnischen Dichters. Mickiewicz behauptet zwar die Gleichheit der „Natur der Sache“ („natura rzeczy“) aller Völker, hebt jedoch sowohl die „Form“ als auch die Modellhaftigkeit der griechischen (literarischen) Kultur hervor (vgl. Mickiewicz 1955, V, 186f.). Maßgeblich für die Hierarchisierung der angeblich ebenbürtigen Volksdichtungen wird die Einfluss- und Anziehungskraft der jeweiligen (literarischen) Kultur. Die lateinische Dichtung entstand, indem sie die griechischen Vorbilder nachahmte und nachdichtete (Mickiewicz 1955, V, 189); diese nachahmende Entlehnung geschah allerdings auf Kosten der Entwicklung der eigenen nationalen Kultur:

[…] u Rzymian kultura obca, od Greków pożyczona, przerwała bieg naturalny kultury narodowej i poezja grecka położyła tamę właściwej rzymskiej, która może być, iżby się jeszcze była rozwinęła. (Mickiewicz 1955, V, 190)

Bei den Römern hat die fremde Kultur, von den Griechen entlehnt, den natürlichen Gang der nationalen Kultur unterbrochen und die griechische Poesie wurde zum Hindernis der eigenständigen römischen Poesie, die sich vielleicht noch entfaltet hätte.

Wenn die zu entwickelnde „nationale Literatur“ sich zu sehr dem fremden Einfluss öffnet, wird dieser zum Hindernis, zur Barriere („tama“). Den gleichen Fehler begingen auch die französischen Klassizisten, die nun Griechen und Römer nachzuahmen bestrebt waren („naśladować“, Mickiewicz 1955, V, 193). Eine Alternative dazu stellt die mittelalterliche „romantische“ Dichtung, dann die englische und schließlich die deutsche dar, die am souveränsten die Einflüsse der europäischen Literaturen zu variieren und mit eigenen nationalen Tendenzen und Traditionen zu kombinieren wusste: ← 75 | 76 →

Zum einen erklärt Mickiewicz die gesamte europäische Literaturgeschichte zur Geschichte der Einflüsse und Entlehnungen: Somit behauptet er das Recht der polnischen Literatur auf ein ähnliches Nachahmungsvorgehen, dessen immerwährende, fortfahrende Kontinuität ostentativ affirmiert wird. Eine nach der anderen betreten die einzelnen europäischen „Nationalliteraturen“ die Bühne der Weltliteraturgeschichte. Dabei lösen sie einander ab, nachdem ihre Nachahmungs- und zugleich Selbstbehauptungsstrategien automatisiert werden. Eines der Schlüsselworte von Mickiewicz’ literaturhistorischer Intertextualitätsauffassung ist „wzór“, das etwa mit Vorlage, Modell, Muster, Folie oder Vorbild übersetzbar ist. Die Überwindung der nützlichen, jedoch zugleich potenziell gefährlichen fremden Einflüsse vollzieht sich durch Selektion, Dosierung („miarkując“) und Kombination. Synthese und Hybridisierung, die im Mimikryprozess stattfinden, garantieren die Vielfalt und die Souveränität der jeweiligen Literatur bzw. des jeweiligen Literaten.

Im Falle des polnischen Schreibens um 1830 bekommt die Revision als Limitation des Einflusses eine zusätzliche Motivation. Die Prätexte, welche z.B. den jungen Mickiewicz inspirieren und überwunden werden müssen, stammen zum Teil aus der Literatur der Besatzungsmächte (vgl. Uffelmann 2007, 93). Der literarische Weg Mickiewicz’ verläuft nicht zuletzt zwischen der deutschen und der russischen poetischen Kultur und weist schon früh Merkmale der Mimikry als Technik des Widerstandes auf. Diese identifikationsstrategisch motivierte Intertextualität kann unterschiedliche Ausprägungen haben, von der nachahmenden Nachdichtung konkreter Motive bis zu Nachahmungen, in denen Diktionen und Momente von Travestie, Pastiche und Persiflage, von der „ernsthaften“ Transposition und Nachbildung, Fortsetzung und Fortschreibung nicht zu isolieren sind. Die Intertextualität der Literatur um 1825–30 stellt ein hybrides und multifunktionales Gebilde ← 76 | 77 → dar; genau diese Hybridität als Strategie der Erzeugung von Komplexität ermöglicht den polnischen und russischen Literaten dieser Zeit Aneignungen und Entfremdungen des Nachzuahmenden zusätzlich zu legitimieren und sich von den Vorwürfen der Sekundarität freizusprechen.

Bezeichnend ist in dieser Hinsicht Mickiewicz’ Bezugnahme auf die deutschen Dichter. Im Kontext von Mickiewicz’ „Revision“ seiner deutschen Prätexte ist die Meinung des damals einflussreichen Kritikers Michał Grabowski illustrativ, der Mickiewicz der „deutschen Schule“ zurechnete („uczeń szkoły niemieckiej“, Grabowski 2005, 5). Bereits in den Wilnaer Dziady sind erste Anzeichen einer immer kritischer werdenden Reflexion Mickiewicz’ über die ihn in dieser Zeit prägende deutsche Textkultur zu beobachten. So ist die Goethe-Intertextualität im Frühwerk Mickiewicz’ eine sehr explizite. In Dziady II sind Nachdichtungen von Werken Goethes integriert (vgl. Mickiewicz’ Nachdichtung von Goethes Die Spröde: Mickiewicz 1955, III, 28f.) und im vierten Teil des Dramas (Dziady IV), dem ein Motto aus Jean Paul vorangestellt ist (Mickiewicz 1955, III, 39), findet sich eine Anspielung auf Goethes Die Leiden des jungen Werther. Einer der Hauptprotagonisten Mickiewicz’, der Einsiedler, nimmt ein Buch aus dem Bücherregal (Mickiewicz 1955, III, 46): Es ist Goethes Werther. Charakteristisch ist, dass gleich danach der Einsiedler eine Strophe aus Lotte bei Werthers Grabe von Carl Ernst von Reitzenstein singt (Mickiewicz 1955, III, 47). Zum einen schreibt sich Mickiewicz mit den Goethe-Allusionen in die Tradition der europäischen bzw. deutschen (Prä-)Romantik ein. Zum anderen aber zeugt die explizite Meta-Intertextualität (Situation des Lesens bzw. der Reflexion der Lektüre) von einer polemischen Meta-Position. Mickiewicz’ Einsiedler stellt in der oben erwähnten Szene dem Werther das einfache Lied entgegen: Der Vergleich dient hier der Kontrastierung bzw. der Selbstausdifferenzierung. Auch das Lied Lottes am Grabe Werthers ist metaliterarisch als ein Lied am Grabe der Werther-„Romantik“ lesbar.

Die Befolgung bzw. Abweichung von der Einflusskultur steht im engen Zusammenhang mit dem oben angesprochenen Phänomen der Identifikations- und Projektionsmodelle. Die Inklusion programmiert die spätere bzw. zeitgleiche Exklusion vor: Das Sich-Einschreiben bzw. das Anknüpfen, das schließlich in eine Selbstausgrenzung mündet, entspricht der oben angesprochenen Problematik der Grenzüberschreitungen der romantischen Motive, welche bei den jeweiligen Identifikationen grenzziehend verwendet werden. Mickiewicz geht es nicht mehr um eine „passive“ Nachahmung, sondern zunehmend um einen Wettstreit, um eine aktive und immer expliziter werdende Rivalität mit den Autoren, unter deren Einfluss er steht. Man denke in dieser Hinsicht auch an die Rivalitätsintonation in Mickiewicz’ selbstsicherem „Ausraster“ in Berlin im Jahre 1829: ← 77 | 78 →

Noch komplexer und dramatischer erscheint diese Poetik der Revision und der Eifersucht angesichts der in der vorliegenden Untersuchung zu besprechenden antikolonialen Komponente, welche für die polnisch-russische Subtextualität dieser Zeit ausschlaggebend ist. Wie diese verdeckte Revisionspoetik stellenweise zur offenen Poetik der Eifersucht wird, wird im Kapitel 2.3. geschildert. Für die Fragestellung der vorliegenden Untersuchung ist dabei auch von Relevanz, dass dieses antikolonial und revisionsstrategisch günstige und leistungsfähige Parodieren zugleich autoparodistisch ist. Der späte Mickiewicz bekämpft nicht nur fremde Einflüsse, sondern auch seine eigenen früheren poetischen Orientierungspunkte und Nachahmungsstrategien. Autotextualität wird zu Automimikry. In der Autoparodie und Autodekonstruktion der polnischen Romantik offenbart sich ihr bis zum Suizidalen und Sardonischen tragisches Pathos. Durch das ethische Paradoxon des (Selbst-)Verrats und der (Selbst-)Abschwörung soll die Ehre der Subalternen gerettet werden.

0.6. Metonymische Identitätsfiguren

Проза должна более или менее говорить присутствующим;
поэзия может говорить и отсутствующим:
ей не нужно непосредственной отповеди наличных слушателей.
На поэзию есть эхо: где-нибудь и как-нибудь оно откликнется на ее голос.

Die Prosa muss mehr oder weniger zu den Anwesenden sprechen;
die Dichtung kann auch zu den Abwesenden sprechen:
Sie braucht keine unmittelbare Antwort der vorhandenen Hörer.
Auf die Dichtung gibt es das Echo: Irgendwann und irgendwie wird es ihre Stimme erwidern.

Petr Vjazemskij, Sonety Mickeviča (1984, 65)

Russische und polnische poetische Identitätsdiktionen und -projektionen, Selbst- und Fremdbeschreibungen des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts leben in der diskursiven Abhängigkeit von westlichen „Vorlagen“, die nachgeahmt und zugleich unterminiert werden. Die Inszenierungen der Originalität sind, wie oben bereits skizziert, von ihrer Sekundarität und vom Verständnis dieser als einem Identitätsproblem geprägt, wobei die Sekundarität, der Rückstand und die damit verbundenen Nachhol- und Wettstreitstrategien sowohl in der Literatur als auch in der ← 78 | 79 → Literaturkritik der Epoche thematisiert werden. Die Aneignung und ein gleichzeitiges Unkenntlich-Machen der Aneignung zeichnen das intertextuelle Verhalten der beiden poetischen Kulturen der hier interessierenden Periode aus. Dazu kommt, dass sie auch noch miteinander konkurrieren. In den diskursiven Räumen dieses Nachahmungwettstreites entwickeln sich dabei neue Formen der antikolonialen Selbstbehauptung. Die Komplexität bzw. allmähliche Komplizierung der dabei entstehenden Konstellationen und Identitätsstrategien illustriert die Episode um die russisch-polnische Rezeption der Krimsonette und die gegenseitigen, einander unterstützenden und zugleich konkurrierenden Strategien der beiden Literaturen zur Etablierung der Romantik (vgl. Kap. 2.6.). Primär bleibt jedoch das Rückstandsbewusstsein gegenüber der westeuropäischen Literatur und Kultur. Als Akt bzw. als Strategie der Befreiung und der Selbstständigkeitsbehauptung bleiben den der Sekundarität verpflichteten Subalternen das Kombinieren und das Variieren des Vorgegebenen (des Aufgezwungenen).

Die Subalternen können nicht sprechen (Spivak 2008): Die Kolonisierungsprozesse und orientalistischen Diskurse sehen u.a. die Usurpierung sowohl des Rechts auf das Sprechen als auch auf die Etablierung der Sprache, in der das Kolonisierungsobjekt seine Identität entwerfen könnte, vor.86 Da die Subalternen keine eigene Sprache zur Analyse haben, sind sie auf die Synthese angewiesen. Ähnlich dem synthetischen Sprachbau (dessen Theorie vom älteren Zeitgenossen der Protagonisten dieses Buches, Wilhelm von Humboldt, entwickelt wurde) geht es in den slavischen, im (anti-)kolonialen Raum existierenden und sich selbst postulierenden Kulturen im Allgemeinen und in der russischen und polnischen im Besonderen um einen synthetischen Diskursauf- und abbau. ← 79 | 80 → Die Bedeutungszuschreibungen und Funktionen der einflussreichen (unter anderem auch im Bloom’schen Sinne zu verstehenden) fremden Diskurse werden zwar übernommen, jedoch im Augenblick der Transplantation (bzw. des Transfers) „flektiert“. Dank diesen Diskursbeugungen und -biegungen ändert die kombinatorische Sprache der Subalternen zwar den vorgegebenen diskursiven „Wortschatz“ der hegemonialen Einfluss-Gewalt nicht, regelt, rekreiert und hybridisiert jedoch aufs Neue ihre diskursive Syntax, erkauft sich somit die angestrebte Flexibilität und öffnet sich diverse Möglichkeiten von Bedeutungsverschiebungen bis hin zu „diskursiven Anakoluthen“, die den kolonialen Diskurs suspendieren und sabotieren.

Die Subalternen haben zwar eine Stimme, aber sie können nur zur vorgegebenen Melodie improvisieren, diese variieren, sie jedoch auch in ihrer Improvisation parodieren und dekonstruieren. Die Subalternen benutzen fremde Diskurs(-wort-)wurzeln (wir bleiben hier im metaphorischen Feld der Linguistik), können diese aber durch diskursive Affixe neu semantisieren und somit sogar in ihr Gegenteil umkehren. Man verweigert und subvertiert die fremden Zuschreibungen, indem man den orientalisierenden „Wurzeln“ diverse diskursive Prä-, In- und Postfixe hinzufügt, die die semantische Monotonie, die Eindeutigkeit des hegemonialen Diskurses untergraben. Der Zugzwang des äsopischen mimikrierenden Schreibens kann die Subalternen auch dazu bringen, eine Geheimsprache zu entwerfen, die allerdings immer gefährdet bleibt, da die Chiffre potenziell dechiffrierbar ist. Ein anderer Weg des Widerstandes wäre, in der „eigenen“ und zugleich nicht „eigenen“ Sprache auf der Basis des hegemonialen Vokabulars diskursive Neologismen zu entwickeln, die zu einer sakramentalen Diskurssprache werden können, welche von ihrer poetischen Kraft lebt. Diese Neologismen müssen nicht einmal für die Sprechenden von Anfang an klar sein. Ihre Unverständlichkeit destabilisiert die diskursive Gewalt der hegemonialen Macht und fordert die Subalternen zu ihrer antikolonialen Interpretation auf. In Konrad Wallenrod wird die sogenannte Alpuhara-Ballade gesungen, in der beschrieben wird, wie sich der maurische König den Spaniern gegenüber ergibt, um sie in Wirklichkeit mit der Pest anzustecken.87 Der Erzähler kommentiert die wirksame, die Eingeweihten zur Interpretation auffordernde und die Fremden irritierende und beunruhigende Mehrdeutigkeit sowie das äsopische Sinnpotenzial der selbstorientalisierenden Ballade: „Co znaczy Mistrza dziwaczna ballada? / Każdy w domysłach nadaremnie bada“ (Was bedeutet des Meisters ← 80 | 81 → seltsame Ballade? / Jeder untersucht es in Vermutungen vergeblich, Mickiewicz 1955, II, 121). „Domysł“ stellt hier das Schlüsselwort dar, mit all seinen Bedeutungsschattierungen von „annehmen“ und „vermuten“ bis „dahinter kommen“, „erraten“ und „vorahnen“. Es evoziert Rationales und Emotionales, Kalkül und Interpretationsoffenheit. Die semantische Kraft des Präfixes „do“ in „domysł“ erstreckt sich im Kontext der äsopischen antikolonialen Poetik von der Sinn- und (Be-)Deutungshinzufügung bis zum Vor-Gedanken. „Badać“ ist auch wörtlich zu verstehen als „forschen“, „(unter-)suchen“, „fühlen“, „verspüren“, „(über-)prüfen“. Das äsopische Sprechen schärft den Sinn: Sinn als Gefühl (Sinne) und Sinn als „sensus“. Denken wird dabei auch zum Andenken: „domysł“ bedeutet auch „namysł“ (Besinnung), „rozmysł“ (Bedacht, Überlegung) und zugleich „rozmyślanie“ (halbbewusstes Nachsinnen).

Der Orientalismus als hegemoniale Diktion organisiert sich nicht zuletzt durch die Monotonie der eindeutigen teleologischen Semantik, die dem Modellieren der identitätsstiftenden kulturellen Distanz dient. Die Gewalt dieser Semantik (und der Semantisierung der Aussage) wird von den Subalternen entweder durch eine neue, variierte hybride diskursive Syntax oder durch eine andere antidiskursive Strategie suspendiert. Ist die Sprache der Hegemonen, zugespitzt formuliert, diejenige der Rhetorik als der (krypto-)normierenden Lehre und Redekunst der Unterwerfung und Unterweisung, Überzeugung und Überredung, dann wird die Poetik als das mehrdeutige, auf den Pluralismus der Interpretation ausgerichtete (auto-)dekonstruierende Sprechen zur Sprachstrategie, ja „Sprachfunktion“ der Subalternen. Der rhetorisch zielgerichteten und totalitären, wenn auch mit Ornamenten geschmückten „Prosa der Orientalisierungen“ wird die Poesie der Subalternen als Semantisierungssabotage gegenübergestellt. Die orientalistischen und antiorientalistischen Diktionen leben natürlich nicht in getrennten Räumen. Es kommt zu einer Interaktion: Die Prosa/Rhetorik des Orientalismus wird immer ornamentaler, sie beginnt mit dem Poetischen zu arbeiten, das den Orientalismusdiskurs schmückt und somit ästhetisiert. Umgekehrt bedient sich auch das Poetische des antikolonialen Diskurses immer wieder der Prosaismen.

Die hybride, immer schimmernde und schillernde Sinnbildung und Sinnstörung (ja Sinnverweigerung) des Poetischen unterwandert den essentialistischen und persuasiven Universalismus der Hegemonialdiskurse.88 Die Garantie des ← 81 | 82 → langfristigen Erfolgs des Widerstandes liegt in der Pluralität, Multifunktionalität und Liberalität der poetischen Aussagen, die die Objekte der Orientalismen zu Interpretationen zwingen und die Subjekte der Orientalismen in die Irre führen. Die dialogisch-polemische Intertextualität ist zugleich Ausdruck der Kommunikation bzw. des kommunikativen Handelns, auch im Sinne von Habermas.89 Der Rhetorik des hegemonialen „Systems“ stellt die sich wehrende „Lebenswelt“ der Subalternen die metonymisch funktionierende Poetik entgegen.

Die Ästhetisierung und poetisch spielerische Multisemantisierung sowie die daraus resultierende partielle Entsemantisierung der Aussagen, mit denen die Subalternen auf mehrere Ziele abfeuern oder ziellos um sich schießen, provokativ und Unruhe stiftend,90 bringt das semantisierte, d.h. ideologisierte und rhetorisierte System des hegemonialen kolonialen Sprechens ins Wanken. Die semantische (desemantisierende) Flexibilität und Dynamik sprengt schließlich die Statik des hierarchisierenden Fertigen und Zugeschriebenen. In der Poetik der antikolonialen Ungewissheit manifestiert sich sowohl die Ohnmacht der Subalternen als auch deren Wille zur Entmachtung der fremden diskursiven Gewalt.

Bei Jacques Lacan ist das Unbewusste wie ein sprachliches Zeichensystem aufgebaut, als eine Sprache, die das Begehren an eben dem Punkt ergreife, wo dieses sich vermenschliche, indem es sich zu erkennen gebe; sie sei, so Lacan (1973, 137), das absolut Spezifische des Subjekts. Das Unbewusste als Sprache setzt sich seinerseits aus Signifikanten ohne fest fixierte Signifikate zusammen. Dabei wird es mit den Operationen der metaphorischen Verdichtung und/oder der metonymischen Verschiebung der Bedeutung strukturiert. Während beim Verdichten („condensation“, Lacan 1973, 36) – z.B. im Traum – mehrere Themenbereiche und/oder Bildfelder zu einem Bild zusammengefasst werden, das metaphorisch für etwas anderes steht, sorgt die Verschiebung („déplacement“, Lacan 1973, 36) für eine Übertragung des Trauminhaltes von einem „verräterischen“ Objekt auf ← 82 | 83 → einen anderen, „unverdächtigen“ Gegenstand, der mit dem „eigentlich Gemeinten“ nur einige Merkmale teilt (Lacan 1973, 36). Das Kondensierungsverfahren der Metapher legt die Bedeutungen fest; Metonymien evozieren (und provozieren!) dagegen flexible semantische Zuschreibungen.

Hier nähert sich das für die vorliegende Arbeit zentrale Verständnis des antihegemonialen Schreibens als Poetik der Subalternen, das in der folgenden Untersuchung an Phänomenen des polnischen antiimperialen Schreibens um 1830 zu zeigen sein wird, indirekt auch Paul de Mans Überlegungen zur Unlesbarkeit von literarischen Texten an, die er an der Gegenüberstellung von Metapher und Metonymie in Allegories of Reading (de Man 1979, dt.: 1988) formuliert. De Man greift die Jakobson’sche Polarisierung von Metapher und Metonymie auf: Die erste beruht auf Similaritätsbezügen, die zweite dagegen auf denjenigen der Kontiguität (Jakobson 1971, 239–259, dt.: 1983).91 Die Metaphern evozieren, so de Man auf Roman Jakobsons Spuren, strenge Kohärenz von Bedeutung und Struktur und vermitteln diskursive Totalität bzw. Totalisierbarkeit (vgl. de Man 1988, 45, 102). Für de Man (1993, 247f.) ist die Metapher blind, aber nicht etwa, weil sie die objektiven Daten nicht richtig wiedergäbe, sondern weil sie etwas als Gewissheit hinstelle, was in Wirklichkeit eine bloße Möglichkeit sei. Die Metapher sei ein Irrtum, weil sie an ihre eigene referenzielle Bedeutung glaube oder zu glauben vorgebe.

Die Metonymien arbeiten hingegen nicht mit logischen Analogien und verleiten zur kritischen Demontage der metaphorisch produzierten Zuschreibungen, sie erzeugen diverse nuancierende, variierende und hybridisierende Sinn-Kontiguitäten. Die Metonymien unterminieren die Autorität der Metapher, indem letzterer ihre verheimlichte Metonymizität vorgeführt wird. Im Gegensatz zur Metapher ist die Metonymie keine Figur der Gleichheit; anstelle der Äquivalenzen treten Wahlverwandtschaften und Distanzierungen; Assoziationen verdrängen Analogien.92 Es ist auch kein Zufall, dass Harald Bloom in seinem Buch über das Fehllesen, in kritischer Anlehnung an de Man,93 die Theorie der ← 83 | 84 → Einflussangst tropologisch untermauert: Jegliche Abwehr gegen das Vorausliegende sei, rhetorisch gesehen, den metonymischen Reduktionen verwandt (vgl. Bloom 2011, 118). Der Intertextualität liegt ein metonymisches Verfahren der Revision zugrunde. Inspiriert von Jakobson überträgt Renate Lachmann (1990, 39f.) die Dichotomisierung von Metonymie und Metapher in ihre Qualifikation der intertextuellen Beziehungen. Die Forscherin unterscheidet zwischen einem metonymischen und einem metaphorischen Typ der Aneignung. Bei ersterem handelt es sich um ein Partizipationsmodell. In Zitat, Anagramm, Syllepse erschienen die Grenzen zwischen Prä- und Posttext verschoben, die Texte gerieten ineinander. Der metaphorische Bezug lasse dagegen den Prätext als Trugbild im Posttext erscheinen, die Ähnlichkeit rufe das Original auf, verdecke und verstelle es aber zugleich.

Somit kehren die methodisch-theoretischen Ansätze der vorliegenden Untersuchung zur postkolonial zu interpretierenden Intertextualität über Lacans Konzeptualisierungen der Sprache des Begehrens, de Mans Neorhetorik, Blooms Intertextualitätspsychologie und die strukturalistische Semiotik Jakobsons zu ihrer formalistischen Fundierung zurück. Diese identitätstropologisch zu bezeichnende Grundlegung primär intertextueller Fragestellungen soll zusätzlich helfen, die hier interessierenden Mechanismen der (anti-)imperialen Aneignung, Entfremdung und Nachahmung im Zusammenspiel von kulturhistorischen, literaturhistorisch-poetologischen sowie psychopoetischen Faktoren zu erfassen. Zwar wurden in der Forschung bereits einige Metaphern der polnischen Identitätsfindung angesprochen (vgl. Koschmal 2005 und 2006),94 die Figur der antikolonial motivierten Metonymie, in der sich das Poetische des subalternen Sprechens manifestiert, bleibt jedoch immer noch ungenügend erforscht; dabei scheint gerade diese Trope für das polnische antiimperiale Schreiben um 1830 aus mehreren Gründen ausschlaggebend zu sein. Natürlich kommt es in der poetischen Praxis zu komplexen und kreativen Wechselbeziehungen zwischen den metaphorischen und metonymischen Operationen; hier wären nur einige Tendenzen im Gebrauch von Metonymien im Allgemeinen und im polnischen Schreiben um 1830 zu skizzieren.

Metonymisches Schreiben funktioniert in der Literatur des geteilten Polen und der in der Welt verstreuten Polen in erster Linie als ein substitutives und ← 84 | 85 → kompensatorisches. Es produziert immer neue diskursive Figuren von Verdrängung95 und Entschädigung und drückt somit die implizite Dominante, die offene Wunde, das Hypertrauma des polnischen Schreibens nach 1795 am ehesten aus: den Verlust der Eigenstaatlichkeit, die klaffende geopolitische Abwesenheit Polens und das endgültig scheinende Abtreten der östlichen Gebiete (Litauen, Ukraine). Die Metonymie bildet dabei nicht nur eine (bzw. die) Figur der Absenz und Präsenz, Latenz und Transzendenz in einem, sondern auch diejenige von Verlust und Ersatz, Fehlen und Vertretung, Besatzung und Befreiung. Durch Metonymien wird die schmerzende Unlokalisierbarkeit Polens verhandelt und aufgewertet. Die Zersplitterung des Landes und die Verstreuung der Polen forcieren die Herausbildung der Einheitsideologie. Dem metaphorisch funktionierenden translatio des Imperialen setzt die „Abbiegungsfigur“ der Metonymie das denominatio der subalternen Stimmen entgegen.

Dabei neigen die entstehenden „Ersatzteile“ dazu, sich zu verselbstständigen und der poetisch-rhetorischen Logik der Metonymie zu folgen. Mickiewicz’ „Litauen“ steht zwar für „Polen“, es ist eine Synekdoche, Polen pars pro toto, zugleich stellt es jedoch metaleptisch – als Figur der uneigentlichen Rede96 – den Bereich der Kresy, der verlorenen Gebiete dar. Mit seinem poetischen Geokulturosophem „Litauen“ metonymisiert – und das bedeutet hier: lokalisiert – Mickiewicz das exterritorialisierte, dislokalisierte „Polen“. Litauen tritt dabei als Metonymie der Zugehörigkeit und Vertretung, als Figur der Aneignung und des Verlustes auf. Mickiewicz schreibt in Paradoxie: Nicht Warschau, nicht Krakau, nicht Posen, sondern das am meisten kolonial gefährdete, nun allmählich der Russifizierung ausgelieferte Litauen wird dank Mickiewicz zur Synekdoche Polens und durch seine Poetisierung zur poetischen und ästhetischen „besseren Metonymie“ Polens.97 ← 85 | 86 →

Der aus dem litauischen Nowogródek stammende Mickiewicz lokalisiert sein „Polen“ im politisch umstrittenen Gebiet der Kresy bzw. der westlichen Provinzen des russischen Reichs. Er schreibt wörtlich und im übertragenen Sinne auf dem eigenen und zugleich neuerlich enteigneten Territorium. Sein Schicksal – Kindheit und Jugend im verlorenen Paradies „Polen“ („Litauen“), seine Verbannung ins Innere Russlands und schließlich sein Exil – und man kann die Relevanz des Biographischen in der Romantik kaum überschätzen – verkörpert das topographische, ja kartographische Leitmotiv der Polen-Selbstentwürfe der nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte, von Juliusz Słowacki über Norwid bis Miłosz. Letzterer wird bereits durch explizite interbiographische und intertextuelle Rekurse auf Mickiewicz’ Werk und Lebenstext partizipieren und ihn fortschreiben.

Die Metonymie operiert mit dem Räumlichen und (Ex-)Territorialen, mit Division, Partialität und Integrität und spricht daher genauer als andere Tropen die topographische und geopolitische Dimension der polnischen Selbst(-er-)findungen um 1830 an. Dabei geraten ihrerseits antikoloniale geopoetische Konstrukte der polnischen Literatur um 1830 in die aktuellen Diskurse. So übernimmt Mickiewicz’ „Litauen“ metonymisch auch die Funktion des eigenen Orients98 und des eigenen Nordens (vgl. Kap. 1.1. und 2.1.). Es kommt dabei zu komplexen metonymischen Verquickungen der jeweiligen diskursiven Felder und literarischen Motive: Die Metonymie als Verfahren der Überlappung, Überlagerung und (Grenz-)Überschreitung schlägt immer neue Wellen. ← 86 | 87 →

Die Verarbeitung der Ausschließung – Ausgrenzung – Entgrenzung des Eigenen (Polens) führt unweigerlich zu einem Ausnahmedenken oder zu einem Denken im Ausnahmezustand, wobei es bei der Ausnahme zuallererst um die Schaffung und Bestimmung des Raumes selbst gehe, in dem eine juristisch-politische Ordnung überhaupt gelten könne: Die Ausnahme sei in diesem Sinn die fundamentale Ortung (vgl. Agamben 2002, 28f.). Giorgio Agamben geht es um die „Logik der Souveränität“ im Bereich des Rechts, das Souveränitätsdenken stellt jedoch in erster Linie ein rhetorisches Phänomen dar. Als Figur der Ausnahme und Ausschließung und zugleich Einschließung und Überschreitung (der Grenzen) stellt die Metonymie, Agamben (2002, 27f.) paraphrasierend, eine Figur der Souveränität dar, in unserem Falle diejenige der in die Vergangenheit und/oder Zukunft imaginierten polnischen Autonomie und Größe. Diese von Agamben thematisierte Selbstverortung via Ausnahme erfährt im Falle des polnischen Selbstverständnisses der Teilungszeit eine politische und geographische Konkretheit.99

Als Figur der Abgrenzung und Entgrenzung ist die Metonymie bemüht, das Spezifische und das Herausragende durch indirekte Figurationen zu entwerfen: Partikularismen und Partizipationen. Ausschließungen, Löschungen und geopolitische Vertreibungen Polens von der Landkarte (und auch von der mental map) provozieren die die fremdbestimmten Polen-Konstrukte umwertenden exzessiven oder kalkulierten Selbst-Exklusionen; die erzwungene Sezession zwingt ihrerseits zu deren Konzeptualisierung. Das katastrophistische Ausnahme-Selbstverständnis, das in der polnischen Kultur des 19. Jahrhunderts zunehmend messianistisch-viktimistische Züge annimmt, evoziert komplexe metonymische Konstellationen von Inklusion und Exklusion. Der Verzicht auf direkte Similaritätsbezüge (wie bei der Metapher) ebnet den Weg für partikularistische und singularistische Autokonstrukte.

Der zu erfindende Pole und das zu erfindende, wiederherzustellende Polen bilden ein reziprok wirkendes Pars-pro-toto-Gebilde: Ein Pole nach 1795 betrachtet sich selbst als lebendige, ums Überleben kämpfende Metonymie Polens, als Pfand und Garant seiner künftigen Auferstehung. Dabei wird die Wiederherstellung Polens mit der Wiederherstellung der eigenen verletzten Ehre metonymisiert. In einem der einflussreichsten Agitationstexte der Epoche, der Dąbrowski-Mazurka, die schließlich zur polnischen Hymne avancierte, geschrieben während der Teilnahme der polnischen Legionen an den napoleonischen ← 87 | 88 → Kriegen gegen die Besatzer Polens, d.h. im metonymischen Kampf für die eigene Autonomie, wird das Kontiguitätsprinzip des polnischen Selbstverständnisses zu einer performativen, schwurartigen Formel:

Polen ist nicht verloren, solange es noch einen Polen gibt. Metonymisches Denken baut kausale und assoziative Zugehörigkeits-, Verantwortungs- und Verpflichtungsbezüge zwischen dem einzelnen Individuum und dem zersplitterten und wieder zu vereinenden Kollektiv,100 Schreiben und Denken in Partialität stellen sich paradoxerweise der Integritätsaufgabe. Die Betonung des Teils gewährleistet das Ganze, totum wird gesichert, indem es in pars metonymisch vertreten wird. Diese antiimperialen Konnotationen und Funktionen des Partialen muss man bei der Betrachtung des Transfers bzw. der Assimilation der für die westeuropäische Romantik programmatischen Poetik der Fragmentarität auf polnischem kulturellem Boden zusätzlich beachten. In der polnischen Literatur des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts gerät das Fragment ins Magnetfeld kultureller antiimperialer Subtexte (auch im Lacan’schen Verständnis des Subtextes) mit ihrer metonymisch funktionierenden Identitätsstifung, ja Identitätsanstiftung.

Die Metonymie verbreitet sich auf syntaktisch-semantischen Wegen; ihre Fähigkeit, flexible und mobile Syntagmen zu produzieren und nicht Paradigmen wie bei der Metapher mit ihrem (bild-)semantischen Oberton, garantiert ihr ihre Multifunktionalität, die vor allem im rhetorisch-poetischen Kampf gegen die Zuschreibungen der Hegemonialmächte einsetzbar wird. Diese Multifunktionalität der Metonymie erweist sich wegen ihrer schwankenden, situativen Sinnbildung als sehr schwer kontrollierbar für die diskursiven Gegner und Zensoren. Metonymische Kommunikationsnetze lassen dem subalternen Sprechen Spielraum für antikoloniales äsopisches Chiffrieren; Kontiguität schafft gute Bedingungen für kryptographische Dekonstruktionen. Außer dem erfahrenen Beauftragten für Polen-Litauen Nikolaj Novosil’sev hat niemand, nicht einmal die ← 88 | 89 → Zensoren, die agitative Sprengkraft von Mickiewicz’ historischer Parabel Konrad Wallenrod erkannt; angeblich sekundäre Konnotationen verdrängen bzw. verschleiern (pseudo-)primäre Denotationen.

Die Allegorie als Figur der indirekten Aussage und des uneigentlichen Sprechens beruht sowohl auf Similarität als auch auf Kontiguität. Die Subzensur- und Untergrundsituation der polnischen Literatur vor 1830 misstraut jedoch dem Metaphorischen der Allegorie als dem leichter zu Erkennenden und bevorzugt das schwieriger zu dechiffrierende Metonymische als den Figurationsraum der Anspielungen und Anstiftungen.101 Ob Mickiewicz diese Allegorizität und Äsopizität intendierte oder nicht, ist von zweitrangiger Bedeutung. In der unmittelbaren Rezeption wurde sein Text als verschlüsselte Agitation dank seiner offenen metonymischen Semantik gelesen. Vor Mickiewicz hat man auch Niemcewicz’ Śpiewy historyczne die Zensur passieren lassen: ein Buch, das wie kein anderes das polnische Selbstbewusstsein der Mickiewicz-Generation formte. Die russische Zensur ließ es durch; die russische Literatur erkannte jedoch indirekt seine die russische imperiale Autorität schmälernde Kraft (dazu Kap. 1.2.–1.4.).

Diktionen von Rivalität und Ressentiment (Kap. 2.3. und 2.6.), darunter auch der Rachediskurs (Kap. 3.), gehören zu metonymischen Verfahren ebenso wie die Figuren des Verschweigens und (geo-)historische Inversionen und Projektionen (vgl. Kap. 2.4, 4.5. und 4.6.), chronotopische Verdrehungen und Verkettungen von Ereignissen und Tatsachen. Die Diskursivierung der andauernden Ohnmacht, erlittenen Ungerechtigkeit und Niederlage wird dabei zur konstruktiven Selbstkritik. Diskurse von Revolte und Resignation werden metonymisiert und bilden die Grundlage für das „Nach dem Aufstand ist vor dem Aufstand“-Denken, das für das polnische Selbstbewusstsein der Epoche ausschlaggebend ist. Dank der Metonymie reifen die Figuren von Warten und Hoffnung zu Diktionen des Handelns heran. Nostalgisch-elegische, melancholische Narrative verführen zu cholerischen Wutausbrüchen. Metonymie als Figur der Ohnmacht und der Niederlage wirkt zugleich als Figur der Potenz und des Willens zum Sieg. Dabei substituiert und generiert die Potenz die vorerst unmögliche Macht und Gewalt.

Für Polen nach 1795, das neue, antiimperial bedingte Erinnerungskulturen aufbaut, scheinen auch mnemopoetische Kapazitäten der Metonymie von entscheidender Relevanz zu sein. Das Gedächtnis „arbeitet“ metonymisch; die ganzen Bilder werden über deren Teile rekonstruiert, die als Erinnerungsreize funktionieren. Laut Jakobsons Hypothese (1983, 169) sind metonymische ← 89 | 90 → Verfahren eher in der Epik zu finden als in der reinen Lyrik. Unter Vorbehalt könnte diese Beobachtung auch für die polnische Literatur zutreffen. Die poetisch-epische Komponente nimmt in den Werken der einzelnen Autoren vor und dann noch intensiver nach 1830 zu. Mickiewicz und andere Autoren arbeiten an immer größeren Texten mit zunehmend historischer Thematik. Parallel zur epischen Dichtung entwickelt sich die literarische Kultur der gawęda (vgl. Ritz 2010c). Die Mnemopoetik des polnischen autobiographischen Schreibens des 19. Jahrhunderts beruht auf Metonymizität als Rekonstruktionsverfahren: Man sammelt nostalgisch Bruchstücke der verloren gegangenen bzw. aufzubewahrenden (szlachta-)Kultur. Semantische Reflexionen werden dabei zu metonymischen Reflexen und reaktiven Reizreaktionen apostrophiert. Träger der polnischen Kultur befinden sich in einem Überlebenskampf, der einem Floodingzustand ähnelt: Man ist permanent der stärksten angstauslösenden Vorstellung (dem Verschwinden Polens) ausgesetzt und verkoppelt dabei direkt und indirekt das Haupttrauma mit Aversionserfahrungen, die schocktherapeutisch wirken.102 Im Täuschungsmanöver des Kontiguitätsschreibens werden Verletzbarkeit und Unverwundbarkeit, Gebrochenheit und Integritätszwang zu einem zähen, pragmatischen und zugleich unwillkürlichen Ausdruck von Verstohlenheit und (selbst-)ironischer Inkongruenz. Die auf Kontiguität und Hybridität aufbauenden Metonymien reduzieren den Schmerz des Verlustes, stecken zugleich immer weitere Themen und Topoi, diskursive Dimensionen und Diktionen mit der Verzweiflung an.

Zwar beruht die Nachahmung auf mimetischen Prinzipien; die Hauptaufgabe der einander nachahmenden Literaturen Europas in den Zeiten der nationalen Selbstspezifizierung besteht jedoch, wie oben bereits betont, gerade in einem Spagat zwischen der Aneignung von Modemustern und der gleichzeitigen Behauptung der eigenen dichterischen Selbstständigkeit und nationalen Besonderheit. Die semantische Beziehung der Äquivalenz, die Metaphern und Vergleiche konstruieren, evoziert jedoch eine (Quasi-)Identität (vgl. Genette 1983, 250). Das Bewusstsein der Sekundarität einer metaphorisch aufgebauten Identität steht im Konflikt zum romantischen Gebot der Individualität und der nationalspezifischen Originalität. In dieser Situation bekommen metonymische Identitätsverfahren und -figurationen, aufgebaut auf Indirektheit und Selbsthybridisierung, neue Aktualität. Übersetzungen werden zu immer freieren Nachdichtungen und ← 90 | 91 → Variationen, man verfasst analoge und zugleich heterologe Texte. Gefragt ist die der Verschiebungs- und Entstellungsstrategie (auch im Sinne des formalistischen „сдвиг“ zu verstehende Entstellung) entsprechende intertextuelle Kontiguität bis zur Mimikry als Metonymie. Eine so konzipierte, Relation und Relativierung des Einflusses vereinende, polemische Intertextualität erzeugt immer neue, einander (re-)flektierende und (re-)produzierende multifunktionale Mehrstimmigkeiten, die zusätzlich Wasser auf die Mühlen des antikolonialen Sprechens gießen.

0.7. Kurze Zusammenfassung der Fragestellungen

Im Kontext postkolonialer Ansätze in der Mittel- und Osteuropaforschung, angereichert durch geopoetologische und identitätstropologische Fragestellungen, untersucht die vorliegende Monographie103 das intertextuelle Spannungsfeld, in dem die polnische und russische Literatur um 1830 – mit Adam Mickiewicz’ Werk und Lebenstext als deren Angelpunkt – ihre (anti-)imperialen Schreibstrategien entwickeln und in polemischer „Dialogizität“ reziproke poetisch-kulturosophische Polen- bzw. Russland-Figurationen entwerfen. Am Phänomen der Verkettung von literarischen und zugleich politisch aktuellen Nord- und Orientdiskursen wird erforscht, wie die diskurstragenden (Muster-)Motive zu Ideologemen erweitert werden und welche Transformationen sie im Zuge der „Nationalisierung“ über die jeweiligen intertextuellen Kanäle erfahren, um zur Selbstspezifizierung eingesetzt zu werden.

Die Thematisierung der Motivationen und Interdependenzen der Orientalisierungsverfahren soll dabei u.a. plausibilisieren, wie in der polnischen Dichtung ästhetisierte Fragen der Widerstandsethik verhandelt werden, sie so zum Medium und Generator einer spezifischen Kultur der Rebellion und der Niederlage wird und welche Rolle die gegenseitigen Nachahmungen und deren Revisionen dabei spielen. Das Erkenntnisinteresse zielt dabei auf die Frage, wie der für die russischen imperialen Narrative als innen- und gleichsam außenpolitisch konzipierte Problemfall Polens – verkörpert durch die biographische und intertextuelle Präsenz Mickiewicz’ im russischen Literaturleben der 1820er Jahre – die (anti-)imperialen Gesten und Diktionen der beiden Literaturen mutieren lässt bzw. wie die jeweiligen poetisch-politischen Identitätsentwürfe durch die zu ← 91 | 92 → untersuchenden reziproken intertextuellen Herausforderungen legitimiert und partiell desavouiert werden.

Indem postkoloniale Perspektivierungen zur Basis literarhistorisch fundierter Textanalyse gemacht werden, soll ein Beitrag zur (Re-)Philologisierung der primär kulturwissenschaftlich ausgerichteten postcolonial studies geleistet werden. Dies soll seinerseits eine Neubeschreibung einiger zentraler Tendenzen in der polnischen und russischen Literatur des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts ermöglichen, da diese in ihren diversen Erscheinungsformen als Ausdruck spezifischer (anti-)imperialer Intertextualitätsstrategien lesbar werden. Die vorliegende Monographie soll einen Beitrag zu einer Forschungsrichtung leisten, die man in Analogie zur geschichtswissenschaftlichen new imperial history als neue imperialhistorische Literaturgeschichte bezeichnen könnte.


1 Die Primärtexte werden in der vorliegenden Monographie original zitiert. Es wird auf die gängigen „klassischen“ Übersetzungen allein aus dem Grund verzichtet, da es sich in den meisten Fällen um konkrete lexikalische Konvergenzen handelt, die so wörtlich wie möglich übersetzt werden müssen, sogar auf Kosten ihres poetisch-ästhetischen Wertes.

2 Diese Formel, die die Verbindung zwischen Mickiewicz’ Verserzählung Konrad Wallenrod und dem Novemberaufstand (dem Sturm des Warschauer Belvedere-Palastes, des Sitzes des Großfürsten Konstantin Pavlovič) auf den Punkt bringt, wurde gleich zu Beginn der Rebellion am 29. November 1830 ausgesprochen. Ihre Autorschaft ist unklar: Man schrieb sie neben dem Dichter und Rebellen Ludwik Nabielak auch Ignacy Chodźko und Seweryn Goszczyński zu.

3 Nach dem russisch-persischen Krieg von 1804–13 gewann Russland die Oberhand über das östliche Georgien, Dagestan und weite Teile Transkaukasiens. In Folge des nächsten russisch-persischen Krieges (1826–28) wurden die Khanate von Erivan (Erevan bzw. Ėrivan’) und Naxçivan (Nachičivan’) an Russland abgetreten. Weitere Erfolge verbuchte Russland in den Kriegen gegen die Hohe Pforte (1806–12, 1828–29). Nach dem Frieden von Bukarest (1812) erhielt Russland Bessarabien und nach dem Vertrag von Adrianopel (1829) den Großteil der Ostküste des Schwarzen Meeres sowie das Donaudelta. Zu den russischen Eroberungen im Kaukaus und später in Zentralasien vgl. Sahni 1997.

4 Der untersuchte Zeitraum endet etwa um 1832–34, als Mickiewicz sein letztes großes Werk vollendet und somit die Phase der unmittelbaren Reflexion der Ereignisse von 1830/31 und deren Folgen abschließt. Der Aufstand ist endgültig vorbei, es beginnt eine neue Ära. Auch in der russischen Literatur sei um 1831/32 ein Umbruch zu beobachten, der innerhalb weniger Jahre im Diskurs wie im Feld der russischen Literatur gleichsam keinen Stein auf dem anderen belassen wird (vgl. Grob 2004, 168f.).

5 Vgl. Lednicki 1939 und 1955, Gomolicki 1949, Fiszman 1956, Landa 1976a und 1976b, Dworski 1983, Rothe 1998, Świderska 1999, Kissel 2002, Orłowski 2003a und 2003b. Die Ergebnisse dieser Recherchen werden in der jüngsten Untersuchung von Dmitrij Ivinskij (2003) erweitert. Das Interesse lässt nicht nach, und zwar auch in Übersee (vgl. Naumenko 2011 oder den amerikanischen Sammelband zu polnisch-russischen kulturellen Beziehungen: Ransel 2005). Als ein wichtiges Kapitel dieser Beziehungen agiert die Puškin’sche Auseinandersetzung mit dem polnischen Aufstand (vgl. Dixon 2005).

6 Vgl. Berndt 1961, Galster 1962. Zu den intertextuellen Überschneidungen zwischen Ryleev und Puškin vgl. auch Jekutsch 1988.

7 Vgl. Galster 1987, 24–48. Im Bezug auf die beiden letztgenannten sind vor allem die Publikationen von Abram Rejtblat (1990 und 1993), Aleksandr Feduta (2004 und 2005), Natal’ja Akimova (2002), Thomas Grob (2001), Daria Ambroziak (2007), Tat’jana Kuzovkina (2007a und 2007b), Mirja Lecke (2004 und 2009) und Petr Gluškovskij (2013) zu nennen. Die führende Rolle bei der Publikation zahlreicher Artikel und Materialien zur polnisch-russischen Interkulturalität um 1825 spielten und spielen immer noch die Zeitschrift und der Verlag Novoe literaturnoe obozrenie. Vgl. die editionsphilologisch fundierten und akribisch kommentierten Ausgaben von Rejtblat (Bulgarin 1998) und Pržeclavskij 2010.

8 Mickiewicz’ Russlandbilder im Ustęp untersuchen Rolf Fieguth (1997) und Aleksander Lipatow (1998 und 1999, 214–230, erweitert in 2003, 181–218). Zum russischen Kontext des Ustęp vgl. Zielińska 1998, 71–137. Zum Weiterleben von Mickiewicz’ Russland-Bild in der Russland-Essayistik Czesław Miłosz’ vgl. Zemła 2009, 179–283. Diesbezüglich sind außerdem die Studien Elżbieta Kiślaks (1991) (zu Słowackis Russland-Vorstellungen) und Jerzy Fiećkos (2005) (zu Krasińskis Russophobie) zu nennen. Vgl. auch die jüngste Untersuchung Jerzy Fiećkos (2011) zum Verhältnis Krasiński – Mickiewicz, in der auch Krasińskis Position zu Russland als radikalisierende Replik auf Mickiewicz’ Russland-Bild thematisiert wird.

9 Mirja Lecke (Lekke 2012 und Lecke 2015, 323–340) untersuchte ebenfalls koloniale Diktionen und Konstellationen beim „russischen Kipling“ Aleksandr Kuprin, der in seinen Werken, die in den westlichen Gouvernements des Imperiums spielen, kulturelle Distanzen modelliert und manipuliert.

10 Vgl. zu Mickiewicz’ Orientalismen: Koropeckyj 2001, Zajączkowski 1955, und zu denen Puškins: Ram 1998 und 2003, Hokanson 1998 u.a.

11 In ihrer kurzen essayistischen Replik zu Conrads Geburtsort kritisiert Ludmilla Voitkovska (2010) den Polonozentrismus von Conrad-Biographien und Conrad-Artikeln in literarischen Enzyklopädien, der sich u.a. darin ausdrücke, dass, nach Meinung der Forscherin, anachronistisch-revisionistisch behauptet werde, Conrad sei in der „polnischen Ukraine“ geboren worden.

12 Anlässlich des 150. Geburtstags von Conrad fand 2007 am Polnischen Institut Leipzig eine Tagung statt, die sich dem polnischen bzw. ukrainischen Substrat in Leben und Werk des englischsprachigen Schriftstellers polnischer Abstammung widmete. Die Problematik der Tagung (und des Sammelbandes) umfasste Conrads Herkunft und seine späte Zweisprachigkeit, seinen Status in der englischsprachigen Literatur, den Vorwurf des Verrats am Polentum und nicht zuletzt sein kritisches Verhältnis zu Russland und zur russischen Literatur. Der Sammelband (Schenkel, Trepte 2010) ist vor allem eine erneute Einladung zu einem interdisziplinären „europäischen Gespräch“ über Joseph Conrad, wie der Untertitel des Bandes sagt, und ein Versuch klar zu machen, dass ein adäquates Verständnis des Phänomens Conrad nur dann möglich wäre, wenn seine polnische Kresy-Identität Berücksichtigung finden würde.

13 Den wichtigsten Schauplatz für die Polemik mit Dostoevskij bilde Conrads Roman Under Western Eyes, der erst im Lichte seines intertextuellen Umfeldes, zu dem neben Igrok (Der Spieler) und Brat’ja Karamazovy (Die Brüder Karamazov) auch Prestuplenie i nakazanie (Verbrechen und Strafe) gehören, voll zur Entfaltung komme (vgl. Majewska 2010).

14 Vgl. vor allem das Unterkapitel zum Zusammenbruch der narrativen und auktorialen Distanz (Bimberg 2010, 156–158).

15 Bei Wiesław Krajka (2010) wird die Conradiana im Nachkriegspolen nachgezeichnet: Erst nach 1956 sei das Schweigen über Conrad gebrochen worden. Als Höhepunkt dieser Phase markiert Krajka das Erscheinen von Conrads Gesammelten Werken (1972–74). In den späten 1970er Jahren werde Conrad im Kontext der Exilliteratur entdeckt (vgl. Krajka 2010, 66f.). Ausschlaggebend dafür sei die Verleihung des Nobelpreises an Czesław Miłosz gewesen.

16 Zděnek Beran (2010) umreißt die Rezeption Conrads in Tschechien: Zunächst sei der bloß sehr fragmentarisch übersetzte Conrad zusammen mit Kipling und Jack London rezipiert worden. Zu einer Wende in der Wahrnehmung Conrads komme es Anfang der 1930er Jahre, als seine Werke eines nach dem anderen auf Tschechisch publiziert werden. Von 1948 bis 1956 trete eine Pause in der Conrad-Rezeption ein, die auf die antirussische Haltung des Schriftstellers zurückzuführen sei. Das Tauwetter bringe eine neue Conrad-Rezeptionswelle: Man versuche dabei Conrads Bedeutung herunterzuspielen – erstens werde er zu einem Autor der Jugendliteratur und zweitens zum Verfasser exotischer Reise-Geschichten erklärt (vgl. Beran 2010, 139). Zu hinterfragen ist, inwieweit solche Strategien eine Art editorisches Anti-Zensur-Manöver darstellen. Seit 1984 erscheinen in Tschechien fast keine neuen Conrad-Übersetzungen mehr. Dass kürzlich Conrads The Nigger of the „Narcissus“ einfach aus dem Slowakischen ins Tschechische übersetzt wurde, zeuge von der immer noch andauernden Krise der Conrad-Rezeption in der Tschechischen Republik.

17 Maria-Luise Egbert (2010) konzentriert sich auf die deutschen Conrad-Übersetzungen. Dabei zeigt die Forscherin anhand von konkreten Textbeispielen, indem sie Übersetzungen abgleicht, wie die Übersetzungen auf die Zeitkritik und die Rezeption (zuletzt die postkoloniale) reagierten und zahlreiche Conrad-Interpretationen berücksichtigten. Der rhetorische Raum der Übersetzungen wird dabei zu einem weiteren Interpretationsort.

18 Alfred Sproede und Mirja Lecke (2011, 31f.) meinen, dass wenn das charismatische Universalgenie Kurtz in Conrads Heart of Darkness für die Romantik und für Europa stehe, dann sei die Ergebenheit des Russen Harlekin gegenüber Kurtz als allegorischer Verweis auf Russlands fatalen „Drang nach Europa“ zu verstehen, dem schließlich auch Polen zum Opfer gefallen sei. Einer weiteren Überlegung bedarf die Tatsache, dass Kurtz einen deutschen Namen hat: So schlägt Conrad, der paradigmatischen Strategie von Mickiewicz’ Konrad Wallenrod folgend, zwei „koloniale Fliegen“ – Deutschland und Russland – mit einer Klappe.

19 Als ein weiterer geistiger „Vorläufer“ der postkolonialen Problematisierung der Kulturgeschichte Ostmitteleuropas gelte, so Sproede und Lecke (2011, 33f.), Witold Gombrowicz mit seiner Thematisierung der Formen illegitimer Macht, die sich „unterhalb“ der militärischen und staatlichen Herrschaftsausübung entfalten. Im Kontext des Gesprächs über die Vorgeschichte der postcolonial studies in und über Mitteleuropa ist natürlich auch Czesław Miłosz zu nennen, und zwar vor allem in Bezug auf die von ihm diskursivierten hybriden subkolonialen kulturellen Formationen im polnisch-litauisch-weißrussisch-jüdischen Dazwischen.

20 Vgl. dazu die Überlegungen von Ulrich Best (2007, 67f.).

21 Izabela Surynt, die sich seit Jahren für die Etablierung der postcolonial studies in Polen einsetzt (vgl. ihre frühen postkolonial inspirierten Untersuchungen: Surynt 2004 und 2006), bietet an anderer Stelle (2007b) einen Überblick über die postkolonial zu fokussierenden Heterostereotype in den Polen-Diskursen der deutschen Literatur, von E.T.A. Hoffmann und Lenau bis Grillparzer (2007b, 298–301), wobei sie den Schwerpunkt auf Gustav Freytag legt (2007b, 303–307). Zum negativen Deutschenbild, entstanden durch die romantische Ästhetisierung der Kreuzritterthematik, vgl. Zybura 2010. Zum polnisch-deutschen Erinnerungsort Tannenberg vgl. Przybyła 2010 und Schenk 2005. Zu den Kreuzritternarrativen in Preußen vgl. auch Surynt 2010.

22 Vgl. Skórczewskis theoretischen Beitrag (2008) in Teksty drugie (d.h. in der polnischen Zeitschrift, die zum Hauptaustragungsort der postkolonialen Diskussionen in und über Polen avancierte), in dem die fast zehnjährige Wissenschaftsgeschichte der verschiedenen postkolonial inspirierten Ansätze skizziert wird.

23 Die jüngsten slavistischen (Fall-)Studien demonstrieren sehr gut, dass es viel produktiver ist, nicht im naiven und theoretisch-methodisch veralteten „Para-Saidismus“ Orientalismusforschungsschemata auf Ost-, Mittel- und Südeuropa zu übertragen (woran sehr viele postkoloniale Untersuchungen litten bzw. immer noch leiden), sondern jeweilige Othering-Strategien jedes Mal erst im konkreten politischen, kultur- und literaturhistorischen Kontext zu lokalisieren und dann in ihrer diskursiven Vielfalt zu problematisieren. So deckt Gun-Britt Kohler (2012) anhand von Matija MažuranićPogled u Bosnu (Blick nach Bosnien) die Multifunktionalität des osmanischen Themas für die kroatische Romantik auf. Zum einen gestatteten Diskursivierungen des türkischen Elements einen Anschluss an die dalmatinische Literaturtradition der Renaissance; zum zweiten fungiere das Osmanische als eine Metapher (oder auch Metonymie?) für andere, politisch aktuellere kulturelle Gefahren (Magyarisierung); und zum dritten integrierten die Orientalismen „Bosnien“ in die geopolitische und geokulturelle Sphäre nationaler Selbstmodellierungen (vgl. Kohler 2012, 374f.). Ivan MažuranićSmrt Smail-age Čengića (Der Tod des Smail-Aga Čengić) evoziere dagegen eindimensionale Türkenbilder, die eine negative Vorlage für die kroatischen national-diskursiven Selbstbehauptungen bildeten.

24 Andreas Lawaty (2007) verweist auf die Produktivität interdisziplinärer, geschichtswissenschaftlicher und literaturhistorischer Ansätze bei der Untersuchung der polnischen Kultur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu Recht kritisiert er die deutsche Geschichtswissenschaft, welche die Romantik als den entscheidenden rhetorischen Raum der Nationenbildung vernachlässigt (Lawaty 2007, 22f., 33f.). Johann Gottlieb Fichte und Mickiewicz vergleichend, betont Lawaty die für den polnischen Prozess des nation-building entscheidende Komponente der Fremdherrschaft. Somit artikuliert auch er indirekt die postkoloniale Problematik der romantischen Nationenerfindung.

25 Zur komplexen und kontextbedingten Multifunktionalität polnischer Orientalismen vgl. auch exemplarisch Jens Herlths (2012) Analyse von Stanisław Ignacy Witkiewicz’ Roman Nienasycenie (Unersättlichkeit). Herlth analysiert Witkiewicz’ katastrophistisch-eschatologische, dystopische Visionen: Das Ende der Welt findet im Roman im von Chinesen besetzten Polen statt. Der polnische Avantgardist verwendet dabei sowohl orientalistische Topoi der „gelben Gefahr“ als auch alte – und immer wieder modifizierbare – Konstrukte Polens als Grenzraum zwischen barbarischem Chaos und zivilisatorischer Ordnung. Der Text sei als eine große Allegorie zu lesen (Herlth 2012, 309): Asien-Bilder werden dabei zum Lackmuspapier des Kulturpessimismus und der Geschichtsmüdigkeit, an denen die Menschheit (bzw. Polen) zu Grunde geht. Herlths Untersuchung macht indirekt aufmerksam auf die in der Forschung bisher noch nicht genug thematisierten diskursiven Verbindungen zwischen dem raffinierten Fatalismus der Moderne und dem, was ich „dekadente Kulturhypochondrie“ nennen würde, sowie deren zeitgenössische u.a. katastrophistische Reflexionen und Verhandlungen in den orientalistischen Kulturmetaphern. Im Motiv der „gelben Gefahr“ extrahiere das moderne Kulturdenken seine Ängste (Herlth 2012, 310) und phantasmatischen Lieblingsphobien und -apathien. Witkiewicz schreibe fort, was Dmitrij Merežkovskij ein Vierteljahrhundert zuvor formuliert habe: Die „gelbe Gefahr“ drohe nicht von außen, sondern von innen, Europa barbarisiere sich selbst (Herlth 2012, 312). Die Außerkraftsetzung der dezisionistischen Prämissen, die im Roman realisiert wird, bezeichnet Herlth in Anlehnung an Roland Barthes als einen Übergang ins Neutrale, das die Sinnstiftung suspendiere. Es überrasche nicht, dass dieser Zusammenhang auch bei Barthes orientalistisch gefärbt sei. Stichwortgeber des Neutralen seien bei ihm Taoismus und Zen-Buddhismus (vgl. Herlth 2012, 316f.).

26 Zur antiimperialen Mimikry vgl. Kap. 0.5. der vorliegenden Untersuchung.

27 Dem Problem der polnischen Mimikry, diesmal am Beispiel von Henryk Sienkiewicz’ Erzählung Sachem, widmet Uffelmann einen anderen Artikel (vgl. Uffelmann 2011). Dabei attestiert er dem Sienkiewicz’schen Sachem eine vor Mickiewicz’ intertextuellem Hintergrund stattfindende neowallenrodistische Form der mimikryhaften antikolonialen Handlung.

28 Vgl. die Versuche der 1990er Jahre (Speck 1997 und Meyer 1998/1999), den Formalismus für den Poststrukturalismus attraktiv zu machen.

29 In Samuel Twardowskis versepischem Reisetagebuch, das er als Teilnehmer der polnischen Gesandtschaft nach Istanbul verfasste, werde Polen-Litauen als Grenzposten des Abendlandes beschrieben, und zwar sowohl in der Abgrenzung zum osmanischen Islam als auch zum orthodoxen Russland (Gall 2012, 246f.). Twardowskis Sarmatismus sei dabei nicht einfach als pronationale Ideologie aufzufassen, sondern im Gegenteil als ein „international“, ja „slavophil“ konzipiertes Projekt zur Integration der christlichen Südlaven in einen gemeinsamen Abwehrverbund. Der vielschichtige Begriff der „Vormauer der Christenheit“ bezeichne bei Twardowski mal die Grenze zum Osmanischen Reich, mal die konkrete Befestigungsanlage Kamieniec Podolski, mal Polen-Litauen insgesamt. Twardowskis Rhetorik der Grenze, die kulturosophisch-historiosophische und zugleich realpolitische Dimensionen einschließe, bleibe dabei ein zu verhandelndes Identitätsprojekt. Seinerseits thematisiert Wacław Potockis Versepos Transakcja wojny chocimskiej (Der Verlauf der Schlacht bei Chocim) die Schlacht bei Chocim (1621), dabei gehe es dem Autor um die moralischen und letzten Endes philosophischen Facetten des kriegerischen Geschehens: Die Uneinigkeit, die er diagnostiziere, bringe das Problem einer in ihrem Wesen gefährdeten metaphysischen Ordnung (ordo) zum Ausdruck. Der Vorstoß der Osmanen werde als heilsgeschichtliches Elementarereignis gedeutet (Gall 2012, 251). Für Potockis kulturelle Kartographie sei relevant, dass er die Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich in den eigenen, polnischen Wertehorizont integriere, der durch das für seine eschatologische Geopoetik zentrale Begriffpaar Einigkeit – Uneinigkeit („zgoda“ – „niezgoda“) markiert werde.

30 Zur polnischen Versepik als Medium imaginierter Sozialisierung vgl. auch Gall 2010a.

31 Mit dem Themenkomplex Gender und Nation beschäftigt sich auch Arkadiusz Bagłajewski (2007). Der Forscher untersucht Krasińskis Projekt einer von Hegel inspirierten romantischen Synthese von Kunst und Liebe, welche die seit der Aufklärung neu problematisierte Geschlechterdifferenz überwinden soll.

32 Für die hier interessierende literaturhistorische Epoche sind auch andere postkolonial inspirierte Beiträge zur Ballade von Relevanz. Brigitte Schultze (2007) analysiert, wie die Rollenfiguren in Aleksander Fredros Pan Jowialski und Słowackis Balladyna Textmuster, Genrefolien und Subtexte deformieren. Die beiden Stücke stellten mit ihrer stellenweise hypertrophen Textbezogenheit – von Shakespeare über Byrons Manfred bis zu Chodźkos Maliny und Mickiewicz’ Świtezianka und Lilije – kaum „eine Flucht aus der konkreten politischen Wirklichkeit“ nach 1830/31, sondern eher „Warnungen vor dieser Orientierung an Texten“ dar (Schultze 2007, 248). Im Gegensatz zu Georg Büchners Leonce und Lena mit seiner „ironischen Zurückweisung des romantischen Textprogramms“ stellt die „intertextuelle Auf- und Überladung“ bei Fredro und Słowacki eine „Projektionsfläche zur Verhandlung der Kulturnation“ (Schultze 2007, 239, 247) dar.

33 So beruft sich auch Boris Grojs (Groys) (1993, 358) auf Solov’ev und spricht von der Selbstkolonisierung des russischen Volkes. Vgl. auch Mark Bassins Interpretation von Solov’evs Konzept (Bassin 1993). Inspiriert von Boris Grojs gebraucht auch Dragan Kujundzic (2000, 894) den Begriff der Selbstkolonisierung.

34 Hier kreuzen sich die Fragestellungen der Forscher der inneren Kolonisierung mit den Fokussierungen der geokulturologischen und geopoetologischen Perspektivierungen, die sich in der Slavistik ebenfalls in den späten 1990er und vor allem in den 2000er Jahren etabliert haben (vgl. Kap. 0.4.). Bezeichnend ist in dieser Hinsicht, dass genau aus der geopoetologischen wissenschaftlichen Ecke eine erste Warnung bezüglich Ėtkinds These ausging: Nach Susanne Frank (2003, 1670) verberge sich hinter der zu enthusiastischen Diskussion von Ėtkinds Paradigma die latente Gefahr einer Fortsetzung der imperialen Diskurse mit anderen Mitteln. Vgl. die Anmerkung Franks mit der skeptischen Befürchtung Aleksander Fiuts (2003), dass die kulturwissenschaftlich-gesellschaftliche Bearbeitung der polnischen „kolonialen“ Vergangenheit Öl ins Feuer der traditionellen polnischen Selbstviktimisierungen gießen würde.

35 In seinem Manifest des wissenschaftlichen Paradigmas der inneren Kolonisierung kritisiert Ėtkind (2003, 108) direkte Übertragungen des Orientalismusbegriffes auf Russland bzw. dessen Anwendung auf die östlichen Eroberungen des russischen Imperiums, die in einigen Arbeiten stattgefunden hat (vgl. Khalid, Knight, Todorova 2000).

36 Im Gegensatz zur Kolonisierung durch die klassischen Imperien (mit ihren Überseekolonien in unterschiedlichen Erdteilen) habe, so Ėtkind (2003, 109), die Kolonisierung Russlands einen zentripetalen Charakter. Die Hauptwege der russischen Kolonisierung gingen nicht nach außen, sondern ins Innere der Metropole: nicht in die Türkei, nicht nach Polen und nicht nach Sibirien, sondern in die Tulaer, Pomor’e- und Orenburger Dörfer. Hier habe der Staat Latifundien verteilt und die Aufstände niedergeschlagen, hier habe man Urgemeinschaften entdeckt und die Folklore aufgezeichnet. Hier habe man alte Bräuche und seltsame Religionen erforscht, von hier „Mißgeburten und Raritäten“ in die Sammlungen der Hauptstadt gebracht, hierher seien die Pilger wie ins Morgenland gezogen. Missionierung, Ethnographie und exotische Reisen, diese charakteristischen Phänomene des Kolonialismus, seien ins Innere des eigenen Volkes gerichtet worden, Russland habe sich selbst kolonisiert und sich sein eigenes Volk einverleibt.

37 Als Beispiel führt Lipoveckij (2012, 814) Michail Bulgakovs Rokovye jajca (Verhängnisvolle Eier) und Sobač’e serdce (Das Hundeherz) an.

38 Dieses Schema wird, so Lipoveckij (2012, 814), in Il’ja Ėrenburgs Den’ vtoroj (Der zweite Tag) entworfen und lässt sich in mehreren Werken, von Boris Pasternaks Doktor Živago über Anna Achmatovas Rekviem (Requiem) und Nadežda Mandel’štams Vospominanija (Erinnerungen) bis zu Vasilij Grossman und Jurij Dombrovskij verfolgen.

39 Das Thema des Intelligenzlers als Objekt und/oder Subjekt der inneren Kolonisierung ist auch für die postmoderne russische Literatur relevant. Ellen Rutten (2012) betrachtet in ihrer Studie den Mythos von der schönen Braut Russland als eine kulturelle Trope, in der die Intelligencija und die Macht als männliche Kräfte präsentiert werden, die um die Gunst der orientalisierten und feminisierten „Rossija“ kämpfen. In diesem Konstrukt tritt der Staat als böser Ehemann auf, von dem der Intelligenzler die begehrte Braut befreien will, aber nicht kann. Ellen Rutten konstatiert die Vitalisierung und Erotisierung des Diskurses des innerorientalistischen Dreiecks in der postsowjetischen Kultur und Literatur bei Vladimir Sorokin, Viktor Pelevin und Timur Kibirov.

40 Vgl. einen seiner programmatischsten Artikel zum Paradigma der inneren Kolonisierung in Ėtkind 2002. Vgl. auch Andreas Kappelers Artikel (2000) in der ersten Ausgabe von Ab Imperio.

41 Vgl. Ab Imperio 2002, Nr. 1, 239–368, 2004, Nr. 1, 11–289, 2008, Nr. 1, 357–519. Zum Gebrauch des Begriffs der inneren Kolonisierung vgl. auch Liu 2000 und Knight 2002.

42 Vgl. die Untersuchungen von Frank (2003) und Jörg Baberowski (1999). Unter den deutschen international rezipierten Beiträgen zur Diskussion ist unter anderem auf Jürgen Osterhammels Buch (2006) zu verweisen.

43 Einen weiteren wichtigen Schritt zur – wenn auch durchaus selbstkritischen – „Kanonisierung“ und Fundierung der Untersuchungen von slavischen Orientalismen bildete der von Wolfgang Stephan Kissel (2012b) herausgegebene Band Der Osten des Ostens. Orientalismen in slavischen Kulturen und Literaturen. Im Gegensatz zu vielen anderen postkolonial inspirierten Untersuchungen wird im Band weniger die Anwendbarkeit des neuen kulturwissenschaftlichen Paradigmas auf Mittel- und Osteuropa diskutiert, sondern vielmehr konkrete Fallstudien betrieben. Der Sammelband fokussiert nicht nur diverse Formen slavischer literarischer Orientalismen – so im programmatischen Plural, der indirekt den essentialistischen Singular von Edward Saids Orientalismus-Begriff kritisiert –, sondern vor allem ihre Multifunktionalität in verschiedenen Epochen und Diskursen des die moderne Slavistik interessierenden Kulturraumes. Der Begriff des Orientalismus wäre im Geiste Homi Bhabhas im Plural (Orientalismen) zu gebrauchen. Der Plural würde die Systematik von Saids Kritik zusätzlich abschwächen: Bei dem von Said markierten Phänomen handelt es sich nicht um ein Verfahren, sondern vielmehr um mehrere unterschiedliche interferierende und konkurrierende, ja konfligierende diskursive Praktiken.

44 Die Produktivität seiner terminologischen Differenzierungen testet Uffelmann (2012b, 78–93) am Beispiel von Aleksandr Radiščevs Putešestvie iz Peterburga v Moskvu (Die Reise von Petersburg nach Moskau) aus. Dabei kehrt er zu seinen Überlegungen zur Performativität der orientalisierenden Redeakte zurück, die er zuvor an den entsprechenden polnischen Phänomenen aufgestellt hat (vgl. Uffelmann 2007).

45 Igor’ Smirnov gebraucht den stalking-Begriff auch dort, wo eventuell vielmehr mobbing als Praktik des schikanierenden Psychoterrors passen würde. Hat Smirnov stalking präferiert, weil er paronomastische Affinitäten zu „столкновение“ (Zusammenstoß) und „Stalin“ (einem der Objekte seiner Perspektivierung) aufbaut, die noch mehr Dramatik und Unheimliches evozieren, was Smirnovs Interpretation emotional unterstützt? Es ist natürlich reine Spekulation; man soll jedoch die lautlich-paronomastische, poetische Energie der Begrifflichkeiten nicht unterschätzen. Vgl. das Spiel mit Alliterationen in Titeln vieler aktueller Aufsätze und Monographien. Auch in der vorliegenden Arbeit wird diesem Topos, ja Klischee Tribut gezollt.

46 So prallen in Andrej Belyjs Peterburg (Petersburg) diverse selbtorientalisierende und selbstokzidentalisierende Diskurse im ägyptischen Thema (und seinen orientalistischen Derivaten) aufeinander (Kissel 2012a, 100–102): Mithilfe von Orientalismen zeichne Belyj die Bedrohungskulisse, vor der der Untergang des Zarenreichs stattfinde (Kissel 2012a, 111). Zur Schilderung einer anderen zivilisatorischen Katastrophe dienen die Orientalismen (und darunter die Ägyptisierungen) in der (post-)Berliner Prosa Belyjs: Der (Ex-)Symbolist, der nach Sowjetrussland zurückkehrte und den sowjetischen Kritikern seine Aktualität zu beweisen und sich zu rehabilitieren suchte, „verdammt“ das Berlin der russischen Emigration. Das „ägyptische“ Berlin der 1920er Jahre verkörpert den dekadenten Zerfall und Rückfall des Westens in den „Atavismus“ (Kissel 2012a, 102–109). In der Erinnerungsprosa der 1930er Jahre reflektiert Belyj erneut seine Reise nach Ägypten, das nun für die kommende Ära des Kollektivismus stehe (Kissel 2012a, 110f.). Anders verläuft die Entwicklung von Mandel’štams Ägyptismen (Kissel 2012a, 111–119). Zum einen partizipiert Mandel’štam an den sinnstiftenden Ägyptendiskursen der russischen Moderne, zum anderen distanziert er sich davon, wobei die in den 1920er Jahren stattfindende Rückbesinnung auf seine jüdische Identität eine große Rolle spielt. Im scharfen Kontrast zur elitären Künstlermythologie und zur hermetischen Selbst-Alexandriaisierung eines Michail Kuzmin übersetze der Autor der programmatisch fragmentarischen, Dissonanzen stiftenden Egipetskaja marka (Die ägyptische Briefmarke) das ägyptische Erinnerungsbild in eine Epochenanalogie und nutze so sein diagnostisch-analytisches Potenzial. Der anbrechende Monumentalismus des Sowjetprojektes wird dabei kritisch mit archaischen (wie der ägyptischen bzw. assyrischen) Kulturen und sozialen Strukturen parallelisiert.

47 Für den offiziellen Diskurs wird die Aneignung der „leeren Räume“ – Brachland („целина“) und Sibirien – aktuell: Diese Strategie generiere sowohl „reine“ Fälle der neokolonialen Literatur – ein Beispiel dafür stellt Оleg Kuvaevs Territorija (Territorium) dar (Kukulin 2012, 856–861) – als auch neue, postkolonial anmutende Schreibmodi, die im Mittelpunkt von Kukulins Interesse stehen.

48 In Solženicyns Essay über Reue und Selbstbegrenzung als Kategorien des nationalen Lebens werde der ethnische Essentialismus mit der aktuellen Rhetorik des Umweltschutzes und der Vergangenheitsaufarbeitung verknüpft. Im Gegensatz zur Besiedlung („заселение“) sollte die Nachkriegszeit-Akkulturation den Status quo nach den Massendeportationen von Angehörigen bestimmter Ethnien unterstützen. Ihre Reflexion erzeugte eine neue Variante des postkolonialen Schreibens. Als Beispiele eines solchen Schreibens in den 1970er Jahren nennt Kukulin Semen Lipkins Roman Dekada (Die Dekade) und Fazil’ Iskanders Sandro iz Čegema (Sandro aus Čegem) (vgl. Kukulin 2012, 271–282).

49 Irina Ševelenko (2012) analysiert die Strategien der Selbstbeschreibungen Russlands auf der Pariser Ausstellung von 1900. Hier wurde zum einen die Metropole durch die Peripherien inszeniert: Die Abteilung für Russlands Randgebiete, stilisiert zum Moskauer Kreml in Miniatur, wurde zum Hauptpavillon Russlands. Zum anderen wurde das Nationale als das Russisch-Nationale durch die Kulturtraditionen der Subalternen inszeniert, die sich die Eliten aneignen: Neben dem Peripherienpavillion stand die Gewerbe- bzw. Handwerksabteilung, in der sowohl Erzeugnisse der Bauern als auch der professionellen Künstler ausgestellt wurden. Ausgenommen aus einer solchen Selbstrepräsentation wurde die Kultur der modernen europäisierten russischen Eliten. Die äußere (territoriale) und die innere (kulturelle) Kolonisierung ergänzten einander und ersetzten bzw. vertraten die imaginierte Identität der Eliten.

50 Marija Majofis (2012) geht den Relationen zwischen der russischen Orientalistik als dem Wissen der äußeren Kolonisierung und der Volkskunde als Wissen der inneren Kolonisierung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach. Die Moskauer Forscherin bestreitet Saids These, dass der „klassische Orientalismus“ Differenzen und nicht Assimilitäten produziere. Als Beispiel für die Said-Korrektur dient Majofis die Rezeption der indoeuropäischen Theorie in Russland. Die russische Ethnographie, später der Diskurs der offiziellen Volkstümlichkeit sowie die Journalistik der 1840er Jahre, eigneten sich gezielt den Apparat der europäischen Untersuchungen an. Dabei legitimierte sich die Orientalistik genau als Basis des Quelleninstrumentariums für die Erforschung der „eigenen“ Vergangenheit. Marina Mogil’ner (2012) untersucht ihrerseits, wie in der russischen physischen Anthropologie der Jahrhundertwende das Konstrukt der jüdischen Physiognomie gestattete, Distanzen und Differenzen im Rahmen des universalistischen und philosemitischen Diskurses der imperialen Pluralität zu modellieren. Man beschrieb die „physischen Typen“ des russischen Reichs und konstruierte Verwandschaftsrelationen zwischen ihnen. Während die jüdischen Anthropologen das koloniale Konstrukt der jüdischen Physiognomie als Instrument zur Normalisierung der Autorepräsentation der Juden als einer Rassen-Nation benutzten, zeugt die Annahme der Spezifizik der jüdischen Physiognomie seitens der nicht-jüdischen Forscher von der inneren Widersprüchlichkeit des liberalen Projekts des imperialen Zusammenlebens.

51 Norimacu (2012, 301f.) spricht auch die Parallelisierungen zwischen den Diskursen der inneren Kolonisierung in Russland und in Japan an. Um die Angst vor der europäischen Kolonisierung zu sublimieren, habe Japan seine Festlandnachbarn als „Barbaren“ erobert, die man ins Imperium „integriert“ und „zivilisiert“ habe und sie somit aus Objekten der äußeren Kolonisierung in diejenigen der inneren umsemantisierte.

52 Seine Kritik der bisherigen Erkenntnisse der postkolonialen Studien zur russischen Romantik untermauert Grob (2012, 59–66) weiter an Beispielen aus den ethnographisierten Texten Bestužev-Marlinskijs: Hinter seinem Ammalat-Bek stehe das Konzept eines epistemologischen Kulturpluralismus. Lev Tolstoj evoziere Marlinskijs Kaukasus als Folie, um die Romantik zu destruieren, doch sei Tolstojs Kaukasus dem romantischen Muster näher, als er vorgebe. In Kazaki (Die Kosaken) sind die kulturell Anderen – in den Augen des Haupthelden Olenin – nicht die „горцы“ (Bergbewohner), sondern Terek-Kosaken; der Kaukasus verliere hier die Aura des Anderen. Auch Dagmar Burkhart (2012) setzt sich mit dem Orient-Diskurs in Lev Tolstojs Kaukasus-Erzählungen auseinander: Tolstoj führe die Ironie des gegenseitigen Missverstehens der verschiedenen Schichten und Nationalitäten vor, wobei er den Russen die Rolle der Barbaren zuweise. Tolstojs Erzählung sei außerdem ein Musterbeispiel dafür, wie man Ehrauffassungen in der Gegenüberstellung der synchron existierenden und konfligierenden Ehrkonzepte der kaukasischen Schamkultur und der russischen Schuldkultur im Rahmen eines Alteritätskonzeptes explizieren könne (vgl. Burkhart 2012, 81f.).

53 So avanciert der in den Metropolen des Putin’schen kolonial-postkolonialen Imperiums konzipierte Film zum immer wichtiger werdenden Medium und Generator solcher Selbstperipherisierungen, die teilweise offiziös anmutende nationalstaatliche Diskurse bedienen (vgl. Parc 2012 und Kondi 2012). Kevin Platt (2012) untersucht Probleme des geopolitischen Bewusstseins im postsowjetischen Europa am Beispiel der ethnischen Relationen im modernen Lettland und der Denkmalkultur in Riga im Besonderen. Platt folgt zunächst Dipesh Chakrabartys Aufruf zum Paradigmenwechsel in den subaltern studies durch eine kritische Re-Reflexion universalistischer Kategorien der europäischen Geschichte (Menschenrechte, liberale wirtschaftliche Systeme, Kapitalismus etc.) und untersucht die Debatten über die Anwendbarkeit der konkurrierenden Termini Okkupation und Kolonisierung bezüglich der sowjetischen Periode der baltischen Geschichte als Streit um die Zugehörigkeit der Region zur „europäischen Zivilisation“. Platt zeigt in seiner Untersuchung auf, wie labil solche Begrifflichkeiten sind und wie sie indirekt auf die Verschwommenheit der Grenzen des Europäizitätsbewusstseins hinweisen. Um die Fraglichkeit der europäischen Selbstbeschreibungen zu veranschaulichen, illustriert Platt, der seine Untersuchungen explizit in Chakrabartys Projekt zur „Provinzialisierung Europas“ einschreibt, sie bezeichnenderweise mit dem Bild der russischen matreška (Platt 2012, 148). Ein amerikanischer Forscher, der sich der Europa-Kritik eines indischen Kulturhistorikers bedient, greift bei der Dekonstruktion europäischer Selbstentwürfe zu einer russischen Metaphorik. Man kann nur spekulieren, inwieweit eine solche kritische Provinzialisierung Europas Teil der Selbst-Entprovinzialisierungsstrategie des Forschers ist.

54 Die Wende zur Zentripetalität des imperialen Denkens, die Ėtkind (2003) betont, vollzieht sich erst im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts.

55 Dem Topos der Mongolisierung im diskursiven Spannungfeld der inneren und äußeren Kolonisierung wird im vorliegenden Buch noch ausführlicher nachgegangen. An dieser Stelle wäre nur anzumerken, dass Ryleevs Konzepte bei keinem anderen als seinem anderen polnischen Freund und Gesprächspartner sowie Hauptprotagonisten dieses Buches, nämlich Adam Mickiewicz, Gehör fanden. In seinem Ustęp zum dritten Teil seiner Dziady, in dem auch das tragische Schicksal des Dekabristen Ryleev thematisiert wird, wird Mickiewicz die Ryleev’schen „Mongolisierungen“ der inneren russischen kolonialen Gewalt aufgreifen und neu interpretieren (vgl. Kap. 4.5. und 4.6.).

56 Vgl.: „Кто не слыхал из нас о хищных печенегах, / О лютых половцах иль о татарах злых, / О их неистовых набегах / И о хищеньях их? / Давно ль сей край, где Дон и Сосна протекают / Средь тучных пажитей и бархатных лугов / И их холодными струями напояют, / Был достоянием врагов? / Давно ли крымские наездники толпами / Из отческой земли / И старцев, и детей, и жен, тягча цепями, / В Тавриду дальнюю влекли?“ (Wer von uns hörte nicht von den räuberischen Pečenegen, / Von den grausamen Polovcen oder von den bösen Tataren, / Von ihren verwegenen Angriffen / Und von ihren Raubzügen? / War etwa dieses Land, wo der Don und die Sosna fließen, / Inmitten der reichen Ackerflächen und samtenen Wiesen, / Und sie mit kalten Strömen begießen, / Die Beute der Feinde? / War es lange her, dass die Krimreiter in Scharen / Aus dem Vaterland / Die Alten und die Kinder und die Frauen, in schweren Fesseln / In das ferne Tauris fortbrachten? Ryleev 1971, 70f.).

57 Zum topographical turn vgl. Weigel 2002. Wie eng die Studien zum imperialen Schreiben und zur Geopoetik zusammenarbeiten bzw. wie das Imperiale erst unter der Berücksichtigung seiner geopoetischen Gestaltung erschließbar wird, zeigen u.a. Beiträge von Kristin Kopp (2010) und Harsha Ram und Zaza Shatirishvili (2004 und 2010). In ihrer Untersuchung der romantischen Geopoetik im Zeichen der imperialen Aneignung des Kaukasus bringen Ram und Shatirishvili außerdem den Aspekt der (anti-)imperialen Intertextualität ins Spiel, der für die vorliegende Arbeit zentral ist.

58 Zur Geschichte des Begriffs der Geopoetik und seiner Derivate vgl. Marszałek, Sasse 2010b, 7–9.

59 Vgl. Frank 1997, 2001, 2002, 2003, 2010a, 2010b, 2011. Von wachsendem Interesse für die ostslavischen Geo- und Klima-Diskurse zeugt eine Reihe von Artikeln in der Zeitschrift Novoe literaturnoe obozrenie (2009, Nr. 99): Bogdanov 2009, Anisimov 2009, Kelli 2009.

60 Vgl. Franks Vorschlag Geopoetik und Geokulturologie strenger zu unterscheiden (Frank 2010a).

61 Viele der auch für die vorliegende Untersuchung relevanten Selbstbeschreibungen Russlands gehen wesentlich auf die Diskurse des 18. Jahrhunderts zurück. In dieser Zeit werden Staatsidentitäten entworfen, die ins europäische kosmologo-geographische Koordinatensystem eingeschrieben werden und in denen jedoch zugleich die räumlich bedingte Singularität Russlands hierarchisch konzeptualisiert wird (vgl. Artem’eva 2012). Die sich formende offizielle Ideologie entwirft ein Bild Russlands als eines geopoetischen oder sogar metageographischen Körpers.

62 Dass im Polnischen und im Russischen Konjunktiv I und Konjunktiv II zusammenfallen, mag die reziproke Konjunktivität der gewünschten und möglichen Zukunft und Vergangenheit begünstigt haben. Die Gegenwart als Grenze zwischen den beiden Möglichkeitsformen wird programmatisch ausgeklammert oder getilgt.

63 Zum Begriff der Geokulturosophie vgl. auch Frank 2001.

64 Uffelmann hat in seiner Dissertationsschrift (1999) die Ansätze Grübels und Smirnovs in vieler Hinsicht korrigiert und präzisiert, indem er in einem weiteren Meta-Schritt die Axiologisierung der logischen Verfahren des Trennens und des Verbindens in der russischen Kulturosophie untersuchte.

65 Puškins „Flucht in die Historiographie“ in den 1830er Jahren stellt eine indirekte Antwort auf Čaadaevs Pervoe filosofičeskoe pis’mo (Erster philosophischer Brief) dar, in dem historiosophisch die Geschichtlichkeit Russlands negiert wird. Zu Lelewels Karamzin-Kritik vgl. die Korrespondenz zwischen Lelewel und Bulgarin in Russkaja starina (1878, 8, 633–656 und 1878, 9, 75–98). Vgl. außerdem Galster 1987, 24–48. Zu Puškins Reflexionen historiographischer Konstrukte Karamzins vgl. Gall 2003.

66 Dafür, dass die Kulturosophie kein Spezifikum Russlands darstellt, spricht u.a. allein die Tatsache, dass die russischen kulturosophischen Diktionen und diskursiven Verfahren im Kontext der europäischen, vor allem deutschen und französischen Essayistik, Publizistik und Philosophie entstehen und in vielerlei Hinsicht ihre mimikryhaften Nachahmungen und Adaptationen bilden.

67 In Bezug auf Mickiewicz’ Prelekcje paryskie spricht Zdzisław Krasnodębski (2002, 40f.) von politischer Theologie.

68 Der poetisch-rhetorische Drang zum Kulturosophischen ist auch als Ersatz für das fehlende bzw. unmögliche politische Denken und Handeln zu verstehen, und zwar sowohl im besetzten Polen als auch in Russland: Der Mitauslöser der russischen Kulturosophie Čaadaev verzichtet, bevor er zu „kulturosophieren“ beginnt, auf die politische Laufbahn, da sie zwar Karriere verspricht, jedoch keineswegs die Möglichkeit politischer Aktivitäten.

69 Sowohl der Dekabristenaufstand als auch der Novemberaufstand gestalten sich als poetische Handlungen. Die Bezeichnung „Narrativ“ wäre hier fehl am Platze, da es sich auf die Prosaverfahren bezieht. Im Falle der beiden Rebellionen von 1825/26 und 1830/31 sind jedoch eher poetisch-dramatische Formate und Fakturen zu beobachten. Konrad Wallenrod und Dziady stellen in diesem Kontext eine charakteristische Symbiose des Lyrischen mit dem Dramatischen dar. Das tragische, romantisch-fatalistische Pathos und der dramatische Wille zur Niederlage konstituieren die meisten Helden der beiden politischen Unternehmen. Ihnen stehen solche Pragmatiker wie der Jakobiner Pavel Pestel’ oder der Macchiavellist Joachim Lelewel gegenüber.

70 Vgl. Thomas Klinkerts Untersuchung zur literarischen Selbstreflexion „im Medium der Liebe“ in der europäischen (Prä-)Romantik (2002). Für die slavischen Kulturen, die mit Verspätung die Romantik rezipieren und domestizieren, findet diese Selbstreflexion bereits im Medium der politisierten bzw. zu politisierenden Diskurse statt. Zur Verstrickung des Poetischen und des Politischen in der Literatur vor den beiden Rebellionen (Dekabristen- und Novemberaufstand) vgl. auch Grob 2004.

71 Bezeichnend ist in dieser Hinsicht, dass auch Michel Foucault in seinen Diskurs-Konzepten zunehmend nicht nur die Literatur fokussiert, sondern auch deren selbstreflektierende Komponente. Sie sei nicht nur Schlachtfeld bzw. Schmelztiegel diverser Diskurse, sondern auch ein komplexer, sich selbst immer wieder thematisierender Meta-Auto-Diskurs (Foucault 2003, 199f.).

72 Durch die Einbeziehung formalistischer Fragestellungen wird in der vorliegenden Arbeit zugleich versucht, den Einfluss der nicht im slavistischen Bereich entstandenen theoretisch-methodischen Ansätze der postcolonial studies zu reduzieren bzw. die „hegemoniale Macht“ der nicht-slavistischen wissenschaftlichen Paradigmen zu relativieren bzw. sie sich aneignend zu entstellen. Damit wird bereits auf der theoretisch-konzeptuellen Ebene der vorliegenden Untersuchung das gleiche („antikoloniale“) Mimikry-Verfahren angewendet, das auch das literarische Verhalten der Objekte der vorliegenden Untersuchung charakterisiert.

73 Die Problematik des Komischen in der polnischen Romantik wurde bereits in einzelnen Monographien und Aufsätzen thematisiert. Vgl. Możejko, Dimić 1988 und Żmigrodzka 1986. Zur Ironie bei Mickiewicz vgl. Bachórz 2003, 101–121, Kleiner 1964, 299–307, Piwińska 1996, Przyboś 1998, 258–262, Stefanowska 1985, Szweykowski 1949, Trybuś 1998, Wyka 1956. Zur romantischen Ironie als Form der kritischen Modifikation des spätromantischen Modells der nationalen Literatur bei Słowacki vgl. Ritz 2010b. Vgl. außerdem zu Słowackis Ironie Szmydtowa 1979, 537–581, zur Ironie in Beniowski vor dem intertextuellen Hintergrund von Byrons Don Juan bei Szturc (1994, 95–107) und bei Weintraub (1970) vor dem Shakespeares. Zur metatextuellen Ironie in Beniowski vgl. auch Taranek 2007. In den oben genannten Untersuchungen wird jedoch die (hauptsächlich spät-)romantische Ironie (bzw. Parodie) nicht als Ausdruck bzw. Medium eines antiimperialen literarischen Verhaltens interpretiert. Vgl. auch Kampkötter 2014.

74 Die ersten Ansätze einer solchen Parodieauffassung lassen sich im frühen Artikel Tynjanovs (1977, 29–37) zum Verhältnis zwischen Fedor Tjutčev und Heinrich Heine finden. Bei der „Transplantation“ der Lieder Heines in die russische Literatur verlieren erstere ihre Komik bzw. Ironie und geraten in die Diktionen der russischen Odentradition, deren später Erneuerer Tjutčev ist.

75 Es gibt kein „offizielles“ Adjektiv von Mimikry. Am geläufigsten sind „mimikryartig“ und „mimikryhaft“. In der taz (29.12.2009) wurden auch „mimikrös“, „mimikrytisch“, „mimikrisch“ und sogar „mimikrybig“ diskutiert (vgl. Gürtler 2009).

76 Der Terminus stammt von Renate Lachmann (1990, 61), die zwischen manifestem Text, Referenztext, Referenzsignal und Intertextualität unterscheidet. Letztere sei jene neue textuelle Qualität, die sich aus der durch das Referenzsignal garantierten implikativen Beziehung zwischen manifestem und Referenztext ergebe.

77 Said wurde oft dafür kritisiert, dass er die Subalternen als passiv, gar apathisch beschreibt. Derselbe Vorwurf gilt übrigens auch für viele Untersuchungen der kulturellen Praktiken innerer Kolonisierung. Jane Burbanks Fallstudie (Berbank 2012) zeigt jedoch, dass die Subalternen komplexe Widerstands- und Anpassungsstrategien entwickeln können. Die amerikanische Forscherin untersucht die Gerichtsakten in den tatarischen und tschuwaschischen Dörfern des Kazaner Gouvernements und demonstriert, wie die religiös und ethnisch heterogenen Gruppen der Bauern und kleinen Angestellten nicht nur aktiv an den Prozessen und Mechanismen der Staatsmacht mitwirken, sondern auch effektiv neue rechtliche und administrative Ressourcen nutzen, um gegen die diskursive imperiale Gewalt zu wirken und sie für ihre Zwecke zu gebrauchen.

78 Dies hat wissenschafts- und zugleich literaturhistorische Hintergründe. Während aus den formalistischen Fragestellungen hervorgeht, dass sie bei den Akmeisten und bei den Futuristen Inspirationen für ihre poetologischen Ideen schöpften, d.h. bei den literarischen Strömungen, die Wert auf Philologizität und Poetizität legten, offenbart sich im ökumenisch-symbolistischen Pathos von Bachtins Dialogkonzeption seine Verwurzelung im russischen Symbolismus und in der russischen Religionsphilosophie seiner Zeit, natürlich angereichert durch die zeitgenössische utopische Rhetorik der Internationale. Eine weitere Verbindung zur zeitgenössischen Ideologie findet man in Bachtins Buch über den Karnevalismus (Bachtin 1987), geschrieben 1940, in dem sich neofreudistische Diktionen mit marxistischen kreuzen.

79 Wissenschafts- und terminologiehistorisch gesehen ähneln Bachtins Dialogbegriff und seine westlichen poststrukturalistischen Derivate in der Intertextualitätstheorie in bezeichnender Weise auch dem programmatisch (und paradigmatisch gewordenen) mehrdeutigen „Symbol“ der russischen Symbolisten. Es gibt auch eine andere Parallele zu den Symbolisten, für die die Kunst im Allgemeinen und die poetische Kunst im Besonderen Mittel zum Zweck, zur Teilnahme am Transzendenten, eine Art ökumenisches Abendmahl war: Im „Dialog“ Bachtins – eines aufmerksamen Lesers und Anhängers Vjačeslav Ivanovs und anderer Symbolisten – findet eine typologisch und genetisch ähnliche kirchenchor- und eucharestieartige transtemporale Aktion (bzw. Dialogsituation) statt. Der Vergleich scheint legitim zu sein: Bachtin war ein religiöser und religionsphilosophisch denkender Mensch, die letzte, höchste Stufe des Dialogs bildet bei ihm der Dialog mit Gott. Die aus einer solchen Teleologie resultierende Intertextualität wird schließlich zur transtextuellen Transzendenz. Wegen bzw. trotz der mystischen Anziehungskraft von Bachtin’schen „literaturosophischen“ Konzeptionen wird in der vorliegenden Arbeit davon Abstand genommen zugunsten des literaturhistorisch geerdeten formalistischen Intertextualitätsverständnisses.

80 Der Rückzug Puškins und Mickiewicz’ aus der Dichtung erinnert an ähnliches Verhalten im Sport, zumindest in so einem intellektuellen Sport wie Schach. Nachdem Robert (Bobby) Fischer 1972 zum Weltmeister wird, verlässt er die Schacharena. Garri Kasparov folgt Bobby Fischers Verhaltensweise. Wer nach dem Erlangen des Weltmeistertitels spielt, läuft Gefahr, Zweiter, Dritter, Zehnter zu werden (José Raúl Capablanca, Michail Botvinnik). Der Fall Anatolij Karpovs ist ein besonderer. Da er ohne Kampf gegen Bobby Fischer Weltmeister wurde, musste er sein ganzes Leben immer wieder beweisen, dass er wirklich der beste Spieler ist.

81 Vgl. in dieser Hinsicht das poetische Schicksal Czesław Miłosz’ und Iosif Brodskijs, die sich in den 1980er Jahren als erste Dichter ihrer Nationen begreifen (die Nobelpreise markieren von außen diese Selbstverständnisse). Beide schreiben jedoch weiter und nutzen dabei die eigenen (Sieges-)Verfahren.

82 Dieser provisorische Neologismus (wie andere Ableitungen von Mimikry, z.B. das Adjektiv „mimikrisch“, mit dem im Weiteren operiert wird) mag manchem (wie auch seinem Autor selbst) noch das morphologische Gehör irritieren. Mit der Zeit wird man auch einen noch ungebräuchlichen Plural von Mimikry brauchen (Mimikrys oder Mimikrien?). Auch das Geschlecht von Mimikry ist noch offen (die oder das?); ich plädiere für die Mimikry, in Analogie zur metonymisch damit verbundenen Parodie.

83 Blooms kabbalistische Dekorierungen (Selbstexotisierungen) seiner Theorien werden in der vorliegenden Arbeit ausgeklammert.

84 Die Verwendung von Blooms Theorien in Bezug auf die polnische Literatur ist rar. Eine Ausnahme bildet der Artikel von Agata Bielik-Robson (2007), die zu Beginn über eine ungenügende philosophische Perspektivierung der Romantik klagt und anschließend Stanisław Brzozowskis kritische, im Bloom’schen Sinne zu interpretierende „Revision“ des „falschen Bewusstseins der Romantiker“ (2007, 220) und der „Romantik der Negation“ (2007, 223f.) untersucht: Der „forschen Rhetorik“ der Romantik liege eine „Rhetorik der Unruhe“ zugrunde (2007, 222). Dabei kontextualisiert Bielik-Robson Brzozowskis Romantik-Kritik in der zeitgenössischen polnischen Literatur und Literaturkritik um Henryk Sienkiewicz und Stanisław Przybyszewski (2007, 221) und parallelisiert sie mit Max Webers Kritik des Irrationalismus-Kults (2007, 225f.). Eine für die vorliegende Untersuchung zentrale Verbindung von postkolonialen Ansätzen und Blooms Theorie findet allerdings in Bielik-Robsons Artikel nicht statt.

85 Zur Rolle der Nachdichtung (des nicht existierenden Originals) in der englischen und deutschen Literatur von 1750 bis 1830 vgl. Kristmannsson 2005.

86 Eine bemerkenswerte Transformation erlebt Spivaks These bei deren Anwendung auf die frühsowjetische Literatur und Literaturpolitik. Il’ja Kalinin (2012) analysiert zwei theoretische Programme, die zur Überwindung der Sprachlosigkeit der Subalternen in der Kulturpolitik der 1920er beitragen sollten: LEFs „Literatur des Faktums“ und RAPPs „Einberufung der Arbeitshelden in die Literatur“. Die LEF-Utopisten bestanden darauf, dass sich der Arbeiter bewusst werden solle, dass seine alltägliche Praxis des kreativen Aufbaus des neuen Lebens bereits Rede bzw. Sprache sei, d.h. Raum des revolutionären und daher per definitionem künstlerischen Diskurses. Das RAPP-Programm, das auf die Mobilisierung der neuen Kader für die Literatur aufbaute, behauptete dagegen die Instanz des (RAPP-)Kritikers bzw. Beraters, der als Bindeglied zwischen dem Literatur-Neuling und der Literatur auftrete und für das künstlerische Formatieren und die Interdependenz zwischen Literatur und Sozialpraxis zuständig sei. Zur Genderkomponente des postkolonialen Paradigmas bezüglich der Modernisierungs- und Emanzipationsstrategien in den ersten postrevolutionären Jahrzehnten vgl. auch Gradskova 2012.

87 Zur Entblößung der selbstorientalisierenden Mimikry in Konrad Wallenrod vgl. Uffelmann 2012a, 286–288.

88 Die berüchtigte antirhetorische Rhetorik der russischen Kulturosophie wäre, wenn auch nicht ohne Vorbehalte und Nuancierungen, auch als antikoloniale Enthierarchisierung der Semantik zu deuten.

89 In seiner Theorie des kommunikativen Handelns postuliert Habermas die Dichotomie von „System“ (mit seinem Willen zur Macht als Ausdruck des Organisationsprinzips eines Diskurses) und „Lebenswelt“, die der Wille zur Kommunikation leitet. Das System versucht die elementare Lebenswelt (als Territorium der diskursiven Minderheit) zu kolonisieren, was zu entsprechenden Abwehrreaktionen führt (vgl. Habermas 1981).

90 Diese Unruhe wäre ins Polnische unbedingt als „niepokój“ zu übersetzen, damit auch Assoziationen mit Tadeusz Różewicz’ erstem Gedichtband (1947) geweckt werden. Seit seinem bahnbrechenden Debütband Niepokój, in dem die explosive (Un-)Möglichkeit des Dichtens nach der Apokalypse des Zweiten Weltkriegs artikuliert wird, bleiben die Spannungsfelder zwischen Dichtung und Referenz das zentrale Thema von Różewicz’ dekonstruktivem Werk.

91 Die Gegenüberstellung von Metapher und Metonymie formulierte Jakobson zum ersten Mal noch in Europa während seiner vergleichenden Studien zur Poetik Pasternaks und der russischen Futuristen (vgl. Jakobson 1935). Nach Jakobson und den meisten anderen Forschern wird auch hier die Synekdoche zum besonderen Fall der Metonymie gezählt. Zur Unterscheidung und Verwicklung von Synekdoche und Metonymie vgl. Ruwet 1983.

92 Gérard Genette (1983, 244) kritisiert überzeugend die Fixierung der Rhetorik auf die Metapher.

93 Bloom widmete de Man sein Buch über die Fehllektüre.

94 Besser sieht die Situation in der Russistik aus. Vgl. russistische Beiträge im Band Rhetorik als kulturelle Praxis (Lachmann, Nicolosi, Strätling 2008) sowie Uffelmanns (2010b) Habilitationsschrift zu Metaphern und Metonymien in der russischen und sowjetischen Kultur am Beispiel der „Figur“ der (para-)christologischen Selbsterniedrigung.

95 Die Freud’sche Bedeutung von „Verdrängung“ hat die eigentliche, wörtliche Bedeutung von „Verdrängung“ verdrängt. Philologische Untersuchungen metonymischer und metaphorischer Prozesse und Operationen, die Jakobson nicht zufällig am Beispiel der Aphasie thematisierte (Jakobson 1971, dt.: 1983), dürfen im Falle der Identitätsproblematik und der dazu gehörenden Abwehrmechanismen, die auch für die vorliegende Arbeit aktuell sind, die Erkenntnisse und Konzepte der Psychoanalyse kaum ignorieren. Jakobson (1983, 173) stuft Freuds „Verdrängung“ als metonymisch und seine „Verdichtung“ als synekdochisch ein. Metaphorische Begriffe wie „Identifizierung“ und „Symbolismus“ beruhen dagegen auf Similarität.

96 Hier wird der Begriff der Metalepse rhetorisch gebraucht. Zur narratologischen Umdeutung der Metalepse vgl. Genette 1972, 243–246 und 2004.

97 In seinem „litauischen Schreiben“ stützt sich Mickiewicz nicht zuletzt auf die poetischen Konnotationen Litauens, die es in der polnischen idyllischen Dichtung erfahren hat. Zur polnischen Litauen-Idylle vgl. Kessler 2005.

98 Uffelmann (2012a), der die Beschreibungen der (anti-)kolonialen Doppelstimmigkeitsstrategien in Mickiewicz’ historischem Poem Konrad Wallenrod untersucht, vertritt die Auffassung, dass der Befund, dass Litauen für den sich gewaltsam relituanisierenden Konrad ein unerreichbares, hybrides Gebilde bleibe und über den Helden hinausreiche. Bei Mickiewicz haben wir es, so Uffelmann, mit einem in Litauen geborenen, in der polnischen Kultur sozialisierten, nach Russland verbannten Schriftsteller zu tun, der später, im Pariser Exil, das Werk schreiben werde (Pan Tadeusz), das Litauen zum hybriden Ort der „polnischen Seele“ erhebt. Das Litauische habe – als eigenes Fremdes – einen festen Platz in der mental map der polnischen Kultur. Uffelmann fragt sich, warum Mickiewicz Konrad von Wallenrod nicht auch eine polnische Herkunft andichten konnte und warum das eigene Fremde der polnischen Kultur das Litauische sein musste. Weil – so Uffelmann – Litauen die Funktion eines eigenen Orients der polnischen Kultur übernehmen konnte: fern und doch vertraut (nicht zuletzt durch den eigenen orientalisierenden Blick domestiziert), mit dem Eigenen (Katholischen) verbunden und doch – im 14. Jahrhundert – noch heidnisch und fremd. Die dosierte Fremdheit prädestiniere Litauen als polnisches eigenes Fremdes für das doppelstimmige Sprachrohr des Verräters, der innen sei und zugleich außen, in zivilisierte Gewänder gekleidet und doch gleichzeitig ein wild kämpfendes Tier (vgl. Uffelmann 2012a, 284f.).

99 Von Bedeutung ist dabei auch, dass Deleuze und Guattari (1992, 494), auf die sich Agamben stützt, über die Souveränität im Rahmen ihres Gesprächs über die „große Gefangenschaft“ sprechen.

100 Das metonymische Verfahren der polnischen Widerstandskultur kulminiert im Pathos und Ethos der solidarischen Haltung. Vgl. das Motto des Novemberaufstandes „Za wolność naszą i waszą“ (Für unsere und eure Freiheit).

101 Vgl. in diesem Zusammenhang den lebenslangen Hang Mickiewicz’ zu einem eigentlich „veralteten“, „klassizistischen“ Genre wie der Fabel.

102 In diesem Kontext lässt sich fragen, inwieweit die Ästhetisierung der Brutalität und Hässlichkeit in der polnischen „Schwarzen Romantik“ nicht zum Teil in diesem Trauma wurzelt.

103 Einzelne Untersuchungsfelder der vorliegenden Forschungsinitiative wurden bereits in folgenden Artikeln problematisiert: Kirschbaum 2009, 2011, 2013, 2014a, 2014b und Kiršbaum 2011, 2012. Die Erkenntnisse dieser (Pilot-)Studien wurden für diese Monographie intensiv überarbeitet und erweitert.

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1. Genre-Kolonialismen

1.1. Partialitätsschreiben. Doppelgängertum der Diskurse

Я не слыхал рассказов Оссиана,
Не пробовал старинного вина;
Зачем же мне мерещится поляна,
Шотландии кровавая луна?

Ich habe Ossians Erzählungen nicht gehört,
Den uralten Wein nicht gekostet;
Warum träume ich dann von der Wiese,
Von Schottlands blutigem Mond?

Osip Mandel’štam (2001, 51)

Eine Besonderheit der europäischen kulturellen und politischen Diskurse um 1800 bestand in der beschleunigten Konzeptualisierung des geographischen Raumes. Die zentrale Rolle bei solchen Auto-Geo-Erfindungen und Entwürfen, die man auch als Nationalisierungen des Geographischen im Allgemeinen und der Himmelsrichtungen im Besonderen bezeichnen könnte, kommt dem „Norden“ und dem „Osten“ bzw. dem „Orient“ zu. Den wichtigsten rhetorisch-poetischen Raum für die Konstruktionen der nationalen Geoidentität bildet dabei die Dichtung. In den Literaturen der jeweiligen Länder, die sich nun als Nationalliteraturen definieren, erhält der Diskurs des Nationalen mitsamt seiner geohistorischen und geopolitischen Komponente seine Prägung. Dabei kommt es zu paradox anmutenden Erscheinungen: Zum einen wandern romantische Topoi und Motive, welche zu Mythologemen und Ideologemen werden, von Land zu Land, von einer (poetischen) Kultur in die andere. Zum anderen aber wird dieses interkulturelle und interliterarische Gemeingut zur Selbstspezifizierung eingesetzt, was eine Abgrenzung von den Literaturen und Kulturen der Nachbarländer impliziert. Wie bereits oben angedeutet, entsteht in der Literatur des geteilten und somit auch „entgeographisierten“ Polen ein romantisch geprägtes, poetisch-politisches Konstrukt „Polen“, das sich in das geokulturosophische und geopolitische Koordinatensystem Europas neu einzuschreiben sucht.

Das Bewusstsein für die gespaltene Lage Polens bestimmt maßgeblich die Modi der Fremd- und Selbstdefinitionen des Landes. Sowohl innere polnische Diskurse der polskość als auch fremde (bzw. feindliche) Polen-Konstrukte imaginieren (und/oder diskreditieren) die vergangene („historische“) und potenziell-providenzielle Integrität Polens durch dessen Partialität. Die entscheidende ← 93 | 94 → Rolle kommt bei diesen „Pars-pro-Toto-Narrativen“, die man auch „äsopisches Partialitätsschreiben“ nennen könnte, diversen Metonymien Polens zu. Metonymizität setzt ihrerseits Mobilität und Flexibilität – auch der künftigen Staatsgrenzen – voraus. Die damit verbundenen, oft widersprüchlichen Orientalismen und Selbstorientalisierungen (seien es Selbstkosakisierungen, Selbstlituanisierungen und sogar Pseudo-Selbstgermanisierungen, wie z.B. in Konrad Wallenrod) geraten ihrerseits in den Kontext der aktuellen europäischen und amerikanischen literarischen Mode- und Modelldiskurse (Indianer-, Janitscharendiskurse u.a.), in die nun die polnischen Konstellationen projiziert werden. Das Phänomen des metonymischen Partialitätsschreibens schließt dabei viele Aspekte des minoritären Schreibens ein.104

Für die (prä-)romantische polnische und russische Literatur scheint dabei neben dem Orientalismus vor allem die Ossian-Dichtung James Macphersons Muster und Modelle entwickelt zu haben. Die englische Dichtung konstruiert mit der Feder des Schotten Macpherson das verfremdende und verfremdete Eigene in der erdachten gälischen bzw. keltischen Kultur. Man kann kaum den „Einfluss“ des „Homer des Nordens“ auf die für die slavische Selbst(er)findung paradigmatischen Volkstümlichkeits- und Slavenkonzepte überschätzen.105 Dabei handelt es sich nicht nur um die Motive der ossianistischen Poetik106 – auch wenn diese für Jahrzehnte zu den Topoi der gesamteuropäischen Literatur werden – sondern auch um das Prinzip der Erfindung der gesuchten „authentischeren“ poetischen und kulturellen (Ur-)Heimat in der nahen bzw. nächsten Nachbarkultur selbst. Dieses Prinzip könnte man in Analogie zum Orientalismus „Ossianismus“ nennen.

Nach dem ossianistischen, englisch-schottischen Muster suchen die anderen europäischen Literaturen nach ihrem wieder zu entdeckenden Eigenen im Allgemeinen und nach ihrem eigenen ossianistischen Norden im Besonderen. Bei ← 94 | 95 → der Sehnsucht nach dem Norden handelt es sich zudem um eine Art umgekehrte neoklassizistische Sehnsucht nach dem seligen Süden, den man in der terminologischen Poetik der -ismen auch als „Mediterranismus“ bezeichnen könnte. Der Mediterranismus und der Ossianismus existieren und behaupten sich in Interaktion und reziproker diskursiver Dependenz; dabei überlappen sie sich auch mit den Diskursen des Orientalismus. Viele Topoi und Heterostereotype des Mediterranismus werden zum einen auf den Orient übertragen, zum anderen beinhaltet der Orientalismus historisch und aktuell-politisch die griechische und somit auch eine antitürkische, d.h. (anti-)orientalische Komponente: Die 1810–20er Jahre sind die Blütezeit des Philhellenismus. Mediterranismen, Ossianismen und Orientalismen interferieren und konkurrieren, sie ahmen gegenseitig ihre rhetorisch-diskursiven Schemata nach, trans- und deformieren sie zugleich. Zusammen bilden sie ein komplexes interdiskursives Feld, dessen Diktionen, Argumentationsfiguren und motivisch-metaphorische Strukturen einander sowohl komplementieren als auch herausfordern. Dabei kommt es zu entsprechenden Abstoßungen, Verschränkungen, Verschiebungen, Umkodierungen und Neusemantisierungen, welche von den anderen Diskursen rezipiert und in diversen Revisionsverfahren adaptiert werden. Der Kampf bzw. der Wettlauf um die eigene Autonomie und die rhetorische Souveränität der einzelnen Diskurse, sei es Orientalismus, Ossianismus oder Mediterranismus, setzt auch den Einsatz fremder diskursiver Mittel voraus.

Bei diesen reziproken Nachahmungen kommt es zu einem Phänomen, das man „diskursives Doppelgängertum“ oder „Doppelgängertum der Diskurse“ nennen könnte und bei dem sich schwer herausfinden bzw. unterscheiden lässt, wo das Original ist. Der Doppelgänger ist natürlich eine Metapher; der Zugriff auf das metaphorische Feld des Doppelgängertums scheint hier allerdings legitim und zeitgerecht zu sein, nicht nur weil dieses Thema und seine Variationen zu den Topoi der romantischen Literatur im Allgemeinen und der Texte Mickiewicz’ im Einzelnen gehören,107 sondern auch weil es indirekt das Phänomen der Spaltung bzw. des Verlustes der (romantischen) Identität beinhaltet. Im polnischen Fall korrespondiert das widerspenstige Doppelgängertum von Diskursen und diskursiven Praktiken zudem mit dem oben angesprochenen Phänomen ← 95 | 96 → der nationalen „Persönlichkeitsspaltung“ (drei Polen bzw. besetztes Polen und Polonia) und des Partialitätsschreibens.

In dieser Doppelgängerpolyphonie der Diskurse gehört dem Ossianismus die erste Stimme. In den slavischen Literaturen werden ossianistische Muster und Verfahren unterschiedlich einverleibt. Während z.B. in der russischen Literatur, wie bei Konstantin Batjuškov (1787–1855), zunächst die meditative Handlung der neoossianistischen Elegie noch im skandinavischen Norden bzw. in Deutschland verortet wird,108 versucht die nächste Generation ihren eigenen Norden zu konstruieren, wie z.B. in Finljandija (Finnland) von Evgenij Baratynskij (1982, 7–10).109 Im nächsten Schritt geschieht die Nordisierung des Eigenen. Dabei kämpfen germanische und slavische (russische und polnische) Literaturen darum, den einzig wahren und mit positiven poetischen Konnotationen aufgeladenen Norden zu entwerfen und zu repräsentieren. An diesem Streit nimmt auch Adam Mickiewicz teil, der sich sowohl der litauischen Geschichte (die Auseinandersetzung mit dem Deutschen Orden in Konrad Wallenrod und Grażyna) als auch der programmatisch ahistorischen, nicht zivilisierten, legendären litauischen Vergangenheit – in den Balladen – annimmt.

Mickiewicz’ Litauen wird demnach nicht nur zu dem poetisch und politisch (antiimperial, antihegemonial) gesuchten Geokulturosophem, in dem Selbstorientalisierungsstrategien Polens verhandelt werden. Die Konstruktion Litauens ← 96 | 97 → als der besseren Metonymie Polens – historisch-revisionistisch als Teil Polen-Litauens und ahistorisch-nostalgisch als verlorenes, „wahres“, paganisiertes und somit „natürlicheres“ Eigenes – könnte man provisorisch „Nordismus“ nennen. Der Begriff „Nordismus“ ist zwar belegt und ist etwa gleichbedeutend mit dem Panskandinavismus. Der Panskandinavismus selbst scheint aber ein späteres Nebenprodukt der im 19. Jahrhundert stattfindenden Politisierung früherer Nord-Diskurse zu sein, die in der Literatur des 18. Jahrhunderts entwickelt werden.

Litauen als Synekdoche und Metonymie Polens zu etablieren – was Mickiewicz mit seinem Werk schließlich geschafft hat – war keine Selbstverständlichkeit. In der 7. Szene des III. Teils von Dziady wird, aus dem Jahr 1832 zurückblickend, der national-politische und kulturelle Status Litauens in der polnischen Kultur der 1820er Jahre kritisch reflektiert. Hier kommen die Unwissenheit, Arroganz und Ignoranz Warschaus mit seinem um Kernpolen zentrierten Begriff der polskość zum Ausdruck. Der Warschauer Kammerjunker fragt den aus Litauen stammenden Adolf:

Im ironischen Reim „Chinach“ – „Litwinach“ formuliert Mickiewicz, vielleicht etwas hypertrophiert, die Warschauer Wahrnehmung Litauens in den 1820er Jahren. Diese Vernachlässigung bzw. das Erstaunen über die Polonität Litauens wird satirisch im Kontext der für diese Epoche entscheidenden Volkstümlichkeits- bzw. Nationaldiskurse artikuliert („rzecz narodowa“). Eine solche Erschaffung und Erweiterung des fremden Eigenen, des „Polnischen“ in der nächsten kulturellen Metonymie – ja postkolonial zu betrachtenden Kresy-Metonymie – musste nicht unbedingt auf Litauen bezogen sein. Der einflussreiche Kritiker und Publizist Maurycy Mochnacki (1803–34) bezeichnet die Ukraine in seinem Artikel O literaturze polskiej w wieku XIX (Über die polnische Literatur im 19. Jahrhundert) ← 97 | 98 → als Schottland Polens (vgl. dazu Kirčiv 1971, 18).110 In der sogenannten Ukrainischen Schule der polnischen Poesie (Antoni Malczewski, Seweryn Goszczyński, Aleksander Groza, Józef Bohdan Zaleski, Michał Czajkowski, Tomasz Padurra, Wacław Seweryn Rzewuski u.a.) wird dieses andere Polen nach dem gleichen Prinzip der geopoetischen Verschiebung, nach der gleichen Identitätsfigur der Metonymie, allerdings zusätzlich gespeist durch die präslavophile bzw. präpanslavistische Rhetorik, in der imaginierten Ukraine verortet.111

In der polnischen Literatur der 1820er Jahren beginnen die geopoetischen und zugleich geopolitischen Tropen des Polentums zu interferieren und zu konkurrieren. Mickiewicz, der sich mit seinem „litauischen Schreiben“ indirekt auch gegen die in den 1820er Jahren aufsteigende Ukrainische Schule wendet, versucht, sich selbst nicht nur als polnischer Gottfried August Bürger und Goethe in einem, sondern auch als Ossian Litauens zu behaupten. Das zu orientalisierende und zugleich zu ossianisierende (nordisierende) Litauen wird dabei zu einem multidimensionalen und multifunktionalen poetisch-rhetorischen Feld, in/auf dem neben der polemischen Propagierung und Affirmation der neuen, aktuellen, sich als romantisch behauptenden Poetik im gesamteuropäischen Kontext auch der Kampf um den Lorbeerkranz des polnischen Nationaldichters – die Schlacht um den Titel des eigenen, national-volkstümlichen Homer bzw. Ossian Polens – ausgetragen und schließlich für Mickiewicz entschieden.

Ein Paradebeispiel für ossianistisch-orientalistische (anti-)hegemoniale Umkodierungen stellen in diesem Kontext polnische und russische Nachdichtungen der postossianistischen deutschen Ballade dar. Die neue (Wilnaer) Dichtergeneration, zu der auch Mickiewicz gehört, eignet sich die postossianistischen Verfahren über die deutschen Kanäle an. Zum Schlüsseltext dieser Aneignungen ← 98 | 99 → wird Bürgers Lenore. Während Niemcewicz in Malwina (1820, 175–184) Lenore über ihre englische Variante verfremdend adaptiert (vgl. Kap. 1.2.),112 rezipieren die jungen Wilnaer Literaten den Kulttext Bürgers zum ersten Mal über eine russische subtextuelle Zwischenstation – über Vasilij Žukovskijs Nachdichtung. Eine solche russische Vermittlung zieht entsprechende essenzielle Revisions- und Rivalitätseffekte nach sich. Es gehört zu den brisantesten Beispielen der reziproken Etablierung russisch-polnischer Romantik, dass die polnische Begeisterung für die deutsche Ballade – zumindest im Kreis der Wilnaer Literaten – durch die Lektüre eines russischen Textes ausgelöst wurde.113 Edward Odyniec, der zweimalige Übersetzer von Bürgers Lenore114 und zugleich Übersetzer von Žukovskijs Bürger-Variationen, erinnerte sich gerne an den Abend, an dem Žukovskijs Ballade vorgelesen wurde:

Był to skutek świeżego wrażenia po przeczytaniu nowo wyszłej w języku rosyjskim ballady Żukowskiego pt. Ludmiła, będącej tłumaczeniem, a mistrzowskim naśladowaniem sławnej Lenory Bürgera, której dotąd żaden z nich nie znał. Czerniawski wydeklamował im ją z zapałem i wszyscy podzielili uniesienie jego. Pan Tomasz [Zan] zaraz nazajutrz napisał na wzór tego balladę Nerys albo Neryna (dawna nazwa rzeki Wilii).115 (Odyniec 1961, 265f.)

Das war die Folge des frischen Eindrucks nach der Lektüre der neuen, in russischer Sprache erschienenen Ballade Žukovskijs mit dem Titel Ljudmila, einer Übersetzung und meisterhaften Nachahmung der berühmten Lenore Bürgers, die keiner von ihnen bis dahin kannte. Czerniawski deklamierte sie mit Eifer und alle teilten seine Begeisterung. Herr Tomasz schrieb gleich am folgenden Tag nach diesem Muster die Ballade Nerys oder Neryna (der alte Name des Flusses Wilia). (Übersetzung nach Kośny 2000a, 69f.)

Die russische Nachahmung der deutschen Ballade beeindruckt die Wilnaer Dichter und fordert sie inspirierend auf, analoge Nachdichtungen zu verfassen. Von Relevanz ist hier auch, dass die Ballade Bürgers erst auf Russisch gehört wird. Ein fremder Mustertext wird nicht im Original, sondern bereits in seiner adaptierten, dem Original ebenbürtigen Nachdichtung kennengelernt, d.h. ← 99 | 100 → bereits in einer transformierten Form, und zwar in einer dem Polnischen „verwandten“ Sprache. Dies motiviert, eine ähnliche Nachdichtung in der eigenen Sprache zu verfassen: Wenn es auf Russisch möglich ist, dann ist es auch auf Polnisch möglich. Im Verständnis der polnischen (und russischen) Literaten befinden sich beide Literaturen ungefähr auf dem gleichen Niveau: im gleichen Entwicklungsrückstand. Es wirkt jedoch auch als Einladung zu einer Revisionsantwort, wobei die Motivation zweierlei ist. Die mimikryhafte Limitation des Einflusses soll beide Prätexte, den Bürgers und denjenigen Žukovskijs, erfassen. Die polnischen Reaktionen auf den Text Žukovskijs stellen somit eine doppelte Mimikry dar.

Žukovskij selbst übersetzte Lenore dreimal. 1808 verfasste er seine Lenore-Nachdichtung unter dem Titel Ljudmila, 1808–12 unter dem Titel Svetlana, und schließlich 1831 als Lenora. Erst nachdem er zwei Nachdichtungen bzw. freie Übertragungen, d.h. bereits paratextuell russifizierende Adaptationen des Bürger’schen Textes verfasst hat, konnte sich Žukovskij den Luxus leisten, eine möglichst originalnahe Übersetzung anzufertigen. Die beiden früheren, „russischeren“ Variationen, ja Improvisationen des Sujets befreiten Žukovskij von den möglichen Vorwürfen der direkten Epigonalität (seitens der potenziellen Kritiker, aber auch in seinen eigenen Augen). Die beiden ersten Lenore-Nachdichtungen stellten somit emanzipierende Revisionen dar, die letzte wurde bereits aus der Position des Emanzipierten verfasst.

In Bürgers Lenore spielt die Handlung in „Deutschland“ bzw. in der deutschen Geschichte.116 In seiner Nachdichtung Ljudmila russifiziert und nordisiert bzw. ossianisiert Žukovskij nicht nur den Namen der Hauptprotagonistin (Lenore wird zu Ljudmila), sondern auch den Handlungsort. Das Grab des Helden befindet sich im polnischen Litauen am Narew:

Близ Наревы дом мой тесный […]“

Где ж, cкажи, твой тесный дом?“ –

Там, в Литве, краю чужом…“

(Žukovskij 1980, II, 10f.)

„Nicht weit vom Nerew ist mein enges Haus […]“ / „Wo, sag mir, ist dein enges Haus?“ „Dort, in Litauen, in der Fremde…“

Es ist dabei anzunehmen, dass Odyniec, Zan, Mickiewicz und ihre Freunde sowohl von der brandaktuellen und neuen romantischen Poetik von Žukovskijs Nachdichtung und von der Möglichkeit eines solchen romantischen Schreibens ← 100 | 101 → in einer slavischen Sprache fasziniert waren als auch nicht zuletzt von der litauischen Verortung der Erzählung. Das Bürger’sche Sujet wurde von Žukovskij im Kontext der polnisch(-litauisch)-russischen Kriege lokalisiert.117 Das Paradigma wurde vorgegeben; außerdem klang die litauische Färbung der Ballade wie eine indirekte Herausforderung an die polnische Dichtung, ihre Litauen-Poetisierungen zu intensivieren, wenn sie Litauen, politisch bereits zu Russland gehörend, nicht auch noch als poetische Domäne verlieren wollte.

Dass Bürgers Lenore zum Musterballadentext wurde, erkennt auch Mickiewicz, der seinen programmatischen Artikel über die romantische Poesie, in dem er seine eigene romantische Poetik legitimiert, mit Bürger abschließt (vgl. Mickiewicz 1955, V, 204). Der Odyniec-Nachdichtung der Bürger’schen Ballade Der wilde Jäger (in Odyniec’ Übertragung einfach Myśliwiec) geht ein Vorwort Mickiewicz’ voran (Mickiewicz 1822b), in dem Lenore als die schönste von Bürgers Balladen bzw. als die Königin der Balladen schlechthin bezeichnet wird. In seinem Gedicht Lilije (Lilien), das eine freie Variation der Lenore darstellt, übernimmt Mickiewicz Žukovskijs Verfahren der Übertragung der Handlung in das heimatliche geopoetische Koordinatensystem, verschiebt jedoch auch die geohistorische Achse, dreht sie sogar um: Der Held der Geschichte zieht mit König Bolesław gegen die Kiewer in den Krieg:

Mąż z królem Bolesławem

Poszedł na Kijowiany.

(Mickiewicz 1955, I, 157)

Mein Mann ist mit König Bolesław / Gegen die Kiewer gezogen.

In Mickiewicz’ Nachdichtung Ucieczka (Die Flucht) wird Bürgers Sujet, ähnlich wie in Tomasz Zans Neryna, ebenfalls lituanisiert. Inspiriert von Bürgers Ballade und deren russischen Adaptation legen die Wilnaer Literaten das Fundament, ← 101 | 102 → auf dem sie in den nächsten Jahren polnische poetische Litauen-Bilder auf der Basis des Ossianismus aufbauen werden.

Währenddessen arbeitet die russische Dichtung ebenfalls weiter an den litauischen Lokalisierungen der balladesken Sujets. Eine Variation der Bürger-Žukovskij-Ballade und eine Art Nachdichtung aus dem Russischen ins Russische bildet das fragmentarisch gebliebene epigonale Gedicht Kondratij Ryleevs Ljudmila, in dem der Held Milovid seinen Tod im fernen Litauen voraussagt:

Ryleev schreibt seinen Text im Paradigma von Žukovskij. Es kommt dabei zum Phänomen, das man „interne Revision“ bzw. „interne Limitation“, d.h. Revision innerhalb einer Literatur, nennen könnte, im Gegensatz zur „externen Limitation“ im Falle der Nachdichtung aus einer fremden Literatur. Bezeichnend ist für Ryleevs Text die Polonisierung der Betonung: „В Литве118 sowie auch die hier wie im polnischen (u.a. Mickiewicz’schen) Kontext vorhandene ukrainisch-litauische Achse Dnjepr – Nerew. Ryleev, der künftige Freund Mickiewicz’ in dessen Zeit der Verbannung in Russland, begeisterte sich für Mickiewicz’ Poesie bereits Anfang der 1820er Jahre. Mickiewicz’ Bürger-Variation Lilije kannte er sehr gut und versuchte sie sogar nachzudichten (vgl. Ryleev 1971, 339–341). In diesem ebenfalls nicht vollendeten Übersetzungsentwurf verzichtet Ryleev allerdings auf die Übersetzung der Mickiewicz’schen legendär-historischen Verortung der Erzählung in der Zeit der russisch-litauischen Kriege. Der Hauptprotagonist heißt bei Ryleev, ebenfalls abweichend von Mickiewicz und entsprechend russifiziert, Dem’jan (vgl. Ryleev 1971, 340).119 Ryleev baut in seine Žukovskij-Stilisierung Elemente aus Mickiewicz’ Dichtung ein. Somit wird die Autorität eines russischen Prätextes mit den ← 102 | 103 → Mitteln eines ausländischen (polnischen) Textes korrodiert. Das Prekär-Paradoxe dabei ist, dass Mickiewicz’ Gedicht, aus dem Ryleev seine Inspiration schöpft und das er variiert und revidiert, selbst eine Variation des Bürger-Žukovskij-Sujets darstellt. Auf intertextuellen Wegen spielt Ryleev den polonisierten Žukovskij gegen Žukovskij aus.120

Die russische Dichtung kämpft (genauso wie die polnische) im post- bzw. neoossianistischen Genre- und Themenkomplex nicht nur um Litauen, sondern auch direkt und indirekt um die Ukraine als hegemonial-politische und geopoetische Figur. Schließlich wird „Litauen“ von der russischen Dichtung aufgegeben und dem poetischen „Feind“ überlassen. Die russische Literatur der 1820–30er Jahre (von Ryleevs Dumy bis Gogol’s Taras Bul’ba) wird sich nun auf die literarische Einverleibung der Ukraine konzentrieren.121 Für die vorliegende Untersuchung ist bei diesen Übertragungen und den sie begleitenden geopoetischen bzw. geohistorischen Umkodierungen nicht nur die Lokalisierung in der einheimischen und zugleich nordischen legendären Geschichte von Relevanz, sondern auch die Wahl der Sujets aus den russisch-polnischen Kriegen, die nicht nur den parahistorischen Hintergrund der jeweiligen Erzählungen ausmachen. Diese Sujets stellen ebenfalls metatextuelle Beschreibungen des russisch-polnischen literarischen Kampfes um neue geopoetische Territorien dar. Im Sujetrahmen der russisch-polnischen Kriege findet die Selbstreflexion der poetisch-thematischen und politischen Rivalität der beiden Literaturen und Kulturen statt. Die Selbstorientalisierungs- und Selbstnordisierungsdiskurse und ihre Topoi werden nicht zuletzt zu den thematischen Flächen, in denen die jeweilige Literatur sich selbst beschreibt.

Die oben geschilderte intertextuelle Auseinandersetzung um die einzuverleibenden und zugleich zu verfremdenden neoossianistisch-balladesken Topoi stellt nur ein Beispiel bzw. nur eine Episode aus dem in den 1820er Jahren entbrennenden Streit um die geopolitisch umstrittenen „poetischen Kolonien“ in den beiden Literaturen dar. Die gegenseitige Herausforderung und der (anti-)imperial motivierte Geist des Wettstreits provozieren einander und forcieren die Lösung der neuen, „nationalen“ Aufgaben der jeweiligen Literaturen bzw. zwingen sie zu deren beschleunigten Formulierung. ← 103 | 104 →

1.2. Gattungsvalenzen in Korrespondenz

Die ossianistisch-orientalistischen Verfahren bestimmen das poetische Verhalten bereits vor Mickiewicz; ein Beispiel dafür stellt die Literaturgeschichte des Genre-Felds um die sogenannte duma dar. Die Tradition der polnischen duma der hier interessierenden Epoche entsteht ebenfalls maßgeblich durch Übernahmen und Übertragungen ossianistischer Muster.122 Die Erschaffung der eigenen, einheimischen nostalgischen duma-Sujets geht in der polnischen Literatur Anfang des 19. Jahrhunderts Hand in Hand mit der Adaptation europäischer poetischer Muster und Motive. Die Gattung der duma bietet in den 1800er Jahren einen flexiblen genre-poetischen Raum für die Übertragungen nicht nur ossianistischer Elegien, sondern auch für die Nachdichtungen und Nachahmungen der englischen und deutschen Balladen. So nennt Niemcewicz seine Nachdichtung der Ballade Alonzo the Brave and Fair Imogine von Matthew Gregory Lewis (1775–1818) noch Alondzo i Helena. Duma naśladowana z angielskiego (Alonzo und Helena. Duma, nachgedichtet aus dem Englischen) (vgl. Niemcewicz 1803, 491).123 Die Tatsache, dass Niemcewicz des Englischen mächtig war, begünstigte den direkten Kontakt mit dem englischen Post-Ossianismus, und zwar ohne die deutsche Zwischenstation (obwohl Lewis’ Alonzo tatsächlich eine Variation von Bürgers Lenore darstellte), zumindest in der Wahrnehmung Niemcewicz’.124 ← 104 | 105 →

In der älteren polnischen Mickiewicz-zentrierten Literaturgeschichtsschreibung, die das Erscheinen von Mickiewicz’ Ballady i romanse (Balladen und Romanzen) zum Auftakt der polnischen Romantik stilisierte, degradierte man die duma zur Vorläuferin der Ballade: Duma poprzedniczka ballady nannte Czesław Zgorzelski (1949) sein hervorragendes, in vielerlei Hinsicht akribisches Buch, dessen Titel und somit auch die Grundthese jedoch ein wenig ahistorisch und rückprojizierend klingt. Es war zum Teil eher umgekehrt: Die Ballade war zunächst die Vorläuferin der duma. Die Reduzierung der duma auf die Vorläuferinnenfunktion schmälert ihre für die Teilnehmer des literarischen Prozesses der 1800–20er Jahre lebenswichtige, wenn auch problematische Genre-Multifunktionalität und Flexibilität. So hat wiederum Niemcewicz zu einer neuerlichen Erweiterung der Genre-Valenzen und -Kompetenzen der duma beigetragen, indem er in seinem 1816 erschienenen Band Śpiewy historyczne auch Texte aufgenommen hat, die die Bezeichung duma im Titel tragen: Duma o Żółkiewskim (Duma über Żółkiewski) und Duma o Stefanie Potockim (Duma über Stefan Potocki). Nun wurde duma zu Synonym und Substitution eines śpiew historyczny (und umgekehrt).

Die thematischen und poetisch-narrativen Kompetenzen der duma reichten von der elegischen Klage-Meditatition über die lyrische Erzählepik der Ballade bis zur lyrisch-epischen Kontemplation der „eigenen“, „nationalen“ Geschichte. Das Individuelle des Lyrischen sollte in der duma mit dem Überindividuellen und Kollektiven der zu entwerfenden nationalen Narrative harmonieren. Außerdem balancierte die duma zwischen der Nachahmung und Variation europäischer Muster einerseits und der Improvisation des literaturhistorisch zu begründenden Originellen und Originalen andererseits. Eine solche große Genre-Valenz der duma zeugt weniger von der Willkür der Gattungsbezeichungen in einem so genrebewussten Zeitalter wie dem der 1800–20er Jahre, sondern eher vom literaturhistorisch, aber auch antiimperial motivierten Verlangen nach der Genre-Multifunktionalität und von der Zerrissenheit und Ratlosigkeit, ja Unentschiedenheit der damaligen Literatur. Die polnische Dichtung musste auf zwei Hochzeiten tanzen: zum einen sich selbst durch Übernahme und Nachahmung bestimmter Mode- und Modellgattungen europäisieren und zum anderen die nationale Literatur und auch Literaturgeschichte (er-)finden. Die duma wurde bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem solchen multifunktionalen Genre-Provisorium. Eine solche Situation brachte immer neue Genresynkretismen hervor, in denen ← 105 | 106 → Kompromisse zwischen Sekundarität und Originalität bzw. zwischen Subversion dieser Sekundarität und Simulation der Originalität verhandelt wurden. Im Spagat zwischen Selbsteuropäisierung und der antihegemonialen Überwindung dieser Selbsteuropäisierung entstanden immer neue, die Hybridisierungsstrategien der polnischen literarischen Kultur kennzeichnende Mischformen.

Die poetische Praxis einer so multifunktional angelegten duma führte unweigerlich zu deren weiteren Mutationen und Transformationen. So lassen sich die ossianistischen motivischen Spuren (Abschied der Verliebten in Folge eines Krieges, Klage über den Tod des oder der Geliebten am Grabe etc.) auch in Bruno Kicińskis (1794–1844) als duma bezeichnetem Text Ludmiła w Ojcowie (Ludmiła in Ojców, 1818) verfolgen. Die lyrische Handlung des duma-Genres wird hier bereits im slavischen Kontext lokalisiert.125 Dass Niemcewicz die Bezeichnung der alten neuen Gattung und deren Topoi noch inkonsequent gebraucht, wird bezeugt durch die Tatsache, dass er in seine Pisma różne wierszem i prozą (Diverse Schriften in Vers und Prosa) auch Romans o miłościach Medzuna Leili (Romanze über Meğnūn-Lailās Liebschaften) aufnimmt, eine Romanze, die er „duma perska“ (persische duma) nennt (vgl. Niemcewicz 1805, 336–348). Dabei dichtete Niemcewicz die persische duma nach einer französischen Vorlage nach (vgl. Zgorzelski 1949, 37).

Die Rudimente der ossianistischen duma-Topik sind auch im orientalistischen Schreiben Mickiewicz’ zu finden, wie z.B. im noch zu besprechenden Krimsonett Grób Potockiej (Potockas Grab), in dem der verbannte polnische Dichter sich mit der Gefangenen des Harems Maria Potocka identifiziert und in einer neoossianistischen Pose sein und pars pro toto auch das gesamtpolnische Schicksal des/der Gefangenen beweint. Dabei konfigurieren und vermischen sich post-ossianistische Selbstnordisierungen mit Orientalismen. Mickiewicz’ romantische Erfindung Litauens, sei es in Ballady i romanse oder in Dziady II und Dziady IV, vollzieht sich als an Ossian angelehnte Metonymisierung. Dabei ← 106 | 107 → mag Mickiewicz auf die Bezeichnung duma verzichtet haben, nicht nur weil er das für die polnische Literatur neuere, aktuellere und europäischere Label Ballade wählte und sich somit als in erster Linie europäischer Dichter positionieren konnte,126 sondern auch, weil der Genrename duma zu sehr polnisch-ukrainische Assoziationen hervorgerufen hätte, während er vor der Aufgabe stand, neue polnisch-litauische poetische Identitäten zu entwerfen. Die direkt aus dem Ossianismus stammende „nordische“ Ballade passte dazu viel mehr.

Die dumy über Litauen sind rar. Eine Ausnahme bildet Dumanie u rozwalin zamku Giedyminu (Meditation bei den Ruinen des Gedimin-Schlosses) von Mickiewicz’ Wilnaer Freund und Philomathen Onufry Pietraszkiewicz (1793–1863), der zusammen mit Mickiewicz nach Russland verbannt wurde.127 Hier tritt aber „dumanie“ in der Bedeutung ossianistischer Meditation bei der Betrachtung der Ruinen alter Schlösser und Burgen auf. Diese ossianistische Topik durchdringt nicht nur die dumy mit einer litauischen Kulisse, sondern auch einige „ukrainische“ Texte der Epoche, wie z.B. das Gedicht Duma na gruzach Ojczyzny (Duma auf den Trümmern des Vaterlandes) von Goszczyński (vgl. Zgorzelski 1949, 57f.). Die Bezeichnung duma ist dabei leicht mit żal (Klagelied bzw. Trauerlied) austauschbar. Franciszek Karpińskis seinerzeit populäre Elegie Żale sarmaty nad grobem Zygmunta Augusta, ostatniego polskiego króla z domu Jagiełłów (Klagelied eines Sarmaten am Grabe Zygmunt Augusts, des letzten polnischen Königs aus dem Hause der Jagiellonen, 1797–1801) hätte genauso Duma sarmaty heißen können.

Da jedoch vor allem Niemcewicz das Genrelabel duma gebrauchte, so meine Vermutung, wurde die Gattung zu sehr mit Niemcewicz assoziiert, aus dessen Schatten andere Dichter und darunter auch Mickiewicz heraustreten wollten. Den explizit polonisierenden identitätsstiftenden Schreibstrategien Niemcewicz’ (z.B. bei der Wahl der slavischen Bezeichnung duma anstelle der Ballade)128 setzte ← 107 | 108 → Mickiewicz eine selbsteuropäisierende und zugleich selbstnordisierende Vorgehensweise entgegen. Der scheinbare Umweg über die litauische Metonymie erwies sich schließlich als effektiverer Weg zur Erschaffung des „Polentums“ als der direkte, den die poetische Generation vor Mickiewicz propagierte.

Einer ganz anderen Revision des Einflusses Niemcewicz’ bedienen sich später Vertreter der Ukrainischen Schule. Auf die Bezeichnung duma und die ukrainische Verortung/Färbung literarischer Konstrukte wird nicht verzichtet, aber in ihren Werken kommt es zu einer zunehmenden Eliminierung der ossianistisch-sentimentalistischen und somit fremden, europäischen Note der dumy. An ihre Stelle tritt die „orientalische Janitscharenbrutalität“ der Kosakenbilder, angefangen mit Malczewskis Maria und fortgesetzt bei Zaleski und Goszczyński. Die Selbstukrainisierung bzw. Selbstkosakisierung nimmt dabei viel explizitere selbstorientalisierende Züge an, als es in den Poetisierungen der Nord-Metonymien Polens der Fall ist.129 Das Genre-Feld der dumy konnte zu Beginn der 1820er Jahre diverse Genres, lyrische und lyrisch-epische Formen wie duma und żal, śpiew historyczny und elegia, romanca und ballada beherbergen und sie metonymisch miteinander verflechten. Diese Genre-Valenzen eröffneten zusätzliche Möglichkeiten, alte „(ur-)polnische“ Genres und neue Nachahmungsmodelle zu kombinieren, sie je nach Bedarf multifunktional zu applizieren und so zwischen Rückstandskomplex und Selbsterfindungszwang zu lavieren.

Die Offenheit der Genre-Kompetenzen und -Grenzen innerhalb des polnischen literarischen Genre-Systems machte jedoch das Genre im Allgemeinen und die duma im Besonderen auch verwundbar. Diese Verwundbarkeit illustriert die polnisch-russische Diskussion über die Herkunft der dumy-Gattung, ausgelöst durch das Erscheinen von Ryleevs Sammlung Dumy, der Niemcewicz’ Śpiewy historyczne prätextuelle Inspiration lieferten.130 Viele wichtige biographische und bibliographische Aspekte sowie intertextuelle Konvergenzen zwischen Ryleev und ← 108 | 109 → Niemcewicz wurden in der Forschungsliteratur bereits herausgearbeitet.131 Sie wurden allerdings nicht im Lichte der postkolonial zu interpretierenden intertextuellen Revisionsspannung thematisiert. Bei der Entwicklung von Ryleevs Interesse an der polnischen Literatur spielten viele Faktoren eine Rolle. 1814–17 hielt sich Ryleevs Regiment in Nieśwież (Nesvež) auf, wo er vermutlich auch Polnisch lernte.132 Für eine Intensivierung seiner Beschäftigung mit der polnischen Kultur sorgte später zweifelsohne die Freundschaft mit Faddej Bulgarin, der sich 1819 in Sankt Petersburg niederließ und eine rasche Karriere als Schriftsteller und Literaturkritiker machte. Dass Bulgarin in Nieśwież einen Teil seiner Kindheit verbracht hatte, sollte zusätzlichen Stoff für die Gespräche zwischen den beiden liefern und ihre Freundschaft weiter vertiefen.133

Unter Ryleevs zwar nicht zahlreichen, aber für das Werden eines Dichters nicht zu unterschätzenden Nachdichtungen – diesem Lehrgenre der Romantiker – dominieren die Übertragungen aus dem Polnischen. Während bei Ryleevs Zeitgenossen vor allem (Lehr-)Nachdichtungen aus dem Deutschen und dem Französischen eine die poetische Identität stiftende Rolle spielten, so waren das im Falle Ryleevs die Übersetzungen aus dem Polnischen. 1821–24 fertigte Ryleev einige Fragment gebliebene Nachdichtungen an, von Stanisław Trembeckis Poem Sofiówka134 über Werke von Niemcewicz bis zu Mickiewicz’ Balladen Lilije und Świtezianka – noch bevor Mickiewicz nach Russland kam.135 Es sei symbolisch, so Bohdan Galster (1987, 103), dass die ersten Übersetzungen Mickiewicz’ ins Russische aus der Feder des künftigen Anführers des radikalen republikanischen Flügels der Petersburger Verschwörer stammen. Diese Beobachtung des ← 109 | 110 → polnischen Literaturhistorikers weiterentwickelnd, könnte man die Hypothese aufstellen, dass eine Anlehnung an die polnische literarische Tradition zumindest im Bewusstsein der liberalen Literaten oppositionell konnotiert war. Das erwachende Interesse für die polnische Kultur und Literatur im Vorfeld des Dekabristenaufstandes seitens russischer Literaten ist nicht zufällig: Jegliche Berührung mit der polnischen Kultur trug in sich per definitionem, d.h. wegen des brisanten Status Polens in Russland eine, wenn auch nicht direkt regimekritische, so doch zumindest riskante, virulente Schattierung. Das liberale Interesse für Polen und die polnische Literatur verquickte sich jedoch auch mit einem imperialen Interesse für das neu eroberte Land. Umso komplexer erweisen sich die beim russisch-polnischen Transfer entstehenden Schreib- und Nachdichtungsstrategien: Ryleevs Auseinandersetzung mit Niemcewicz stellt dafür ein bezeichnendes Beispiel dar.

Niemcewicz war für den künftigen Dekabristen Ryleev nicht nur aus literarischer Sicht interessant. Niemcewicz, dem ein langes Leben beschieden war, könnte man mit Recht nicht nur als Personifizierung der tragischsten Periode polnischer Geschichte bezeichnen, sondern auch als Verkörperung der Untrennbarkeit politischer und literarischer Diskurse, die die polnische Kultur am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts kennzeichnet. Als Zögling der Warschauer Kadettenanstalt wurde Niemcewicz zum Zeugen der ersten Teilung, später diente er als Adjutant des einflussreichen Politikers und Magnaten Adam Kazimierz Czartoryski und beteiligte sich intensiv an der Herausarbeitung der Verfassung vom 3. Mai 1791 und vieler anderer liberal-demokratischer Gesetzentwürfe und Initiativen. Nach der zweiten Teilung emigrierte Niemcewicz nach Westeuropa, wo er Tadeusz Kościuszko kennenlernte. Während des Kościuszko-Aufstandes war Niemcewicz dessen Adjutant, geriet schließlich 1794 in russische Gefangenschaft und wurde in der Petersburger Peter-und-Paul-Festung inhaftiert. 1796 wurde Niemcewicz von Paul I. amnestiert und durfte Russland zusammen mit Kościuszko verlassen. Er ging nach Amerika, wo er noch George Washington kennenlernte. 1807 kehrte er nach Polen zurück.136

Neben der Politik beteiligte sich Niemcewicz aktiv am literarischen Leben Polens. Von den klassizistischen Dramen und der Nachdichtung ossianistischer Elegien und Balladen ging er schließlich zu historischen Gattungen über. 1816 ← 110 | 111 → erschienen seine Śpiewy historyczne, die innerhalb von zwei Jahren noch zwei weitere Male verlegt wurden.137 Niemcewicz’ Buch erreichte von Anfang an eine sowohl poetische als auch politische Identität stiftende Dimension. So war der Preis beim poetischen Wettbewerb um die Philaretenhymne beim Geheimbund der Philareten in Wilna die zweibändige Ausgabe von Niemcewicz’ Werk, worüber der Berater des Großfürsten Konstantin Pavlovič und Beauftragte für polnisch-litauische Geheimbünde Graf Nikolaj N. Novosil’cev einen entsprechenden Bericht erstattete (vgl. Galster 1962, 57).138

Um 1820 steht Niemcewicz im Zentrum von Ryleevs polnischem Interesse.139 Zu Niemcewicz’ Vermittler und zugleich zum Hauptpropagandisten der polnischen Literatur in den russischen Kreisen wird Bulgarin. 1820 erscheint in der Zeitschrift Syn otečestva (1820, XXI, 254–256) Bulgarins Rundschau neuester polnischer Werke, darunter werden auch Niemcewicz’ Śpiewy historyczne behandelt. Dvojčenko-Markova (1970, 134) betont mit Recht, dass man Bulgarins Rolle bei der Herausbildung (pro-)polnischer Interessen in der russischen Literatur der 1820er Jahre kaum überschätzen kann. So ist es nicht zuletzt auf Bulgarins Einfluss zurückzuführen, dass sich die Spuren von Niemcewicz’ Werk im Allgemeinen und seiner Komödie Powrót posła (Die Rückkehr des Landboten) im Einzelnen bis zu Griboedovs Gore ot uma (Verstand schafft Leiden) zurück verfolgen lassen.140 Ryleevs Freund Aleksandr Bestužev schrieb sogar eine Zeit lang Gedichte auf Polnisch, die er an Bulgarin schickte. Mit Niemcewicz war auch Fürst Petr Vjazemskij, der bei Novosil’cev in Warschau diente, persönlich bekannt. Niemcewicz taucht in Vjazemskijs Gedicht Stancija (Die Station) auf (1986, 171–178).141 Diesbezüglich ist ein kleines Detail zu erwähnen, das die Dichte der Reziprozität der polnisch-russischen literarischen Beziehungen in den 1820er Jahren illustriert. Der erste Brief, den der nach Russland verbannte ← 111 | 112 → Mickiewicz an Niemcewicz schreibt, wird dem Schreiben Vjazemskijs an Niemcewicz beigefügt. Vjazemskij tritt dabei als eine Art Bürge und Vermittler zwischen den beiden polnischen Literaten auf (dazu mehr im Kap. 2.6.).

Ein wichtiges Kapitel in diesen Beziehungen stellen Ryleevs Bezugnahmen auf Niemcewicz in seinen Dumy dar, die Ryleev ab 1822 einzeln in Zeitschriften publizierte. Niemcewicz’ Śpiewy historyczne dienten Ryleev als Muster, dabei dichtete er auch Niemcewicz’ Duma o kniaziu Michale Glińskim (Duma vom Fürsten Michał Gliński) nach. Am 11. September 1822 schickte Ryleev seine Übersetzung zusammen mit einem Brief an den polnischen Dichter:

Zum einen werden Niemcewicz’ Śpiewy historyczne als ausgezeichnetes Muster („wybornym wzorem“) bezeichnet, zum anderen werden sie jedoch selbst als Früchte der gesamteuropäischen Genies dargestellt. Ryleev gerät in seinem Schreiben in das zentrale Dilemma der Romantik: Ein russischer oder polnischer Literat der Epoche sieht sich vor die Aufgabe gestellt, am gesamteuropäischen poetischen ← 112 | 113 → Gemeingut zu partizipieren und sich als integralen und ebenbürtigen Teil der europäischen Literatur zu positionieren, dabei jedoch das spezifisch „Nationale“ nicht zu gefährden. Das führt zu komplexen Spannungen und Distanzierungsstrategien. Die politischen Schattierungen des polnisch-russischen kulturellen Verhältnisses verleihen den entsprechenden intertextuellen Entlehnungen und Revisionen zusätzlich eine (anti-)imperiale Motivation. So stellt zwar Ryleevs Einschreibung von Niemcewicz in die Reihe anderer europäischer Genies zweifelsohne ein schmeichelndes Kompliment dar, dadurch wird aber das Polnische an Ryleevs Inspiration teilweise revidiert. Ryleevs Brief bildet sowohl ein Bekenntnis zu Niemcewicz als auch eine erste deutliche Distanzierung von ihm. Für den Fokus der vorliegenden Untersuchung ist von Relevanz, dass Ryleevs Schreiben eine doppelte Diktion entfaltet und dass diese Verdoppelung und Zwiespältigkeit im Kontext des schwierigen (anti-)imperialen Verhältnisses zwischen Russland und Polen in den 1820er Jahren zu verorten ist.

Es ließe sich spekulieren, inwiefern der Vergleich Niemcewicz’ mit Nestor ein weiteres revisionistisches Verfahren darstellt. Es ist anzunehmen, hier findet eine Art Russifizierung des polnischen Dichters statt, welche nur bedingt Niemcewicz’ Originalität reduzieren will. Niemcewicz steht nun in einer paradigmatischen Reihe mit Nestor und so auch mit Ossian und Homer, denn die europäischen Literaturen dieser Zeit suchen nach ihren Volksbarden und modellieren entsprechend die Geschichte ihrer Nationalliteraturen. Viel wahrscheinlicher ist es jedoch, dass Niemcewicz dabei nicht mit dem altrussischen Nestor-Chronisten, sondern mit dem antiken Nestor als dem Ältesten, hier dem Oberhaupt der polnischen Literatur verglichen wird. Mickiewicz, der über den russischen Kanal (Vjazemskij) mit Niemcewicz in Kontakt kommt, benutzt in seinem ersten Brief an Niemcewicz aus Russland auch die Formel vom Nestor der polnischen Literatur („szanownym Nestorem naszej literatury“, Mickiewicz 1955, XIV, 358), höchstwahrscheinlich in der Bedeutung des Ältesten. Wie dem auch sei – der Nestor der polnischen Literatur antwortete Ryleev schnell:

Niemcewicz beginnt mit Worten der Dankbarkeit und sogar mit einer (prä-)slavophilen Geste. Diese Höflichkeitsdiktion, welche die Ehrlichkeit von Niemcewicz’ Dankbarkeit keineswegs unterminiert, wird allerdings im weiteren Verlauf des Briefes von einer als antiimperial zu deutenden Diktion überdeckt. Niemcewicz sei der Bewohner eines verschwundenen Königreiches, welchem nur Niederlagen und enttäuschte Hoffnungen („klęski i zwodne nadzieje“, zit. nach Galster 1956, 220) begegneten. Die russischen Literaten haben dagegen ein offenes Feld vor sich:

Das Idiom des offenen Feldes wird in Verbindung gebracht mit der Größe Russlands: Die Größe des Imperiums verspricht auch Größe, und zwar sowohl quantitative als auch qualitative, an poetischen Stoffen und Möglichkeiten. Einen ähnlichen metaphorischen Phraseologismus vom offenen Feld in Bezug auf die literarischen Möglichkeiten einer Nationalliteratur hat in derselben Zeit (1822) auch Mickiewicz gebraucht, und zwar ebenfalls in einem Einfluss- und Geniediskurs, als er den Aufstieg der deutschen Literatur in seinem Artikel O poezji romantycznej (Über die romantische Poesie) beschrieb. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts begannen in Deutschland große Genies zu glänzen, die vor sich ein offenes Betätigungsfeld sahen („Rozległe przed nimi otworzyło się pole“, Mickiewicz 1955, V, 198). Die beiden polnischen Literaten benutzen einen ähnlichen Ausdruck für die Literaturen der Teilungsmächte. Bei Niemcewicz ist dabei noch deutlicher als bei Mickiewicz zu beobachten, wie politische, antihegemoniale und poetologische Einfluss- und Nachahmungsdiskurse verschmelzen. Ryleev wird indirekt zum Teil des Imperiums erklärt: Diese synekdochische Metonymisierung Ryleevs mit Russland diskreditiert das Faktum der Nachdichtung erheblich. Ryleev dichtet somit Niemcewicz aus der Position der Hegemonialkultur nach. Dem großen und mächtigen Russland und metonymisch der russischen Dichtung wird von Niemcewicz der Null-Ort Polen bzw. die polnische Dichtkunst entgegengesetzt. Niemcewicz bringt die (Nicht-)Existenz der polnischen Dichtung in einen direkten kausalen Zusammenhang mit der (Nicht-)Existenz Polens. Indirekt wird dadurch Russland mitverantwortlich gemacht für das Aussterben der polnischen Literatur. In diesem Lichte erscheint Ryleevs Übersetzung ← 114 | 115 → nicht nur als Ehrung der polnischen Dichtung, sondern auch als Akt imperialer Vereinnahmung.142

Details

Seiten
454
ISBN (PDF)
9783653062625
ISBN (ePUB)
9783653953435
ISBN (MOBI)
9783653953428
ISBN (Buch)
9783631670507
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (März)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 454 S.

Biographische Angaben

Heinrich Kirschbaum (Autor)

Heinrich Kirschbaum ist Juniorprofessor für westslavische Literaturen und Kulturen an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in interslavischen und west-osteuropäischen Literatur- und Kulturbeziehungen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart (mit Fokus auf Russland, Polen, Belarus und Ukraine), in der Rhetorik der Interkulturalität sowie der Poetik der Autoreferenzialität.

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Titel: Im intertextuellen Schlangennest