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Studien zur österreichischen Literatur: Von Nestroy bis Ransmayr

von Gabriella Rovagnati (Autor:in)
Sammelband 343 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Johann Nestroy: ein Künstler der Hyperbel
  • Die wienerische Verlumpung des Märchenprinzen: Nagerl und Handschuh von Johann Nestroy
  • Launen des Einfalls: die italienischen Übersetzungen von Nestroys Zu ebener Erde und erster Stock
  • Schule und Korruption: Die schlimmen Buben in der Schule von Johann Nestroy
  • Nestroys letzte Posse: Häuptling Abendwind oder das „Unbehagen in der Kultur“
  • Giacomo Casanova in der Wiener Moderne: Varianten des Abenteurers
  • Es fing mit Tizian an: Ervino Pocars Begegnung mit dem Werk Hugo von Hofmannsthals. Mit unveröffentlichten Quellen
  • Les belles infidèles: Rilkes frühe Übersetzungen aus dem Italienischen
  • Eine Stadt, die anlockt und abstößt: das Paris Rainer Maria Rilkes
  • Vom Kult zum Verriß: Rilkes Rezeption in Mailand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit unveröffentlichten Quellen
  • Mutterschaft als Erpressung und Selbstverleumdung: Stefan Zweigs Das Haus am Meer
  • Stefan Zweig und das elisabethanische Zeitalter: Ben Jonson versus William Shakespeare
  • „Ein Nebel leichter geistiger Berauschtheit“: Stefan Zweig und Osteuropa
  • Mussolinis „reaktionäre und ahistorische Politik“: Stefan Zweig und der italienische Faschismus
  • Es begann mit Joseph Fouché: Lavinia Mazzucchetti und die italienische Version der Welt von gestern. Mit unveröffentlichten Quellen
  • Zwischen Rodaun und Venedig: die doppelte Seele Benno Geigers
  • Krieg und Liebe: Franz Werfel und Gertrud Spirk. Mit unveröffentlichten Quellen
  • Gruppenbilder mit Damen: von den Troerinnen des Euripides zum ‚euripideischen‘ Trauerhaus
  • „Das Gegengift gegen alles Deutsche“: Verdi von Franz Werfel
  • Gedächtnis und Verwandlung: von Cervantes’ Don Quijote zu Canettis Peter Kien
  • Die Quellen des Feuers: zu den apokalyptischen Brand-Visionen bei Elias Canetti und W.G. Sebald
  • Philosophie? Ein Geschäft für Verrückte: Immanuel Kant von Thomas Bernhard
  • King Lear als Obsession: Minetti von Thomas Bernhard
  • Ein Stück für „Schauspielkünstler“: Ritter, Dene, Voss von Thomas Bernhard
  • Die Zerstörung der Idylle: der unpoetische Realismus in Franz Innerhofers Roman Schöne Tage
  • Die Eschatologie der düsteren Welten Christoph Ransmayrs: von Glänzender Untergang bis Morbus Kitahara
  • Editorische Notiz
  • Abbildungsnachweise
  • Reihenübersicht

Vorwort

„Ich will meine Werke auch sammeln und h’rausgeben. Es hat mich zwar, wie sonst wohl zu geschehen pflegt, kein Mensch drum gebeten, und ich weiß besser als irgendein geneigter Leser, wie wenig dran verloren wäre wenn meine Werke so unbekannt blieben als ich selbst bin […].“1 Diese Worte des Dichters Matthias Claudius sind auch geeignet, mein Vorhaben zu beschreiben.

In diesem Band sind Aufsätze versammelt, die im Laufe der Jahre aus verschiedenen Anlässen entstanden sind. Manche waren gleich ursprünglich auf Deutsch erschienen, von anderen gab es eine frühere italienische Fassung, wieder andere erscheinen hier zum erstenmal.

Die italienischen Arbeiten sind von mir ‚verdeutscht‘ worden. Bewußt vermeide ich in diesem Zusammenhang das Wort ‚übersetzen‘, denn sie sind einer beträchtlichen Umformulierung unterzogen worden, teils um inhaltliche Wiederholungen zu vermeiden, teils um der rhetorischen Redundanz zu entgehen, die das Italienische aus Gründen der sprachlichen Eleganz fordert, die auf Deutsch jedoch ‚gestelzt‘ klingen könnte, teils auch weil die Vorlage geändert oder ergänzt worden ist.2 Auf eine systematische inhaltliche oder bibliographische Aktualisierung ist jedoch verzichtet worden.

Der Leitfaden, der die Aufsätze vereint, ist die Herkunft der behandelten Schriftsteller aus dem ehemaligen habsburgischen Raum oder dem ihm nachfolgenden Österreich der Nachkriegszeit. Die Studien sind chronologisch geordnet und betreffen eine Zeitspanne von etwa anderthalb Jahrhunderten: von Johann Nestroy, der 1801 zur Welt kam, bis zu Christoph Ransmayr, der 1954 geboren wurde. Nicht jedem Schriftsteller ist ein gleich großes Interesse eingeräumt. Zu Nestroy enthält das Buch fünf Beiträge. Einer davon ist einem eher allgemeinen Porträt des Wiener Theatermanns gewidmet, der das traditionelle Volksstück erneuert hat und dessen Persönlichkeit in jeder Hinsicht im Zeichen der Überspanntheit stand. Die anderen ← 7 | 8 → vier behandeln verschiedene Stücke, die paradigmatisch sein ganzes Theaterschaffen abdecken: es reicht von der frühen Aschenputtel-Parodie Nagerl und Handschuh bis zum letzten Stück, in dem Nestroy kurz vor dem Tod noch spielte, der „Faschingsburleske“ Häuptling Abendwind, die durch eine drollige Wendung des Kannibalismustabus den Hochmut des Kolonialismus attackiert. Die Studien entstanden u. a. aus dem Wunsch, diesen Dichter, den „Aristophanes aus Österreich“, auch in Italien einzuführen, wo er beim Theaterpublikum völlig unbekannt und von der Germanistik unbeachtet geblieben ist. Ein internationales Kolloquium in Mailand 2001 zu Nestroys 200. Geburtstag, eine Leseaufführung mit Gesang in italienischer Sprache in der Schule des Piccolo Teatro und die Veröffentlichung von zwei bis dahin auf Italienisch noch nicht vorhandenen Einaktern haben gezeigt, welche Schwierigkeiten die Sprachdichte dieses Autors einer weiteren Verbreitung seines Werks bereitet.

Den Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert bildet in diesem Band eine Studie zum Erfolg der Lebensgeschichte Giacomo Casanovas als Sujet bei den österreichischen Dichtern des vorigen Fin de siècle. Das Werk des Venezianers wurde zum Modell der beliebten Figur des Abenteurers, der, als Sinnbild für eine prekäre Welt, zuerst den Hang zum hedonistischen ‚carpe diem‘ vor dem Ersten Weltkrieg, dann den ‚Schwindel‘ vor dem Bankrott der dreißiger Jahre verkörperte. Zu den Autoren, die sich von der Figur Casanovas faszinieren ließen, gehört an vorderer Stelle auch der Wiener Hugo von Hofmannsthal. Der bedeutende, aus Görz gebürtige, Übersetzer Ervino Pocar begann seine langjährige Tätigkeit gerade mit der Übersetzung von Hofmannsthals Kleinem Drama Tizian. Das Zustandekommen dieser Übertragung wird hier mit neuen Quellen dokumentiert.

Obwohl er sich nicht mit dem klassischen Casanova-Typ identifizieren läßt, da ihm die gelassene Fröhlichkeit des Abenteurers fehlte, hatte auch der Prager Dichter Rainer Maria Rilke bekanntlich zahlreiche Beziehungen unterschiedlichster Art zu Frauen. Daß es sich nicht unbedingt immer um erotische Freundschaften handelte, zeigt der Beitrag in diesem Band, der sich mit dem Verhältnis Rilkes zu Mailand befaßt, das hauptsächlich mit seiner Bekanntschaft mit der Herzogin Aurelia Gallarati-Scotti zusammenhing. Auch die erste, wie es scheint verschollene, Übersetzung des Cornets durch Cecilia Braschi entstand in Mailand. Freilich trug auch der publizistische Eifer der Mailänderin Lavinia Mazzucchetti zur Bekanntmachung des Prager Dichters in Italien erheblich bei. Italien war für Rilke seit frühester Jungend ein geliebtes Land, wohin er sich gern flüchtete und mit dessen Literatur und Sprache er vertraut war, wie seine frühen, freilich eher noch unbeholfenen Übersetzungsproben aus dem Italienischen bezeugen, um die sich der erste Rilke-Aufsatz des Bandes dreht.

Stärker als zu Italien war jedoch Rilkes Beziehung zu Frankreich. Der Diplomat Harry Graf Kessler berichtet in seinem Tagebuch unter dem Datum vom 21. De ← 8 | 9 → zember 1907 von einem Gespräch, das er und der Verleger Alfred Walter Heymel mit Rilke in Bremen führten. Dabei hätte der Dichter gemeint:

Rilkes längerer und oft unterbrochener Aufenthalt in Paris vor dem Krieg stand nämlich immer im Zeichen der Ambivalenz, was sich mit zahlreichen biographischen Dokumenten belegen läßt.

Nicht alle Dichterkollegen mochten die ätherischen Verse Rilkes. Hofmannsthal z. B. meinte, es sei dabei „so, wie wenn alle Blumen zu stark dufteten, alle Speisen zu stark schmeckten.“4 Rilke nicht gewogen war auch Hofmannstahls enger Freund Rudolf Alexander Schröder; und Benno Geiger, Hofmannsthals Nachbar in Rodaun, fand Rilke einfach affektiert und unerträglich.

Ein Rilke-Verehrer der ersten Stunde war dagegen Stefan Zweig, dessen, hier in zwei Studien untersuchte, weitgespannte Interessen sich u. a. auch auf die Kultur des elisabethanischen Zeitalters und auf die russische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts erstreckten. Eigens behandelt werden ferner die Haltung des politisch naiven und auch opportunistischen Zweig gegenüber dem italienischen Faschismus sowie das Engagement Lavinia Mazzucchettis, Zweigs offizieller Übersetzerin in Italien, aus deren Feder auch die erste berechtigte italienische Übertragung des postum erschienenen Erinnerungsbandes Die Welt von gestern stammte.

Ein enger, fast gleichaltriger Freund von Stefan Zweig war der schon erwähnte Kunsthändler und Übersetzer Benno Geiger, von dem u. a. eine Übertragung Dantes existiert. In seinen weitgespannten, unter dem Titel Memorie di un Veneziano nur auf Italienisch erschienenen, Erinnerungen, räumt Geiger Zweig viel Platz ein, lässt aber auch die Schwächen des Freundes nicht unerwähnt, wie etwa dessen politische Kurzsichtigkeit oder dessen Neigung zum Exhibitionismus in jüngeren Jahren. Die Beziehung zwischen Zweig und Geiger illustrieren zahlreiche Briefe, die noch unveröffentlicht in der Fondazione Cini zu Venedig liegen, deren Publikation Geigers Tochter, Elsa Arié, seinerzeit verbot. Dasselbe gilt kurioserweise auch für die sporadische Korrespondenz mit Hofmannsthal, die Geiger selbst in seinen Memoiren in eigener ← 9 | 10 → Übersetzung bereits wiedergegeben hat. Der vielseitige Geiger, der übrigens auch ein eifriger Dichter war, der sein Leben lang vergeblich um Anerkennung warb, teilte mit dem erfolgreichen Autor Stefan Zweig die abgöttische Verehrung für Hugo von Hofmannsthal, der jedoch in beiden Fällen diese Art von Zuneigung unerwidert ließ.

Prager wie Rilke war auch Franz Werfel, der vor der Begegnung mit Alma Mahler-Gropius, die ihn dann in dritter Ehe heiratete, eine Liebesgeschichte mit der Prager Krankenschwester Gertrud Spirk hatte. Diese Beziehung dokumentieren die hier in Auswahl zum erstenmal mitgeteilten Briefe Werfels, die im Deutschen Literaturarchiv zu Marbach a.N. verwahrt sind. Während des Kriegs war Spirk Werfel in den Monaten an der Front eine Stütze und eine Hilfe. Das Verhältnis bot jedoch dem Dichter das Feuer der Leidenschaft nicht, das er dann an der Seite von Alma Mahler erlebte. Vor dem Krieg bearbeitete Werfel für die deutsche Bühne die Anti-Kriegs-Tragödie Die Troerinnen von Euripides mit einem Ergebnis, das ästhetisch viel zu wünschen übrig läßt. Origineller ist die die ironisch-komische Erzählung Das Trauerhaus, in der das Thema Krieg in ein Prager Bordell verlegt wird. Werfels Begeisterung für Giuseppe Verdi führte ihn zur Niederschrift des „Romans einer Oper“, in dem der deutschen, trüben Musik Wagners die sonnig-südländische des italienischen Komponisten gegenübergestellt wird.

Werfels Frau persönlich kennenzulernen hatte in den dreißiger Jahren in Wien Elias Canetti noch die Gelegenheit gehabt. Die „ziemlich große, allseits überquellende Frau, mit einem süßlichen Lächeln ausgestattet und hellen, weit offenen, glasigen Augen“5, wie er sie in dem Band Das Augenspiel aus seiner Autobiographie beschreibt, fand er entsetzlich. Dafür verliebte er sich aber in Mahlers Tochter Anna, die seine Gefühle jedoch nicht erwiderte. Gleichfalls in jener Zeit entstand Canettis einziger Roman Die Blendung, der eine Fülle von Spuren aus dem Don Quijote von Cervantes aufweist. Wie Canetti, ein Autor sephardischer Herkunft, aus dem großen Spanier schöpfte und seinen Roman mit einem Brand abschloß, so wurde er selber zu einem der Vorbilder W.G. Sebalds, in dessen Prosa das Thema Feuer gleichfalls eines der Leitmotive darstellt.

Die Blendung nahm Thomas Bernhard zum Anlaß, Canetti 1966 für den Bremer Literaturpreis vorzuschlagen. Ihm war ein Jahr zuvor derselbe Preis verliehen worden, so daß er als Mitglied in der Jury ein Vorschlagsrecht besaß. „Mehrere Male“, berichtet er, „sagte ich das Wort ‚Canetti‘ und jedes Mal hatten sich die Gesichter an dem langen Tisch wehleidig verzogen. Viele an dem Tisch wussten gar nicht, wer Canetti war, aber unter den wenigen, die von Canetti wussten, war einer, der plötzlich, nachdem ich wieder Canetti gesagt hatte, sagte: aber der ist ← 10 | 11 → ja auch Jude. Dann hatte es nur noch ein Gemurmel gegeben und Canetti war unter den Tisch gefallen.“6

Der Vorschlag war ausnahmsweise keine der für Bernhard so charakteristischen Provokationen, da er Canettis Roman für ein „geniales Jugendwerk“ hielt. Daß Bernhard jedoch ansonsten gern den Skandal suchte, bezeugt sein Schaffen, vor allem das dramatische, aus dem hier drei Stücke beispielhaft behandelt werden, in denen die Protagonisten jeweils verrückte „Geistesmenschen“ sind. Ein Merkmal von Bernhards Werk ist die Österreich-Beschimpfung, die danach auch von Autoren der jüngeren Generation weitergepflegt wurde. Die tödliche Engstirnigkeit der österreichischen Provinz mit ihrer Verlogenheit und Brutalität prangert ausdrücklich der Roman Schöne Tage von Franz Innerhofer an. Der Autodidakt machte mit diesem Prosawerk in den späten siebziger Jahren für kurze Zeit Furore, gelangte jedoch zu keinem weiteren Erfolg und nahm sich, noch nicht sechzigjährig, das Leben. Ist bei Innerhofer die Natur eine Stiefmutter, wie die Frau, von der der junge Protagonist seines Romans aufgezogen wird, so übernimmt die Natur noch bedrückendere Züge in den Prosawerken Christoph Ransmayrs. Wie Innerhofer mit seinem Buch Schöne Tage erregte Ransmayr vor allem mit seinem Roman Die letzte Welt ein breites Aufsehen. Beiden Schriftstellern wurde dagegen in Italien kaum Beachtung beschert. Dies sind zwei Beispiele für die Abhängigkeit des literarischen Erfolgs nicht nur von Moden und momentanem Kulturbetrieb, sondern auch von vielfältig vorgeprägten Mentalitäten und unterschiedlich ausgebildetem Geschmack.

Dieses Buch ist ein Beitrag zur „Austriazistik“, wenn es denn eine solche überhaupt gibt, aus der Feder einer Italienerin, die sich absichtlich des modischen Theoretisierens enthält und ‚Wunderworte‘ vermeidet, wie sie in der heutigen Textanalyse geläufig sind – und das gern auf das Risiko hin, eines ‚unzeitgemäßen‘ Positivismus geziehen zu werden. Als wäre nicht immer und überall z. B. die biographische Forschung, wenn auch nicht die hinreichende, so doch die notwendige Voraussetzung zum Verständnis literarischer Texte – natürlich nicht für die naive Lektüre, sondern für eine literaturgeschichtlich fundierte.

Aus Erfahrung weiß ich, daß besonders das ‚Wiener Blut‘ nicht nur rot oder blau, sondern auch „giftgrün“7 sein kann. Das nehme ich aber gern in Kauf und halte mich strikt an die Empfehlung George Taboris: „Liebe deine Kritiker wie die sich selbst.“8 ← 11 | 12 → ← 12 | 13 →


1       Matthias Claudius: Sämtliche Werke. Nach dem Text der Erstausgaben (Asmus 1775–1812) und den Originaldrucken (Nachlese) samt den 10 Bildtafeln von Chodowiecki und den übrigen Illustrationen der Erstausgaben. Verantwortlich für die Textredaktion: Jost Perfahl. Mit einem Nachwort und einer Zeittafel von Wolfgang Pfeiffer-Belli sowie Anmerkungen und Bibliographie von Hansjörg Platscheck. München: Winkler 1969, S. 10.

2       Vgl. die editorische Notiz S. 341–343. Auf eine systematische inhaltliche oder bibliographische Aktualisierung ist jedoch verzichtet worden: das ganze Spektrum der inzwischen erschienenen Primär- wie Sekundärliteratur von und zu den hier behandelten Autoren ist nicht vollständig berücksichtigt worden.

3       Harry Graf Kessler: Das Tagebuch: 1880–1937. Hrsg. von Roland S. Kamzelak und Ulrich Ott. Stuttgart: Cotta. Bd. 4: 1906–1914. Hrsg. von Jörg Schuster unter Mitarb. von … 2: 1880–1937, S. 391.

4       Ebd., S. 557 (Weimar, 9. Februar 1909).

5       Elias Canetti: Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931–1937. München: Hanser 2004, S. 52.

6       Thomas Bernhard: Meine Preise. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009, S. 47 f.

7       George Tabori: Wiener Blut. In: ders.: Betrachtungen über das Feigenblatt. Ein Handbuch für Verliebte und Verrückte. Aus dem Amerikan. von Ursula Grützmacher-Tabori. München: Hanser 1991, S. 75–77: „‚Blut ist rot oder – ach ja, die gute alte Zeit – gelegentlich blau. In Wien hingegen ist es giftgrün.‘ So sprach der Herr in der Herrengasse, in Tracht gewandet, einen Dackel an der Leine.“

8       Ebd., S. 154.

Johann Nestroy: ein Künstler der Hyperbel

Das wahre Genie kennt keine Schranken

(Johann Nestroy: Der Schützling, II, 7–8)

Alles, was Johann Nepomuk Nestroy war und trieb, stand im Zeichen der Übertreibung. So waren manchmal übertrieben lang schon die Titel seiner Stücke, die nach der Tradition der Komödie meist zweigliedrige Alternativtitel sind. Eines der ersten Werke Nestroys, von dem nur der Titel bekannt ist, hieß z. B.: Der Einsylbige oder Ein dummer Diener seines Herrn.1 Als Nestroy 1829 diese Posse verfaßte, war er als Schauspieler schon bekannt, hatte sich aber als Stückeschreiber noch nicht durchgesetzt. Der Titel der eben genannten Komödie läßt vermuten, daß es sich um eine Parodie handelte, denn im zweiten Teil klingt ein Echo der fünfaktigen Tragödie Franz Grillparzers Ein treuer Diener seines Herrn an. Grillparzer, ein sehr konservativer Mensch und Autor, hing treu am Habsburger Herrscherhaus und stellte damals in Wien den Gegenpol zu Nestroy dar. Grillparzer pflegte die klassische Tradition und ehrte seine Heimat und deren Geschichte; Überlieferung und Patriotismus waren hingegen für Nestroy nur Anlaß zu Spott und Hohn.2

Diese unbändige Respektlosigkeit Nestroys schimmert oft schon durch die Titel seiner Stücke durch, die manchmal so lang sind, daß man sie schwer behalten kann. Geradezu überdimensional ist der Titel folgender Posse in drei Akten, die 1834 uraufgeführt wurde: Der Zauberer Sulphurelectrimagneticophosphoratus und die Fee Walpurgiblockbergiseptemtrionalis oder Die Abenteuer in der Sclaverey oder Asiatische Strafe für europäische Vergehen oder Des ungeratenen Herrn Sohnes Leben, Thaten und Meinungen, wie auch dessen Bestrafung in der Sclaverey und was sich alldort ferneres mit ihm begab.3 Dieser Titel, der sogar viergliedrig ist, will offensichtlich eine Herausforderung der Aufmerksamkeit sein. In seinem ersten Teil werden ein Zauberer und eine Fee genannt, und das sollte darauf hinweisen, daß dieses Stück im Rahmen des traditionellen Theatermärchens stehe, ← 13 | 14 → das am Anfang des 19. Jahrhunderts in Wien seinen erfolgreichsten Vertreter in Ferdinand Raimund gehabt hatte. Raimunds Werk, das von Zauberern und Feen geradezu wimmelt, die mit ihren Künsten und Wundern die Probleme der Menschen zu lösen vermögen, verfolgte einen erbauenden Zweck und ging von dem grundsätzlichen Vertrauen aus, das Theater könne als moralische Anstalt die Menschen sittlich bessern.

Anders als Raimund meinte Nestroy, der von seinem Nächsten immer „das Schlechteste“4 dachte, daß er keine pädagogische Wirkung auf sein Publikum ausüben könne. Er wollte niemanden in falschen Erwartungen wiegen, und in seinen Stücken entlarvte er das Eingreifen solcher Magier, wie sie bei Raimund die menschlichen Angelegenheiten steuern, als Täuschung. Deshalb sorgte er dafür, daß Zauberer und Feen von Anfang an als lächerliche Figuren auftreten. In der eben genannten Posse erreichte er dieses Ziel, indem er ihnen Namen mit lateinischer Endung verlieh, die auf ihre nur scheinbare Überlegenheit anspielen sollten. Der lächerliche Name Sulphurelectromagneticophosphoratus besteht aus einem komischen Kompositum, fast einem Zungenbrecher, in dem ein chemisches Element und ein physikalisches Phänomen erwähnt werden. Mit Schwefel (Lateinisch: Sulphur) wird sofort die Hölle assoziiert. Die Posse war nämlich als Parodie des Dramas Robert der Teufel5 von Ernst Raupach gemeint, das von dem mittelalterlichen französischen König Robert I. aus der Normandie handelt, dem schon vor seiner Geburt bestimmt war, dem Teufel zu gehören. Nestroy wollte das romantisch-verträumte Stück Raupachs, das 1833 im Wiener Burgtheater uraufgeführt worden war, in eine amüsante Volkskomödie verwandeln.

Im Namen von Nestroys Zauberer kommt dann auch der Elektromagnetismus vor, der damals, besonders nach der Verbreitung des Mesmerismus, mit großem Interesse studiert wurde. Die Schüler Franz Anton Mesmers6, die sich bemühten, die umstrittenen Lehren ihres Meisters zu verbreiten, welche die Schulmedizin nie aufgenommen hatte, waren in den Augen Nestroys die typischen Vertreter jener unkritischen Begeisterung für den Fortschritt, die seine Epoche kennzeichnete, die er jedoch nicht teilen konnte, wie u. a. deutlich aus diesem Satz der Posse Der Schützling aus dem Jahre 1847 hervorgeht: ← 14 | 15 →

Der Schlußteil des Namens des Zauberers, „-phosphoratus“, läßt an eine Eigenschaft wie die Lumineszenz denken, die zu Magie und Geisterbeschwörung gut paßt. Der Versuch, einen einzigen Sinn in diesem absurden Namen zu finden, wäre ganz und gar abwegig, denn er ist das Produkt einer reichen Phantasie, deren Exzesse auf die Sensation zielen und die sich über die Logik mokiert. Der Leser bzw. Zuschauer erwartet von einem Magier, der den Namen Sulphurelectrimagneticophosphoratus trägt, etwas geheimnisvoll Abnormes.

Zusammenfassung

Der Band bietet Studien zu repräsentativen Autoren aus 150 Jahren österreichischer Literaturgeschichte. Er beginnt mit Beiträgen zu Theaterstücken des 1801 in Wien geborenen Dramatikers Johann Nestroy und behandelt u.a. spezifische Probleme der Übertragung der Volksstücke des Österreichers ins Italienische. Enthalten sind auch Studien zu Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Stefan Zweig, Franz Werfel, Elias Canetti, Thomas Bernhard, Franz Innerhofer bis hin zu den frühen Prosawerken Christoph Ransmayrs. Alle Aufsätze sind komparatistisch angelegt und thematisieren unter anderem die Rezeption der behandelten Schriftsteller in Italien. Der Band erörtert darüber hinaus Fragen der Theatergeschichte und enthält unveröffentlichtes Quellenmaterial.

Details

Seiten
343
ISBN (PDF)
9783653063240
ISBN (ePUB)
9783653953114
ISBN (MOBI)
9783653953107
ISBN (Buch)
9783631670774
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Juni)
Schlagworte
Österreichische Autoren Übersetzung Theater Literarische Adaptionen
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 343 S., 9 farb. Abb., 1 s/w Abb.

Biographische Angaben

Gabriella Rovagnati (Autor:in)

Gabriella Rovagnati ist emeritierte Professorin an der Università degli Studi di Milano und literarische Übersetzerin. Sie trägt das Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland und das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst der Republik Österreich. www.gabriella-rovagnati.it.

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Titel: Studien zur österreichischen Literatur: Von Nestroy bis Ransmayr