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Verwandtschaft im «Reinhart Fuchs»

Semantik und Funktion von Verwandtschaft im mittelhochdeutschen Tierepos

von Nadine Hufnagel (Autor:in)
Dissertation 246 Seiten

Zusammenfassung

Verwandtschaft wird heute vor allem als biologisches Faktum verstanden, sie ist aber auch ein vom historischen und kulturellen Kontext abhängiges soziales Konstrukt. Davon ausgehend stellt die Autorin die Frage, wie in einem konkreten (literar-)historischen Fall Verwandtschaft narrativ erzeugt und semantisiert wird. Sie arbeitet Zusammenhänge von Verwandtschaftssemantik mit höfischer Kommunikation heraus und richtet den Blick auf die Verknüpfung von Verwandtschaft mit anderen Themen der Erzählung wie Herrschaft und Gewalt. Die textnahe Interpretation zeigt, dass das mittelhochdeutsche Tierepos nicht in einer didaktischen Lesart im engeren Sinn aufgeht. Es stellt vielmehr Potentiale und Problemfälle mittelalterlicher Verwandtschaft zur Reflexion aus.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • 1 Interessensgegenstand und Stand der Forschung
  • 1.1 Forschungsstand zur Verwandtschaft im Reinhart Fuchs: Marginale Bedeutung und Dominanz der Vorstellung von Verwandtschaft als ‚Norm‘
  • 1.2 Exemplarischer Einblick in die Fragestellungen der Forschung über Verwandtschaft
  • 1.2.1 Der Stellenwert von Verwandtschaft
  • 1.2.2 Forschung über Verwandtschaft als Forschung über Familie
  • 1.2.3 Mediaevistische Verwandtschaftsforschung in Literatur- und Geschichtswissenschaft
  • 1.2.4 Abgrenzung von biologistischen Vorstellungen – Verwandtschaft als mentaler Akt und Ereignis
  • 1.2.5 Verwandtschaft als Begriffssystem
  • 1.2.6 Resümee der Fragestellung und Vorgehensweise
  • 2 Kommunikation der Verwandtschaft von Figuren. Beginn und Ende der Referenz auf Verwandtschaftsterminologie am Beispiel von neveschaft und gevaterschaft
  • 3 Funktionen von Verwandtschaft in der Kommunikation der Figuren
  • 3.1 Szenenanalyse: Der Hühnerhof
  • 3.2 Schlussfolgerungen: Verwandtschaft als Kommunikationsmedium
  • 3.3 Verwandtschaft als Erfolgsmedium höfischer Kommunikation
  • 3.3.1 Die erste Begegnung Diezelins und Reinharts
  • 3.3.2 Die Begegnung der Meise und Reinharts
  • 3.3.3 Interaktionen Isengrins
  • 3.3.4 Die erste Begegnung Dieprehts und Reinharts
  • 3.4 Verwandtschaft als Erfolgsmedium höfischer Kommunikation und „geistliche“ Verwandtschaft
  • 3.4.1 Mönchsgemeinschaft
  • 3.4.2 Patenschaft
  • 3.5 Verwandtschaft als Erfolgsmedium höfischer Kommunikation von Tierfiguren
  • 4 Anmerkungen zur Erzählweise des Reinhart Fuchs: Verwandtschaft der mere?
  • 5 Die Darstellung von Verwandtschaft als Element didaktischen Erzählens?
  • 5.1 Verwandtschaft im Zusammenhang mit Jagd und Mahl
  • 5.1.1 Die Wolfsfiguren
  • 5.1.2 Die Figur Crimel
  • 5.1.3 Zwischenbilanz
  • 5.2 Verwandtschaft im Zusammenhang mit „Beratung“
  • 5.2.1 Luchsfigur und Sühnetag
  • 5.2.2 rât und verrât innerhalb der neveschaft des Fuchses
  • 5.2.3 Zwischenbilanz
  • 6 Die Darstellung von Verwandtschaft als Element des Erzählens von Herrschaft
  • 6.1 Grundlage und Ausübung von Herrschaft
  • 6.1.1 Artübergreifend: Bär und Löwe
  • 6.1.2 Unter Artgleichen
  • 6.2 Dauerhaftigkeit und Wirkmächtigkeit von Herrschaft
  • 6.2.1 Herrschaft ohne verwandtschaftliche Elemente
  • 6.2.2 Herrschaft mit verwandtschaftlichen Elementen
  • 6.2.3 triuwe und list als Elemente von Herrschaft?
  • 7 Die Darstellung von Verwandtschaft im mhd. Tierepos Reinhart Fuchs – Zusammenfassung und Ausblick
  • 8 Anhang
  • 8.1 Anmerkungen zur Struktur
  • 8.2 Überblick über die Verwendung der Verwandtschaftsterminologie
  • 9 Siglen- und Literaturverzeichnis
  • 9.1 Primärliteratur
  • 9.1.1 Textausgaben
  • 9.1.2 Handschriften-Digitalisate
  • 9.2 Sekundärliteratur
  • 9.2.1 Forschungsliteratur
  • 9.2.2 Hilfsmittel

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1 Interessensgegenstand und Stand der Forschung

Das mittelhochdeutsche Tierepos vom Fuchs Reinhart weckte bereits das Interesse des Frühgermanisten Jacob Grimm, der auch auf die unterschiedlichen Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Figuren in den verschiedenen Texten des Stoffkreises aufmerksam machte1 und somit Verwandtschaft als Untersuchungsgegenstand des Tierepos schon früh etablierte, wenn auch nicht in den Mittelpunkt des Interesses stellte.2 Dieses erste Kapitel der vorliegenden Arbeit soll einerseits zeigen, inwiefern die Frage danach, wie im Reinhart Fuchs Verwandtschaft dargestellt ist, in der Forschung zu diesem mittelhochdeutschen Tierepos von Relevanz gewesen ist. Andererseits soll aufgezeigt werden, warum diese Frage vor dem Hintergrund neuerer mediaevistischer Forschungsergebnisse zu dem Phänomen Verwandtschaft im Mittelalter und aus einer dezidiert literaturwissenschaftlichen Perspektive, die nicht nur danach fragt was, sondern auch wie erzählt wird, erneut zu stellen ist. Die Untersuchung von Verwandtschaft im Reinhart Fuchs mit der des Erzählens von Verwandtschaft zu verknüpfen, ist schon deshalb sinnvoll, da, obwohl es sich bei seinem Figurenpersonal größtenteils um Tiere handelt, Verwandtschaft unter den Figuren überwiegend nicht an die Zugehörigkeit zu einer Tierart geknüpft ist. Erzählte Verwandtschaft ist hier also schon auf den ersten Blick nicht als mimetische Nachbildung der Natur, sondern als literarisches Konstrukt erkennbar.3 ← 13 | 14 →

Im Folgenden wird es also zunächst das Ziel sein, den Forschungsstand zu umreißen und daraus Teilfragen abzuleiten sowie Hypothesen zu entwickeln, die in den darauffolgenden Kapiteln aufgegriffen werden sollen. Die Betrachtung des Forschungsstandes beginnt mit Untersuchungen, in deren Zentrum ebenfalls die Interpretation des Reinhart Fuchs steht, und gibt anschließend einen exemplarischen Einblick in Fragestellungen und Ergebnisse der mediaevistischen Forschung zu Verwandtschaft.

1.1 Forschungsstand zur Verwandtschaft im Reinhart Fuchs: Marginale Bedeutung und Dominanz der Vorstellung von Verwandtschaft als ‚Norm‘

Heute kann das mittelhochdeutsche Tierepos auf eine lange mehr oder weniger kontinuierliche Forschungsgeschichte zurückblicken4 und das Interesse an diesem Text erweist sich nach wie vor als ungebrochen.5 Ziel der vorliegenden Arbeit ist nicht, die traditionellen Deutungen des Reinhart Fuchs als Satire6 oder Parodie7 grundlegend zu kritisieren. Selbstverständlich wird an den entsprechenden Stellen eine kritische Auseinandersetzung im Detail erfolgen. Grundsätzlich geht es ← 14 | 15 → darum, den bisherigen Lesarten ergänzend meine zur Seite zu stellen, da der Text mit seiner polyvalenten Erzählweise kaum in einer Lesart völlig aufgeht. Vielmehr werden dem Rezipienten des Reinhart Fuchs verschiedene Sinnebenen offeriert. Beinah alle bisherigen Studien zum Reinhart Fuchs thematisieren in irgendeiner Weise auch Verwandtschaft, denn schließlich berufen sich viele der Figuren auf die eine oder andere Art auf eine Form von Verwandtschaft oder sprechen sich gegenseitig als Verwandte an. Im Gegensatz zur Forschung zu anderen mittelhochdeutschen Epen8 behandeln die meisten Untersuchungen zum Reinhart Fuchs das Thema Verwandtschaft aber nur am Rande und ordnen es einem anderen thematischen Fokus unter.9 Daraus resultiert häufig eine Eingrenzung des Phänomens Verwandtschaft auf den ersten Teil des Tierepos. Nur in den ersten Episoden, den Begegnungen Reinharts mit den kleinen Tieren, gilt Verwandtschaft als bedeutungstragendes Element. So formuliert beispielsweise Schwob:

„Im Epos von „Reinhart Fuchs“ wird […] die Wirksamkeit der untriuwe in drei Bereichen von immer ausgeweiteteren Dimensionen für immer mehr Betroffene dargestellt. Der erste Bereich erfaßt die Verwandten, das „sippeblvt“, das „von wazzere niht vertirbet“ (V. 266/267), wohl aber von untriuwe. Der zweite Bereich erfaßt die weltliche geselleschaft und mönchische brvderschaft, d.h., das Prinzip genossenschaftlichen Zusammenlebens, der Gefolgschaften, Bündnisse, Einungen, oder wie immer solche Genossenschaften hießen. Der dritte Bereich erfaßt die gesamte Gemeinschaft der Menschen in einem Staat.“10

Der Thematisierung dreier unterschiedlicher Bereiche sozialer Vergesellschaftung, Verwandtschaft, weltliche und geistliche Bündnisse sowie Staat, weist Schwob drei jeweils eindeutig von einander abgegrenzte, chronologisch aufeinanderfolgende Phasen der Erzählung zu.11 Selbst wenn man von dem ahistorisch gebrauchten ← 15 | 16 → Staatsbegriff absieht, ist diese Sichtweise problematisch. Denn durch eine Beschränkung der Inblicknahme von Verwandtschaft auf den ersten Teil des Reinhart Fuchs gerät eine Figur wie Crimel völlig aus dem Fokus, da Crimel nur im zweiten und dritten Teil auftritt – und erst im dritten tatsächlich als Verwandter Reinharts. Allerdings besitzt er dann große Bedeutung sowohl für die Figur Reinhart, den Ablauf der Handlung als auch für das Bild von Verwandtschaft, welches das Tierepos zeichnet; schließlich handelt es sich bei Reinhart und Crimel um das einzige bis über das Ende der Handlung hinaus erfolgreich agierende Bündnis. Darüber hinaus darf man nicht übersehen, dass – abgesehen von der Meise – alle Tiere, denen Reinhart im ersten Teil begegnet, auch später wieder auftauchen und sich die gegenseitigen Anreden von Figuren als Verwandte durch den gesamten Text ziehen und nicht auf die Eingangsepisoden beschränkt sind. Dass sich im Handlungsverlauf die thematische Gewichtung verschiebt, womit Verwandtschaft im dritten Teil des Epos hinter die Thematisierung von (Königs-)Herrschaft, die ein weiteres thematisches Zentrum bildet, zurücktritt, soll hier zum Anlass genommen werden, deren Zusammenhang zu reflektieren.12

Andere Untersuchungen umgehen das Problem, dass Verwandtschaft im Sinne der Verfasser jener Studien nur im ersten Teil auftaucht, indem sie der Blutsverwandtschaft im ersten Teil die Wahlverwandtschaft, die nicht durch Geburt, sondern teils durch Nützlichkeitsüberlegung, teils durch ethische Motive konstituiert sei, in der zweiten Hälfte des Epos an die Seite stellen.13 Aber auch damit wird die den ganzen Text durchziehende Thematisierung von Verwandtschaft nicht adäquat erfasst. Stattdessen droht mit dem Gebrauch des Begriffs „Wahlverwandtschaft“ der Verwandtschaftsbegriff jegliche Trennschärfe zu verlieren, insbesondere wenn – wie dies im Allgemeinen der Fall ist – keine Definition erfolgt. Gibt es qualitative Unterschiede zwischen Bluts- und Wahlverwandtschaft? Wie lässt sich Wahlverwandtschaft von anderen sozialen Formen, zum Beispiel von den von Schwob im obigen Zitat aufgezählten, abgrenzen? Sind alle Gefolgsleute, Bündnispartner, Genossen etc. wahlverwandt? Durch einen solchen Wortgebrauch wird beinah jede Sozialform als irgendeine Form von Verwandtschaft lesbar und es droht gleichzeitig eine Marginalisierung der Verwandtschaftsthematik im Reinhart Fuchs. Für die vorliegende Arbeit gilt es also im ersten Schritt, ← 16 | 17 → einen Zugang zum Phänomen Verwandtschaft im Text zu finden, der es identifizierbar und abgrenzbar macht.

Die Beurteilung, dass Verwandtschaft nur eine marginale Rolle spielt, erfährt der Text auch von Seiten der vergleichenden Literaturwissenschaft oder der Romanistik. Denn im Vergleich mit anderen Werken des Stoffkreises, wie dem Roman de Renart, erscheint die Figur des Fuchses im Reinhart Fuchs stärker als Einzelgänger, zum Beispiel dadurch dass die füchsische Kernfamilie weitgehend ausgeblendet ist.14 Dies weist aber weniger darauf hin, dass die Bedeutung von Verwandtschaft für den mittelhochdeutschen Text per se geringer ist als für den altfranzösischen, sondern vielmehr darauf, dass hier eine andere Ausgestaltung und Schwerpunktsetzung stattfindet; zumal der Eindruck, dass der Fuchs ein radikaler Einzelgänger sei, sich vielleicht relational zum französischen Text ergibt, jedoch nicht bei einem Rezipienten, der das mittelhochdeutsche Epos unabhängig davon zur Kenntnis nimmt, entstehen muss. Schließlich ruft der Fuchs im ersten Teil des Reinhart Fuchs, auch wenn er am Ende jedes Mal scheitert, zunächst durchaus erfolgreich eine soziale Bindung zu den Tieren auf, denen er begegnet, und die soziale Beziehung zu Crimel im zweiten und dritten Teil erweist sich sogar als überaus stabil. Ziel dieser Arbeit ist dezidiert kein systematischer Vergleich der beiden Texte. Wo ein punktueller Vergleich Charakteristika des Reinhart Fuchs für die wissenschaftliche Interpretation besser einsehbar macht, wird aber im Folgenden auch kurz auf den Roman de Renart verwiesen.15 ← 17 | 18 →

Auch eine eher strukturalistisch ausgerichtete Lesart und auf den satirischen Gehalt des Reinhart Fuchs zielende Interpretationen marginalisieren zum Teil die Bedeutung der Verwandtschaft. Bei Ruh beispielsweise gerät der erste Teil, der wie gesagt häufig als der einzige Verwandtschaft thematisierende Abschnitt des Reinhart Fuchs wahrgenommen wird, zur bloß „vorspielartige[n] Aventiurenreihe“16 einer antihöfischen Kontrafaktur. Peters hingegen konstatiert, das thematische Umfeld der Verwandtschaft in vielfältiger Ausgestaltung besitze eine geradezu textbestimmende Bedeutung für die meisten Tierdichtungen um Fuchs und Wolf.17 Auch im Reinhart Fuchs wird, so meine Hypothese, ausschließlich Verwandtschaft vom Anfang bis zum Schluss des Textes als vergesellschaftendes Element wirksam, während andere Elemente, wie Landesherrschaft, nur in Teilen des Textes thematisiert werden.18 Damit soll keineswegs behauptet sein, Verwandtschaft sei das zentrale Thema des Reinhart Fuchs, wohl aber, dass diesem Phänomen weitreichende Bedeutung zukommt. Dies gerät aber leicht aus dem Blick, wenn Interpretationen zuvorderst die (polit-)satirischen Elemente fokussieren.

Wird in der Reinhart Fuchs-Forschung Verwandtschaft thematisiert, ist der Ausgangspunkt üblicherweise die Annahme, dass der Verwandtschaftsverband bestimmte Verhaltensweisen und Normen impliziert. Doch welcher Art sind diese Normen? Exemplarisch sei hier Hansjürgen Linke zitiert, der im Bezug auf die Normen der Verwandtschaft zu folgendem Fazit gelangt:

„Indem Reinhart die natürliche Moral des Sozialverbandes, in den er hineingeboren ist, leugnet, stellt er sich bewußt und von Anfang an in radikaler Bindungs- und Gewissenlosigkeit ebenso außerhalb der Gesellschaft wie außerhalb des Sittengesetzes.“19

Hinter dieser Beurteilung scheint eine Vorstellung von Verwandtschaft als ontologischer Kategorie, verbunden mit einem bestimmten, daraus resultierenden, „natürlichen“ Verwandtenethos zu stecken.20 Eine wissenschaftliche Analyse erfordert jedoch einen kritischen Umgang mit solch vermeintlich anthropologischen ← 18 | 19 → Effekten, da sonst die Gefahr besteht, a priori das eigene Verwandtschaftskonzept und die damit verbundenen Vorstellungen auf andere Kulturen zu übertragen und damit gerade den Blick auf deren Eigenarten zu verstellen. Der Begriff „Sittengesetz“ erzeugt darüber hinaus den Eindruck einer strengen Norm, deren Nichtbefolgung Sanktionen zur Folge hat. Allerdings stellt sich dann die Frage, warum ausgerechnet Reinhart am Ende der Dichtung der Erfolgreiche ist. Außerdem wird Reinhart von Linke auch als völliger Einzelgänger interpretiert,21 die Figur Crimel außen vor gelassen. Diese Konzentration allein auf die Figur des Fuchses, die vielen Untersuchungen mehr oder weniger eigen ist, erscheint mir bei der Rekonstruktion eines verwandtschaftlichen Ethos allerdings fragwürdig. Schließlich ist es nicht nur Reinhart, der als mit anderen Tieren verwandt dargestellt ist. Es bestehen auch verwandtschaftliche Bindungen, die mit dem Protagonisten überhaupt nicht in Zusammenhang stehen, wie beispielsweise diejenigen unter den Hühnern. Darüber hinaus ist es auch nicht Reinhart allein, der Verwandtenbetrug begeht, man denke nur an den Kater, der den Fuchs bei ihrer ersten erzählten Begegnung erfolgreich in eine beinah tödliche Falle lockt. Woran aber kann man ein gültiges Sittengesetz festmachen, das von keiner der handelnden Figuren des Textes umgesetzt wird? Linke verortet es in den Erzählerkommentaren,22 die dies allerdings nicht in der Eindeutigkeit leisten, die notwendig wäre, um von einem Sittengesetz zu sprechen.23

Ähnlich normativ, aber nicht unter natur-ethischer, sondern dezidiert rechtshistorischer Perspektive, betrachtet Widmaier das Thema Verwandtschaft. Verwandtschaft bedeutet für sie die Einbindung in eine soziale Gemeinschaft, welche als Rechtsgemeinschaft charakterisiert ist:

„Erst durch seine Verwandten galt der Einzelne etwas, und infolge ihrer [der Verwandtschaft; Anm. NH] organisatorischen Prinzipien wurde auch er zu einer Rechtsperson.“24

Widmaier stößt dabei auf das Problem, mit dem sich auch die vorliegende Untersuchung auseinandersetzen muss, dass sich der genaue Grad der Verwandtschaft im Reinhart Fuchs in den meisten Fällen nicht genau bestimmen lässt. Doch darauf kommt es, laut Widmaier, auch nicht an, entscheidend sei allein das Vorliegen von Verwandtschaft, weil daraus alle verwandtschaftlichen Rechte und Pflichten ← 19 | 20 → resultierten.25 Fraglos arbeitet Widmaier wichtige rechtssatirische Elemente heraus, dennoch ist ihr Ansatz zurecht nicht unhinterfragt geblieben. So ist beispielsweise auch Broekmann der Vorstellung verpflichtet, dass in einer Gesellschaft, die kein staatliches Gewaltmonopol und keine anderen wirksamen Möglichkeiten kennt, Gewalt einzudämmen, Verwandtschaft lebenswichtigen Rückhalt und Schutz bietet, da sie „im allgemeinen zum friedlichen Umgang miteinander und zu gegenseitiger Unterstützung in allen Lebensbereichen“26 verpflichtet. Dabei bezieht er sich auch auf die Untersuchung von Widmaier, merkt in der Fußnote allerdings Folgendes an:

„Widmaier untersucht Verwandtschaft im Mittelalter aus einer rechtsgeschichtlichen Perspektive. Sie setzt hier wie auch an anderen Stellen stillschweigend voraus, daß Recht im Mittelalter das maßgebliche Ordnungsprinzip schlechthin war. Die Vorstellung eines mittelalterlichen Rechtsbereiches mit einem ausgeprägten Systemcharakter, wie ihn Widmaier annimmt, trifft in den letzten Jahren jedoch vermehrt auf Skepsis und Widerspruch. […] Der Forderung, andere Strukturen jenseits einer abgeschlossenen Rechtssphäre aufzuspüren, liegt der Gedanke zugrunde, daß das Recht – wie immer man es für das Mittelalter definiert – nur ein Ordnungsprinzip unter anderen war und sicherlich nicht das bedeutendste.“27

Ziel neuerer Forschung solle es darum sein, offene Handlungsstrukturen jenseits formalrechtlich erstarrter Normensysteme zu erkennen und damit zu Beschreibungen von Sozialgefügen zu gelangen, die historisch adäquater seien.28 Zu sehr entsteht bei Widmaier der Eindruck eines funktional ausdifferenzierten Rechtssystems. Mittelalterliche Rechtspraxis und Rechtsvorstellungen sind jedoch wenig institutionalisiert und schriftkulturell geprägt.29 Vielmehr rekurrieren sie, so ← 20 | 21 → zeigen es beispielsweise die Untersuchungen Althoffs,30 stark auf Ritualisierung.31 In der durch Sichtbarkeit und öffentliche Repräsentation geprägten Kultur des Mittelalters wirken diese Ritualisierungen stabilisierend und ersetzen weitestgehend institutionelle Formen von Gesellschaftlichkeit. Rechtsansprüche hängen somit stark von Gewohnheiten, den zur Verfügung stehenden rituellen Formen ihrer Kommunikation und ihrer situativen Durchsetzbarkeit ab.32 Verwandtschaft spielt dabei durchaus eine Rolle, allerdings greifen Rechtsbeistand und freundschaftliches Verhalten nicht sozusagen automatisch,33 ihr Verhältnis im Reinhart Fuchs ist durch genaue Textanalyse näher zu bestimmen.

Während die bisher herausgegriffenen Untersuchungen, Verwandtschaft eher am Rande behandeln und andere Interessensschwerpunkte setzen, hat sich Uwe Ruberg in einer kurzen Studie ganz der Verwandtschaftsthematik in den Tierdichtungen um Wolf und Fuchs gewidmet.34 Er erkennt ein Problem der älteren Forschung und weist eingangs darauf hin, dass Verwandtschaft im Tierepos nicht zoologisch, als mimetische Nachbildung der Natur, vorkommt, sondern als „im Spielraum fiktionaler Setzung“35 gesetzte. Dies ist eine überaus wichtige Beobachtung, die von Ruberg allerdings nicht weiter verfolgt wird. Stattdessen spricht er ← 21 | 22 → im Folgenden unreflektiert von Blutsverwandtschaft, Wahlverwandtschaft und geistlicher bzw. künstlicher Verwandtschaft. Die mangelnde Trennschärfe der Begriffe lässt Ruberg beinah alle sozialen Verbindungen als verwandtschaftliche sehen. Dadurch kommt er zu dem Schluss, im Reinhart Fuchs werde der Konflikt zwischen Fuchs und Wolf als Fehde zweier Familienverbände, der „kleinen“ und der „großen“ Tiere, inszeniert mit den beiden Kontrahenten jeweils an der Spitze.36 Jedoch agieren weder Wolf noch Fuchs wie das Oberhaupt eines größeren Verbandes. Eine solche Position hat Isengrin, wie sich zeigen wird, lediglich für die Wolfsfamilie im engeren Sinn.37 Auf dem Sühnetag treten zwar viele Verwandte zur Unterstützung beider auf, allerdings ist auch hier nicht wahrnehmbar, dass Fuchs oder Wolf eine hierarchisch besondere Position innerhalb der Gruppen einnehmen. Wenn eine Figur aus dem Kreis der Tiere, die Isengrin unterstützen, hervortritt, dann ist es Brun. Dies geschieht jedoch nicht aufgrund einer Spitzenposition innerhalb einer Verwandtengruppe, sondern vielmehr aufgrund seiner Funktion als Geistlicher – zur Durchführung des manipulierten Gottesurteils – bzw. später am Hof des Königs als vorsprech Isengrins.38 Es wird also auch im Reinhart Fuchs dargestellt, dass der Verwandtschaft in Auseinandersetzung und Konflikt eine Rolle zukommt bzw. zukommen kann, die Annahme normativer Pflichten oder gar allgemeingültiger juristisch fixierter Rechte in diesem Zusammenhang muss allerdings, so eine der Grundannahmen dieser Arbeit, relativiert werden.39 ← 22 | 23 → Wie das Verhältnis von Verwandtschaft und der Umgangsweise miteinander im Reinhart Fuchs gestaltet ist und wie sich diese Darstellung zu einer von der Forschung häufig angenommenen didaktischen Grundhaltung des Tierepos verhält,40 möchte ich in der vorliegenden Arbeit in den Blick nehmen.41

Der „Spielraum fiktionaler Setzung“42 wird für Rubergs Untersuchung nur insofern relevant, als dass es sein Interesse ist, die Funktionen der in der Tierdichtung abgebildeten historischen Verwandtschaftsformen zu untersuchen, wobei er Literatur als Ort der Reflexion verwandtschaftlicher Bindungen, die als in der sozialen Praxis vorliegend gedacht werden, begreift.43 Dabei betont Ruberg die Relevanz dessen für das historische Publikum und hebt die Bedeutung der literarischen Quellen für eine Kultur hervor, in der Familienbewusstsein so sehr zu den pragmatischen Selbstverständlichkeiten zählte, dass es sich wenig in „Rechts- und anderen Sachtexten“ artikuliere.44 Ruberg unterlässt es ← 23 | 24 → aber dieses Familienbewusstsein bzw. das Bewusstsein miteinander verwandt zu sein auf sein Konfliktpotential hin zu untersuchen oder auf die Art und Weise seiner Konstitution im Text einzugehen, sondern zieht sich letztlich ebenfalls auf ein normatives Verwandtschaftsverständnis zurück, indem er darlegt, die historischen Funktionen der Familie bestünden in Erziehung, Eideshilfe, Vormundschaft, Rache und Wirkung als Rechtsverband. Wer allerdings von der Vorannahme ausgeht, dass Verwandtschaft in „geregelte[n] Kompetenzen und gegenseitige[n] Rechte[n] und Pflichte[n]“45 aufgeht, kommt angesichts der Handlung des Reinhart Fuchs nicht über das Ergebnis hinaus, dass die angenommene Reflexion verwandtschaftlicher Bindungen darin besteht, dass der

„einvernehmlich normative Gehalt der Verwandtschaftsbindung […] ins Zwielicht [gerät], da Reinhart – und nicht nur er – das Argument der verwandtschaftlichen Rechts- und Verpflichtungsgemeinschaft notorisch zu egoistischen Zwecken mißbraucht.“46

Eine neue Analyse, die sich des Phänomens Verwandtschaft im Reinhart Fuchs unter Einbezug neuerer mediaevistischer Erkenntnisse annimmt, bedarf folglich einer Annäherung an Verwandtschaft, die über ein normatives Verwandtschaftsverständnis hinausgeht. Denn aus dem Reinhart Fuchs, so eine der grundlegenden Thesen, lässt sich ersehen, dass alle Stabilisierungselemente der höfischen Gesellschaft, zu denen zweifellos die Verwandtschaft gehört, letzlich Kippfiguren sind, d.h. auch destruktives Potential haben. Der literarische Text kann dabei Mittel zur Erkenntnis der eigenen sozialen Welt für den historischen Rezipienten sein; sollen aber die Funktionen von Verwandtschaft und insbesondere deren Grenzfälle kritisch reflektiert werden, verlangt dies geradezu nach einer prekären Verwandtschaftsdarstellung, ohne dass die Reflexion bei dieser Bewertung als Normabweichung stehen bleiben muss.47 ← 24 | 25 →

Verwandtschaftsdefinitionen, die in Studien entwickelt wurden, die konkrete gesellschaftliche Verwandtschaftssysteme der eigenen Gegenwartskultur oder fremder Kulturen in den Blick zu nehmen, sind nicht direkt auf den mittelalterlichen Text übertragbar. Diese können aber als Kontrastfolie herangezogen werden, um die Spezifik hochmittelalterlicher Verwandtschaft in Mitteleuropa stärker heraus zu präparieren48 oder um die eigenen Vorstellungen bewusst zu machen, mit denen es in der Analyse reflektiert umzugehen gilt. Auch allgemeine Definitionen bieten wichtige Anhaltspunkte,49 sind aber letztlich nicht ausreichend. Darum soll im Folgenden, wie eingangs erwähnt, ein kurzer Einblick in Trends der Forschung über das Phänomen Verwandtschaft in der Mediaevistik erfolgen. Fragestellungen und Ergebnisse werden auf ihren Beitrag zur Annäherung an Verwandtschaft im Reinhart Fuchs befragt werden.50 Wo dies sinnvoll ist, sollen auch Erkenntnisse anderer Disziplinen einfließen. Dabei muss selbstverständlich exemplarisch verfahren werden, denn in den letzten Jahrzehnten haben die Themen rund um das Phänomen Verwandtschaft zunehmend Aufmerksamkeit erfahren, wobei die verschiedensten methodischen ← 25 | 26 → Zugänge und die unterschiedlichsten Quellen, Texte und Gattungen zum Gegenstand gewählt wurden.51

1.2 Exemplarischer Einblick in die Fragestellungen der Forschung über Verwandtschaft

In der mediaevistischen Literaturwissenschaft sind zahlreiche motivgeschichtliche Untersuchungen, Arbeiten zu Figurenkonstellationen, zu Überlegungen bezüglich der Entstehung und Verbreitung literarischer Texte durch große Adelsfamilien,52 der Widerspiegelung von Vorstellungen außerliterarischer Quellen in den erzählenden Texten, die man als Ort der Reflektion gesellschaftlicher Verhältnisse begreift,53 der Darstellung von Verwandtschaftsbeziehungen in einzelnen Werken54 oder zum literarische Texte bestimmenden genealogischen Denken entstanden.55 Aus diesem weiten Feld werden im Folgenden insbesondere die Arbeiten von Kellner, Przybilski und Peters berücksichtigt, da sich diese relativ jungen Ganzschriften sowohl ausführlich mit dem Phänomen Verwandtschaft als auch den Ergebnissen der älteren Forschung auseinander setzen. Aufgrund des thematischen Schwerpunktes Verwandtenkampf, der auch die Handlung des Reinhart Fuchs wesentlich prägt, wird außerdem kürzer auf die ältere Untersuchung Der Kampf mit dem Freund oder Verwandten in der deutschen Literatur bis um 1300 eingegangen. ← 26 | 27 →

Biographische Angaben

Nadine Hufnagel (Autor:in)

Nadine Hufnagel studierte Ältere Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft sowie Lehramt für Gymnasien. Sie ist Wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Ältere Deutsche Philologie der Universität Bayreuth und forscht u.a. zu Tierepik und Mittelalter-Rezeption.

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