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Die Bedeutung der Religionswissenschaft und ihrer Subdisziplinen als Bezugswissenschaften für die Theologie

von Rauf Ceylan (Band-Herausgeber:in) Coşkun Sağlam (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 488 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Einleitung. Zwei Disziplinen, ein Forschungsgegenstand – Die Reaktualisierung der Frage hinsichtlich des Verhältnisses von Religionswissenschaft und Theologie im Kontext der Institute für Islamische Theologie
  • I. Allgemein: Wissenschaftliches Selbstverständnis, Subdisziplinen und Verhältnisbestimmung zur Theologie
  • Religionssoziologie und Religionspsychologie als zentrale Forschungsbereiche einer kulturwissenschaftlichen Religionswissenschaft
  • Das Wissenschaftsverständnis von Religionswissenschaft und ihren Subdisziplinen
  • Theologie und Religionswissenschaft – Gemeinsamkeiten und Differenzen? Das Problem der Verhältnisbestimmung im deutsch(sprachig)en Kontext
  • II. Historische Entwicklung: Etablierung als Akademische Disziplin und Wissenschaftsorganisatorische Bedeutung für die Theologische Fakultäten
  • Religionswissenschaft und Theologie zwischen Grenzziehung und Verschmelzung. Eine historische Perspektive im Kontext der Entstehungszeit der Religionswissenschaft
  • Religionskritik, Religionssoziologie und die Religiosität der Wissenschaft
  • Praktische Religionswissenschaft Koordinaten – Erkenntnisinteressen
  • Die Bedeutung der Religionspsychologie für die theologische Lehre und Praxis
  • Die klassische Phase der Religionssoziologie und ihr Einfluss auf die Theologie – „Dreht sich alles um Säkularisierung?“
  • III. Religionswissenschaft Heute: Aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen
  • Ist hier noch frei? Der Ort der Islamischen Theologie als Wissenschaft – systemtheoretisch bestimmt
  • Religionswissenschaft und ihr Beitrag für den Dialog zwischen den Theologien
  • Kooperation zwischen Religionswissenschaft sowie christlicher und islamischer Theologie: konzeptionelle Überlegungen und Zukunftsperspektiven
  • Grenzdiskurse zwischen Religionswissenschaft und Theologie – wissenschaftstheoretische Erwägungen
  • Religionswissenschaft als Chance zur Reflexion der theologischen Prämissen
  • Die Aktualität der Religionssoziologie für die Erforschung neuer muslimischer Gemeinschaften
  • Religionswissenschaft im Zeitalter der Globalisierung
  • IV. Die Bedeutung der Religionswissenschaft und Ihrer Subdisziplin aus der Sicht der Christlichen und Islamischen Theologien
  • Religion in praktisch-theologischer Perspektive
  • Die Bedeutung der religionswissenschaftlichen Forschung aus der Sicht der christlichen Theologie – eine katholische Perspektive
  • Die wissenschaftsorganisatorische Etablierung der jungen Disziplin „Islamische Theologie“ und die Rolle der Religionswissenschaft respektive Religionssoziologie
  • Die Bedeutung der Religionspsychologie aus der Sicht der Islamischen Theologie
  • Personenverzeichnis

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Rauf Ceylan und Coşkun Sağlam

Einleitung Zwei Disziplinen, ein Forschungsgegenstand – Die Reaktualisierung der Frage hinsichtlich des Verhältnisses von Religionswissenschaft und Theologie im Kontext der Institute für Islamische Theologie

Mit der Gründung der Institute für Islamische Theologie hat sich in Deutschland eine neue akademische Disziplin in relativ kurzer Zeit etabliert, die nicht nur eine neue Forschungsperspektive zur Religion des Islam bietet, sondern auch neue interdisziplinäre Kooperationsmöglichkeiten schafft. In diesem Zusammenhang haben sich an den Standorten Münster-Osnabrück, Frankfurt-Gießen, Erlangen-Nürnberg und Tübingen islamisch-christliche Forschungsfragen und -projekte entwickelt, um sowohl das Verhältnis der beiden Disziplinen zueinander als auch gsemeinsame theologische Fragen anzugehen. Nicht nur das, sondern bereits lange vor den Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Gründung von Zentren für Islamische Theologie haben zum Teil wie in Osnabrück christliche Professoren/innen am strukturellen Aufbau der Institute gewirkt. Heute können alle Standorte für Islamische Theologie auf gut funktionierende interreligiöse Netzwerke innerhalb der jeweiligen Universitäten blicken. In Form von gemeinsamen Tagungen, Projekten und Publikationen werden zahlreiche historische und gegenwartsbezogene Fragen behandelt. Ein zentraler Diskussionspunkt ist dabei die Diskussion um das Selbstverständnis der beiden Theologien sowie um ihre Legitimation an den Universitäten im 21. Jahrhundert, vor allem im Kontext von Säkularisierungsprozessen. Mit dieser Legitimationsfrage werden sich beide Theologien auch in Zukunft auseinandersetzen müssen.

In den innerislamischen Diskursen – die in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt – hat sich relativ schnell herausgestellt, dass zwar die Islamische Theologie als Wissenschaft ihr Existenzrecht an den Universitäten habe, allerdings zeichneten sich kontroverse Positionen im Hinblick auf die Definition des Fachs ab. Als ein Initialzünder der Debatten ist die bis heute ← 9 | 10 → strittige Frage der Involvierung der konfessorischen Beiräte und entsprechend die große Variationsbreite ihrer strukturellen Implementierung an den Standorten für Islamische Theologie anzuführen. Vom Wissenschaftsrat wurde nach Vorbild der christlichen Theologien in ihren Empfehlungen ein Beirat sozusagen als Konstrukt bzw. als Provisorium vorgeschlagen, um den muslimischen Gemeinden, den muslimischen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie (internationalen) Theologen eine kirchenähnliche Funktion zuzuschreiben. Während die eine Position vehement die Einmischung ablehnt, vertritt die andere Position die Beteiligung der muslimischen Gemeinden. Beide begründen ihre Argumente jeweils aus der islamischen Wissenschaftsgeschichte heraus. Die Kontroversen über die Zusammensetzung und gar über die Einmischung der Religionsgemeinschaften in die akademischen Strukturen ist auch für die christlichen Theologien kein fremdes Terrain, daher fügen sich diese muslimischen Debatten in diesen Kontext ein.

Gemeinsam ist den beiden Theologien auch die Frage, wie weit ergebnisoffen geforscht werden darf. Damit sind nicht nur fachspezifische Diskussionen verbunden, sondern zugleich wird das Verhältnis zur Religionswissenschaft tangiert, die sich als relativ junge akademische Disziplin in Europa seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Erforschung des Phänomens Religion zur Aufgabe gemacht hat. Ohne sich auf metaphysische Wahrheiten als Prämissen zu berufen, wird das soziale Phänomen Religion historisch, systematisch bzw. theoretisch und empirisch untersucht. Obwohl sich die Religionswissenschaft in ihrer Wissenschaftsgeschichte als eigenständige Disziplin mit ihrem eigenen wissenschaftstheoretischen und methodologischen Profil erfolgreich etablierte, hat sie lange Zeit im Schatten von theologischen Fakultäten gewirkt. Dass man sich mit der Theologie den gleichen Forschungsgegenstand – insbesondere in der Untersuchung des Christentums selbst – teilte, führte zu einer Konkurrenzsituation. Das wissenschaftsorganisatorische Verhältnis fällt bis heute sehr asymmetrisch zuungunsten der Religionswissenschaft aus, zugleich konnte man in dieser diskursiven Abgrenzung das eigene Profil kritisch reflektieren. Vereinfacht ausgedrückt kann man diese Profilierung auf die folgende Formel bringen: Während die Religionswissenschaft sich auf eine „Außenperspektive“ berufen kann, nimmt die Theologie eine „Innenperspektive“ ein. Allerdings ist damit keineswegs von allen Wissenschaftlern – insbesondere aus der Theologie nicht – eine starre Demarkationslinie zwischen den beiden Disziplinen anerkannt worden. ← 10 | 11 → Insbesondere die Konflikte bei den christlichen Theologien haben gezeigt, dass auch die eigenen Prämissen in Frage gestellt werden können (z.B. Fall Gerd Lüdemann) und schließlich die Kirche diese Grenzüberschreitung sanktionieren kann. Plakativ könnte man das auch so interpretieren, dass die Kirchen als Kontrollgremium auch zugleich das Forschungsprofil der Religionswissenschaft „schützen“.

In dieses Diskursfeld ist nun mit der Islamischen Theologie ein weiterer Akteur eingetreten, der allerdings in seiner Wissenschaftsgeschichte keinen ausgeprägten Diskurs hinsichtlich des Verhältnisses von Religionswissenschaft und Theologie aufweisen kann. Das liegt zum einen daran, dass die Religionswissenschaft mit ihren Subdisziplinen Religionssoziologie und -psychologie entweder sehr spät in die Curricula der theologischen Fakultäten aufgenommen oder gar nicht aufgenommen wurde. Zum anderen kann man denjenigen Fakultäten mit religionswissenschaftlichem Angebot eine Vereinnahmung bzw. Instrumentalisierung dieser Disziplin im Dienste der Theologie attestieren. Die sehr junge Disziplin Islamische Theologie in Deutschland kann daher nicht auf einen kritischen Diskurs im Herkunftskontext zurückgreifen, wenn sie hierzulande ihr Profil schärfen und das Verhältnis zur Religionswissenschaft definieren muss.

Im Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück wird in diesem Zusammenhang seit 2009 das Fach Religionswissenschaft mit den Subdisziplinen Religionssoziologie und Religionspsychologie für angehende Theologen/innen angeboten. In den Disputen mit den Studierenden wird in jedem Semester deutlich, dass die Fragen des Selbstverständnisses der Disziplin sowie der „Grenzziehung“ auch unter den angehenden Theologen/innen ein strittiges Gesprächsthema sind. Die vielen Diskussionen im Seminar haben die Herausgeber die Überzeugung gewinnen lassen, dass im Prozess der Profilbildung der jungen Disziplin Islamische Theologie im europäischen Kontext, nicht nur an den christlich-theologischen, sondern auch an den religionswissenschaftlichen Diskurs angeknüpft werden muss. In diesem Zusammenhang entstand in den vielen regen Gesprächen mit den angehenden muslimischen Theologen/innen die Idee einer Publikation, um allen Studierenden – christliche, jüdische und islamische Theologie und Religionswissenschaft – nicht allein die interreligiöse, sondern auch die interdisziplinäre Anschlussfähigkeit zu vermitteln. Das Selbstverständnis und die Beziehungen beider Disziplinen zueinander sollten auf der Grundlage einer ← 11 | 12 → sachlich-differenzierten Darstellung der historischen, gegenwartsbezogenen und (möglichen) zukünftigen Entwicklung analysiert werden. Vor diesem Hintergrund konnten für dieses Buch renommierte und führende Religionswissenschaftler/innen, Religionspsychologen/innen und Theologen/innen gewonnen werden, um die Frage des Verhältnisses von Religionswissenschaft inklusive ihrer Subdisziplinen zur Theologie sowie das Selbstverständnis der beiden Disziplinen unter den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen kritisch zu diskutieren.

Thematisch ist das Buch in vier Schwerpunkte eingeteilt, um das Selbstverständnis der Disziplin und ihre Beziehung zur Theologie, ihre wissenschaftsgeschichtliche Entwicklung, die gegenwartsbezogene Situation sowie die Bedeutung der Religionswissenschaft inklusive beider Subdisziplinen auch aus der Perspektive der christlichen und islamischen Theologie heraus zu ergründen. Auf der Basis dieser inhaltlichen Konzeption wird im Themenschwerpunkt I zunächst von Peter Antes das Selbstverständnis der Religionswissenschaft (Religionssoziologie/Religionspsychologie) als Kulturwissenschaft ohne „religiöse Vorgaben“ aufzeigt. Dieser Diskussion schließt sich Johann Figl im darauffolgenden Beitrag an und expliziert das Selbstverständnis der beiden Wissenschaftsdisziplinen. Dabei plädiert Figl, die Grenzen zwischen den beiden Disziplinen – trotz vieler Gemeinsamkeiten – zu bewahren. Klaus Hock kontextualisiert diese Diskussion noch einmal in seinem Artikel für den deutschsprachigen Raum. Auf der Grundlage seiner akribischen Analyse zu den Debatten über das Verhältnis der beiden Disziplinen, fasst er die zentralen Ergebnisse unter den Überschriften „Kumulative Diskurskultur“, „Erkenntnisleitendes Interesse“ und „Wissenschaftspolitik und Institutionenpolitik“ zusammen. Insgesamt bietet der erste Schwerpunkt nicht nur einen sehr guten Überblick über das wissenschaftliche Selbstverständnis der beiden Disziplinen, sondern gewährt auch Einblicke in gegenwärtige Diskussionen.

Im Themenschwerpunkt II wird die historische Entwicklung der akademischen Disziplin und ihre wissenschaftsorganisatorische Positionierung aufgegriffen. Im ersten Beitrag wird von Sigurd Hjelde konkret die Entstehungszeit der Religionswissenschaft und die frühen Modelle der Verhältnisbestimmung zur Theologie beschrieben. Der zweite Beitrag von Hubert Knoblauch korrespondiert nicht nur mit der frühen Frage der Verhältnisbestimmung, sondern zeigt auch am Beispiel von eher liberal orientierten ← 12 | 13 → Theologen die positive Verhältnisbestimmung zur Religionswissenschaft auf. Udo Tworuschka thematisiert in seinem Artikel die Entstehung der Praktischen Religionswissenschaft und weist zugleich auf die praxisbezogene Bedeutung der Disziplin bzw. des Forschers in konkreten religionsbezogenen Alltagsfragen, insbesondere in wertepluralen Gesellschaften hin. Ab dem vierten Beitrag wird dann der Fokus auf die Subdisziplinen der Religionswissenschaft gerichtet. So zeigt Michael Utsch in seiner Analyse die Entwicklung der Religionspsychologie im 19. Jahrhundert und das parallel entstandene Arbeitsgebiet. Zugleich werden die komplementären Aspekte einer fruchtbaren Kooperation beleuchtet. Gert Pickel widmet sich der Subdisziplin Religionssoziologie und setzt sich mit ihrer klassischen Phase auseinander. Thematisiert werden u.a. die Klassiker der Religionssoziologie sowie ihre Bedeutung für die Theologie.

Der Themenschwerpunkt III beschäftigt sich mit der gegenwartsbezogenen Situation und Bedeutung der Religionswissenschaft. Im ersten Beitrag von Johann Hafner wird zunächst das wissenschaftliche Profil der Theologie beleuchtet, um aus dieser Perspektive heraus ihre Rolle und Funktion im „Disziplinenspektrum“ zu illustrieren. Michael von Brück akzentuiert in seinem Beitrag u.a. das „dialogische Prinzip“ der Religionswissenschaft, die gerade den konträren theologischen Perspektiven dabei helfen könnte, auf der Grundlage einer distanziert-kritischen Analyse der Außenperspektive, nicht nur andere Positionen besser zu verstehen, sondern auch im reziproken Prozess des Austausches Veränderungen in den jeweiligen Positionen herbeizuführen. Ulrich Dehn führt in seinem Beitrag die Frage der aktuellen interdisziplinären Kooperationsmöglichkeiten zwischen der Religionswissenschaft und der islamischen bzw. christlichen Theologie fort. Die konkreten Möglichkeiten einer Zusammenarbeit werden anhand von Publikationen und Forschungsprojekten analysiert sowie Zukunftsperspektiven aufgezeigt. Henning Wrogemann zeigt in seinem Beitrag die „Grenzdiskurse“ der beiden Disziplinen auf, indem er u.a. das komplexe Verhältnis beider Disziplinen veranschaulicht sowie die bezugswissenschaftliche Komponente der Religionswissenschaft für die Theologie ausführlich bespricht. Die konstruktive Rolle der Religionswissenschaft für die Theologie wird im nächsten Aufsatz von Bertram Schmitz wieder aufgegriffen und dabei werden die Möglichkeiten der „Reflexion der theologischen Prämissen“ infolge der Impulse aus der religionswissenschaftlichen Außenperspektive skizziert. Exemplifiziert ← 13 | 14 → wird diese Chance zur Selbstreflexion an der Islamischen Theologie, indem Schmitz u.a. die innerislamische Pluralität hinsichtlich der Interpretationsvielfalt des Islam vor Augen führt. Der Islam wird auch im nächsten Beitrag von Rafael Walthert als Beispiel dafür genommen, um die Bedeutung der Religionswissenschaften für gegenwartsbezogene Forschungen plastisch zu machen. Konkret zeigt Walthert diese Funktion an religionssoziologischen Analysemöglichkeiten zu neuen muslimischen Gemeinschaften auf. Die Aktualität der Religionswissenschaft wird im letzten Artikel des Kapitels anhand der neuen Möglichkeiten und Herausforderung der Disziplin im Kontext der Globalisierung von Volkhard Krech gezeigt. Krech diskutiert nicht nur die Folgen der zunehmenden Internationalisierung für die Religion an sich, sondern auch für die Disziplin der Religionswissenschaft, die sich entsprechend arrangieren und organisieren muss.

Im letzten Themenschwerpunkt IV wird schließlich ein Perspektivenwechsel vorgenommen, indem die Bedeutung der Religionswissenschaft und ihrer Subdisziplinen aus der Sicht der Theologien kritisch gewürdigt werden. Im ersten Beitrag legt in diesem Zusammenhang die evangelischen Theologin Birgit Weyel die Bedeutung der Praktischen Theologie in der Erforschung von Religion sowie die Rolle der Religionswissenschaft als notwendiger Kooperationspartner dar. Mit Margit Eckholt wird die Bedeutung der Religionswissenschaft aus einer katholischen Perspektive heraus zeigt, aber auch zugleich das Profil der Theologie als Wissenschaft und ihre gegenwärtige Legitimation an Universitäten besprochen. Die letzten beiden Autoren, Rauf Ceylan und Coşkun Sağlam, greifen die islamische Perspektive im Hinblick auf die religionswissenschaftlichen Disziplinen auf. Während Ceylan die Rolle der Religionswissenschaft und Religionssoziologie konkret im Kontext der wissenschaftsorganisatorischen Entwicklung der neuen Institute für Islamische Theologie bekräftigt, versucht Sağlam nicht nur die Rolle der Religionspsychologie für die Islamische Theologie nachzuzeichnen, sondern auch die Entwicklungen in der muslimischen Wissenschaftstradition herauszuarbeiten. Damit soll nicht nur eine mögliche eurozentrische Sicht einer Religionspsychologie relativiert, sondern es sollen zugleich wissenschaftliche „Brücken“ zwischen den unterschiedlichen (geografisch, kulturellen usw.) Pfaden errichtet werden.

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I. Allgemein: Wissenschaftliches Selbstverständnis, Subdisziplinen und Verhältnisbestimmung zur Theologie

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Peter Antes

Religionssoziologie und Religionspsychologie als zentrale Forschungsbereiche einer kulturwissenschaftlichen Religionswissenschaft

Abstract The main topic of theology is God or the Holy while the topic of the Study of Religions as a cultural discipline is the religious human being. This holds also true for its two main subdisciplines: Sociology of Religion and Psychology of Religion. The former studies religiously motivated acts and the influence of religion(s) on society while the latter concentrates on the individual and its behaviour and thinking. This anthropological turn lets religious dogmas aside but is, in its empirical approach, often not free from theories that may have an impact on the results of research. The article gives two examples from each of these subdisciplines to show how interest-related those studies can be: in Sociology of Religion, reference is made to French, English, and German approaches to the relationship between religion and modernity as well as to the discourse on religion which in Europe mostly emphasizes its role in conflicts while in America religion is often seen as faith-based social capital; in Psychology of Religion, a big-brother-is-watching-you concept of God can hinder the individual from developing a psychologically free personality, and cultural presumptions can decide on how to interpret deviant human behaviour, namely as holy in one cultural context and as abnormal in another.

Theologie ist die „Rede von Gott“. Gegenstand der Theologie ist somit Gott, das Heilige und die jenseitige Welt, neben allen Auswirkungen des göttlichen Handelns auf die Schöpfung, d.h. die Welt und den Menschen. Dabei geschieht die Auslegung durch „systematische Rückbindung des eigenen methodischen Forschens und Lehrens an die Selbstauslegung und Weltdeutung einer bestimmten Religionsgemeinschaft“1, also durch das, was man gewöhnlich unter der Bekenntnisgebundenheit von Theologie versteht. Dem steht eine nicht an Dogmen einer Glaubensgemeinschaft gebundene säkulare ← 17 | 18 → Wissenschaft gegenüber, mit Bezug auf die Erforschung von Religionen vornehmlich eine kulturwissenschaftliche Religionswissenschaft,2 zu deren Unterdisziplinen vor allem die Religionssoziologie und die Religionspsychologie gehören.3 Beide werden im Folgenden kurz angesprochen und ein Fazit fasst die Ergebnisse am Ende zusammen.

1. Religionssoziologie

In allgemeinster Bestimmung hat es die R(eligionssoziologie) mit der erfahrungswiss(enschaftlichen) Klärung des wechselseitigen Verhältnisses von Religion und Gesellschaft zu tun. Ihre Grundlage findet sie in der rel(igiösen) Dimension der Gesellschaft und in der gesellschaftlichen Dimension der Religion. So untersucht sie mit empirischen Mitteln, wie rel(igiöse) Faktoren in den Konstitutionsprozeß der Gesellschaft eingehen, welche Rolle Religion in der Bildung gesellschaftlicher Gruppen spielt und wie Religiosität die Handlungsführung und biographische Lebensdeutung des einzelnen beeinflusst. In umgekehrter Blickrichtung analysiert sie, wie gesellschaftliche Faktoren rel(igiöse) Glaubenssysteme und Handlungsformen prägen und in spezifischen Institutionen, Werten und Verhaltensweisen ihren Ausdruck finden. Gegenstand der R(eligionssoziologie) sind somit sowohl die Sozialformen der Religion als auch die rel(igiösen) Ausdrucksformen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Es geht ihr – zusammenfassend gesagt – um die Analyse der wechselseitigen Durchdringung von Religion und Gesellschaft.“4

Von zentraler Bedeutung ist methodisch dabei die Erstellung von empirisch erhobenem Material. Es versteht sich von selbst, dass in diesem Beitrag nicht das breite Spektrum aller in der zitierten Beschreibung aufgezählten ← 18 | 19 → Aufgaben dieser Disziplin behandelt werden kann,5 der Blick soll vielmehr auf das empirische Vorgehen gelenkt werden. An zwei Beispielen soll gezeigt werden, wie die empirische Forschung ihrerseits6 oft in einen theoretischen Rahmen eingebettet ist, der sowohl das Forschungsinteresse leitet als auch – gewissermaßen vorprogrammierend – die Ergebnisse beeinflusst.

1.1 Beispiel eins

Für das erste Beispiel liefert Hans G. Kippenberg in seinem Buch Die Entdeckung der Religionsgeschichte eine eindrucksvolle Darstellung, wenn er auf die Unterschiede zwischen englischen, französischen und deutschen ← 19 | 20 → Religionsforschern zu sprechen kommt, wobei im internationalen Diskurs die Arbeiten grenzüberschreitend zur Kenntnis genommen werden und deshalb nicht ausschließlich auf die sprachlichen Kontexte beschränkt sind:

wie es Max Weber eindrucksvoll dargelegt hat.

Eine Vertiefung dieser Ausführungen würde über den hier vorgegebenen Rahmen weit hinausführen. Festzuhalten aber bleibt, dass die jeweiligen Grundannahmen bezüglich des Verhältnisses von Religion und Moderne zu Fragestellungen führen, deren Beantwortung das gesamte Forschungsdesign so nachhaltig prägt, dass die zu Tage geförderten empirischen Ergebnisse auf ihr jeweiliges Erkenntnisinteresse hin zu durchleuchten sind. ← 20 | 21 →

1.2 Beispiel zwei

Das zweite Beispiel unterstreicht diesen Befund noch mehr. Es handelt sich um die Frage, welche Rolle der Religion in unserem Kontext zukommt. Wenn in Europa von Religion in den Medien und auch in der Soziologie üblicher Weise die Rede ist, dann meist im Zusammenhang mit Problemen. So lesen und hören wir von terroristischen Aktionen im Namen des Islam, von sexuellem Missbrauch Jugendlicher durch katholische Geistliche, vom besonderen Arbeitsrecht für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in kirchlichen Einrichtungen u.v.a.m. Ganz anders dagegen in den USA. Dort spricht man vom religiösen Engagement als von einem förderlichen Faktor für gesellschaftliche Integrationsprozesse und bezeichnet gerne die Religion deshalb als social capital.8

In Anlehnung an Richard Traunmüller9 und den Religionsmonitor 2013 der Bertelsmann-Stiftung10 sollen hier drei positive Aspekte der Wirkung von Religion auf den Menschen angesprochen werden:

Religiöse Einrichtungen erfüllen zahlreiche gesellschaftliche Aufgaben, etwa in den Bereichen Kultur und Erziehung. Sie fördern das Wissen um Literatur, Sprache, Kunst und Musik, jedenfalls in den Bereichen, die ihnen eigen sind. So etwa haben deutsche katholische Männer und Frauen in den Kirchen von biblischen Geschichten gehört, haben manches Gemälde oder Heiligenfiguren mit ihren Viten in der eigenen Kirche oder auf Wallfahrten kennen gelernt und sind an Hochfesten wie Weihnachten oder Ostern durch Messen von Mozart oder Schubert erfreut worden, in die sie aus freien Stücken vielleicht nie gegangen wären. Zudem macht ← 21 | 22 → die religiöse Gemeinde Sinnangebote und vermittelt Werte,11 die für die Sozialisation von großer Bedeutung sind, auch wenn nach dem Religionsmonitor 2013 die Wertevermittlung heute überwiegend jenseits der religiösen Gemeinschaft stattfindet. Nicht zu unterschätzen ist mit Blick auf Migrantengemeinden die Vermittlung eines Heimatgefühles und einer Gruppenzugehörigkeit, die sich meist positiv auf die Entwicklung der individuellen Identität der Mitglieder auswirkt.

Religiöse Einrichtungen sind „Katalysatoren zivilgesellschaftlichen Engagements“. Man lernt in der religiösen Gemeinschaft politische Interessen zu artikulieren und zu vertreten. Viele, die aus Diktaturen kommen und keine Erfahrung mit demokratisch strukturierten Gruppen haben, lernen hier, wie demokratische Wahlen vonstatten gehen, wie Gremienarbeit funktioniert, wie Konflikte gewaltfrei und durch Diskussionen gelöst werden. Es wird hier das Auge für die Notleidenden in der Welt geschult. Das zeigt sich in der Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen aus anderen Ländern, in karitativen Aktionen wie in Deutschland die großen Fastenaktionen in den christlichen Kirchen (Brot für die Welt, Misereor). „Religiöse Menschen engagieren sich häufiger ehrenamtlich“, stellt der Religionsmonitor 2013 zu Deutschland in seinem Kapitel 4: „Religion und gesellschaftlicher Zusammenhalt“ fest. Ebenso überrascht dort die Aussage: „Religion hat einen positiven Einfluss auf den Zusammenhalt in der Gesellschaft“ und „Religiöse Bindungen wirken in den christlichen Konfessionen als Motor für soziales Engagement.“ In alledem wächst das Selbstwertgefühl der Beteiligten.

Religiöse Einrichtungen sprechen ein sehr heterogenes Publikum an, das verschiedene gesellschaftliche Gruppen einschließt. Es sind die religiösen Gemeinschaften, die eine enorme Integrationsarbeit leisten zwischen Arm und Reich, Jung und Alt, Kranken und Gesunden, Männern und Frauen, Einheimischen und Fremden. Als leuchtendes Vorbild kann hier die Integrationsarbeit der jüdischen Gemeinden hinsichtlich all derer genannt werden, die nach 1989 aus Osteuropa und den asiatischen Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind. Nicht unerwähnt sollen auch die Integrationsbemühungen vieler islamischer ← 22 | 23 → Gemeinden in Deutschland bleiben, die Flüchtlingen aus Ländern mit islamischer Bevölkerungsmehrheit eine Chance zur Integration in die deutsche Gesellschaft geboten haben und noch immer bieten. In diesen religiösen Gemeinden lernt man auch Solidarität mit den Fremden und Notleidenden aus anderen Ländern.

Natürlich gibt es trotz dieser vielen positiven Aspekte auch Negatives zu vermelden. Zwei Gefahren seien deshalb hier kurz genannt:

Die Abschottung in der eigenen Gruppe und damit einhergehend die Abgrenzung gegenüber allen anderen Gruppen, also die Gefahr des religiösen Fundamentalismus.12 Die daraus erwachsenden Probleme werden hinreichend in der deutschsprachigen Religionssoziologie thematisiert, so dass es sich erübrigt, hier ausführlicher darauf einzugehen.

Eine andere Gefahr benennt Amin Maalouf mit dem Stichwort „Mörderische Identitäten“.13 Er weist darauf hin, dass jeder Mensch je nach seinen Tätigkeiten unterschiedliche Identitäten hat: jeweils eine andere als Geschäftsmann, im Sportverein, als Familienvater oder innerhalb der Religionsgemeinschaft. Gerät dies aus dem Blick, indem das ganze Leben auf eine einzige reduziert wird, dann, so Maalouf, wird es fatal.

Die religiöse Gemeinde sollte die positiven Aspekte von Religion erkennen und sich durch eine entsprechende pastorale Begleitung zu eigen machen, aber auch die Gefahren einer negativen Entwicklung sehen und entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen, die derartiges verhindern helfen.

Der Hinweis auf Sinnangebote und die Entwicklung einer individuellen Identität weist über den rein gruppenbezogenen Einfluss von Religion als social capital hinaus, sie berühren den Bereich des Individuums. Dafür ist die Religionspsychologie zuständig. ← 23 | 24 →

Zusammenfassung

Die Religionswissenschaft mit ihren beiden Subdisziplinen Religionssoziologie und Religionspsychologie hat als sogenannte „Außenperspektive" wichtige Forschungsbeiträge für die „Innenperspektive" der christlichen Theologien geliefert. Einen Konflikt stellte dabei immer wieder der Disput über die Festlegung von (wissenschafts-)theoretischen und methodischen Grenzen zwischen den beiden Disziplinen dar. Die Frage der Bedeutung dieser Bezugswissenschaften sowie die Verhältnisbestimmung ist auch für die junge Disziplin Islamische Theologie relevant, wurde jedoch bisher kaum thematisiert. In diesem Band wird die Frage mit führenden Experten aus Theologie, Religionspsychologie und Religionssoziologie erörtert. Für die Zukunft der Islamischen Theologie in Deutschland wird es wichtig sein, sich konstruktiv mit der Religionswissenschaft auseinanderzusetzen. Für die Religionswissenschaft dagegen eröffnen sich neue Forschungsperspektiven.

Biographische Angaben

Rauf Ceylan (Band-Herausgeber:in) Coşkun Sağlam (Band-Herausgeber:in)

Rauf Ceylan, Prof. Dr. rer. soc. Dr. phil., ist promovierter Soziologe und promovierter Religionspädagoge sowie Buchautor. Er hat die Professur für Religionssoziologie an der Universität Osnabrück inne. Coşkun Sağlam ist wissenschaftlicher Koordinator am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück. Dort lehrt und forscht er zudem im Fach Religionspsychologie. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt unter anderem die Bedeutung der Religionspsychologie für die islamische Theologie.

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Titel: Die Bedeutung der Religionswissenschaft und ihrer Subdisziplinen als Bezugswissenschaften für die Theologie