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Die Balkankrise von 1875 bis 1878 im Spiegel osmanischer und westlicher Karikaturen

von Elif Elmas (Autor:in)
Dissertation 407 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch gibt anhand von graphischen Bildsatiren einen Einblick in die satirische Bearbeitung der Balkankrise von 1875–1878. Ab den 1870er Jahren erschienen erstmals karikaturistische Satirezeitschriften in osmanischem Türkisch. Die Autorin widmet sich den satirischen Publikationen des wichtigsten Protagonisten dieser Jahre: Teodor Kasap, dem die Synthese des westlichen Konzepts einer Satirezeitschrift mit einer der populärsten Formen osmanischer Satire, dem Schattentheater Karagöz, gelang. Die Herausgeber von Satirezeitschriften hatten die Absicht, nicht nur zur Unterhaltung ihres Publikums beizutragen, sondern auch zur (politischen) Meinungsbildung. Verleger wie Teodor Kasap oder Mehmed Tevfik wussten um die Macht ihrer Blätter und nutzten sie als Medium zur Verbreitung eigener Gedanken, Ideale und Ansichten. Exemplarisch untersucht die Autorin unter anderem die Satirezeitschrift Hayal.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Stand der Forschung
  • 1.2 Begriffsbestimmungen
  • 1.3 Zur Auswahl der Quellen
  • 1.4 Anmerkungen zur Auswahl der Karikaturen und zu ihrer Interpretation
  • 1.5 Aufbau der Arbeit
  • 2. Die Anfänge des privatwirtschaftlich geführten Pressewesens im Osmanischen Reich
  • 2.1 Die Entfaltung der satirischen Presse in Istanbul bis 1877
  • 2.2 Formen verbaler und visueller Satire im Osmanischen Reich vor 1870
  • 2.2.1 Das osmanische Schattentheater Karagöz
  • 2.3 Der Einfluss visueller und verbaler Satire auf die osmanischsprachige Satirepresse
  • 3. Teodor Kasap und seine Satirezeitschrift Hayal
  • 3.1 Zur Biographie von Teodor Kasap
  • 3.2 Der Beitrag von Kasap zur osmanischsprachigen Literatur der späten Tanzimat-Periode
  • 3.3 Die Satirezeitschrift Hayal
  • 3.4 Die Inhalte von Hayal – Ein Überblick
  • 3.5 Kasaps Kritik am osmanischen Theater
  • 3.6 Das Schattentheater Karagöz als Leitmotiv von Hayal
  • 3.7 Hayal und ihre Öffentlichkeit
  • 3.8 Hayal und die zeitgenössische osmanische Presse
  • 3.9 Hayal und die osmanische Pressezensur
  • 4. Die Balkankrise von 1875–1878 im Spiegel von Hayal
  • 4.1 Die frühe Phase der Balkankrise
  • 4.2 Der Bulgarische Aprilaufstand von 1876
  • 4.3 Der Serbisch-Osmanische Krieg von 1876
  • 4.4 Die Darstellung der unterschiedlichen Interessensphären und Interessenskonflikte am Vorabend des Russisch-Osmanischen Krieges in Karikatur
  • 4.5 Die Konferenz von Konstantinopel 1876/77 und die Proklamation der osmanischen Verfassung
  • 4.6 Das „Londoner Protokoll“
  • 4.7 Die „Orientalische Frage“
  • 4.8 Der russische Aggressor in Karikatur
  • 4.9 Die Kritik von Hayal an der Berichterstattung der osmanischen Presse während der Balkankrise von 1875–1878
  • 5. Die Balkankrise von 1875–1878 im Spiegel von Punch
  • 5.1 Die Anfänge der Balkankrise
  • 5.2 Die Karikierung der Unruhen auf dem Balkan
  • 5.3 Der Bulgarische Aprilaufstand
  • 5.4 Die Allegorie „des kranken Mannes am Bosporus“
  • 5.5 Die Konferenz von Konstantinopel und die Proklamation der osmanischen Verfassung 1876
  • 5.6 Das „Londoner Protokoll“
  • 5.7 Der Russisch-Osmanische Krieg von 1877–1878
  • 5.8 Russland in Indien: Die britische Russophobie in Punch
  • 5.9 Der Friedensvertrag von Adrianopel
  • 5.10 Der Friedensvertrag von San Stefano
  • 6. Die Illustration der Balkankrise von 1875–1878 im Kladderadatsch
  • 6.1 Die erste Phase der Balkankrise im Spiegel von Kladderadatsch
  • 6.2 Der „kranke Mann“ vom Bosporus
  • 6.3 Das Osmanische Reich als Aggressor
  • 6.4 Die Forderungen nach Reformen am Vorabend des Russisch-Osmanischen Krieges von 1877–1878
  • 6.5 Die Herrschaft von Murad V. aus der Perspektive von Kladderadatsch
  • 6.6 Der Serbisch-Osmanische Krieg von 1876
  • 6.7 Die Konferenz von Konstantinopel und die Proklamation der osmanischen Verfassung 1876
  • 6.8 Die „Bulgarengräuel“ als Gegenstand von Bildsatiren
  • 6.9 Der Russisch-Osmanische Krieg von 1877–1878
  • 6.10 Vom Frieden von San Stefano bis zur Berliner Konferenz
  • 7. Karikaturen als Medium des internationalen Transfers von politischen Symbolen – dargestellt am Sinnbild des „russischen Bären“
  • 8. Schlussbetrachtung
  • 9. Quellenverzeichnis
  • 10. Literaturverzeichnis

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1.  Einleitung

Zu Beginn des „langen 19. Jahrhunderts“1 gehörten die Levante, Teile Nordafrikas und des Kaukasus sowie weite Gebiete der Balkanhalbinsel zu dem Herrschaftsgebiet des Osmanischen Reiches.2 Dementsprechend lebten Angehörige unterschiedlicher Religions- und Sprachzugehörigkeiten unter osmanischer Oberherrschaft.3 Die Erhaltung der Kontrolle über diese weitläufigen Territorien stellte die Hohe Pforte im 19. Jahrhundert vor große Herausforderungen, zumal sie in diesem Jahrhundert verstärkt gegen zentrifugale Kräfte zu kämpfen hatte.4 Von ihrer Hauptstadt Konstantinopel aus verfügte sie kaum mehr über die Herrschaftsgewalt, ihre Peripherien zu kontrollieren.5 Die Anzahl von Revolten ← 13 | 14 → und Unruhen wuchs in den osmanischen Provinzen stetig.6 In dieser Hinsicht gehörte die Balkanhalbinsel, welche zum größten Teil dem Osmanischen Reich eingegliedert war, zu den krisenreichsten Gebieten auf dem europäischen Kontinent. Das Jahr 1804 markiert in diesem Kontext einen wichtigen Wendepunkt. In diesem Jahr revoltierten Serben aus der Umgebung von Belgrad mit der Forderung nach Autonomie.7 Drückende Steuerlasten sowie die Ungleichbehandlung von Muslimen und Nichtmuslimen führten zu Unmut bei den christlichen Untertanen. Hinzu traten die aufkeimenden separatistischen Bewegungen unter der Bevölkerung des Osmanischen Reiches.8 So forderten in den darauffolgenden Jahren weitere, zumeist christliche Untertanen des Sultans, ihre Souveränität.9 Trotz zahlreicher Pazifizierungsversuche, die die Hohe Pforte unternahm, gelang ihr es nicht, den Zentrifugalkräften erfolgreich entgegenzuwirken.10 ← 14 | 15 →

Das Balkangebiet war in jenen Jahren nicht nur das Schlachtfeld unterschiedlicher Interessen, sondern auch konkurrierender Ideologien, wie zum Beispiel des Panslawismus’11 oder der Panorthodoxie12. Die innenpolitischen Belange des Osmanischen Reiches beschäftigten nicht nur die Hohe Pforte, sondern auch die Vertreter westlicher Großmächte. Ihre Sorge um die Wahrung eigener politischer und wirtschaftlicher Interessen warf die sogenannte „Orientalische Frage“ auf,13 die vornehmlich aus der Interessenkollision der europäischen Großmächte hinsichtlich des Schicksals des Osmanischen Reiches erwuchs.14 Zudem erschütterte auch der Expansionsdrang des aufstrebenden Zarenreiches,15 welches erst im 19. Jahrhundert die Bühne der Kolonialmächte betrat,16 die bisherige Ordnung des Osmanischen Reiches in ihren Grundfesten und zwang die Reichsführung Prozesse einzuleiten, die die Modernisierung, Reformierung sowie die Transformation der inneren Einrichtungen der Hohen Pforte zum Ziel hatten.17 ← 15 | 16 →

Zum anderen konfrontierte die europäische Expansion die Hohe Pforte mit vielgestaltigen Herausforderungen.18 Denn im 19. Jahrhundert trat die Asymmetrie, unter anderem in Form des Mächteungleichgewichts in den Beziehungen zwischen Europa und nichteuropäischen Mächten, wie dem Osmanischen Reich, deutlich zu Tage. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts stellte das Osmanische Reich keine ernsthafte militärische Bedrohung mehr für Europa dar. Die schweren militärischen Niederlagen, die das Osmanische Reich seit dem Vertrag von Küçük Kaynarca (1774) hatte hinnehmen müssen, führten zu einem Umdenken in der osmanischen Staatsführung, die verstärkt auf die Einführung europäischer Militärtechnik setzte.19 Nicht nur im Militär, sondern auch in der Verwaltung und im Bildungswesen wurden Modernisierungs- und Reformprozesse eingeleitet. Diese „Anordnungen“ (Tanzimat) hatten das Ziel, den Fortbestand des Osmanischen Reiches zu sichern.20

Zur militärischen und technischen Überlegenheit Europas trat im 19. Jahrhundert die ökonomische hinzu. Im Gegensatz zu westlichen Ländern wie Großbritannien war das Osmanische Reich prämerkantilistisch und verfügte über wenige Instrumente der Geldschöpfung, die den enormen Kapitalbedarf der Hohen Pforte kaum zu decken vermochten. Deshalb war die osmanische Reichsführung dazu gezwungen, vermehrt Auslandsanleihen aufzunehmen, ← 16 | 17 → was gewisse ökonomische und politische Abhängigkeiten von Kapitalgeberländern wie Frankreich oder Großbritannien hervorrief.21 Oft wurden die Anleihewünsche der Hohen Pforte dazu genutzt, um massiven politischen Druck auszuüben.22

In der sich zunehmend abzeichnenden Schwäche des Osmanischen Reiches sah Russland die Gelegenheit, seine Macht sowohl in Europa als auch in Asien auszubauen.23 Das Zarenreich hatte nicht nur die Territorien des Osmanischen Reiches im Blick, sondern strebte über dessen Grenzen hinaus die Einverleibung von weiteren Gebieten in Asien an, die bis nach China und Indien reichten. Die geographische Expansion sowie die Bestrebungen des weiteren Machtausbaus Russlands forderten besonders jene konkurrierenden Mächte Europas heraus, die ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen gefährdet sahen.24 Für das Zarenreich war nicht nur die geographische Expansion von vorrangigem Interesse, sondern auch die Durchsetzung machtpolitischer ideologischer Positionen, gestützt auf die Konzepte des Panslawismus und der Panorthodoxie. Aufgrund seiner Expansionspolitik stellte das Zarenreich nicht nur eine anhaltende Bedrohung für die Integrität und den Fortbestand des Osmanischen Reiches dar, sondern auch für die westlichen Mächte, die um ihre Vormachtstellung in der Welt miteinander konkurrierten. Zwar verstand es das Osmanische Reich, sich mehrfach erfolgreich gegen die russische Bedrohung zur Wehr zu setzen, dennoch erlangte das Zarenreich die Position einer imperialen Macht ersten Ranges und baute seinen Einfluss soweit aus, dass es schließlich seine militärische Überlegenheit gegenüber der Hohen Pforte in zahlreichen Kriegen unter Beweis stellen konnte.25 ← 17 | 18 →

Während in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders Frankreich ein starker Gegner des Zarenreiches war,26 stellte Russland ab der zweiten Hälfte eine besonders starke Bedrohung für die Interessen Englands dar, das seine Weltmachtstellung besonders in Asien gefährdet sah. Großbritannien besaß um die Mitte des 19. Jahrhunderts Kolonien in Nordamerika, der Karibik, West- und Südafrika, Arabien (Aden), Südostasien, Ostasien (Hongkong) und Australien. Außerdem hatte es sich nahezu den gesamten indischen Subkontinent unterworfen und war durch Konsuln und Geschäftsleute in den Handelsstädten Lateinamerikas, der Levante und an der chinesischen Küste präsent. Somit übte Großbritannien formelle Herrschaft oder informellen Einfluss auf allen Kontinenten aus und war infolgedessen bestrebt, seine Machtposition zu sichern. Die Einmischung des Zarenreiches in die „Griechische Frage“ sowie der Krieg gegen das Osmanische Reich (1828–1829) mit territorialen Gewinnen auf dem Balkan und im Kaukasus, sowie die brutale Niederwerfung des polnischen Aufstandes von 1830–1831 trugen dazu bei, dass die Differenzen mit Großbritannien und anderen europäischen Mächten immer stärker in den Vordergrund traten.

Nicht selten trugen die konkurrierenden Mächte ihre politischen Auseinandersetzungen auf dem Schlachtfeld aus, so wie es beim Krimkrieg (1853–1856) der Fall war. Seit dem Pariser Vertrag vom März 1856 war das Osmanische Reich Mitglied des europäischen Mächtekonzerts. Diese Vereinbarung stellte außerdem seine Unabhängigkeit und seine Integrität unter die Garantie der europäischen Großmächte und hob jedes kollektive oder isolierte Interventionsrecht von Fremdmächten zugunsten der christlichen Untertanen auf. Nichtsdestotrotz traten die christlichen Herzegowiner im Juli 1875 eine Revolte gegen die osmanische Führung los. Innerhalb kurzer Zeit nahmen die Unruhen ein den Charakter lokaler Aufstände übersteigendes Ausmaß an. Schon bald bekamen die Rebellen Unterstützung von ihren Nachbarn, den Fürstentümern Montenegro und Serbien. 1876 flammten auch in Bulgarien Aufstände auf. Gemeinsam mit Montenegro erklärte Serbien 1876 schließlich den Krieg gegen das Osmanische Reich.

Die Gründe, die zum Ausbruch des Russisch-Osmanischen Krieges von 1875–1878 führten, sind vielschichtig und können hier nicht im vollen Umfang dargestellt werden. In dieser Arbeit werden nur diejenigen Punkte aufgegriffen, die durch die Karikaturen ausgewählten angesprochen werden. Es würde den Rahmen dieser Arbeit übersteigen, den gesamten Verlauf des diplomatischen Ringens der Jahre 1875–1878 vollständig wiederzugeben. ← 18 | 19 →

Trotz der Verwicklung zahlreicher europäischer Mächte blieben die Kämpfe lokal begrenzt. Dies änderte sich 1875, mit dem Aufkeimen einer erneuten Krise auf dem Balkan. Sie weitete sich zu einer dringlichen Angelegenheit von internationalem Interesse aus, die schließlich, nachdem jegliche diplomatischen Bemühungen die Unstimmigkeiten friedlich beizulegen, gescheitert waren, zum Ausbruch des Russisch-Osmanischen Krieges von 1877–1878 führte.

Dieser Krieg, der im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts stattfand – am Ende einer langen Periode von ehrgeizigen Modernisierungsbestrebungen, die sowohl die Administration des Osmanischen Reiches betrafen, als auch wegweisende Transformationsprozesse in kulturellen Bereichen in Gang setzten – gehörte zu den dramatischsten gewaltsamen Konflikten dieses Jahrhunderts. Aufgrund der fortwährenden Unruhen und der Kämpfe, sowohl auf dem Balkan als auch im Kaukasus, waren zahlreiche Menschen in den Kriegsgebieten gezwungen, ihre angestammten Siedlungsräume zu verlassen, und lösten somit einen gewaltigen demographischen Wandel im Osmanischen Reich aus, da viele Flüchtlinge vor allem Zuflucht in großen Städten wie Edirne oder Istanbul suchten.27

Wie schon zuvor der Krimkrieg (1853–1856), der als der „erster Pressekrieg der Geschichte“ gilt,28 so fand auch dieser Krieg einen großen Widerhall in der zeitgenössischen Presse.29 Schon mit dem Aufkeimen des Konflikts in der Herzegowina nahmen Zeitungen weltweit ihre Berichterstattung auf.30 Neben der Tagespresse, fanden der Konflikt und die darauffolgenden Ereignisse ihren ← 19 | 20 → Niederschlag ebenso in Satirezeitschriften.31 Ein Novum war allerdings, dass neben die westlichen Blätter erstmals auch osmanischsprachige traten.32

Die bewaffneten Konflikte auf dem Balkan, die ihren Ursprung in der Rebellion von 1875 in der Herzegowina hatten und die im Russisch-Osmanischen Krieg (1877–1878) mündeten, bilden den thematischen Kern dieser Arbeit. Zum ersten Mal in der osmanischen Pressegeschichte wurde ein Ereignis mit dieser Tragweite nicht nur von der osmanischen Tagespresse verfolgt, sondern auch von osmanischsprachigen Satirezeitschriften aufgegriffen, die sich erst um 1870, wenige Jahre vor dem Ausbruch der Unruhen 1875, in Istanbul (und somit auch erstmals im islamischen Kulturraum) etabliert hatten. Durch diese neuentstandenen Zeitschriften ist es nun möglich, die Ereignisse dieser Jahre, ein politisches Szenario internationaler, ja globaler Wahrnehmung, anhand von satirischen Zeitschriften aus einer Pluralität von Perspektiven zu beleuchten.33 ← 20 | 21 →

1.1  Stand der Forschung

In den letzten Jahren rückte die osmanischsprachige Satirepresse zunehmend in das Blickfeld der Wissenschaft.34 Doch sind die bisherigen Veröffentlichungen, die sich mit den osmanischen Satirezeitschriften des 19. Jahrhunderts befassen, keineswegs hinreichend, um die noch immer klaffenden großen Forschungslücken auf diesem Feld zu schließen. Die bisher veröffentlichten Forschungsbeiträge lassen sich dabei in zwei Gruppen gliedern. Zum einen gibt es Publikationen, die im weitesten Sinne als Bestandsaufnahmen bezeichnet werden können. Hierzu sind die Kataloge von Turgut Çeviker zu zählen, in denen er satirische Periodika aus drei Epochen sowie deren Herausgeber und Mitarbeiter skizziert. Im Vordergrund dieser Publikationen stehen die Karikaturen.35 Zum anderen veröffentlichte Çeviker Anthologien, die sich mit den themenspezifischen Werken osmanischer Karikaturisten befassen.36 Es erfolgt allerdings keineswegs eine Interpretation oder Analyse der Karikaturen, sie werden lediglich als Sammlung an den Leser herangetragen.37

Bislang gibt es nur eine einzige türkischsprachige Monographie, die sich eingehender mit zwei Satirezeitschriften, Diyojen und Çaylak, aus den Jahren 1870 ← 21 | 22 → bis 1908 auseinandersetzt.38 Sie stammt von Hamdi Özdiş. In seiner Arbeit bietet er einen Einblick in die Grundzüge der osmanischsprachigen Satirezeitschrift Diyojen. Ebenso skizziert er Çaylak, die als letzte Satirezeitschrift bis Mitte des Jahres 1877 erschien.39 In seiner Arbeit schneidet Özdiş unterschiedliche Themen wie Zensur, Mode und die Herausforderungen der Moderne an. Den Kernpunkt seiner Arbeit bilden die Themen Verwestlichung (batılılaşma) und Politik (siyaset). Allerdings ist diese Arbeit sehr lückenhaft und deshalb keineswegs ausreichend. Zum Beispiel befasst er sich in keinster Weise mit den publizistischen Aktivitäten der christlichen Bevölkerung Istanbuls und klammert deren Bestrebungen in diesem Bereich aus. Es sind weitere Arbeiten zu dieser Thematik notwendig, die sich auch den anderen satirischen Periodika aus dieser Zeit widmen und deren Inhalte in den Fokus stellen. Arbeiten, die sich ausführlich mit der ersten osmanischsprachigen Satirezeitschrift Terakki (Fortschritt) beschäftigen, fehlen noch gänzlich. Bislang sind nicht einmal der tatsächliche Bestand von osmanischen Satirezeitschriften sowie deren Standorte vollständig erfasst.

Eine weitere Arbeit, die die satirische Presse im Osmanischen Reich vor 1908 im Fokus hat, stammt von Johann Strauß. In seinem Artikel “Notes on the First Satirical Journals in the Ottoman Empire” bietet Strauß unter Berücksichtigung der nicht-osmanischsprachigen Blätter einen Überblick über die Anfänge der satirischen Presse im Osmanischen Reich. Er stellt dabei allerdings nur sehr wenige, ausgewählte Blätter skizzenhaft vor und weist auf Forschungslücken hin.40

Die Zeit nach 1908 stand viel mehr im Fokus der Wissenschaft. Die umfangreichste Arbeit hierzu legt Palmira Brummet vor. In ihrer Publikation stellt ← 22 | 23 → sie Satirezeitschriften der Jahre 1908–1911 sowie deren Inhalte vor.41 Hinzu kommen zahlreiche Artikel, die spezifische thematische Aspekte dieser Blätter beleuchteten.42

Weitere Publikationen, die sich mit der Satirepresse nach 1908 beschäftigen, stammen von Tobias Heinzelmann und Ali Şükrü Çoruk. Heinzelmann befasst sich in seiner 1999 erschienen Magisterarbeit mit der Balkankrise von 1908–1914 und ihrer Darstellung in den Satirezeitschriften Karagöz, Kalem und Cem.43 Die zweite Arbeit stammt von Çoruk, der die satirischen Texte und Karikaturen, die während dem Türkischen Befreiungskrieg (Millî Mücadele)44 in den zeitgenössischen osmanischsprachigen Satireblättern erschienen sind, untersucht.45

Auch die Einträge in Nachschlagewerken wie zum Beispiel Islam Ansiklopedisi: Islam Alemi Tarih, Coğrafya, Etnografya ve Bibliografya Luğatı sind sowohl lückenhaft als auch fehlerhaft. So schreibt Vedat Günyol, dass Hayal 1872 unter der Herausgeberschaft von Teodor Kasap erschienen sei. Außerdem heißt es, dass dieser nach dem Verbot von Hayal die Satirezeitschrift Çınğıraklı Tatar herausgab.46 Hierbei stimmt die Chronologie nicht. Hayal erschien als dritte und letzte Satirezeitschrift unter der Herausgeberschaft von Teodor Kasap. Ebenso ← 23 | 24 → enthält das Nachschlagewerk Tanzimat’tan Cumhuriyet’e Türkiye Ansiklopedisi zwei Beiträge, die sich skizzenhaft mit Satirezeitschriften und Karikaturen aus den 1870er Jahren befassen.47 Es ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass es einige Publikationen gibt, die sich mit Bildern beschäftigen, die während dem Russisch-Osmanischen Krieg von 1877–1878 beschäftigen. Diesen Bildern sind nicht in die Kategorie politisches Bild einzuordnen.48

1.2  Begriffsbestimmungen

Für die Bezeichnung der Periodika, die in der vorliegenden Arbeit untersucht wurden, wird der Terminus „Satirezeitschrift“ verwendet.49 Allerdings ist es bislang, trotz zahlreicher Arbeiten, die sich mit Satire beschäftigen, nur bedingt möglich, diesen Begriff eindeutig zu bestimmen und zu definieren.50 Deshalb ist es notwendig, einige Gesichtspunkte der Satire,51 die wichtig für diese Arbeit sind, im Folgenden kurz zusammen zu fassen.52 Ein besonders wichtiger Aspekt ← 24 | 25 → der Satire ist, dass sie sowohl in den unterschiedlichsten literarischen als auch darstellerischen Formen zum Ausdruck kommen kann.53

Laut Behrmann umfasst Satire folgende Komponenten, die für diese Arbeit ebenfalls von Bedeutung sind:

„Angriff, Indirektheit und Normrückbindung.
Satire ist Angriff, weil die gesellschaftliche Wirklichkeit aggressiv kritisiert wird; häufig ist sie die ‚Negation des Negativen‘. Satire versucht, Problematisches, Widersprüchliches und Mangelhaftes zu entlarven.
Satire ist indirekt, weil die Kritik ästhetisch vermittelt wird und mit den Mitteln der Verformung […] und mit Komik arbeitet.
Satire hat eine Normrückbindung, weil sie sich -explizit oder implizit- immer auf ein vorhandenes oder utopisches Ideal bezieht und existierende -oder drohende- Zustände oder Exzesse anprangert. Häufig ist der satirische Angriff (verdeckt) moralisch. Ziel ist, den Rezipienten zu kritischer Reflexion und induktiver Erkenntnis zu bringen. Satire ist darüber hinaus ein provokativer Appell mit dem Ziel der Veränderung, Verbesserung oder Abschaffung.“54

Zum genaueren Verständnis der Satire sind ebenso die Definitionen von Begriffen wie Komik, Humor, Ironie und Spott notwendig. In der vorliegenden Arbeit wird auf die Definitionen von Behrmann für die Begriffe Komik, Humor und Spott zurückgegriffen.

Behrmann definiert Komik folgendermaßen:

„Komik: ist als Gattung ein übergeordneter Begriff zu Satire und bezeichnet jede Art übertreibender Sichtbarmachung von Konflikten einander widersprechender Prinzipien, die zum Lachen55 reizt, weil sie die Nichtübereinstimmung von Ideal und Wirklichkeit oder von gesellschaftlicher Norm und individuellem Handeln aufdeckt. […]“56

Behrmann definiert Humor folgendermaßen:

„Humor: ist wie die Satire ein Stilmittel der Komik. Doch beim Humor hat der komische Effekt einen Selbstzweck: den formalen Vollzug der komischen Widersprüchlichkeit. Er dient der Erheiterung und erfährt keine darüber hinausweisende Funktionalisierung, weil die Referenznorm nicht klar hervortritt, anhand der das Objekt be- bzw. verurteilt werden kann. In der Satire ist das Lachen Mittel zum Zweck, beim Humor Selbstzweck. Insofern kann man sagen, dass, während die Satire ihren Gegenstand negiert, attackiert und der Lächerlichkeit preisgeben will, der Humor das Wesentliche seines Objektes bejaht, gegebene Zustände in resignierender Heiterkeit hinnimmt und lediglich individuell ← 25 | 26 → bedingte Auswüchse missbilligt. – In einer zweiten Bedeutung steht Humor für die Geisteshaltung, (über sich selbst) lachen zu können.“57

Ironie bedeutet so viel wie geheuchelte oder vorgetäuschte Unwissenheit. Der Ironie liegt subtiler Spott zugrunde, mit dem versucht wird, jemanden oder etwas dadurch zu treffen. Die Funktion der Ironie ist hierbei die negative Bewertung oder das Lächerlich-Machen. Mit der Ironie wird auch das Gegenteil von dem ausgedrückt, was eigentlich gemeint ist. Dabei soll aber ersichtlich sein, welche Absicht der Sender verfolgt.58 Spott ist, im Gegensatz zu Ironie, das bewusste Lächerlich-Machen, Verhöhnen, als verachtenswertes Darstellen und ist ebenfalls ein Mittel der Satire.59 Zu den satirischen Verformungsoperationen dienen außerdem rhetorische Stilmittel wie Metapher, Allegorie, Hyperbel, Ironie, Groteske und Parodie/Travestie (u. a.), die sowohl in Karikaturen als auch in Texten zum Einsatz kommen.60

Die osmanisch-türkische Entsprechung für Satire ist der Begriff hiciv.61 Öngören definiert hiciv als eine aggressive Form des Humors, welche ihre Ziele angreift, bloßstellt oder gar beschimpft.62 In der osmanischen bzw. türkischen Literatur hat sich allerdings der Begriff mizah als Äquivalent zur Satire durchgesetzt. Das Wort mizah stammt aus dem Arabischen und bedeutet so viel wie „Humor“.63 Osmanische Wörterbücher wie zum Beispiel das Kamus-i Türkî64 oder Osmanlı Deyimleri ve Terimleri Sözlüğü setzen dem Begriff mizah (müzah)65 lediglich die Synonyme şaka (Scherz), lâtife (Schwank) und eğlence (Vergnügen) entgegen.66

Den beiden Begriffen mizah und hiciv liegen außerdem unterschiedliche Intentionen zugrunde. Der Definition Öngörens zufolge liegt dem mizah ein hohes ← 26 | 27 → Maß an Wohlwollen zugrunde, was bei hiciv nicht der Fall ist. Ein weiteres wichtiges Kriterium zur Unterscheidung der Begriffe mizah und hiciv ist, dass mizah zwar Personen neckt, ohne sie jedoch gering zu schätzen oder sie gar zu beleidigen. Demzufolge darf mizah keineswegs verletzend sein. Bei hiciv ist die Intention eine andere, denn es schließt den Angriff auf einzelne Personen oder Gruppen sowie deren Verspottung, Beleidigung und Herabwürdigung mit ein. Die Grenzen zwischen mizah und hiciv sind jedoch in der Realität fließend. Dementsprechend sind viele Beiträge der Satirezeitschriften, wie zum Beispiel bei Hayal, eher in die Kategorie hiciv einzuordnen, auch wenn dieser Begriff keinerlei Verwendung in den entsprechenden Zeitschriften findet. Die Ursache hierfür war mit großer Wahrscheinlichkeit, dass der Begriff mizah viel positiver belegt war als hiciv.67

Eine ähnliche Problematik bezüglich einer eindeutigen Definition besteht auch für den Terminus „Zeitschrift“.68 Somit gestaltet sich eine eindeutige Abgrenzung zwischen Zeitung und Zeitschrift als problematisch. Auch die osmanischsprachigen Blätter selbst unterschieden keineswegs zwischen dem Terminus „Zeitschrift“, dessen osmanische Entsprechung mecmua lautet, und dem italienischen Lehnwort für „Zeitung“, gazete.69 Allerdings ist die inhaltliche und thematische Ausrichtung der Zeitschrift ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Ähnlich wie Zeitungen, erfüllen auch Zeitschriften das Kriterium der Publizität und der Periodizität, jedoch nicht immer das der Aktualität und Universalität.70 Obwohl weder die westlichen noch die osmanischsprachigen Periodika die Bezeichnung „Zeitschrift“ in ihrem Untertitel benutzen, sind sie aufgrund ihrer satirisch-humoristischer Ausrichtung als solche zu benennen.

Die Begriffe graphische Bildsatire, politisches Bild und Bild werden synonym für Karikatur verwendet. Unter politischer Karikatur werden hier solche Karikaturen verstanden, die aktuelle Ereignisse, Prozesse, Entscheidungen, Positionen usw. kritisch thematisieren, die politischer Einflussnahme unterliegen und die Öffentlichkeit betreffen. ← 27 | 28 →

Da während der Balkankrise von 1875–1878 Bosnien-Herzegowina wie auch Bulgarien zu den Provinzen des Osmanischen Reiches gehörten, galten ihre Einwohner ebenso als Osmanen. Mit Osmanen sind in dieser Arbeit diejenigen gemeint, die ihre Loyalität zur Hohen Pforte aufrechterhielten.

Für die Transkription von osmanischen Wörtern sowie Personennamen wurde die Schreibweise des Redhouse Türkçe – İngilizce Sözlük verwendet. Türkische Wörter, die Eingang in den deutschen Sprachgebrauch gefunden haben, wurden der deutschen Rechtschreibung entsprechend verwendet.

Alle Übersetzungen, falls nicht anders angegeben, stammen von der Autorin.

Von der Verwendung von Artikeln bei der Nennung der Satirezeitschriften wurde abgesehen.

1.3  Zur Auswahl der Quellen

Die Analyse der Karikaturen, die zwischen 1875–1878 Jahren erschienen, bildet den Kern dieser Arbeit. Graphische Bildsatiren sind wichtige – und in vielen Fällen auch die einzigen – zeitgenössische visuelle Darstellungen von historischen Ereignissen, die oft mit großer zeitlicher Nähe zu den Vorkommnissen selbst entstanden. Obwohl sie nicht die Darstellung der objektiven Wirklichkeit von politischen oder historischen Ereignissen beabsichtigen, so spiegeln politische Bilder zumeist Nuancen der Öffentlichen Meinung wider und reflektieren Zusammenhänge in komprimierter –und oft verschlüsselter- Form.

Details

Seiten
407
ISBN (PDF)
9783653066364
ISBN (ePUB)
9783653959765
ISBN (MOBI)
9783653959758
ISBN (Paperback)
9783631673775
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (März)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 407 S., 84 s/w Abb.

Biographische Angaben

Elif Elmas (Autor:in)

Elif Elmas hat Geschichte und Kultur des Nahen Ostens sowie Erziehungswissenschaften studiert. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die osmanische Geschichte sowie die politischen Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten. Sie wurde an der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg promoviert.

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Titel: Die Balkankrise von 1875 bis 1878 im Spiegel osmanischer und westlicher Karikaturen