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Kulturelles Gedächtnis und Erinnerungsorte im hochschuldidaktischen Kontext

Perspektiven für das Fach Deutsch als Fremdsprache

von Camilla Badstübner-Kizik (Band-Herausgeber:in) Almut Hille (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 316 Seiten

Zusammenfassung

Die Beiträge des Bandes sind im akademischen Kontext Deutsch als Fremdsprache verankert und stellen Aspekte heraus, die in der Diskussion zum didaktischen Potenzial von Kulturellem Gedächtnis und Erinnerungsorten bisher wenig Beachtung fanden. Dazu gehört die Erweiterung des geschichts- und kulturwissenschaftlichen Gedächtnisdiskurses um sprach-, literatur- und kulturdidaktische Elemente ebenso wie seine Differenzierung für konkrete akademische Konstellationen. Aus der Perspektive des Faches Deutsch als Fremdsprache werden binationale und globale, parallele, geteilte und gemeinsame Erinnerungsorte, das erinnerungsprägende Potenzial von Medien und literarischen Texten im Besonderen sowie konkrete Erinnerungsbestände des 20. Jahrhunderts in ihrer hochschuldidaktischen Relevanz thematisiert.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Kulturelles Gedächtnis und Erinnerungsorte im hochschuldidaktischen Kontext Deutsch als Fremdsprache. Einleitung
  • Landeskunde, Geschichte und ,Erinnerungsorte‘ im Fremdsprachenunterricht
  • Medialisierte Erinnerung als didaktische Chance
  • Überlegungen zur Kulturvermittlung im Fach Deutsch als Fremdsprache. Linguistic Landscapes und Erinnerungsorte
  • Shared and divided memory. Zu Konzeption und Anwendbarkeit des bilateralen Ansatzes der Deutsch-Polnischen Erinnerungsorte
  • Erinnerungen im Dialog. Globale Erinnerungsorte im Fach Deutsch als Fremdsprache
  • Historical and political consciousness in the German classroom: The potential of narrative
  • Bertolt Brechts An die Nachgeborenen – kulturelle Erinnerungsarbeit in Kontaktzonen
  • Erinnerungsorte aus migrationspädagogischer Perspektive. Kulturreflexives Lernen mit Literatur
  • Erinnerungsorte im Fremdsprachenunterricht als Arena
  • Erinnerungsorte im historisch orientierten Landeskundeunterricht für Deutsch als Fremdsprache (an russischen Hochschulen)
  • Erinnerungsorte in der akademischen Praxis
  • Erinnerungsorte des Ersten Weltkrieges. Erprobung des Perspektivenwechsels in der Landeskunde für Deutsch als Fremdsprache
  • Normative Vergangenheit. Die deutsche NS-Erinnerung als Desiderat landeskundlich-kulturwissenschaftlicher Forschung im Fach Deutsch als Fremdsprache
  • Comics im ,Erinnerungsdiskurs DDR‘ – kursorische Anmerkungen zu einem in der kulturwissenschaftlichen Landeskunde DaF noch wenig beachteten Medium
  • Schwarz-Weiß, Grau oder Bunt: Erinnern an die DDR im Film
  • Erinnerungsorte im Kontext von Deutsch als Fremd- und Zweitsprache: Die Berliner und Leipziger Projekte eines Freiheits- und Einheitsdenkmals
  • Autorenverzeichnis

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Camilla Badstübner-Kizik, Almut Hille

Kulturelles Gedächtnis und Erinnerungsorte im hochschuldidaktischen Kontext Deutsch als Fremdsprache. Einleitung

In den Geschichts- und Kulturwissenschaften ist das Thema Gedächtnis und Erinnerung ebenso wie das Konzept der Erinnerungsorte (lieux de mémoire) nach Pierre Nora nach wie vor virulent. Es gibt beständig neue Publikationen zu europäischen und globalen Erinnerungsdiskursen sowie zu (trans-)nationalen, regionalen oder auch lokalen Erinnerungsorten. Im Fach Deutsch als Fremdsprache sind nach den von Karin Schmidt und Sabine Schmidt herausgegebenen Lehrmaterialien Erinnerungsorte. Deutsche Geschichte im DaF-Unterricht (2007) unterschiedlich gewichtete Einzelbeiträge in Fachzeitschriften verschiedener Reichweite sowie ein von Jörg Roche und Jürgen Röhling herausgegebener Sammelband unter dem Titel Erinnerungsorte und Erinnerungskulturen (2014) erschienen. An diese Publikationen möchten wir anknüpfen und erneut auf das didaktische Potenzial von Erinnerung und Gedächtnis sowie Erinnerungsorten aufmerksam machen. Das Thema bietet Perspektiven, die in der einschlägigen Diskussion bisher noch wenig aufgegriffen wurden, die für das kulturbezogene Lernen und Studieren im Kontext Deutsch als Fremdsprache aber entscheidende Impulse versprechen. Dazu gehören nicht zuletzt ein dezidierter Blick aus literatur- und medienwissenschaftlicher Richtung, die konsequente Thematisierung globaler und migrationsbezogener Aspekte und der bewusste Bezug auf verschiedene, mitunter kontrastierende Erinnerungshaushalte. Hinter ihnen stehen Entwicklungen und Diskussionen, die das Fach Deutsch als Fremdsprache in den letzten Jahren deutlich geprägt haben und hinter die didaktische Initiativen nicht zurückgehen dürfen. Dazu gehören die Überlegungen zu einer Neubestimmung der Rolle von Literatur im kulturbezogenen fremdsprachlichen Lernen in den Bänden Deutsch als Fremdsprache und Literaturwissenschaft (herausgegeben von Michael Ewert, Renate Riedner und Simone Schiedermair, 2011) und Literatur in Deutsch als Fremdsprache und internationaler Germanistik (herausgegeben von Claus Altmayer, Michael Dobstadt, Renate Riedner und Carmen Schier, 2014) ebenso wie die zunehmend differenzierte Blickrichtung, die Deutsch als Fremdsprache im Kontext von Mehrsprachigkeit und globalen Fragestellungen einnehmen muss (vgl. zum Beispiel den Band Mehrsprachigkeitstheorie. Erwerb – Kognition – Transkulturation – Ökologie von Jörg Roche, 2013, und Globalisierung – Natur – Zukunft erzählen, herausgegeben von Almut Hille, ← 7 | 8 → Sabine Jambon und Marita Meyer, 2015). Dazu gehören neue interdisziplinäre Schwerpunktsetzungen (z.B. im Bereich Medienlinguistik und Mediendidaktik), nicht zuletzt aber auch die vielfältigen Bemühungen, das Verhältnis von Deutsch als Fremd- und Deutsch als Zweitsprache insbesondere im Bereich des kulturellen Lernens stärker auszudifferenzieren. Bisher zu wenig beachtet erscheint auch die multiplikatorische Dimension des Themenkomplexes Kulturelles Gedächtnis – ein Aspekt, der insbesondere die oft genug vernachlässigte Hochschuldidaktik neu in den Blick nimmt. Didaktische Initiativen müssen aus unserer Sicht hier ansetzen, wenn kulturelles und historisches Lernen nachhaltig den ihnen gebührenden Platz im Kontext sprachübergreifender Lehr- und Lernprozesse erhalten sollen. Entsprechend liegt der Schwerpunkt dieses Bandes auf Erfahrungen und Perspektiven, die sich aus der Konzeption des kulturellen Gedächtnisses und der Arbeit mit Erinnerungsorten im akademischen Kontext des Faches Deutsch als Fremdsprache ergeben, wobei sowohl der deutschsprachige Raum (im Kontext Deutsch als Fremdsprache wie auch Deutsch als Zweitsprache) als auch andere sprachliche und kulturelle Konstellationen Berücksichtigung finden, darunter im US-amerikanischen, nord- und mittelosteuropäischen Kontext. Es ist uns ein besonderes Anliegen, die Diskussion um das didaktische Potenzial des kulturellen Gedächtnisses damit möglichst weit zu öffnen und auf die Elastizität des Ansatzes aufmerksam zu machen. Fachübergreifende Schritte hin zu anderen Sprachen, z.B. Englisch, Französisch, Spanisch als Fremdsprache, könnten sich ebenso anschließen wie zu weniger sprachbezogenen Fachdidaktiken, wie z.B. der Geschichtsdidaktik.

Kulturelle Gedächtnisinhalte können sowohl in großer Entfernung vom zielsprachigen Raum als auch gleichsam aus seiner Mitte heraus sinnvoll in Sprachlernprozesse einbezogen werden und gerade Studierenden scheint hier eine Schlüsselrolle zuzukommen: Was sie in jeweils auf sie zugeschnittenen Lehr- und Lernprozessen erkennen, erfahren und erarbeiten können, hat eine besondere Chance auf Nachhaltigkeit. Eine Herausforderung liegt auch hier darin, das Verhältnis zwischen inhaltlichem Anspruch und sprachlichem Vermögen, zwischen sprach-, kultur- und geschichtsbezogenen Inhalten in Balance zu halten und ggf. immer neu zu bestimmen. Gelingt es, Studierenden die Augen für die Chancen zu öffnen, sprachliches und kulturelles Lernen im Kontext des kulturellen Gedächtnisses sinnvoll miteinander zu verbinden, so kann es auch gelingen, die Forderungen nach culture, language und media awarenesses mit Leben zu füllen und eine ,symbolische Kompetenz‘ (Claire Kramsch) in Bezug auf eigene und fremde Welten aufzubauen und einzuüben.

Der vorliegende Band vereint Beiträge von Autorinnen und Autoren, die im Umkreis des seit 2012 bestehenden Netzwerks MEMODICS© zusammenarbeiten. Ziel des Netzwerks ist es, in bi- und multilateralen Konstellationen das Potenzial ← 8 | 9 → aktueller Konzepte von kulturellem Gedächtnis und Erinnerungsorten für den Kontext der Fremdsprachendidaktik nutzbar zu machen. Besonderes Interesse gilt den Fragestellungen, die sich aus diesen Konzeptionen für die Sprach-, Landeskunde-, Literatur- und Kulturdidaktik im Kontext Deutsch als Fremdsprache und Deutsch als Zweitsprache ergeben, was jedoch den Bezug auf andere (Fremd)Sprach(didaktik)en nicht ausschließt. Das Netzwerk hat neben regelmäßigen Arbeitstagungen bereits auch mehrere Projektinitiativen hervorgebracht.

Die 16 Beiträge verbinden Aspekte, die uns für die skizzierte Diskussion besonders wichtig scheinen. Sie alle sind theoretisch und empirisch im akademischen Kontext verankert, die konzeptionell, hochschuldidaktisch und inhaltlich ausgerichteten Anteile sind dabei jeweils unterschiedlich gewichtet. So werden in einigen Texten konzeptionelle Überlegungen aus den Erfahrungen der akademischen Praxis abgeleitet, andere Autoren wiederum illustrieren ihre Überlegungen mit Beispielen aus der Lehre. Diese Wechselwirkung zeigt unserer Meinung nach auf überzeugende Weise, dass eine enge Verzahnung beider Bereiche besonders wichtig ist, wenn es darum geht, einem so komplexen und inhaltlich wie sprachlich anspruchsvollen kulturwissenschaftlichen Konzept wie dem des kulturellen Gedächtnisses zu einer breiten und nachhaltigen Rezeption zu verhelfen, auch über Sprachgrenzen hinweg. Theoretische Reflexion und konkrete inhaltliche Arbeit müssen hier Hand in Hand gehen, unterschiedliche historische Phänomene und verschiedene Textsorten und Medien müssen herangezogen und vielfältige kulturelle Konstellationen berücksichtigt werden, wenn die Diskussion auch über geschichtstheoretische Seminare hinaus eine Breitenwirkung erreichen und ihr multiplikatorisches Potenzial entfalten soll. Alle Autorinnen und Autoren rekurrieren auf Medien als Träger von Erinnerung und als Felder für gedächtnisbezogene Diskurse, sie beziehen sich auf die einschlägige kultur- und geschichtswissenschaftliche Literatur, öffnen den Blick für angrenzende wissenschaftliche Diskurse und geben Impulse für die Praxis. Eine strenge Grenzziehung zwischen den einzelnen Beiträgen des Bandes ist daher kaum möglich und die angebotene Reihung ist sicher nur eine unter mehreren möglichen.

Die Autorinnen und Autoren des Bandes stellen in ihren Texten Aspekte heraus, die aus unserer Sicht besondere Beachtung für die weitere Diskussion zum Stellenwert und Potenzial einer Beschäftigung mit Inhalten und Formen des kulturellen Gedächtnisses im Kontext Deutsch als Fremdsprache verdienen. Dazu gehört der Blick auf verwandte kultur- und sprachdidaktisch fruchtbare Konzeptionen ebenso wie der Fokus auf bisher didaktisch weniger beachtete Bestandteile des Gedächtnisdiskurses sowie ihre empirische Überprüfung in konkreten akademischen Konstellationen. Einen Mehrwert sehen wir insbesondere in der innovativen Verknüpfung unterschiedlicher sprach- und kulturwissenschaftlicher ← 9 | 10 → Diskussionsstränge bzw. in der kreativen Erweiterung des geschichts- und kulturwissenschaftlichen Gedächtnisdiskurses um sprach-, literatur- und kulturdidaktische Elemente. Die enge Anbindung an konkrete empirische Kontexte halten wir für eine besondere Stärke der vorliegenden Publikation.

In den einleitenden Beiträgen werden aktuelle Aspekte des geschichts- und kulturwissenschaftlichen Erinnerungsdiskurses, zum Beispiel zu binationalen und globalen Erinnerungsorten, in der Perspektive des Faches Deutsch als Fremdsprache diskutiert. Medien und Zeichenformationen im öffentlichen Raum werden als Träger von Erinnerungen betrachtet, deren erinnerungsgestaltenden Gehalt es in Lehr-und Lernprozessen in vielfältigen Perspektiven zu (re-)konstruieren gilt.

Uwe Koreik gibt einen Überblick über unterschiedliche geschichtswissenschaftliche Ansätze und fragt vor diesem Hintergrund nach den besonderen Chancen aber auch Gefahren, die der erinnerungsgeschichtliche Ansatz im Kontext von Deutsch als Fremdsprache und Deutsch als Zweitsprache birgt. Sein Fokus liegt auf der Vermittlung historischer Inhalte, deren Ziel es sein muss, Lernende Zusammenhänge erkennen und einzelne Erscheinungen in größere Kontexte, auch in aktuelle Perspektiven einordnen zu lassen. Die Pluraliät geschichtswissenschaftlicher Ansätze muss in entsprechend gestalteten Lehr- und Lernprozessen deutlich werden.

Camilla Badstübner-Kizik thematisiert mit ihrem Fokus auf Medien das „Außen des Erinnerns“ (Gerald Echterhoff), das Gedächtnisinhalte für didaktische Prozesse überhaupt erst zugänglich macht. Sie fragt nach der Rolle und den Eigenschaften, die Medien in gedächtnisbildenden Prozessen übernehmen können und macht an ihnen konkrete (hochschul-)didaktische Chancen fest, die in einer medienaufmerksamen Lektüre und einer Erweiterung der vorliegenden Textangebote liegen. Der Beitrag verweist mit Beispielen aus dem Umkreis von Erstem und Zweitem Weltkrieg auch auf die Texte im letzten Teil des Bandes, wo diese, neben weiteren historischen Erinnerungsbeständen, in konkreten medialen Erscheinungsformen aufgegriffen und analysiert werden.

Simone Schiedermair spricht das Potenzial sprachlicher und parasprachlicher Zeichen im öffentlichen Raum an. Sie befragt den bisher vor allem in der Mehrsprachigkeitsforschung genutzten Forschungsansatz der Linguistic Landscape nach der Rolle, die Erinnerungsdiskurse in ihm einnehmen und bezieht ihn – über die bisherigen Arbeiten zu Straßennamen hinaus – in die kulturwissenschaftliche Diskussion im Kontext Deutsch als Fremdsprache ein. Dies eröffnet den Blick auf neue Textsorten und einen gangbaren Weg zu Denk-, Interpretations- und Deutungsmustern, auch im Hinblick auf die Vergangenheit. ← 10 | 11 →

Anna Labentz rekonstruiert vor dem Hintergrund der inzwischen weit fortgeschrittenen Publikationsreihe zu Deutsch-polnischen Erinnerungsorten Entstehungshintergrund und -geschichte dieser exemplarischen Textsammlung und verankert sie im bisherigen wissenschaftlichen Erinnerungsdiskurs. Dabei zeigt sie insbesondere die vielen Anschlussmöglichkeiten im Kontext immer neuer und anderer Beziehungsgeschichten, in denen wir einen besonderen Mehrwert für sprach- und kulturübergreifende Vermittlungsprozesse sehen.

Almut Hille knüpft an aktuelle geschichts- und kulturwissenschaftliche Diskurse um europäische und globale Erinnerungen an. Sie geht mit Aleida Assmann (2013) von einer zunehmenden „Pluralisierung von Erinnerungen“ aus, die dialogisch orientierte Kommunikations- und Aushandlungsprozesse in Gang setzt. Der Fremdsprachenunterricht erscheint als Ort solcher Aushandlungsprozesse, wie am Beispiel ausgewählter globaler Erinnerungsorte deutlich wird.

Mehrere Texte machen einmal mehr auf das besondere Potenzial literarischer Texte aufmerksam und verknüpfen insofern das Gedächtniskonzept mit einem wissenschaftlichen Teildiskurs, der seit einigen Jahren für den Kontext Deutsch als Fremdsprache neu geführt wird.

Claire Kramsch lenkt den Blick auf die persönliche und narrative Dimension von Gedächtnis und Erinnerung und sieht darin die Chance, die Vermittlung sprachlicher und komplexer kultureller Inhalte nachhaltig miteinander zu verknüpfen. Scheinbar einfache literarische Formen haben hier das Potenzial, Studierende mit eher geringen fremdsprachlichen Kompetenzen von einem persönlichen Erlebnishorizont hin zur Wahrnehmung komplexer Diskurse zu führen. Als Beispiel dient Günter Eichs Gedicht Inventur.

Auch Ingvild Folkvord stellt mit Brechts Gedicht An die Nachgeborenen einen einzelnen literarischen Text in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen, der sich selbst als Teil eines Erinnerungsdiskurses sieht. Als „abgegrenztes und verdichtetes textliches Material“ bleibt er sprachlich überschau- und handhabbar, bietet Chancen für den Aufbau von ästhetischer Sensibilität und Gattungsverständnis und ermöglicht über seine multimediale Wirkungsgeschichte auch Einsichten in unterschiedliche Dimensionen der Erinnerungs- und Identitätsarbeit.

Hannes Schweiger rückt literarische Texte vor einem Migrationshintergrund in den Fokus und fragt danach, inwieweit die in ihnen artikulierten unterschiedlichen Gedächtnisse für kulturreflexives Lernen fruchtbar gemacht werden können, seine Beispiele fokussieren auf Österreich. Der Autor spricht in seinem Text damit auch die notwendige Differenzierung an, die vor dem Hintergrund kulturbezogenen ← 11 | 12 → Lernens zwischen Deutsch als Fremd- sowie Deutsch als Zweitsprache seit langem überfällig ist. In der Migrationspädagogik sieht er wichtige Impulse für diese Debatte.

Eine weitere Gruppe von Beiträgen lenkt die Aufmerksamkeit auf die Tragfähigkeit einzelner Aspekte des Gedächtniskonzepts. Besondere Beachtung erfährt dabei – nicht ohne Grund – die Diskussion um parallele, geteilte und gemeinsame Gedächtnisinhalte, da gerade sie der sprach- und kulturübergreifenden Dimension der Fremdsprachendidaktik besonders entgegen kommt.

Silke Pasewalck nutzt den estnisch-russischen Erinnerungsdissenz, um nicht-konsensuale Erinnerungen als didaktisch besonders produktiv herauszustellen. Ihr Bezugspunkt dafür ist nicht zuletzt das den Sozialwissenschaften verpflichtete Arena-Konzept, innerhalb dessen die gemeinsame Erkenntnis und Bearbeitung von Deutungs- und Anerkennungskonflikten einen Kernpunkt darstellt. Dialogizität und Aushandlung zeigen sich hier als zwei wichtige Felder, auf denen sich die didaktische Dimension des Gedächtnisdiskurses entfalten kann. Pasewalcks Text zeigt überdies, wie nah einzelne kulturwissenschaftliche Ansätze beieinander liegen und wie sinnvoll ihre Verknüpfung unter didaktischen Gesichtspunkten sein kann.

Aleksandra Filonova diskutiert vor dem Hintergrund DaF-bezogener Studiengänge an russischen Hochschulen Möglichkeiten, historisches Wissen über die Erarbeitung von Erinnerungsorten zu vermitteln. Ihr besonderes Augenmerk gilt dabei geteilten und parallelen Gedächtnisinhalten vor dem Hintergrund deutsch-russischer historischer Beziehungen vom Mittelalter bis in die jüngste Vergangenheit.

Renata Behrendt verweist auf die Realität, in der die Erarbeitung der Konzeptionen von kulturellem Gedächtnis und Erinnerungsorten in DaF-bezogenen akademischen Kontexten verläuft. Sie präsentiert empirische Daten aus einer Umfrage unter Hochschullehrkräften in- und außerhalb des deutschsprachigen Raumes, in denen sich die zahlreich vorliegenden Grundlagentexte und Essays zu für das Fach DaF relevanten Erinnerungsorten einerseits als große didaktische Chance, andererseits aber als deutliche inhaltliche und sprachliche Hürde für Studierende erweisen. Motivation, Neugier, Frage- und Recherchefähigkeiten werden einmal mehr als grundlegende Bestandteile einer Diskurskompetenz herausgestellt.

Die folgenden Beiträge sind konkreten Erinnerungsbeständen des 20. Jahrhunderts gewidmet, die in unterschiedlicher Dichte über verschiedene Medien in der Gegenwart präsent und wirksam sind. Ihren formalen Eigenschaften kommt dabei eine durchaus zentrale Bedeutung zu. ← 12 | 13 →

Marita Meyer widmet ihren Text der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. An vielen aktuellen Beispielen zeigt sie, wie selektiv sich Erinnerungsbestände aus der zeitlichen Distanz präsentieren und wie anfällig sie für mediale Manipulationen sind. Als didaktische Konsequenz postuliert sie das Prinzip des Perspektivenwechsels, das sich nicht zuletzt mit Hilfe von Texten und Bildern im fremdsprachendidaktischen Kontext gut umsetzen lässt. Ebenfalls angeknüpft wird das Potenzial, das in globalen Erinnerungsorten liegt.

Roger Fornoff verweist in seinem Beitrag auf das noch selten thematisierte Medium der Architektur als Erinnerungsträger und exemplifiziert seine Ausführungen anhand der ,besonderen deutschen Erinnerung‘ an die NS-Zeit. Diese erfordert seiner Meinung nach eine genauere Sicht auf eine ,negative Normativität‘ als treibendes Moment für Gedächtniskonstruktionen. Offizielle Bauten der Bundesrepublik Deutschland machen den Versuch eines bewussten Bruches mit Vergangenheit besonders deutlich und zeigen, welche Rolle ästhetische Gestaltungsmerkmale im Gedächtniskurs spielen.

Christine Magosch hebt die formale Gestaltung des erinnerungstragenden Mediums Comic als ein zentrales Element hervor, das es gestatten kann, ,symbolische Kompetenz‘ (Claire Kramsch) aufzubauen. Vor dem Hintergrund der Fülle von ,Erinnerungscomics‘, die jüngst vermehrt auch im Kontext Erinnerung an die DDR entstehen, zeigt sie überzeugend, wie das Medium selbst die ästhetischen Mittel dafür liefert, Prozesse, Leerstellen und Brüche, Unabgeschlossenheit und Widersprüchlichkeit zu zeigen, die jede Erinnerung prägen.

Biographische Angaben

Camilla Badstübner-Kizik (Band-Herausgeber:in) Almut Hille (Band-Herausgeber:in)

Camilla Badstübner-Kizik ist Professorin am Institut für Angewandte Linguistik der Universität Poznań, ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Kultur- und Mediendidaktik im Kontext fremder Sprachen sowie Mehrsprachigkeit im Film und öffentlichen Raum. Almut Hille ist Professorin am Seminar für Deutsche Philologie / Abt. Interkulturelle Germanistik der Georg-August-Universität Göttingen, sie forscht zu Kultur-, Literatur- und Mediendidaktik sowie zum globalen Lernen im Fach Deutsch als Fremdsprache.

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Titel: Kulturelles Gedächtnis und Erinnerungsorte im hochschuldidaktischen Kontext