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Die Ursulinenschule in Koblenz 1902–1950

Mädchen- und Frauenbildung in schwierigen Zeiten

von Rudolf Feld (Autor:in)
Monographie 493 Seiten

Zusammenfassung

Die Arbeit untersucht Voraussetzungen, Ziele und Ausprägungen der Mädchen- und Frauenbildung an einer katholischen Ordensschule und widmet sich dem Bedingungsgeflecht innerhalb von Kirche, Staat und Gesellschaft in durchgehend – wenn auch unterschiedlich ausgeprägten – schwierigen Zeiten. Im Kern steht die Beschäftigung mit dem schulischen Geschehen. Der Verfasser geht der Frage nach, was die Schülerinnen lernten, welchen Erziehungsprinzipien sie begegneten und welchen außerschulischen Bedingungen sie unterworfen waren. Die an der Schule erworbenen intellektuellen und sozialen Kompetenzen bildeten die Grundlagen einer differenzierten Mädchen- und Frauenbildung, die Tradition und Fortschritt gleichermaßen umfasste und Wege in die Selbständigkeit eröffnete. Die Arbeit fußt vornehmlich auf ungedruckten Quellen aus privaten und öffentlichen Archiven. Sie stützt sich auf eine in die Breite und Tiefe gehende Literatur.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Einleitung
  • Teil A Die Grundlagen: Katholische Mädchenschulen in Koblenz im 19. Jahrhundert
  • 1. Frühe Mädchenschulen in Koblenz
  • 1.1 In der vorpreußischen Zeit (bis 1815)
  • 1.2 In der preußischer Zeit: Ein Überblick
  • 2. Koblenzer Mädchenschulen in fester und andauernder Form
  • 2.1 Die Privatschule Grisar – Holzer – Pies – Beckers (1829–1925)
  • 2.2 Die Mädchenschule von Ernesti – Kügelchen – Perrier (1846–1894)
  • 3. Vorgängerschulen der Ursulinen
  • 3.1 Die Höhere Töchterschule von Stein – Brockmann (1830–1965)
  • 3.2 Die Höhere Töchterschule Osterhausen und Imhoff (1866–1922)
  • Teil B Die Ursulinenschule 1902–1950
  • 1. Die Ursulinenschule 1902–1908
  • 1.1 Die Ursulinen von Calvarienberg
  • 1.2 Die Gründung der Schule in Koblenz
  • 1.3 Ein neues Schulgebäude
  • 1.4 Der innere Aufbau
  • 2. Von der Reform der höheren Mädchenschule 1908 bis zum Ende des Kaiserreiches 1918
  • 2.1 Grundlagen der Reform
  • 2.1.1 Die Reform des höheren Mädchenschulwesens in Preußen
  • 2.1.2 Frauenbewegung und Mädchenerziehung: Helene Lange
  • 2.1.3 Eine katholische Position zu Frauenbewegung und Mädchenbildung: Joseph Mausbach
  • 2.2 Die Reform in der Ursulinenschule
  • 2.2.1 Vorspiel in Aachen
  • 2.2.2 Die Anfänge in Koblenz
  • 2.2 3 Der Lehrplan von 1911
  • 2.2.4 Die Schulbücher von 1911
  • 2.2.5 Die Schulordnung von 1912
  • 2.2.6 Der weitere Ausbau der Schule
  • 2.2.7 Schulleben im Kaiserreich
  • 2.2.7.1 Unterricht
  • 2.2.7.2 außerunterrichtliche Unternehmungen
  • 2.2.8 Der Aufbau der Frauenschule 1916
  • 3. Die Schule in der Weimarer Republik 1919–1933
  • 3.1 Vorbemerkung
  • 3.2 Die Errichtung der realgymnasialen Studienanstalt Politische, konfessionelle, organisatorische, finanzielle Hürden
  • 3.3 Die Erweiterung um die dreijährige Frauenoberschule (FOS)
  • 3.4 Unterricht in der Weimarer Republik
  • 3.4.1 Möglichkeiten und Perspektiven in einer neuen Zeit
  • 3.4.2 Der Unterricht in der realgymnasialen Studienanstalt und FOS
  • 3.4.3 Der Unterricht in der einjährigen Frauenschule und in den technischen Jahrgängen
  • 3.5. Das Schulleben in der Republik
  • 4. Die Schule im Nationalsozialismus 1933–1945
  • 4.1 Im Spannungsfeld zwischen Kirche und Staat. Katholische Schule und Jugenderziehung in der Diktatur 1933–1945
  • 4.1.1 Vorbemerkung
  • 4.1.2 Schule und Jugenderziehung in der Diktatur 1933–1945
  • 4.2 Bildung und Erziehung an der Ursulinenschule
  • 4.2.1 Der Einfluss des NS-Staates auf die Gestaltung der Schule
  • 4.2.2 Der Weg zum Abitur in der realgymnasialen Studienanstalt
  • 4.2.3 Der Weg zum Abitur in der dreijährigen Frauenoberschule
  • 4.2.4 Behauptung der Eigenart oder Anpassung und Unterwerfung?
  • 4.2.4.1 Der Literaturkanon der Schule im Spiegel der Zeit
  • 4.2.4.2 Die Aufsatzthemen
  • 4.3 Das Schulleben über den Unterricht hinaus
  • 4.4 Die Ursulinenschule als „Gegenwelt“
  • 4.5 Die Auflösung der Schule
  • 4.5.1 Der Abbau der Schule 1933–1940
  • 4.5.2 Wege und Schicksale Koblenzer Ursulinen nach 1933
  • 4.6 Der Kampf um das Schulgebäude 1940–1944
  • 4.6.1 Der versuchte Zugriff des Oberpräsidiums Koblenz auf das Gebäude der Studienanstalt
  • 4.6.2 Exkurs „Klosterstürme“. Angriffe auf die Gebäude der Calvarienberger Ursulinen
  • 4.6.3 Die gerichtliche Auseinandersetzung um das Koblenzer Schulgebäude. Ein unentschiedener „Klostersturm.“
  • 5. Die Schule 1945–1950
  • 5.1 Deutschland 1945
  • 5.2 Wiederaufbau der Schule
  • 5.2.1 Der äußere Aufbau
  • 5.2.2 Der innere Aufbau
  • 6. Zusammenfassung
  • Anhang
  • 1. Kommentierte Personenlisten: Schwestern, Lehrpersonen, Schülerinnen
  • 1.1 Schwestern
  • 1.1.1 Generaloberinnen
  • 1.1.2 Nicht-lehrende Schwestern
  • 1.1.3 Schulschwestern und 1.2 weltlichen Lehrpersonen (weibliche und männliche)434
  • 1.1.4 Schulschwestern (1902–1940/71)
  • 1.2 Weltliche Lehrpersonen (weibliche, männliche)
  • 1.3 Geistliche: Rektoren und Religionslehrer
  • 1.4 Schülerinnen
  • 1.4.1 Die jüdischen Schülerinnen und ihr Schicksal
  • 1.4.2 Schülerzahlen 1902–1950
  • 2. Literaturliste der Schule 1933–1938
  • 3. Abkürzungsverzeichnis
  • 4. Quellen und Literatur
  • 4.1 Ungedruckte Quellen
  • 4.1.1 Landeshauptarchiv Koblenz (LHAK)
  • 4.1.2 Stadtarchiv Koblenz (StAKo)
  • 4.1.3 Bistumsarchiv Trier (BATr)
  • 4.1.4 Archiv des Cusanus Gymnasiums Koblenz, ehem. Ursulinenschule (ACGK)
  • 4.1.5 Zentralarchiv der Ursulinenkongregation Calvarienberg, Ahrweiler (ZAUA)
  • 4.1.6 Archiv des Angela Merici Gymnasiums, ehem. Ursulinenschule Trier (AAMGTr)
  • 4.2 Gedruckte Quellen und Literatur
  • 5. Abbildungsverzeichnis (Bildnachweis)
  • Register

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Vorwort

Mädchenschulen, auch die der geistlichen Orden, sind heute selten geworden. Meine Begegnungen mit Mädchenschulen waren nur indirekt und sozusagen „unecht“. Als ich im Jahre 1972 in den Schuldienst ging, brachte mich das Auswahlverfahren an das damalige Bischöfliche Gymnasium in Koblenz (heute Bischöfliches Cusanus-Gymnasium), das im vorhergehenden Jahr aus der Ursulinenschule erwachsen war. Das Gymnasium wurde nunmehr ab der 5. Klasse als koedukative Einrichtung geführt, behielt aber „unter der Hand“ vorerst den Charakter einer Mädchenschule, der sich erst im Laufe der Jahre mit den nachwachsenden gemischten Klassen änderte. Die Neugierde auf die Beschäftigung mit der Mädchenschule als eigenständiger Institution war geweckt und wurde deutlich gesteigert, nachdem ich wenige Jahre später Fachleiter für Geschichte an Gymnasien in Koblenz, Neuwied, Andernach und Bendorf eingesetzt wurde und dabei drei weitere im Umbau befindliche, ehemaligen Lyzeen und mehrere Jungengymnasien kennen lernte. Die Unterschiede zwischen den Schultypen waren zum Teil frappierend, zum Teil ganz unerheblich. Mein Interesse am Thema „Ursulinenschule“ fand eine neue merkliche Beflügelung in der Zeit, in der ich Leiter einer Kooperativen Gesamtschule war und so in einer gänzlich anderen Schulform vielen Schülerinnen und Schülern in Hauptschule, Realschule und Gymnasium begegnete.

Die Konstituenten einer Schule stehen seit langer Zeit fest: „Schüler – Lehrpersonen – Stoff“ gehören zum Unterricht, der in Gruppen, an einem bestimmten Ort, zu festgelegter Zeit, nach variablen Regeln, unter der zuweilen sehr nachdrücklichen Anleitung zuständiger Institutionen zu verbindlich geforderten Zielen führen soll. Diese einfach erscheinende Definition von Unterricht birgt im Blick auf das gesamte konkrete Geschehen in der Schule und die jeweils mehr oder weniger stark einwirkenden gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten in jedem der genannten Begriffe eine Menge Probleme, Unwägbarkeiten und Streitpotenzial. So hat denn auch bei allen unbestrittenen Gemeinsamkeiten, die den schlichten Satz: „Schule ist Schule“ gerechtfertig erscheinen lassen könnte, jede einzelne Schule in ihrer Zeit einen je eigenen Charakter und das ihm zugehörige Schicksal. Von einer solcherart erlebten, gestalteten und erlittenen Geschichte handelt diese Untersuchung.

Nachdem ich die Arbeit abgeschlossen habe, möchte ich den vielen Helfern danken. Der ehemaligen Generaloberin der Ursulinenkongregation Ahrweiler S. Gisela Büsgens gilt mein Dank für die Erlaubnis, das dortige Zentralarchiv zu nutzen, der Bibliothekarin S. Lutgardis für die Breitstellung der Akten und S. Roswitha für Übermittlung von Bildmaterial. Den Damen und Herren im Landeshauptarchiv Koblenz und im Stadtarchiv ← 9 | 10 → Koblenz danke ich für Hilfe und nützliche Ratschläge. Im Bistumsarchiv Trier erfuhr ich manche Hinweise durch dessen Direktor Dr. Martin Persch und Frau Judith Boswell. Der Direktor des Cusanus-Gymnasiums, Koblenz, Carl Reitz stellte mir den umfangreichen Bestand des dort lagernden Archivs der ehemaligen Ursulinenschule zur Einsicht bereit, und Dr. Mario Zeck, Direktor des Angela-Merici-Gymnasiums in Trier, gewährte Einblick in die dortigen Akten.

Dank sagen möchte ich den Korrektorinnen und Korrektoren StD’ a. D. Dr. Cläre Loos, StD’ a. D. Hiltrud Schlitt, OStR’ a. D. Rita Zimmermann und StD Harald Orth, alle Koblenz, ebenso StD a. D. Lothar Binz, Mainz und StD a. D. Dr. Michael Riemenschneider, Kenner der Ursulinen von Calvarienberg. Mein besonderer Dank gilt Dipl. Archivarin (FH) Margit Rinker-Olbrisch, Stadtarchiv Worms, für die kritische und sachkundige Begleitung des Abschlussmanuskriptes. Bei Fragen der Drucklegung waren mir die Herren Walter Degen, Koblenz und Dr. Philipp Hölzing, Berlin, in dankenswerter Weise eine große Hilfe.

Druckkostenzuschüsse gewährten das Bistum Trier, die Stadt Koblenz und der Verein der Freunde und Förderer des Cusanus Gymnasiums, Koblenz, wofür ich herzlich danke.

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Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte einer Mädchenschule. Sie untersucht Voraussetzungen, Zielsetzungen und Ausprägungen der Mädchen- und Frauenbildung an einer katholischen Ordensschule und deren Bedingungsgeflecht innerhalb von Kirche, Staat und Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – in durchgehend, wenn auch unterschiedlich ausgeprägten „schwierigen Zeiten“.

Dem Zeitraum der Darlegung war ein Jahrhundert vorgelagert, an dessen Anfang sich die Mädchenbildung nur allmählich änderte, zu dessen Ende aber beschleunigt große Fortschritte machte und so in fließendem Übergang Voraussetzungen schaffte, die für die folgenden Jahre von großer Bedeutung wurden. Die Beschäftigung mit den Koblenzer Mädchenschulen des 19. Jahrhunderts sowie der Blick auf die damals laufende Diskussion um die Frauenbildung sollen die Grundlagen kenntlich machen, auf denen die Ursulinen ihre schulische Arbeit in Koblenz begannen und fortführten.

Die Koblenzer Ursulinenschule etablierte sich ganz zu Anfang des 20. Jahrhunderts und zog schnell zahlreiche Schülerinnen an. Unter vielen politischen und gesellschaftlichen, vor allem aber enormen finanziellen Schwierigkeiten wurden ein ansehnliches Kloster- und ein großes Schulgebäude errichtet und später erheblich erweitert. Die gesamte Anlage erlitt im Zweiten Weltkrieg eine fast vollständige Zerstörung und konnte nach dem Krieg nur unter schwierigsten Bedingungen neu errichtet werden.

Die Stationen der Schule führten von ihrer Eröffnung als höhere Mädchenschule im Jahre 1902 hin zum Lyzeum (1909) und zu der Erweiterung um eine Frauenschule (1916), danach in der großen Wende der Frauenbildung während der Weimarer Republik zu der Einrichtung einer Gymnasialen Oberstufe. Zuletzt wurde eine Dreijährigen Frauenoberschule hinzugefügt. Zusammen mit der mehrklassigen Vorschule und den vorübergehend bestehenden technischen Lehrgängen war die Schule ein beträchtliches Bildungsinstitut.

Die Ursulinenschule fand sich immer wieder und mit unterschiedlicher Intensität in die gesellschaftlich-politischen Auseinandersetzungen hinein gezogen, die ihre Zielsetzungen und Vorhaben förderten, hemmten oder gar zunichte machten. Das Verhältnis von Staat und Kirche war in Bezug auf die Privatschulen nie ganz ungetrübt, denn oftmals rangen sie um den jeweils für richtig erachteten Einfluss. Im Dritten Reich allerdings wurde das Problem vom Staat gewaltsam gelöst. Die Machthaber beseitigten eine Schule, die vor 1933 in großer Blüte stand. Es schloss sich ein langer und zäher juristischer Kampf zwischen dem Staat und der Ursulinenkongregation um das Schulgebäude an, der nach dem Zusammenbruch des Regimes noch nicht ← 11 | 12 → entschieden war. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte der mühsame Neuaufbau, der die Schule noch einmal erfolgreich ihre Arbeit aufnehmen ließ.

Die Ursulinenschule unterstand nicht nur der staatlichen, sondern auch der bischöflichen Aufsicht. Franz Rudolf Bornewasser, Bischof von Trier, Jugendbischof der Fuldaer Bischofskonferenz, war Verantwortlicher für Kloster und Schule in Koblenz. In seiner Doppelfunktion als Diözesan- und Jugendbischof stand er im Streit mit dem Staat an exponierter Stelle und soll in einem Teil dieser Untersuchung sozusagen als eine antipodische Leitfigur kirchlichen Handelns auf dem Felde der Jugend- und Schularbeit durch diese Jahre der Diktatur führen.

Im Kern dieser Arbeit steht die Beschäftigung mit dem schulischen Geschehen. Es gilt der Frage nachzugehen, was die Schülerinnen während des Untersuchungszeitraumes in den verschiedenen Fächern lernten und sich außerhalb des Unterrichts aneigneten. Dies ist um vieles leichter zu erkennen als die hinter oder vor diesem Tun stehenden pädagogischen, didaktischen und methodischen Ziele. Wiederum einfacher ist zu erklären, welche Bildungs- und Erziehungsziele die Schule verfolgte. Kurz gesagt umfassten sie die Aneignung von Wissen, Kenntnissen, Fertigkeiten und Haltungen. Diese Kompetenzen waren die zwingende Voraussetzung einer tragfähigen, breit angelegten Mädchen- und Frauenbildung, die Tradition und Fortschritt gleichermaßen umfasste – also eine nach Fächern unterschiedliche Resonanz oder Verankerung in der katholischen Lehre finden und zugleich für die neuen Entwicklungen in der Mädchenschule offen bleiben sollte. Die Untersuchung endet mit dem Jahr 1950, weil hier ein gewisser Abschluss gefunden wurde, denn nach dem Wiederaufbau konnte die Ursulinenschule in nunmehr weniger „schwierigen Zeiten“ ihrer Bildungsarbeit unbedrängt nachgehen

Diese Abhandlung fußt zu einem erheblichen Teil auf ungedruckten Quellen. Diese finden sich in sechs Archiven. In der ehemaligen Ursulinenschule, dem heutigen Bischöflichen Cusanus-Gymnasium in Koblenz, lagert ein umfangreicher Bestand vor allem zum laufenden Betrieb der Schule von 1902 bis zur Übergabe an das Bistum Trier im Jahre 1971. Diese Provenienz gibt intensive und konkrete Auskunft zu allen Teilbereichen dieser Arbeit. Von Bedeutung sind hier u. a. die Akten zum Abbau der Schule und die Prozessakten im Streit um das Schulgebäude, zudem alle Unterlagen, die Einblicke in das Bildungs- und Erziehungsprogramm der Schule gewähren und die die handelnden Personen zu Wort kommen lassen. Im Landeshauptarchiv Koblenz werden mehrere Bestände zur Entstehung und Führung der Schule, deren Erweiterung sowie Auflösung und Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg aufbewahrt. Diese Quellen sind deshalb von hohem Wert, weil hier Einblicke in den Lauf der Akten innerhalb der staatlichen Instanzen und zwischen den Behörden und der Schule gewonnen werden können. Das Bistumsarchiv Trier hält für diese Untersuchung relativ wenig ← 12 | 13 → Material bereit. Im Einzelnen, z. B. für die Zeit des Dritten Reiches, sind sie allerdings von erheblicher Aussagekraft. Das Archiv der ehemaligen Trierer Ursulinenschule, des heutigen Angela Merici Gymnasiums bietet einige Akten, die für Vergleiche und Ergänzungen zu Geschichte der Koblenzer Schule herangezogen wurden. Der Bestand des Zentralarchivs der Kongregation in Ahrweiler ist in Anbetracht dessen, dass die meisten Unterlagen für die Koblenzer Schule ebendort verblieben, gering. Immerhin liegen hier sowohl die umfangreiche Schulchronik als auch die mehrbändige Hauschronik, die beide auf ihre je eigene Art neben der Darstellung des Geschehens viel zu Bild und Selbstbild von Schule und Kloster beitragen können. Aus dem Stadtarchiv Koblenz wurden zahlreiche Akten über das Schulwesen der Stadt im 19. Jh. und zur Geschichte der Ursulinenschule im ersten Drittel des folgenden Jahrhunderts herangezogen. Die an manchen Stellen der Arbeit zahlreich herangezognen Akten sollen durch die Plausibilität der Fakten helfen, die Individualität der Schulgeschichte deutlich zu machen.

In weiten Teilen kann sich die Untersuchung auf eine umfassende, in die Breite und Tiefe gehende Literatur stützen. Dies trifft allerdings auf die Beschäftigung mit dem Kernthema „Mädchenschulwesen“ nicht zu. Für den hier besprochenen Zeitraum ist sie, auf das Ganze gesehen, nicht sehr umfangreich und von unterschiedlicher Intention und Qualität1. Es gab im 19. Jh. eine Reihe von Publikationen, zumeist aus männlicher Sicht verfasst. Sie konnten wegen z. T. verfestigter Vorurteile in ihrer Mehrzahl nicht zufrieden stellen. Gegen Ende des Jahrhunderts nahmen sich immer mehr Frauen dieses Themas an. Die Auseinandersetzung mit der Problematik dauerte in den folgenden Jahrzehnten an und wurde lediglich in den Jahren des Dritten Reiches unterbunden oder umgebogen, um nach dem Zweiten Weltkrieg, zunächst weniger virulent, seit den 1960er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ernstlich betrieben zu werden. Als die vom vorherrschenden ← 13 | 14 → Bildungssystem zumeist negativ Betroffenen, bedienten sich die Frauen in ihrem Bestreben um eine gerechte Ausbildung für Mädchen und Jungen zuweilen einer energischen Sprache. Die strenge Wissenschaftlichkeit vieler Arbeiten wird von kämpferischen Tönen in anderen Publikationen begleitet oder überdeckt. Das Übergewicht der weiblichen Verfasserinnen ist bemerkenswert. Von den 384 Texten zum Thema „Mädchenbildung“, die in der DNB vorliegen, sind 223 von Frauen, lediglich 44 von Männern. Die übrigen bleiben ohne nähere Angaben. Männer beschäftigten sich mit dem Problem der höheren Mädchenbildung offensichtlich ungern. Manche Äußerungen vieler auch berühmter und ansonsten weitsichtiger Männer zu Fragen der Emanzipation in der Mädchenbildung bewegten sich seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Dritten Reiches vielfach von zunächst verächtlichen und herablassenden, zu später reservierten, dann aber wohlwollenden und schließlich wiederum doktrinären Feststellungen. Die damit einhergehenden Einflussnahmen und Entscheidungen waren zeitweise erheblich. Die vorliegende Literatur zum Thema Mädchenbildung verlangt ohne Zweifel eine aufmerksame quellenkritische Handhabung. Denn Zeit- und Standortgebundenheit der Aussagen scheinen hier, so wie es nahe liegt, stärker ausgeprägt als bei eher abgeschlossenen historischen Vorgängen.

1 Ein Blick auf den Umfang der zur Verfügung stehenden Literatur zum Thema Mädchenbildung ist von Interesse. Im Online-Katalog der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig/Frankfurt (DNB) werden insgesamt ca. 2000 Schriftwerke zu den Themenbereichen Mädchenschule (1255), Mädchenbildung (384), Ursulinen (315) und Ordenschulen allgemein (55) aufgeführt. Sie umfassen vor allem Monographien zu den sehr zahlreichen Schulen im deutschsprachigen Raum, zudem eine sehr große Anzahl von Schulbüchern und zahlreiche obligatorische Jahresberichte der Schulen. Es liegt allerdings eine ansehnliche Reihe Abhandlungen von unterschiedlichem Umfang und verschiedener Akzentuierung zu den genannten Themenbereichen vor. Sammelwerke und Lexika zum Thema sind relativ wenige vertreten. Die vom Verf. genutzten Bibliotheken (Universitätsbibliothek Mainz, Bibliothek des Priesterseminars Trier und der Stadtbibliothek Trier) sowie die Universitätsbibliothek Bonn weisen bei viel geringerer Anzahl von Publikationen einen ganz ähnlichen Bestand auf wie die DNB.

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Teil A
Die Grundlagen: Katholische
Mädchenschulen in Koblenz im
19. Jahrhundert

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1. Frühe Mädchenschulen in Koblenz

1.1 In der vorpreußischen Zeit (bis 1815)

Seit der Mitte des 17. Jh. sind für Koblenz Mädchenschulen in ununterbrochener Folge nachzuweisen. Am 11. Dezember 1663 schrieb der Rat der Stadt an den Trierer Kurfürsten Carl Caspar von der Leyen (1618–1676), dass die weibliche Jugend „aus Mangel ehrbarlicher Underweisung und dazu qualifizierter Personen … zur Lehr, Andacht und Gottesfurcht, auch anderer nöthiger Handarbeit und christlicher Sitte nit angeführt werden“ könne, weshalb manche Familie ihre Töchter unter erheblichen Kosten „in andere Land und Städten“ schicken müsse. So bat der Rat den Erzbischof, „der Bürgerschaft und den Eltern zum Trost und deren Kindern zum Besten einige … gottverlobte Jungfrauen von anderwärts herkommen zu lassen.“ Diese sollten unter der „Direktion der hh PP Societas Jesu allhier“ stehen. Als Anreiz bot der Stadtrat die Befreiung von allen gewöhnlichen und außergewöhnlichen bürgerlichen Lasten und Pflichten und versprach zudem, dass ohne Wissen und Zustimmung der neuen Schullehrerinnen „keine andere dergleichen Mägdlein Schul und Underweisung allhier“ geduldet und gestattet werden sollte2. Am 14. Januar 1664 erlaubte der Kurfürst, „dass zu besserer underweisung der unschuldigen Jugendt, sonderlich weiblichen Geschlechts in unserer Statt Coblentz einige gotverlobte Jungfrauen, welche allda schul halten sollten, anderwertig dorthin einberufen werden“ sollen und bestätigte die vom Rat ausgesprochenen Privilegien für die „mehrgenannten geistlichen Jungfern“. Zugleich befahl der kurfürstliche Amtmann dem Schultheiß, Rat und Bürgermeister der neuen Schule „alle nötige und ersprießliche fernere Beförderung“ angedeihen zu lassen3. Die Lehrerinnen waren Frauen, die sich in freien Vereinigungen der Mädchenerziehung in zahlreichen Schulen vor allem am Rhein und in den Niederlanden widmeten. Sie nannten sich Virgines Deo devotae, verdeutscht Devotessen. Sie unterstanden einer gewissen Oberleitung der Jesuiten und wurden demgemäß auch Jesuitessen genannt, waren aber keine Jesuitinnen, die es auch gar nicht gab4. Die Koblenzer sog. Jesuitessen waren ehemalige Mitglieder der jesuitisch geprägten Kölner Ursulagesellschaft, die eher dem Stande der Priester als dem der Nonnen oder ← 17 | 18 → Mönche gemäß lebten5. Sie waren aber keine Ursulinen wie verschiedentlich angegeben6.

Für die Jesuitessenschule wurde im Jahr 1666 im Auftrag des Kurfürsten ein Gebäude am Entenpfuhl neben der Jesuitengasse errichtet7, das sich wegen des regen Zulaufs bald als zu klein erwies und 1668 erweitert werden musste8. Schulgeld wurde nach den erbrachten Leistungen der Schule erhoben; wer nur lesen lernte, zahlte weniger als der, der auch in Schreiben, Rechnen, Nähen und Wirken unterrichtet wurde. Für arme Kinder war der Schulbesuch kostenlos. Die oberste Leitung der Lehranstalt lag in den Händen der in Koblenz ansässigen Jesuiten.

Die Devotessen hatten sich in den folgenden Jahren einiger Konkurrenz zu erwehren. So beabsichtigten die Schwestern des „Weißer Klösterchen“, des Dominikanerinnenklosters in der Görgenstraße, an ihre Tradition anzuknüpfen und eine Mädchenschule zu errichten9, was ihnen allerdings wegen des Bildungsmonopols der Devotessen von der Obrigkeit untersagt wurde.

Im Jahre 1725 eröffneten die beiden Vorsteherinnen Anna Magdalena Borgener und Maria Sibylla Kerspey mit Genehmigung des Stadtrates eine zweite Mädchenschule für die Pfarrei St. Castor am Paradeplatz (Ecke Nagelgasse)10, die wiederum 1748 von den Schwestern mit einem dem Jesuitenkolleg gehörenden Haus auf der Firmung getauscht wurde. In dem Gebäude am Entenpfuhl wurde eine kostenlose Armenschule weitergeführt, dank einer Stiftung der Freifrau von Vreden über 3.000 Reichstaler11. Dafür sollte täglich „bei endigung der Lehr für mich und die Meinigen wie auch alle Wohltäter, Patronen ein Vater unser und ein Ave Maria oder sonst ein kleines Gebetlein von gesamten Kindern gebetet werden“.12 ← 18 | 19 →

Der Stadtrat musste für die Erhaltung des Schulgebäudes am Entenpfuhl aufkommen, und so beanspruchte er auch das Recht auf die Einsetzung der Lehrerinnen, damit diese nicht mehr „nach Belieben der P. P Societas Jesu“, sondern durch Rat, Bürgermeister und den Pfarrer von St. Castor vorgenommen werden sollte und dass „ad merita personarum“ vorzüglich auf Landeskinder Rücksicht zu nehmen sei. Das Schulgebäude am Entenpfuhl wurde um die Mitte des 18. Jh. an einen Ratsherrn verkauft, der dafür am Plan ein neues Gebäude errichten ließ, dessen Schlüssel er an den Rat aushändigte. Der Stadtrat, der sich als Eigentümer fühlte, unterstellte diese Schule der Regie der Pfarrei Liebfrauen. Dieser Vorgang der schrittweisen Übernahme der Jesuitessenschule in städtische bzw. in pfarrliche Verantwortung war spätestens im Jahr 1773 abgeschlossen, zu dem Zeitpunkt als das Jesuitenkolleg aufgelöst und unter kurfürstliche Oberhoheit gestellt wurde. Dennoch blieb die Schule weiterhin unter der Aufsicht der Jesuiten, deren Orden 1773 durch Papst Clemens XIV. zwar aufgehoben worden war, die aber weiterhin, sozusagen unter der Hand, im Schulwesen der Stadt eine wichtige Rolle spielten. Lehrerinnen waren zu jener Zeit die beiden Fräulein Schwerz und Cronenthal.

Die Mädchenbildung hatte in Koblenz schon lange vor Ausbruch der Französischen Revolution eine gefestigte Tradition. Dies ist für ein katholisches Territorium keine Ausnahme, denn schulische Mädchenbildung, die über das Elementare hinausging, fand in katholischen Gebieten früher statt als anderswo. Dies lag vornehmlich an den klösterlichen Bildungsstätten, in denen sich auch ein eigener Lebensentwurf für Frauen jenseits der Ehe ausbildete. Die Mädchen aus den gehobenen protestantischen Schichten wurden eher im Elternhaus als in Schulen unterrichtet13.

Die Wirren, die die Französische Revolution über das Rheinland brachte, machten vor den Türen der Koblenzer Schulen nicht Halt. Die Lehrerinnen der beiden Schulen auf der Firmung und am Plan hatten sich manchen Übergriffes zu erwehren. So „erlitt die fromme Lehrerin Cronenthal die manichfältigsten Kränkungen, … man beschuldigte sie, nicht mit dem Geist der Zeit fortzuschreiten und die Kinder in Religionsfinsternis zu erhalten“.14 Als die Lehrerinnen sich 1799 weigerten den Eid auf die französische Republik zu leisten, verloren sie ihr Amt, und es wurden dem neuen Geist und der neuen Zeit eher gewogene Personen eingesetzt. Die Eltern schickten aber weiter ihre Kinder zu den beiden Frauen Cronenthal und Schwerz, die die Kinder ← 19 | 20 → vorübergehend in ihren Privathäusern unterrichteten, bis sie dann recht bald wieder als städtische Lehrerinnen (1802 und 1806) eingesetzt wurden.

Im Jahre 1800 gab es in Koblenz drei Primärschulen für Mädchen (fünf für Jungen), die von den katholischen Pfarreien St. Castor und Liebfrauen sowie von der evangelischen Gemeinde errichtet und verantwortet wurden15. In der napoleonischen Zeit hat sich der Koblenzer Präfekt Adrien de Lezay-Marnesia (1806–1810) Verdienste um das Schulwesen insofern erworben, als er im Jahre 1807 eine Normalschule (Lehrerbildungsanstalt) gründete, in der die Volksschullehrer ausgebildet wurden. „Es steht außer Zweifel, dass er ernsthaft auf die Volksbildung bedacht war und alles ihm mögliche tat, um das Schulwesen seines Departements zu fördern.“16 Sein aufgeklärt-optimistischer Ausspruch: „Nichts ist kostbarer als ein guter Schullehrer, nichts schädlicher als ein schlechter“ verdeutlicht seine schulpolitische Maxime.

1.2 In der preußischer Zeit. Ein Überblick

Nach der napoleonischen Herrschaft gerieten die Schulen im Rheinland und somit auch in Koblenz in einen „kläglichen Zustand“ (Görres)17. Dass eine Privatschule auch die grundstürzenden Ereignisse der Französischen Revolution überleben konnte, zeigt das Beispiel des Instituts von Clara Theresia Cronenthal in Koblenz. Als 1824 die hochverdiente Lehrerin in Pension ging, war sie an ihrer Schule, der ehemaligen Jesuitessenschule, 47 Jahre Leiterin und zuvor 13 Jahre lang als Lehrkraft tätig18. Ihre Lehrtätigkeit geht also bis 1764 weit zurück in das Ancien Régime, überdauerte die Revolutionszeit sowie die napoleonische Ära und ragt ein gutes Stück in das Zeitalter der Restauration. Clemens Brentano, der „rheinische Romantiker“, mit seinem besonderen Verhältnis zu außergewöhnlichen Frauen, hat ihr Leben und Werk in einer Schrift mit Anteilnahme und Anmut geschildert19. Die Cronenthal’sche Höhere Mädchenschule wurde nach 1824 noch einige Jahre von Fräulein Veling weitergeführt, galt aber nicht mehr als eine Privatschule.

Die Stadt Koblenz beherbergte im Laufe des 19. Jh. eine ansehnliche Zahl von privaten Mädchenschulen, deren Größe, Qualität und Lebensdauer sehr unterschiedlich war. Zu Beginn des Jahrhunderts gab es neben der bereits ← 20 | 21 → erwähnten Cronenthal’schen Anstalt noch die Schule der Frau Beckhaus, die „schon unter der ehemaligen kurfürstlichen Regierung begünstigt … wurde“.20 Im Jahre 1818 besuchten 100 Kinder diese Schule. „Die Lehrerin Beckhaus ist mittelmäßig, ihre Disziplin gut, ihre Methode alt, ihr Unterricht nicht ausgezeichnet, doch ziemlich genügend.“21 Von dieser Anstalt erfährt man später nichts mehr. Am 5. Januar 1819 erhielt Fräulein Louise von Brahm von der Kirchen- und Schulkommission der Königlichen Regierung in Koblenz die Konzession „zu fernerer Haltung der bereits seit 18 Jahren bestandenen Privat Elementarschule“ für Mädchen22. Im Jahre 1820 unterrichtete die Lehrerin „ohne weitere Hilfe“ 24 Schülerinnen23. Auch die Spur dieser Schule verliert sich in den nächsten Jahren.

Schon bald nach Etablierung der preußischen Herrschaft am Rhein begannen weitere lebhafte Aktivitäten auf dem Felde der Privat-Mädchenschulen. „Madame Magdalena Nicolle, welche in hiesiger Stadt eine Unterrichtsanstalt für junge Frauenzimmer zu errichten gesonnen ist,“ erhielt am 18. April 1814 vom General-Gouvernements-Commissair die Erlaubnis zur Errichtung einer Anstalt, in der „Deutsche wie Französische Sprache, sowie die weiblichen Handarbeiten gelehrt werden sollen“.24 Mit ihrer Gehilfin unterrichtete die Witwe Nicolle im Jahre 1820 eine kleine Gruppe von Mädchen (ca. 20)25. Der Anstalt war keine lange Lebensdauer beschieden. Ebenfalls im Jahre 1820 leiteten die Geschwister Evoth eine Mädchenschule mit 40 Schülerinnen. Der Unterricht wurde vornehmlich von den beiden Elementarlehrern Ludwig Weber und Josef Münch gehalten26. Im Jahre 1824 wird die Schule das letzte Mal erwähnt27. Weitere Unternehmen öffneten in jenen Jahren ihre Tore und schlossen sie in der Regel auch bald wieder, so die Privatschule der Magdalena Grauert (1822–1825)28, die der Margarethe Goedecke (1824–1829)29 und die des Friedrich Coßmann30. Die letztgenannte Schule hatte eine noch verhältnismäßig lange Lebensdauer. Im Jahre 1826 gegründet, umfasste sie 1830 dreißig Schülerinnen. Coßmann wird 1835 nochmals genannt, 1840 nicht ← 21 | 22 → mehr31. Ein Lehrer Cunz (auch Conz genannt) leitete 1830 eine einklassige, von 30 Mädchen besuchte Schule32. Aus einem Nachweis über die Privatschulen von 1840 erfahren wir, dass er seit 1814 eine Konzession besaß. Seine Schule war mittlerweile auf dreizehn Mädchen geschrumpft und taucht nach 1840 nicht mehr auf33.

Über die innere Struktur der Koblenzer Mädchenschulen dieser Zeit liegen nur sehr wenige Nachrichten vor. Immerhin ermöglicht es der Antrag zur Genehmigung einer „Privat Elementarschule für Mädchen“, den Magdalena Grauert im Jahre 1822 vorlegte, ein anschauliches Bild von dem Betrieb einer solchen Lehranstalt zu gewinnen34. Diese Schule wurde von einem Ehepaar und dessen Tochter als eine Ganztagsschule betrieben. Am Vormittag standen die Fächer Deutsch und Französisch auf dem Plan und eher nebenher Rechnen und „etwas Geographie“. Die vornehmliche Zielsetzung des Unterrichts war die Beherrschung der Muttersprache. Dazu gehörten das Erlernen von deutlichem Lesen, Deklamieren, Schreiben und das Verfassen von Aufsätzen. Religionsunterricht sollte von einem Geistlichen mehrmals in der Woche erteilt werden. Für alle diese Fächer standen wöchentlich 18 Stunden zur Verfügung. Nachmittags wurden an allen Tagen durchgehend „Handarbeiten verfertigt“. Auf dieses eine Fach entfielen 24 der insgesamt 42 Wochenstunden, was dessen Wichtigkeit unterstreicht. Hier waren die Anforderungen allerdings auch hoch. Über die Qualifikation der Lehrpersonen erfahren wir nur so viel, dass die Tochter Grauert Examina hatte.

Die Schule war eine Art Familienbetrieb in Verbindung mit geistlichen Religionslehrern. Sie legte in der Erziehung großen Wert auf „strenge Sittlichkeit und Ordnung“, die nach festgesetzten Verhaltensregeln eingeübt werden sollten. Leichte Bestrafungen und kleine Belohnungen sollten zur Erreichung dieser Ziele behilflich sein. Die Schule Grauert trägt die typischen Merkmale der Epoche. In ihr bilden sich politisch-gesellschaftliche Zielsetzungen von Restauration und Biedermeier ab.

Seit dem Jahr 1830 etablierten sich in Koblenz Mädchenschulen von längerer Lebensdauer und größerer Bedeutung. Es sind dies die Institute von Susanne Grisar und Direktor Stein, deren Geschichte weiter unten dargelegt wird. ← 22 | 23 →

Das private Mädchenschulwesen in Koblenz um die Mitte des 19. Jh. war bunt, vielgestaltig und ziemlich verworren35.

2 LHAK: Best. 117 Nr. 594, vgl. auch BREUER, Margarethe: Aus der Geschichte der Mädchenschulen zu Coblenz. In: Festschrift zur 25. Hauptversammlung des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen. Coblenz 1910, S. 153 f.

3 LHAK: Best. 117 Nr. 594.

4 Vgl. LThK 2. A. Bd. 5 Sp. 336 (J. Kuckhoff).

5 MUSCHIOL, Gisela: Frauenklöster im Zeitalter der Reformation. In: Schmitt, Sigrid: Frauen und Kirche. Wiesbaden 2002, S. 106. Vgl. CONRAD, Anne: Zwischen Kloster und Welt. Ursulinen und Jesuitinnen in der katholischen Reformbewegung des 16./17. Jahrhunderts. Mainz 1991. RUTZ, Andreas: Bildung, Konfession und Geschlecht. Religiöse Frauengemeinschaften und die katholische Mädchenerziehung im Rheinland (16.-18. Jahrhundert). Mainz 2006

6 KEYSER, Erich (Hrsg.): Städtebuch Rheinland-Pfalz und Saarland. Stuttgart 1964, S. 212. Für den größeren Zusammenhang s. RUTZ, Andreas: Bildung – Konfession – Geschlecht, S. 122–131; 134 f.

Details

Seiten
493
ISBN (PDF)
9783653050301
ISBN (ePUB)
9783653974881
ISBN (MOBI)
9783653974874
ISBN (Hardcover)
9783631658352
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (Dezember)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 493 S., 32 s/w Abb.

Biographische Angaben

Rudolf Feld (Autor:in)

Rudolf Feld studierte Geschichte, Germanistik, Theologie, Philosophie und Pädagogik in Mainz. Nach Promotion und Staatsexamen arbeitete er als Lehrer und Fachleiter für Geschichte an einem Gymnasium. Zuletzt war er 20 Jahre lang Leiter einer privaten Kooperativen Gesamtschule.

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Titel: Die Ursulinenschule in Koblenz 1902–1950