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Sprache und Bild in der indischen Bildungstradition

von Petra Vogler (Autor)
Monographie XVIII, 390 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Lob des Autors
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Kommentar von Prof. Dr. Michael Witzel
  • Kommentar von Prof. i. R. Dr. Jürgen Henze (Seniorprofessor)
  • Kommentar von Prof. Dr. Babu Thaliath
  • Abbildungsverzeichnis
  • Inhaltsverzeichnis
  • Zielformulierung und Einführung
  • 1 Die Wurzeln der indischen Bildungstradition in der vedischen Kultur
  • 1.1 Die Anfänge der Vedischen Kultur und ihrer Bildungstradition
  • 1.1.1 Veda, Vedismus und vedische Religion
  • 1.1.2 Zur Autorenschaft altindischer Literaturwerke
  • 1.1.3 Zur vedischen Kosmogonie
  • 1.1.4 Linguistische und archäologische Beobachtungen: Zur Herkunft der indoarischen Sprachen und der Induskultur
  • 1.1.5 Die vier Sammlungen der Veden und ihre Interpretation
  • 1.2 Die vedische Gesellschaft und Migrationsprozesse
  • 1.2.1 Die vedische Gesellschaft – soziale, kulturelle und politische Hintergründe
  • 1.2.2 Die nordindische Migration und Sanskritisierungsprozesse
  • 1.2.3 Die brahmanische Migration nach Südindien
  • 1.3 Die traditionelle Vedische Bildungskultur
  • 1.3.1 Ziele und Prinzipien der traditionellen Vedischen Bildungskultur
  • 1.3.2 Aufgaben und Rollen der traditionellen Vedischen Bildungkultur
  • 1.3.3 Gesellschaftliche und institutionelle Aspekte des Vedischen Bildungssystems
  • 1.4 Die Performative Didaktik der klassischen oralen Bildungstradition
  • 1.4.1 Hintergründe der performativen oralen vedischen Bildungstradition und der Ursprung des Yoga
  • 1.4.2 Die Didaktiken des kontemplativen intensiven täglichen Studiums Svādhyāya und der Vedaauslegung Prayoga
  • 1.4.3 Die Technik des Memorisierens und die tradierte Methode der Didaktik der rein mündlichen Wissensweitergabe
  • 1.4.4 Rituelle Performanz der Veden
  • 1.4.5 Die vedische Institution Vadakke Brahmaswam Maṭham Vedapāṭhaśālā in Thrissur (Kerala)
  • 2 Die philosophische Interpretation der vedischen Lehre und die Bildungsrelevanz der orthodoxen Schulen der indischen Philosophie
  • 2.1 Die Entwicklung von Mythos und Naturverehrung hin zur Natur- und Geistesphilosophie
  • 2.1.1 Zur Naturnähe der vedischen Dichtkunst und Mythologie
  • 2.1.2 Die geschichtliche Entwicklung der indischen Philosophie und die natur- und geistesphilosophischen Elemente der orthodoxen Systeme
  • 2.1.3 Zum besseren Verständnis der richtungsweisendsten Strömungen vedisch orientierten Denkens
  • 2.2 Der Bezug der Grundströmungen der indischen Philosophie zur Vedischen Bildungstradition
  • 2.2.1 Die Weitergabe der Inhalte der orthodoxen Traditionen
  • 2.2.2 Die großen Themen indischer Bildungsphilosophie
  • 2.2.3 Die Beziehung abendländischer und indischer Philosophie
  • 3 Die modernen Philologien, traditionellen darstellenden Künste und Tempelrituale und ihre Bedeutung für die Nachhaltigkeit der alten Traditionen der Veden, Upanishaden, Itihāsa, Purānas sowie der klassischen Literatur
  • 3.1 Die Bildungsentwicklung in den modernen Philologien mit Betonung auf dem modernen und klassischen Schrifttum
  • 3.1.1 Bild, Bilddarstellung und Bildverehrung in der vedischen Zeit
  • 3.1.2 Sehen und Sinnlichkeit
  • 3.1.3 Bildung im epischen und klassischen Schrifttum
  • 3.1.4 Nachvedische traditionelle darstellende Künste und Tempelrituale und Gewährleistung der Nachhaltigkeit der alten Traditionen der Veden, Upanishaden, Ithihāsa, Purāṇas und klassischen Literatur
  • 3.2 Performativität und vorsprachliches Bild in den nachvedischen traditionellen darstellenden Künsten und Tempelritualen und die Bedeutung für die Nachhaltigkeit der indischen Volksbildung
  • 3.2.1 Inhalte und Formen ritueller Performanz – Verbindungen zwischen Ritual, Drama und Opfer sowie gesellschaftlich-soziale Implikationen
  • 3.2.2 Bühne, Drama und Veda
  • 3.2.3 Ritual und Sprache – Vorsprachlichkeit und Bildlichkeit in den traditionellen nachvedischen Künsten und Tempelritualen
  • 3.2.4 Vorsprachlichkeit, Bildhermeneutik und Sinnlichkeit im Theater
  • 3.2.5 Typen des Darstellenden Spiels sowie choreographische Strukturen und Konventionen in Kathakaḷi
  • 3.3 Performativität und Wissensweitergabe in den traditionellen nachvedischen Künsten und in den Tempelritualen
  • 3.3.1 Die Entwicklung von Kulturgut zu Kulturform und die Bedeutung für die Wissensweitergabe
  • 3.3.2 Ästhetik (abhinaya), Kommunikations- und Sprachsysteme in den indischen Darstellenden Künsten
  • 3.3.3 Lehrer-Schüler-Beziehung in der Volkskunstbildung
  • 3.3.4 Geschichtliche Entwicklungen in Kerala – Brahmanen und Kathakaḷi
  • Schlussfolgerung und Ausblick
  • Literaturliste

ya eva veda1

„Daß ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält

(Goethe, Faust-Monolog, zit.v. Frauwallner 1953: XI).“

Zielformulierung und Einführung

I.    Zur Aktualität der Forschungsarbeit

Der Ausgangspunkt, welcher zum Verfassen dieser Arbeit angeregt hat, ist zum einen der Mangel an dokumentierten Formen nichtwestlicher Lerntraditionen im europäischen Raum, zum anderen der Umstand, dass es bislang noch kein Kompendium bzw. keine systematisch erfasste und strukturierte Übersicht zum Thema Sprache, Bild und Performativität in den indischen Lerntraditionen gibt. Das Ziel der Arbeit ist es diese Lücke zu schließen und damit einen aktuellen Beitrag zum interdisziplinären Dialog sowie zur interkulturellen Erziehungsphilosophie zu leisten.2 Sie dient als Übersicht und Orientierung für Lernende, Studierende und Interessierte unterschiedlicher Disziplinen, erhebt aber nicht den Anspruch auf Vollständigkeit bzw. auf Vergleichbarkeit mit Studien der Indologie.

In der vorliegenden Arbeit werden die Bedeutungsgehalte von Sprache und Bild in der Bildungstradition Indiens, vor allem der südindischen, herausgearbeitet. Damit werden Bedingungen geklärt, die für aktuelle Reformen in Indien wichtig bzw. auch für den Umgang mit aktuellen Problemen der Bildung in Indien von Bedeutung sind.3 Es ist natürlich ein besonderes Anliegen, den gesamtgeschichtlichen Prozess begreifen zu wollen, jedoch soll dieser aufgrund der Komplexität zunächst in der südindischen Variante der Spannung zwischen der ← 1 | 2 → klassischen Bildungskultur und der performativen Theaterkunst gesucht werden. Zu betonen ist hier beispielsweise der besondere und neue Blickwinkel, aus welchem die Geschichte der Indologie, die Altertumswissenschaft und moderne Landeserfahrung mit traditionellen Texten verbindet, betrachtet wird. Bildung ist folglich nicht nur als eine Bildung durch Text, sondern eben auch als eine Bildung durch darstellende Kunst und Performativität anzuerkennen. Durch die Entwicklung des historiographischen Hintergrundes der traditionellen Bildung in Indien, präsentiert sich die indologische Sichtweise in einem bisher unbekannten Licht. Sprache und Bild, Text und Performativität, tragen als Bildungsmittel zur Interpretation und Erzeugung von Welt bei. Somit fungieren sie zum einen als Gestalter von Gesellschaft und Lebenswelt, wirken zugleich aber auch auf das Individuum zurück. Mit Merleau-Ponty lässt sich dieser Prozess als ein wechselseitiges Eingelassensein und Verflochtensein des einen ins andere beschreiben. Die performativ-sprachliche Entwicklung der Bildung im indischen Kontext geht einher mit der Frage nach der Selbstbestimmung von Lehren und Lernen, von Wissensinhalt und Wissensweitergabe, von Körper und Geist, und eröffnet insofern einen erziehungs- sowie existentialphilosophischen Diskurs.

Zudem werden die sich intensivierenden deutsch-indischen Beziehungen Anforderungen an die Fähigkeiten der Entwicklung und Förderung friedlicher, sensibler und schonender Formen des Miteinanderlebens, -arbeitens und -umgehens stellen. „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)4 ist eine der großen Zukunftsaufgaben der Menschheit. Doch sie kann nur gelingen, wenn sie die kulturelle Diversität berücksichtigt (Wulf 2006).“ Im Zentrum steht das interkulturelle Lernen über, von und mit anderen Kulturen bzw. kulturellen Praktiken und Stilen. Die in der Forschungsarbeit beschriebenen Lehr- und Lernstiltraditionen des indischen Kulturraums können neue Blickwinkel für das Feld der interkulturellen Studien und der vergleichenden Erziehungswissenschaft liefern. Sie ist insofern ein Beitrag zum vergleichenden Studium5 der diversen Weltkulturen, hier also der europäischen und der indischen. ← 2 | 3 →

II.  Forschungsbildende Leitfragen

Man muss sich das Feld der Erziehung in Indien als ein unhomogenes vorstellen. Die Arbeit befasst sich mit der Untersuchung der historiographischen Rolle der indischen traditionellen Bildung sowie deren Anwendung im Übergang vom Altertum in die Moderne. Das Begreifen des gesamtgeschichtlichen Prozesses der indischen Bildungstradition steht dabei im Mittelpunkt und soll exemplarisch an der südindischen Variante der Spannung zwischen der klassischen Bildungskultur und der performativen Theaterkunst verdeutlicht werden. Die Lebendigkeit und Aktualität der traditionellen Bildung in der gegenwärtigen indischen Kultur sowie die Koexistenz mit westlichen Formen der Bildung, stellen ein besonderes Charakteristikum des Bildungskontextes in Indien dar. Die historische Linearität in der Bildungstraditionsentwicklung besteht somit neben der heute beobachtbaren zeitgleichen Parallelexistenz diverser Bildungstraditionsströmungen. Hartmut Scharfe schreibt zu Beginn seines Buches Education in Ancient India: „A study of education then will investigate not only an attempted cloning of the last generation but also selective tradition and shifting emphases, i.e., it will feel the pulse in the life of Indian culture. Education is thus the mother that gives birth and nurtures all other branches of culture (Scharfe 2002: 1).“

Das zwischen indischer Kultur und Bildungstradition bestehende Verhältnis öffnet den Dialog für philologische, philosophische und künstlerische Prozesse, welche dieses in seiner Entwicklung maßgeblich mitbestimmen. Es ist beobachtbar, dass die indische Bildungstradition auf den Pfeilern von Sprache und Bild ruht. Zum einen gab es eine kontextuale geschichtliche Veränderung von einer zunächst stark im Sprachlichen hin zu einer im Performativen verankerten Form des Lernens und Lehrens, zum anderen ging damit eine Differenzierung von Kulturgut und Kulturform einher, welche den Verlauf von einer stark kastenorientierten klassischen philologischen Bildungskultur hin zu einer performativen und in der Kunst verankerten Volksbildungskultur markierte. Diese historische Übergangsphase bewegt sich von der Kunstform des Sanskrittheaters Kūtiyāam, welche aus der Hegemonie der Brahmanen resultierte, über die Darstellenden Künste Rāmānāam und Krishnanattam (Kanāa), hin zum volkssprachlichen Malayalamtheater Kathakai, also hin zur Bildung des Volkes. Die Kunstform des Sanskrittheaters Kūtiyāam zeigt eine stärkere Konzentration auf philologi ← 3 | 4 → sche Aspekte und ist daher eine stärker im Sprachlichen verankerte Bildungstradition der oberen Kasten, während das Tanztheater Kathakai als vorsprachliche Ausdrucksform dem Verständnis des Volkes zugängig ist und damit volksbildende Funktion hat. Der kastenverbindende Charakter, der durch die Kunst und durch eine auf Tradierung geschichtlichen Wissens angelegten Kulturerinnerung basiert, wird sowohl durch die Sprache, zum Beispiel in der oralen Tradition der vedischen Bildung, als auch durch die Kunst, beispielsweise durch die performative Theaterkunst des Kathakai, gepflegt.

Die Untersuchungen der vorliegenden Arbeit konzentrieren sich erstens auf die vedische6 Bildungskultur der Brahmanen und deren tradierte Methode der Didaktik der rein mündlichen Wissensweitergabe der Veden, zweitens auf die Bildungsrelevanz der orthodoxen philosophischen Schulen und drittens auf die Entwicklung der modernen Philologien, der traditionellen Darstellenden Künste und der Tempelrituale, durch welche die Nachhaltigkeit der alten Traditionen der Veden, Upanishaden, Ithihāsa (Epen: Rāmāyana, Mahābhārata), Purāas sowie der klassischen Literatur gewährleistet wird. Die Nachhaltigkeit der Kultur in Indien, deren Grundlagen die Kunst und die Sprache sind, wird hier unabhängig von vorkolonialen, kolonialen und nachkolonialen Begebenheiten und Einflüssen untersucht. Durch die Fokussierung auf die Gesamthistorie der Bildung sowie auf die Art und Weise ihrer Prägung durch die künstlerischen und philologischen Traditionen, deren Manifestationen Sprache und Bild sind, kann die Reziprozität der Ereignisse in Bildungs- und Gesellschaftsentwicklung reflektiert und dargestellt werden. Da die Rolle der gesellschaftlichen Bildung permanenten Veränderungsprozessen unterworfen ist, kann die Analyse der Anwendung von sprachlichen, philosophischen und performativen Akten im südindischen Bildungskontext besonders aufschlussreich sein. Des Weiteren besteht der Anspruch der Arbeit darin die ausführliche Diskussion explizit nicht-westlicher Lehr- und Lerntraditionen, die sich doch in vielerlei Hinsicht grundlegend von beispielsweise europäischen oder US-amerikanischen unterscheiden, in einem Prozess reflexiver Hermeneutik zu betrachten. Die Historiographie der Bildung in Indien und damit die geschichtliche Reflexion ihrer Lehr- und Lernstilentwicklung und -anwendung sowie der Kunstgeschichte, hierbei besonders die Geschichte der Tempelkünste, stützt sich auf die Wissensfelder der Indologie, der Philosophie und der Historischen Anthropologie und bewegt sich daher gleichermaßen in den Disziplinen der Pädagogik wie der Interkulturellen Pädagogik. ← 4 | 5 →

Die Arbeit hat drei große Leitfragenkomplexe, die inhaltlich eng miteinander verflochten sind. Um die geschichtliche Erziehung philologischer und performativer indischer Lehr- und Lerntraditionen adäquat darstellen zu können, ist es zunächst einmal notwendig in einem ersten Schritt die vedische Bildungskultur zu beschreiben.

1.  Die Wurzeln der indischen Bildungstradition in der vedischen Kultur

Im ersten Teil des Forschungsprojektes wird die Kultur der traditionellen vedischen Bildung und der tradierten Methode der Didaktik der rein mündlichen Wissensweitergabe der Veden sowie deren besondere Kunst der Memorierung von Wissen untersucht. Daher geht dieser Teil des Forschungsvorhabens von folgenden Grundfragen aus:

In diesem Teil wird die vedische Bildungstradition und damit verbundene Inhalte zum Umgang mit Hierarchie, Bindung, Rollenverhalten, Sprachbildung, Körperform und mündlichem Lernen analysiert und herausgearbeitet. Die vedische Bildungskultur wird in den gesamtgeschichtlichen Kontext der Bildung in Indien eingeordnet und die besondere Bedeutung ihrer philologischen Fokussierung für die indische Gesellschaft und Kultur herausgearbeitet. Dabei geht es zum einen um die differenzierte Darstellung der soziokulturellen, linguistischen und ethnischen Diversität der indischen Gesellschaft im historischen Entwicklungsprozess, zum anderen um die Ursprünge und Entwicklungen der vedischen Tradition selbst. Die ausführliche Befassung mit der Rolle und Funktion, welche die vedische Kultur innerhalb der indischen Gesellschaft einnahm und immer noch einnimmt, erscheint ebenso relevant für das Verständnis der wechselseitigen Prägung von Bildungstradition und Kultur im (süd)indischen Kontext, wie auch die Reflektion der Veränderungs- und Kontextualisierungsprozesse, welchen sie unterworfen war und ist.

Inhalte und Aussagen der Veden und ihrer Interpretation, der Upanishaden, prägen die Geschichte des indischen Kulturraums auf einzigartige Weise. Der ← 5 | 6 → Einleitungssatz „ekam sadvipra bahudha vadanti (RV I, 164, 46)“7 kann als „roter Faden, der sich durch »das Weltbild der Hindus« zieht, beschrieben werden (Vorwort Gail, Kölver 2003: 10).“ Der Veda hat sich insofern also als eine Einheit bestimmt, indem er als zugrunde liegende Botschaft die Aufforderung an den Menschen in sich trägt, die Einheit zu erkennen, die der Vielfalt zugrunde liegt. Die Behauptung, es handle sich bei den Upanishaden um die ersten Bildungsprogramme der damaligen Zeit, ist durchaus vertretbar.

Die hier vorliegende Forschung befasst sich daher auch mit den Themen des Ursprungs, der Zusammengehörigkeit und der Einteilung der vedischen Schriftengruppen, d. h. mit den vier Sammlungen (Sahitas) der Veden: gveda, Samaveda, Yayurveda und Atharvaveda. Desweiteren steht eine Betrachtung der Brāhmaas, die im Anschluss an die Veden entstandenen Sammlungen, im Zentrum der Diskussion. Diese beinhaltet die Beschäftigung mit den Aranyakas, mit der Technik des Memorierens sowie mit der Lehre vom Ursprung und vom Denken (manas). Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Lehre vom Selbst (ātman) und die Relevanz für die Bildungssituation schließt sich an. Zudem sollen an dieser Stelle die philosophischen Themen und Motive der Upanishaden reflektiert und die hierbei gewonnenen Einsichten in die indische All-Einheits-Lehre und in die Lehre vom Menschen bearbeitet werden.

In einem weiteren Schritt geht es um die Fragen, welche Ausprägungen die Beziehung von Wissen und Erziehung im Rahmen des vedischen Wissensbegriffs haben und welche Aktualität diese heute in der Debatte um Inhalte geistes- und sozialwissenschaftlicher Disziplinen in Indien aufweisen. Diese beiden Fragen werden im nachfolgenden zweiten Kapitel zur Bildungsrelevanz der orthodoxen Schulen der indischen Philosophie ausführlich untersucht.

2.  Die philosophische Interpretation der vedischen Lehre und die Bildungsrelevanz der orthodoxen Schulen der indischen Philosophie

Der zweite Teil des Forschungsvorhabens befasst sich mit der Bildungsrelevanz der orthodoxen und unorthodoxen Schulen bzw. Systeme der indischen Philosophie. Es wird untersucht, welche Formen und Felder der Wissensweitergabe zu unterscheiden sind bzw. welche institutionellen Veränderungen im Bereich der vedischen Wissensweitergabe deutlich werden. Daher lauten die Fragen: ← 6 | 7 →

Die klassische indische Philosophie unterteilt sich in zwei Gruppen: die Gruppe der orthodoxen Systeme, welche die Autorität der Veden in ihrer Funktion als Lehr- und Erkenntnismittel anerkennen, und die heterodoxen Systeme, welche sich gegen eine derartige Autorität der Veden aussprechen. Es wird der Versuch unternommen, die Grundbestimmungen der indischen Philosophie dazulegen. Diese Darlegung umfasst eine Auseinandersetzung zum einen mit der Frage der Abhängigkeit von den Veden als Quelle der klassischen indischen Philosophie, zum anderen mit jener ihrer vier großen Themen, 1. karman – universaler Kausalzusammenhang, 2. sasāra – ewiger Kreislauf, 3. dukha – Leiden, und 4. moka – Erlösung als Loswerden von kausaler Bindung. Philosophie bedeutet Bildung und die Auseinandersetzung mit philosophischen Fragestellungen bildet somit eine der grundlegenden Wege zur menschlichen Selbstrealisierung. Sie bietet zudem einen erweiterten Raum über Erziehung heute nachzudenken. Was versteht man beispielsweise im jeweiligen kulturellen Kontext unter Wissen? Welche epistemologischen Annahmen und Grundlagen sind in der indischen Bildungstradition auffindbar? Eine Einordnung der Diskussion des Wissensbegriffs in die zwölf anerkannten orthodoxen und unorthodoxen indischen Philosophietraditionen ermöglicht eine Weitung der eigenen Interpretation des Themas. Sich möglicher epistemologischer Differenzierungen bewusst zu sein, kann für die Frage nach dem Sinn von Erziehung durchaus relevant sein. Der Vedānta-Philosophie, welche von dem religiösen Lehrer und Philosophen Ādi Śakarācārya, genannt Śakara (788–820), systematisiert wurde, kam im Kontext der Bildungstraditionsentwicklung eine herausragende Funktion zu. Ādi Śakarācārya erneuerte den Hinduismus auf der Basis der Upanishaden-Philosophie. Er bediente sich einer äußerst anschaulichen und bildhaften Sprache, mittels derer es ihm gelang komplizierte Sachverhalte nicht nur Intellektuellen, sondern auch Laien zugänglich zu machen. Aus diesem Grund spielt er auch in der Erneuerung der vedischen Tradition eine bedeutsame Rolle.

Der dritte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Entwicklung der modernen Philologien, der nachvedischen traditionellen darstellenden Künste und Tempelrituale, durch welche die Nachhaltigkeit der alten Traditionen der Veden, Upa ← 7 | 8 → nishaden, Ithihāsa (Epen: Rāmāyana, Mahābhārata), Purāas (volkstümliche Erzählungen)8 sowie der klassischen Literatur gewährleistet wird.

3.  Die modernen Philologien, die traditionellen darstellenden Künste und Tempelrituale und ihre Bedeutung für die Nachhaltigkeit der alten Traditionen der Veden, Upanishaden, Itīhasa, Purāas sowie der klassischen Literatur

In diesem Forschungsteil werden die folgenden Fragen untersucht:

1.  Welche Bedeutung hatten Bild und Bilddarstellung in der vedischen Zeit und danach?

2.  Welche Besonderheiten zeigen sich in der historischen Bildungsentwicklung der modernen Philologien, der traditionellen darstellenden Künste und Tempelrituale?

3.  Welche Bedeutung haben sie als Bildungssystem?

Der Übergang, der sich im Rahmen der historischen Bildungsentwicklung vom Altertum in die Moderne vollzogen hat, kann als eine Entwicklung von Kulturgut (z. B. Veden) hin zur lebendigen Kulturform (z. B. Kathakai) der Neuzeit beschrieben werden. Die ehemals klassische Bildungskultur der vedischen Tradition war eine stark kastenorientierte Volkskunst, welche sich im Laufe der Geschichte entwickelte. Das ursprüngliche Bildungsideal der vedischen Kultur galt der Heranbildung der oberen Klassen und war nicht auf das Volk bezogen. So war beispielsweise das Sanskrittheater Kūiyāa exklusiv als brahmanische Tempelkunst gedacht, da das Volk selbst keine Kenntnis von Sanskrit hatte. Traditionelle Volksbildung in Indien ist daher vorsprachliche Bildung und insofern durch die Anwendung von Kunst, Ritual und Performativität nicht begrenzt, wohingegen Sprache als alleiniges Medium zur Bildung begrenzt und einschränkt. Dieses Bildungsideal der vorsprachlichen Bildung, welches nicht ausschließlich, wie in der europäischen Tradition, auf Logos fokussiert, ist natürlich vor allem dem Feld der informellen Bildung zuzuordnen, welche also nicht in Schule und Bildungsinstitutionen, sondern in privaten Räumen der Familien seinen Platz hat.

Der Tempel hat seit jeher die Funktion derjenigen Erziehungsstätte, an welcher sich die Tempelkünste, also Sprache und Gesang (Musik) sowie Skulptur, Bild, Malerei entfalten konnten. Der primäre Fokus liegt auf dem unmittelbaren Eindruck, also auf dem Sehen und Verstehen, dem „stummen Logos“, wie Gott ← 8 | 9 → fried Böhm in seiner Bildhermeneutik sagt. Der sekundäre Fokus ist dem Bereich „Sprache und Bild“ zuzuordnen. Sprache, Musik, Gesang sowie Bild, Skulptur und Malerei synthetisieren sich zu den Performing Arts in der Tempelkunst. Der Untersuchung der Form der Gestaltung der Performativität in den nachvedischen traditionellen Künsten und in den Tempelritualen kommt daher ebenso große Aufmerksamkeit zu wie den Fragen, wie sich Bildung und Wissensweitergabe in den performativen Künsten vollziehen und wie diese Korrelation zur Nachhaltigkeit der lokalen Kultur beiträgt.

III. Forschungsmethodik und Untersuchungsdesign

Zeitlicher Abriss:

Inhalte der Arbeit wurden im Zeitraum 2006 bis 2015 zusammengetragen; dies erfolgte durch Feldforschung vor Ort, durch Interviews und Kontakte mit eingängigen Wissensträgern und Experten, durch ausführliches Literaturstudium, durch das Drehen eines Dokumentarfilms, Erstellung zahlreicher Film- und Bildaufnahmen sowie durch das Studium vorhandener Architektur und Sichtung vorhandenen Medienmaterials. Im Anschluss werden die einzelnen Aktivitäten in zeitlicher Abfolge dargestellt und kurz erläutert.

Anfang 2006 – Mitte 2009: Wohnsitz in Südindien, danach bis heute regelmäßige Aufenthalte in Indien.

Seit März 2006: Reisen in Karnataka, Kerala und Tamil Nadu (auch Mittel- und Nordindien: Gujarat, Ladakh, Rajasthan, Himachal Pradesh, Uttar Pradesh, Delhi, West Bengal, Haryana, Punjab, Maharashtra, Andra Pradesh); mehrfache Besuche der Veda-Rezitationsschule Vadakke Maham Brahmaswam in Thrissur sowie des Zentrums für vedische Lehre und Kunst Olappamanna Mana in Vellinezhi. Beginn der Studien zur vedischen Lehre sowie der indischen Theatertradition.

Seit Mitte 2006: Besuche diverser Seminare und Vorlesungen zum Thema indische Philosophie bzw. Philosophische Studien (u. a. Gespräche mit Herrn Prof. Dr. Sundar Sarukkai (NIAS), Herrn Prof. Dr. Babu Thaliath (JNU Delhi), Herrn Prof. Dr. Mathew Chandrankunnel (Dharmaram College Bangalore), Herrn Prof. Dr. George Panthanmackel (Suvidya College Bangalore), Herrn Dr. Emmanuel Uppamthadathil, Herrn Prof. Dr. A. K. Chatterjee, Frau Dr. Anuradha Srinivasan (Indian Institute of Management Bangalore). Ausführliche und vertiefende Gespräche zu den Themenfeldern Sprache, Bild und Performativität sowie Philosophie mit Herrn Prof. Dr. Babu Thaliath, German Studies School of Language, Literature and Culture Studies Jawaharlal Nehru University, New Delhi. ← 9 | 10 →

2008/2009: Produktion und Drehen des Dokumentarfilms9 über das Vadakke Maham Brahmaswam in Thrissur; ein Kooperationsprojekt mit der Christ University Bangalore und dem Photographen Stuart Forster.

SS 2009: Konzeption und Durchführung des Seminars zum Thema Indische Lerntraditionen an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Seit 2009 Austausch zum Thema Theatertraditionen und Kunst in Kerala mit Frau Privatdozentin Dr. phil. habil. Heike Oberlin, Abteilung für Indologie und Vergleichende Religionswissenschaft der Universität Tübingen.

2010: Organisation und Durchführung der 10-tägigen Indien-Studienreise für Studierende der Humboldt-Universität zu Berlin. Reise nach Karnataka und Kerala. Einführung in die indische Philosophie am Suvidya College Bangalore. Besuche am Zentrum für Vedastudien und Darstellende Kunst Olappamanna Mana in Vellinezhi sowie am Vadakke Maham Brahmaswam Vedic Research Centre in Thrissur, Kerala.

2011: April – Teilnahme am 12-tägigen vedischen Athirathram/Agnicayana Ritual in Panjal, Kerala. Begegnung mit Prof. Dr. Frits Staal und Prof. Dr. Michael Witzel. September – Studienreisen nach Delhi (Aufenthalt an der JNU Nehru Universität) und nach Benares. Aufenthalt an der Benares Hindu University und Begegnung mit Prof. Dr. A. K. Chatterjee. Literaturrecherche und Film-/Photodokumentationen.

August 2011/September 2012/Januar, Februar 2013/Mai 2014/April, November 2015: Aufenthalte am Institut für Südasienstudien, Harvard Universität, Cambridge, Boston / Zugang zur Widener Library sowie zur Bibliothek des Südasieninstituts; Gespräche mit Prof. Dr. Michael Witzel.

2012: Oktober – Besuche des Margi-Zentrums für Kathakaikunst in Trivandrum, Kerala. Gespräche mit Herrn Prof. Dr. Sri Kalamandalam Balasubrama ← 10 | 11 → nian. Besuch der Kunsthochschule Kalamandalam in Kerala. Gespräche mit Prof. Dr. Kaladharan Viswanath.

Dezember 2013: Studienreise nach Indonesien, Bali. Untersuchung von Theatertraditionen und Ritualen (auch vedischen). Film- und Bilddokumentation.

17. Mai 2014: Vortrag und Diskussion im Rahmen des Kolloquiums der Indologie der Universität Tübingen, Thema: Die Vedaschule Vadakke Madham Brahmaswam.

Oktober 2014: Studienreise nach Nepal. Untersuchung von Ritualen und kulturellen Traditionen (auch vedischen). Film- und Bilddokumentation.

März 2015: Teilnahme Kathakaiaufführungen der Margi Kathakaigruppe von Herrn Prof. Dr. Sri Kalamandalam Balasubramanian, Trivandrum, Kerala.

Die Anleitung für die inhaltliche Vertiefung der Themen der vedischen Tradition und indischen Geschichte, fand ich bei Herrn Prof. Dr. Michael Witzel, Wales Professor of Sanskrit and Director of Graduate Studies, Department of South Asian Studies an der Harvard University in Cambridge MA, Boston, USA. In den Jahren 2011 und 2012 verbrachte ich jeweils einen Monat, in 2013 zwei Monate, danach mehrere Wochen pro Jahr am Institut. Im Mittelpunkt der Aufenthalte stand das persönliche Gespräch mit Herrn Prof. Dr. Witzel. Zusätzlich gab es die Möglichkeit Literatur und Materialien aus den Bibliotheken und Archiven der Harvard University (wie der Bibliothek des Department of South Asian Studies, der Widener Library oder der Gutman Library) zu sammeln und zu studieren.

Die Themenfelder Bild, Sprache, Performativität und Philosophie wurden betreut durch Herr Prof. Dr. Babu Thaliath, Centre of German Studies, School of Language, Literature and Culture Studies, Jawaharlal Nehru University, New Delhi. Seit 2006 besteht hierzu ein konstanter Dialog und akademischer Austausch. Auch war Herr Prof. Anil Bhatti, Professor Emeritus, Centre of German Studies School of Language, Literature and Culture Studies, Jawaharlal Nehru University, New Delhi, unterstützender Ratgeber bei der Eingrenzung der zielführenden Fragestellung.

Details

Seiten
XVIII, 390
ISBN (PDF)
9783653069471
ISBN (ePUB)
9783653958485
ISBN (MOBI)
9783653958478
ISBN (Buch)
9783631674765
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Mai)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. XVIII, 390 S., 39 s/w Abb.

Biographische Angaben

Petra Vogler (Autor)

Petra Vogler ist Dozentin für Kulturwissenschaft und interkulturelle Studien. Nach dem Studium der Pädagogik, Ethnologie und Romanistik an der Universität Tübingen promovierte sie an der Humboldt-Universität zu Berlin zum Doktor der Philosophie. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Philosophie und Ideengeschichte, der historischen Bildungsforschung sowie der Ästhetik.

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Titel: Sprache und Bild in der indischen Bildungstradition