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Astrologie in der Europäischen Religionsgeschichte

Kontinuität und Diskontinuität

von Gustav-Adolf Schoener (Autor:in)
Habilitationsschrift 257 Seiten

Zusammenfassung

Diese religionswissenschaftliche Untersuchung verfolgt die europäische Tradition der Astrologie von ihren orientalischen Anfängen bis in die Gegenwart. Als ein Sammelbegriff unterschiedlicher auf den Kosmos bezogener Lehren und Praktiken ist die Astrologie einerseits ein in sich konsistentes kulturelles Phänomen. Andererseits scheint es, dass sie mit der Überwindung des geozentrischen Weltbildes durch Kopernikus und Kepler ihre Begründung verloren hat und nur als «intellektuelle Regression» (Theodor W. Adorno) weiterhin bestehen kann. Dieser Auffassung steht die hier begründete These entgegen, dass die Astrologie den Wechsel der Weltbilder unbeschadet überleben konnte, weil die Begründungsmuster jenseits der rein naturwissenschaftlichen Perspektiven liegen. So hat sich die Astrologie als moderne individualisierte Religiosität auch in westlichen Gesellschaften etabliert.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • a) Astrologie in der Moderne
  • b) Astrologie historisch-kritisch
  • c) Religionswissenschaftliches Anliegen
  • Zum Begriff Astrologie
  • Zum Begriff Religion
  • Zum Begriff Wissenschaft
  • Gliederung und Argumentationslinie
  • Auswahl und Eingrenzung der Quellen
  • 1. Die Struktur der Astrologie I – Kontinuität und Diskontinuität der Lehre von der Entsprechung von Kosmos und Mensch
  • 1.1 Die Astrologie des geozentrischen Weltbildes
  • 1.1.1 Die Struktur der mesopotamischen Omen-Astrologie
  • 1.1.2 Die Astrologie der Frühen Neuzeit
  • 1.2 Die Astrologie des heliozentrischen Weltbildes
  • 1.2.1 Johannes Kepler
  • 1.2.2 Sir Isaak Newton
  • 1.3 Die psychologisch-symbolische Umdeutung der Astrologie im 20. Jahrhundert
  • 1.3.1 Carl Gustav Jung
  • 1.3.1.1 Carl Gustav Jungs „Synchronizitätszusammenhang“
  • 1.3.2 Thomas Ring
  • 1.3.2.1 Thomas Rings „Neufassung des astrologischen Gedankens“
  • 2. Die Astrologie im wissenschaftlichen Diskurs der Gegenwart
  • 2.1 Von der Erkenntnis ,göttlicher Weisheit‘ bis zur Ausklammerung metaphysischer Annahmen
  • 2.2 Angewandte Astrologie und ihre Wissenschaftstauglichkeit
  • 2.3 Welche wissenschaftstheoretischen Mindestforderungen schließen die Astrologie aus den gegenwärtig anerkannten wissenschaftlichen Disziplinen aus?
  • 2.3.1 Sir Karl Popper
  • 2.3.2 Theodor Wiesengrund Adorno
  • 2.3.3 Paul Feyerabend
  • 2.4 Das Argument ,Erfahrung‘ in der Astrologie
  • 2.4.1 Carl Friedrich von Weizsäcker und das Evidenzargument
  • 2.4.2 Das Evidenzargument in der Geschichte der Astrologie bis zur Gegenwart
  • 2.4.3 Empirische Studien – der ,Mars-Effekt‘
  • 2.4.4 Empirische Methoden in der mesopotamischen Omen-Astrologie
  • 3. Die Struktur der Astrologie II – Kontinuität und Diskontinuität der Lehre von der Göttlichkeit der Gestirne
  • 3.1 Die Göttlichkeit der Gestirne und des Kosmos
  • 3.1.1 Das ,Eine‘ und die Weltseele bei Plotin
  • 3.1.2 Gestirngötter in der esoterischen Astrologie des 20. Jahrhunderts
  • 3.1.3 Die Göttlichkeit der Gestirne bei Thomas von Aquin
  • 3.1.4 Philipp Melanchthon und die Göttlichkeit des Kosmos
  • 3.1.5 Martin Luthers Konflikt mit der Göttlichkeit der Gestirne
  • 3.1.6 Pater Gerhard Voss und der göttlich durchwirkte Kosmos
  • 3.2 Folgerungen für einen adäquaten Transzendenzbegriff
  • 3.2.1 ,Eigenschaftsnamen‘ und Götternamen der Planeten von der sumerischen bis in die römische Zeit
  • 3.2.2 Die Göttlichkeit der Räume – der Zodiakos im 360°-Kreis der Ekliptik
  • a) Der Vorrang des tropischen Tierkreises
  • b) Die religiöse Deutung der Ekliptikabschnitte in der Antike und in der Moderne
  • Die Anfänge
  • Sternbilder und Tierkreiszeichen in der modernen Astrologie
  • 3.2.3 Schlussbemerkung
  • 4. Der physische Einfluss der Gestirne: Die Astrologie als falsch verstandene Naturwissenschaft
  • 4.1 John David Norths aristotelischer Einwand
  • 4.1.1 Die Bedeutung der Meteorologie des Aristoteles
  • 4.1.2 Die Bedeutung der Meteorologie der Stoa
  • 4.1.3 Äther und Gestirnseelen bei Aristoteles
  • 4.1.4 Elemente und Qualitäten in der griechischen Naturphilosophie und der Astrologie
  • 5. Kultur- und religionswissenschaftliche Kontextualisierung der Astrologie
  • 5.1 Die Strukturelemente der Astrologie im Religionsvergleich
  • 5.1.1 Analogiebildung in der griechischen Mythologie und Naturphilosophie
  • 5.1.2 Analogiebildung im Naturverständnis der Magie
  • 5.1.3 Analogie als Kategorie der geographischen und staatlichen Ordnung im chinesischen Daoismus
  • 5.1.4 Analogie als Kategorie in der Metaphysik des Aristoteles und in der Theologie Thomas von Aquins
  • 5.1.5 Schlussbemerkung
  • 5.2 Astrologie im Kontext moderner individualisierter Sinnbildung
  • Literaturverzeichnis
  • Reihenübersicht

Einleitung

Die vorliegende Arbeit versteht sich als eine religionswissenschaftliche Analyse der Astrologie in der europäischen Traditionslinie. Zweck ist es nicht, eine neue Geschichte der Astrologie von ihren mesopotamischen und altägyptischen Anfängen bis in die Gegenwart zu schreiben1, sondern diachronisch begleitend einzelne markante historische Stationen zum Anlass zu nehmen, die Astrologie als ein besonderes Weltbild und Welt deutendes System in den jeweils unterschiedlichen religiösen und kulturellen Zusammenhängen nachzuzeichnen.2 Diese Herangehensweise setzt voraus, dass es einerseits einen Kernbestand an Kontinuität gibt, der es erlaubt, den Begriff Astrologie als Sammelbegriff für eine Vielzahl vergleichbarer Lehren und Praktiken durch eine mehr als 4.000-jährige Geschichte hindurch anzuwenden, in der solche Lehren und Praktiken in unterschiedlichen Formen bestanden und eine gewisse Bedeutung hatten. Andererseits aber ist vorausgesetzt, dass es in dieser Geschichte der Astrologie Diskontinuitäten gibt, die mit dem Wandel der Weltbilder, dem sich wandelnden Verständnis von Religion, Natur und Gesellschaft immer neue Formen astrologischer Lehren hervorbrachten. Religionsgeschichtliches Anliegen dieser Arbeit ist es aber vor allem, Merkmale der Kontinuität im Wandel der astrologischen Formen und ihrer kulturellen Kontexte nachzuzeichnen, die es ermöglichen, von Astrologie als Sammelbegriff bestimmter ihr zugehörender Phänomene zu sprechen. Es erweist sich daher als erforderlich, die wichtigsten Schaltstellen in der Geschichte der Astrologie hinsichtlich ihrer theoretischen und praktischen Begründungen herauszuarbeiten. ← 9 | 10 →

Der Schlüssel zum historischen Verständnis der europäischen Traditionslinien der Astrologie liegt in Mesopotamien. Hier wurde zuerst die Einheit von Kosmos und Mensch sowie Kosmos und Natur auf der Basis exakter astronomischer Berechnungen grundlegend reflektiert, systematisiert und praktisch angewandt.3 Diese mesopotamische Grundgestalt, die in der Orientalistik der Gegenwart häufig als Omen-Astrologie bezeichnet wird4, erhielt in der hellenistischen Antike eine vollständige theoretische und praktische Ausprägung.

Eine zweite für das Vorhaben dieser Arbeit wichtige Schaltstelle ist die Reflexion und Anwendung der Astrologie in der Frühen Neuzeit unter den Bedingungen der allmählichen Ablösung des geozentrischen Weltbildes. Einerseits werden die bis dahin bestehenden astrologischen Traditionslinien fortgeschrieben, andererseits erfahren sie gerade durch die Protagonisten des neuen Weltbildes neue Begründungen und neuen Aufschwung. Im Anschluss an die Fortschreibung der Astrologie über den Wechsel der Weltbilder hinaus ist ihr Vorkommen in der Gegenwart als dritte historische Schaltstelle von besonderem Interesse – weniger als Teil einer populären neuen Religiosität, vielmehr (und in wissenschaftlichen und öffentlichen Debatten weit weniger wahrgenommen) als Gegenstand wissenschaftstheoretischer, philosophischer und psychologischer Diskurse, an denen sich nicht nur Religionsforscher, sondern, wie im Verlauf dieser Arbeit deutlich werden wird, auch renommierte Philosophen, Psychologen und Sozi ← 10 | 11 → alwissenschaftler rege beteiligt haben und noch beteiligen. Diese Diskurse, in der sich religionswissenschaftliche, psychologische und sozialwissenschaftliche Anliegen überkreuzen, stellen die Astrologie in einen Zusammenhang mit der religiösen Gegenwartskultur. Nicht zuletzt soll diese Arbeit einen religionswissenschaftlichen Beitrag zum Verständnis moderner individualisierter religiöser Strömungen leisten.

Im Sinne der klassischen Einteilung der Religionswissenschaft in ihre zwei Hauptrichtungen Religionsgeschichte und Religionssystematik ist die vorliegende Arbeit insofern systematisch angelegt, als sie die unterschiedlichen Formen der Astrologie in ihren jeweiligen kulturellen Kontexten eingebettet sieht und ihre Grundstrukturen aufdeckt. Die Frühen Kulturen Mesopotamiens, die Frühe Neuzeit und die europäische Gegenwart haben je eigene religiöse, philosophische, wissenschaftstheoretische und lebenspraktische Verstehens- und Verhaltensmuster, die dem Zusammenhang von Kosmos und Mensch, wie er in der Astrologie unterstellt wird, einen jeweils unterschiedlichen Rahmen geben. Was sich aber durch die unterschiedlichen kulturellen Rahmenbedingungen hindurch nachzeichnen lässt, ist, dass sich in diesen jeweiligen Kontexten eine gleich bleibende Grundgestalt zeigt, die den astrologischen Lehren und Praktiken eine unübersehbare Kontinuität verleiht.

Die Bedeutung der Astrologie als Teil der Religions- und Kulturgeschichte der Antike ist in den historischen Disziplinen, die Mesopotamien und Ägypten, die griechische und römische Antike, das europäische Mittelalter und die Renaissance betreffen, hinreichend bekannt und zum größten Teil auch gründlich erforscht worden. Weniger gilt dies für die Moderne. Das mag darin begründet sein, dass die Astrologie seit der Ablösung des geozentrischen Weltbildes jeden ernst zu nehmenden Begründungszusammenhang verloren zu haben und somit als Forschungsobjekt wenig tauglich zu sein scheint. So wird die Astrologie in fachwissenschaftlichen Äußerungen häufig einer diffusen Weltdeutung zugeordnet, wie das auch für andere „Parawissenschaften“ bzw. „Pseudowissenschaften“5 oder „Pseudoreligionen“6 gilt. Ein wesentliches Anliegen dieser Arbeit ist es, zu begründen, warum und in welcher Weise die Astrologie auch in der Gegenwart ein in sich plausibles Welt deutendes System ist, das in das Diskursfeld moder ← 11 | 12 → ner Religiosität gehört und in seinen Begründungslinien neben jedem anderen religiösen Deutungssystem bestehen kann.

Eine Einschränkung muss aber noch vorgenommen werden. Wie bereits festgestellt, beginnt die europäische Traditionslinie der Astrologie außereuropäisch in Mesopotamien.7 Das betrifft sowohl die Methoden der Berechnung als auch wesentliche Elemente der spezifisch astrologischen Wahrnehmung des Zusammenhangs von Kosmos und Mensch bzw. Kosmos und Natur, zu der auch die Bestimmung des Kosmos als von Göttern und göttlichen Kräften bewohnt und beseelt gehört. Neben dem Weg, den die mesopotamische Astronomie und Astrologie Richtung Westen nahm, gab es auch eine Linie der Ausbreitung Richtung Osten in asiatische Kulturen, besonders nach Indien und China.8 Diese Ausbreitungs- und Rezeptionsgeschichte astrologischer Lehren würde eine gesonderte Analyse erfordern und soll in dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden. Anliegen dieser Arbeit ist es, die astrologischen Lehren und Praktiken im Rahmen der europäischen Religionsgeschichte und ihre Bedeutung für die moderne Religiosität in europäischen und europäisch geprägten Gesellschaften nachzuzeichnen.

a)   Astrologie in der Moderne

Zuerst sei auf einige bemerkenswerte Entwicklungen und Vorkommnisse hingewiesen, die die Aktualität der Astrologie in der religiösen Gegenwartskultur europäischer Gesellschaften unterstreichen. Festzustellen ist, dass die Akzeptanz der Astrologie nicht nur ein gesellschaftliches Randphänomen ist, sondern weit in die Mitte der Gesellschaft hineinreicht, wie das auch für andere esoterische Disziplinen gilt.9 Zwar hat die moderne Astrologie längst nicht mehr die Bedeu ← 12 | 13 → tung und gesellschaftlich bildende Kraft wie in der hellenistischen und römischen Antike oder in der Frühen Neuzeit, aber sie ist in der kulturellen Gegenwart ein nicht zu übersehender Faktor, der oft hinter den Kulissen einer sich als aufgeklärt und rational verstehenden Gesellschaft auch an Schaltstellen gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse eine größere Bedeutung entfaltet als gemeinhin angenommen.

Die permanente Präsenz in Magazinen, Zeitschriften und TV-Sendungen hat die Astrologie in den letzten Jahrzehnten sehr populär werden lassen. Ihre Zugehörigkeit zum Feld moderner Religiosität ist darin nicht immer leicht auszumachen, weil der Zusammenhang zwischen Kosmos und Mensch unerklärt bleibt und oft zu Assoziationen Anlass gibt, die in den Bereich falsch verstandener Naturwissenschaften gehören. Der Eindruck ändert sich, wenn man spezielle Zeitschriften zur Astrologie liest, die sich als Fachzeitschriften verstehen und bewusst antike Weltbilder, die hermetische Philosophie, die frühneuzeitliche Esoterik, die moderne Theosophie und die analytische Psychologie als ihre Traditionslinien herausstellen. Im deutschsprachigen Raum sind das vor allem „ASTROLOGIE HEUTE“, mit dem Untertitel „Zeitschrift für Astrologie, Psychologie und Esoterik“10 und „Meridian – Fachzeitschrift für Astrologie“.11 Auch wenn der religiöse Kontext hier eher fragmentiert wirkt, so ist er doch unverkennbar präsent. Die hier vertretene Psychologie und Esoterik versteht sich in der Tradition Carl Gustav Jungs und theosophischer Lehren; Horoskopanalysen werden oftmals als „karmische Horoskopanalysen“ angeboten. „Selbsterkenntnis“ und die „Befreiung vom Schicksalszwang“ sind erklärte Ziele dieser esoterisch und tiefenpsychologisch orientierten Astrologie. Ein erheblicher Teil ist aber auch aktuellen Themen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gewidmet, die auf ihren esoterisch-astrologischen Sinn hin interpretiert werden.

Es mag verwundern, aber es sind nicht nur mehr oder weniger professionelle astrologische Zirkel, die sich astrologischer Deutungen so genannter mundaner – politischer und ökonomischer – Ereignisse annehmen. Auch von politischer Seite wurde und wird die Astrologie immer wieder genutzt. Dabei ist ihre Präsenz in ← 13 | 14 → der Politik im Verlauf des 20. Jahrhunderts kein unbekanntes Phänomen. Die Literatur zu ihrer Erforschung im Führungskreis der Nationalsozialisten einschließlich der Person Adolf Hitlers ist umfangreich und weitgehend erforscht worden. Als Beispiel sei hier der britische Historiker Ellic Howe und seine gründliche Analyse Uranias Kinder: Die seltsame Welt der Astrologen und das Dritte Reich genannt.12

Aus nahe liegenden Gründen lässt sich nur schwer ausmachen, in welchem Umfang heute astrologische Analysen für wichtige politische und auch weltpolitische Entscheidungen herangezogen werden, denn nach wie vor gilt die Astrologie als Markenzeichen einer unaufgeklärten Weltsicht. So ist die Quellenlage schwierig, Informationen fließen spärlich und meistens nur als Enthüllungen. Aber dass die Astrologie quer durch alle politischen Lager in die Politik auch westlicher Staaten – zunehmend in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – (wieder) Einzug gehalten hat, ist nicht zu übersehen. So hat der französische Staatspräsident François Mitterand, ebenso wie der spanische König Juan Carlos, bei vielen wichtigen politischen Entscheidungen und über viele Jahre hin die Astrologin Elisabeth Teissier zu Rate gezogen, unter anderem während des Einsatzes im zweiten Golfkrieg 1990/91 und bei der Festlegung des Termins zum Vertrag von Maastricht 1991.13 Ebenso hatte die US-amerikanische Astrologin Joan Quigley vermittelt über Nancy Reagan erheblichen Einfluss auf wichtige politische Entscheidungen des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan während seiner Amtszeit. Unter anderem erfolgten der Ausgleich mit der damaligen Sowjetunion und die Abrüstungsgespräche mit Michael Gorbatschow auf astrologischen Rat. Das hat nicht nur die Astrologin selbst in ihrem Buch mit dem bezeichnenden Titel What does Joan say? My seven years as White House Astrologer to Nancy and Ronald Reagan ausführlich geschildert.14 Ebenso detailliert und aus kritischer Distanz beschreibt der ehemalige Finanzminister der USA und Stabschef des Weißen Hauses Donald T. Regan in seinem Rückblick auf die Zeit als Stabschef 1985–1987, dass alle wichtigen politischen und persönlichen Entscheidungen nur in Rücksprache mit Joan Quigley geschahen.15 In seiner Funktion als Stabschef ← 14 | 15 → war Donald Regan immer wieder mit Situationen konfrontiert, in denen sein Rat nicht befolgt wurde, weil der astrologische Rat Joan Quigleys dem entgegen stand. Im Zuge der Iran-Contra-Affäre riet Donald Regan dem Präsidenten, offensiver in die Öffentlichkeit zu gehen, um seinen Standpunkt zu verteidigen. Der Präsident verstand, handelte aber anders. Donald Regan schreibt dazu:

Bis zum Amtsantritt Donald Regans als Stabschef hatte der stellvertretende Stabschef Mike Daever die Aufgabe inne, die von Joan Quigley gelieferten Horoskope in den Terminkalender des Präsidenten je nach „guten“ und „schlechten“ Tagen einzubeziehen.19 Das galt sowohl für sämtliche öffentlichen Termine als auch für private, besonders die Gesundheit des Präsidenten betreffend.20

Aber auch in den unteren Ebenen der kommunalen Politik ist die astrologische Beratung durchaus verbreitet. Im Oktober 2008 stolperte die prominente norwegische Politikerin und Abgeordnete des Osloer Stadtrates Saera Khan über zuerst abgestrittene, dann eingestandene astrologische Beratungen zu ihrer politischen Arbeit, die sie über offizielle Ausgaben laufen ließ.21 Bezeichnend ist, dass in allen genannten Fällen von den beteiligten Politikern versucht wurde, diese Praxis der Öffentlichkeit nicht preiszugeben, was vermuten lässt, dass die Dunkelziffer der astrologischen Beratung in der Politik erheblich höher liegt.

Eine Etage tiefer, in den weniger öffentlichen, mehr privaten Lebensverhältnissen, ist der Umgang mit der Astrologie offener. Einer Studie des ISSP (International Social Survey Programme) von 1998 zufolge glaubten immerhin 41 % der Deutschen (alte Bundesländer) dass „das Sternzeichen bzw. das Geburtshoroskop eines Menschen einen Einfluss auf den Verlauf eines menschlichen Lebens hat.“22 Zwar zeigt eine im Jahr 2008 wiederholte Studie des ISSP nur noch 25 % Zustimmung, andere europäische Länder wie die Schweiz, Österreich, Russland oder Tschechien liegen aber weiterhin bei über oder knapp unter 40 % Zustimmung. Besonders aber zeigt die ISSP-Studie von 2008, dass in den meisten getesteten europäischen Ländern die Zustimmung zur Astrologie mit zunehmendem Alter sinkt, so dass in Deutschland 2008 etwa 33 % der Altersgruppe 18–27 zustimmen (in der Schweiz 55 %), während in der Altersgruppe 68–77 die Zustimmung nur bei 16 % (in der Schweiz bei 28 %) liegt.23 – Würde eine traditionelle Religionsgemeinschaft in ih ← 16 | 17 → rer Glaubenslehre eine europaweite Zustimmung zwischen 25 % und 40 % der Bevölkerung erfahren, käme das den Ausmaßen einer der großen christlichen Konfessionen oder einer anderen großen Religion wie dem Islam gleich.

Mit dieser Zustimmung zur Astrologie in den westlichen Gesellschaften korrespondiert auch ein gewisser Organisationsgrad in Berufs- und Dachverbänden. In vielen europäischen Staaten hat es im Laufe des 20. Jahrhunderts, zunehmend seit der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, eine Tendenz zur Gründung von jeweils nationalen Dachverbänden gegeben. In Deutschland wurde am 16. Oktober 1947 zu astrologisch berechneter Zeit um 10.06 Uhr der Deutsche Astrologen-Verband (DAV) als Berufsverband gegründet.24 Im Jahre 1950 hatte er etwa 100 Mitglieder, bis zum Jahr 2000 war diese Zahl bis auf 1.000 angewachsen und auf diesem Niveau liegt die Mitgliederzahl auch heute noch. In diesem Dachverband sind acht selbstständige Astrologie-Schulen organisiert, die unterschiedliche Richtungen innerhalb der modernen Astrologie vertreten, Programme zur Ausbildung von Berufsastrologen anbieten, wozu auch ein „ethisch verpflichtendes Berufsgelöbnis“25 gehört, und Zeitschriften herausgeben. In der Schweiz wurde im Jahr 1983 der Schweizer Astrologenbund (SAB)26 und erst im Jahr 2003 in Österreich der Österreichische Astrologenverband (ÖAV)27 gegründet. Von diesen Dachverbänden werden auch regelmäßig Kongresse organisiert.

Diese Bestandsaufnahme spiegelt einen allgemeinen Trend wider, der in der religionswissenschaftlichen Forschung der letzten Jahre schon häufig angesprochen und begründet worden ist, nämlich dass „religiöse Sinngebungen“28 nicht im Schwinden sind, sondern zunehmend als Optionen für moderne Gesellschaften wahrgenommen werden.29 Dieser Trend widerlegt – zumindest vorläufig – die Säkularisierungsthese vom allgemeinen Schwinden von Religion und Religiosität in modernen Gesellschaften.30 Auf den Umstand, dass es insbesondere neue, ← 17 | 18 → alternative, individualisierte Formen sind, die die Religiosität in modernen Gesellschaften ausmachen, hat Hubert Knoblauch verwiesen. Demnach ist die Attraktivität von Religion in westlichen Gesellschaften wesentlich ihrer Transformation geschuldet, die sie seit den 1960er Jahren durchlaufen hat. So hat sich zu den „straffen kirchlichen Organisationsformen […] eine gewisse religiöse Dynamik“ gesellt, „die eher mit Begriffen wie ‚New Age‘ , ‚Esoterik‘ und ‚Spiritualität‘ in und außerhalb der Kirchen benannt wird.“31 In dieses Feld heterogener neuer Religiosität und Spiritualität gehört auch die Astrologie.

b)   Astrologie historisch-kritisch

Vor dem Hintergrund der astrologischen Tradition in der europäischen Religionsgeschichte und dem Befund, dass Astrologie in den modernen westlichen Gesellschaften zur Alltagswirklichkeit gehört, stellt sich die Frage, was es nötig macht, dieses Thema einer in dieser Form vorgelegten religionswissenschaftlichen Untersuchung zu unterziehen. Die Notwendigkeit ergibt sich aus der Verschiedenheit und teils auch Widersprüchlichkeit der bisher vorliegenden wissenschaftlichen Beiträge zur Astrologie. Hauptsächlich sind es historische, philologische, sozial- und naturwissenschaftliche Disziplinen, die sich auf die eine oder andere Weise der Astrologie als Forschungsgegenstand angenommen haben, wobei jeweils spezielle kulturelle Kontexte im Fokus standen und sich unterschiedliche Perspektiven auf die Begründungen und Funktionen astrologischer Lehren ergaben. Aus den Grundlinien dieser Perspektiven ergibt sich das Anliegen dieser Arbeit.

Religionsgeschichtlich lässt sich feststellen, dass es keine Astrologie gibt, die wie traditionelle Religionen und Konfessionen über ausgeprägte historisch gewachsene Institutionen verfügt. Zwar gibt es in der hellenistischen und römischen Zeit einen breiten Corpus astrologischer Schriften32, nicht aber im Sinne eines auf mehr oder weniger scharfe Abgrenzung bedachten Kanons. Dieses astrologische Schrifttum enthält trotz seiner heterogenen Herkunft von einzelnen Verfassern oder Schulen unterschiedliche astrologische Lehren und Praktiken, die mit ihrer ← 18 | 19 → besonderen Form religiöser Weltdeutung dennoch eine gewisse Einheit bilden und eine Kontinuität wahren, die sich schließlich über mehrere Jahrtausende erstreckt. Mit ihren mesopotamischen und altägyptischen Wurzeln haben diese astrologischen Lehren und Praktiken die europäische Geschichte bis in die Gegenwart begleitet. Angesichts ihrer unübersehbaren Bedeutung in unterschiedlichen Epochen der Kultur- und Religionsgeschichte Europas und ihrer anhaltenden Präsenz in der Gegenwart stellt sich also die Frage, ob es für die Astrologie, jenseits ihrer umgangssprachlichen Bedeutung als ein unbestimmtes Wahrsagen aus den Sternen, den Kernbestand einer in sich plausiblen und durchgehend konsistenten Struktur in Lehre und Praxis gibt, die trotz aller internen und externen Wandlungen – des Wandels der Kosmos- und Weltbilder, des Wandels religiöser und sozialer Verhältnisse, des Wandels der Erkenntnismethoden – überdauern konnte. Es geht also darum, herauszufinden, ob und in welcher Weise der Begriff Astrologie im Sinne einer solchen konsistenten Lehre über die mehr als 4.000 Jahre ihres Bestehens sinnvoll und allgemein anwendbar ist, ob es eine gleich bleibende Struktur gibt, die sich von den Anfängen bis in die Gegenwart erstreckt, so, wie trotz der Wandlungen und der konfessionellen Vervielfältigungen der Lehre und Praxis über lange Zeiträume auch von einem Christentum, oder von einem Islam, oder von einem Buddhismus die Rede sein kann.

Diese gesuchte (und in dieser Arbeit angenommene) Kontinuität ist in den meisten vorliegenden fachwissenschaftlichen Beiträgen, zu denen kulturwissenschaftliche und naturwissenschaftliche gehören, bisher nicht vertreten oder vorausgesetzt, aber nicht begründet worden. Zwar gibt es die genannten Darstellungen zur Geschichte der Astrologie33, die durch ihre diachronische Linie von den mesopotamischen und altägyptischen Ursprüngen bis in die Gegenwart (und durch ihren Titel) die Kontinuität einer europäischen Traditionslinie der Astrologie voraussetzen, aber das geschieht im Sinne einer Sichtung und Darstellung des historischen Materials. Was die internen Begründungsstrukturen der Astrologie betrifft, gibt es auf einige bestimmte Räume und Zeiten begrenzte Forschungsarbeiten, etwa zur mesopotamischen Omen-Astrologie34 oder zur aristotelischen und stoischen Astrologie35, nicht aber eine zusammenhängende Darstellung, wie sie sich allein durch die Beiträge zur Geschichte der Astrologie aufdrängt. In dieser Arbeit geht es darum, die Begründungsstrukturen der Astrologie hinsichtlich ihrer kontinuierlichen Strukturelemente aufzudecken. ← 19 | 20 →

Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts haben sich viele Vertreter unterschiedlicher Fachrichtungen die Auffassung zueigen gemacht, dass heutige astrologische Lehren und Praktiken eine gegen den Geist der Aufklärung gerichtete irrationale Zumutung seien, weil ihnen jede rationale Begründung fehle. Dieser Mangel an Begründung sei mit dem Wechsel vom geo- zum heliozentrischen Weltbild eingetreten. Weil die an das geozentrische Weltbild gebundenen physikalischen Bedingungen den Begründungsrahmen für astrologische Lehren bildeten und der geozentrischen Perspektive seit den Entdeckungen des Kopernikus immer mehr der Boden entzogen wurde, könne dieser Paradigmenwechsel in der Anschauung vom Kosmos nur als Zäsur einer Delegitimierung der bis dahin durchaus legitimen Begründungen astrologischer Lehren und Praktiken dienen. Einer der wichtigsten Vertreter dieses physikalischen und geozentrischen Paradigmas ist der englische Philosoph und Naturwissenschaftshistoriker John David North (1934–2008). Seine differenzierte Begründung der Astrologie aus antiken physikalischen Vorstellungen wird im Kapitel vier einer eingehenden Prüfung unterzogen. An dieser Stelle soll beispielhaft und als Überblick auf mehrere Beiträge, schriftliche und auch mündliche Äußerungen, aus natur-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen eingegangen werden.

In einem Eröffnungsvortrag zur Nacht der Astronomie am 13. November 2009 anlässlich des internationalen Jahres der Astronomie 2009 in Hannover36, wurde darauf verwiesen, dass die wissenschaftliche Astronomie in früheren Epochen, in denen noch das geozentrische Weltbild galt, auch vom „Aberglauben an die Macht der Gestirne“ geprägt gewesen, nun aber – seit Kopernikus und Kepler – von diesem Aberglauben befreit sei.37 Diese kurze Stellungnahme spiegelt im Kern eine historisch-kritische und zugleich naturwissenschaftsgeschichtliche Sicht wider, die seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts von Orientalisten, Historikern und Naturwissenschaftlern in Bezug auf die Astrologie vertreten wird. Im Folgenden seien einige Beispiel angeführt.

Der Berliner Altorientalist und Begründer der panbabylonischen Schule Hugo Winckler (1863–1913) interpretiert die mesopotamische „Gestirnreligion“ mit ihrer „Ausstrahlung nach Osten wie nach Westen“38 nicht nur als den Ursprung ← 20 | 21 → aller Religionen, sondern auch als den Ursprung besonderer astrologischer Lehren und Praktiken, die solange bestehen konnten, wie das geozentrische Weltbild Gültigkeit hatte. Er schreibt:

Details

Seiten
257
ISBN (PDF)
9783653067910
ISBN (ePUB)
9783653957846
ISBN (MOBI)
9783653957839
ISBN (Paperback)
9783631674918
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (April)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 257 S., 1 s/w Abb.

Biographische Angaben

Gustav-Adolf Schoener (Autor:in)

Gustav-Adolf Schoener lehrt an der Leibniz Universität Hannover zu Themen der Religionsgeschichte Europas, besonders zur Antike und modernen Religionsgeschichte. Er wurde an der Universität Hannover im Fach Philosophie promoviert sowie im Fach Religionswissenschaft habilitiert.

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Titel: Astrologie in der Europäischen Religionsgeschichte