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Die Schriftstellerin Zhang Ailing und ihre Studien und Kommentare zum Roman «Der Traum der roten Kammer»

von Hangkun Strian (Autor:in)
Dissertation 260 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort von Prof. Dr. Hans Kühner
  • Vorwort von Dr. Frédéric Krumbein zur sozialwissenschaftlichen Bedeutung
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung: Der „doppelte Ton“ des Albtraums der roten Kammer
  • 1.1 Zielsetzung, Forschungsstand und Aufbau
  • 1.2 Zhang Ailings frühe Karriere und die Stadtbürgerliteratur
  • 1.2.1 Die Melancholie der Jugendzeit
  • 1.2.2 Erfolg in den 1940er Jahren
  • 1.2.3 Die verlorenen Wanderjahre
  • 1.2.4 Zusammenfassung
  • 2. Der Kontext von Zhang Ailings Forschungen über den Traum der roten Kammer
  • 2.1 Forschungsmotivation von Zhang Ailing
  • 2.1.1 Explizite Motivation: Wunscherfüllung
  • 2.1.2 Implizite Motivation: Sehnsucht nach kultureller Identität
  • 2.1.3 Zusammenfassung
  • 2.2 Forschungsgegenstand von Zhang Ailing
  • 2.3 Forschungsstand von Zhang Ailing
  • 2.4 Forschungsmethode von Zhang Ailing
  • 2.4.1 Textkritik
  • 2.4.2 Literarische Analyse und philosophische Sichtweise
  • 2.4.3 Zusammenfassung
  • 2.5 Zwischenfazit
  • 3. Autorschaft der letzten 40 Kapitel des Traums der roten Kammer aus einer weiblichen Perspektive
  • 3.1 Zhang Ailings weibliche Perspektive
  • 3.2 Bekleidung und kulturelle Identität: Han oder Mandschu?
  • 3.2.1 Darstellung der gebundenen Füße und Cao Xueqins kulturelle Identität
  • 3.2.2 Ergänzung der gebundenen Füße und Gao Es kulturelle Identität
  • 3.3 Weitere Spuren der Mandschu
  • 3.3.1 Manipulation von Alltagsbräuchen
  • 3.3.2 Manipulation der Herkunft
  • 3.3.3 Manipulation der Familienskandale
  • 3.4 Zhang Ailings Schlussfolgerung
  • 3.5 Zwischenfazit
  • 4. Der Albtraum und die écriture féminine („weibliches Schreiben“)
  • 4.1 Das Bild der Frau in der chinesischen Geschichte und Literatur
  • 4.1.1 Das Frauenbild nach konfuzianischer Sittenlehre
  • 4.1.2 Das Frauenbild in Jinpingmei und im Traum der roten Kammer
  • 4.1.3 Das Frauenbild bis zur Epoche Zhang Ailings
  • 4.1.4 Zusammenfassung
  • 4.2 Zhang Ailings feministische Betrachtung und das „weibliche Schreiben“
  • 4.2.1 écriture féminine („weibliches Schreiben“)
  • 4.2.2 Zhang Ailings Literatur und das „weibliche Schreiben“
  • 4.2.3 „Weibliches Schreiben“ und Der Albtraum der roten Kammer
  • 4.3 Zwischenfazit
  • 5. Cao Xueqins Schaffensprozess unter der Perspektive von Zhang Ailings „weiblichem Schreiben“
  • 5.1 Das Manuskript X
  • 5.2 Der Garten der großen Anschaulichkeit
  • 5.3 Zwischenfazit
  • 6. Cao Xueqins Restentwurf und sein Originalende aus dem Blickwinkel von Zhang Ailings „weiblichem Schreiben“
  • 6.1 Xiangyun
  • 6.1.1 Xiangyuns Schicksal
  • 6.1.2 Zhang Ailings Forschung im Vergleich mit Zhou Ruchangs Ergebnissen und Ansichten
  • 6.2 Qianxue und Hongyu
  • 6.3 Xiren
  • 6.3.1 Xirens Bild in der Literaturkritik
  • 6.3.2 Gao Es verfälschte Darstellung
  • 6.3.3 Cao Xueqins ursprüngliche Darstellung von Xiren
  • 6.3.4 Zhang Ailings Forschung im Vergleich mit Yu Pingbo und Zhou Ruchang
  • 6.4 Zwischenfazit
  • 7. Fazit
  • Anhang
  • Vorrede des Albtraums der roten Kammer (《红楼梦魇》自序 Hongloumengyan zixu)
  • Glossar
  • Literaturverzeichnis
  • Literatur in chinesischer Sprache
  • Literatur in westlichen Sprachen

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1. Einleitung: Der „doppelte Ton“ des Albtraums der roten Kammer

1.1 Zielsetzung, Forschungsstand und Aufbau

Ich habe gehört, dass Jiang Shu gleichzeitig zwei Töne singen kann, einen aus dem Rachen, den anderen durch die Nase; dass Huang Hua gleichzeitig mit zwei Händen schreiben kann, mit der linken in Regelschrift1, mit der rechten in Kursivschrift2. Wie wundersam ist solche Geschicklichkeit, die ich noch nie gesehen habe. Aber nun ertönt mir ein doppelter Ton und erscheint mir eine doppelte Schrift mit kaum zu unterscheidender Herkunft: Der doppelte Ton aus einer Stimme, die doppelte Schrift von derselben Hand. Diese Unmöglichkeit, dieses kaum zu glaubende Wunder erlebte ich beim Roman Geschichte des Steins (石头记 Shitouji)3. Was für eine Magie ist das!4

Der Traum der roten Kammer (红楼梦 Hongloumeng) gehört zu den vier großen klassischen Romanen Chinas. Seine ursprüngliche Autorschaft (wenigstens der ersten 80 Kapitel) wird Cao Xueqin 曹雪芹 (ca. 1715 bis ca. 1763) zugeschrieben. ← 17 | 18 → 1791 wurde der Roman in 120 Kapiteln von Cheng Weiyuan 程伟元 (ca. 1745 bis ca. 1819) und Gao E 高鹗 (1763–1815) zum ersten Mal als gedruckte Fassung herausgegeben. Der „doppelte Ton“ ist eine bekannte Metapher für die Kunstfertigkeit und Perfektion des Romans, die erstmals von Qi Liaosheng 戚蓼生 (?–1792) im Vorwort zu einem von ihm gesammelten Manuskript dieses Romans beschrieben wurde. Der „doppelte Ton“ symbolisiert das Geschick dieses Romans, zwei Ziele gleichzeitig zu erreichen – ein literarisches und ein philosophisches.

Der „doppelte Ton“ ist auch das Thema eines Essays5 von Zhang Ailing 张爱玲 (1920–1995), der 1945 aus den Gesprächen mit ihrer besten Freundin Fatima Mohideen (炎樱 Yanying) entstanden ist. Darin schildert Zhang Ailing die Ansichten zweier moderner und neugieriger Mädchen während der Zeit der Republik 民国 (1912–1949 Minguo) über die unterschiedlichen Lebensweisen in verschiedenen Kulturen. Auch Zhang Ailings Monographie Der Albtraum der roten Kammer (红楼梦魇 Hongloumengyan) besitzt einen „doppelten Ton“: Auf der einen Seite ist sie ein Forschungsbeitrag über den bekanntesten klassischen Roman der chinesischen Geschichte, den Traum der roten Kammer, auf der anderen Seite reflektiert sie Zhang Ailings eigene literarische und philosophische Sichtweisen, die sich während ihrer schriftstellerischen Karriere herausbildeten.

In der weiteren Untersuchung soll gezeigt werden, wie Zhang Ailing mit ihrer einzigartigen Arbeit die Forschung über den Traum der roten Kammer bereichert. Dies erfolgt anhand einer Auswertung ihres Forschungswerks Albtraum der roten Kammer, und schließlich einer umfassenden Bewertung der Literatin Zhang Ailing selbst.

Zwar ist Zhang Ailing für den renommierten Literaturwissenschaftler C. T. Hsia (1921–2013)6 und für viele andere eine der bedeutendsten chinesischen Schriftstellerinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dennoch findet Der Albtraum der roten Kammer in der Wissenschaft bis heute keine große Beachtung. Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe: zum einen literarische Vorurteile gegen Zhang Ailing als Vertreterin der Stadtbürgerliteratur; zum zweiten das Vorherrschen einer ideologischen Strömung gegen ihre textkritische Forschungsmethode; ← 18 | 19 → und zum dritten ihre eigensinnige Schreibmethode, die dem traditionellen wissenschaftlichen Schreiben widerspricht und das Lesen des Albtraums erschwert.

Erstens könnte man vermuten, dass ein voreingenommenes Bild von der Autorin Zhang Ailing herrscht. In der chinesischen Literaturgeschichte wird Zhang Ailing als eine Vertreterin der Stadtbürgerliteratur im Shanghai der 1940er Jahre eingestuft, welche der Haipai-Erzählliteratur (海派文学 Haipai wenxue) zugeordnet ist. Die Stadtbürgerliteratur hatte eine nur kurze Blütezeit während des chinesisch-japanischen Krieges und verschwand nach der Gründung der V. R. China völlig. Zwar erlebte sie im Zuge der gesellschaftlichen Liberalisierung der 1980er Jahre in China eine rasche Wiederbelebung, aber ihr literarischer Wert bleibt in der Literaturgeschichtsschreibung kontrovers. Ihre Schilderungen des trivialen zwischenmenschlichen Alltagslebens und kleinbürgerlichen Individualismus widerspricht dem Standardmuster der „Neuen Literatur“ (新文学 Xin wenxue).

Der Ausgangspunkt der Neuen Literatur wird zumeist in der Vierten-Mai-Bewegung (五四运动 Wusi yundong)7 von 1919 gesehen, obwohl es schon seit den letzten Jahrzehnten des ausgehenden 19. Jahrhunderts Vorläufer wie Yan Fu 严复 (1853–1921)8 und Liang Qichao 梁启超 (1873–1929)9 gab.10 Hu Shis 胡适 ← 19 | 20 → (1891–1962) „Vorschläge der Reform der Literatur“ (文学改良刍议 Wenxue gailiang chuyi) und Chen Duxius 陈独秀 (1879–1942) „Über die Revolution der Literatur“ (文学革命论 Wenxue geming lun), beide aus dem Jahr 1917, sowie Lu Xuns 鲁迅 (1881–1936) Kurzgeschichte „Tagebuch eines Verrückten“ (狂人日记 Kuangren riji) und Zhou Zuorens 周作人 (1885–1967) „Für eine menschliche Literatur“ (人的文学 Rende wenxue), beide aus dem Jahr 1918, kündigten den Anfang der Neuen Literatur an.11

Die Neue Literatur sollte eine lebendige Literatur sein, eine Literatur der Menschen, und eine Literatur, die durch die Verwendung einfacher Ausdrucksformen für die Massen zugänglich war. Ihr Ziel war es, die Ohnmacht und Schwäche der in China vorherrschenden konfuzianischen Kultur zu überwinden. Daher nahm sie bewusst Abstand von der alten Tradition und unterschied sich von der klassischen Literatur hauptsächlich durch die Modernität der Sprache, der verwendeten Form und ihrer Inhalte:12 So setzte sie das „lebendige“ und lebensnahe Baihuawen 白话文 (die Umgangssprache in der späten Kaiserzeit und dem frühen 20. Jahrhundert) anstatt der klassischen toten Schriftsprache Wenyanwen 文言文 in der Literatur ein.13 Außerdem präsentierte sie sich in modernen Kunstformen, wie z. B. der Neuen Lyrik, sowie in Erzählungen und Essays, welche Ähnlichkeiten mit der westlichen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts aufwiesen.14 Weiterhin beschäftigte sie sich vorwiegend mit politischen und sozialen Themen und konzentrierte sich darüber hinaus auf die Darstellung privater Gefühle.15 Auf dieser Basis förderte sie eine gesellschaftliche Aufklärung und die Vermittlung neuer Werte, wie z. B. politische und soziale Gerechtigkeit und die Gleichstellung der Geschlechter, die der traditionellen konfuzianischen Moral und Ethik entgegenstanden.16

Durch die nationalistisch geprägte Vierte-Mai-Bewegung wurde die Neue Literatur landesweit verbreitet. Immer mehr Schriftsteller engagierten sich für eine soziale und politische Veränderung Chinas.17 In der Zeit des Kriegs gegen Japan (1937–1945) und des Bürgerkriegs (1945–1949) wurde die Neue Literatur sehr stark politisch radikalisiert. Während des Maoismus von 1949 bis 1979 wurde ← 20 | 21 → die Neue Literatur in der ganzen V. R. China der kommunistischen Ideologie unterworfen.18

Seit der gesellschaftlichen Liberalisierung Chinas in den 80er Jahren interessiert sich der Leser belletristischer Literatur vor allem für Zhang Ailings Schilderung des Alltagslebens im alten Shanghai, einer internationalen Metropole mit westlichen Konzessionen, aber auch mit chinesischer Kultur und Tradition. Wissenschaftler dagegen beschäftigen sich mit Zhang Ailings legendärer Persönlichkeit, z. B. mit ihrem Familienhintergrund und ihrem Werdegang.19 In solch einem unbeständigen Kulturmilieu ist es kaum verwunderlich, dass das einzige Forschungswerk Zhang Ailings, welches angesichts der zehn Jahre dauernden Anstrengungen und Bemühungen von der Autorin selbst als „grandios“ bezeichnet wurde, sang- und klanglos in der Bedeutungslosigkeit verschwand. Dies kann man wohl als Ironie der Literaturgeschichte bezeichnen, da alle ihre weiteren Werke intensiv erforscht worden sind.

Zweitens gab es in China seit den 1950er Jahren bis Anfang der 1980er Jahre aus ideologischen Gründen eine starke Strömung gegen Hu Shis empirische Studie, welche für Zhang Ailing im Albtraum der roten Kammer von Anfang an ein wichtiges Instrument darstellte.

Hu Shi, der von 1915 bis 1917 an der Columbia University in New York bei John Dewey (1859–1952), dem Schöpfer des Pragmatismus, Philosophie studierte, wollte eine auf Demokratie und Wissenschaft beruhende neue Kultur gründen und damit die Gesellschaft modernisieren.20 Dabei konzentrierte er sich vor allem auf die Anwendung moderner wissenschaftlicher Methoden zur Interpretation und Bewertung der chinesischen klassischen Literatur. Als Vorbild für die Hongxue 红学21 veröffentlichte er 1921 die „Empirische Textkritik über den Traum der roten Kammer“ (红楼梦考证 Hongloumeng kaozheng)22: Die Interpretation stützte sich auf eine präzise Analyse mittels überprüfbarer Textkritik der Autorschaft, ← 21 | 22 → der Manuskripte und der Entstehungszeit.23 Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Hongxue hauptsächlich auf eine subjektive Interpretation beschränkt, die den Roman als Anspielung auf einen verborgenen historischen Kontext oder skandalöse Liebesgeschichten betrachtete und auf diese Weise versuchte, entsprechende Ereignisse von außen auf diesen Roman zu übertragen.24 Einer der bekanntesten Vertreter dieser Lesart war Cai Yuanpei 蔡元培 (1868–1940)25.

Mithilfe der empirischen Methode widmete sich Hu Shi seinen systematisch gesammelten Manuskripten und historischen Dokumenten und stellte daher die Autorschaft der 80 Kapitel fest. Das begeisterte später viele Wissenschaftler wie Yu Pingbo 俞平伯 (1900–1990), Wu Shichang 吴世昌 (1908–1986) und Zhou Ruchang 周汝昌 (1918–2012). Sie entwickelten Hu Shis Methode weiter zu einer vertieften Überprüfung der Autorschaft, der Fortsetzung über die ursprünglichen 80 Kapitel hinaus sowie der Entstehungszeit und bewirkten somit eine methodologische Zäsur in der Hongxue-Forschung. Von nun an bezeichnete sich die Hongxue in Abgrenzung zur Vergangenheit als „neu“ und hieß fortan Xin-Hongxue 新红学, während die frühere, vor dieser methodologischen Innovation betriebene Forschung entsprechend als Jiu-Hongxue 旧红学 bezeichnet wurde.26 Auch Zhang Ailing betont am Anfang ihrer Forschungsarbeit, dass die empirische Studie die einzig richtige Methode sei, diesen Roman zu erforschen.27

Hu Shis empirische Methode verfügt über eine ähnliche Vorgehensweise wie die historischen philologischen Verfahren und induktiven Methoden der Puxue 朴学, der sogenannten „schlichten“ konfuzianischen Schule des 18. Jahrhunderts.28 Diese empirische Methode hat Hu Shi jedoch von der Interpretation der historischen konfuzianischen Werke, einschließlich ihrer Standardkommentare, ← 22 | 23 → auf die Interpretation der gesamten kulturellen Geschichte Chinas, vor allem der Literatur übertragen.29 Sein Ziel war es, sich von der traditionellen konfuzianischen Kultur abzugrenzen. Daher wird Hu Shis empirische Methode in erster Linie als Ergebnis des Studiums von John Dewey bezeichnet, obwohl er seit seiner Kinderzeit in den konfuzianischen Schulen eine ähnliche methodologische Ausbildung bekommen hatte.30 Auch Hu Shi selbst erklärte in mehreren Zusammenhängen eindeutig, dass seine Vorgehensweise eine Anwendung von Deweys Denkmethode sei.31 Da seine Studie nicht den Klassenkampf in den Vordergrund rückt und damit einen Widerspruch zum Marxismus-Leninismus darstellt, wurde sie nach der Gründung der V. R. China generell als „kapitalistischer Idealismus“ und daher als politisch reaktionär eingestuft.32 Diese Ideologisierung der Wissenschaft erreichte im Oktober 1954 durch einen Artikel von Li Xifan 李希凡 (1927–) und Lan Ling 蓝翎 (1931–2005), der in der Parteizeitung Guangming ribao 光明日报unter dem Titel „Über ‚Eine kurze Diskussion über den Traum der roten Kammer33 und weiteres“ (关于《红楼梦简论》及其他 Guanyu Hongloumengjianlun ji qita) veröffentlicht wurde, einen Höhepunkt.34 Später wurde diese Ideologisierung der Wissenschaft von Mao Zedong 毛泽东 (1893–1976) in einem Brief an das Politbüro der Kommunistischen Partei Chinas (中共中央政治局 Zhonggong zhongyang zhengzhiju) unterstützt (vgl. Kap. 2.4.1).35 Darin rief Mao zu einem Kampf gegen Hu Shis „kapitalistischen Idealismus“ auf, „welcher die junge Generation über dreißig Jahre lang im Bereich der klassischen Literatur vergiftet“.36 In dieser „revolutionären“ und klassenkämpferischen Atmosphäre lag es nahe, dass Zhang Ailing allein aufgrund zweier in den 1950er Jahren für den Amerikanischen Informationsdienst geschriebener Romane, The Rice-Sprout Song ← 23 | 24 → (秧歌Yangge)37 und The Naked Earth (赤地之恋 Chidi zhilian)38, als reaktionäre, anti-kommunistische Schriftstellerin bezeichnet wurde. Dies gilt erst recht für die „kapitalistische Methodologie“ in ihrem wissenschaftlichen Werk. Nach ihrer Emigration aus der V. R. China im Jahr 1952 wurde Zhang Ailing zwar nicht direkt angegriffen, aber selbstverständlich wäre ihr Werk Der Albtraum der roten Kammer, welches zwischen 1967–1977 in Amerika geschrieben und 1977 in Taiwan veröffentlicht wurde,39 allein schon aufgrund der Autorschaft und der Forschungsmethode verboten worden. In seinen Memoiren berichtet Zhou Ruchang, dass er Zhang Ailings Albtraum Mitte der 1980er Jahre auf Empfehlung eines Bekannten in einer Bibliothek in den USA ausgeliehen habe. Allein aufgrund seiner empirischen Textkritik habe er das Werk schon beim ersten Anblick zur Seite gelegt, um so eine Kontroverse gar nicht erst zu provozieren.40 In dem Standardwerk Das große Lexikon des Traums der roten Kammer (红楼梦大辞典 Hongloumeng dacidian), welches erst 1990 in der V. R. China veröffentlicht wurde, wurden der Albtraum und die Autorin Zhang Ailing, diese auch noch mit falschem Geburtsdatum, in nur wenigen Sätzen erwähnt:

Zhang Ailing, 1921 in Shanghai geboren. Moderne Schriftstellerin. Ihre Hauptwerke sind der Erzähl-Sammelband Ungewöhnliche Geschichten (传奇 Chuanqi) und der Essay-Sammelband Flüchtige Wörter (流言 Liuyan). Ihre Werke sind stark vom Traum der roten Kammer beeinflusst. Ihr Werk zur Hongxue ist Der Albtraum der roten Kammer.41

Der dritte Grund für die geringe Beachtung des Albtraums liegt in den objektiv existierenden Hürden des Albtraums selbst, welche in einer umständlichen Sprache, einer willkürlichen Begriffswelt und der fehlenden Erläuterung des Kontextes von Zhang Ailings Forschungen liegen. Das wissenschaftliche Interesse wird so regelrecht behindert, weshalb diesem Werk der Ruf eines unlesbaren „Buch des Himmels“ (天书 tianshu)42 zuteil wird. Dafür kann die Meinung Zhou Ruchangs als repräsentativ gelten: ← 24 | 25 →

Zhou weist weiter darauf hin, dass man beim Lesen des ersten Kapitels des Albtraums schon angesichts der kaum erfassbaren Gedankensprünge nur schwer weiterlesen könne. Es sei, als würde man in einen dunklen und verwirrenden dicken Nebel hineingeworfen. Diese Unklarheit könne leicht zu Fehlinterpretationen führen.44

Aus den oben genannten drei Hauptgründen bleibt das einzige Forschungswerk Zhang Ailings, Der Albtraum der roten Kammer, bislang beinahe wie ein Mysterium in Zhang Ailings literarischer Welt, während ihre anderen literarischen Produkte durch die Wertschätzung und prominente Erwähnung durch C. T. Hsia in den 1960er Jahren weltweit bekannt wurden.

Nach meinen Recherchen45 wurde der Albtraum zum ersten Mal im Juli 1992 von dem Verlag Anhui wenyi chubanshe 安徽文艺出版社 in der V. R. China als Supplementband zu den Gesammelten Schriften von Zhang Ailing (张爱玲文集 Zhang Ailing Wenji) veröffentlicht. 1996 wurde dieser zum ersten Mal in einer chinesischen Dissertation mit dem Titel Blüte und Vergänglichkeit der Blume Shanghais (海上花开又花落 Haishang huakai you hualuo) als ein literarischer Beitrag neben Zhang Ailings sonstiger Literatur erwähnt.46 Zwar beschäftigt sich die Arbeit selbst nicht mit dem Albtraum, sondern mit der Person Zhang Ailings, aber sie sollte wegen dieser erweiterten Sichtweise als ein erster Schritt weg von der konventionellen wissenschaftlichen Meinung über Zhang betrachtet werden. Im Jahr 2000 wurde der Albtraum in der vielgelesenen Zeitschrift Dushu 读书 von Qian Min 钱敏 in dem Artikel „Zhang Ailing und ihr Albtraum der roten Kammer“ (张爱玲和她的《红楼梦魇》Zhang Ailing he tade ← 25 | 26 → Hongloumengyan)47 kurz skizziert und einige Hauptschlussfolgerungen Zhang Ailings genannt. Aber wohl aus dem oben genannten dritten Grund vertieft er seine Arbeit nicht weiter und es kommt zu keiner konkreten Analyse. Dadurch werden dem Leser zwar einige Informationen über den Inhalt vermittelt, aber keine überzeugende Auswertung angeboten. Zhou Fenling 周芬苓 und Guo Yuwen 郭玉雯 widmeten in ihren Werken aus den Jahren 2003 und 2004 mit den Titeln Sonderbar: Zhang Ailing und die Chinesische Literatur (艳异:张爱玲与中国文学 Yanyi: Zhang Ailing yu zhongguo wenxue) und Studien zum Hongloumeng: Von Zhiyanzhai zu Zhang Ailing (红楼梦学:从脂砚斋到张爱玲 Hongloumengxue: Cong Zhiyanzhai dao Zhang Ailing) dem Albtraum der roten Kammer jeweils ein oder zwei Kapitel. Die Autorinnen erwähnen zwar einige nebensächliche Details im Traum der roten Kammer, die Zhang Ailing erstmals herausgefunden habe, aber diese Details wurden offenkundig nicht überprüft, geschweige denn mit literaturwissenschaftlichen Methoden verifiziert.

Im Jahr 2005 wurde ein Teil der Forschungsergebnisse des Albtraums von Chen Weizhao 陈维昭 in der Allgemeinen Geschichte der Hongxue (红学通史 Hongxue tongshi)48 prägnant als „Auftakt“ erwähnt. Aber auf weniger als einer Seite, die dem Albtraum gewidmet ist, können weder die konkrete Argumentation noch die Erkenntnisse von Zhang Ailing umfassend dargestellt werden und er konnte die bahnbrechende Stellung des Albtraums in der Hongxue-Geschichte bedauerlicherweise nicht vermitteln. Den Grund der langen Vernachlässigung dieses Werks schreibt der Autor allgemein der „chaotischen Schreibweise“ des Albtraums zu.49

Bis jetzt existiert in der Sinologie nur eine Monographie über den Albtraum: Bestimmt eine Figur aus dem Traum der roten Kammer (定是红楼梦里人 Dingshi hongloumengliren)50, die 2005 von Zhou Ruchang in Beijing veröffentlicht wurde. Jedoch konnte der damals 90 Jahre alte Autor aufgrund seiner schwachen Augen das Buch nicht selbst lesen und dieses nur durch Zuhören erfassen und anschließend analysieren,51 was nur eine ungenaue Analyse ermöglichte. Er greift zwar viele Aspekte auf, die im Albtraum enthalten sind, und vergleicht sie mit seiner eigenen Forschung, es fehlt aber eine umfassende Untersuchung und tiefer gehende Interpretation: z. B. wird der Kontext von Zhang Ailings Forschungen, ← 26 | 27 → abgesehen von der Textkritik, nicht behandelt. Daher ist seine Bewertung subjektiv, teils fehlerhaft und insgesamt nicht ausreichend.

In der Sinologie der westlichen Welt wird Zhangs Albtraum seit den 1990er Jahren oft als ein wichtiges Werk aus ihrem US-amerikanischen Exilleben erwähnt. Allerdings gibt es auch hier kaum konkrete Analysen. Helmut Martin (1940–1999) z. B. nennt in seiner Arbeit „Like a Film Abruptly Torn Off – Tension and Despair in Zhang Ailing’s Writing Experience“ den Albtraum als ein Ergebnis von Zhangs Forschungsaktivität. Dieses Forschungsergebnis sei für ihn aber nur ein Beweis für Zhangs Versuch, ihre schriftstellerische Karriere in Amerika fortzusetzen. Über den Schreibstil erwähnt Martin kurz, dass der Albtraum so spezialisiert geschrieben sei, dass selbst ihre eigenen Freunde diesen kaum verstehen können.52 Den Inhalt fasst Helmut Martin in einem einzigen Satz zusammen und erwähnt, dass nach Zhangs Meinung die ersten 80 Kapitel von Autor Cao Xueqin ein Meisterwerk der traditionellen chinesischen Literatur und den letzten 40 Kapiteln von Gao E weit überlegen seien.53

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich weder fernöstliche noch westliche Wissenschaftler ausreichend mit Zhang Ailings Albtraum befasst haben. Da hier eine Lücke in der Wissenschaft besteht, konzentriert sich meine Arbeit auf den Albtraum der roten Kammer und behandelt dieses Forschungswerk als Forschungsgegenstand.

Im ersten Kapitel wird ein kurzer Blick auf Zhang Ailings frühe literarische Karriere mit dem Schwerpunkt auf ihrer Stadtbürgerliteratur geworfen. Dieser Lebensabschnitt dient als ein wichtiger Kontrast zu Zhangs späterer Karriere im Exil und als wichtiges Element für eine abschließende Bewertung ihrer gesamten Karriere.

Zhang Ailings Forschungsmotivation sowie ihre Methodologie in Der Albtraum der roten Kammer werden im zweiten Kapitel erläutert, außerdem der Gegenstand ihrer Forschungen sowie der aktuelle Forschungsstand zum Thema. Diese Punkte ergeben den Kontext von Zhang Ailings Forschungen.

In den weiteren Kapiteln wird ausführlich analysiert, wie Zhang Ailing in ihrer doppelten Rolle als Hongxue-Forscherin einerseits und erfolgreiche Schriftstellerin andererseits den Traum der roten Kammer behandelt. Dazu wird zunächst untersucht, wie Zhang mit Hilfe der textkritischen Methode und der kulturellen Identitätsforschung der Frage nach der Autorschaft der letzten 40 Kapitel nachgeht. ← 27 | 28 → In den anschließenden Kapiteln stehen Zhang Ailings Untersuchung zu Cao Xueqins Schaffensprozess im Fokus sowie ihre Zuordnung von Manuskripten, die den Traum um weitere 40 Kapitel ergänzen, unter seine Autorschaft. Zhangs Analysen von Cao Xueqins Schaffensmotivation und seiner Kunstfertigkeit werden ebenfalls beleuchtet. Dies spiegelt auch Zhang Ailings eigene schriftstellerische Erfahrungen und ihre feministische Perspektive wider.

Den Abschluss bildet eine Zusammenfassung und Auswertung des Albtraums im Gesamtzusammenhang der Hongxue sowie im Kontext von Zhangs eigener literarischer Karriere. An dieser Stelle wird Zhang Ailings Arbeit im Kontext der aktuellen Wissenschaft bewertet und ihr Verdienst für die Hongxue deutlich gemacht. Gleichzeitig wird auch Zhangs spätere Karriere in ihrem amerikanischen Exilleben mit ihrer frühen Literatur zu einer Gesamtheit verbunden und als Einheit ausgewertet.

Der dieser Arbeit zugrundeliegende Forschungsstand umfasst vier Bereiche, auf die im Laufe der Arbeit immer wieder Bezug genommen wird:

Erstens: die Forschung über Zhang Ailings frühe literarische Karriere als wichtigste Vertreterin der Stadtbürgerliteratur. Dazu gehören vor allem die Arbeiten von C. T. Hsia, David Wang, Edward Gunn, Helmut Martin, Jialing Fu, Weiping Huang und Wolfgang Kubin. C. T. Hsias wegweisendes Werk aus den 1960er Jahren beschreibt Zhangs frühe literarische Leistungen. David Wangs und Edward Gunns Arbeiten konzentrieren sich auf Zhangs Shanghai-Zeit. Im deutschen Sprachraum leisten Kubins Einführung in die Haipai-Erzählliteratur sowie Jialing Fus und Weiping Huangs Arbeiten einen großen Beitrag zur Einordnung von Zhang Ailing in die Stadtbürgerliteratur. Nicht zuletzt bildet Helmut Martins Vergleich von Zhangs früher und später Karriere einen wichtigen Kontrast zu meiner Untersuchung von Zhangs gesamter Karriere als Schriftstellerin und Forscherin.

Zweitens: die Forschung über den Roman Traum der roten Kammer. Die wichtigsten Thesen von Vorreitern der Hongxue wie z. B. Hu Shi, Lin Yutang 林语堂 (1895–1976) Wu Shichang, Yu Pingbo und Zhou Ruchang werden dargelegt und mit Zhang Ailings Position verglichen. Manche Primärquellen führten ein Schattendasein oder gerieten gar in Vergessenheit, um nun wieder ans Tageslicht zurückzukehren oder überhaupt zum ersten Mal bearbeitet zu werden. Aus diesem Grund habe ich ausgewählte Textpassagen der betreffenden Wissenschaftler wie auch von Zhang Ailing übersetzt, sofern dies für die Interpretation erforderlich ist. Zu dieser Kategorie gehören auch die Werke westlicher Sinologen über den Traum der roten Kammer, z. B. die Forschungsarbeiten von C. T. Hsia, David L. Rolston, Louise Edwards, Thomas Zimmer oder Wolfgang Kubin. ← 28 | 29 →

Drittens: Untersuchungen über den Albtraum, wie die Monographie von Zhou Ruchang sowie andere relevante Arbeiten, wie jene von Qian Min und Chen Weizhao aus Festlandchina und Guo Yuwen und Zhou Fenling aus Taiwan.

Viertens: verschiedene Theorien aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, die zur Erklärung und Untermauerung von Zhang Ailings eigener Forschung herangezogen werden. Dazu zählen Sigmund Freuds Psychoanalyse, wie z. B. die Traumdeutung oder die Sexualtheorie, ferner die Forschung des Literaturwissenschaftlers Jan Assmann über das kulturelle Gedächtnis, Simone de Beauvoirs Feminismus, Hélène Cixous’ poststrukturalistische Konzeption der écriture féminine („weibliches Schreiben“) sowie Jutta Osinskis und Ingeborg Webers Einführungswerke in die feministische Literaturwissenschaft.

Als Methode wende ich vorwiegend die Textkritik und eine poststrukturalistisch geprägte Analyse an.

Zusammenfassung

Der Traum der roten Kammer (Hongloumeng) gehört zu den vier Klassikern der chinesischen Literatur und ist heute noch ein lebendiger Bestandteil der chinesischen Kultur. Seit seiner Veröffentlichung im 18. Jahrhundert haben sich Wissenschaftler aus China und der ganzen Welt mit diesem Werk beschäftigt.
Dieses Buch thematisiert die intensive Auseinandersetzung der chinesischen Schriftstellerin Zhang Ailing mit dem Klassiker in ihrem Spätwerk Albtraum der roten Kammer (Hongloumengyan). Mithilfe der Theorien der écriture féminine, des Poststrukturalismus und der kulturellen Identität diskutiert die Untersuchung, ob Zhang Ailings Analyse die ungelösten Fragen der Hongloumeng-Forschung beantworten kann.

Biographische Angaben

Hangkun Strian (Autor:in)

Hangkun Strian ist Sinologin sowie Literatur- und Sprachwissenschaftlerin. Sie hat Germanistik, Linguistik und Literaturwissenschaft in Beijing, Seoul und Berlin studiert und arbeitet als Autorin, Übersetzerin und Dozentin für Chinesische Sprache und Literatur in Berlin.

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