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Russische Satire

Strategien kritischer Auseinandersetzung in Vergangenheit und Gegenwart

von Michael Düring (Band-Herausgeber:in) Kristina Naumann (Band-Herausgeber:in) Rebekka Wilpert (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 246 Seiten

Zusammenfassung

Die russischsprachige Satire wird häufig in den Rang einer Schattenliteraturform gedrängt. Dennoch kann sie die Funktion ausüben, die der Satire gemeinhin zugeschrieben wird: auf aggressive Art Missstände in einer Gesellschaft zu kritisieren.
Dieser Band enthält die Vorträge der vom Institut für Slavistik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Staatlichen Universität Irkutsk durchgeführten Konferenz «Russische Satire seit der Perestrojka bis in die unmittelbare Gegenwart: Formen und Themen künstlerischer Auseinandersetzung». Ziel des Austausches war, herauszufinden, welche Mittel, Themen, Strategien und Angriffsobjekte es in der russischen Satire gibt, wie die Rezeption von Satire je nach Herkunft der Referent*innen differiert und welche Möglichkeiten sich der Satire im «System Putin» bieten. Die Beiträge befassen sich mit der Sprache der Satire, mit neuen satirischen Ausdrucksformen und -medien wie Liedern und Filmen, aber auch mit der klassischen literarischen Satire.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • 1. Vorwort
  • 2. Einleitendes
  • Satire als Zeitdiagnose: Überlegungen zum Verfallsdatum satirischer Texte
  • 1. Einführung
  • 2. Zeitbezug und Zeitverlust
  • 3. Satire als Form des Paradigmenwechsels
  • 4. Schluss
  • Anhang
  • 3. Satire des 19. Jahrhunderts und Bezüge zur Gegenwart
  • Worüber lachen wir? Nikolaj Gogolʼs Komödie „Der Revisor“ auf deutschen Bühnen heute
  • 1. Zur Komödie „Der Revisor“. Entstehung, Struktur, das Komische
  • 2. Der literaturwissenschaftliche Diskurs um die Komödie
  • 3. Mejercholʼds Inszenierung des „Revisor“ 1926
  • 4. „Der Revisor“ auf deutschen Bühnen seit Ende der 1990er Jahre
  • 5. Schluss
  • «История одного города» М.Е. Салтыкова-Щедрина и «Михаилу Евграфовичу» В. Пьецуха: претекст и текст
  • 1.
  • 2.
  • 4. Literarische Satire der Sowjetzeit und der Gegenwart
  • Sprachsatire – Jaroslav Hašeks Bugulma-Geschichten
  • 1. Einleitung
  • 2. Zur Biographie des Verfassers
  • 3. Die Sprache der „Bugulma-Geschichten“
  • 4. Sprachmischung als Verfahren des skaz?
  • 5. Ausblick
  • Fiktionalisierte Authentizität versus satirische Groteske: S. Aleksievičs „Vremja sekond chėnd“ und A. Zinovʼevs „Zijajuščie vysoty“
  • 1.
  • 2.
  • Сатира и карнавал в смеховой культуре современной России. О поэзии Тимура Кибирова
  • 1.
  • 2.
  • 3.
  • 4.
  • Magischer Realismus mit satirischem Unterton – Jurij Bujdas „Prusskaja nevesta“1
  • 1.
  • 2.
  • 3.
  • Wenn der Mensch zum Tier wird. Die satirische Infragestellung der Idee vom neuen Menschen in der postsowjetischen Literatur am Beispiel von V. Pelevins „Žiznʼ nasekomych“ und T. Tolstajas „Kysʼ“
  • 1.
  • 2. Viktor Pelevin: „Žiznʼ nasekomych“
  • 3. Tatʼjana Tolstaja: Kysʼ
  • 4. Fazit
  • Das satirische Potential der Erzählung „Žiznʼ s idiotom“ von Viktor Erofeev
  • 1.
  • 2.
  • 3.
  • 4.
  • 5.
  • 6.
  • 7.
  • Литературная критика как сатира: антиинтеллектуальный примитив Льва Пирогова
  • 1. О правомерности претензий литературной критики на сатиру
  • 2. Социальная литературная критика: ценности и образ высказывания
  • 3. Юродство как образ проповеди жизнезащитной эстетики
  • 4. Право сатирика на редукцию сложного
  • 5. Интеллектуальный примитив как художественная формула сатиры
  • Der in die Tiefe gekehrte Turm zu Babel: Pavel Krusanovs Satire über die russisch-amerikanische Feindschaft als Grundlage eines neuen imperialen Denkens im Roman „Amerikanskaja dyrka“ (2005)
  • Satirischer Gerichtshof: Zur „Entengrütze der Putinʼschen Stagnation“ in Oleg Kašins „Roissja vperde“ (2011)
  • Einleitendes
  • Rollenverteilung
  • Anklageschrift des satirischen Gerichtshofes
  • Erstes Angriffsobjekt: Olimpstroj
  • Zweites Angriffsobjekt: Pionierlager Sojuz
  • Satirisches Plädoyer
  • Satirisches Urteil
  • 5. Filmsatire / Satire im medium Film
  • Wenn die Subkultur zu den Sternen greift… N.O.M. oder vom Underground-„Trash-Punk“ zur Filmsatire „Zvëzdnyj Vors“
  • 1. Satire im Russland der Nullerjahre und folgende
  • 2. Die „subkulturelle Bewegung“ N.O.M.
  • 3. N.O.M.s „Wahrheit“, stëb und die ,mimetische Kritik‘
  • 4. N.O.M.s „mul’trealizm“ in Selbstinszenierung, Bild und Film
  • Sternenreise I: Bruchlandung im Mainstream
  • Sternenreise II: Regimekritische Stars oder Enzyklopädie des aktuellen russischen Underground
  • Sternenreise III: Zurück in die Zukunft
  • Sternenreise IV: Anti-Amerikanismus, Rassismus, Anti-Ziganismus und weitere ,schwarze Löcher‘ im russischen All
  • Schluss
  • Index

Michael Düring / Kristina Naumann / Rebekka Wilpert (Hrsg.)

Russische Satire

Strategien kritischer Auseinandersetzung in Vergangenheit und Gegenwart

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Autorenangaben

Michael Düring, Professor für slavistische Kultur- und Literaturwissenschaft am Institut für Slavistik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Kristina Naumann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Slavistik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Rebekka Wilpert, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Slavistik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Über das Buch

Die russischsprachige Satire wird häufig in den Rang einer Schattenliteraturform gedrängt. Dennoch kann sie die Funktion ausüben, die der Satire gemeinhin zugeschrieben wird: auf aggressive Art Missstände in einer Gesellschaft zu kritisieren.

Dieser Band enthält die Vorträge der vom Institut für Slavistik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Staatlichen Universität Irkutsk durch-geführten Konferenz „Russische Satire seit der Perestrojka bis in die unmittelbare Gegenwart: Formen und Themen künst-lerischer Auseinandersetzung“.

Ziel des Austausches war, herauszufinden, welche Mittel, Themen, Strategien und Angriffsobjekte es in der russischen Satire gibt, wie die Rezeption von Satire je nach Herkunft der Referent*innen differiert und welche Möglichkeiten sich der Satire im „System Putin“ bieten. Die Beiträge befassen sich mit der Sprache der Satire, mit neuen satirischen Ausdrucksformen und -medien wie Liedern und Filmen, aber auch mit der klassischen literarischen Satire.

Zitierfähigkeit des eBooks

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1. Vorwort

Die staatliche Universität Irkutsk in der Russischen Föderation und die Kieler Christian-Albrechts-Universität sind seit vielen Jahren durch intensive Beziehungen miteinander verbunden. Diese umfassen sowohl den durch Stipendien des DAAD finanzierten Studierendenaustausch als auch den gegenseitigen Besuch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern beider Hochschulen. Ebenfalls seit vielen Jahren nehmen Vertreterinnen und Vertreter der Universitäten aus Irkutsk und Kiel an von den Partnerinstituten (Факультет филологии и журналистики, ИГУ / Institut für Slavistik, CAU) veranstalteten Konferenzen teil. Bleibende Ergebnisse dieser engen Verbundenheit auch in schwierigen Zeiten sind Sammelbände, in denen die Konferenzergebnisse veröffentlicht wurden. Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang exemplarisch auf die Bände Современность в зеркале рефлексии: язык – культура – образование. Международная конференция, посвящённая 90-летию Иркутского государственного университета и факультета филологии и журналистики (Иркутск, 6 – 9 октября 2008 г.), Иркутск 2009 sowie Время как объект изображения, творчества и рефлексии. Международная научная конференция (Иркутск, 27 июня – 1 июля 2010 г.), Иркутск 2010.

Nach vielen Jahren der gemeinsamen Zusammenarbeit war es nun auch einmal an der Zeit für das Institut für Slavistik der CAU zu Kiel eine gemeinsame Konferenz zu organisieren. Als wir mit den Planungen für die Konferenz zur zeitgenössischen russischen literarischen Satire begannen, waren die Zeiten noch nicht so schwierig wie im Augenblick, die Vorfreude auf einen intensiven Austausch zu Fragen der Ästhetik und Rezeption literarischer Satire im russischen und deutschen Kontext war groß. Dass die Entwicklung der Geschichte dann jeden Tag nicht nur Material für die Satire bereithielt, sondern auch viel Schrecken, sollte die Konferenz aber nicht scheitern lassen, vor allem, da das Institut Kolleginnen und Kollegen aus Russland und Polen als aktive Mitwirkende erwartete. Die Durchführung und die Ergebnisse der Konferenz gaben uns Recht: Ungeachtet der die russisch-deutschen Beziehungen auf politischer Ebene aufwühlenden Ereignisse kam es zu einem regen, konstruktiven und – vor allem – freundschaftlichen Austausch auf wissenschaftlicher Ebene. Und dieser Austausch dürfte, wie die Entwicklungen der vergangenen beiden Jahre gezeigt haben, kein schnelles←7 | 8→ Ende finden. Satire reagiert nun einmal wie ein Seismograph auf gesellschaftliche Paradigmenwechsel, und die derzeitigen Entwicklungen, die „Böhmermann-Affäre“ zeigt es eindrücklich, werden weiteres Material zur Diskussion in verschiedenen kulturellen Kontexten bereitstellen.

Der vorliegende Sammelband enthält nun bis auf einen alle auf der Konferenz vorgetragenen Beiträge und spannt den Bogen der Auseinandersetzung mit russischer (nicht nur) literarischer Satire von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis hin zu zeitgenössischen Werken des 21. Jahrhunderts. Damit wird der Versuch unternommen, ein in der Russistik im deutschsprachigen Raum seit längerer Zeit weniger intensiv bestelltes Feld zu rekultivieren und neugierig zu machen auf weniger bekannte Autorinnen und Autoren und (noch) nicht kanonisierte Werke.

Wie immer kann ein Sammelband mit Konferenzbeiträgen nicht ohne tatkräftige Unterstützung herausgegeben werden. Für einen Druckkostenzuschuss ist dem Dekanat der Philosophischen Fakultät der CAU zu Kiel zu danken, für die unschätzbare redaktionelle Mitarbeit am Band gilt höchster Respekt Frau Katrin Buddingh (M.Ed.) und Paul Scherer (stud. phil.) sowie besonders meinen beiden unermüdlichen Mitherausgeberinnen Dr. Rebekka Wilpert und Kristina Naumann (M.Ed.).

Für alle verbliebenen Fehler trage ich die Verantwortung.

Kiel, Sommer 2016

Michael Düring←8 | 9→

Michael Düring (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)

Satire als Zeitdiagnose: Überlegungen zum Verfallsdatum satirischer Texte

Сатира всегда реагирует на особенности общественного развития, критикует политических деятелей, человеческие пороки и, в широком смысле слова, все, что «не так».

Статьи, собранные в этом сборнике, свидетельствуют об этом. От «Ревизора» Н.В. Гоголя до «андеграунда» Н.О.Ма распространяется спектр тем, при помощи которых мы можем ответить на вопрос о «сроке годности» сатиры. В настоящей статье автор обсуждает этот вопрос, анализируя разные произведения Игоря Иртеньева: стихотворения «Кончилось время военных походов» / «Ну ты делов наделал, Билл» и короткий рассказ «Вы здесь не стояли». Если верна гипотеза, что время смены парадигм представляет как раз время для сатиры, тогда нас ожидают еще много лет сатирического творчества, которое, увы, угасает в соответствии с выбранными темами.

Satire always reacts to social change, criticizes politicians, human vice, and, generally speaking, everything that is not as it should be. The articles collected in this volume are proof of that.

With the help of a wide range of topics, beginning with N.V. Gogol’s “Revizor” and ending with N.O.M’s underground, we are able to discuss the question of the “expiration date” of satire. In the following article, the author turns to this question, analysing some of Igor Irten’ev’s works, i.e. his verses “Konchilos’ vremya voennykh pokhodov” / “Nu ty delov nadelal, Bill” and his short story “Vy zdes’ ne stoyali”. If the hypothesis is correct that satire reaches its peak in times of paradigm change, we can expect many years of fruitful satire, which, alas, expires according to the topics chosen.

1. Einführung

Im Sommersemester des Jahres 2014 hielt ich eine Vorlesung zum Thema „Die slavische Satire des 20. Jahrhunderts“. Bei ihrer Konzeption konnte ich natürlich nicht ahnen, dass mir die Weltgeschichte in gewisser Weise in die Hände spielte, zumindest was den Einstieg in dieses ebenso anspruchsvolle wie umfangreiche Thema erleichterte, denn die Zuhörerschaft musste ja nicht nur mit satiretheoretischen Ausführungen, sondern auch mit Informationen←11 | 12→ zur polnischen und russischen Satire zugleich versorgt werden. Ich meine, Sie ahnen es bereits, den Ukraine-Konflikt – oder muss man inzwischen nicht eher Krieg sagen? –, der, ungeachtet all der tragischen Ereignisse, zumindest zu Beginn noch Anlass für Satire(n) war, wenn auch nicht immer im Medium der Literatur. Ich begann meine theoretischen Ausführungen also mit breit gestreuten Fragen nach von den Studierenden in letzter Zeit rezipierten Satiren und ihrer Merkmale. Genannt wurden, wenig verwunderlich, seltener literarische Werke denn Fernsehsendungen, etwa die Heute Show oder Extra Drei, ehe dann auf bohrendes Nachfragen auch Karikaturen als satirische Formen genannt wurden – und auf wen lassen sich seit Monaten bessere Karikaturen machen als auf Vladimir Putin1? Nun hat aber der russische Präsident wie jede/r andere Politiker/in ein grundlegendes Problem, er ist, aber wer weiß, nicht unsterblich und verschwindet irgendwann im Orkus der Geschichte. Was aber geschieht dann mit den am Ende dieses Beitrags abgebildeten Karikaturen, deren Wirkung wir innerhalb von Sekundenbruchteilen realisieren und die die Bilder erst „satirisch macht“? Stellen wir uns also eine Studierendengruppe in einhundert Jahren vor – wie kann sie die satirischen Implikationen der Karikaturen ergründen? Zunächst müsste diesbezüglich der historische Kontext erläutert werden, dann die Figur Vladimir Putins, dann seine Rolle innerhalb der Weltgemeinschaft, dann die Geschichte zwischen der Ukraine und der Russischen Föderation nach 1991, man könnte diese Kette fast ad infinitum weiterführen. Wem dies zu viel und, vor allem, viel zu theoretisch ist, dem sei an dieser Stelle eine Karikatur aus der russischen satirischen Zeitschrift Iskra2 aus dem Jahre 1862 ans Herz gelegt: ←12 | 13→

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In Bezug auf diese Abbildung stellt sich nun die Frage, was uns diese Karikatur nach über 150 Jahren sagt? Eben. Ohne Erklärung, wie sie hier in den Zahlen angedeutet erfolgt, die die Personen benennen, nichts.3

2. Zeitbezug und Zeitverlust

Mit dieser Karikatur berühren wir also eines der zentralen wirkungsästhetischen Probleme der Satire, ob in der Karikatur, im Fernsehen oder in der Literatur ist dabei zunächst einmal zweitrangig. Denn im vorliegenden Zusammenhang ist doch die Frage zu stellen, ob die Satire nicht an Wirkung verliert, wenn ich sie erst kompliziert erklären muss – ähnlich wie der Witz, der erst umständlich er←13 | 14→klärt, nicht mehr witzig ist?4 Ist Satire also nicht nur dann wahre Satire, wenn sie unmittelbar auf die Rezipienten einwirkt, ohne dass kilometerweise Bücherregale oder unzählige Fußnoten durchforstet werden müssen, um dem Urheber der Satire „auf die Schliche zu kommen“?

Dieses Problem lässt sich nun anschaulich anhand der Beiträge des vorliegenden Sammelbandes illustrieren, etwa wenn Gudrun Goes über N.V. Gogolʼs Komödie „Revizor“ auf deutschen Bühnen „heute“ berichtet. Denn hinter dem Titel des Beitrags – Worüber lachen wir? Nikolaj Gogol’s Komödie „Der Revisor“ auf deutschen Bühnen heute – verbirgt sich bereits die in diesem Beitrag einleitend formulierte Problematik. Gogolʼ hatte ja, eigenen Bekundungen in der „Avtorskaja ispovedʼ“ (1847) zufolge, im „Revizor“ beschlossen „alles Schlechte in Russland, was ich damals kannte, auf einen Haufen zu sammeln […] und mit einem mal alles zu verlachen“.5 Daraus folgt, dass die Satire in der Komödie auf einen konkreten historischen Zeitpunkt gerichtet ist („was ich damals kannte“). Nur was soll der deutsche Theaterbesucher heute damit anfangen, wie kann die ursprüngliche Satire in einem vollkommen anderen Kontext funktionieren? Nun, man muss vermutlich das Nationenspezifische reduzieren, das Russisch-Kolorithafte generalisieren und damit allgemein zugänglich machen, man muss Sprache aktualisieren, mit anderen Worten, der spezifische Zeitbezug muss aufgelöst und einem neuen Kontext angenähert werden. Das mag bei einer satirischen Komödie wie dem „Revizor“, in der es ohnehin um archetypische menschliche Schwächen wie Dummheit oder Gier geht, vielleicht noch funktionieren, wie die Beispiele, die im Beitrag von Gudrun Goes erläutert werden, ja auch zeigen. Aber wie verhält es sich mit der beziehungsreichen Satire Vjačeslav Pʼecuchs auf Michail Saltykov-Ščedrins „Istorija odnogo goroda“ – versucht nicht auch Pʼecuch, einen Text, der sich sehr eng an historischen russischen Ereignissen abarbeitet, neuen Lesern durch Transformation des historischen Kontextes auf anregende Weise zugänglich zu machen, wie wir im Beitrag von Anatolij Sobennikov nachlesen können? P’ecuch rekurriert also ausdrücklich auf die Stadt „Glupov“ in Saltykov-Ščedrins Text um zu←14 | 15→ verdeutlichen, dass die Zeit zwar vorangeschritten, die grundlegenden Funktionsmechanismen der Gesellschaft aber unverändert geblieben sind. Prätext und Text gehen so also eine Einheit zu didaktischem Zwecke ein. In diesem Zusammenhang liegt der „Vorteil“ der Texte Gogolʼs und Saltykov-Ščedrins sicher darin, dass beide – zumindest in Russland – hinreichend kanonisiert und in Bezug auf satirische Techniken von einem Großteil der Leserschaft noch „abrufbar“ sein dürften.6

Komplizierter sind die satirischen Strategien in den Werken zu dechiffrieren, mit denen sich Norbert Nübler und Jochen-Ulrich Peters befassen. So wendet sich Norbert Nübler, im vorliegenden Kontext nur auf den ersten Blick überraschend, dem tschechischen Autor Jaroslav Hašek und dessen in den Weiten Russlands angesiedelten Bugulma-Geschichten zu, um ein sprachliches Verfahren der Satire in den Blick zu nehmen, den skaz. Hašek, lange Jahre im russischen Sprachgebiet lebend, verwendet den skaz nun zur Evozierung eines ganz bestimmten Effekts, der Mündlichkeit, der fremden Stimme innerhalb des Eigenen, hier, indem er ein mit Russizismen durchsetztes Tschechisch komponiert, das zu einer satirischen Darstellung Russlands der damaligen Zeit beiträgt. Es leuchtet ein, dass die satirische Implikation dieser Texte noch komplizierter zu erhellen ist als in Bezug auf Gogol’ oder Saltykov-Ščedrin – Hašek dürfte inzwischen trotz seines Schwejk in Deutschland weitestgehend unbekannt sein, ganz zu schweigen von den Bugulma-Geschichten, deren historischer Kontext Lichtjahre von der Erfahrungswelt eines heutigen Lesers entfernt ist. Hier hilft also nur die „Knochenarbeit“ des Philologen bei der Dechiffrierung des Satirischen. Dieser Arbeit unterzieht sich in gewisser Weise auch Jochen-Ulrich Peters, wenn er Texte von Aleksandr Zinov’ev („Zijajuščie vysoty“; 1976) und Svetlana Aleksievič („Vremja sekond chėnd“; 2013)7 gegenüberstellt, die sich aufgrund ihrer Wirkungsweise – hier die groteske Deformation, dort die←15 | 16→ „fiktionale Authentizität“ – voneinander unterscheiden und ganz verschiedene Facetten des Satirischen offenbaren: hier also narratologische Konstrukte als Verfahren der Satire, die aber ebenfalls philologische Kleinarbeit erfordern. Es stellt sich heraus, betrachtet man die ersten vier Beiträge des vorliegenden Sammelbandes genauer, dass Satire eben doch nicht „einfach da ist“, sondern auf verschiedenen Ebenen Erklärungen erforderlich macht und nicht „nur“ einem zeitlichen Verfallsdatum unterliegt.

Biographische Angaben

Michael Düring (Band-Herausgeber:in) Kristina Naumann (Band-Herausgeber:in) Rebekka Wilpert (Band-Herausgeber:in)

Michael Düring, Professor für slavistische Kultur- und Literaturwissenschaft am Institut für Slavistik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Kristina Naumann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Slavistik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Rebekka Wilpert, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Slavistik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

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Titel: Russische Satire