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Das Münchner Boten- und Wappenbuch vom Arlberg

(Hs. des Kgl. Bayer. Hausritterordens vom Hl. Georg)- Edition des Textes mit einer Einleitung, biographischen Anmerkungen zu den Wappeninhabern und Spendern, Beschreibung und Nachweisen der Wappen

von Robert Büchner (Autor:in)
©2016 Andere 460 Seiten

Zusammenfassung

Mehrere Boten vom Arlberg sammelten bis 1416 im Süden des Reiches und entlang des Rheins von Basel bis Köln und Aachen Gelder, um den Unterhalt des 1386 gegründeten Hospizes zu St. Christoph auf dem Arlberg zu sichern. Ein Buch mit dem Wappen, Namen und Beitrag der Spender war ihr Beglaubigungsmittel. Das «Münchner Boten- und Wappenbuch vom Arlberg» (850 Wappen) deckt als Sammelbezirk Südtirol, die damaligen östlichen Erbländer der Habsburger und Teile Niederbayerns ab. Der oft ausführliche Kommentar lässt die Zahl der im Text erwähnten Namen auf doppelt so viele Personen (1900) und Orte (900) steigen und erfasst gerade auch jene Bürger (Wien, Wiener Neustadt, Enns und Passau) und kleinen Adligen, die sonst für die Zeit um 1400 schlecht oder gar nicht dokumentiert sind.

Inhaltsverzeichnis


Vorwort

Als seit den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts die großartigen, kunstvoll gezeichneten und kolorierten Wappenbücher aufkamen, verblassten neben ihnen rasch ältere heraldische Werke, selbst die Wappenrolle von Zürich und der Ingeram-Codex, ausgenommen die Wappenbücher vom Arlberg, zumindest die Wiener Prachthandschrift und Teile des Münchner Botenbuches, die durchaus mit ihnen konkurrieren konnten. An ihnen hatten und haben nicht nur Liebhaber der Wappenkunst ihre Freude, sondern auch die Historiker, stellen doch die Bücher vom Arlberg eine hoch geschätzte Quelle zur Personengeschichte des Adels und Bürgertums um 1400 dar, aus einer Zeit also, die noch nicht reich mit Dokumenten gesegnet ist.

Heinrich Findelkind, der Stifter (1385/86) von Hospiz und Kapelle zu St. Christoph auf dem Arlberg, entschloss sich um 1393, für den Bau und Unterhalt dieser Einrichtungen auch außerhalb Tirols Gönner zu werben und sich nicht bloß auf Einheimische und Reisende, die den Arlberg überquerten, zu beschränken. Boten wurden ausgeschickt, Bücher mit Wappen und Namen sowie Sammellizenzen waren ihre Beglaubigung. Der bereits publizierte Codex Figdor dürfte unter den Wappenbüchern vom Arlberg das älteste und zunächst vermutlich das einzige Botenbuch gewesen sein, doch bald fand man damit nicht mehr sein Auslangen. Jeder Bote, wahrscheinlich gab es zur Blütezeit des Sammelns drei bis vier zugleich, brauchte sein eigenes Buch mit den Einträgen, die für seinen Bezirk zutrafen.

Während drei Botenbücher verschollen sind, blieb die Münchner Handschrift erhalten. Sie umfasst als Sammelgebiet das heutige Österreich (außer Vorarlberg und Burgenland), das angrenzende Niederbayern und vor allem Südtirol (in Nordtirol wurde so gut wie gar nicht gesammelt), allerdings nur den Adel dieses Landesteils, und den auch nicht einmal vollständig. Als nämlich im 16. und 17. Jahrhundert die Wappen- und Botenbücher, die viele Jahrzehnte zerrissen auf dem Arlberg herumgelegen hatten, neu gebunden wurden, sind einige Lagen in falsche Handschriften geraten. Soweit aus der Kopie des 16. Jahrhunderts, im Niederösterreichischen Landesarchiv aufbewahrt, erschlossen werden kann, fehlen im Münchner Botenbuch nicht wenige Adlige aus Südtirol und vor allem die Bozner und Meraner Bürger, ferner die Salzburger und weitere Österreicher. Dass mit der Münchner Handschrift in groben Zügen der Weg eines Boten rekonstruierte werden konnte, ist nicht der kleinste Wert dieses Buches.

Aber trotz der Lücken enthält der Codex eine Fülle von Orts- und Personennamen, die, wo nötig und möglich, mit Anmerkungen versehen wurden und nun ← 9 | 10 → der Forschung zugänglich gemacht werden sollen. Viele kaum lesbare Wörter oder Zeilen machten es schwer, immer das Richtige zu treffen. Die heutige Bruderschaft St. Christoph auf dem Arlberg beschloss 2011, anlässlich ihres angeblichen 625. Stiftungsfestes1 alle Wappenbücher vom Arlberg ins Internet zu stellen. Das ist sehr lobenswert. Noch erfreulicher ist, dass bereits das Münchner Botenbuch als URL-Datei abgerufen werden kann.2 Jedoch nur in Abbildungen. Eine wissenschaftliche Erschließung fehlt ganz, was den Wert der Veröffentlichung im Internet erheblich schmälert.

Da die von Otto Hupp 1937 begonnene Ausgabe der drei Originalhandschriften von St. Christoph infolge kriegerischer Ereignisse 1943 nach 10 Lieferungen beim Buchstaben O stecken geblieben ist3, wurde in der vorliegenden Edition (Beschreibung aller Wappen und Texte des Codex München) bei den biographischen Anmerkungen zu den Spendern und Spenderinnen besonderer Wert auf jene Personen gelegt, die mit ihren Nachnamen zwischen die Buchstaben R und Z fallen und von Hupp noch nicht behandelt worden sind. Ein Schwerpunkt lag dabei auf dem Südtiroler Adel, zu dem, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, möglichst viele Quellenbelege zusammengetragen wurden. Doch fanden auch die Adligen aus Niederbayern und Österreich, namentlich aus Wien und Niederösterreich, sowie die Bürger der Städte – hier wären Wien, Wiener Neustadt, Enns und Passau hervorzuheben – die gebührende Beachtung. Bauern als Spender fehlen in allen Arlberghandschriften ganz.

In das Register fanden 900 Orts- und über 1900 Personennamen Aufnahme, wobei auch die Orte und Personen erfasst wurden, die in den biographischen Anmerkungen begegnen. Der Codex selbst nennt nur ungefähr halb so viele Namen.

Die Österreichische Nationalbibliothek in Wien und der Kgl. Bayer. Hausritterorden vom Hl. Georg in München haben mir vor einigen Jahren Farbnegative ihrer Arlberg-Codices für Dissertationen und wissenschaftliche Studien überlassen, die mir bei der vorliegenden Arbeit eine große Hilfe waren. Ihnen beiden sei hier dafür noch einmal herzlichst gedankt. ← 10 | 11 →


1       In Wirklichkeit existiert sie, selbst wenn man die um die Mitte des 16. Jahrhunderts durch Bauern des obersten Stanzertals ins Leben gerufene armselige Bruderschaft als Vorläufer einbezieht, keine 300 Jahre. Warum müssen es unbedingt über 600 Jahre sein, wenn schon 300 Jahre mehr als respektabel sind?

2       http://bilderserver.at/wappenbuecher/MuenchnerHandschriftEXA2

3       Online: http://bilderserver.at/wappenbuecher/ProfHuppOSPv2_52z2

Einleitung

1.   Heinrich Findelkind, der Stifter des Hospizes auf dem Arlberg

Da Heinrich Findelkind4, auch Heinrich von Kempten genannt, drei Selbstzeugnisse (kurze Autobiographie von 1393/94, Verzeichnis der frühesten, aber schon verstorbenen Unterstützer aus ungefähr derselben Zeit, Spendenaufruf von ca. 1400) hinterlassen hat, ist man nicht erstaunt, dass sich immer wieder Autoren gefunden haben, die über sein Leben berichten, leider aber meist mit Verzerrungen und Fehlern. Der gröbste Irrtum ist die immer wieder aufgestellte Behauptung, Heinrich habe 1385/86 zu St. Christoph auf dem Arlberg eine Bruderschaft ins Leben gerufen, ja sie habe dort sogar schon vor diesen Jahren bestanden. Davon kann keine Rede sein. Es gibt nicht den geringsten Beweis dafür, dass schon im Mittelalter eine lockere oder institutionalisierte Bruderschaft auf dem Arlberg bestanden hat. Keines der überlieferten offiziellen Dokumente aus dem Mittelalter (Urkunden, Ablass- und Almosenbriefe5) weiß etwas von einer Bruderschaft, von einer Fraternitas. Wenn sie einen Empfänger nennen, dann sind es als Gründer und/oder Verwalter von Hospiz (Spital, Herberge) und zu errichtender Kapelle stets Heinrich Findelkind und Ulrich Moseck aus St. Gallen, sein wichtigster Helfer und Nachfolger, doch nie eine ominöse Bruderschaft. Das hat Heinrich selbst in seinem Spendenaufruf betont, in dem er auf die zahlreichen Ablassurkunden für St. Christoph hinweist und stolz hinzufügt: „des hab ich gut brief“ (Codex Wien 13). Das Arlberghospiz war allein sein Werk. Erst in der Barockzeit wurde nach kanonischem Recht eine Bruderschaft St. Christoph auf ← 11 | 12 → dem Arlberg errichtet, 1647 konfirmiert und von Papst Innozenz X. mit einem vollkommenen Ablass ausgestattet.

Und noch etwas. Bruderschaften gewinnen in der Regel die weitaus größte Zahl ihrer Mitglieder an ihrem Ort selbst oder in der näheren Umgebung. St. Christoph steht auf Nordtiroler Boden. Deshalb wäre es ganz natürlich gewesen, dass ihre angeblichen Brüder und Schwestern zur Hauptsache aus Nordtirol gekommen wären. Doch weit gefehlt, Nordtiroler fehlen so gut wie ganz in den Boten- und Wappenbüchern vom Arlberg aus der Zeit Heinrichs und Ulrichs. Kein Bauer am Arlberg, kein Bauer aus Nordtirol, überhaupt kein Bauer aus irgendeinem Land ist damals in die Botenbücher aufgenommen worden. Ebenfalls kein Innsbrucker, kein Nordtiroler Bürger, bis auf 11 Männer aus Hall.6 Bei genauerem Zusehen ergibt sich jedoch, dass wohl alle 11 landesfürstliche Beamten der Saline waren oder zu ihr in einer Beziehung standen. „Normale“ Haller Bürger sucht man vergebens, ebenfalls Ordensgeistliche aus dem Norden des Landes. Lediglich zwei Nordtiroler Weltgeistliche, nämlich zwei Kapläne „uf dem Arlperg“ (gemeint ist: am Arlberg, vermutlich zu St. Jakob oder Pettneu), wollten Heinrichs Werk unterstützen, nicht aber die drei zwischen 1379 und 1413 nachweisbaren Pfarrer von Zams, die für eine religiös-karitativ ausgerichtete Bruderschaft zu St. Christoph zuständig gewesen wären. Man vermisst sie in den Codices. Und die einheimischen Adligen Nordtirols? Sie glänzen ebenfalls durch Abwesenheit. Nur sieben von ihnen scheinen in den Boten- und Wappenbüchern vom Arlberg auf. Sie hatten alle auch Besitz, Ämter oder Interessen in Südtirol, fünf von ihnen (vier Herren von Starkenberg und Heinrich von Rottenburg, Hofmeister von Tirol und Hauptmann an der Etsch) waren ausgesprochene Gegner Herzog Friedrichs IV. ← 12 | 13 →

Ganz anders Südtirol. Für z. B. Meran zählt man 28 Einträge/Wappen (NLA 134–136), für Bozen 19 (NLA 137–139). Von den 126 Mitgliedern des adligen Falkenbundes (1407), der seine Spitze gegen Friedrich richtete, waren 67 Spender für St. Christoph, fast alle Südtiroler. Es hat ganz den Anschein, als ob sich vor der Errichtung des Falkenbundes der gegen den Landesfürsten opponierende Südtiroler Adel,7 der um seine Standesrechte fürchtete, heimlich in den Wappenbüchern vom Arlberg gesammelt und die Anhänger des Fürsten von den Einträgen ausgeschlossen hätte. Herzog Friedrich stützte sich dann im Kampf gegen den Adel auf Bauern und Städte.

Jedenfalls stünde eine Bruderschaft, die gezielt alle Anwohner und einen ganzen Landesteil als Mitglieder ausgeschlossen hätte, einzigartig da. In Wirklichkeit ging es bei St. Christoph auf dem Arlberg nicht um eine organisierte Bruderschaft, sondern nur um viele einzelne Menschen, adlige Damen und Herren, Bürger und Bürgerinnen, die sich gegenüber dem Hospiz und seinen Verwaltern bereit erklärten (in der damaligen Sprache: „verbrüderten“), alljährlich durch einen Beitrag zu Bau und Unterhalt von Herberge und Kapelle beizutragen, was sie jedoch in der Regel nach der Aufnahme in die Bücher unterließen (s. u.). Weiter gehende, für Bruderschaften typische Verpflichtungen übernahmen sie nicht. Die moderne Behauptung von einer über 600 Jahre alten Bruderschaft auf dem Arlberg ist reines Wunschdenken, das auf Erfindung geschäftstüchtiger Almosensammler und späterer Wirte vom Arlberg im 14. und 15. Jahrhundert sowie auf Fälschungen und zweifelhaften Interpretationen eines ruhm- und selbstsüchtigen Pfarrers von Zams im 17. Jahrhundert beruht. Zudem wird geflissentlich übersehen, dass die im Barock errichtete Bruderschaft gut anderthalb Jahrhunderte von 1784 bis 1961 durch kaiserliches Dekret aufgehoben war.

Wenn man die Spenderinnen und Spender, von denen sich nur sehr wenige gegenseitig kannten, partout als Fraternitas ansehen will, ergibt sich das einzigartige ← 13 | 14 → und höchst erstaunliche Phänomen, dass es eine Bruderschaft ohne Organisation, Organe und Kirche (ihr Bau wurde erst um 1420 beendet) war und sie von 1416, als es keine Sammler und Beiträge mehr gab, bis Mitte des 16. Jahrhunderts, als die Bauern des obersten Stanzertales eine „völlig bedeutungslose“ (Raber: vast unachtsam) Bruderschaft ins Werk setzten, auch keine Mitglieder zählte, eine Bruderschaft, die im Mittelalter nicht einmal als Fiktion auf irgendeinem offiziellen Papier stand. Mit anderen Worten: ein Unding.

Dass sich unter den rund 5500 Einträgen in den vier erhaltenen Boten- und Wappenbüchern vom Arlberg keine 40 finden, die etwas von einer Bruderschaft wissen wollen, besagt allein genug. Sie gehen offenbar zur Hauptsache auf zwei Sammler zurück, die mit einer solchen Behauptung zusätzlich Spenderinnen und Spender für Hospiz und Kapelle gewinnen wollten (s. u.). In Einträgen zu Reisenden, die sich direkt auf dem Arlberg als Unterstützer einschreiben ließen, findet man bezeichnenderweise keinen Hinweis auf eine Bruderschaft. Dabei wäre gerade die Herberge zu St. Christoph auf dem Arlberg als angeblicher Sitz einer Fraternitas der richtige Ort gewesen, darauf aufmerksam zu machen.

Nun zu Heinrich Findelkind. Er wurde als Kind ausgesetzt, von Utz (Ulrich), dem Meier von Kempten, gefunden und von ihm mit seinen anderen neun Kindern aufgezogen. Als sich der Meier durch eine Bürgschaft ruinierte, sah er sich gezwungen, die Hälfte seiner Kinder in die Welt hinauszuschicken, um sich selbst ihr Brot zu verdienen. Unter ihnen war Heinrich, der sich unterwegs zu zwei Priestern gesellte, die nach Rom reisen wollten. Am Arlberg blieb Heinrich zurück und trat als Schweinehirt in die Dienste des Adligen Jäckel (Jakob) Überrhein, dessen 1406 zerstörte Burg im Gebiet der heutigen Gemeinde St. Anton am Arlberg stand. Der Dienstantritt geschah um 1375. Heinrich dürfte damals an die 15 Jahre alt gewesen sein.8

Ihn erfasste nach eigenen Worten tiefstes Mitleid, wenn er Jahr für Jahr Leute sehen musste, die man vom Berg ins Tal brachte und die im Schnee erfroren waren. Er nahm sich vor, auf der Passhöhe eine Herberge zu errichten. Als Leopold III. 1385 am Arlberg weilte, trat Heinrich an ihn heran und trug ihm seinen Wunsch vor, ein Haus auf dem Arlberg zu bauen und dort zu wohnen um „der elend vnd arm lẅt“ willen, damit sie dort eine Herberge fänden, „wenn sie von vngewitter oder kranckeit niht verrer chomen möchten und daz die nit ← 14 | 15 → da verdurben, alz vor offt geschehen ist“.9 Der Herzog war vom Vorhaben des „armen Knechts“ Heinrich von Kempten angetan und bewilligte ihm mit einer zu Weihnachten 1385 in Graz ausgestellten Urkunde den Bau eines Hospizes auf dem Arlberg.

Am Johannestag (24. Juni) 1386 begann Heinrich mit 15 Gulden, die er sich im zehnjährigen Hirtendienst erspart hatte, die Errichtung der Herberge, bald unterstützt von wohlmeinenden Gönnern. Sie wird anfänglich ein einfacher Holzbau gewesen sein. Schon im ersten Winter konnte er sieben Menschen das Leben retten, in sieben Jahren gar fünfzig, wie er stolz in seiner Autobiographie vermerkt.10 Um den im Unwetter, bei Sturm, in Schnee und Eis in Not geratenen Menschen zu Hilfe zu kommen, gingen Heinrich oder sein Knecht allabendlich aus, im Winter jeder mit vier Schneereifen, und riefen in alle Richtungen.11 Fanden sie einen Verunglückten, Verirrten oder Erschöpften, trugen sie ihn in die Herberge und gewährten ihm so lange Unterkunft, Hilfe und Verpflegung, bis er weiterreisen konnte. Diese Praxis wurde auf vielen Alpenpässen geübt.

Um 1393 regten zwei Tiroler Adlige, Rudolf von Lassberg und Jörg von Zwingenstein, an, die Namen der Unterstützer von Hospiz und Kapelle zu St. Christoph mit ihrer Spende aufzuzeichnen und neben den Eintrag ihr Wappen zu setzen. Wenn nicht alles täuscht, enthalten die ersten Lagen (fol. 1–26‘) des Codex Figdor, mögen sie auch durch nachträgliche Einschübe und Radierungen etwas gestört sein, jene frühen Spender und Spenderinnen, die man nun festhielt.12 Bezeichnenderweise fehlt zu ihnen jedes Aufnahmedatum und -jahr, noch bedeutender ist die Tatsache, dass erst die folgende Seite (27) bei der zweiten Neuaufnahme ein Jahr nennt, nämlich 1394. Auf den ersten 26 Blättern des Codex Figdor finden sich viele hochgestellte Personen, Herzöge von Österreich, von Berg-Jülich-Ravensberg, Pfalzgrafen bei Rhein, Grafen von Cilli, Montfort-Bregenz, Forchtenstein, Cleve, Sponheim, Henneberg, Leiningen usw., mehrere rheinische und süddeutsche Bischöfe, andere Geistliche, bekannte und weniger bekannte Adelsgeschlechter, aber auch schon Hofgesinde und Bürger, z. B. aus Wien.13 Da man erst nach 1393 zur ← 15 | 16 → Aussendung von Boten überging, werden die frühen Unterstützer von Hospiz und Kapelle zu St. Christoph zur Hauptsache Reisende gewesen sein, die sich anlässlich einer Überquerung des Arlbergs gegenüber Heinrich Findelkind zu regelmäßigen Zahlungen bereitgefunden haben. Sie und andere wohlmeinende Leute haben vermutlich auch Freunde, Bekannte und Verwandte ermuntert, ein Gleiches zu tun.

Mit den gelegentlichen Gönnern war es nicht getan. Die hohen Kosten forderten weitere Helfer. Man musste um neue Spender und Spenderinnen außerhalb Tirols werben. Das geschah offensichtlich gezielt seit 1395,14 als man Sammler ← 16 | 17 → mit eigenen Büchern in die habsburgischen Länder, in die Schweiz, ins Elsass, an den Mittel- und Niederrhein bis Köln und Aachen, in die Pfalz, nach Schwaben, Franken, Bayern, Görz und Salzburg sandte, jedes Botenbuch wohl mit der Lebensgeschichte Heinrichs und einigen Schriftstücken (Ablass- und Almosenbriefen) versehen. Nach schleppenden Anfängen15 konnten sich die Zahlen der Aufnahmen für 1395 bis 1398 durchaus sehen lassen.16 Dem grandiosen Jahr 1398 mit 32 datierten Einträgen folgte ein kleiner Rückschlag,17 der vermutlich Heinrich Findelkind zu seinem Spendenaufruf von ca. 1400 bewogen hat, zunächst mit Erfolg.18 Von 1404 an ging es rasch abwärts,19 Hospiz und Kapellenbau zu St. Christoph gerieten in eine prekäre wirtschaftliche Lage, wie der Brief Bischof Konrads von Gurk aus dem Jahr 1407, des letzten der 27 bekannt gewordenen Ablass- und Almosenbriefe für Heinrich von Kempten und Ulrich von St. Gallen, erkennen lässt. Der Bischof rief alle Geistlichen und Gläubigen seiner Diözese auf, die Boten, die vom Arlberg herabstiegen und zu ihnen kämen, zu unterstützen, weil die eigenen Mittel Heinrichs und Ulrichs nicht ausreichten, den Bau von ← 17 | 18 → Herberge und Kapelle zu vollenden.20 Inwieweit dieser Aufruf gefruchtet hat lässt sich nicht sagen, jedenfalls kam es bis 1411 zu einem kleinen Zwischenhoch in den Neuaufnahmen,21 doch dann nahte bald das Ende.22 Die Almosenfahrten lohnten sich nicht mehr, ob nun, auch für Reisende, der Reiz des Neuen, nämlich eines Hospizes auf einem Alpenpass, verflogen war oder ob man des ewigen Spendensollens überdrüssig wurde, zumal damals viele Almosensammler für verschiedene Spitäler (Hospize), Klöster, Stifte, Kirchen und Kapellen unterwegs waren und nicht selten den Leuten durch ihre Aufdringlichkeit lästig fielen, kann man nicht sagen. Nach 1416 gab es offenkundig keine sammelnden Boten vom Arlberg mehr.23

Jedenfalls wird, nachdem die Kapelle endlich fertig war und sie erstmals 1421 mit Stephan Hofkircher besetzt werden konnte, erwähnt, dass ältere Boten, falls es noch welche gäbe, nicht mehr berechtigt seien, für die Kapelle Gelder einzuheben. Die Formulierung legt nahe, dass man schon längere Zeit keine mehr gesehen hat. Hofkircher hielt es nicht lange auf dem Berg, vermutlich wie seine späteren Nachfolger, wenn sich denn überhaupt welche fanden, hauptsächlich wegen mangelnder Einkünfte, beschwerlicher Wege und der Einsamkeit.24 1421 nannte der Bischof Berthold von Brixen erstmals die Herberge auf dem Arlberg „hospitium seu taberna“. Bis ins 17. Jahrhundert galt sie als landesfürstliche Taverne.

Das alles betraf aber nicht mehr Heinrich Findelkind. Er dürfte um 1410 gestorben sein. Vermutlich war es sein Nachfolger Ulrich Moseck, der das Hospiz in eine Gastwirtschaft umgewandelt und ihm somit eine gesunde wirtschaftliche Basis gegeben hat, wenn das nicht schon früher geschehen ist. Arme, die im ← 18 | 19 → Schnee oder bei gefährlichem Unwetter gerettet wurden, fanden nach wie vor kostenlose Aufnahme und Versorgung, besser gestellte Leute hatten dafür zu bezahlen, Reisende, die einkehrten oder übernachteten, sowieso.

2.   Der Codex München

Der künstlerische Gehalt der Wappenbücher vom Arlberg25 ist schon längst von Heraldikern und Historikern erkannt worden, namentlich am Codex Wien hat man „die außerordentliche Schönheit und Lebendigkeit der Wappen“ und seinen „kulturgeschichtlichen und genealogischen Wert“ gerühmt.26 In der Tat sind die vielen ganzseitigen Wappen darin für die Zeit um 1400 als hervorragend einzustufen, auch die Blätter, die zwei Wappen je Seite enthalten, stehen nicht viel zurück.27 Man muss schon bis zum Scheibler’schen Wappenbuch (älterer Teil: 1450–1480) oder dem von Konrad Grünenberg (1483 abgeschlossen) gehen, um vergleichbare künstlerisch vollendete Zeichnungen zu finden.28 Neben der prächtigen Gestaltung der Wappen sind auch die dazu gehörenden Einträge, welche die Unterstützer von Hospiz und Kapelle zu St. Christoph und die Höhe ihrer Spende nennen, von großer Bedeutung, findet man doch unter den Damen und Herren des niederen Adels nicht wenige, die kaum bekannt sind, im schlimmsten Fall überhaupt nicht. Dasselbe gilt erst recht für viele Bürger und Bürgerinnen.29 Ein Drittes trifft noch für den Codex München zu: Er ist ein reines Botenbuch und macht es möglich, die Tätigkeit von Almosensammlern für den Arlberg zu rekonstruieren.

Der Codex München ist schon von Otto Hupp30 ausführlich beschrieben worden, so dass hier eine kürzere Fassung, um eigene Bemerkungen ergänzt, genügen möge: ← 19 | 20 →

Die Pergamenthandschrift misst 23x14,5 cm, die Blätter sind 21x13 cm groß. Der Einband stammt aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Die Holzdeckel sind mit blind gepresstem Kalbsleder überzogen, eine der beiden Messingschließen fehlt. Der Band besteht aus 17 Lagen und insgesamt 140 Blättern.31 Das mangelhaft bearbeitete, zum Teil defekte, auch bisweilen scharf beschnittene Pergament wurde an mehreren Stellen radiert und neu beschrieben/neu bemalt. Die Folien 1–45 und 75‘–77‘ zeigen die für die Botenbücher vom Arlberg typische Gestalt: 4 bis 5 kleine Schilde32, daneben ein standardisierter Spendeneintrag (Name des Unterstützers oder der Unterstützerin, Höhe der jährlichen Zahlung zu Lebzeiten und im Todesfall). Nach fol. 45 wechseln sich kleine Schilde, nun meist mit Helmzier, etwas größere und große, nicht selten kunstvoll gestaltete Vollwappen,33 allein oder zu zweit auf einer Seite, ohne nennenswerte Ordnung ab. Die Spendeneinträge und einige Texte auf den Vorblättern zeigen eine Kanzleischrift/gotische Kursive von verschiedenen Händen des 14. und 15. Jahrhunderts, vereinzelt findet sich eine Textura.34 Drei Seiten sind mit Miniaturen geziert, Vorblatt 1‘: Kreuzigungsgruppe, Vorblatt 2: drei Heilige (Christoph, Katharina, Barbara), fol. 71: Brustbild eines Jakobspilgers. Die Handschrift enthält rund 850 Wappen mit Beischriften und 50 wappenlos gebliebene Einträge.

Wann die Handschrift in den Besitz des Kgl. Bayer. Hausritterordens vom Hl. Georg zu München gelangt ist und wer ihre Vorbesitzer waren ist bislang nicht bekannt.35 Ich habe an anderer Stelle36 die begründete Vermutung ausgesprochen, dass es sich dabei um jenes Wappenbuch handelt, das seinerzeit Graf Veit vom Thurn, kaiserlicher Statthalter zu Gradiska, Erblandhofmeister in Krain, Obersthofmeister der Kinder Ferdinands I. zu Innsbruck, ausgeliehen hat und das nach seinem Tod (1546) seine Erben nicht der tirolischen Kanzlei zurückgestellt haben, obgleich sie 1554 von der Regierung zu Innsbruck dazu aufgefordert waren.

Es macht keinen Sinn, die Schreiberhände der Münchner Handschrift zu zählen und zu bestimmen, wie es die Herausgeber des Codex Figdor getan haben.37 Sie kamen auf 93 namenlose Schreiber, was nicht weiter verwundert. Denn nach ← 20 | 21 → einigen Seiten von gleicher Hand, womit anscheinend jedes Botenbuch eröffnet wurde, folgen, zum Teil auf Rasuren, zahllose Neuaufnahmen, deren Namen und Beiträge entweder von den Boten oder Spendern selbst eingetragen wurden. Konnten die neuen Gönner und Gönnerinnen nicht schreiben, ließen sie das häufig von anderen besorgen, von ihrem eigenen Sekretär oder einem ihrer Beamten, von einem Stadtschreiber, einem Geistlichen, einem schriftkundigen Kaufmann, einem berufsmäßigen Schreiber usw. Manchmal kam es auch zur Eintragung mehrerer neuer Unterstützer von ein und derselben Hand, ob unterwegs oder erst nach der Rückkehr des Boten auf den Arlberg lässt sich nicht sagen. Was für den Codex Figdor festgestellt wurde, das gilt auch für die Münchner Handschrift.

Ob alle Boten schreiben konnten sei dahingestellt. Der Nachtrag in der Totenliste auf fol. 78‘38 stammt augenscheinlich von einem solchen und macht nicht den Eindruck großer Schreibkunst. Aber die hatte ein Sammler auch gar nicht nötig. Er brauchte nur lesen können, um zu wissen, bei wem er um weitere Spenden nachzusuchen hatte. Lesen und Schreiben wurden damals nicht gleichzeitig gelehrt, die Schreibkunst war um 1400 noch wenig verbreitet, nicht einmal unter höher Gestellten war sie selbstverständlich.39

Die Qualität der Wappen reicht von einfachen Schilden40 bis zu fein gezeichneten und schön kolorierten Vollwappen, aus der Hand welcher Künstler ist unbekannt. In den Codices Wien, München und NLA sind viele Maler (Schilter) als Spender für Hospiz und Kapelle zu St. Christoph verzeichnet,41 zwei verpflichteten sich ausdrücklich, statt Beiträge zu entrichten, umsonst für St. Christoph zu malen.42 Es ist durchaus denkbar, dass noch andere Maler aus dem Kreis der ← 21 | 22 → Unterstützer des Hospizes sich bereitfanden, gegen Entgelt oder umsonst die Sammelbücher zu verzieren. In der Regel werden aber die Boten mit Notizen über die Wappen und Anweisungen für den Maler zum Arlberg zurückgekehrt sein, um dort von einem in der Nähe wohnenden Künstler die Wappen in die Botenbücher farbig einzeichnen zu lassen. Deshalb finden sich in den Handschriften stehen gebliebene Hinweise für den Maler, auch im Codex München. Auf fol. 15 heißt es z. B. für den nicht ausgeführten Schild des Mainzer Domherren Konrad von Hirschhorn: „daz fel sol gel sin, daz horn rot“. Und im nur in Umrissen gezeichneten Schild des Wernher Schenck (fol. 23‘) liest man: „oben ein roter strich mit dry fussen vnd das fel sol gel sin“.43

Lässt man die Blätter 1 bis 4544 beiseite, mit denen es seine eigene Bewandtnis hat (s. u.), so erkennt man schnell an den Neuaufnahmen, an den von den Boten vorgenommenen Vermerken über weitere Zahlungen (s. u.) oder Todesfälle unter den Unterstützern, sei es, dass sie neben ein Wappen ein gestürztes oder liegendes Kreuz zeichneten, sei es, dass sie einem Eintrag ein „dem got genad“ hinzufügten oder hinzufügen ließen, dass man mit dem Codex München jenes Buch in den Händen hält, mit denen die Boten vom Arlberg auszogen, um in Südtirol, in den nach Osten anschließenden habsburgischen Ländern und im Grenzgebiet zu Niederbayern bei Adel und Bürgertum45 zu sammeln. Die Zahl der Spender und Spenderinnen ist beachtlich, aber für rund zwanzig Jahre Sammeltätigkeit in einem so großen Gebiet eigentlich zu niedrig. Das ließ den Verdacht aufkommen, dass ziemlich viele Blätter oder Lagen fehlen, ein Verdacht, der sich schnell bestätigte.

Von den oben erwähnten 129 datierten Einträgen im Codex Wien fallen allein 5046 auf Wiener oder Niederösterreicher, die nicht in der Münchner Handschrift stehen. 20 davon gehören zu Botenbuch-Blättern, die im 17. Jahrhundert in die Wiener Prachthandschrift gebunden wurden und sicher ursprünglich dort nicht hineingehörten.47 Ein flüchtiges Durchblättern von Hupps Werk zeigt in den an ← 22 | 23 → deren Handschriften vom Arlberg weitere Spender und Spenderinnen aus dem Sammelgebiet des Codex München, die dort fehlen. Noch deutlicher als Beweis dafür, dass zu bestimmten Sammelbezirken gehörige Blätter in falsche Codices gerieten, sind jene Seiten im Codex Wien, die einen Zahlungsvermerk „dt“ (dedit = hat bezahlt) bei dem Namen aufweisen. Die Entrichtung des Beitrags hat sicher ein Bote dokumentiert. Es handelt sich um 13 Männer, die bis auf einen48 alle Wien, Nieder- und Oberösterreich zugeordnet werden können.49 Nur 3 davon (Zekerner, Neunkircher, Stubenberg) findet man auch im Codex München, natürlich ohne Zahlungsvermerk, denn gesammelt hat man mit den anderen Blättern. Interessant ist noch, dass die drei letzten angeführten Spender (Stubenberg, Han, Spießer) auf einer Seite des Codex Figdor (39‘) stehen. Das bestätigt den schon früher von Herzberg-Fränkel erbrachten Nachweis, dass ganze Reihen von Wap ← 23 | 24 → pen mit Beischriften in den Arlberg-Handschriften identisch sind.50 Jeder Bote hat sich die Einträge ausgewählt, die er für sein Gebiet brauchte oder mit denen er renommieren konnte.51

An sich sollten die prächtigen Wappen der neu aufgenommenen Spender im Schaustück Wien stehen, während einfachere Darstellungen davon in die Botenbücher gehörten. Doch manchmal kam es anders, wie das kunstvoll gestaltete Vollwappen52 des Hans Strasser (Strazzer)53 zeigt. Bei ihm steht der Zahlungsvermerk, obgleich im selben Codex auf fol. 203 noch einmal in kleinerer Form das Vollwappen des Hans Strasser steht, allerdings mit zwei anderen Wappen auf dieser Seite. Trotzdem wurde das größere Format vom Boten gewählt, vermutlich weil man damit potentielle Unterstützer mehr beeindrucken konnte. Außerdem sieht es ganz so aus, als ob man, seit immer weniger neue Unterstützer gefunden werden konnten, sie meist mit ein bis vier Vollwappen je Seite dem Botenbuch zugefügt hat, ohne sie darin zusammen mit einfachen Schilden zu notieren und ohne immer ein kunstvoll gezeichnetes und koloriertes Gegenstück für den Prachtkodex auf dem Arlberg anzufertigen.

Um die etwas ermüdende, aber notwendige Statistik abzukürzen nur noch ein kurzer Blick auf die Tiroler, zu denen ja der mit dem Codex München sammelnde Bote zuerst kam.54 Es sind ziemlich viele und man möchte meinen, alle oder fast alle, die damals gespendet haben, seien in dieser Handschrift erfasst. Doch weit gefehlt. Oben wurde schon angemerkt, dass der Codex NLA zahlreiche ← 24 | 25 → Südtiroler Bürger (vor allem aus Bozen55 und Meran) und Adlige enthält.56 Unter ihnen befinden sich jedoch 37 adlige Damen und Herren,57 die trotz sonstiger paralleler Überlieferung in keinem der drei erhaltenen Original-Wappenbücher vom Arlberg aufscheinen, was bei dem Codex München nun gar nicht erstaunt, lag er doch dem Kopisten des 16. Jahrhunderts nicht vor.58 Umso mehr erstaunt es, dass sie sich gerade in der Kopie des 16. Jahrhunderts befinden, fußt doch ← 25 | 26 → diese höchstwahrscheinlich auf drei Botenbüchern,59 die sich auf Gebiete nördlich Tirols und jenseits des Arlbergs erstreckten (Bayern, Franken, Pfalz, Schwaben, Schweiz, Elsass, Mittel- und Niederrhein).

Als Fazit all dieser Ausführungen bleibt: Der Codex München ist zwar ohne Zweifel das Buch jener Boten vom Arlberg, die in den heutigen österreichischen Ländern (außer Vorarlberg und Burgenland, doch einschließlich Südtirol) und im angrenzenden Niederbayern gesammelt haben, aber es ist keineswegs vollständig. Es fehlen viele Unterstützerinnen und Unterstützer aus dem Sammelgebiet, deren Schilde und Spendeneinträge in andere Wappenbücher vom Arlberg geraten sind oder von denen die einfachen Gegenstücke der Prachtwappen des Codex Wien, die in der Münchner Handschrift stehen sollten, vermisst werden. Daran ist die Aufbewahrung aller alten, vermutlich sechs bis sieben, Wappenbücher vom Arlberg Schuld.

Nachdem 1416 die Sammelfahrten der Arlbergboten geendet hatten, lagen ihre Bücher und das Wiener Schmuckstück in der Herberge zu St. Christoph auf, was schon zwei Berichte aus der Mitte des 15. Jahrhunderts bezeugen.60 Wie viele interessierte Reisende Einblick in sie genommen haben, kann man nicht ermessen, aber es müssen viele, sehr viele gewesen sein, wenn man den Zustand der Handschriften nach knapp anderthalb Jahrhunderten berücksichtigt. Als der Sterzinger Vigil Raber um 1548 Wappen aus ihnen, die sich nach seiner Aussage im Wirtshaus bei der Kapelle auf dem Arlberg befanden, abzeichnete, fand er fünf Pergamentbücher vor, „gar allt Scarteggn zerprochn, zum tayl zerrissen und [mit] ← 26 | 27 → aussergeschnitn pletern, auch schillten und zerprochenen Copertpretern, gantz schmutzig und übl ghaltn“.61

Dass die Bücher einst schwere Holzdeckel als Einband hatten ist weniger wahrscheinlich als dass es nur eine Vermutung Rabers war, weil er keine „Copertpreter“ sah. Diese wären für die Boten allzu unbequem gewesen. Der Codex Figdor ist noch im Originalzustand erhalten und zeigt als Einband lediglich grobnarbiges Kalbsleder, das geschrumpft ist, einerseits wegen der Wärme, die der ständige Kontakt zum menschlichen Körper erzeugt hatte, andererseits wegen der Temperaturschwankungen, denen die Handschrift bei den Wanderungen im Sommer und Winter ausgesetzt gewesen war.62 Wie dem auch sei, zu Zeiten Rabers waren die Bücher teilweise zerrissen, Lagen gelöst, einzelne Blätter63 lagen wohl auch herum. Als man dann die Handschriften im 16. und 17. Jahrhundert neu gebunden hat, gerieten mehrere Lagen und Blätter in falsche Codices. Außerdem mag man gar nicht daran denken, wie viele Blätter vermutlich im Laufe der Jahrzehnte von Liebhabern der Wappenkunst, die auf dem Arlberg Rast machten, gestohlen worden sind.

3.   Die Boten vom Arlberg

Unter dem Gedränge der Boten in Städten, die für alle möglichen Kirchen, Klöster und Spitäler Almosen sammelten und das Reich geradezu überliefen,64 hatten es die Sammler vom Arlberg schwer, sich Gehör zu verschaffen und die Geldbörsen der Gläubigen zu öffnen. Denn es kamen nicht nur päpstliche Kollektoren und solche vom Hospiz auf dem Großen St. Bernhard hinzu, sondern auch noch alle möglichen Quästionierer, Ablasskrämer, Terminierer, Stationierer und wie sie ← 27 | 28 → sonst noch hießen. Galt es eine Kirche zu renovieren oder gar neu zu bauen, sollten sich auch rasch Opferstöcke und Büchsen, gern bei Wirten aufgestellt, füllen. Und da waren noch die sammelnden Betrüger, die mit falschen Reliquien, gefälschten Ablass- und Almosenbriefen, mit Lügen und erdichteten Geschichten dem Volk das Geld aus der Tasche zogen. Die Konkurrenz war also groß, wer sich nicht bemerkbar machte, ging unter. Die einen taten dies mit Schellen und Glöckchen bei ihrem Einzug, andere, wie die Antoniusboten weit anspruchsvoller, ließen sich unter Glockengeläut einholen, zogen in einer feierlichen Prozession zur Kirche und nach einem Amt mit Predigt, Ansprache und Segen ging es ans Kassieren, nicht ohne vorher den Sack mit Geschenken zu öffnen: Messer, Handschuhe, Glöckchen, Geldtaschen wurden verteilt, den großherzigeren Spendern Barchent, Kopftücher, Schuhe, Spezereien, Gewürze, Theriak überreicht. Und es lohnte sich. Die „Fahrtherren“ der Antoniter zu Höchst gaben zwar alljährlich 1500 Gulden für Andenken und Geschenke aus, verbuchten dagegen aus der Almosenfahrt des Jahres 1480 Einnahmen von 2800 Gulden.65

Wie schwer muss es einem Arlbergboten gefallen sein irgendwie dagegenzuhalten. Geschenke hatte er nicht, er konnte nur auf die hohen Damen und Herren verweisen, die Hospiz und Kapelle zu St. Christoph einer Spende für würdig erachtet hatten. Diesem Zweck dienten offensichtlich die ersten 26 Blätter des Codex München. Sie renommieren mit Herzögen (Leopold IV. von Österreich66 und seine Gattin Katharina von Burgund, Herzog von Berg), dem Fürsten zu Anhalt, dem Markgrafen zu Baden, mehreren Grafen (Sulz, Castell, Habsburg, Saarwerden, Werdenberg, Nellenburg, Sponheim, Wertheim, Nassau, Sargans, Stühlingen) und vielen bekannten Geschlechtern aus dem Süden des Reiches.67 Hinzu kommen noch Damen und Herren vom Hof bis hinab zum einfachen Hofgesinde.68 Mögen auch die Namen auf Gebiete außerhalb Österreichs verweisen ← 28 | 29 → (Schweiz, Elsass, Baden, Württemberg usw.), dort gesammelt hat man mit diesem Buch nie. Es finden sich nur vier Zahlungsvermerke (s. u.) auf den Folien 1–26, bis auf einen stehen sie bei deutlich erkennbaren späteren Nachträgen zu Anna von Lassberg aus Niederösterreich (1), Propst Niclas von Neustift im Eisacktal (1‘), Johannes Sefner aus Radkersburg (1‘). Dass auch der Elsässer Hensel von Hunweiler (13) ein „dt“ erhalten hat, ist nur damit zu erklären, dass er einem Boten irgendwo, vermutlich in Wien, wo sich viele Amtleute der Habsburger einfanden, über den Weg gelaufen ist oder dass man den Zahlungsvermerk aus dem auf dem Arlberg aufliegenden Hauptbuch übertragen hat. Solche „Renommierseiten“, mag auch die Auswahl entsprechend dem Sammelgebiet etwas anderes gewesen sein, dürften ebenfalls die verschollenen Botenbücher enthalten haben.

Es ist anzunehmen, dass der erste Beitrag bei der Aufnahme unter die Spender, gleich ob auf dem Arlberg während der Durchreise im Hauptbuch oder von einem sammelnden Boten in seinem Buch vorgenommen, nicht eigens angemerkt wurde, dass aber weitere Zahlungen mit „dt“ (= dedit) sehr wohl verzeichnet wurden. Das geschah natürlich ebenso durch einen Boten wie der Hinweis, dass ein Unterstützer verstorben war. Nur ein Sammler, der vor Ort war, konnte das wissen. Wertet man beide Angaben (weitere Zahlungen, Totenvermerke) aus, lässt sich sehr gut der Weg des Boten, der mit dem Codex München um Almosen bat, rekonstruieren. Er zog vom Arlberg über den Reschen in den Vinschgau, über das Burggrafenamt, Bozen, das Eisack- und Pustertal nach Osttirol, von dort über Kärnten, Steiermark/Krain, Niederösterreich nach Wien, weiter durch Nieder- und Oberösterreich nach Passau und ins angrenzende Niederbayern, durch das noch bayrische Innviertel nach Salzburg69 und schließlich über Nordtirol, wo nicht gesammelt wurde, zurück auf den Arlberg.

Sammelte ein Bote über Jahre hinweg in ein und demselben Gebiet, wusste er meist auch ohne Buch, wo er um welch hohen Beitrag zu bitten hatte. Doch brauchte er das Buch mit den Wappen und Einträgen als Legitimation, dass er ein bevollmächtigter Sammler vom Arlberg war. Das brachte deutlich der Deutschordensritter Wolf von Züllnhart zum Ausdruck, als er den Vorbehalt in ein Buch eintragen ließ, er werde nur dann wieder zahlen, „ob ich mit desim buche gesucht werde“.70 Geht ← 29 | 30 → man davon aus, dass bei der Aufnahme eines neuen Spenders die Zahlung des ersten Beitrages nicht eigens angegeben wurde, dann zeigen trotzdem die Zahlungsvermerke (dt, dedit) im Codex München ein trauriges Bild und lassen erkennen, dass sich die Hoffnung, mit Spenden wesentliche Gelder für den Unterhalt von Hospiz und Kapelle aufzubringen, nicht erfüllt hat. Nur 50 Personen haben noch einmal,71 37 noch zweimal,72 20 noch dreimal,73 6 noch viermal74 und 2 noch fünfmal75 bezahlt.

Das hat mehrere Gründe. Zum einen wird der Bote (einige Male? mehrfach?) einfach vergessen haben, eine weitere Zahlung zu notieren. Zum anderen ist an die vielen Rasuren in der Handschrift zu denken, die nicht nur Zahlungsunwillige, sondern auch schon verstorbene Mehrfachzahler betroffen haben mögen. Stehen blieben ihre Wappen nur, wenn man damit Eindruck machen konnte oder noch anderswo im Buch Platz für Neueinträge war. Die 78 Personen,76 die durch ein Kreuz (normal, gestürzt, schräg, liegend) neben ihrem Namen oder Wappen oder durch einen Zusatz wie „dem got genad“, „hilf got“ (vornehmer 71: requiescat in pace, orate pro eo) im Codex München als verstorben bezeichnet werden, werfen sowieso ein Problem auf. Waren sie wirklich alle tot oder noch am Leben und ließen nur durch ihre Verwandten dem Boten ausrichten, sie seien verstorben, um die lästigen Bittsteller ein für alle Mal loszuwerden? Das Beispiel des Pankraz Hedersdorfer, eines Wieners, stimmt in dieser Hinsicht nachdenklich. Sein Wappen und Eintrag steht auf fol. 95 der Handschrift mit ← 30 | 31 → zwei anderen Vollwappen. Alle drei Spender sind durch ein Kreuz (bei Pankraz ein liegendes) als tot gemeldet. Dabei ist er erst 1422 gestorben,77 als schon lange kein Sammler für den Arlberg mehr unterwegs war. Wie viele Adlige und Bürger werden sich noch durch Verwandte vor dem Boten für tot haben ausgeben lassen, weil sie sich vielleicht schämten, direkt zuzugeben, nicht mehr zahlen zu wollen?78

Zudem ist an die Wegstrecke zu denken, die ein Bote üblicherweise nahm. Aus Kostengründen konnte er davon nicht abweichen. Im Codex München stehen vermutlich nicht wenige Adlige, die als Reisende auf dem Arlberg oder anderswo aufgenommen wurden, deren Burgen im Sammelgebiet aber zu abgelegen waren, um aufgesucht werden zu können. Auch Bürger und Bürgerinnen, die man auf Märkten, Straßen, Gassen, vor Kirchen und in Gasthäusern geworben hatte, werden öfter abseits der Route gelebt haben. Sie alle erhielten in der Handschrift keinen zusätzlichen Zahlungsvermerk.

Trotzdem bleibt ein beklemmender Eindruck über den Ertrag der Sammlungen, zumal wenn man ihre Höhe im Einzelfall bedenkt. Mögen zwar einige hohe Damen und Herren sich verpflichtet haben, alljährlich 1 oder 2 Gulden zu spenden, so belief sich im Allgemeinen die Spende einer Person bei der Guldenwährung nur auf 3 bis 4 Kreuzer (Groschen), seltener auf 2 oder 6, bei der Pfundwährung auf 12 oder 24 (Wiener) Pfennige. Das trifft für alle Bücher vom Arlberg zu.79 Im Todesfall sollte in der Regel der doppelte Betrag entrichtet werden. Nur in sechs Fällen liest man, dass das im Bereich des Codex München geschehen ist,80 dazu kommen vier weitere Einträge,81 zu denen die parallele Überlieferung in der Wiener Handschrift die Todfallzahlung erwähnt. Die Erben eines Verstorbenen wollten sonst offensichtlich nichts davon wissen. Die Aufforderung an einen lebenden Spender, er „schol ausrichten, waz sein vater geschafft hat“ (fol. 132‘), verhallte wohl meist ungehört. Freiwillige Spenden kann man schlecht einfordern. ← 31 | 32 →

Erfreulich, wenn auch nicht zu häufig waren Sachspenden und Dienstleistungen, die St. Christoph oder den Boten zugutekamen. Im Codex München heißt das: ein Scheffel Korn (Vorblatt 2‘, fol. 3‘, 13‘, 25), Wein (32), ein mit goldenen Fäden gewirktes Weihtuch (21), ein Seidenrock zu einem Messgewand (3), ein goldenes Messgewand (31‘), ein Altartuch (50), eine Rippe von den Unschuldigen Kindlein (48),82 eine Alltagsjacke („tagjanker“, 95), ein Futter für ein silbernes Pferdegeschirr (100), „feine Sachen“ nach dem Tod (107‘), alle Habe nach dem Tod (47‘), der Bote hat den Tisch (1‘).83

Dass nach der Erstzahlung die Bereitschaft, noch öfter als ein- oder zweimal einen Beitrag zu entrichten, rapide abnahm, erklärt sich daraus, dass ein fortwährendes Zahlen anscheinend nicht üblich war, wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, sich durch eine Einmalbetrag von weiterer Verpflichtung zu befreien. Dazu muss man den Codex Wien zu Hilfe nehmen, da die Münchner Handschrift hier nicht weiterhilft. In der Wiener Prachthandschrift lösten sich fünf Personen von künftiger Zahlungspflicht, indem sie ihren versprochenen Beitrag dreimal im Voraus entrichteten, je einer zahlte zu diesem Zweck das Vier-, Fünf- und Siebenfache.84 Wer also nur dreimal in die Tasche griff, den ließen die Sammler in Ruhe.

Details

Seiten
460
Jahr
2016
ISBN (PDF)
9783653069860
ISBN (ePUB)
9783653956528
ISBN (MOBI)
9783653956511
ISBN (Hardcover)
9783631678619
DOI
10.3726/978-3-653-06986-0
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Juni)
Schlagworte
Heraldik Genealogie Personengeschichte Tirol
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 460 S., 3 farb. Abb., 1 s/w Abb.

Biographische Angaben

Robert Büchner (Autor:in)

Robert Büchner; Promotion und Habilitation an der Universität Innsbruck, danach Außerordentlicher Professor für Geschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit an der Universität Innsbruck. Forschungsschwerpunkte: Sozial-, Wirtschafts-, Bergbau- und Kulturgeschichte Tirols im 15. und 16. Jahrhundert, besonders zu Rattenberg.

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Titel: Das Münchner Boten- und Wappenbuch vom Arlberg