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Multidimensionale Betrachtungsweisen zu Ethnic Entrepreneurship

von Petra Aigner (Autor:in)
Monographie 182 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 2. Ethnische Ökonomien – Daten und Fakten
  • 2.1 Migrationsdynamiken in Österreich und Oberösterreich
  • 2.2 Migrationsregime und Arbeitsmarkt
  • 2.3 Erwerbstätigen- und Arbeitslosenquote (EU und Österreich) von Personen mit und ohne Migrationshintergrund
  • 2.3.1 Europäische Union
  • 2.3.2 Erwerbstätigen- und Arbeitslosenquote: Österreich
  • 2.4 Selbstständige Erwerbstätigkeit
  • 2.4.1 Europäische Union
  • 2.4.2 Österreich
  • 2.4.3 Selbstständige in Österreich nach Staatsangehörigkeit
  • 2.4.4 Selbstständige Erwerbstätige mit und ohne Migrationshintergrund, differenziert nach soziodemografischen Faktoren 2008 versus 2017
  • 2.4.5 Selbstständige Erwerbstätige, differenziert nach Branchenverteilung
  • 3. Ethnische Ökonomien – Theorien
  • 3.1 Definitionen zum Begriff der ethnischen Ökonomien im internationalen Vergleich
  • 3.2 Grundlegende Modelle zu Ethnic Entrepreneurship
  • 3.3 Forschungsstand zu ethnischen Ökonomien nach thematischen Gruppen
  • 4. Wirtschaftssoziologische Aspekte zu Ethnic Entrepreneurship
  • 4.1 Max Weber
  • 4.2 Adam Smith, David Ricardo, John Stuart Mill
  • 4.3 Alfred Marshall
  • 4.4 Frank Knight, Ludwig von Mises (De Mises)
  • 4.5 Israel Kirzner, Friedrich von Hayek, Mark Casson
  • 4.6 Joseph Schumpeter
  • 4.7 Harrison White
  • 4.8 Mark Granovetter
  • 4.9 Dieter Bögenhold
  • 5. Die soziokulturelle Komponente – migrationssoziologische Aspekte zu Ethnic Entrepreneurs
  • 5.1 Klassische Sichtweisen zum Händler
  • 5.2 Assimilationstheoretische Perspektiven und Ethnic Entrepreneurship
  • 5.3 Pluralistische Gesellschaftsstrukturen und Ethnic Entrepreneurship
  • 5.4 Global Cities, der duale Arbeitsmarkt und Ethnic Entrepreneurship
  • 5.5 Migrationsnetzwerke und ethnische UnternehmerInnen
  • 5.6 Integrationsdynamiken und Ethnic Entrepreneurship – ein theoretisches Modell
  • 5.7 Resümee der Theorien
  • 6. Methodischer Zugang
  • 6.1 Konzeption der Studie
  • 6.2 Forschungsebene 2: qualitative Studie
  • 6.3 Strukturierte Inhaltsanalyse nach Phillip Mayring
  • 6.4 Validität, Reliabilität, Objektivität: die Rolle des/der Forschers/-in – Research Ethics
  • 6.5 Semistrukturierte Interviews
  • 6.6 Sampling
  • 6.7 Forschungsebene 1: statistische Erhebung
  • 7. Darstellung der empirischen Ergebnisse
  • 7.1 Migrationsbiografien
  • 7.2 Motive für die Unternehmensgründung
  • 7.3 Branche, Produkte, Betriebsgröß;e, Angestellten- und Kundensegment
  • 7.3.1 Angestelltentypologie
  • 7.3.2 Angestelltenverhältnisse nach soziodemografischen Faktoren
  • 7.3.3 Branchen und Produkte
  • 7.3.4 Produktorientierung nach soziodemografischen Faktoren
  • 7.3.5 Kundensegment
  • 7.3.6 Kundensegment nach soziodemografischen Faktoren
  • 7.4 Soziokulturelle und sozioökonomische Integrationsfunktionen
  • 7.4.1 Soziokulturelle Integration – Integrationsfunktion nach auß;en
  • 7.4.2 Integrationsfunktion nach innen
  • 7.4.3 Sozioökonomische Integration
  • 7.5 Finanzieller und sozialer Status – sozioökonomische und soziale Mobilität
  • 7.6 Die zweite Generation – Betriebserweiterungen
  • 7.7 Wertschätzung/Diskriminierung
  • 7.8 Transnationale Entrepreneurship und Refugee Entrepreneurship
  • 8. Conclusio
  • Literaturverzeichnis

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1.  Einleitung

Als Folge globaler Migrationsdynamiken und nationaler Immigrationsprozesse auf Gesamt-EU-Ebene1 lebten laut des statistischen Amtes der Europäischen Union (vgl. Eurostat 2017) am 01.01.2017 knapp 512 Millionen Personen in der EU (28 Staaten). 20,7 Millionen der 2016 in einem EU-Mitgliedsstaat ansässigen Menschen waren in einem Drittstaat geboren worden (4,1 % der Bevölkerung der EU-28) (ibid.). Weitere 16 Millionen, die aus einem der EU-Mitgliedsstaaten stammten, lebten in einem EU-Mitgliedsstaat, dessen Staatsbürgerschaft sie allerdings nicht besaßen (ibid.). 2015 waren laut Eurostat (2017) 4,7 Millionen Menschen in die EU-28 eingewandert (ibid.). 2,4 Millionen derer stammten dabei aus Drittstaaten, 1,4 Millionen aus einem anderen Mitgliedsstaat (ibid.). 860.000 Menschen waren RückkehrmigrantInnen, welche wieder in den EU-Staat zurückkehrten, dessen Staatsbürgerschaft sie besaßen (ibid.).

In Österreich waren zum 01.01.2002 730.261 Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft gemeldet; zu Beginn des Jahres 2010 waren es bereits 883.579 und mit dem 01.01.2018 1.396.356 ZuwandererInnen (15,3 % der Gesamtbevölkerung) (vgl. Statistik Austria 2018). 694.002 derer stammten aus EU-27-Staaten2, 692.923 aus Drittstaaten (vgl. Statistik Austria 2018). Die MigrantInnenpopulationen aus EU-13-Staaten bzw. EU-Neu-Staaten setzen sich am stärksten aus RumänInnen (102.242 Personen), UngarInnen (77.174 Personen), KroatInnen (76.690 Personen) und PolInnen (62.187 Personen) zusammen (ibid.). Die aus den EU-15-Staaten am häufigsten vertretene MigrantInnenpopulation stammte ← 11 | 12 → aus Deutschland (186.891); die Drittstaatenpopulationen3 kamen prädominant aus der Türkei (117.277), aus Bosnien und Herzegowina (95.221) sowie aus Asien, wie zum Beispiel aus Afghanistan (45.720) und Syrien (48.116) – diesbezüglich vor allem verursacht durch die Fluchtbewegungen aus dem Mittleren Osten in den vergangenen Jahren (vgl. Statistik Austria 2018). Die Immigrationen der letzten Jahre hatten zur Folge, dass im Jahresdurchschnitt 2016 etwa 22 % der Gesamtbevölkerung Österreichs 2016 Menschen mit Migrationshintergrund4 waren (1,4 Millionen MigrantInnen der ersten Generation und 483.100 der zweiten Generation; vgl. ibid; vgl. Aigner 2017b).

Aus sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Sicht wird Migration und MigrantInnen am Arbeitsmarkt vor allem der sozioökonomische Nutzen in den Aufnahmegesellschaften und Entsendegesellschaftsgefügen debattiert, aber auch Diskussionen in der Politik oder den Wissenschaften zu Integrationsdynamiken und wechselseitigem, soziokulturellem Nutzen sind mehr denn je an der Tagesordnung – unter anderem angeregt durch die Flüchtlingsdiskussion der letzten Jahre. Für die MigrantInnen hingegen liegt oftmals der Fokus auf Herausforderungen, die auf soziokultureller und sozioökonomischer Ebene im Alltagsbereich auftreten.

Auf EU-Ebene und in Österreich lässt sich, bedingt durch die Zunahme der Immigration aus der EU und aus Drittstaaten, eine verstärkte ethnischkulturelle Diversität auch der erwerbstätigen Bevölkerung und infolge eine Zunahme ethnischer Ökonomien bzw. der Ethnic Entrepreneurship, d. h. eine vermehrte selbstständige Erwerbstätigkeit von Menschen mit Migrationshintergrund, feststellen (vgl. Aigner 2012, 2017b). Von den Personen ohne österreichische ← 12 | 13 → Staatsbürgerschaft waren im Jahr 2005 5,6 %, 2010 7,5 % und 2017 bereits 10 % selbstständig erwerbstätig – bezogen auf die Gesamtheit aller selbstständigen Erwerbstätigen (vgl. Statistik Austria 2018). Im Vergleich dazu war die selbstständige Erwerbstätigkeit der autochthonen Bevölkerung (der Bevölkerung mit österreichischer Staatsbürgerschaft) rückläufig5: von 94,4°% im Jahr 2005 auf 92,5 % im Jahr 2010 und 90 % im Jahr 2017 (ibid.). Ethnic Entrepreneurship nimmt daher eine zunehmend inhaltsreichere Rolle und Funktion im Kontext des österreichischen Gesellschaftssystems ein (vgl. Aigner 2012, 2017b).

Besonders der Bereich der selbstständigen Erwerbstätigen mit Migrationshintergrund scheint bis dato in Österreich nur partiell Beachtung erfahren zu haben – speziell der Wissensstand zu ethnischem Unternehmertum in Österreich und dessen Rolle und Funktion in der Gesellschaft und den Gesellschaftsystemen scheint nur teilweise erforscht –, während auf internationaler Ebene – beginnend in den USA mit den 1950er- und 1960er-Jahren und in der Folge in Europa, vor allem in Großbritannien seit den 1980er-Jahren – die Ethnic-Entrepreneurship-Forschung boomte; erst mit den 1990er-Jahren folgten derartige Bestrebungen in Österreich und Deutschland (vgl. Haberfellner et al. 2000; Haberfellner 2012; Meier 2008).

Im angloamerikanischen Bereich der Ethnic-Entrepreneurship-Forschung stehen soziokulturelle Wirkungsweisen der Ethnic Entrepreneurship sowie migrantische Netzwerke (Communitys) partiell im Vordergrund, neuerdings auch das transnationale und das Refugee Entrepreneurship. Amerikanische und britische WissenschaftlerInnen beschäftigen sich mit urbanen Ökonomien oder/und Ethnic Enclave Economies, mit den Interdependenzen mit lokalen Arbeitsmärkten oder mit den Schnittstellen von Gender, Schicht, Kapital und sozialer Mobilität in Bezug zu Ethnic Entrepreneurship (z. B. Ward/Jenkins 1984/2009; Light 1987; Aldrich/Waldinger 1990; Goldberg 1996; Oc/Tiesdell 1999; Sassen 1998; Kloosterman/Leun/Rath 1998; Zhou 2004; Portes/Jensen (1989, 1992), Abrahamson (1996), Light (1984, 2003), Light/Gold (2000/2007) und Yoo (2014); Ram/Jones (2008a/b), Ram et al. (2012) in Aigner 2012). Bonacich (1973, 1993) und Portes (1995) diskutieren den Middleman-Minority-Ansatz (Mittelsmänner/-frauen) (vgl Aigner 2012, 2017b). Die internationale sozialwissenschaftliche Forschung zu Ethnic Entrepreneurship fokussiert u. a. spezifisch auf Aspekte der sozialen Netzwerke (Networks of Trust; Economies of Trust6) ← 13 | 14 → (z. B. Light 1984, 2003; Light/Gold 2007; Wahlbeck 2007; Valdez 2008; Portes 1995, 2010; auch vgl. Aigner 2012).

Mit Bezug zu Deutschland beschäftigt sich Pichler (1992, 2011) mit unterschiedlichen Unternehmenstypen von Personen mit Migrationshintergrund, hier besonders mit der italienischen Community in Deutschland. Stock (2013) wie auch Hillman (2011a/b), GeografInnen, widmen sich stadtgeografischen Analysen zu Ethnic EntrepreneurInnen. Floeting et al. (2004) behandeln in der Folge die Potenziale und die Integrationsfunktion ethnischer Unternehmen.

Im letzten und vorletzten Jahrzehnt beschäftigte sich die internationale Sozial- und Wirtschaftswissenschaft vermehrt mit Refugee Entrepreneurship und transnationaler Entrepreneurship. Transnationale Entrepreneurship7 wurde von Landolt (2000, 2001), Landolt et al. (1999), Portes et al. (1999), Portes et al. (2002), Drori et al. (2006), Miera (2008), Drori et al. (2009), Chen/Tan (2009), Honig et al. (2010), Bagwell (2008, 2015), Zhou/Liu (2015) oder Ratten (2017) federführend erforscht; Refugee Entrepreneurship8 wurde von Gold (1992), Fuller-Love et al. (2006), Wauters/Lambrecht (2006, 2008), mit Bezug zu Belgien, oder am Rande auch von Aubry et al. (2015) betrachtet.

Während auf internationaler Ebene (vor allem in den USA und Großbritannien) sozioökonomische und soziokulturelle Aspekte und Wirkungsweisen ← 14 | 15 → der ethnischen Ökonomien9 – bevorzugt unter Anwendung theoretischer Modelle – schon seit einigen Jahrzehnten diskutiert werden, begann eine intensivere Phase der Ethnic-Entrepreneurship-Forschung in Österreich erst in den späten 1990er-Jahren, welche aber in ihrer Intensität vergleichsweise nicht an das Interesse der internationalen sozialwissenschaftlichen Ethnic-Entrepreneurship-Forschung anschließen konnte. Zeitgenössisch ist ein neuer Aufschwung an Forschungsaktivitäten und Publikationstätigkeiten zu Ethnic Entrepreneurship10 auf nationaler Ebene zu beobachten. Gegenwärtig scheinen dennoch Fragestellungen zu den spezifischen Integrationswirkungen – zu soziokulturellen, aber auch sozioökonomischen Funktionen von ethnischen Ökonomien – im nationalen Kontext auf theoretischer und empirischer Ebene zwar punktuell, aber nicht umfangreich erforscht (vgl. Aigner 2017b). Steinmayr (2006), Enzenhofer et al. (2007), Schmid et al. (2006), Haberfellner (2011) oder Alteneder/Pinter (2013) veröffentlichten deskriptiv-statistisch orientierte Studien, während am Zentrum für soziale Innovation (ZSI) theoriezentrierte Projekte durchgeführt und Werke veröffentlicht wurden (z. B. von Haberfellner et al. 2000; Böse et al. 2005 in Aigner 2012). Kohlbacher/Fassmann (2011) geben im Rahmen einer Fallstudie einen Einblick in die Situation der ethnischen UnternehmerInnen in Wien, wobei auf Markt und Rahmenbedingungen besonders eingegangen wird. Schmatz und Wetzel (2014) fokussieren auf migrantische Ökonomien in Wien. Sardadvar et al. (2013) beschäftigen sich mit Grenzbereichen von Selbstständigkeit bzw. Scheinselbstständigkeit im Baugewerbe, ebenso Riesenfelder und Wetzel (2013). Enzenhofer et al. (2006) beschäftigen sich mit neuen Formen der Selbstständigkeit, also neuen Selbstständigen. Auch Biffl (2000, 2009, 2011, 2014, 2016) fokussiert auf die Eingliederung von selbstständigen Erwerbstätigen mit Migrationshintergrund in den österreichischen Arbeitsmarkt, bezieht sich aber auch zentral in ihren Werken auf unselbstständige Erwerbstätige mit Migrationshintergrund. Insgesamt scheinen die qualitativ orientierten Studien der ← 15 | 16 → Ethnic-Entrepreneurship-Forschung in Österreich mehrheitlich auf den Raum Wien sowie auf spezifische Migrationsgruppen (z. B. türkischstämmige oder ehem. jugoslawischstämmige UnternehmerInnen) beschränkt. Ethnic Entrepreneurship in Oberösterreich scheint relativ gering erforscht.

Zusammenfassung

Als Resultat unterschiedlicher Migrationsbewegungen in den letzten Jahrzehnten stieg die MigrantInnenpopulation Österreichs und in der Folge ebenso die Anzahl der ethnischen UnternehmerInnen, die Selbstständigen mit Migrationshintergrund, am österreichischen Arbeitsmarkt an.
Dieses Buch gibt einen statistischen Überblick zu Ethnic Entrepreneurship in Österreich sowie einen Überblick über einschlägige Literatur zu den sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Theorien zu Ethnic Entrepreneurship. Anschließend werden anhand einer qualitativen Studie mit 50 ethnischen UnternehmerInnen in Oberösterreich und unter Anwendung der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring soziokulturelle und sozioökonomische Funktions- und Wirkungsweisen von ethnischen UnternehmerInnen unter der Weiterentwicklung von migrations- und integrationstheoretischen Modellen erörtert.

Biographische Angaben

Petra Aigner (Autor:in)

Petra Aigner ist Assistenzprofessorin am Institut für Soziologie, Abteilung für Empirische Sozialforschung, der Johannes Kepler Universität Linz, Österreich. Sie studierte in Großbritannien und Irland und wurde am Trinity College Dublin in Irland promoviert.

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Titel: Multidimensionale Betrachtungsweisen zu Ethnic Entrepreneurship