Loading...

Das Lügenproblem bei Kant

Eine praktische Anwendung der Kantischen Ethik auf die Frage nach der moralischen Bedeutung von Falschaussagen

by Yasutaka Akimoto (Author)
©2017 Thesis 212 Pages

Summary

Dieses Buch prüft die allgemeine Forschungsmeinung, dass Kant ein Vertreter des absoluten Lügenverbots sei. Dabei verteidigt der Königsberger Philosoph aber ebenso den Standpunkt, dass die Moralität einer Handlung von der Maxime des Willens abhängt. Wenn Kant nun gleichzeitig behaupten würde, dass bestimmte Handlungen in jedem Fall verboten sind, würde er sich widersprechen. Indem das Buch die begriffliche Unterscheidung von «Lügen» als pflichtwidrige Falschaussagen und «Unwahrheiten» als nicht pflichtwidrige Falschaussagen trifft, bietet es für dieses Paradox der Kant-Forschung als erste Monografie zum Lügenproblem einen Lösungsansatz. So wird man mit Kant sogar sagen können: «Manchmal musst du die Unwahrheit sagen.»

Table Of Contents

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Zur Diskussion des Problems der Lüge vor Kant
  • 1. Einflüsse auf Kants Ethik
  • 1.1 Christliche Philosophen bis zum Mittelalter
  • 1.1.1 Aurelius Augustinus
  • 1.1.2 Thomas von Aquin
  • 1.2 Rechtswissenschaftler zur Zeit der Entwicklung des Völkerrechts
  • 1.2.1 Hugo Grotius
  • 1.2.2 Samuel von Pufendorf
  • 1.3 Philosophen der Aufklärung
  • 1.3.1 Christian Wolff
  • 1.3.2 Alexander Gottlieb Baumgarten
  • 1.4 Der Pietismus
  • Das Lügenproblem bei Kant
  • 2. Kants Ansichten zur Lüge vor der Herausgabe der GMS
  • 2.1 Die Ethikvorlesungen
  • 2.1.1 Die Ethikvorlesung in den 1760er Jahren
  • 2.1.2 Die Ethikvorlesung in den 1770er Jahren
  • 2.1.3 Die Ethikvorlesungen in der ersten Hälfte der 1780er Jahre
  • 2.1.4 Ein Fazit zu den Ethikvorlesungen
  • 2.2 Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, 1764
  • 3. Kants klassische ethische Schriften
  • 3.1 Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785
  • 3.1.1 Der Kern der Kantischen Ethik
  • 3.1.2 Das Lügenproblem in der GMS
  • 3.1.3 Die Gliederung der Pflichten in der GMS
  • 3.2 Kritik der praktischen Vernunft, 1788
  • 3.2.1 Maximen und Lebensregeln
  • 3.2.2 Inwiefern konkrete Situationen eine Maxime beeinflussen können
  • 3.2.3 Die zwei Arten von Maximen
  • 3.3 Metaphysik der Sitten, 1797
  • 3.3.1 Rechts- und Tugendlehre
  • 3.3.2 Die Gliederung der Pflichten in der MS
  • 3.3.3 Zur Konkretisierung von Maximen
  • 3.3.4 Maximen und Gewohnheiten
  • 3.4 Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen, 1797
  • 3.4.1 Rechtspflichten
  • 3.4.2 Handlungen aus Menschenliebe
  • 4. Eine Falschaussage als Pflicht?
  • 4.1 Die erste Formulierung des Kategorischen Imperativs
  • 4.2 Die zweite Formulierung des Kategorischen Imperativs
  • Kritiken an Kants Ethik
  • 5. Der Rigorismusvorwurf
  • 5.1 Was bedeutet ‚Rigorismus‘?
  • 5.2 Der Rigorismusvorwurf in Patons Sinne
  • 5.3 Die Rigorismusvorwürfe von Singer, Williams und Gillespie
  • 5.4 Schillers Rigorismusvorwurf
  • 5.5 Der Rigorismusvorwurf und Kants Ethik
  • 6. Der Formalismusvorwurf
  • 6.1 Hegels Formalismusvorwurf
  • 6.2 Denken- und Wollen-Kriterium
  • 6.3 Form und Materie
  • 6.4 Max Schelers Kritik an Kants Ansichten zum Lügenproblem
  • 7. Schopenhauers Kritiken
  • 7.1 Schopenhauers Grundlage der Moral
  • 7.2 Kategorischer Imperativ und Goldene Regel
  • 7.3 Der Freiheitsbegriff: Kant versus Schopenhauer
  • 7.4 Ist der Kategorische Imperativ hypothetisch?
  • 7.5 Das Lügenproblem bei Schopenhauer
  • 8. Mills Kritiken
  • 8.1 Mills Utilitarismus
  • 8.2 Die Beweisführung des Mill‘schen Utilitarismus
  • 8.3 Handlungs- und Regel-Utilitarismus
  • 8.4 Mills Kritik an Kants Ethik
  • 8.5 Ähnlichkeiten und Unterschiede der Ethiken Kants und Mills
  • Abschließende Betrachtungen
  • 9. Kant und die Wahrhaftigkeit
  • 9.1 Als Kant die Unwahrheit äußerte
  • 9.2 Warum Kant der Wahrhaftigkeit eine so große Bedeutung beimisst
  • 10. Fazit
  • Literaturverzeichnis

Yasutaka Akimoto

Das Lügenproblem bei Kant

Eine praktische Anwendung der Kantischen Ethik auf die Frage nach der moralischen Bedeutung von Falschaussagen

logo.jpg

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Zugl.: Trier, Univ., Diss., 2012

Umschlagabbildung: Fotografie © Yasutaka Akimoto

Diese Dissertation wird mit der Unterstützung der STIBET Doktorandenbetreuung des DAAD publiziert.

D 385
ISBN 978-3-631-67895-4 (Print)
E-ISBN 978-3-653-07057-6 (E-PDF)
E-ISBN 978-3-631-69863-1 (EPUB)
E-ISBN 978-3-631-69864-8 (MOBI)
DOI 10.3726/978-3-653-07057-6

© Peter Lang GmbH
Internationaler Verlag der Wissenschaften
Frankfurt am Main 2017
Alle Rechte vorbehalten.
PL Academic Research ist ein Imprint der Peter Lang GmbH.
Peter Lang – Frankfurt am Main · Bern · Bruxelles · New York · Oxford · Warszawa · Wien

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Diese Publikation wurde begutachtet.

www.peterlang.com

Autorenangaben

Yasutaka Akimoto studierte Philosophie in Tokyo und wurde an der Universität Trier promoviert. Zu seinem Forschungsschwerpunkt, der Kantischen Moralphilosophie, referierte er auf dem Internationalen Kant-Kongress und auf weiteren nationalen und internationalen Kant-Tagungen.

Über das Buch

Dieses Buch prüft die allgemeine Forschungsmeinung, dass Kant ein Vertreter des absoluten Lügenverbots sei. Dabei verteidigt der Königsberger Philosoph aber ebenso den Standpunkt, dass die Moralität einer Handlung von der Maxime des Willens abhängt. Wenn Kant nun gleichzeitig behaupten würde, dass bestimmte Handlungen in jedem Fall verboten sind, würde er sich widersprechen. Indem das Buch die begriffliche Unterscheidung von „Lügen“ als pflichtwidrige Falschaussagen und „Unwahrheiten“ als nicht pflichtwidrige Falschaussagen trifft, bietet es für dieses Paradox der Kant-Forschung als erste Monografie zum Lügenproblem einen Lösungsansatz. So wird man mit Kant sogar sagen können: „Manchmal musst du die Unwahrheit sagen.“

← 22 | 23 →

1.  Einflüsse auf Kants Ethik

Ein Jeder wird in seinem Denken und Handeln von äußeren Umständen, wie der Kultur, dem Lebensraum oder geistigen Vordenkern, beeinflusst. So natürlich auch Immanuel Kant. Aus diesem Grunde muss man auch die Geschichte betrachten, um Kant und seine Theorie verstehen zu können.

In chronologischer Reihenfolge soll sich daher zunächst mit folgenden drei Gruppen befasst werden: den Philosophen der Kirche (Augustinus und Thomas von Aquin), den neuzeitlichen „Rechtswissenschaftler[n]“34 (Grotius und Pufendorf) und den aufklärerischen Philosophen (Wolff und Baumgarten).

Otfried Höffe weist auf die Ähnlichkeit zwischen Augustinus, Thomas von Aquin und Kant in Bezug auf das Lügenproblem hin. Er versucht nachzuweisen, dass bei allen dreien jegliches Recht zur Lüge verneint wird. Im Gegensatz dazu würden andere Rechtswissenschaftler zur Zeit der Entwicklung des Völkerrechts sowie Philosophen in der Aufklärung dem Menschen ein Recht zur Lüge zugestehen und die Lüge gelegentlich sogar als Pflicht betrachten.35

In diesem Kapitel werden daher die Unterschiede zwischen den kirchlichen, rechtswissenschaftlichen und aufklärerisch-philosophischen Ideen herausgearbeitet und deren Einfluss auf Kants Einstellung zum Lügenproblem dargestellt. Dabei sollen die Ähnlichkeit von Kants Ethik mit diesen Vorläuferquellen, aber auch die besonderen Charakteristika seiner eigenen Auffassung aufgezeigt werden. ← 23 | 24 →

1.1  Christliche Philosophen bis zum Mittelalter

Wie zuvor erwähnt, beschäftigten sich bereits die griechischen Philosophen mit dem Lügenproblem. Allerdings taten sie es noch nicht systematisch und ausführlich. Erst seit sich das Christentum in Europa verbreitet hat, wird die Frage, ob, und wenn ja, wann, es erlaubt ist, zu lügen, tiefgründig diskutiert. Daher setzt diese Arbeit mit ihren historischen Betrachtungen zum Lügenproblem bei den Philosophen der Kirche ein.

Im Jahre 313 wird das Christentum von Kaiser Konstantin dem Großen rechtlich gestattet, und im Jahre 380 zur Staatsreligion im Römischen Reich erhoben. Etwa seit dem vierten Jahrhundert verbreitet es sich in ganz Europa. Im Zuge dessen wird auch dem Lügenproblem mehr Aufmerksamkeit gewidmet, da die Bibel die Lüge in den zehn Geboten verbietet: „Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.“36 Nach der biblischen Lehre sehen christliche Väter die Lüge als „böse Handlung“ an. Bis zum Ende des Mittelalters hat der Gedanke des absoluten Lügenverbots deshalb großen Einfluss.

Exemplarisch für die christlichen Philosophen sollen an dieser Stelle zwei Vertreter des absoluten Lügenverbots angeführt werden: Augustinus und Thomas von Aquin.

1.1.1  Aurelius Augustinus

Der Erste, der sich in der Geschichte der Philosophie umfassend mit dem Lügenproblem beschäftigt, ist Aurelius Augustinus (354–430).37 Er wird als einer der bedeutendsten Vertreter des absoluten Lügenverbots betrachtet. Sissela Bok schreibt über Augustinus in Hinblick auf seinen strengen Standpunkt zur Lüge: „Many theologians have chosen such a position; foremost among them is St. Augustine.“38 Zwar gab es bereits vor Augustinus verschiedene Philosophen, so etwa Sokrates und Aristoteles, die sich ← 24 | 25 → mit dem Lügenproblem auseinandergesetzt haben, ihr Einfluss auf Kant ist allerdings als gering einzuschätzen.

Augustinus veröffentlicht zwei Texte über das Lügenproblem: De mendacio (im Jahre 395) und Contra mendacium (im Jahre 420). Er definiert die Lüge in De mendacio als „unwahre mit dem Willen zur Täuschung vorgebrachte Aussage“39. Das bedeutet, dass Augustinus nicht jede unwahre Rede als Lüge betrachtet, sondern nur solche, die mit dem Willen, andere zu täuschen, hervorgebracht werden. Es hängt bei ihm somit von der Art des Willens ab, ob eine unwahre Rede als Lüge bezeichnet wird oder nicht.

25 Jahre nach der Herausgabe von De mendacio wiederholt er eine ähnliche Definition der Lüge in Contra mendacium: „Unter Lüge versteht man jedoch eine unwahre Bezeichnung mit der Absicht zu täuschen.“40 Auch hier geht es Augustinus um die Art des Willens.41 Ferner unterteilt er die Lüge in acht Klassen:

„Nicht lügen darf man also in der religiösen Unterweisung; ein großes Verbrechen wäre das und die erste Art einer verabscheuungswürdigen Lüge. Nicht lügen darf man zweitens, weil man keinem Unrecht tun darf. Nicht lügen darf man drittens, weil man keinem so helfen darf, daß man einem andern Unrecht tut. Nicht lügen darf man viertens aus Lust an der Lüge, weil diese an sich schon sündhaft ist. Nicht lügen darf man fünftens, weil man auch die Wahrheit selbst nicht zu dem Zwecke sagen darf, um den Menschen zu gefallen, geschweige denn eine Lüge, die an sich schon, weil es eine Lüge ist, unstreitig schimpflich ist. Nicht lügen darf man sechstens; denn es wäre nicht recht, auch die Wahrhaftigkeit des Zeugnisses zugunsten des zeitlichen Nutzens und Wohles irgend eines Menschen zu verfälschen. […] Siebtens darf man nicht lügen; denn keines Menschen Bequemlichkeit oder zeitliches Wohl hat den Vorzug vor der vollkommenen Wahrung von Treu und Glauben. […] Auch eine Lüge der achten Art darf man nicht aussprechen, weil im Guten die Reinheit des Herzens über der Keuschheit des Leibes steht und im Schlechten das, was wir selbst tun, wichtiger ist als das, was wir geschehen lassen.“42 ← 25 | 26 →

Augustinus zufolge gibt es acht Arten der Lüge, mit deren Verbot er der biblischen Lehre folgt. Im Alten und Neuen Testament wird die Lüge an vielen Stellen verworfen und er führt diese als Gründe für seine Argumentation gegen die Lüge an43: „‚Ein lügnerischer Mund tötet die Seele‘ (Weish 1, 11)?“44, „‚Du sollst kein falsches Zeugnis geben‘ (Ex 20, 14. 16)“45 und „‚Du hassest alle, die Unrecht tun (Ps 5, 6)“46. Mit seinen Beispielen konkretisiert er die Aussage der Bibel und betrachtet das Lügenproblem insofern ausführlicher als es in dieser getan wird. Er schreibt in De mendacio: „schlechthin niemals dürfe man lügen“.47 Während Augustinus also eigentlich jegliches Recht zur Lüge ausschließt, scheint er zuvor (ebenfalls in De Mendacio) doch eine Möglichkeit zur Lüge einräumen zu wollen:

„Alle Sünden anderer – ausgenommen die, die den Betroffenen unrein machen – soll man nicht durch eigene Sünden verhüten, weder für sich selbst noch für sonst einen, sondern sie lieber auf sich nehmen und mit Starkmut ertragen […]. Die Übeltaten hingegen, die an einem Menschen gegangen werden mit der Wirkung, daß sie ihn unrein machen, muß man auch durch eigene Sünden verhüten, und infolgedessen darf man diese gar nicht Sünden nennen […]. […] Es würde ja keine ← 26 | 27 → Sünde sein, was man getan hätte, um jene Übel zu verhüten. Wer also lügt, um solches zu verhüten, sündigt nicht.“48

Details

Pages
212
Publication Year
2017
ISBN (Softcover)
9783631678954
ISBN (ePUB)
9783631698631
ISBN (MOBI)
9783631698648
ISBN (PDF)
9783653070576
DOI
10.3726/978-3-653-07057-6
Language
German
Publication date
2016 (December)
Keywords
Unwahrheit Maxime Pflicht Rigorismus Dilemma Moralität
Published
Frankfurt am Main, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2017. 212 S.
Product Safety
Peter Lang Group AG

Biographical notes

Yasutaka Akimoto (Author)

Yasutaka Akimoto studierte Philosophie in Tokyo und wurde an der Universität Trier promoviert. Zu seinem Forschungsschwerpunkt, der Kantischen Moralphilosophie, referierte er auf dem Internationalen Kant-Kongress und auf weiteren nationalen und internationalen Kant-Tagungen.

Previous

Title: Das Lügenproblem bei Kant