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Enregisterment

Zur sozialen Bedeutung sprachlicher Variation

von Lieselotte Anderwald (Band-Herausgeber:in) Jarich Hoekstra (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 232 Seiten

Zusammenfassung

Die Begriffe «Enregisterment», «Kommodifizierung», «geordnete Indexikalität» und «Linguistic Landscapes» bezeichnen die Schwerpunkte dieses Sammelbandes, die von den Beiträgern auf verschiedene sprachliche Gegebenheiten wie Popmusik, Kreolsprachen, Ortsnamen oder Sprachminderheiten angewandt werden. Die Beiträge beschäftigen sich mit Englisch, Deutsch, Norwegisch, Französisch und Spanisch und heben die soziale Bedeutung von sprachlicher Variation hervor. So kann der Sammelband zeigen, dass der Ansatz des Enregisterment es vermag, Dialektologie, Soziolinguistik, Mehrsprachigkeitsforschung, Linguistic Landscapes und Forschung zur Standardisierung miteinander zu verbinden.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung: Enregisterment, Kommodifizierung, geordnete Indexikalität und Linguistic Landscapes (Lieselotte Anderwald / Jarich Hoekstra)
  • Enregistering Dialect (Barbara Johnstone)
  • ‘Strong and Northern’: the Enregisterment and Commodification of Sheffieldish (Joan C. Beal)
  • Die Beatles, Arctic Monkeys und Lily Allen – Dialekte und Identität in britischer (Indie-)Popmusik (Johanna Gerwin)
  • Von den Rändern der kolonialen Welt ins Zentrum der Globalisierung: Kreolsprachen, Migration und Medien (Christian Mair)
  • Die Sprache der Sch’tis: Von einer belächelten Mundart zum Sympathieträger einer Region (Elmar Eggert)
  • Platt – Missingsch – Petuh: Enregistermentprozesse zwischen Hamburg und Flensburg (Michael Elmentaler / Oliver Niebuhr)
  • St. Erhard oder Teret? Zum indexikalischen Potential von Ortsnamen im Deutschschweizer Kontex (Helen Christen)t
  • Linguistic Landscapes im Ruhrgebiet: Internationalismus und Lokalkolorit (Ulrich Schmitz)
  • Dialekte und konkurrierende Standards: Indexikalitätsressourcen im Norwegischen (Steffen Höder)
  • Das Judenspanische: Eine Sprache zwischen Emblematisierung und Vergessen (Ulrich Hoinkes)
  • Reihenübersicht

Lieselotte Anderwald / Jarich Hoekstra (Hrsg.)

Enregisterment

Zur sozialen Bedeutung sprachlicher Variation

Herausgeberangaben

Lieselotte Anderwald ist Professorin für Englische Sprachwissenschaft in Kiel. Sie beschäftigt sich mit Variation der englischen Sprache und mit Präskriptivismus im 19. Jahrhundert.

Jarich Hoekstra ist Professor für Frisistik in Kiel und beschäftigt sich mit der Morphologie und Syntax des Friesischen im (west)germanischen Vergleich.

Über das Buch

Die Begriffe Enregisterment, Kommodifizierung, geordnete Indexikalität und Linguistic Landscapes bezeichnen die Schwerpunkte dieses Sammelbandes, die von den Beiträgern auf verschiedene sprachliche Gegebenheiten wie Popmusik, Kreolsprachen, Ortsnamen oder Sprachminderheiten angewandt werden. Die Beiträge beschäftigen sich mit Englisch, Deutsch, Norwegisch, Französisch und Spanisch und heben die soziale Bedeutung von sprachlicher Variation hervor. So kann der Sammelband zeigen, dass der Ansatz des Enregisterment es vermag, Dialektologie, Soziolinguistik, Mehrsprachigkeitsforschung, Linguistic-Landscape-Forschung und Standardisierungstheorie miteinander zu verbinden.

Zitierfähigkeit des eBooks

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Lieselotte Anderwald und Jarich Hoekstra (Kiel)

Einleitung: Enregisterment, Kommodifizierung, geordnete Indexikalität und Linguistic Landscapes

Abstract: We introduce the central terms enregisterment, commodification, ordered indexicality and linguistic landscapes and give a brief overview of the contributions to this book.

Die Begriffe Enregisterment, Kommodifizierung, geordnete Indexikalität und Linguistic Landscapes bezeichnen die Schwerpunkte dieses Sammelbandes und geben die Motive an, die sich durch die 10 Beiträge unserer auswärtigen Gäste und der Kieler KollegInnen ziehen. Die linguistische Ringvorlesung im Sommersemester 2014 an der CAU Kiel hat sich aus verschiedenen Perspektiven diesen neuen Richtungen der Soziolinguistik gewidmet, die bisher vor allem in der Anglistik entwickelt und angewandt wurden. Die anglistische Perspektive ist auch in diesem Sammelband stark vertreten, wird aber auf interessante Weise ergänzt und erweitert um Beiträge, die das Thema aus der Perspektive völlig unterschiedlicher sprachlichen Gegebenheiten beleuchten, so z. B. aus romanistischer Sicht (die Beiträge zur Regionalsprache des Pas-de-Calais in Nordfrankreich von Elmar Eggert, oder zum Judenspanischen von Ulrich Hoinkes), aus germanistischer Sicht (die Beiträge zu norddeutschen Stadtvarietäten von Michael Elmentaler und Oliver Niebuhr, zur Sprache des Ruhrpotts von Ulrich Schmitz, oder zum Schweizerdeutschen von Helen Christen), und aus skandinavistischer Sicht (der Beitrag zu den norwegischen Standardvarietäten von Steffen Höder). In der anglistischen Soziolinguistik ist das Konzept des Enregisterment vor allem im Kontext von Dialektsterben und –wiederbelebung diskutiert und angewandt worden – nicht zufällig erschien die erste Sonderausgabe mit Anwendungen zum Enregistermentkonzept 2009 in der Zeitschrift American Speech, dem Publikationsorgan der American Dialect Society (Amerikanische Gesellschaft für Dialektologie). Wie die Beiträge in diesem Sammelband zeigen, findet der Ansatz des Enregisterment aber über die anglistische Dialektologie und Soziolinguistik hinaus Anwendung und kann bisher disparat erscheinende Entwicklungen schlüssig erklären.

In der westeuropäischen Dialektologie (nicht nur der anglistischen) wird seit dem 19. Jahrhundert das allfällige Dialektsterben“ der ursprünglichen, ländlichen, regionalen Dialekte regelmäßig betrauert: mit der Zunahme der (regionalen und sozialen) Mobilität im Zuge der Industrialisierung und Urbanisierung←7 | 8→ im 19. Jahrhundert entstehen Ausgleichsdialekte (dialect levelling), besonders in den stark anwachsenden Städten, nicht zuletzt auch verursacht durch verbesserten Zugang zu Schulbildung, Bildungswohlstand besonders im 20. Jahrhundert, Verfügbarkeit von Massenmedien etc. (zur Beziehung von Dialekt zu Standardvarietät in Europa vgl. Auer 2005, 2011). Die traditionelle Dialektologie Westeuropas ist nicht zuletzt vor diesem Hintergrund begründet worden und daher auch stets mit einem konservatorischen Bestreben angetreten, die letzten „wahren“ Dialektsprecher zu finden und die ursprünglichen Dialektformen für die Nachwelt zu dokumentieren. Besonders in den industrialisierten Landstrichen Englands gründeten sich bereits im 19. Jahrhundert „dialect societies“ (Wright 1898–1905), also Dialektgesellschaften, die das sprachliche Erbe der Gegend pflegen und erhalten wollten (z. B. die immer noch aktive Yorkshire Dialect Society, gegr. 1897, vgl. www.yorkshiredialectsociety.org.uk).

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beobachten Soziolinguisten dagegen nach einer Phase der beschleunigten Globalisierung und dem „Schrumpfen“ der Welt durch technologischen Fortschritt, Reiseverhalten, Massenmedien, und nicht zuletzt das Aufkommen des Internet eine interessante Gegenbewegung bei Sprechern. Nach Jahrzehnten der Vereinheitlichung, Standardisierung und Dialektnivellierung gibt es jetzt Gegenbewegungen, die sich mit Stolz auf das Lokale zurückbesinnen, bzw. das Lokale im Globalen suchen und leben (manchmal mit dem Portmanteau-Kunstwort Glokalisierung gefasst). Diese Rückbesinnung hat auch sprachliche Korrelate, und wird darin für die Soziolinguistik interessant. Wie bereits angedeutet, ist das Konzept des sprachlichen Enregisterment (entwickelt von dem amerikanischen Sprachanthropologen Asif Agha, vgl. Agha 2003, 2005, 2007) und der geordneten Indexikalität, die dem Konzept des Enregisterment zugrunde liegt (Silverstein 2003), besonders im angloamerikanischen Raum auf diese „glokalen“ Phänomene angewandt worden und hat zu kulturlinguistisch interessanten Erkenntnissen geführt. Barbara Johnstone hat in ihren vielen Detailstudien besonders eindrücklich gezeigt (Johnstone 2009, 2010a, b, 2011a, b, c, 2013a, b, Johnstone/Andrus/Danielson 2006, Johnstone/Baumgardt 2004, Johnstone/Bhasin/Wittkofski 2002, Johnstone/Kiesling 2008), dass sich ein erstarktes lokales Bewusstsein (in ihrem Fall in der Industriestadt Pittsburgh in Pennsylvania) von sprachlichen Eigenheiten mit herkömmlichen Mitteln der Dialektologie nicht erklären lässt. In ihrer Beispielstadt Pittsburgh sieht man, wie nach dem Niedergang der traditionellen Schwerindustrie und damit verbundenem postindustriellem Bevölkerungsabbau sich derzeit ein reflexives Bewusstsein der sprachlichen Eigenheiten des Stadtdialekts entwickelt, in dem ein kleiner Teil der tatsächlichen (traditionellen) sprachlichen Merkmale em←8 | 9→blematischen Charakter bekommen hat. Diese Merkmale werden inzwischen bewusst zur Identitätskonstitution verwendet und sind mit ausnehmend positiven Eigenschaften wie „Authentizität“, „Lokalstolz“, „Bodenhaftung“ etc. verbunden. Auch in ihrem Beitrag in diesem Sammelband zeigt Johnstone deutlich, wie die Uminterpretation des indexikalischen Wertes einzelner sprachlicher Merkmale mit dem Ansatz des Enregisterment nachvollzogen werden kann.

Ein Enregisterment im Werden beobachtet dagegen Joan Beal in ihrem Beitrag zum Stadtdialekt Sheffields in Nordengland. In dieser Weiterführung ihres Artikels von 2009, der im gleichen Sonderband der American Speech erschien (Beal 2009), zeigt Beal die Verfestigung eines reflexiven Bewusstseins von Merkmalen der Sheffielder Stadtsprache, die erst in der Zwischenzeit seit 2009 stattgefunden hat. Eng verknüpft mit der Dokumentation eines populären (laienlinguistischen) Bewusstseins von der Distinktivität eines regionalen Dialekts ist auch die Vermarktung lokaler Sprache (also deren Kommodifizierung), die auch schon Johnstone beobachtet hat (s.a. Johnstones Artikel in diesem Band). Es scheinen vor allem lokale Anbieter zu sein, die in Sheffield z. B. Geschirrhandtücher mit lokalen Ausdrücken produzieren und vermarkten; Johnstone hat für Pittsburgh Kaffeetassen, T-Shirts oder Autoaufkleber (bumper stickers) dokumentiert; aus anderen Orten sind auch Kühlschrankmagneten, Einkaufstaschen, Postkarten, Poster oder andere souvenirartige Kleinigkeiten bekannt, die sich mit relativ geringem Einsatz produzieren lassen und offenbar ein doppeltes Publikum ansprechen, zum einen Touristen, zum anderen aber vor allem auch die Ehemaligen, die sich auf diese Art und Weise ein kleines Stück (sprachliche) Heimat mit in ihr neues Zuhause nehmen können.

Während sich die Unterschiede zwischen Pittsburgh und Sheffield als globalere kulturelle Unterschiede interpretieren lassen, gehen Elmentaler und Niebuhr in ihrem Beitrag ins Detail und vergleichen drei kulturell recht ähnliche Städte Norddeutschlands miteinander, Flensburg, Kiel und Hamburg. Auch hier kann man ganz unterschiedliche Stadien im Prozess des Enregisterment nachweisen, was besonders faszinierend ist, da relativ ähnliche Ausgangsbedingungen (besonders zwischen Flensburg und Kiel) auf der einen Seite zu einem emblematischen Wiederaufleben einer fast totgesagten Stadtvarietät führen (das Flensburger Petuh), auf der anderen Seite aber zu einem praktisch globalen Vergessen einer ehemaligen Stadtsprache (das Kieler Missingsch).

Biographische Angaben

Lieselotte Anderwald (Band-Herausgeber:in) Jarich Hoekstra (Band-Herausgeber:in)

Lieselotte Anderwald ist Professorin für Englische Sprachwissenschaft in Kiel. Sie beschäftigt sich mit Variation der englischen Sprache und mit Präskriptivismus im 19. Jahrhundert. Jarich Hoekstra ist Professor für Frisistik in Kiel und beschäftigt sich mit der Morphologie und Syntax des Friesischen im (west)germanischen Vergleich.

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Titel: Enregisterment