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Historisch syntaktisches Verbwörterbuch

Valenz- und konstruktionsgrammatische Beiträge

von Albrecht Greule (Band-Herausgeber:in) Jarmo Korhonen (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 324 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Einleitung
  • Wörterbücher und digitale Belegrepositorien als Quellen für ein historisch syntaktisches Verbwörterbuch. Am Beispiel des benefaktiven Dativs bei mhd. bachen
  • Ahd. quedan – Valenz und Bedeutungsstruktur
  • Die althochdeutschen Verben im Feld von „Heilung und Gesundheit“ Überlieferung, Morphologie, Syntax
  • Verbvalenz im kognitiven Rahmen Zum Wechselspiel zwischen syntaktischen und textlinguistisch-kognitiven Parametern innerhalb ausgewählter althochdeutscher Gebete (Otlohs Gebet, Augsburger Gebet, Freisinger Benediktionen)
  • Von der Konkordanz zum Valenzwörterbuch am Beispiel von Hartmann von Aue
  • Der deutsche Prosa-Lancelot als Fundgrube für historische Verbsemantik und -syntax. Die Verben beyten und warten
  • Wortfeldveränderungen bei den verba dicendi im Mittelhochdeutschen
  • Die Valenz des Fortbewegungsverbs fahren im Vergleich zu segeln und schiffen in Reiseberichten der frühen Neuzeit
  • Zur Valenzbeschreibung frühneuhochdeutscher Verbphraseme
  • sagen und sprechen nebst reden. Analysen und Überlegungen zu semantischen und textologischen Aspekten der verbalen Valenz
  • Brechen, brennen, braten. Zur Entwicklung antikausativer Verben im Deutschen
  • Zur Diachronie des Sprichworts Wer zuerst kommt, mahlt zuerst
  • Zur Integration von Argumentstrukturkonstruktionen in das Historisch syntaktische Verbwörterbuch
  • Zum Verhältnis von Valenz- und Konstruktionsgrammatik am Beispiel des werden-Passivs als nonagentive Konstruktion im Deutschen
  • Möglichkeiten der elektronischen Aufbereitung und Nutzung eines historisch syntaktischen Verbwörterbuchs des Deutschen
  • Verzeichnis der Autoren und Herausgeber

Vorwort

Im vorliegenden Sammelband werden 15 Beiträge zum Thema historische Valenzforschung präsentiert. Damit wollen wir erstens auf die Wichtigkeit der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Valenz deutscher Verben und Verbphraseme in der Syntax und Lexikografie in synchronischer und diachronischer Sicht aufmerksam machen, zweitens ein entsprechendes Projekt ankündigen, das wir neulich in Angriff genommen haben, und drittens für dieses Projekt nützliche Hinweise und Anregungen sammeln. Die Initiative zum Verfassen eines Historisch syntaktischen Verbwörterbuchs mit Schwerpunkt auf Valenz stammt von Albrecht Greule, der bereits ein Valenzwörterbuch zu den althochdeutschen Texten des 9. Jahrhunderts herausgegeben und in seinen Publikationen auch zur Erstellung eines mittelhochdeutschen Valenzwörterbuchs Überlegungen angestellt hat.

Die Pläne zu einem historisch angelegten Valenzlexikon des Deutschen nahmen eine konkretere Form an, als Jarmo Korhonen mit Hilfe der Wiedereinladung eines Forschungsstipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung in den Jahren 2012, 2013 und 2015 am Institut für Germanistik der Universität Regensburg arbeiten konnte. Seit 2013 fördert auch die germanistisch-romanistische Forschergemeinschaft CoCoLaC (Contrasting and Comparing Languages and Cultures) am Institut für moderne Sprachen der Universität Helsinki die projektbezogene Zusammenarbeit zwischen den beiden Institutionen. So konnten bislang mehrere Arbeitstreffen und kleinere Kolloquien, an denen Forscherinnen und Forscher aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Finnland teilgenommen haben, abwechselnd in Regensburg und Helsinki veranstaltet werden. Ein weiteres Treffen, bei dem vor allem die Koordinierung und praktische Durchführung des Vorhabens auf dem Programm stehen werden, wird im Herbst 2016 in Regensburg stattfinden.

Die Reihe der Beiträge wird mit einem Überblick über Textkorpora eröffnet, die für die Erarbeitung eines historischen Valenzwörterbuchs als relevant angesehen werden können. Ihm folgen zwei Blöcke, die jeweils aus drei Beiträgen bestehen: Im ersten Block werden althochdeutsche, im zweiten mittelhochdeutsche Texte untersucht. Daran schließen sich zwei Beiträge an, die der Erforschung der Valenz frühneuhochdeutscher Verben bzw. Verbphraseme gewidmet sind. Nach diesen synchronisch orientierten Studien sind Beiträge, in denen es um Aspekte des Valenzwandels geht, an der Reihe; dieser Block enthält drei Beiträge. Während in den bisher genannten synchronischen und ← 7 | 8 → diachronischen Untersuchungen die Beschreibung der Valenz im Fokus steht, erläutern die daran anknüpfenden zwei Beiträge die Frage, welchen Mehrwert die Konstruktionsgrammatik für die historische Valenzforschung bringen könnte. Den Band schließt ein Beitrag ab, der sich mit Problemen der elektronischen Aufbereitung diachronischer Valenzartikel für das Historisch syntaktische Verbwörterbuch des Deutschen auseinandersetzt.

Wir danken allen Autorinnen und Autoren dafür, dass sie unserer Einladung gefolgt sind und bereit waren, uns ihren Beitrag für diesen Band zur Verfügung zu stellen. Bei der Durchsicht und Redaktion der Beiträge hat uns Frau Petra Schirrmann vom Institut für moderne Sprachen der Universität Helsinki mit großer Gewissenhaftigkeit geholfen, wofür wir ihr sehr dankbar sind. Für die finanzielle Unterstützung, die die Arbeit von Frau Schirrmann ermöglicht hat, sprechen wir der Forschergemeinschaft CoCoLaC einen verbindlichen Dank aus. Der Alexander von Humboldt-Stiftung gebührt ein herzliches Dankeschön für die Bewilligung eines großzügigen Druckkostenzuschusses. Schließlich gilt unser Dank dem Verlag für die gute Zusammenarbeit bei der Erstellung der Druckvorlage.

Regensburg und Helsinki, im April 2016

Albrecht Greule und Jarmo Korhonen ← 8 | 9 →

Einleitung

Es gibt vor allem drei Gründe, im Jahr 2016 einen Sammelband zur historischen Valenzforschung zu verfassen und herauszugeben. Erstens scheint die Valenzforschung seit einiger Zeit an einem Schlusspunkt angekommen zu sein. Zu diesem Eindruck haben nicht zuletzt die beiden Bände des Internationalen Handbuchs zu Dependenz und Valenz beigetragen (vgl. Ágel u. a. 2003; 2006). Im zweiten Band des Handbuchs bekommen in der Kategorie „Das Valenzkonzept in der Sprachgeschichtsforschung“ auch ausgewählte Bereiche der historischen Valenzforschung eigene Artikel. Sie betreffen den Valenzwandel sowie Fallstudien zu den deutschen Sprachperioden. Davor werden mehrere Artikel zum Thema „Das Valenzkonzept in der Lexikographie“ präsentiert. Nicht nur hier ist das Fehlen eines historischen deutschen Valenzlexikons, aus dem der Valenzwandel der Verben abzulesen wäre, festzustellen und zu bedauern. Auch in den Einführungen in die deutsche Sprachgeschichte ist zum Beispiel bei der Darstellung des Themas „Valenzwandel und Kasusabbau“ (vgl. Schmid 2009, 186) das Fehlen lexikographischer Basisinformationen zur Valenzgeschichte von Verben oder gar von verbalen Wortfeldern spürbar. Daher ist es das vordringlichste Ziel des vorliegenden Buches Forschungsbeiträge zu sammeln, die Perspektiven auf ein historisches deutsches Valenzlexikon eröffnen und Möglichkeiten sowie die Schwierigkeiten der Realisierung eines solchen groß angelegten Forschungsprojekts offenlegen. Sich gleich beim Start eröffnende Problemfelder sind die Korpus-Frage, das einheitliche für alle diachronen Sprachstufen gültige Valenzkonzept, die Forschungsorganisation an verschiedenen Projektstellen und ihre Finanzierung, die lexikographische Darstellung der Ergebnisse im Druck und Wege der elektronischen Aufbereitung.

Zweitens: Wenn Valenz in jüngster Zeit doch wieder zum Forschungsthema wird, dann besonders im Zusammenhang und in der Auseinandersetzung mit der Konstruktionsgrammatik (KxG; vgl. Engelberg u. a. 2015). Deshalb ist die Anfrage an die Konstruktionsgrammatik, ob die „Wechselseitigkeit von Valenz und Konstruktion“1 auch für die historische Valenz und den Valenzwandel gilt, relevant. Sollte das der Fall sein, erhebt sich für das Projekt Historisch syntaktisches Verbwörterbuch (HSVW) die Frage, wie die Einsichten der KxG in die historische Valenz in dem geplanten Wörterbuch zu verwirklichen und darzustellen sind.

Drittens richtet sich – nicht nur für die Publikationsform (als Buch gedruckt und/oder elektronisch verfügbar), sondern auch für das methodische Vorgehen ← 9 | 10 → bei der Erarbeitung des Wörterbuchs – die Frage an die Informationswissenschaftler/Medieninformatiker nach den technischen Grundlagen einer elektronischen Verfügbarkeit des Lexikons mit zahlreichen Abfragemöglichkeiten. Auch methodisch wäre diese Forschungsdimension wichtig, weil sie die Projektbeteiligten von Anfang an zwänge, sich auf ein einheitliches Konzept und eine einheitliche Nomenklatur zu einigen.

Die in diesem Sammelband vereinigten Beiträge tragen samt und sonders, jeder aus einer eigenen Perspektive, zur Klärung der oben angedeuteten Problemfelder bei, präzisieren den Plan eines Historisch syntaktischen Verbwörterbuchs und fördern seine Realisierung.

Auf das Fehlen geeigneter Textkorpora führt Michael Prinz im ersten Beitrag die erheblichen Forschungsdesiderate im Bereich der historischen Valenzforschung, darunter die diachrone Valenzlexikographie, zurück. Eine Sondierung der rein wörterbuchgestützten Valenzanalyse bringt gravierende Probleme zu Tage. Die Verwendung „digitaler Belegrepositorien“, worunter Michael Prinz digitale Konkordanzen, Wörterbücher, Textarchive, Textkorpora, Baumbanken und anderes versteht, hält er daher als Beleglieferanten für ein historisches Valenzlexikon für dringend geboten. Um die Ergiebigkeit der vorgestellten digitalen Belegrepositorien im Vergleich mit Wörterbüchern zu erproben, testet er am Fallbeispiel aus, welches belegbare Alter die Konstruktion backen + benefaktiver Dativ hat.

Schlaglichter auf die valenzgrammatische und valenzlexikographische Beschreibung und Analyse der althochdeutschen Texte (vgl. Greule 2006a), die ein relativ überschaubares Korpus bilden, bieten die Beiträge von Christian Braun, Susanne Näßl und Jörg Riecke. Susanne Näßl schließt aus der Perspektive der Redaktion des Althochdeutschen Wörterbuchs, das an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften in Leipzig erarbeitet wird,2 mit einer umfänglichen Untersuchung von Valenz und Bedeutungsstruktur des althochdeutschen Verbs quedan an Greule (1999) an, wo das Verb wegen der hohen Belegzahl nicht verzeichnet ist. Mit diesem Beitrag lenkt Susanne Näßl die Aufmerksamkeit auf das Wortfeld der Verba dicendi, das in den Beiträgen von Hans-Werner Eroms und Norbert Richard Wolf noch zweimal aufgegriffen wird. Korpus-Ausschnitte liegen den Beiträgen von Christian Braun und Jörg Riecke zugrunde. Jörg Riecke geht es um die morphologische und syntaktische Beschreibung der althochdeutschen Verben aus dem thematischen Bereich von Heilung und Gesundheit. Christian Brauns Ansatz erstreckt sich auf althochdeutsche Gebete, an denen er das Wechselspiel ← 10 | 11 → zwischen valenzsyntaktischen und textlinguistisch-kognitiven Parametern untersucht. Unklar bleibt, ob auch die altsächsischen Texte, deren Wortschatz zuletzt Heinrich Tiefenbach aufgearbeitet hat (vgl. Tiefenbach 2010), in dem geplanten Historischen Valenzlexikon berücksichtigt werden, was zu begrüßen wäre, zumal Rosemarie Lühr eine Fallstudie zur Valenz des Altsächsischen bereits vorgelegt hat (vgl. Lühr 2006).

Auch für die mittelhochdeutsche Periode der deutschen Sprachgeschichte gibt es seit 2006 einen Überblick über die dem Umfang nach noch relativ geringfügige valenzorientierte Beschreibung dieser Sprachstufe (vgl. Pfefferkorn/Solms 2006). Zwar sind inzwischen weitere Beiträge zur mittelhochdeutschen Valenzgrammatik hinzugekommen (vgl. Rapp/Reimann 2016), die Problematik rückte aber erst Christian Braun in den Vordergrund (vgl. Braun 2010). Im Beitrag von Albrecht Greule geht es um die Frage nach der Korpus-Grundlage eines mittelhochdeutschen syntaktischen Verbwörterbuchs; er zeigt an den Werken Hartmanns von Aue bzw. an der Gegenüberstellung kausativer und nicht-kausativer Verben, dass selbst ein Zurückgreifen auf eine Konkordanz zu brauchbaren Ergebnissen führt. In ähnlicher Weise verdeutlicht Kari Keinästö, welche Fundgrube der handschriftliche mittelhochdeutsche Prosa-Lancelot für die syntaktische und semantische Beschreibung von Verben darstellt. Dabei beschränkt sich Kari Keinästö auf die Beschreibung des Verb-Paars beyten und warten; mhd. beiten wird als Kausativ auch im Beitrag von Albrecht Greule behandelt. Das Wortfeld der mittelhochdeutschen Verba dicendi (darunter auch das Verb queden, dessen Verwendung im Althochdeutschen Susanne Näßl beschreibt) und Wandlungen innerhalb des Wortfeldes nimmt Hans-Werner Eroms in den Blick. In dem der Studie zugrunde gelegten Korpus spielt wie bei Kari Keinästö der Prosa-Lancelot eine Rolle. Zudem rät Hans-Werner Eroms wie Albrecht Greule das im Entstehen begriffene, auch digital zugängliche Mittelhochdeutsche Wörterbuch für die Zwecke eines Valenzwörterbuchs zu nutzen (vgl. auch den Beitrag von Manuel Burghardt und Sandra Reimann sowie den Beitrag von Michael Prinz zur Konstruktion mhd. bachen + benefaktiver Dativ).

Die frühneuhochdeutsche Periode, für die eine von Jarmo Korhonen verfasste Fallstudie vorhanden ist (vgl. Korhonen 2006a), behandeln die Beiträge von Sandra Aehnelt und Jarmo Korhonen. Während sich Sandra Aehnelt dem Wortfeld der Fortbewegungsverben und ihrer Valenz auf der Grundlage von frühneuzeitlichen Reiseberichten zuwendet, eröffnet Jarmo Korhonen den Blick auf die in der historischen Forschung kaum beachteten frühneuhochdeutschen Verbphraseme des Typs acht geben (vgl. dazu den Beitrag von Wolfgang Mieder). ← 11 | 12 →

Ebenfalls wenige Untersuchungen gibt es zum Valenzwandel (vgl. Korhonen 2006b), dessen Darstellung und Erklärung in Form von Lexikonartikeln Verb für Verb die eigentliche Aufgabe eines Historischen Valenzwörterbuchs sein sollte.3 Im vorliegenden Buch verfolgt Norbert Richard Wolf auf der Grundlage des Lukas-Evangeliums die Entwicklung nicht einzelner Verben im Verlauf der Sprachgeschichte, sondern die eines ganzen Ausschnitts aus dem Feld der Verba dicendi, nämlich die der zentralen Verben sagen, sprechen, reden. Einem besonderen Problem des Valenzwandels wendet sich Volker Harm zu; es geht ihm darum, die Entstehung einer Reihe von Verben, die im Deutschen der Gegenwart sowohl transitiv als auch intransitiv verwendet werden (sogenannte Antikausativa), als – historisch betrachtet – einen Fall von Sprach- bzw. Valenzwandel zu erklären. Bei der Untersuchung der Genese von vier antikausativen Verben stützt er sich sowohl auf die beiden großen Sprachstadienwörterbücher als auch auf die Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuchs der Brüder Grimm. Valenzwandel ist auch an Sprichwörtern zu beobachten. Welche syntaktischen Positionen (Ergänzungssatz, Prädikat) zum Beispiel in einem Sprichwort wie Wer zuerst kommt, mahlt zuerst im Verlauf der Jahrhunderte wie verändert werden, kann man gut am mit zahlreichen Belegen ausgestatteten Beitrag von Wolfgang Mieder ablesen.

Die Auseinandersetzung der Konstruktionsgrammatik mit historischer Valenzforschung leiten Jouni Rostila und Alexander Lasch im vorliegenden Band ein. Wie Argumentstrukturkonstruktionen in das Historisch syntaktische Verbwörterbuch integriert werden können, damit befasst sich ausführlich Jouni Rostila mit dem Ziel zu klären, „worin der Mehrwert der Konstruktionsgrammatik […] bei der Beschreibung der Valenz bestehen soll“, sowie mit konkreten Vorstellungen, wie damit einhergehende Beschreibungsprobleme zu lösen wären. Am Beispiel des werden-Passivs, einer „nonagentiven Konstruktion“ des Deutschen, erläutert Alexander Lasch, wie sich Valenz- und Konstruktionsgrammatik ergänzen können, und gibt konkrete Hinweise, wie die Artikel in einem historischen Valenzwörterbuch gestaltet sein sollten, das auf konstruktionale Aspekte Rücksicht nimmt, die Entwicklung von sprachlichen Mustern nachzeichnet und den Konstruktionswandel in den Blick nimmt.

In dem den Sammelband beschließenden Beitrag loten Manuel Burghardt und Sandra Reimann die Möglichkeiten der Nutzung aus, die das Historisch syntaktische Verbwörterbuch des Deutschen bietet, wenn es elektronisch aufbereitet wird. Die Darstellung zeigt, welche technischen Anforderungen sich ← 12 | 13 → für die Erstellung der Inhalte hinsichtlich des Dokument-Markups ergeben. Beispielhaft werden sie am mittelhochdeutschen Verb antlâzen ‚Vergebung zusprechen‘ vorgeführt, dessen Belegsätze aus dem Mittelhochdeutschen Wörterbuch online (Nr. 14 im Katalog des Beitrags von Michael Prinz) übertragen, konstruktional bestimmt und valenziell interpretiert wurden. Im Mittelpunkt der Darstellung steht die Konzeption einer Dokumentgrammatik für historische Valenzartikel. Mit dem Beitrag führen Manuel Burghardt und Sandra Reimann thematisch an den Anfang des Sammelbandes zurück, in dem Michael Prinz unter dem Aspekt der Notwendigkeit und Vorteilhaftigkeit des Einsatzes digitaler Textrepositorien auf Datenbanken zur deutschen Sprachgeschichte hinweist.

Für die Planung eines Historisch syntaktischen Verbwörterbuchs des Deutschen zeichnet sich aus der Fülle der Anregungen, die in den Beiträgen des Sammelbandes gegeben werden, ein durchaus zwiespältiges Bild ab. Nicht in Frage gestellt, aber auch nicht explizit thematisiert oder kritisiert wird das methodische Vorgehen und die Verteilung auf mehrere Projektgruppen, die miteinander vernetzt sein müssen und sich zuarbeiten, aber ansonsten eigenständig agieren können. Die Projektgruppen sind – im Einklang mit der Gliederung im Internationalen Handbuch Dependenz und Valenz – jeweils spezialisiert auf eine der drei Perioden der deutschen Sprachgeschichte: althochdeutsch, mittelhochdeutsch, frühneuhochdeutsch. Eine vierte Gruppe muss im Vergleich mit den Ergebnissen aus den anderen Gruppen pro Verb einen Überblicksartikel verfassen und darin die historische Valenzentwicklung nachzeichnen und erklären sowie die Anforderungen der KxG berücksichtigen. Hilfreich sind in diesem Zusammenhang die Vorstellungen des Informatikers zur elektronischen Aufarbeitung und Nutzung des Verbwörterbuchs. Wenn seinem Ansinnen Rechnung getragen werden soll, müssen – durch die Technik bedingt – die Verbanalysen aller Sprachstufen der Vergleichbarkeit wegen nach einheitlichem Schema und einheitlicher valenzgrammatischer Terminologie abgefasst sein. Einigkeit sollte auch mit Blick auf die Vernetzung der Arbeitsgruppen beim Vorgehen nach einem vereinbarten Wortfeld herrschen. Aus den Beiträgen in diesem Band bietet sich allerdings kein Wortfeld an, dem die Priorität zugesprochen wird. Diskutiert wird innerhalb der Wortfelder der Verba dicendi (mehrheitlich), der Fortbewegungsverben, der Verben für Heilung und Gesundheit sowie der Verbphraseme für Aufmerksamkeit und Wahrnehmen.

In ähnlicher Weise ganz ungelöst ist die essentielle Frage des Korpus und ob allen Projektgruppen ein einheitliches Belegkorpus zugrunde liegen soll und ← 13 | 14 → kann. Die Korpusproblematik wird am deutlichsten in der Zusammenfassung des Beitrags von Michael Prinz beschrieben.4

Für ein historisches Verbwörterbuch erscheint vor diesem Hintergrund eine komplementäre Nutzung lexikographischer und sonstiger Ressourcen unverzichtbar. Sowohl historische Wörterbücher als auch digitale Korpora und andere Belegrepositorien enthalten in riesigem Umfang valenzrelevante Daten und bieten insofern eine gute Grundlage für die Untersuchung von Valenzwandel. Allerdings erweist sich die Ermittlung von Belegmaxima in der Praxis als äußerst aufwendig und damit wenig praktikabel. Anzustreben wäre deshalb eine pragmatische Lösung, bei der mittels einer ausgewogenen Zusammenstellung geeigneter Belegressourcen eine Art „Primärdatenoptimum“ erzielt wird. Aufgrund der Heterogenität und Lückenhaftigkeit der bestehenden Ressourcen bedarf es dazu allerdings einer empirisch getesteten Wörterbuch- und Korpus-Konzeption, die etwa die syntaktisch relevanten Eigenschaften der einzelnen Ressourcen dokumentiert und für die unterschiedlichen Wörterbuchstrecken optimierte Exzerpierpfade definiert.

Die „ausgewogene Zusammenstellung geeigneter Belegressourcen“ und die empirische Testung der Wörterbuch- und Korpus-Konzeption dürfte allerdings eine von jeder Projektgruppe eigenständig zu lösende Aufgabe sein.

Literatur

Ágel, Vilmos u. a. (Hg.) (2003): Dependenz und Valenz. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. 1. Halbbd. Berlin/New York (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 25.1).

Ágel, Vilmos u. a. (Hg.) (2006): Dependenz und Valenz. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. 2. Halbbd. Berlin/New York (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 25.2).

Braun, Christian (2010): Zu einem syntaktisch-semantischen Valenzwörterbuch mittelhochdeutscher Verben. In: Hans Ulrich Schmid (Hg.): Perspektiven der germanistischen Sprachgeschichtsforschung. Berlin/New York (= Jahrbuch für germanistische Sprachgeschichte, Bd. 1), 69–75.

Engelberg, Stefan u. a. (Hg.) (2015): Argumentstruktur zwischen Valenz und Konstruktion. Tübingen.

Greule, Albrecht (1999): Syntaktisches Verbwörterbuch zu den althochdeutschen Texten des 9. Jahrhunderts. Frankfurt a. M. u. a. (= Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft B 73). ← 14 | 15 →

Greule, Albrecht (2006a): Historische Fallstudie: Althochdeutsch. In: Vilmos Ágel u. a. (Hg.), 1474–1479.

Greule, Albrecht (2006b): Zur Syntax von mittelhochdeutsch zwîveln. In: Gudrun Marci-Boehncke/Jörg Riecke (Hg.): „Von Mythen und Mären“. Mittelalterliche Kulturgeschichte im Spiegel einer Wissenschaftler-Biographie. Festschrift für Otfrid Ehrismann zum 65. Geburtstag. Hildesheim/Zürich/New York, 440–450.

Greule, Albrecht (2014): Diachrone Perspektiven im Historischen deutschen Valenzwörterbuch. In: Glottotheory 5, 53–63.

Korhonen, Jarmo (2006a): Historische Fallstudie: Frühneuhochdeutsch. In: Vilmos Ágel u. a. (Hg.), 1494–1500.

Korhonen, Jarmo (2006b): Valenzwandel am Beispiel des Deutschen. In: Vilmos Ágel u. a. (Hg.), 1462–1474.

Lühr, Rosemarie (2006): Historische Fallstudie: Altsächsisch. In: Vilmos Ágel u. a. (Hg.), 1500–1508.

Zusammenfassung

Das Buch vereinigt 15 Beiträge zur historischen Valenzforschung. Die Autoren dokumentieren den gegenwärtigen Stand der Forschung und unterstützen zugleich Bestrebungen für ein Wörterbuch, das die Entwicklung der Valenz deutscher Verben im Überblick beschreibt. Dazu wird die grundlegende Korpusfrage diskutiert. Ferner erörtern die Autoren an ausgewählten Beispielen, wie die Verbumgebung im Satz auf den historischen deutschen Sprachstufen festzustellen ist. Neu sind Beiträge, die sich mit dem Verhältnis von historischer Valenz und Konstruktionsgrammatik auseinandersetzen.

Details

Seiten
324
ISBN (ePUB)
9783631693971
ISBN (PDF)
9783653070811
ISBN (MOBI)
9783631693988
ISBN (Hardcover)
9783631679043
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (März)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 324 S., 9 s/w Abb., 4 farb. Abb., 7 Tab.

Biographische Angaben

Albrecht Greule (Band-Herausgeber:in) Jarmo Korhonen (Band-Herausgeber:in)

Albrecht Greule ist Seniorprofessor für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Regensburg. Jarmo Korhonen ist Professor emeritus für Germanische Philologie an der Universität Helsinki.

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Titel: Historisch syntaktisches Verbwörterbuch