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Der Islam und die Geschlechterfrage

Theologische, gesellschaftliche, historische und praktische Aspekte einer Debatte

von Silvia Horsch (Autor:in) Melahat Kisi (Autor:in) Kathrin Klausing (Autor:in) Annett Abdel-Rahman (Autor:in)
Sammelband 296 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Silvia Horsch: Einleitung
  • I Geschlecht und Religion in Theorie und Praxis
  • Omaima Abou-Bakr: Den Spieß umdrehen: Perspektiven auf die Konstruktion „muslimischer Männlichkeit“
  • Michael Tunç: Männlichkeiten und Islam. Kritiken und Transformationen
  • Ismahan Wayah: „You should be topless!“: Muslimische Frauen im Kreuzfeuer diskursiver Kolonialität
  • Gabriele Boos-Niazy: Der Geist des Grundgesetzes und die gesellschaftliche Praxis. Facetten struktureller Diskriminierung muslimischer Frauen, dargestellt an Praxisbeispielen. Kopftuchverbot und Diskriminierung von Frauen mit Kopftuch
  • Melahat Kisi, Annett Abdel-Rahman und Kathrin Klausing: Zum Nutzen der Kategorie gender für die islamische Religionspädagogik
  • II Frauen als Gelehrte: historische Perspektiven
  • Wolfgang Bauer: Aischa – Mutter der Gläubigen – ein frühes Beispiel für eine kritische und selbstbewusste Gelehrtenpersönlichkeit
  • Doris Decker: Frauen als Lehrerinnen? Modalitäten und Termini der Wissensvermittlung als Indikatoren für Lehrfunktionen von Frauen zu Beginn des Islams
  • Asma Sayeed: Religiöse Bildung muslimischer Frauen im frühen und klassischen Islam
  • Hidayet Aydar und Mehmet Atalay: Weibliche Koranexegeten in der Geschichte des Islams
  • III Meinungsbeiträge im innermuslimischen Diskurs
  • Silvia Horsch und Melahat Kisi: Frauen in Moscheen – isoliert, ignoriert und integriert
  • Zaynab Ansari: Verschwommene Grenzen: Frauen, „berühmte“ šuyūḫ (Gelehrte) und spiritueller Missbrauch
  • Kommentare, Fragen und Antworten
  • Zu den Autorinnen und Autoren

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Silvia Horsch

Einleitung

Geschlechterbeziehungen und -rollenvorstellungen im Islam und deren vermeintliche inhärente Rückwärtsgewandtheit und Rigidität werden in der deutschen Öffentlichkeit mittlerweile seit Jahrzehnten diskutiert. Insbesondere „die muslimische Frau“ ist ein wiederkehrendes Thema in Unterhaltungsliteratur, Podiumsdiskussionen, Feuilleton und TV-Shows. Wo es um die muslimische Frau geht, ist „der muslimische Mann“ allerdings ebenso angesprochen, denn das Klischee der unterdrückten Muslimin setzt den unterdrückenden muslimischen Mann voraus. Auch wenn sich die Wissenschaft in verschiedenen Disziplinen ebenfalls schon seit längerem mit diesen Themen beschäftigt und die diskursive Einbettung, die historischen Voraussetzungen und die identitätsstiftenden Funktionen dieser Debatte herausgearbeitet hat,1 kommt die öffentliche Diskussion weitgehend ohne diese Erkenntnisse aus. Ebenso wenig wird das vermeintliche Wissen über den Islam einer historischen Überprüfung unterzogen. Die Herausgeberinnen erliegen daher nicht der Illusion, dass der vorliegende Sammelband an der diskursiven Formation Wesentliches verändern wird. In solchen Debatten ist nicht das verfügbare Wissen der entscheidende Faktor, vielmehr geht es um bestimmte Funktionen: Der islamfeindliche Diskurs, innerhalb dessen Sexismus als spezifisch muslimisches Problem eine wichtige Rolle spielt, zielt auf die Herstellung einer nationalen Identität und die Verteidigung von Privilegien.2

Dieser Befund enthebt Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen indes nicht der Verpflichtung, historische und gegenwartsbezogene Forschung zu genau ←7 | 8→diesen Fragen zu leisten. Für uns als Wissenschaftlerinnen im Feld der Islamischen Theologie und Religionspädagogik ist darüber hinaus vom gesamtgesellschaftlichen Diskurs abgesehen vor allem der innermuslimische Diskurs von Bedeutung. Sofern dieser Band eine Diskursintervention darstellen kann, zielt diese vor allem auf innerislamische Debatten und Praxisfelder wie Moscheen und Schulen, in denen Geschlechterrollenvorstellungen tradiert und Geschlechterbeziehungen eingeübt werden.

Die Vorstellungen zeitgenössischer Muslime sind von der europäischen Auseinandersetzung mit dem Islam zutiefst beeinflusst. In der Epoche der Kolonialisierung wurde das europäische Frauenbild des viktorianischen Zeitalters in die islamische Welt importiert. Dieses ordnete Rationalität einseitig dem Mann und Emotionen der Frau zu, assoziierte Männer mit Kultur und Frauen mit Natur und sah für Männer die Öffentlichkeit und für Frauen die Häuslichkeit vor.3 Die Modernisierung des Rechts in den postkolonialen Nationalstaaten importierte europäische Regulierungen der Kernfamilie, welche für Frauen die Hausfrauenrolle unter Führung des Mannes vorsah.4

Die historische Entwicklung solcher Vorstellungen zu reflektieren, ihre Tradierung zu hinterfragen und die Möglichkeiten auszuloten, die die frühere islamische Geschichte bereit hält, sind daher zentrale Aufgaben im innerislamischen Diskurs. Diesen Diskurs anzuregen und zu befruchten, war das Ziel unserer Ringvorlesung „Der Islam und die Geschlechterfrage“ am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück (Wintersemester 2014/15 und Sommersemester 2015), auf die die meisten der Beiträge des vorliegenden Sammelbandes zurückgehen. Darüber hinaus haben wir neben weiteren Beiträgen drei Übersetzungen von englischen Aufsätzen aufgenommen, welche wir für die Debatte in Deutschland als gewinnbringend ansehen.

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I Geschlecht und Religion in Theorie und Praxis

Dass religiöse Diskurse über Geschlechterrollen historischen Veränderungen unterliegen, zeigt Omaima Abou-Bakr. Sie untersucht und vergleicht die Exegesen (männlicher) klassischer und moderner Korankommentatoren sowie Reformerinnen. Während die klassischen Kommentatoren für ein „gemäßigtes Patriarchat“ optieren, dass Männer im Hinblick auf ihre Beziehungen und Verantwortung gegenüber Frauen betrachtet, schreiben modernistische Autoren männliche Machtpositionen mit Verweis auf die Biologie fest, womit eine De-Thematisierung männlicher Verantwortung und eine Überbetonung der weiblichen Pflichten einhergeht. Auf diese diskursive Verschiebung und ihre gesellschaftlichen Folgen reagieren Reformerinnen mit der Etablierung einer weiblichen Stimme, die mit dem Verweis auf koranische Ideale Männer wieder in die Verantwortung nehmen will.

Muslimische Männlichkeit ist nicht erst seit der Silvesternacht 2015/2016 ein zentrales Thema skandalisierender Integrationsdebatten. Im gesellschaftlichen Diskurs haben sich Negativbilder als allgemeingültig für muslimische Männer durchgesetzt. Michael Tunç verweist demgegenüber auf die diversen Männer- und Väterrollen unter muslimischen Männern und stellt die Frage, ob Religiosität eine Ressource für emanzipative Männlichkeitsbilder und aktive Väterlichkeit sein kann oder ob sie konservative Geschlechterarrangements befördert.

Gegenwärtige Diskurse über muslimische Frauen können nicht unabhängig von ihrem kolonial-rassistischen Entstehungskontext diskutiert werden. Vor diesem Hintergrund verdeutlicht Ismahan Wayah in ihrem Beitrag die Relevanz postkolonialer Kritik und postkolonialer feministischer Ansätze, die den universalisierenden weißen Feminismus und dessen Verknüpfung mit (Neo-)Kolonialität und Orientalismus kritisieren. Am Beispiel des „Slutwalks“ zeigt die Autorin, wie sich Bemühungen zur „Befreiung der muslimischen Frau“ aus einer unkritischen weißen feministischen Position heraus als rassistische Vereinnahmungen entlarven.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen medialer Diskurse über den Islam und muslimische Frauen lassen sich insbesondere im Bereich des Arbeitsmarktes beobachten, in dem für kopftuchtragende muslimische Frauen erhebliche Barrieren bestehen. Gabriele Boos-Niazy geht der Diskrepanz zwischen der im Grundgesetz verankerten Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit und der alltäglichen Praxis von Arbeitgebern nach. Sie zeigt an zahlreichen Fällen aus der Beratungspraxis des Aktionsbündnisses muslimischer Frauen (AmF), wie Grundrechte wissentlich oder unwissentlich ignoriert werden.

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Die Bedeutung der Geschlechterkategorie für den islamischen Religionsunterricht behandeln Melahat Kisi, Kathrin Klausing und Annett Abdel-Rahman. Die vielfältigen Korrelationen von Geschlecht und Religion spielen im schulischen Religionsunterricht schon deshalb eine zentrale Rolle, weil es keine geschlechtsneutrale Identitätsentwicklung gibt. Die Autorinnen geben einen Überblick über die Geschlechterforschung in der christlichen Religionspädagogik, mit den dort entwickelten Methoden und didaktischen Ansätzen, und entwickeln davon ausgehend Thesen zur Rolle der Geschlechterkategorie im islamischen Religionsunterricht.

II Frauen als Gelehrte: historische Perspektiven

Der zweite Teil des Bandes befasst sich mit den Beiträgen von Frauen zu den religiösen Wissenschaften in der islamischen Geschichte. Für eine Reihe von Disziplinen ist ʿĀʾiša, die bekannteste der Frauen des Propheten, die zentrale Vorbildfigur für weibliche Gelehrsamkeit in der Generation der Prophetengefährten. Wolfgang Bauer portraitiert ʿĀʾišas unabhängige und kritische Persönlichkeit, ihre Fähigkeiten und die Anerkennung, die sie gefunden hat, anhand der über sie überlieferten Aussagen. Er verfolgt außerdem die Frage, inwieweit aus den von ihr überlieferten Antworten auf Fragen, exegetischen Aussagen und korrigierenden Eingriffen auf eine unterliegende Systematik ihrer Auslegung geschlossen werden kann.

Doris Decker geht von der Beobachtung aus, dass Frauen wichtige Akteurinnen in der Vermittlung religiösen Wissens waren und stellt die Frage, ob Frauen deshalb auch als Lehrerinnen fungierten, die planmäßigen Unterricht erteilten. Zur Beantwortung dieser Frage analysiert sie die Modalitäten der Wissensvermittlung im frühen Islam und untersucht, welche Rolle Frauen dabei gespielt haben.

Auch wenn Frauen in der religiösen Bildung eine wichtige Rolle gespielt haben, war diese nicht unumstritten, wie das Traktat des Gelehrten al-ʿAẓīmabādī aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert zeigt. Asma Sayeed untersucht die auf den Ansätzen des klassischen islamischen Rechts basierenden Argumentationsstrategien dieses Gelehrten, der für das Recht von Frauen auf Bildung plädiert. Dabei beruft er sich auch auf historische Beispiele, zu denen die zahlreichen Lehrerinnen des Hadith gehören. Eine solche ist Šuhda al-Kātiba (gest. 1178), deren Biographie Sayeed exemplarisch analysiert.

Den Beitrag von Frauen zum Genre der Koranexegese (tafsīr) untersuchen Hidayet Aydar und Mehmet Atalay. Die Anzahl der Frauen, die in dieser Disziplin der islamischen Wissenschaften tätig waren, fällt gegenüber der ←10 | 11→Hadithwissenschaft deutlich ab, obwohl mit ʿĀʾiša auch hier ein prominentes frühes Vorbild vorhanden ist. Verfasserinnen von schriftlichen Koraninterpretationen treten erst spät in Erscheinung. Eine wichtige Rolle spielt dabei Ziyb an-Nisāʾ (gest. 1113/1702), Tochter eines Timuridenkönigs, die möglicherweise die erste Autorin eines vollständigen tafsīr ist. Im 19. und 20. Jahrhundert werden die Werke von weiblichen Koranexegetinnen schließlich zahlreicher.

III Meinungsbeiträge im innermuslimischen Diskurs

Der letzte Teil des vorliegenden Bandes soll einen Eindruck vom Beitrag weiblicher Stimmen in derzeit geführten innermuslimischen Debatten vermitteln. Es handelt sich hierbei nicht um wissenschaftliche, sondern um programmatische Beiträge, die in muslimischen Medien erschienen sind. Sie weisen auf Missstände im Umgang mit Frauen innerhalb der Community hin und schlagen Möglichkeiten zur Verbesserung vor.

Der erste Beitrag stammt von der in den USA aktiven, religiösen Gelehrten Zaynab Ansary, die sich mit einer Form des spirituellen Missbrauchs befasst: prominente männliche muslimische Prediger und Gelehrte, die ihre Bekanntheit und die ihnen von der Community verliehene Autorität ausnutzen, um multiple und kurzfristige Beziehungen zu Frauen einzugehen. Zaynab Ansary war im Jahr 2015 die erste, die sich öffentlich mit diesem Phänomen auseinandersetzte. Ihr Beitrag ist von besonderer Bedeutung, weil sie als eine der wenigen gelehrten Frauen im Kreis der prominenten religiösen Persönlichkeiten die Folgen dieser Verhaltensweisen im Kontakt mit den betroffenen Frauen beobachten konnte.

Der Beitrag der Herausgeberinnen Silvia Horsch und Melahat Kisi befasst sich mit der Rolle und dem Raum, der Frauen in Moscheen zugestanden wird. Er bietet eine Übersicht über die im Vergleich zu Deutschland weiter fortgeschrittene Diskussion im englischsprachigen Raum und zeigt die Folgen der mangelnden Integration von Frauen in Moscheen für die muslimische Gemeinschaft insgesamt auf.

Beide Beiträge sind Interventionen muslimischer Wissenschaftlerinnen, die sich nicht nur als Beobachterinnen, sondern als Teilhabende an der diskursiven Tradition des Islams verstehen. Sie wollen Entwicklungen nicht nur analysieren, sondern auch in den innermuslimischen Diskurs eingreifen. Wie die Rezeption beider Beiträge gezeigt hat, finden solche Stimmen inzwischen Gehör. Dies liegt auch daran, dass muslimische Medien, vor allem im Internet, sich für solche Interventionen zunehmend offen zeigen. Inwieweit sie Auswirkungen auf die Praxis haben, wird sich noch erweisen müssen.

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Wir danken dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der Stiftung Mercator für die finanzielle Unterstützung der Ringvorlesung und dem Institut für Islamische Theologie für die Übernahme der Druckkosten. Außerdem danken wir Corinna Küster und Nina Ouaida für ihre Übersetzungen und Safiye Bozkurt für die Einrichtung des Manuskriptes.

Literatur

Ahmed, Laila, Women and Gender in Islam, Yale 1992.

Attia, Iman, „Privilegien sichern, nationale Identität revitalisieren. Gesellschafts- und handlungstheoretische Dimensionen der Theorie des antimuslimischen Rassismus im Unterschied zu Modellen von Islamophobie und Islamfeindlichkeit“, in: Journal für Psychologie 21 (2013), URL: www.journal-fuer-psychologie.de/index.php/jfp/article/view/258 (letzter Zugriff: 20.03.2018).

Hallaq, Wael, Sharīʿa. Theory, Practice, Transformations, New York 2009.

Jäger, Margarete, „Ethnisierung von Sexismus im Einwanderungsdiskurs. Analyse einer Diskursverschränkung“ Vortrag am 16.09.1999 an der Universität Georg-August-Universität Göttingen, URL: http://www.diss-duisburg.de/Internetbibliothek/Artikel/Ethnisierung_von_Sexismus.htm (letzter Zugriff: 20.03.2018).


1 Einer der ersten Beiträge, der die Verschränkung von Rassismus und Sexismus im Diskurs über Muslime herausgearbeitet hat ist der Vortrag von Margarete Jäger „Ethnisierung von Sexismus im Einwanderungsdiskurs. Analyse einer Diskursverschränkung“ am 16.09.1999 an der Universität Georg-August-Universität Göttingen, URL: http://www.diss-duisburg.de/Internetbibliothek/Artikel/Ethnisierung_von_Sexismus.htm (letzter Zugriff: 20.03.2018).

2 Vgl. Iman Attia, „Privilegien sichern, nationale Identität revitalisieren. Gesellschafts- und handlungstheoretische Dimensionen der Theorie des antimuslimischen Rassismus im Unterschied zu Modellen von Islamophobie und Islamfeindlichkeit“, in: Journal für Psychologie 21 (2013), URL: www.journal-fuer-psychologie.de/index.php/jfp/article/view/258 (letzter Zugriff: 20.03.2018).

3 Vgl. Leila Ahmed, Women and Gender in Islam, Yale 1992, S. 151. Die aufkommende Wissenschaft der Anthropologie untermauerte diese Rollenzuschreibungen mit wissenschaftlichen „Erkenntnissen“, die das viktorianische Ideal der weiblichen Häuslichkeit als „natürlich“ bestätigte, ebd.

4 “[…] the legal reduction of matrimonial relationship […] to companionate marriage simultaneously constituted a step toward constructing the wife as a housewife in a family unit headed by the husband […] a notion that is entirely absent from the fiqh.” Wael Hallaq, Sharīʿa. Theory, Practice, Transformations, New York 2009, S. 455.

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Omaima Abou-Bakr

Den Spieß umdrehen: Perspektiven auf die
Konstruktion „muslimischer Männlichkeit“

Abstract The article analyzes different conceptions of manhood in Islam. Whereas medieval exegetes concentrate on the relational dimension vis-à-vis women in the family, modernists emphasize inherent qualities of manhood. Different women reformists attempt to reconstruct men as domestic beings by measuring them against Qurʾanic ideals.*

1 Einleitung

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich die Wissenschaft mit der Repräsentation von Frauen in verschiedenen islamischen Diskursen und Disziplinen der religiösen Wissenschaften, forscht zur Rolle von Frauen in muslimischen Gesellschaften der Vergangenheit und Gegenwart und produziert eine enorme Menge von Forschungsergebnissen zum Schwerpunkt Frauen im Islam. Ein entsprechendes Bild der Männer und die Charakterisierung von Männlichkeit in muslimischen Diskursen sind jedoch noch nicht gründlich und systematisch erforscht. Bisher existieren lediglich zwei Sammelbände in diesem Feld: „Imagined Masculinities: Male Identity and Culture in the Modern Middle East“ (Ghoussoub 2000), in erster Linie eine soziologische Studie männlicher Initiation, und „Islamic Masculinities“ (Ouzgane 2006), wo es heißt: „Männlichkeiten in islamischen Kontexten erscheinen als ein Set unterschiedlicher Praktiken, die durch die Positionierung von Männern in einer Vielfalt von religiösen und sozialen Strukturen definiert wird“.1 Allerdings enthält der Band nur einen kurzen Abschnitt über Religion.

Das Thema al-marʾa fī l-islām („die Frau im Islam“) entwickelte sich ursprünglich um die Wende zum 20. Jahrhundert als Teil moderner, zeitgenössischer diskursiver Praktiken der arabischen Welt innerhalb konkurrierender Agenden, die auf die verschiedenen Forderungen nach Modernisierung und auf den Druck der kolonialen Hegemonie und des orientalistischen Diskurses reagierten. Die Frage des Status von Frauen im Islam hat sich nicht nur zu einem Schlachtfeld ←15 | 16→für verschiedene Streitfragen des Projekts der Modernisierung gegenüber der islamischen Tradition entwickelt, sondern ist auch zu einem Mittel geworden, das Frauen zu Gegenständen der Untersuchung macht, anstatt zu Produzentinnen und Interpretinnen religiösen Wissens. Dieses Monopol in der Erschaffung eines Diskurses, der die Rolle, Rechte und Pflichten der muslimischen Frau überbetonte, hat die Rolle und die Verantwortung von Männern innerhalb des gleichen islamischen Wertesystems überschattet, und zu Vorschriften und Regelungen geführt, die ausschließlich an Frauen gerichtet waren, indem sie ihnen spezielle Geschlechterrollen und ideale Charaktereigenschaften zuschrieben. Darüber hinaus hat die charakteristisch modernistische Konstruktion von Frauen als Symbole der kulturellen Eigenheit und Häuslichkeit insbesondere im religiösen Diskurs zu einem essentialistischen und statischen Bild der Frau geführt. Aber was ist mit muslimischen Männern?

Biographische Angaben

Silvia Horsch (Autor:in) Melahat Kisi (Autor:in) Kathrin Klausing (Autor:in) Annett Abdel-Rahman (Autor:in)

Silvia Horsch ist Postdoktorandin am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück und forscht zu Transformationsprozessen theologischer Konzepte. Melahat Kisi forscht zur Rolle von Gender im islamischen Religionsunterricht. Kathrin Klausing forscht und lehrt am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück zu den Schwerpunkten Koranexegese, interreligiöser Dialog und muslimische Perspektiven auf Geschlechtergerechtigkeit. Annett Abdel-Rahman ist islamische Religionspädagogin und forscht zum Kompetenzbegriff in der Islamischen Religionspädagogik.

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Titel: Der Islam und die Geschlechterfrage