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Grundriss einer heterodoxen Didaktisierung des Finanzsystems

von Kai Brakhage (Autor:in)
Dissertation 540 Seiten

Zusammenfassung

Der Autor zeigt anhand des Finanzsystems auf, warum es notwendig ist, die ökonomische Bildung in eine sozialwissenschaftliche Bildung zu überführen. Dabei entwickelt er ein Schema zur Darstellung des Finanzsystems und führt aus, warum die Märkte des Finanzsystems immer von einem Marktversagen betroffen sein können. Zur Krisenhaftigkeit trägt ebenfalls die internationale Verknüpfung über den Weltkapitalmarkt bei, der in die Darstellung integriert wird. Basierend auf dieser Analyse wird nachgewiesen, wie wenig die herkömmliche ökonomische Bildung zum Verständnis des Finanzsystems beiträgt. Der Autor präsentiert anschließend Vorschläge zur Weiterentwicklung des Ökonomieunterrichts.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Verzeichnis der Abbildungen
  • Verzeichnis der Tabellen
  • 1 Einleitung
  • 1.1 Problemaufriss
  • 1.2 Grundlegung
  • 2 Das Finanzsystem und die Finanzmärkte
  • 2.1 Volkswirtschaftliche Funktionen eines Finanzsystems
  • 2.2 Zentrale Unterschiede zwischen einem bank- und marktbasierten Finanzsystem
  • 2.3 Geographische und historische Entwicklung
  • 3 Akteure des Finanzsystems
  • 3.1 Kapitalanleger und Kapitalnachfrager
  • 3.2 Akteure des Kapitalmarktes
  • 4 Die Märkte des Finanzsystems
  • 4.1 Der Kreditmarkt
  • 4.1.1 Bankenregulierung
  • 4.1.2 Die Kreditvergabe
  • 4.1.3 Marktversagen auf dem Kreditmarkt
  • 4.1.4 Fazit
  • 4.2 Der Primärmarkt
  • 4.2.1 Gesetzliche Grundlagen
  • 4.2.2 Ablauf einer Emission
  • 4.2.3 Marktversagen
  • 4.2.4 Fazit
  • 4.3 Der Sekundärmarkt
  • 4.3.1 Gesetzliche Grundlagen
  • 4.3.2 Die Effizienzmarkthypothese (EMH)
  • 4.3.3 Marktversagen
  • 4.3.4 Fazit
  • 4.3.5 Ein Modell für die Spekulation
  • 4.3.5.1 Das Modell und seine Komponenten
  • 4.3.5.2 Die Situation Japans in den 1990er Jahren
  • 4.4 Der Derivatemarkt
  • 4.4.1 Derivate und der Derivatemarkt
  • 4.4.2 Historische und rechtliche Grundlagen
  • 4.4.3 Beispiele
  • 4.4.3.1 Ein Put als Beispiel für ein Derivat
  • 4.4.3.2 ABS und CDO in der Subprime-Krise
  • 4.4.3.2.1 Verbriefung von Krediten
  • 4.4.3.2.2 Marktversagen auf dem CDO-Markt
  • 4.4.3.3 CDS in Verschuldungskrisen
  • 4.4.4 Fazit
  • 4.5 Der Devisenmarkt
  • 4.5.1 Grundlagen des Devisenmarktes
  • 4.5.2 Wechselkurstheorien
  • 4.5.3 Mögliches Marktversagen auf dem Devisenmarkt
  • 4.5.3.1 Historische Entwicklung des Weltwährungssystems
  • 4.5.3.2 Das heutige Weltwährungssystem
  • 4.5.3.3 Externe Effekte
  • 4.5.4 Fazit
  • 5 Ökonomische Bildung
  • 5.1 Wirtschaftswissenschaftliche und kategoriale Ökonomische Bildung
  • 5.1.1 Wirtschaftswissenschaftliche Bildung
  • 5.1.2 Die kategoriale Ökonomische Bildung nach Hermann May
  • 5.1.3 Die kategoriale Ökonomische Bildung nach Klaus-Peter Kruber
  • 5.2 Die paradigmatische Ökonomische Bildung in der Version des IÖB
  • 5.2.1 Grundlagen
  • 5.2.2 Die Geldordnung
  • 5.2.3 Die „Finanzielle Allgemeinbildung“
  • 5.2.4 Öffentliche Finanzen
  • 5.2.5 Marktversagen
  • 5.2.6 Internationale Wirtschaftsbeziehungen
  • 5.2.7 Fazit
  • 5.3 Die Orientierung an der Lebenssituation der Lernenden und am Verbraucherschutz
  • 5.3.1 Die lebenssituationsorientierte Ökonomiedidaktik
  • 5.3.2 Verbraucherschutzorientierte Konzeptionen
  • 5.4 Sozioökonomische Bildung
  • 5.5 Geld in der politischen Bildung von Tim Engartner
  • 5.6 Bildungsstandards der ökonomischen Allgemeinbildung
  • 5.7 Fazit
  • 6 Kritische Reflexion der Darstellung des Finanzsystems in der Ökonomischen Bildung
  • 7 Zusammenfassende Folgerungen für die ökonomische Bildung
  • 7.1 Allgemeine Folgerungen
  • 7.2 Die EMH als Bestandteil der „Finanziellen Allgemeinbildung“
  • 7.3 Zusammenfassung und Ausblick
  • 8 Literaturverzeichnis
  • 8.1 Verwendete Internetlinks
  • 8.2 Abkürzungsverzeichnis
  • 8.3 Benutzte Literatur
  • 8.3.1 Ökonomische Literatur
  • 8.3.2 Fachdidaktische Literatur
  • Stichwortverzeichnis
  • Personenverzeichnis

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Verzeichnis der Abbildungen

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Verzeichnis der Tabellen

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1 Einleitung

The financial system is one of the most important economic systems. This analyse tries to describe the financial system as a subject for school. It shows, that the financial system is not only essential in terms of economic education, it must also be a subject for political and social education. The approach to this analysis is Keynesian.

Anmerkung: Die Arbeit wurde Anfang 2015 inhaltlich beendet. Deswegen konnten neuere Entwicklungen nicht berücksichtigt werden.

1.1 Problemaufriss

In der Ökonomiedidaktik findet seit Anfang des Jahrtausends eine Diskussion über das Ziel, die Inhalte und die Ausrichtung der Didaktik statt.1 Dabei stehen sich zwei unterschiedliche Perspektiven der ökonomischen Bildung gegenüber: Auf der einen Seite eine Bildung, die sich eher an den Wirtschaftswissenschaften, auf der anderen Seite eine Bildungskonzeption, die sich eher an den Sozialwissenschaften orientiert.2 Die erste Sichtweise soll hier mit den Begriff der Ökonomischen Bildung, die zweite mit dem Begriff der Sozioökonomischen Bildung bezeichnet werden. Im Folgenden findet sich die Schreibweise Ökonomische Bildung in Großbuchstaben, wenn von dieser Richtung der Ökonomiedidaktik die Rede sein soll.

Die Ökonomische Bildung lässt sich auf unterschiedliche Wurzeln zurückführen: Hierbei sind insbesondere die wirtschaftswissenschaftliche Bildung, die kategoriale Didaktik und der paradigmatische Ansatz zu unterscheiden.3 Kennzeichen all dieser Ansätze ist die Orientierung an der Ökonomie, wie sie an den Hochschulen gelehrt wird mit einem Schwerpunkt ← 15 | 16 → auf volkswirtschaftlichen Inhalten. Grundlegend für das Verständnis dieses Ansatzes ist ein Sammelband von Hans Kaminski und Gerd-Jan Krol,4 zwei Didaktikern, die in Oldenburg und Münster maßgeblich die Entwicklung vorangetrieben haben. Institutionell wurde diese Entwicklung durch die Gründung der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung (DeGöB)5 1994 flankiert.6

Inhaltlich findet sich häufig ein Bezug zu der Ökonomik nach Homann (*1943) und Suchanek (*1961),7 die sich mit „den Möglichkeiten und Problemen der gesellschaftlichen Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil“8 befassen. Kaminski hat dazu drei zentrale Theoriekonzepte herausgearbeitet, die sich über die folgenden Fragen bestimmen lassen:

„1. Welche Interessen und Anreize lösen individuelle wirtschaftliche Handlungen mit dem Ziel der Nutzenmaximierung aus? (Aktions- und Handlungstheorie)

2. Wie ist eine Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil möglich? (Interaktionstheorie)

3. Welchen Beitrag leisten Institutionen für wirtschaftliches Handeln und wie muss eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ausgestaltet sein? (Institutionentheorie)“9

Zentral dabei ist der Gedanke des homo oeconomicus, der nicht im Sinne eines Menschenbildes, sondern als methodologisches Instrument genutzt wird, um das Verhalten von Menschen zu erklären.10 Berücksichtigung findet ferner der Begriff der Dilemma-Situation, in der sich zunächst aufgrund ← 16 | 17 → der unterschiedlichen Interessen keine Möglichkeit der Zusammenarbeit ergibt.11 Konsequent weitergedacht, ergibt sich so eine Besonderheit des ökonomischen Denkens, die sich auch in einem eigenen Schulfach zeigen sollte.

Diesem Ansatz steht die Sozioökonomische Bildung gegenüber. Hier wird versucht, die ökonomische Bildung weiter zu fassen und auch Erkenntnisse und Paradigmen aus den Sozialwissenschaften zu integrieren. Diese Überlegungen sind u. a. zusammengefasst in einer Aufsatzsammlung, die von Andreas Fischer und Bettina Zurstrassen herausgegeben wurde.12 Grundlegend für diesen Ansatz ist die Erkenntnis, dass sich wirtschaftliches Denken und Handeln in einem sozialen Kontext abspielt, weswegen eine Eigenlogik ökonomischen Denkens nicht bestehen kann.13 Zudem sollen

„die Zugänge zur sozioökonomischen Bildung dynamisch und problemorientiert ausgerichtet [sein] und berücksichtigen, dass die heutige Wirtschaft das Resultat historischer Entwicklungen und nach wie vor veränderbar ist.“14

Der Streit um die Inhalte ökonomischer Bildung wird in aller Schärfe geführt und ist auch nicht frei von persönlichen Angriffen. So finden sich z. B. Internet-Anschriften der Ökonomischen Bildung, die mit Bezug auf die universitären Institute der Ökonomischen Bildung durch die Abkürzung IÖB bezeichnet werden.15 Die Sozioökonomische Bildung hingegen firmiert unter der Bezeichnung „Institut für bessere ökonomische Bildung“, abgekürzt IBÖB.16 Übersichten werden erstellt, wer mit wem engeren Kontakt hat,17 ← 17 | 18 → was von der anderen Seite dann als „Wissenschaft light“ zurückgewiesen wird.18

Die Ökonomische Bildung profitiert davon, dass diese Sichtweise in der Realwirtschaft gut funktioniert, wobei unter dem Begriff der Realwirtschaft sämtliche Vorgänge auf Warenmärkten zu verstehen sind. Diese Märkte sorgen dafür, dass es in der Regel zu einer Steigerung des Wohlstandes für alle Beteiligten kommt. In der vorliegenden Arbeit soll aber nicht die Realwirtschaft, sondern das Geld- und Finanzsystem im Vordergrund stehen. Verwendet man hier die Figur des homo oeconomicus, dann sollten sich nach den Annahmen der Ökonomischen Bildung auch Vorteile für alle Beteiligten einstellen. Die Märkte des Finanzsystems sollten eigentlich zu einer optimalen Allokation des Produktionsfaktors Kapital führen, sofern die Märkte hinreichend dereguliert sind.

Aus diesen Vorüberlegungen ergibt sich die allgemeine Fragestellung, wie die Ökonomiedidaktik mit dem Finanzsystem bzw. dem Marktversagen auf den Märkten des Finanzsystems umgehen soll. Diese Frage hat mindestens drei unterschiedliche Facetten: Zum einen geht es dabei darum, welche zentralen Denkmuster bei der Darstellung des Finanzsystems deutlich werden. Dies kann z. B. die Orientierung an der orthodoxen oder heterodoxen Ökonomie sein. Zum anderen geht es um die grundsätzliche Frage, ob auf der Basis der Analyse des Finanzsystems eher die Betonung der Exklusivität des ökonomischen Ansatzes sinnvoll ist oder die Integration der ökonomischen Bildung in eine eher sozialwissenschaftliche Bildung tragfähiger erscheint. Schließlich geht es um die mögliche Integration globaler Entwicklungen durch den Weltkapitalmarkt.

Die erste Facette der Fragestellung weist darauf hin, dass es unterschiedliche Blickrichtungen in der Ökonomie als Wissenschaft gibt (s. u.). Orientiert man sich z. B. an der orthodoxen Ökonomie, dann werden bestimmte Inhalte in den Vordergrund gerückt. In dieser ökonomischen Lesart erhält die Zentralbank mit ihrer Zielsetzung, u. a. das Preisniveau zu stabilisieren, ← 18 | 19 → eine zentrale Position. Demgegenüber steht der heterodoxe Ansatz, der z. B. die Rolle der Kreditinstitute stärker betont. Warum man sich für den einen oder anderen Ansatz entscheidet, sollte das Ergebnis einer intensiven Reflexion sein. Wie sich im Laufe der Analyse jedoch zeigen wird, hat bislang aber keine Diskussion über die inhaltliche Gestaltung in der ökonomischen Bildung stattgefunden. Gerade in der Ökonomischen Bildung werden viele Inhalte unreflektiert gesetzt; dies gilt es kritisch zu hinterfragen.

Bei der zweiten Facette der Fragestellung kommt dem möglichen Marktversagen im Finanzsystem eine entscheidende Rolle zu. Wie sich im Laufe der Untersuchung herausstellen wird, ist das Marktversagen auf den Finanzmärkten ein nicht zu vernachlässigendes Problem. Dies lässt sich sowohl historisch nachweisen als auch analytisch aus den Anreizen folgern. Wenn aber die Tendenz zu einem Marktversagen besteht, dann kann man Ökonomie nicht ohne Politikwissenschaft unterrichten. Es geht dann auch um die Fragen, wie die Anreize gestaltet wurden oder welche Akteure über die meiste Macht, diese Anreize zu setzen, verfügen. Ohne eine solche Analyse wären die Märkte nur eingeschränkt zu verstehen.

Die Frage der „Macht“ spielt ebenfalls bei der dritten Facette eine Rolle. Insbesondere geht es darum, ob politik-ökonomische Erklärungen bezogen auf den Weltkapitalmarkt für die ökonomische Bildung wichtig sein können.

Insgesamt ergibt sich aus der Analyse der Märkte des Finanzsystems nahezu zwangsläufig die Integration von Erkenntnissen aus der Politikwissenschaft und anderen Sozialwissenschaften. Dies spricht für eine Aufnahme der ökonomischen Bildung in die Sozialwissenschaften und damit für eine Sozioökonomische Bildung.

Weil das Finanzsystem ein zentrales System einer Volkswirtschaft ist und der Kapitalmarkt häufig als das Beispiel eines Marktes gesehen wird, der einem vollkommenen Markt am nächsten kommt, hat die These, dass hier ein Marktversagen möglich und sogar wahrscheinlich ist, eine besondere Bedeutung für unser Verständnis von ökonomischer Bildung.

Die Bedeutung des Finanzsystems soll im Folgenden kurz erläutert werden. Man könnte die Frage stellen, ob es überhaupt sinnvoll ist, das Finanzsystem und damit die Finanzmärkte19 in das Zentrum der Betrachtung der ← 19 | 20 → Ökonomiedidaktik zu stellen, denn auch andere Systeme erfüllen wichtige Aufgaben in einer Volkswirtschaft bzw. in der globalisierten Welt. So ist z. B. der Markt für Energie sowohl aktuell als auch in der Zukunft ein wichtiger Markt, denn die Begrenztheit fossiler Brennstoffe wird heute schon als ein entscheidendes Zukunftsproblem wahrgenommen. Auch die Verknüpfung zwischen Politik und Ökonomie, z. B. in der Frage der Abhängigkeit von Rohstoffexporten aus Russland, lässt sich hier exemplarisch darstellen.20 Gleichwohl betrifft das Energiesystem nicht alle ökonomischen Transaktionen in einer Volkswirtschaft, so sind z. B. Handelsgeschäfte oder die Geldanlage nur minimal vom Energiemarkt betroffen.

Das Finanzsystem ist im Vergleich dazu aber spätestens seit der Einführung der Kameralwirtschaft im 17. Jahrhundert ein grundlegendes System einer Volkswirtschaft und unterscheidet sich somit von anderen Systemen.21 Dies soll im Folgenden näher ausgeführt werden.

So betreffen erstens nahezu alle ökonomischen Entscheidungen auch eine finanzielle Seite, dies wird sofort deutlich bei Käufen oder Verkäufen, bei denen es neben der realwirtschaftlichen Seite immer auch eine entsprechende finanzwirtschaftliche Seite, den sogenannten Geldfluss, gibt. Das Geldsystem einer Volkswirtschaft ist aber abhängig vom Finanzsystem.

illustration

Der vormonetäre Naturalttausch kommt in einer globalisierten Welt nur noch am Rande vor, selbst wenn die Existenz von sogenannten Tauschringen etwas anderes vermuten lässt. Aber auch hier sind die Güter miteinander zu vergleichen, Geld in seiner Funktion als Wertmesser spielt also indirekt auch hier eine Rolle. Geld hat aber auch noch eine andere Bedeutung. Der ← 20 | 21 → Besitz von Geld ermöglicht einen allgemeinen Tausch. Die Koordination aller Tauschgeschäfte läuft über Geld, die moderne Gesellschaft hat sich in diesem Sinn zu einer Geldwirtschaft entwickelt.22 Soziologen gehen sogar so weit, moderne Gesellschaften nicht so sehr wegen des Primats des Wirtschaftlichen, sondern aufgrund der Besonderheiten des Austauschmediums zu klassifizieren.23

Der Besitz oder der Nichtbesitz von Geld stellt zweitens für Wirtschaftssubjekte die zentrale Restriktion dar. Dies gilt für alle Wirtschaftssubjekte. Bei den privaten Haushalten ist dies das verfügbare Einkommen oder das Vermögen, welches möglichst nutzbringend eingesetzt werden soll, bei den Unternehmen ist es das Eigenkapital, bei Staaten die staatlichen Einnahmen (bzw. das Staatsvermögen), beim Ausland der Besitz von inländischer Währung bzw. von Devisen,24 die zum Kauf im Inland oder in anderen Staaten genutzt werden können. Grundsätzlich können die Subjekte theoretisch nicht mehr Geld ausgeben als sie einnehmen bzw. besitzen. Erst durch die Vermittlungstätigkeit des Finanzsystems wird dies ermöglicht. Je besser es diesem gelingt, Kapitalanleger und Kapitalsuchende25 zusammen zu bringen, desto besser ist dies für eine Volkswirtschaft. Dadurch können auch auf der Ebene der einzelnen Wirtschaftssubjekte mehr Wünsche erfüllt werden: Es kommt z. B. zu mehr Investitionen und gleichzeitig bleibt Kapital nicht ungenutzt. Diese Problematik gilt auch und in besonderer Weise für Staaten, da es heutzutage kaum Staaten gibt, die mehr Gelder einnehmen, als sie ausgeben.

Staaten versuchen häufig, die sich aus vorherigen Perioden ergebenden Restriktionen zu überwinden. Wie sie mit dieser Problematik umgehen, ist eine zentrale Frage der Wirtschaftspolitik. Dabei spielt aber neben der ← 21 | 22 → Kreditaufnahme auch der Sachverhalt eine Rolle, wie ein Staat in den Besitz von Devisen kommen kann, um damit Produkte aus anderen Ländern zu kaufen. Besonders deutlich wurde dies im Fall des ehemaligen Ostblocks, wo die Beschaffung von Devisen ein zentrales Problem darstellte. In der DDR übernahm dies z. B. die „Arbeitsgruppe Bereich Kommerzielle Koordinierung“ (KOKO).26

Drittens verbinden Entscheidungen auf den Finanzmärkten Gegenwart und Zukunft (bzw. Vergangenheit und Gegenwart). Eine heutige Festlegung, z. B. die Aufnahme eines Kredites, hat Auswirkungen auf zukünftige Wirtschaftsperioden, da Zinszahlungen notwendig werden.27 Gleichzeitig basieren heutige Entscheidungsmöglichkeiten auf Entscheidungen, die in der Vergangenheit getroffen wurden. Man spricht hier von der Pfadabhängigkeit28 einer Entscheidung. Dies gilt für alle Wirtschaftssubjekte. Hieraus folgt aber auch eine gesteigerte Bedeutung der (Wirtschafts-) Geschichte.

Entscheidungen, die in die Zukunft gerichtet sind, betreffen aber nicht nur Schuldner, sondern auch Gläubiger. Diese müssen das Vertrauen haben, dass die Schuldner auch bereit sind, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Ist dies nicht gegeben, kommt es zu einer Störung im Finanzsystem. Eine Volkswirtschaft benötigt also ein geeignetes Instrumentarium zur Sanktionierung von Fehlverhalten.

Dass dies nicht trivial ist, kann man mit einer einfachen spieltheoretischen Überlegung nachweisen. Unter der Annahme, dass zwei Spieler vorhanden sind, ein geldgebender Akteur und ein Schuldner, stellt sich für den Geldgeber zunächst die Frage, ob er überhaupt mit dem zweiten Spieler ein „Spiel“ beginnen möchte. Beginnt der erste Spieler mit dem zweiten Spieler ein Kreditgeschäft, kann der zweite Spieler entscheiden, ob er entweder mit dem ersten Spieler die Gewinne teilt oder den ersten Spieler ausbeutet ← 22 | 23 → (indem er sich z. B. nicht vertragskonform verhält). Der erste Spieler antizipiert dies und wird deshalb dem zweiten Spieler nicht sofort vertrauen. Es muss also kein Geschäft zustande kommen.29

Ein Beispiel für diese Situation ergab sich 2008, als der Interbankenmarkt zusammenbrach. Die Banken waren nicht mehr bereit, anderen Kreditinstituten Geld zu leihen. Da dieser Geldmarkt aber für das Funktionieren moderner Finanzsysteme unverzichtbar ist, stand somit das gesamte Finanzsystem vor dem Zusammenbruch.

Außerdem können sich viertens aus Fehlentwicklungen im Finanzsystem schnell Krisen für die gesamte Volkswirtschaft entwickeln. Die ökonomischen Krisen der vergangenen Jahre hatten alle ihren Ursprung auf dem Finanzmarkt, so die dotcom-Blase, die Subprime-Krise oder die Euro-Krise.30 Bei allen diesen Krisen kam es zu einer Blasenbildung auf dem Sekundärmarkt – also dem Markt, auf dem Vermögensgegenstände nach dem Erstverkauf gehandelt werden – oder dem Devisenmarkt. Diese Entwicklung auf dem Finanzmarkt hat Auswirkungen auf die Realwirtschaft, weswegen es notwendig erscheint, die Übertragungskanäle näher zu beleuchten. Dies gilt nicht nur für Krisen; auch ökonomische Boomphasen gehen häufig einher mit Entwicklungen auf dem Finanzmarkt, so war z. B. die positive Entwicklung in Südeuropa nach der Einführung des Euro direkt diesem neuen Geld geschuldet.

In der globalisierten Welt kommt ein weiteres, fünftes Argument hinzu: Dadurch, dass man von einem Weltkapitalmarkt sprechen kann, werden Entwicklungen in einem Land über die Kanäle des Finanzsystems auf andere Volkswirtschaften übertragen. Wirtschaftspolitische Entscheidungen sind also durch die Vernetzung auch für andere Staaten bedeutsam. Für die Realwirtschaft gilt dies insbesondere für „große“ Staaten im Vergleich zu kleineren Staaten. So spricht man davon, dass Kanada oder die Niederlande eine Grippe bekommen, wenn die USA oder die Bundesrepublik ← 23 | 24 → Deutschland husten. Dies liegt u. a. an der engen realwirtschaftlichen Verknüpfung der jeweiligen Staaten. In dem Finanzsystem geht es eher um Staaten, die über eine internationale Währung verfügen, im Vergleich zu Staaten, die keine internationale Währung haben. Das klassische Beispiel hierfür sind die USA mit dem US-Dollar. Zinspolitische Entscheidungen, die der inneren Entwicklung in den USA geschuldet sind, haben direkte Auswirkungen auf Staaten, die sich in US-Dollar verschuldet haben. All dies führt über Kanäle des Finanzsystems.

Sechstens sind Staaten in mehrfacher Hinsicht betroffen. Zunächst müssen sie dafür sorgen, dass das Finanzsystem so gestaltet wird, dass es zu einem kooperativen Verhalten führt. Hier geht es um die Ausgestaltung der Maßnahmen, die zu einem höheren Vertrauen der Mitspieler untereinander führen. Ein Beispiel hierfür könnte die Regulierung des Finanzsystems sein oder die Ausgestaltung der Einlagensicherung. Ein zweiter Aspekt ist, dass die Staaten selbst als Schuldner um Vertrauen werben müssen, damit ihnen Gläubiger Kapital zur Verfügung stellen. Dies können sie z. B. dadurch erreichen, dass sie ihre Wirtschaftspolitik an den Interessen der Gläubiger ausrichten. Inwieweit dies für alle Staaten gleichmäßig gilt, wird im weiteren Verlauf der vorliegenden Analyse zu zeigen sein. Darüber hinaus sind Staaten, aber auch andere Wirtschaftssubjekte, Gläubiger für andere Staaten.31 Sie müssen in dieser Funktion darauf vertrauen, dass die Schuldnerstaaten das Geld fristgerecht zurückzahlen. Damit kann es zu einem Konflikt aufgrund der unterschiedlichen Zielsetzungen kommen. Während die Gläubiger versuchen, die Politik des Staates so zu beeinflussen, dass sie kurzfristig ihr Geld zurückerhalten, können Schuldner eher an einem langfristigen Erfolg der Wirtschaftspolitik interessiert sein oder andere wirtschaftspolitische Zielsetzungen verfolgen.

Bislang jedenfalls gibt es international keine Regelung darüber, wie ein staatlicher Konkurs abgewickelt werden kann. Wenn also ein Wirtschaftssubjekt einem ausländischen Staat Kapital leiht, gibt es völkerrechtlich kaum eine Möglichkeit, dieses Geld nach einem Staatsbankrott einzuklagen. Diese Problematik ist umso erstaunlicher, weil es bereits seit den frühen 1980er Jahren wieder vermehrt Staatsbankrotte gibt. ← 24 | 25 →

An dieser Stelle zeigt sich auch, dass mit Kapitalverbindungen Machtverhältnisse verbunden sind. Hier gibt es eine Nähe zu politikwissenschaftlichen Überlegungen, z. B., wie sehr einzelne Staaten, wie die Mitglieder des Pariser Klubs, diese Macht bewusst nutzen. Dies gilt aber nicht nur für Staaten, sondern für finanzielle Beziehungen allgemein. Das Gewähren von Kredit bedeutet gleichzeitig immer auch, dass beide Beteiligte einer Kreditbeziehung (private Haushalte, Unternehmen oder Staaten) in einem besonderen Verhältnis zueinander stehen. So gewährt die Bank einen Kredit, entscheidet also darüber, ob sich ein Schuldner, z. B. ein Haus kaufen kann. Aber auch der Schuldner hat eine gewisse Machtposition, denn nur von seinem Verhalten hängt es ab, ob der Gläubiger sein Geld zurück erhält. In diesem Sinne ist auch Smith’s berühmtes Beispiel vom Eigennutz des Bäckers/Metzgers etc. auszuweiten.32 So ist es nicht nur der Eigennutz, sondern auch der Zwang, Zins- und Tilgungszahlungen zu leisten, der einen Unternehmer dazu anhält, immer bessere Produkte anzubieten.

Damit zeigt sich zum einen, dass die Betrachtung von Kreditbeziehungen immer mehr ist als eine „rein“ ökonomische Betrachtung. Zum anderen wird bereits hier die Komplexität der im Folgenden dargestellten Materie deutlich, selbst wenn hier noch mit einer eher überschaubaren Anzahl von Variablen operiert wird.

Eine weitere Bedeutung ergibt sich siebtens für die Politikwissenschaft, wenn man z. B. die Frage der Wahlmüdigkeit stellt. Auffällig ist, dass die Wahlbereitschaft in den letzten Jahrzehnten deutlich gesunken ist; Crouch spricht in diesem Zusammenhang von einer „Postdemokratie“.33 Die allgemeine Frage, die er sich stellt, ist, wie man in einer Welt zurechtkommen kann, in der man kaum noch Einflussmöglichkeiten hat. Crouch definiert den postdemokratischen Zustand so, indem er ein Gemeinwesen beschreibt,

„in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, Wahlen, die sogar dazu führen, dass Regierungen ihren Abschied nehmen müssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, dass sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben. Die Mehrheit der Bürger spielt dabei eine passive, ← 25 | 26 → schweigende, ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt. Im Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten.“34

Während Crouch hierfür u. a. marktbeherrschende Konzerne verantwortlich macht,35 wird in der vorliegenden Untersuchung gefragt, welche Rolle das Finanzsystem für das Funktionieren einer Demokratie hat. Beide Fragen überschneiden sich, da Großkonzerne und Akteure des Finanzsystems häufig ähnliche Interessen haben. Die Frage aber, wer politische Entscheidungen (mit-) bestimmt, kann auch mit Hilfe der Analyse des Finanzsystems teilweise beantwortet werden.

In die gleiche Richtung weist die Argumentation von Dani Rodrik, der von einem politischen Trilemma der Weltwirtschaft spricht.36 Danach können nur zwei von drei Errungenschaften (Nationalstaat, Hyperglobalisierung und politische Demokratie) erreicht werden. Dabei kann der Begriff der Hyperglobalisierung mit dem Begriff der engen Verzahnung der globalen Finanzmärkte gleichgesetzt werden. Eine Diskussion darüber, wie sich diese drei Errungenschaften bedingen und in welcher Welt wir leben wollen, ist ebenfalls eine typisch politische Diskussion. Man erkennt also bereits hier die enge Verzahnung einer zunächst ökonomischen Frage mit politikwissenschaftlichen Fragestellungen.

Eine weitere Facette ergibt sich dadurch, dass zwischen politischen und ökonomischen Handlungen im Finanzsystem eine Interdependenz besteht. So führt das politisch entschiedene Anreizsystem des Finanzsystems zu Handlungen der Akteure. Diese Aktionen können aber in einem nächsten Schritt den Handlungsspielraum der Politik verändern. So ist z. B. die Kreditvergabe auch politisch geregelt durch die Bestimmungen von Basel I, II und III (vgl. 4.1). Damit kann es aber zu Einschränkungen für Staaten kommen, weil möglicherweise kein Finanzmarktakteur mehr bereit ist, einem schlecht gerateten Staat Geld zu leihen. ← 26 | 27 →

Aber auch für Jugendliche ist achtens das Geld- und Finanzsystem besonders wichtig. So lernen sie schon früh, dass man sich bestimmte Wünsche nur erfüllen kann, wenn man genug Kapital hat. Ein Ausweg aus dieser Restriktion ist ein Kredit, der bei einigen Jugendlichen leicht in die Überschuldung führen kann.

Es gibt noch weitere Beispiele, bei denen Geld als Wertmesser wichtig ist. Ob im Tragen von Markenkleidung oder im Besitz des „richtigen“ Handys, Güter werden von Jugendlichen als unterschiedlich wertvoll angesehen. So gibt es z. B. eine App, mit der man seinen Freunden zeigen kann, was man gekauft hat und wie viel man dafür ausgegeben hat.37 Eine Reflexion über den Wertmaßstab erscheint vor diesem Hintergrund mehr als sinnvoll.

Kreditinstitute stellen ferner einen möglichen Ausbildungs- und Arbeitsplatz dar. Es ist von daher sinnvoll, hier ein Grundlagenwissen zu erhalten. Dies gilt spiegelbildlich auch für andere Ausbildungsberufe in der Privatwirtschaft, denn diese sind auf die Finanzierung durch Banken oder den Finanzmarkt angewiesen.

Ein weiterer Aspekt tritt noch hinzu. Aufgrund des demographischen Wandels wird die langfristige Geldanlage für Heranwachsende wichtiger. Dementsprechend wird die „Finanzielle Allgemeinbildung“ in der Schule in Zukunft ein immer wichtigerer Bestandteil im Fächerkanon werden. Die inhaltliche Integration dieses Themas bietet sich im Bereich des Geld- und Finanzsystems an.

Man könnte diese Argumentation allgemein noch als nebensächlich abtun, wenn nicht neuntens die Summen, um die es geht, so gewaltig wären. Während 2006 das Weltbruttoinlandsprodukt auf ca. 47 Billionen US-Dollar geschätzt wurde,38 betrug die Marktkapitalisierung an den Börsen zu diesem Zeitpunkt bereits 51 Billionen US-Dollar. Der Gesamtwert der Derivate war ungefähr zehnmal so hoch (473 Billionen US-Dollar), der Wert des Devisenhandels ungefähr 700 Billionen US-Dollar. Die Finanzwirtschaft ← 27 | 28 → verfügt also über Summen, die die Summen der Realwirtschaft bei weitem übertreffen. Damit hat sich die Bedeutung des Finanzsektors für eine Volkswirtschaft verstärkt, man spricht hier politikwissenschaftlich von der „Finanzialisierung“.39

Details

Seiten
540
ISBN (ePUB)
9783631696064
ISBN (PDF)
9783653072341
ISBN (MOBI)
9783631696071
ISBN (Hardcover)
9783631681107
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (September)
Schlagworte
Bank, Geld, Börse Währungssystem - Weltwirtschaft Didaktik Marktversagen Volkswirtschaftslehre
Erschienen
Frankfurt am Main, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2016. 540 S., 17 s/w Abb., 5 farb. Abb., 19 Tab.

Biographische Angaben

Kai Brakhage (Autor:in)

Kai Brakhage ist Oberstudienrat. Er studierte Mathematik, Ökonomie und Politikwissenschaft in Göttingen, Oldenburg, Hagen und Vechta.

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