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Platonisches Erbe, Byzanz, Orthodoxie und die Modernisierung Griechenlands

Schwerpunkte des kulturphilosophischen Werkes von Stelios Ramfos

von Isabella Schwaderer (Autor:in)
Dissertation 314 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1 Einleitung
  • 1.1 Thematische Einführung
  • 1.2 Biographie und Chronologie des Gesamtwerks
  • 1.3 Methodisches Vorgehen
  • 1.3.1 „Kreative Hermeneutik“
  • 1.3.2 Rezeption des Werks und Stand der Forschung
  • 1.3.3 Aufbau und Erkenntnisziele der Untersuchung
  • 2 Griechischer Osten und Lateinischer Westen - ein unüberbrückbarer Gegensatz?
  • 2.1 Osten vs. Westen aus theologischer Sicht
  • 2.2 Osten vs. Westen aus historisch-politischer Perspektive
  • 2.3 Die Rolle der orthodoxen Kirche im Nationsbildungsprozess
  • 2.4 Wer ist „Hellene“? Die Frage nach der griechischen Identität
  • 2.5 Westorientierung Griechenlands und Gegenbewegungen
  • 3 Platon und das Streben nach dem „mystischen Licht“
  • 3.1 Die Platonlektüre der Pariser Zeit
  • 3.2 Platon und die christliche Tradition – ein Gegensatz?
  • 3.3 „Innerlichkeit“ und „griechische Psychologie“
  • 3.4 Der philosophische Weg zur Erleuchtung
  • 3.5 Lichtmetaphorik und Platons Metaphysik
  • 3.5.1 Platons Lichtmetaphorik
  • 3.5.2 Heideggers Platonverständnis und Ramfos’ Kritik
  • 3.5.3 Das Höhlengleichnis
  • 3.6 Reinigung und Befreiung der Seele
  • 3.7 Θεωρία - Sehen und Erkennen im philosophischen Kontext
  • 3.8 Das Auge der Seele. Plotins Entdeckung der Innerlichkeit
  • 4 Orthodoxe monastische Mystik und platonisches Erbe
  • 4.1 Der Übergang von der antiken zur christlichen Innerlichkeit
  • 4.2 Die christlich-orthodoxe mystische Tradition
  • 4.3 Die Wüstenväter: Vorreiter der Erweiterung der Innerlichkeit
  • 4.4 Verstand, Seele und Körper: Die Anthropologie des Evagrios Pontikos
  • 4.5 Gottesschau und byzantinischer Humanismus: Symeon der Neue Theologe
  • 4.6 Die orthodoxe Antwort auf den westlichen Humanismus: Gregor Palamas
  • 4.7 Politischer Hesychasmus und verhinderte Modernisierung der orthodoxen Welt
  • 5 Personale Anthropologie im Kontext der neoorthodoxen Diskussion
  • 5.1 Individuum, Person und orthodoxe Pseudomorphose
  • 5.2 Die russische Exiltheologie und die neoorthodoxe Strömung
  • 5.3 Die orthodoxe Augustinuslektüre zwischen Theologie und Politik
  • 5.4 Die Anthropologie der Person
  • 5.4.1 Trinitätslehre und orthodoxes Menschenbild
  • 5.4.2 „Individualistische“ vs. „metaphysische“ Liebe in Ost und West
  • 5.4.3 Die neoorthodoxe Debatte um die Person
  • 5.4.4 Ramfos’ Theorie der Person
  • 5.4.5 Der Begriff des Enhypostatons
  • 6 Der griechische Weg in die Moderne
  • 6.1 Die schwierige Suche nach einer griechischen Kulturtradition
  • 6.2 Die Sprachenfrage - Konservative Position und Sprachmystik
  • 6.2.1 Kurze Vorgeschichte der griechischen Sprachenfrage
  • 6.2.2 Ein Beitrag zur Diskussion um die Sprachreform
  • 6.2.3 Sprachmystik
  • 6.3 Literatur im neoorthodoxen Kontext: Alexandros Papadiamantis
  • 6.3.1 Papadiamantis und der Beginn der neugriechischen Prosa
  • 6.3.2 Papadiamantis und Dostojewski
  • 6.4 Umstrittene Modernisierung: Antworten auf die Krise in Griechenland
  • 6.5 Individualisierung und „ethnopsychologische“ Kritik
  • 7 Schluss
  • 7.1 Zusammenfassung
  • 7.2 Versuch einer Beurteilung des bisherigen Wegs
  • 8 Literaturverzeichnis
  • 8.1 Werke von Stelios Ramfos
  • 8.2 Primärquellen aus antiker und mittelalterlicher Literatur
  • 8.3 Sekundärliteratur
  • ERFURTER STUDIEN ZUR KULTURGESCHICHTE DES ORTHODOXEN CHRISTENTUMS

Isabella Schwaderer

Platonisches Erbe, Byzanz, Orthodoxie und die Modernisierung Griechenlands

Schwerpunkte des kulturphilosophischen Werkes von Stelios Ramfos

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Zugl.: Erfurt, Univ., Diss., 2014

Umschlaggestaltung: © Olaf Gloeckler, Atelier Platen, Friedberg

Umschlagabbildung: Porträt des Autors Stelios Ramfos. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Ἁρμός [Harmos].

547

ISSN 1612-152X ISBN 978-3-631-68129-9 (Print)

E-ISBN 978-3-653-07264-8 (E-PDF)

E-ISBN 978-3-631-71144-6 (EPUB)

E-ISBN 978-3-631-71145-3 (MOBI)

DOI 10.3726/978-3-653-07264-8

© Peter Lang GmbH

Internationaler Verlag der Wissenschaften

Berlin 2018

Alle Rechte vorbehalten.

Peter Lang – Berlin · Bern · Bruxelles · New York
Oxford · Warszawa · Wien

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Diese Publikation wurde begutachtet.

www.peterlang.com

Autorenangaben

Isabella Schwaderer hat Klassische Philologie und Philosophie in Würzburg, Thessaloniki, Padua und Jena studiert. Sie promovierte 2014 im Bereich Religionswissenschaft (Kulturgeschichte des Orthodoxen Christentums) an der Universität Erfurt. Zurzeit unterrichtet sie Religionswissenschaft in Erfurt und arbeitet im Überschneidungsbereich von Religion, Kunst und Körperlichkeit.

Über das Buch

Diese Darstellung des bisherigen Werkes des Kulturphilosophen Stelios Ramfos stellt erstmalig einen prominenten zeitgenössischen griechischen Denker vor. In über vier Jahrzehnten produktiver Tätigkeit erstreckten sich seine Themen von einer neuen Lektüre Platons aus orthodoxer Sicht über byzantinische Spiritualität, christlich-orthodoxe Religionsphilosophie und neugriechische Literatur und Sprache bis hin zu einer zuweilen polemischen Auseinandersetzung mit dem Weg Griechenlands in die Moderne.

Ramfos’ Analysen der griechischen Gesellschaft erhellen die aktuelle Diskussion um die europäische Integration. Das Buch bietet darum nicht nur einen Überblick über sein Werk und Denken, sondern auch einen Einblick in die Problematik der Modernisierung Griechenlands und seiner Positionierung in Europa.

Zitierfähigkeit des eBooks

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Vorwort

Sich auf eine Arbeit über einen Autor wie Stelios Ramfos einzulassen ist sicherlich ein Wagnis, da die Breite seiner Themen ein ungeheures Hintergrundwissen erfordert. Nach einigem Zögern entschloss ich mich dennoch dazu, nicht zuletzt auch deswegen, um meine eigenen Studien zu Platon, antiker griechischer Literatur, mittelalterlicher Philosophie und moderner griechischer Literatur auf die Probe zu stellen. So machte ich Ramfos’ Suche auch zu meiner eigenen und bin dankbar für eine Fülle neuer Erkenntnisse.

Diese Arbeit wurde ermöglicht durch ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des Graduiertenkollegs 1412 „Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa“ der Universitäten Jena und Erfurt; an Letzterer wurde sie als Dissertation angenommen. Mein herzlicher Dank gilt meinem Betreuer Prof. Dr. Vasilios N. Makrides, der mir in allen Phasen des Projektes immer hilfreich und stets motivierend zur Seite gestanden ist sowie PD Dr. Stamatios Gerogiorgakis, dessen intime Kenntnis der Materie mir geholfen hat, etliche Klippen zu umschiffen. Ausführliche Diskussionen im Rahmen des Graduiertenkollegs und bei zahlreichen Kolloquien der Religionswissenschaft mit Schwerpunkt Orthodoxes Christentum an der Universität Erfurt machten mich auf kritische Punkte aufmerksam und die herzliche kollegiale Atmosphäre half über schwierige Phasen des Prozesses hinweg.

Mein besonderer Dank geht an meine Familie, die sich während der Abfassungszeit dieses Buches durch die Geburt meiner zweiten Tochter vergrößert hat, und die oft meine Abwesenheit ertragen musste. Tatkräftig aufmunternd standen mir zudem immer meine Eltern zur Seite, sei es durch Entlastung bei der familiären Arbeit als auch durch hingebungsvolle und kritische Lektüre des vorliegenden Textes. Ohne diese vielfältige Unterstützung von allen Seiten hätte ich diese Arbeit niemals zu Ende führen können.

Isabella Schwaderer

Weimar, Ἅγιο Πάσχα, 1. Mai 2016← 6 | 7 →

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.1 Thematische Einführung

1.2 Biographie und Chronologie des Gesamtwerks

1.3 Methodisches Vorgehen

1.3.1 „Kreative Hermeneutik“

1.3.2 Rezeption des Werks und Stand der Forschung

1.3.3 Aufbau und Erkenntnisziele der Untersuchung

Griechischer Osten und Lateinischer Westen - ein unüberbrückbarer Gegensatz?

2.1 Osten vs. Westen aus theologischer Sicht

2.2 Osten vs. Westen aus historisch-politischer Perspektive

2.3 Die Rolle der orthodoxen Kirche im Nationsbildungsprozess

2.4 Wer ist „Hellene“? Die Frage nach der griechischen Identität

2.5 Westorientierung Griechenlands und Gegenbewegungen

Platon und das Streben nach dem „mystischen Licht“

3.1 Die Platonlektüre der Pariser Zeit

3.2 Platon und die christliche Tradition – ein Gegensatz?

3.3 „Innerlichkeit“ und „griechische Psychologie“

3.4 Der philosophische Weg zur Erleuchtung

3.5 Lichtmetaphorik und Platons Metaphysik

3.5.1 Platons Lichtmetaphorik

3.5.2 Heideggers Platonverständnis und Ramfos’ Kritik

3.5.3 Das Höhlengleichnis

3.6 Reinigung und Befreiung der Seele

3.7 Θεωρία - Sehen und Erkennen im philosophischen Kontext

3.8 Das Auge der Seele. Plotins Entdeckung der Innerlichkeit← 7 | 8 →

Orthodoxe monastische Mystik und platonisches Erbe

4.1 Der Übergang von der antiken zur christlichen Innerlichkeit

4.2 Die christlich-orthodoxe mystische Tradition

4.3 Die Wüstenväter: Vorreiter der Erweiterung der Innerlichkeit

4.4 Verstand, Seele und Körper: Die Anthropologie des Evagrios Pontikos

4.5 Gottesschau und byzantinischer Humanismus: Symeon der Neue Theologe

4.6 Die orthodoxe Antwort auf den westlichen Humanismus: Gregor Palamas

4.7 Politischer Hesychasmus und verhinderte Modernisierung der orthodoxen Welt

Personale Anthropologie im Kontext der neoorthodoxen Diskussion

5.1 Individuum, Person und orthodoxe Pseudomorphose

5.2 Die russische Exiltheologie und die neoorthodoxe Strömung

5.3 Die orthodoxe Augustinuslektüre zwischen Theologie und Politik

5.4 Die Anthropologie der Person

5.4.1 Trinitätslehre und orthodoxes Menschenbild

5.4.2 „Individualistische“ vs. „metaphysische“ Liebe in Ost und West

5.4.3 Die neoorthodoxe Debatte um die Person

5.4.4 Ramfos’ Theorie der Person

5.4.5 Der Begriff des Enhypostatons

Der griechische Weg in die Moderne

6.1 Die schwierige Suche nach einer griechischen Kulturtradition

6.2 Die Sprachenfrage - Konservative Position und Sprachmystik

6.2.1 Kurze Vorgeschichte der griechischen Sprachenfrage

6.2.2 Ein Beitrag zur Diskussion um die Sprachreform

6.2.3 Sprachmystik← 8 | 9 →

6.3 Literatur im neoorthodoxen Kontext: Alexandros Papadiamantis

6.3.1 Papadiamantis und der Beginn der neugriechischen Prosa

6.3.2 Papadiamantis und Dostojewski

6.4 Umstrittene Modernisierung: Antworten auf die Krise in Griechenland

6.5 Individualisierung und „ethnopsychologische“ Kritik

Schluss

7.1 Zusammenfassung

7.2 Versuch einer Beurteilung des bisherigen Wegs

Literaturverzeichnis

8.1 Werke von Stelios Ramfos

8.2 Primärquellen aus antiker und mittelalterlicher Literatur

8.3 Sekundärliteratur← 9 | 10 →← 10 | 11 →

Einleitung

1.1 Thematische Einführung

Stelios Ramfos, dessen kulturphilosophisches Profil Thema der vorliegenden Untersuchung sein soll, ist eine in der heutigen griechischen intellektuellen Öffentlichkeit außerordentlich präsente und auch nicht unumstrittene Persönlichkeit. Seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wendet er sich mit regelmäßigen Beiträgen in Zeitungen an ein breites Publikum und hält Vorlesungen über Philosophie und Theologie in privaten Bildungseinrichtungen der Hauptstadt, die eher einem kleineren Zirkel vorbehalten sind.

Die jüngste Staatsschuldenkrise, die daraus resultierenden massiven gesellschaftlichen Verwerfungen und das daraus folgende Gefühl der Unsicherheit in der Bevölkerung bescherten ihm jedoch schlagartig weit größere Bekanntheit und machten ihn zu einem beliebten Gast in Talkshows im Rundfunk und Fernsehen. Was Ramfos für das griechische Publikum so interessant macht, ist seine stellenweise durchaus eigenwillige Position zu nationalen Themen, etwa die Rolle der griechischen Kultur und Sprache im Allgemeinen sowie die Position Griechenlands in Europa und der Welt, Fragen also, die in Zeiten der Krise als besonders dringlich empfunden werden.

Im Zusammenhang mit den vielfältigen europaskeptischen Stimmen aus nahezu allen Mitgliedsstaaten bildet Griechenland allerdings auch keine Ausnahme, und so ist die Betrachtung des Werks eines kulturphilosophischen Autors wie Ramfos ein Beitrag zur Analyse der ideologischen Positionen Griechenlands im Verhältnis zur Europäischen Union. Ramfos‘ Werk ist zum einen sehr umfangreich und erstreckt sich über die gesamte Zeit der griechischen Mitgliedschaft bei der Staatengemeinschaft (seit 1981).

Es beinhaltet zudem die zentralen Themen der griechischen Identität, nämlich Antike und Orthodoxie, Sprache und Philosophie, Marxismus und Politik, und nicht zuletzt kann man bei Ramfos auch eine wichtige ideologische „Kehre“ in den späten neunziger Jahren feststellen, die in mancherlei Hinsicht auch symptomatisch für die Haltung eines großen Teils der griechischen Bevölkerung ist: das grundsätzliche Misstrauen gegenüber dem Westen und Europa im Besonderen weicht einer breiten Zustimmung, die im Zuge der Krise später allerdings wieder heftig ins Wanken gerät. Somit soll diese Arbeit einen Intellektuellen in seinem Werdegang darstellen und sein breites Werk zum ersten Mal systematisch in die griechische Geistesgeschichte einordnen. Das Verhältnis Griechenlands zum ← 11 | 12 →Westen und zu Europa ist hierbei eine Art Leitmotiv, das sich durch die gesamte Breite der behandelten Themen hindurchzieht.

Im weitesten Sinne sucht Ramfos nach den geistigen Wurzeln des heutigen Griechenlands, und für dieses Land mit dem immensen kulturellen Erbe liegt, so legt er nahe, der Schlüssel zum Verständnis in der Vergangenheit. In der Vergangenheit, dem größten Kapital, über das dieser kleine Staat im Südosten Europas verfügt, und insbesondere in seinem spirituellen Erbe zwischen Antike und Orthodoxie, sucht Ramfos also nach den Gründen für die Sonderstellung seines Landes in der europäischen Gemeinschaft.

Viel von dieser Besonderheit Griechenlands führt er auf den großen Einfluss des orthodoxen Christentums zurück, das Geschichte und Mentalität des Landes stark geprägt hat. In gewisser Weise setzt er so Max Webers Annahme von der wechselseitigen Abhängigkeit von Modernisierung und Säkularisierung1 fort, nur unter umgekehrten Vorzeichen; die fehlende Säkularisierung in den orthodoxen Gesellschaften sei also der Grund für ihre nur zögerliche Eingliederung in die vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt bestimmten westeuropäischen Staaten. Obwohl diese Grundannahme in jüngerer Zeit im Forschungsdiskurs erhebliche Kritik erfahren hat, erschließen sich durch sie in Ramfos Werk eine ganze Reihe von Schlussfolgerungen, die die oben genannte Frage nach der Besonderheit Griechenlands in Europa mit einer gewissen Plausibilität zu beantworten suchen.

Die systematische Darstellung des Werks von Ramfos war insofern nicht unproblematisch, als sich der Autor zu Themen der gesamten griechischen Geistesgeschichte von Homer bis heute äußert, manche Kernaussagen sich aber im Laufe der Zeit erheblich verändern, wenn nicht gar widersprechen. Es werden im Folgenden also die wichtigsten Themen, die Ramfos beschäftigen, mehr oder weniger chronologisch, angefangen von der Antike über das Mittelalter bis zur Gegenwart, angeordnet. Um die unterschiedlichen Positionen, die Ramfos vor und nach seiner Kehre einnimmt, zu erläutern, wurden bei der Analyse vorzugsweise Beispiele ausgewählt, die im Laufe der Zeit eine unterschiedliche Bewertung erfahren haben.

Das Buch beginnt mit einer ausführlichen Darstellung von Ramfos mystischer Auslegung der Philosophie Platons, die in seiner Auseinandersetzung mit Martin Heideggers Metaphysikkritik auch eine Gegenposition zur abendländischen Philosophiegeschichtsschreibung beinhaltet.

Meine Analyse gründet sich in den Kapiteln zu Platon und der mittelalterlichen Tradition auf die Monographien, die aus Vorlesungsmaterialien entstanden ← 12 | 13 →sind. Die Auseinandersetzung um Griechenlands Rolle in der Moderne basiert vorwiegend auf verschiedenen Essays zur Literatur des 19. Jahrhunderts und auf kulturpolitischen Beiträgen in der Presse, insbesondere zur Sprachenfrage. Diese unterschiedlichen Quellenarten halten tendenziell komplementäre Erkenntnisse bereit und werden so weit wie möglich kombiniert.

Nach einer ausführlichen Darstellung von Ramfos‘ bisheriger Biographie und seiner wichtigsten Werke wird ein einleitendes Kapitel kurz die historische Entwicklung des griechischen Selbstverständnisses zeigen, um die wichtigsten Begriffe einzuführen, um die Ramfos‘ kulturphilosophische Ausführungen kreisen. Hier soll insbesondere erklärt werden, weshalb die Abgrenzung vom lateinisch geprägten West- und Mitteleuropa für Ramfos ein so zentrales Element in der Diskussion um die nationale Identität ist. Daher werden die kulturellen Unterschiede zwischen „Ost“ und „West“ kurz aus theologischer und historischer Perspektive umrissen, um dann zu klären, welche Faktoren die griechische Identität bestimmen und in welches Verhältnis zum „Westen“ Ramfos Griechenland setzt.

Vier unterschiedliche inhaltliche Motive und Themenfelder aus Ramfos‘ Werk werden im Hauptteil eingeführt und analysiert. Die Aufteilung ergab sich aus der Absicht, zwei zentrale Dimensionen der Darstellung zu kombinieren, die man als diachrone und synchrone Dimension bezeichnen kann.

Zusammenfassung

Diese Darstellung des bisherigen Werkes des Kulturphilosophen Stelios Ramfos stellt erstmalig einen prominenten zeitgenössischen griechischen Denker vor. In über vier Jahrzehnten produktiver Tätigkeit erstreckten sich seine Themen von einer neuen Lektüre Platons aus orthodoxer Sicht über byzantinische Spiritualität, christlich-orthodoxe Religionsphilosophie und neugriechische Literatur und Sprache bis hin zu einer zuweilen polemischen Auseinandersetzung mit dem Weg Griechenlands in die Moderne.
Ramfosʼ Analysen der griechischen Gesellschaft erhellen die aktuelle Diskussion um die europäischen Integration. Das Buch bietet darum nicht nur einen Überblick über sein Werk und Denken, sondern auch einen Einblick in die Problematik der Modernisierung Griechenlands und seiner Positionierung in Europa.

Biographische Angaben

Isabella Schwaderer (Autor:in)

Isabella Schwaderer hat Klassische Philologie und Philosophie in Würzburg, Thessaloniki, Padua und Jena studiert. Sie promovierte 2014 im Bereich Religionswissenschaft (Kulturgeschichte des Orthodoxen Christentums) an der Universität Erfurt. Zurzeit unterrichtet sie Religionswissenschaft in Erfurt und arbeitet im Überschneidungsbereich von Religion, Kunst und Körperlichkeit.

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Titel: Platonisches Erbe, Byzanz, Orthodoxie und die Modernisierung Griechenlands