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Der «Koerber-Plan»

Wirtschaftspolitik als Integrationsfaktor für die Nationalitäten des Habsburgerreichs- Die Regierungszeit Ernest von Koerbers 1900-1904 aus wirtschaftlicher Perspektive

von Eibe Hinrichs (Autor:in)
©2015 Dissertation XXV, 423 Seiten

Zusammenfassung

Der Wirtschaftsplan des von 1900 bis 1904 regierenden österreichischen Ministerpräsidenten Ernest von Koerber (1850-1919) ist ein Thema europäischer Dimensionen. Die Konzeptionen des Koerber-Plans wurden seinerzeit als die kühnsten und weitreichendsten Vorhaben in der Geschichte der Doppelmonarchie bezeichnet. Die gesellschaftliche Ebene ist vor allem im Hinblick auf die politischen Auseinandersetzungen zu bewerten und wird im Kontext der sozialen und wirtschaftlichen Spannungen, die der Koerber-Plan zu reduzieren suchte, deutlich. Koerber versuchte durch sein Wirtschaftsprogramm den bisher vernachlässigten Wirtschaftsbereichen der Habsburgermonarchie einen Aufschwung zu geben, in dessen Folge nicht nur der allgemeine Wohlstand gehoben, sondern auch der Nationalitätenstreit eingedämmt werden sollte. Das Ziel des Koerber-Plans war die wirtschaftliche Verbesserung der Lebensumstände für die vielen Nationalitäten innerhalb der Doppelmonarchie. Die These lautete, dass keine Nationalität das Habsburgerreich verlassen werde, wenn die wirtschaftliche Situation aller Bürgerinnen und Bürger dies nicht rechtfertige. Ein Ziel, das auch in der Gegenwart vielfach im Rahmen der Europäischen Union genannt wird.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Vorwort zur Drucklegung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Abbildungsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Thema, Methode, Begriffe
  • 1.2 Das Spannungsfeld des Nationalismus’
  • 1.2.1 Das Konzept der Nation im Überblick
  • 1.2.2 Die Nationalitäten in der Habsburgermonarchie (Überblick)
  • 1.3 Wirtschaftspolitik als Lösungsmittel der Nationalitäten- und Integrationsfragen
  • 1.3.1 Allgemeine Betrachtungen zur Habsburger Wirtschaftspolitik
  • 1.3.2 „Economic Bachwardness“ als Erklärungsmuster der Habsburger Wirtschaft?
  • 1.3.3 Wirtschaftliche Aspekte für die Zukunft
  • 2. Der historische Kontext Österreichs im ausgehenden 19. Jahrhundert
  • 2.1 Die Stellung des österreichischen Kaiserhauses zu den Habsburger Nationen im 19. Jahrhundert
  • 2.2 Die Situation und die Konflikte der Nationalitäten im Habsburgerreich seit 1848/49
  • 2.2.1 Nationalitätenfragen zur Zeit der Frankfurter Nationalversammlung (1848/49)
  • 2.2.2 Die Neuordnung des Habsburgerreich nach den Auseinandersetzungen mit Preußen (1866)
  • 2.2.2.1 Die Regierung Graf Eduard Taaffes
  • 2.2.2.2 Die Regierung Graf Badenis: Sprachenverordnung und eskalierender Nationalitätenkonflikt
  • 2.2.2.3 Wechselnde Regierungen zum Ende des 19. Jahrhunderts
  • 2.2.2.4 Die Entscheidung zugunsten einer Regierung Dr. Ernest von Koerbers
  • 3. Die österreichische Wirtschaftspolitik im 19. Jahrhundert
  • 3.1 Wirtschaftliche Bedingungen und Entwicklungen bis ins 19. Jahrhundert
  • 3.2 Die Wirtschaft zur Jahrhundertwende
  • 3.2.1 Wirtschaftsliberale Entwicklungen und wirtschaftliche Depression
  • 3.2.2 Der wirtschaftliche Ausgleich und das Verhältnis zur ungarischen Reichshälfte
  • 3.2.3 Konjunkturelle Entwicklung der Habsburgermonarchie seit 1867
  • 3.2.4 Staat, Länder und Gemeinden als die Träger der Monarchie
  • 4. Die Regierungszeit des Ministerpräsidenten Dr. Ernest von Koerbers
  • 4.1 Die Biographie Dr. Ernest von Koerbers
  • 4.2 Das Kabinett
  • 4.3 Die Bedeutung des Amtes
  • 4.4 Die Nationalitätenkonflikte als Herausforderung
  • 4.4.1 Ausgleichsverhandlungen zur Lösung der Sprachenfrage
  • 4.4.2 Die Auflösung des Reichsrates
  • 4.4.3 Neuerlicher Versuch parlamentarischer Arbeit
  • 4.4.4 Investitionsvorlage und Wasserstraßenvorlage – ein Junktim zur Gewährleistung der Regierungsfähigkeit
  • 4.4.5 Der Schein einer Konsolidierungsphase der parlamentarischen Arbeit
  • 4.4.6 Die Ausgleichsverhandlungen mit Ungarn
  • 4.4.7 Neuerliche Arbeitsunfähigkeit des Parlaments
  • 4.4.8 Der Sturz des Ministerpräsidenten
  • 5. Die Wirtschaftspolitik des Ministeriums Koerber als Integrationsfaktor der Habsburger Nationalitäten
  • 5.1 Philipp Wilhelm von Hörnicks Vorstellungen als ein mögliches historisches Leitbild des Koerber-Plans
  • 5.2 Ein Junktim von Wirtschaftsgesetzen zur Lösung nationaler Konflikte
  • 5.2.1 Die Investitionsvorlage
  • 5.2.1.1 Geschichtlicher Rückblick
  • 5.2.1.2 Das Eisenbahnwesen im Habsburgerreich (1824–1873)
  • 5.2.1.3 Entwicklungen des Eisenbahnwesens im ausgehenden 19. Jahrhundert
  • 5.2.1.4 Die Investitionsvorlage im Überblick
  • 5.2.1.5 Die neu herzustellenden Eisenbahnstrecken
  • A. Tauernbahn, Karawankenbahn, Wocheinerbahn mit direkter Fortsetzung nach Triest (Zweite Eisenbahnverbindung mit Triest.)
  • B. Lemberg – Sambor – galizischungarische Grenze
  • C. Pyhrnbahn
  • D. Rakonitz – Laun
  • E. Hartberg – Friedberg
  • F. Lokalbahnwesen (Bahnen niederer Ordnung)
  • 5.2.2 Die Wasserstraßenvorlage
  • 5.2.2.1 Österreichische Kanalprojekte und Schifffahrtsstraßen bis 1900
  • 5.2.2.2 Die Entwicklung des Gesetzes im Überblick
  • A. Die Entstehung des ersten Gesetzentwurfs
  • B. Zweiter Gesetzentwurf
  • C. Dritter Gesetzentwurf
  • D. Vierter Gesetzentwurf
  • 5.2.2.3 Interessengruppierungen
  • 5.2.2.4 Die Kanalprojekte
  • 5.2.2.5 Die Flussregulierungen
  • 5.2.2.6 Umsetzungsplanung der Projekte
  • A. Generelle Zeitplanung
  • B. Verwaltung
  • C. Finanzierung
  • D. Soziale Bestimmungen
  • 5.2.2.7 Probleme und Einwände hinsichtlich der Projektumsetzung
  • A. Die Terrain- und klimatischen Verhältnisse
  • B. Die Anlage-, Betriebs- und Erhaltungs-Kosten
  • C. Der wirtschaftliche Wert der Wasserstraßen
  • D. Das Verhältnis zu Ungarn
  • E. Die Rückwirkung auf Triest
  • F. Die Rückwirkung der Wasserstraßen auf die österreichischen Eisenbahnen
  • 5.2.2.8 Die wirtschaftliche Bedeutung der Wasserstraßen
  • A. Donau–Oder-Kanal
  • B. Donau–Moldau-Kanal
  • C. Prerau–Pardubitz-Kanal
  • D. Galizische Wasserstraßen
  • 5.2.3 Die Klubs im Reichsrat und ihre wirtschaftspolitischen Vorstellungen (Überblick)
  • 5.2.3.1 Der „Polenklub“
  • 5.2.3.2 Der „Club der böhmischen Abgeordneten“ (Die Jungtschechen)
  • 5.2.3.3 Der „Verband der Deutschen Volkspartei“ (Deutsche Volkspartei)
  • 5.2.3.4 Die „Deutsche Fortschrittspartei“
  • 5.2.3.5 Die „Vereinigung der verfassungstreuen Großgrundbesitzer des Abgeordnetenhauses“ (Verfassungstreuer Großgrundbesitz)
  • 5.2.3.6 Der „Centrum-Club“ (Zentrumklub)
  • 5.2.3.7 Die „Christlichsozialen“
  • 5.2.3.8 Die „Alldeutsche Vereinigung“ (Alldeutsche)
  • 5.2.3.9 „Gruppe der Abgeordneten des böhmischen conservativen Großgrundbesitzes“ (Tschechisch-konservativer Großgrundbesitz)
  • 5.2.3.10 Die „Italienische Vereinigung“
  • 5.2.3.11 Das „Slavische Centrum“ (Slawisches Zentrum)
  • 5.2.3.12 „Slovenisch-kroatischer Club“ (Slowenisch-kroatischer Klub)
  • 5.2.3.13 Der „Sozialdemokratische Verband“ (Die Sozialdemokraten)
  • 5.2.3.14 Der „Ruthenenklub“
  • 5.2.3.15 „National-sociale böhmische Vereinigung“ (National-Soziale Tschechische Vereinigung)
  • 5.2.3.16 Der „Rumänenklub“
  • 5.2.3.17 Der „Club der böhmischen Agrarier“ (Tschechische Agrarier)
  • 5.2.3.18 Die „Deutsche Bauernpartei“
  • 5.2.3.19 Die „Polnisch-christliche Volkspartei“
  • 5.2.3.20 Die „Polnische Volkspartei“ (auch: „Polnische Bauernpartei“)
  • 5.2.3.21 Mährische Mittelpartei
  • 6. Schlussbetrachtungen: Die Bewertung der Wirtschaftspolitik Ernest von Koerbers im Hinblick auf die Nationalitätenfrage und das Bestreben der Integration der Nationalitäten
  • 6.1 Erfolg und Ergebnis des Junktims/ Die politischen und wirtschaftlichen Ebenen des Koerber-Plans
  • 6.2 Erfolge und Ergebnisse der (Wirtschafts-) Politik Ernest von Koerbers
  • 7. Anhang
  • 7.1 Literaturverzeichnis
  • 7.2 Leben und Werk Eugen von Böhm-Bawerks
  • 7.3 Dokumente
  • 7.3.1 Finanzarchiv
  • 7.3.1.1 Akten des „Präsidiums des kaiserlichköniglichen Finanz-Ministeriums“
  • 7.3.1.2 Staatshaushalte und etwaige Nachträge
  • 7.3.1.3 Akten des „Präsidiums des kaiserlichköniglichen Handels-Ministeriums“
  • 7.3.2 Haus-, Hof- und Staatsarchiv
  • 7.3.3 Österreichisches Staatsarchiv
  • 7.3.3.1 Stenographische Protokolle des Abgeordnetenhauses
  • 7.3.3.2 Interpellation/ Anfragen
  • 7.3.3.3 Beilagen zu den stenographischen Protokollen des Abgeordnetenhauses
  • 7.3.3.4 Gesetze, Verordnungen
  • 7.4 Zeitungsartikel
  • 7.5 Weitere Quellennachweise

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb.  1:  Die Nationalitäten der Habsburgermonarchie um 1900

Abb.  2:  Österreichs Wirtschaftsposition im internationalen Vergleich (um 1850)

Abb.  3:  Gesetz vom 21. December 1867, wodurch das Grundgesetz über die Reichsvertretung vom 26. Februar 1861 abgeändert wird; Reichs-Gesetz-Blatt Nr. 141 für das Kaiserthum Oesterreich, Jahrgang 1867, LXI. Stück

Abb.  4:  Dr. Ernest von Koerber, in: Gershenkron, A.: (Spurt), S. II

Abb.  5:  Berufsstruktur in Österreich, Ungarn und im Deutschen Reich 1870–1910 (in Prozenten) in: Gross, N. Th.: (Stellung), S. 18

Abb.  6:  Indikatoren der industriellen Entwicklung, in: Matis, H. / Bachinger, K.: (Entwicklung), S. 150

Abb.  7:  Durchschnittliche industrielle Zuwachsraten (in Prozent pro Jahr, in: Rudolph, R. L. (Aspekte), S. 243

Abb.  8:  Wachstum der österreichischen Industrieproduktion 1880–1913 (nach Industriesektoren konstante Preise), in: Rudolph, R. L. (Aspekte), S. 244

Abb.  9:  Indices der österreichischen Industrieproduktion 1880–1913; in: Matis, H. / Bachinger, K.: (Entwicklungen), S. 237

Abb. 10: Wachstum der österreichischen Industrieproduktion (1880–1913), in: Matis, H./ Bachinger, E.: (Entwicklung), S. 237

Abb. 11: Österreichisch-ungarischer Außenhandel (zu laufenden Preisen) in: Rudolph, R. L. (Aspekte), S. 249

Abb. 12: Vergleich der in den Jahren 1890 und 1900 bestehenden Kartelle, in: Matis, H. / Bachinger, K.: (Entwicklung), S. 137

Abb. 13: Gesamtzahl der Kartelle, in: Matis, H. / Bachinger, K.: (Entwicklung), S. 139

Abb. 14: Bestandsveränderungen des Straßennetzes (in km), in: Wysocki, (Infrastruktur), S. 361

Abb. 15: Die Einnahmen und Ausgaben von Staat und Ländern 1870 und 1919, in: Wysocki, (Infrastruktur), S. 25 ← XXIII | XXIV →

Abb. 16: Entwicklungsstand des Eisenbahnwesens in einzelnen Ländern (1846); aus: Hermann Strach: Geschichte der Eisenbahnen Österreich-Ungarns. Von den Anfängen bis zum Jahre 1867; Geschichte der Eisenbahnen der österr.-ungar. Monarchie, hrsg. von Hermann Strach I/1 Wien-Teschen-Leipzig 1898), S. 249, dargestellt in Bachinger, K.: (Verkehrswesen), S. 280

Abb. 17: Jährlicher Zuwachs an neu eröffneten Eisenbahnen in Österreich (in km), in: Österreichische Eisenbahnstatistik für das Jahr 1912, 1. Teil, Wien 1914, S. XXV, angegeben in: Bachinger, K.: (Verkehrswesen), S. 289

Abb. 18: Die österreichischen Eisenbahnen zwischen Staat und Privaten 1897, in: Wysocki, J. (Infrastruktur), S. 60

Abb. 19: Die Entwicklung des cis- und des transleithanischen Bahnnetzes; Österr. Eisenbahnstatistik für das Jahr 1912, S. XXV und Ungarisches Statistisches Jahrbuch N. F. 20 (1912), S. 245, in: Bachinger, K. (Verkehrswesen), S. 302

Abb. 20: „Gesetz vom 6. Juni 1901, R.G.Bl. 63, betreffend die Herstellung mehrerer Eisenbahnen auf Staatskosten und die Festsetzung eines Bau- und Investitionsprogramms der Staatseisenbahnverwaltung für die Zeit bis 1905“, S. 1

Abb. 21: Die zweite Eisenbahnverbindung nach Triest, in: Nr. 60 der Beilagen zu den stenographischen Protokollen des AH. XVII. Session 1901, Anhang

Abb. 22: Übersichtskarte der projektierten Eisenbahn: Lemberg – Sambor – galizisch-ungarische Grenze in: Nr. 60 der Beilagen zu den stenographischen Protokollen des AH, XVII. Session 1901, Anhang

Abb. 23: Übersichtskarte der projektierten Eisenbahn: Rakonitz – Laun, in: Nr. 60 der Beilagen zu den stenographischen Protokollen des AH, XVII. Session 1901, Anhang

Abb. 24: Übersichtskarte der projectirten Eisenbahn: Hartberg – Friedberg, in: Nr. 60 der Beilagen zu den stenographischen Protokollen des AH, XVII. Session 1901, Anhang

Abb. 25: Anteil der Kronländer am Eisenbahnnetz (1912), in: Bachinger, K.: (Verkehrswesen), S. 301

Abb. 26: Österreichische Kanalprojekte 1901, in: Binder, H.: (Lage), S. 45

Abb. 27: Parteienverhältnisse und nationale Struktur des Herrenhauses Ende des Jahres 1906, in: Höbelt, L.: (Vertretung), S. 219 (Tabelle 6) ← XXIV | XXV →

Abb. 28: Die Vertretung der Nationalitäten im Abgeordnetenhaus (1873–1906), in: Höbelt, L.: (Vertretung), S. 204 (Tabelle 2)

Abb. 29: Polnische und ruthenische Wahlkreise in Galizien (Landgemeindebezirke) 1873–1901, in: Höbelt, L.: (Vertretung), S. 201

Abb. 30: Schematische Darstellung des nationalliberalen Parteispektrums in der Österreichischen Reichshälfte, in: Höbelt, L.: (Gruppierungen), S. 84

Abb. 31: „Entwickelung der französischen Verkehrs-Netze“ (Graphische Darstellung), in: Nördling, W. v.: (Selbstkosten), S. 128f

Abb. 32: Österreich 1740–1918

Abb. 33: Die prozentuelle Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses vor und nach der Wahlreform von 1906, in: Höbelt, L.: (Vertretung), S. 218 (Tabelle 5)

Abb. 34: Die Ergebnisse der Wahlen zum Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrates 1907 und 1911, in: Tapié, V.-L.: (Völker), S. 392f ← XXV | 1 →

1. Einleitung

1.1 Thema, Methode, Begriffe

Die Übernahme des Ministerpräsidentenamtes in Österreich durch Dr. Ernest von Koerber im Jahre 1900 kam für viele politisch Interessierte eher überraschend. Dennoch war die Ernennung nicht als vollkommen abwegig anzusehen. Durch die ständigen Regierungswechsel der vorangegangenen Jahre des 19. Jahrhunderts konnte bisher ernstlich keine Regierungsarbeit zu Ende geführt werden. Jede Regierung durchdachte neuerlich die Erkenntnisse des vorherigen Ministeriums, versuchte darauf „aufzusetzen“ und scheiterte ebenso.5

Wichtige Ministerpräsidenten vor der Ernennung Ernest von Koerbers waren u.a.:6

  • Graf Eduard Taaffe (1868–1870; 1879–1893)
  • Alfred Fürst zu Windischgrätz (1893–1895)
  • Erich Graf Kielmannsegg (1895)
  • Kasimir Graf Badeni (1895–1897)
  • Paul Baron Gautsch von Frankenthurn (1897/98)7
  • Franz Anton Graf von Thun und Hohenstein (1898/99)
  • Manfred Graf Clary-Aldringen (1899)
  • Dr. Wilhelm Ritter von Wittek (1899/1900)8

Für diese „Fluktuation“ war aber nicht irgendeine „Unfähigkeit“ des Kaisers oder seiner Ministerpräsidenten verantwortlich zu machen, sondern hierbei war an Zwänge und Unzufriedenheiten zu denken, die sich in den Habsburger ← 1 | 2 → Nationalitäten über Jahrzehnte hinweg aufgestaut hatten und nun – da die Ungarn ihre Chance einer, wenn auch nicht vollständig erreichten Souveränität genutzt hatten (1867) – dies als Signal verstanden, es ihnen gleichzutun. Um nach dem gereichten „Finger“ (Ungarn) nicht auch die „Hand“ (die Nationen des Habsburgerreiches) zu verlieren, mußte die Politik der „Unabhängigkeit“ – quasi als „Los-von-Wien–Bewegung“9– Widerspruch und Widerstand bei Krone und Deutsch-Österreichischen Politikern finden, die bisher ganz zweifellos die führenden Kräfte im Habsburgerreich waren. Während Koerbers Vorgänger schon an Fragen der Sprachenregelung scheiterten, die als Ausgangsproblem die Nationalitätenfrage bestimmten, war der eigentliche Anlaß der Streitigkeiten, ebenfalls eine „ungarische Lösung“ für die anderen Nationalitäten zu erreichen. Jede Lösung wurde „nationalistisch“ ausgenutzt; Ministerpräsident Badenis10 Sprachen-Verordnung (1897) bot sich hierfür unter mehreren anderen Vorschlägen an.

Kaiser Franz Joseph I. war sich dieser fatalen Situation bewußt. Um so mehr ist der Vertrauensvorschuß des Kaisers zu beurteilen, den er Koerber 1900 zuteil werden ließ und diesen Politiker dem erfahrenen Grafen Gautsch vorzog.

Die propagierte Wirtschaftspolitik – und damit in ihrem Ergebnis auch die Integrationspolitik – war entscheidender und essentieller Punkt der politischen Vorstellungen Koerbers. Koerber propagierte ein Wirtschaftsprogramm, das im Vergleich zu den anderen europäischen Staaten vernachlässigten Wirtschaftsbereichen wie der Industrie und dem Handel mit Hilfe des Infrastruktur-Ausbaus einen Aufschwung zu geben suchte. Als Folge dieser Wirtschaftspolitik sollte nicht nur der allgemeine Wohlstand gehoben, sondern gleichzeitig der Nationalitätenstreit eingedämmt werden. Aus diesem Grund steht in dieser Schrift die Industrie, der Handel und der Eisenbahnverkehr im eigentlichen Interesse, wobei die im Kontext wichtigen Bereiche wie der Staatshaushalt und der Kapitalmarkt nicht außer Acht zu lassen sind. ← 2 | 3 →

Die Wirtschaftsvorlagen sollten – von den Streitigkeiten der Nationalitäten weg – zu einer wirtschaftlichen, konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Ergebnis der Festigung des politischen Systems des Habsburgerreiches führen. Die Regierung Koerbers hatte ein Wirtschaftsprogramm vorgelegt, dass u.a. den Bau von neuen Eisenbahnlinien und die Erweiterung des Wagonparks vorsah. Daneben war der Bau eines Wasserstraßennetzes innerhalb der nächsten 20 Jahre vorgeschlagen und projektiert worden.11

Die vorliegende Arbeit behandelt daher im Wesentlichen die wirtschaftlichen Vorhaben während der Ministerpräsidentschaft Koerbers und deren Ergebnisse. Als Leitfaden ziehen sich u.a. nachstehende Fragen durch die Kapitel des Gesamtwerkes:

  1. Konnte die Wirtschaftspolitik der Regierung Ernest von Koerbers – hier seien vornehmlich die Ereignisse um die Wasserstraßen- und die Investitionsvorlage des Jahres 1901 genannt – im Kontext des Nationalitätenstreits erfolgreich sein?
    Welches waren die Ziele dieser Wirtschaftspolitik?
    War die Wirtschaftspolitik Koerbers in seiner Zeit mit den damaligen wirtschaftlich-politischen Instrumentarien durchsetzbar?
  2. Welches sind die Veränderungen, die durch die Wirtschaftspolitik erreicht wurden?
  3. Gibt es Belege dafür, dass die Wirtschaftspolitik Koerbers Integrationsfaktor der Nationalitäten sein sollte?
    Gibt es Belege dafür, dass die Integrationspolitik an der Wirtschaftspolitik scheitern mußte?
  4. Hat die Wirtschaftspolitik Ernest von Koerbers in der dargestellten Wirkungskette erfüllt werden können, und wenn nicht, inwieweit konnte sie realisiert werden und woran scheiterte sie?
  5. Hat die Wirtschaftspolitik Ernest von Koerbers die Existenz des regierenden Hauses Habsburg verlängert bzw. den politischen Status Quo erhalten können? Hätte in diesem Zusammenhang eine Regierung unter Graf Gautsch (1905/06)12 und Beck (1906–1908)13 andere Prämissen gesetzt?
  6. Ist der Denkansatz, die Wirtschaftspolitik Ernest von Koerbers als Integrationsfaktor zu sehen falsch und/ oder handelt sich vielmehr um einen „Economic Spurt That Failed“? ← 3 | 4 →
    Gab es überhaupt einen „Economic Spurt“; ist das Bild eines solchen Aufbruchs für die damalige Situation in den Anfängen des 20. Jahrhunderts in Österreich anwendbar? Läßt sich – die Gedanken weiterführend – ein „Economic Spurt“ mit einer Integrations- und Wirtschaftspolitik sinnvoll verbinden?
  7. Kann Wirtschaftspolitik überhaupt Integration bedeuten; ist dies ein utopischer Anspruch, der weder in der historischen, zeitgeschichtlichen noch in der gegenwärtigen politischen Situation geleistet werden kann?

Die Koerbersche Wirtschaftspolitik um das Junktim der Wasserstraßen- und Investitionsvorlage soll Schwerpunkte, Ziele, Stärken und Schwachpunkte verdeutlichen. Aber auch die Spannungsfelder damaliger Politik und des Wirtschaftsgeschehens werden aufgezeigt. Insbesondere die Kräfteverhältnisse, die sich in einem von Nationalitätenkonflikten zerrissenen Habsburgerreich offenbarten, werden im Kontext der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Spannungen, die der Koerber-Plan hervorrief, deutlich.14

In einer Analyse der vorliegenden Primärliteratur und ggf. neuen Bewertungen der Sekundärliteratur wird der Blick auf die Aussöhnungsversuche der Nationalitäten im Habsburgerreich gerichtet und Bestandteil dieser Arbeit sein.

Dabei soll auch Koerber selbst dargestellt werden, den Charmatz sehr emotional und pathetisch als „vielleicht den klügsten, ja weisesten Premier, den die Monarchie seit 1848 gesehen hat“ charakterisierte.15

Es kann als Hypothese vorangestellt werden, dass die wirtschaftliche Ausrichtung der Koerberschen Politik im Wesentlichen ein Mittel zum Zweck war. Es scheint, als wäre dies noch eine der wenigen Möglichkeiten einer österreichischen Regierung zur Abwendung der drohenden Gefahren für das Habsburgerreich gewesen, welche sich aus den ansteigenden Nationalitätenkonflikten ergaben. Die sehr – für die nicht deutschsprachigen Nationalitäten selbst – positiv zu bewertende Politik Badenis hatte auf der deutsch-österreichischen Seite starke Verärgerung hervorgerufen, so dass andere Wege gefunden werden mußten, wenn die österreichische Regierung nicht „an Boden im eigenen Lager“ verlieren wollte. Der Nationalitätenkonflikt war durch die Sprachenverordnung erheblich verschärft16 worden. Das eigentliche Ziel Badenis war damit nicht nur verfehlt, sondern in sein Gegenteil verkehrt worden. ← 4 | 5 →

Im Kontext des o.a. Fragekatalogs wird maßgeblich zur Ambivalenz der Politik Koerbers hingeführt und aufgezeigt, inwieweit die Bereitschaft der Nationalitäten gegenüber der Regierung vorhanden war, den „Wirtschaftsplan“ ernst zu nehmen. Hierbei wird auch Bezug auf die Jahre vor und nach der Ministerpräsidentschaft Koerbers (1900–1904) genommen. Die Budgetprobleme, vor allem aber die z.T. sehr unterschiedlichen Vorstellungen von Handels-, Finanz-, Eisenbahn- und Innenministerium17 sind hier wesentliche Anknüpfpunkte.

Ein weiterer Gesichtspunkt ist die mögliche Kontinuität der Politik Franz Joseph I. Im Wesentlichen wird auf die Erhaltung der politischen Stellung des Habsburgerhauses Bezug genommen und die Regierungszeit Ernest von Koerbers in diesem Kontext gesehen. Dabei erscheint ein Hinweis auf die Regierungen Gautsch’ und Becks – zumindest in dem politischen Leitlinien – zweckmäßig. Es soll dargestellt werden, inwieweit Koerbers Wirtschaftsplan nach seiner Demission noch aufrechterhalten, weitergeführt oder in Teilbereichen storniert wurde. Hierbei wird auch die Rolle des Eisenbahnministers Ritter von Wittek zu erwähnen sein, der bereits wenige Monate nach dem Rücktritt Koerbers sein Amt als erster Eisenbahnminister der Habsburgermonarchie niederlegte (Frühjahr 1905).

Mit Bezug auf das Werk von Alexander Gershenkron wird der „Economic Spurt That Failed“18 zur Grundlage und Diskussionspunkt weiterführender Gedanken um die Integrations- und Wirtschaftspolitik Koerbers sein.19

Nach gut 90 Jahren der Koerberschen Ideen wird auf die Möglichkeit hingewiesen, dass eine solche, damals vorhandene Planung schon von vornherein zum Scheitern verurteilt war, da die politischen und wirtschaftlichen Instrumente einer Integrationspolitik im Rahmen der staatlichen Wirtschaftspolitik nicht vorhanden oder nicht ausreichend genug entwickelt waren.

Hier sei ein Hinweis auf anzutreffende Erörterungen erlaubt, die sich mit der Verbindung der Integrations- und Wirtschaftspolitik befassen. Ein Bezug zu den Nachfolgestaaten der UdSSR, Jugoslawiens und der Tschechoslowakei soll hier beispielgebend sein.20 ← 5 | 6 →

Die Darstellung der politischen Zielsetzung Koerbers und seiner wirtschaftlichen Ausrichtung soll aufzeigen, wie aktuell auch heute noch die Integrationspolitik in ihrem wirtschaftlichen Kontext ist.

Um die angeführten Fragestellungen hinreichend bearbeiten zu können, muß die Definition einiger Begriffe vorweg geschehen, um den Gedankengang der vorliegenden Arbeit nachvollziehbar zu machen. Aus diesem Grunde wurde von mir eine Begriffserklärung der Wirtschaftspolitik und Integrationspolitik als Definitions- und Erklärungsverständnis eingefügt, um deren Abgrenzungen, Verzahnungen und Gemeinsamkeiten erkennbar zu machen.

Ergänzend ist zu erwähnen, dass im Habsburgerreich elf anerkannte Volksgruppen lebten. Dazu gehörte auch die deutsch-österreichische, die in der Literatur – und auch hier – vielfach als die „Deutschen“ bezeichnet werden, aber nicht mit „den Deutschen“ im Deutschen Reich (seit 1871) zu verwechseln sind. Dort, wo es Unklarheiten in dieser Frage geben könnte, wird für diese Volksgruppe der Terminus „Deutschösterreicher“ benutzt.

Dabei muß man die Geschehnisse grundsätzlich in der historischen Dimension betrachten, welche sich als Demokratisierungstendenz in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts im Habsburgerreich zeigte. Denn auch innerhalb der Nationalitäten waren Bewegungen zu erkennen, die sich auf zwei Konfliktebenen befanden. So versuchten die unterschiedlichen Gruppierungen zum einen ihren Einfluß in der jeweiligen nationalen Politik geltend zu machen und gegebenenfalls auszubauen. Andererseits bedurfte es einer Auseinandersetzung zwischen den Nationalstaaten mit dem österreichischen Staat, wobei hier die Umwandlung von einer konstitutionellen Monarchie zu einem parlamentarisch–demokratischen System durchzusetzen gewesen wäre.21 Dies ist insofern interessant, weil ← 6 | 7 → gerade die konstitutionelle Monarchie zwischen 1848 und 1918 die Möglichkeit geschaffen hätte, die politische Grundstruktur von einem Absolutismus zu einem Parlamentarismus zu verändern, ohne dass es (wahrscheinlich) zu revolutionären und radikalen Erschütterungen gekommen wäre. So zeigte die Entwicklung in Mitteleuropa zwar eine noch nicht vollends durchgesetzte Trennung von legislativer und exekutiver Gewalt, doch war eine zunehmende Positionierung und Etatisierung der Gesellschaft spürbar. In Österreich konnte das Vertretungsinteresse der Bevölkerung deutlich artikuliert werden und dokumentierte sich – insbesondere nach der Ausdehnung der Reichswahlrechte der Jahre 1882 und 1896 – in einer Abgeordnetenvertretung, die zunehmend dem Anspruch gerecht wurde, eine Volksvertretung bzw. Volkssouveränität zu sein.22

1.2 Das Spannungsfeld des Nationalismus’

1.2.1 Das Konzept der Nation im Überblick23

Inwieweit die Nation oder der Nationalismus ein „folgenreiches“ oder „erfolgreiches Konzept“ darstellt, ist schwerlich zu definieren. Dabei ist gewiss ein nicht unwesentliches Problem, dass die Existenz eines Nationalismus’ hypostatisiert und als Weltanschauung unter vielen betrachtet wird.24

Nationen – im Sinne der Machtausübung und Beherrschung eines Staatsapparates – sind in ihrer weltgeschichtlichen Bedeutung seit den niederländischen und englischen Revolutionen des 16. und 17. Jahrhunderts bekannt. Eine politische Kraft und Massenbewegung wurde der Nationalismus in Europa aber erst mit der Französischen Revolution und den damit bedingten Folgen.25

Das Phänomen des Nationalismus’ in Mittel- und Westeuropa ist im 19. Jahrhundert und beginnenden 20. Jahrhundert auf die unterschiedlichsten Faktoren ← 7 | 8 → zurückzuführen. Dieser Problemkreis des Nationalismus’ wird vielfach mit der Sprache26 verbunden, in der Johann Gottfried Herder einen Ausdruck des Volksgeistes, der Volksseele sah und Friedrich Schlegel sowie andere deutsche Dichter die Grundlage der politischen Selbständigkeit und Unabhängigkeit deuteten. Somit wurde in dieser Zeit die „Nation“ als „soziale Gruppe mit gemeinsamer Sprache und Abstammung oder gemeinsamen Territorium bzw. Staatsgebiet“ definiert, welche durch „andere Gemeinsamkeiten wie Religion, Institutionen und Sitten“ ergänzt wurden.

„Nationalität“ unterscheidet sich gemäß dieser Begriffsbildung von „Nation“ durch das Fehlen von einem oder mehreren Merkmalen der „Nation“. Für das Habsburgerreich war dies zumeist das Fehlen des gemeinsamen Territoriums, der gemeinsamen Einrichtungen oder Religion. Da die Verwendung beider Termini stets fließend ist, wurde im Habsburgerreich gern der Begriff des „Volksstammes“ verwendet, unter den die „Nation“ und die „Nationalität“ subsumiert wurden.27

Details

Seiten
XXV, 423
Jahr
2015
ISBN (PDF)
9783653040074
ISBN (ePUB)
9783653960464
ISBN (MOBI)
9783653960457
ISBN (Paperback)
9783631354285
DOI
10.3726/978-3-653-04007-4
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (März)
Schlagworte
Integrationspolitik Economic Spurt Österreich-Ungarn Nationalitätenstreit
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. XXVI, 423 S., 34 s/w Abb.

Biographische Angaben

Eibe Hinrichs (Autor:in)

Eibe Hinrichs; Studium der Betriebswirtschaftslehre in Münster/Westfalen und Wien sowie der Politikwissenschaft in Wien; Promotion zum Doktor der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien, Master of Business Administration (Health Care Management) an der Fachhochschule Deggendorf; Lehrbeauftragter und Dozent verschiedener Hochschulen, führende Positionen im deutschen Gesundheitswesen, Referent eines deutschen Abgeordneten im Europäischen Parlament; verschiedene Publikationen über den Liberalismus, das Bildungswesen Österreichs und das Gesundheitswesen der Bundesrepublik Deutschland.

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Titel: Der «Koerber-Plan»