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Naturkunde im Wochentakt

Zeitschriftenwissen der Aufklärung

von Tanja van Hoorn (Band-Herausgeber:in) Alexander Košenina (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 274 Seiten

Zusammenfassung

In der Aufklärung wird umfassende Bildung über den Menschen, die Welt und die Kultur gefordert. Wissen über Astronomie, Physik, Chemie, Biologie, Medizin, Geologie oder Meteorologie vermitteln – vor der rasanten fachlichen Spezialisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts – insbesondere Zeitschriften.
Seit etwa 1750 konkurrieren auf dem Buchmarkt unterschiedlichste Periodika – vermischte Magazine, Rezensionsjournale, Moralische Wochenschriften –, die in Fachstudien, populären Essays, Lehrgedichten oder fiktionalen Erzählungen naturkundliche Inhalte an eine nicht minder vielfältige Leserschaft vermitteln. So entsteht eine populäre, öffentliche Akademie der Natur für das interessierte Bürgertum.
Der vorliegende Band sondiert dieses noch weitgehend unerschlossene Feld naturkundlichen Zeitschriftenwissens des 18. Jahrhunderts.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Naturkunde im Wochentakt Zeitschriftenwissen der Aufklärung Editorial
  • Gattungen, Nachbarschaften, Profile: Textsorten und Platzierungen periodischer Naturaufklärung: Tanja van Hoorn
  • I.
  • II.
  • III.
  • IV.
  • V.
  • Dichtes Wissen Zu Christian Ludwig Lichtenbergs und Johann Heinrich Voigts „Magazin für das Neueste aus der Physik und Naturgeschichte“: Marie-Theres Federhofer
  • I.
  • II.
  • III.
  • IV.
  • Jährlich, neulich, künftig: Zur Synchronisierung von kanonisiertem, aktuellem und zukünftigem Wissen aus der Naturkunde in Kalendarik und Prognostik des „Göttinger Taschen-Calenders“: Gunhild Berg
  • I. Der „Göttinger Taschen-Calender“ als Kalender und Taschenbuch
  • II. Der „Göttinger Taschen-Calender“ als Periodikum
  • III. Serielles und zyklisches Wissensarrangement
  • IV. Prognostik, oder: Zukunftswissen
  • V. Repertorium und Protokollarium
  • VI. Wegwerfprodukt oder Archiv
  • Naturkunde in Rezensionszeitschriften Der mediale Fächer und das Wissen vom Fach: Martin Gierl
  • I. „Historia literaria“, Gelehrte Anzeigeblätter, die „Göttingischen gelehrten Anzeigen“, Fachjournale und die Universität
  • II. Die Naturkunde in den „Göttingischen gelehrten Anzeigen“ 1760 und 1780
  • III. Fachjournale zum Schluss
  • Naturwissen und Poesie in Christlob Mylius’ physikalischer Wochenschrift „Der Naturforscher“: Simona Noreik
  • I.
  • II.
  • III.
  • IV.
  • V.
  • „Erkenntniß von der Größe des Schöpfers“ Populäre Naturkunde in den „Physikalischen Belustigungen“ (1751–1757): Alexander Košenina
  • I. Reisebeschreibung
  • II. Medizinische Fallgeschichte
  • III. Experiment
  • IV. Philosophische Science-Fiction
  • Beobachtungen, Bemerkungen und Anekdoten zur ,Verbesserung‘ der Naturgeschichte Johann Ernst Immanuel Walchs „Der Naturforscher“: Michael Bies
  • I. Programm und Inhalt
  • II. Texte von unsicherem Wissen
  • III. Nach der Wochenschrift
  • Für Kenner und Liebhaber Zur Idee und Konzeption der Zeitschrift „Der Naturforscher“ (1774–1804): Ute Schneider
  • I. Die Idee
  • II. Die Kontexte
  • II.1. Bürgerliches Sammeln und gelehrtes Klassifizieren
  • II.2. Der Zeitschriftenmarkt in den 1770er Jahren
  • III. Die Umsetzung
  • III.1. Die Zielgruppe
  • III.2. Das Profil
  • III.3. Die Illustrationen
  • IV. Die weitere Entwicklung nach 1778
  • Abbildungsverzeichnis
  • Ars medica für Kenner und Liebhaber Das medizinische Rezensionswesen der „Allgemeinen deutschen Bibliothek“ am Beispiel von Johann August Unzer und Philipp Gabriel Hensler: Stefanie Stockhorst
  • I. Einleitung
  • II. Unzer und Hensler als Rezensenten der ADB
  • III. Unzers Rezensionen: Vom Fachmann für Fachleute
  • IV. Henslers Rezensionen: Vom Fachmann für Gelehrte aller Fächer
  • V. Fazit
  • Die „Allgemeinen Geographischen Ephemeriden“ (1798–1831) im Kontext der Zeitschriftenliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts: Andreas Christoph
  • I. Zur Vorgeschichte der Ephemeriden
  • II. Verleger, Redakteure und Autoren
  • III. Exkurs I: Kategorisierung der Kritik. Schwerpunkt Karten
  • IV. Exkurs II: Friedrich Konrad Hornemann (1772–1801) in den „Ephemeriden“
  • V. Zum Fortgang der geographisch-kartographischen Fachzeitschriften
  • VI. Resümee
  • Abbildungsverzeichnis
  • Leser am Narrenseil Vom rhetorischen Einsatz naturwissenschaftlicher Methoden im „Reich der Natur und der Sitten“: Misia Sophia Doms, Peter Klingel
  • I. „Das Reich der Natur und der Sitten“. Vorstellung des Periodikums und seines Umgangs mit naturkundlichem Wissen
  • II. Ein Autor auf Hausbesuch. Zur Rolle der ‚Erfahrungs-‘ und ‚Versuch-Kunst‘ im 283. Stück des „Reichs der Natur und der Sitten“
  • Erziehung „durch Vorzeigung der Dinge in der Natur“ Aufklärungspädagogik und Naturgeschichte: Susanne Düwell
  • I. Naturgeschichte für Kinder
  • II. Naturkundliche Themen in Kinderzeitschriften
  • III. Die Kinderakademie
  • IV. Bertuchs periodisch erscheinendes „Bilderbuch für Kinder“
  • Naturforschung in Aufklärungszeitschriften unter dem Blickwinkel des deutsch-italienischen Kulturtransfers: Giulia Cantarutti
  • I.1.
  • I.2.
  • II.
  • III.
  • Anhang
  • Siglen
  • Auswahlbibliographie
  • Zu den Autorinnen und Autoren
  • Personenregister

Naturkunde im Wochentakt Zeitschriftenwissen der Aufklärung Editorial

Neue physikalische Belustigungen, Der Naturforscher, Göttingisches Magazin der Wissenschaften und der Literatur – schon die Titel vieler populärwissenschaftlicher und gelehrter deutschsprachiger Zeitschriften des 18. Jahrhunderts zeugen vom eminenten Interesse an wissenschaftlichen und insbesondere naturkundlichen Fragestellungen. Insekten-Betrachtungen per Mikroskop, Weltallforschung mit dem Fernrohr und all das im Dienste Gottes und fast jede Woche neu: Naturforschung ist seit der Frühaufklärung en vogue und spielt in den meinungsführenden Periodika des 18. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Abhandlungen zur Pflanzen- und Tierkunde, Beiträge zur Geologie, Geographie, Physik und Chemie werden flankiert durch – sei es sensationslüsterne, sei es um Seriosität bemühte – Blicke auf spektakuläre und rätselhafte Phänomene. Während Nordlicht, Elektrizität und Magnetismus gerade deshalb so interessant sind, weil sie einen Raum des Nichtwissens eröffnen, in dem die Lust am Wunderglauben und das Streben nach anti-abergläubischer Aufklärung aufeinander treffen, können Neuigkeiten von Tieren ferner Länder oder den ‚Wilden‘ aufgrund ihrer Fremdheit auf ein breiteres Interesse hoffen. Doch bereits den Inhaltsverzeichnissen der Zeitschriften ist zu entnehmen: Auch für Berichte über das ganz Normale vor der eigenen Haustür, über lokale Gesteinsformationen, Obstbaumzucht oder Allerweltstiere gibt es offensichtlich einen Markt.

Der vorliegende Band untersucht dieses unterschätzte Textkorpus und seine Wirkung (auf die Disziplinengeschichte, die ‚schöne‘ Literatur sowie das aufzuklärende Publikum). Die Beiträger – Buchgeschichtler, Wissenschaftshistoriker und Literaturwissenschaftler – begeben sich auf das Feld naturkundlich spezialisierter Periodika einerseits und Zeitschriften mit breiter Mischkonzeption andererseits (Periodika mit ausdrücklich nichtnaturkundlicher, ästhetischer Ausrichtung hingegen werden nicht berücksichtigt, vgl. den einleitenden heuristischen Ordnungsversuch TANJA VAN HOORNS). Die Untersuchungen, die eine historische Zeitspanne von 1750 bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts umfassen, sind als Fallstudien angelegt, d. h. sie stellen ← 9 | 10 → zumeist eine einzelne Zeitschrift ins Zentrum, die systematisch beschrieben und exemplarisch analysiert wird. Die Beiträge sichten das Feld aus vier Perspektiven:

1. Literatur und Wissen. Poesie und Naturkunde werden in Zeitschriften der Jahrhundertmitte teilweise ausdrücklich und programmatisch verknüpft (SIMONA NOREIK). Aber auch Periodika, die weniger offensiv auf ein Miteinander von Lyrik und Wissenschaft setzen, kombinieren fachliche Expertise und literarisierende Präsentation – etwa durch die Entscheidung für bestimmte Genres (ALEXANDER KOŠENINA), oder mit rhetorischen Strategien, die den Leser nahezu unmerklich ins Reich der Fiktion entführen (MISIA DOMS, PETER KLINGEL).

2. Fachwissenschaften. Gefragt wird nach der Rolle der Zeitschriften im Prozess der Ausdifferenzierung der Fachwissenschaften. Auf dem Feld der universitär verankerten Rezensionsorgane lässt sich eine Entwicklung von den gelehrten Anzeigen mit Überblicksanspruch hin zu einem Magazin für Fachwissenschaftler feststellen (MARTIN GIERL). Spezialisierte Zeitschriften mit fachspezifischen ikonographischen Anteilen scheinen in einem Rückkopplungsprozess die Disziplinbildung wiederum zu befruchten (ANDREAS CHRISTOPH).

3. Liebhaberkultur. Gezeigt wird ferner, dass auch die Kommunikation innerhalb der außeruniversitären und akademiefernen Dilettantenkreise über Zeitschriften funktioniert (MARIE-THERES FEDERHOFER). Es bildet sich eine spezifische ‚Mittellage‘ bezüglich Themenspektrum, Ton und Konzeption (UTE SCHNEIDER), die sich zwischen rein unterhaltender Liebhaberei und universitärer Handbuch- und Fachwissenschafts-Verbindlichkeit situieren lässt (MICHAEL BIES). Dabei scheinen die Grenzen aber (noch) recht durchlässig: Durchaus denkbar ist – jedenfalls in den großen Rezensionsorganen – die unmittelbare Nachbarschaft von populärer Wissensvermittlung und akademisch-gelehrtem Diskurs (STEFANIE STOCKHORST).

4. (Volks-)Erziehung und Kulturtransfer. Chancen und Grenzen der Periodika zwischen allzu kurzlebiger Alltäglichkeit und pragmatischer Wissensvermittlung scheinen im Medium des Kalenders auf, in dem naturkundliches Wissen nicht lehrbuchartig, sondern zyklisch und seriell arrangiert wird (GUNHILD BERG). Für den Bereich der Kinder- und Jugendzeitschriften lassen sich zwar gelegentliche Ausflüge in die Naturkunde feststellen, eigens naturkundlich-pädagogische Periodika entstehen jedoch nicht: Die fachliche Spezialisierung hat ihren Ort im Bereich der Pädagogik offenbar eher in Lehrwerken (SUSANNE DÜWELL). Als grenzüberschreitendes Kommunika ← 10 | 11 → tionsmedium zwischen Wissenschaftlern hingegen bewähren sich Zeitschriften durchaus (GIULIA CANTARUTTI).

Die vorliegenden Studien möchten weitere anregen: etwa Längsschnitt-Analysen, die die alte These einer Entwicklung von der breiten, physikotheologischen Früh- zur fachwissenschaftlich spezialisierten Spätaufklärung noch einmal neu prüfen und dies mit einer Analyse der Darstellungsformen kombinieren; systematische, verschiedene Zeitschriften in den Blick nehmende Untersuchungen einzelner naturkundlicher Themen und ihrer Publikationsorte und -formen; Erhebungen dazu, welche naturkundlichen Diskurse unter welchen Bedingungen aus einem regionalen Kontext in einen nationalen oder internationalen gelangen; Fragen danach, wo sich als Gegenpol zum Berichten, Dokumentieren, Analysieren und Klassifizieren Impulse der Innovation zeigen – von praktischen Erfindungen bis zur Science-Fiction – und wie sie sich artikulieren.

Der Band versammelt maßgeblich die Beiträge einer am 1. und 2. Oktober 2013 an der Leibniz Universität Hannover veranstalteten Tagung mit dem Titel Aufklärerische Naturforschung im Wochentakt. Zwischen Physikotheologie, Lehrdichtung und Spezialisierung. Die Herausgeber danken den Beiträgern für die produktive Zusammenarbeit und der Fritz Thyssen Stiftung für die großzügige Förderung der Tagung.1

TvH & AK
Hannover, im Mai 2014

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1 Für die Unterstützung bei der Herstellung des Bandes danken wir ganz herzlich unserer Praktikantin Dominique Renner.

TANJA VAN HOORN

Gattungen, Nachbarschaften, Profile: Textsorten und Platzierungen periodischer Naturaufklärung

Dass Zeitschriften den Wissenschaften einen neuen kommunikativen Raum eröffnen, betonen schon die Verfasser des 1790 erschienenen Allgemeinen Sachregisters über die wichtigsten deutschen Zeit- und Wochenschriften. Johann Heinrich Christoph Beutler und Johann Christoph Friedrich Guts-Muths unterscheiden zwei Tendenzen: Erstens seien durch die Periodika „die Gelehrten selbst […] in nähere Verbindung“ gekommen (was, da sie schneller von den Ergebnissen anderer Fachgelehrter erfuhren, einen Boom der Wissenschaften bewirkt habe).1 Zweitens hätten die Zeitschriften einem breiteren Publikum Zugang zu den Wissenschaften eröffnet:

Durch die Zeitschriften wurden die Kenntnisse, welche sonst nur das Eigenthum der Gelehrten waren, und in Büchern aufbewahrt wurden, die der größre Theil der Nation nicht verstand, nicht lesen konnte, und nicht lesen mochte, diese Kenntnisse der Gelehrten wurden durch die Zeitschriften allgemein in Umlauf gebracht.2

Die aufklärerischen Periodika gelten also bereits Beutler und Guts-Muths als ein Motor der Spezialisierung und der Popularisierung – ein Gedanke, an den spätere Forschungen angeknüpft haben.3 ← 13 | 14 →

Zugleich sind die Zeitschriften der Aufklärung aber auch literarische Orte, die mit neuen Darstellungsformen arbeiten und poetische Texte präsentieren. Seit den Moralischen Wochenschriften liebt das 18. Jahrhundert die literarischen Journale – eine Liebe, die, wie Wolfgang Martens gezeigt hat, aufgrund des offensiven Unterhaltungs- und Moralisierungsanspruchs der Wochenschriften immer auch eine Hassliebe war.4 Während die Herausgeberfiktionen ein Charakteristikum der Moralischen Wochenschriften sind, wird das Spiel mit realen oder fingierten Leserbriefen und die Inszenierung empfindsam-gelehrter Geselligkeit auch von Zeitschriften anderen Typs übernommen. Hier druckt man zudem Fabeln, Oden, Lehrgedichte und moralische Erzählungen, bringt Romane und Versepen in Fortsetzung.

Die Zeitschriften sind in der Aufklärung also das Medium schlechthin für Wissen und Literatur.5 Es gehört zu den Binsenweisheiten der Aufklärungsforschung, dass die Trennung der so genannten strengen Wissenschaften von der so genannten schönen Literatur ein Ergebnis der Ausdifferenzierung sei, die im 18. Jahrhundert erst einsetzte und folglich für weite Teile jedenfalls der früh- und hochaufklärerischer Textproduktion, wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle spiele. Für Barthold Heinrich Brockes etwa wurde betont, er habe seine Lehrdichtung als Beiträge zu Wissenschaft und Literatur gleichermaßen verstanden, ja zwischen beiden gar nicht unterschieden.6 Georges Buffon wiederum sei, so die immer wieder gern zitierte Bemerkung von Wolf Lepenies, von den Zeitgenossen für seinen schönen Stil und seine geschmeidigen Erzählungen gelobt worden – das positivisti ← 14 | 15 → sche 19. Jahrhundert wertete seine Histoire naturelle dann genau aus diesen Gründen als Romane ab.7

Es liegt die Vermutung nahe, dass sich in den per se etwas lockerer und offener organisierten periodischen Publikationsformen der Aufklärung ein ungezwungenes Miteinander von Wissen und Literatur in besonders produktiver Weise realisiert. Im Folgenden sollen dazu ein paar exemplarische Probebohrungen unternommen werden. Gefragt wird nach dem Verhältnis von literarischen Formen und wissenschaftlichen Abhandlungen. Dabei soll nicht so sehr wissenspoetologisch auf die Darstellung, das rhetorische Geformtsein eines jeden Textes geschaut werden.8 Vielmehr geht es um literarische Texte im engeren Sinne, d. h. fiktionale Erzählungen, Gedichte, literarisierte Reisebeschreibungen oder fingierte Briefe. Wie verhält sich also das in aufklärerischen Periodika präsentierte naturkundliche Wissen zur Literatur? Ist es Literatur? Gesellt es sich zu Literatur? Oder meidet es Literatur?

I.

Beginnen wir gewissermaßen von hinten, mit dem 1808–1815 von Johann Peter Hebel herausgegebenen Kalender Der Rheinländische Hausfreund.9 Dieser badische Landkalender folgt einem festen, jahrelang konsequent durchgehaltenen Ordnungsmuster.10 Nach dem immer gleichen Deckblatt steht zu Beginn jeweils eine symbolische Verbeugung vor dem Landesherrn, die Genealogie des Großherzoglich Badischen Hauses. Gefolgt wird diese von einem ersten zu den so genannten „Practica“ gehörenden Abschnitt. Hier werden die Monate einzeln tabellarisch hinsichtlich der Ereignisse des Kirchjahrs, der Astronomie, Astrologie und Meteorologie kommentiert.11 Ein umfangrei ← 15 | 16 → cher Textteil schließt sich an. Er ist überschrieben mit Allerley Neues, Lehrreiches und Spaßhaftes, auf das Jahr XY. Bereits die Überschrift markiert das Konzept: Es handelt sich offensichtlich um eine Mischkalkulation mit didaktischem Impetus. Gefolgt wird ausdrücklich dem guten alten prodesse et delectare: „Lehrreiches und Spaßhaftes“. Das „Allerley“ betont zudem das Lockere, Unsystematische, auch Häppchenhafte. Hier sind keine langen Romane, aber auch keine drögen, nicht enden wollenden Paragraphen-Abhandlungen zu erwarten. Abgeschlossen und gerahmt wird jeder Jahrgang durch einen zweiten „Practica“-Teil, der Postpreise, Termine der Messen und Viehmärkte auflistet. Diese Listen sind, wie die ganz am Ende stehenden Abbildungen einer Einmaleins-Pyramide und eines Aderlassmännleins traditionelle Kalenderelemente.12

Blicken wir nun auf den hier besonders interessierenden Textteil und fragen nach den Textsorten. Es fällt auf, dass Hebel den Rheinländischen Hausfreund Jahr für Jahr mit einer astronomischen Abhandlung eröffnet. Es handelt sich um eine Fortsetzungsfolge mit Reihentitel: Allgemeine Betrachtung über das Weltgebäude. Diese Abhandlungen integriert Hebel auch in die Sammlung seiner Kalendertexte, also in das berühmte Schatzkästlein des rheinischen Hausfreunds.13 Mit der Allgemeinen Betrachtung über das Weltgebäude nimmt er eine alte Kalendertradition auf, an die vor ihm etwa auch Georg Christoph Lichtenberg anknüpfte.14 Die einzelnen Abhandlungen beschreiben unter ← 16 | 17 → teilweise wörtlichem, freilich ungekennzeichnetem Rückgriff auf zeitgenössische astronomische Lehrwerke Erde, Sonne, Mond, Planeten, Kometen und Fixsterne.15 Hebel lockert diese Belehrungen (im Unterschied zu Lichtenberg, dessen Darstellung ungeachtet seiner das Gegenteil beteuernden Eingangsformel doch eher „trocken[ ]“ bleibt) durch eine inszenierte Geselligkeit, nämlich wiederkehrende Dialogpartien zwischen dem berühmtem „Hausfreund“ und einem fiktiven Leser auf.16

Die prominente Positionierung der kosmologischen Belehrungen gibt ihnen ein besonderes Gewicht. Weitere naturkundliche Texte streut Hebel zwischen Kalendergeschichten und historischen Abrissen ein. Mit Vorliebe wendet er sich den zu Unrecht verachteten, tatsächlich aber äußerst ‚bewundrungswürdigen‘ Geschöpfen wie Schlangen, Maulwürfen, Spinnen oder Eidechsen zu.17 Dabei stehen praktische Gesichtspunkte im Vordergrund: Sind Spinnen giftig? Eidechsen und Schlangen gefährlich? Fressen Maulwürfe die Wurzeln der Gartenpflanzen?

Der Duktus der naturkundlichen Beiträge ist der einer allgemeinen aufklärerischen Aberglaubenskritik, wobei physikotheologisches Denken im Sinne von Brockes überall durchleuchtet.18 Eine umfassende Beschreibung einzelner Gattungen oder gar Reiche gibt es nicht, exotische Tiere etwa feh ← 17 | 18 → len ganz, aber auch Pferd, Hund und Katze, Tiere also, die alle kennen, werden ignoriert. Hannelore Schlaffer hat in dieser offensiven Verweigerung jeglicher Systematik das Poetische auch der naturkundlichen Beiträge gesehen.19 Darüber wäre zu diskutieren. Festhalten muss man jedenfalls, dass insofern keine Grenzüberschreitung aus der Naturkunde in die Literatur stattfindet, als dass sich fiktional im Präteritum erzählende Kalendergeschichten klar von darstellenden, im Präsens formulierten Kalendertexten unterscheiden lassen. Letztere weisen mit den Ansprachen des Hausfreunds an den „geneigten Leser“ allerdings durchaus Merkmale einer Literarisierung auf. Hebel gibt den naturkundlichen Belehrungen die Form einer lockeren Sachprosa und mischt sie den Kalendergeschichten unter – nach den Planeten etwa darf sich der Leser bei der unterhaltsamen Geschichte Das wohlbezahlte Gespenst gewissermaßen ausruhen.20 Hebel führt so vor, wie in Zeiten fortschreitender Spezialisierung eine Integration naturkundlichen Wissens in ein literarisches Gesamtkonzept vielleicht weniger in einem Miteinander, aber doch in einem ungezwungenen Nebeneinander betrieben werden kann.

Nun ist ein Kalender keine Zeitschrift und die strikt eingehaltene immer gleiche Grundstruktur etwa des badischen Landkalenders wird man in den meist unter wesentlich größerem Zeitdruck erstellten, in viel kürzeren als jährlichen Abständen erscheinenden Wochen- und Monatsschriften so nicht finden. Dennoch liegen auch die strukturellen Ähnlichkeiten auf der Hand.

Innerhalb der riesigen Gruppe der Aufklärungszeitschriften möchte ich unter dem Aspekt der Naturkunde zu heuristischen Zwecken drei Typen unterscheiden:

1. Naturkundlich spezialisierte Zeitschriften, die sich teilweise schon im Titel, spätestens jedoch in der Vorrede für die Naturkunde zuständig erklären.21 ← 18 | 19 →

2. Zeitschriften mit ausdrücklicher Mischkonzeption.

3. So genannte literarische oder Kulturzeitschriften, d. h. Journale, die ausdrücklich einen ästhetisch-literarischen Schwerpunkt setzen, laut Programmatik aber auch Naturkundliches integrieren wollen.22

Details

Seiten
274
ISBN (PDF)
9783035107531
ISBN (ePUB)
9783035196078
ISBN (MOBI)
9783035196061
ISBN (Paperback)
9783034315135
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (Juli)
Erschienen
Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Oxford, Wien, 2014. 274 S., zahlr. Abb.

Biographische Angaben

Tanja van Hoorn (Band-Herausgeber:in) Alexander Košenina (Band-Herausgeber:in)

Tanja Van Hoorn ist Akademische Rätin auf Zeit am Deutschen Seminar der Leibniz Universität Hannover. Alexander Košenina ist Professor für Deutsche Literatur des 17.-19. Jahrhunderts an der Leibniz Universität Hannover.

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