Lade Inhalt...

Im Nadelkorsett auf Tournee – Metaphern-Akkommodation im Therapiegespräch

von Sarah King (Autor)
Dissertation 263 Seiten

Inhaltsverzeichnis


| 15 →

Tabellenverzeichnis

| 17 →

Abbildungsverzeichnis

| 19 →

1. Einleitung: Metaphern-Akkommodation im Therapiegespräch

Das Thema der vorliegenden Arbeit ist die Angleichung oder Nichtangleichung (Akkommodation) verbaler und gestischer Metaphern zwischen Patient3 und Therapeut in der Langzeitpsychotherapie. Das Phänomen der Akkommodation von Metaphern lässt sich bei jeder Form von Interaktion feststellen: in alltäglicher wie fachspezifischer Kommunikation, in Ausbildungs- und Berufsfeldern, im Privaten wie in der Öffentlichkeit. Für die vorliegende Arbeit wurde aus all diesen möglichen Interaktionsformen die Psychotherapie als Handlungsfeld und Untersuchungskontext ausgewählt, weil in ihrem Rahmen offensichtlicher als in anderen Bereichen Gefühle und Emotionen zur Sprache kommen, was wiederum die Verwendung einer metaphernreichen Sprache der Akteure erwarten lässt.

Die folgende Einleitung umreisst die Relevanz dieses Themas (1.1) und erläutert den Zusammenhang von Therapie, Metapher, Gestik und Akkommodation. Anschliessend werden Ziel (1.2), Fragestellung (1.3) und Aufbau (1.4) der Studie abgesteckt. Dabei stehen Leitfragen im Vordergrund, welche die Autorin zur Einrichtung der Untersuchung motiviert haben.

1.1 Relevanz: Metaphern als Marker von seelischen und therapeutischen Prozessen

Angenommen, ein Mensch beginnt aufgrund psychischer Probleme eine Psychotherapie und erkennt womöglich zu Beginn nicht klar, was ihn aus dem psychischen Gleichgewicht bringt: Wie drückt dieser Mensch in einem Gespräch nun aus, was ihm auf dem Magen liegt, wo der Schuh drückt? Wie macht er erkennbar, welche Sicht der Welt und von sich selbst er einnimmt? Wie wird diese Sicht vom Kontext und vom Gesprächspartner beeinflusst? ← 19 | 20 →

Die Metaphernforscher Lakoff und Johnson (1980) gehen davon aus, dass unsere Wahrnehmung von der Welt, unser Denken und Handeln, unsere Bezugnahme auf andere und unser Ausdruck anderen gegenüber auf metaphorischen Konzepten beruhen. Diese Konzepte kommen in unseren verbalen Äusserungen wie auch in unserem körperlichen Verhalten zum Ausdruck. Auf diese Weise machen wir sie für uns und andere erfahrbar, erkennbar und mitteilbar.

Unter dieser Voraussetzung kann davon ausgegangen werden, dass in einer Interaktion Verständigung zwischen zwei Gesprächsteilnehmenden dann eintritt, wenn diese Konzepte geteilt werden können. Speziell in Psychotherapien geht es vor der eigentlichen Verständigung darum, eine Mauer zwischen Unbewusstem und Bewusstem zu überwinden und Unaussprechliches auszudrücken. Unaussprechlich kann sein, was wir unbewusst oder bewusst vor uns verborgen halten oder was zu diffus ist, um es in Worte fassen zu können, wie beispielsweise Emotionen oder Gefühle. Diese drücken wir fast ausschliesslich mit Metaphern aus: Ich falle in ein Loch, habe ein Tief, sehe vor lauter Wald die Bäume nicht mehr, bin unter Druck, platze gleich, habe Schmetterlinge im Bauch, fühle mich auf Wolken oder könnte davonfliegen.4 Ob wir nun gegen Gefühle kämpfen oder sie willkommen heissen – die Sprache zeigt, wie wir zu ihnen stehen: Mal sind sie unser Feind, mal unser Gast.

Die Sprache bringt auch zum Ausdruck, wie wir uns und andere wahrnehmen: als Opfer, Retter oder Monster? Und die Therapie als Beichte oder als Werkstatt, wo kaputte Teile ausgetauscht werden, damit man wieder funktioniert? Die Sprache gibt dem Therapeuten Einblick in die Innenwelt der Patienten. Der Therapeut wiederum fasst eine komplexe Emotions- oder Persönlichkeitssituation eines Patienten in einer Metapher zusammen: zum Beispiel Narzisst oder Borderliner.

Mit Metaphern in Psychotherapien befasst sich z.B. Buchholz (2008). Er misst Metaphern im therapeutischen Prozess eine grosse Bedeutung bei und betrachtet sie gar als Werkzeug des Therapeuten, mit dem er Einfluss auf das Denken und Handeln des Patienten nimmt. Buchholz (2008, S. 8) sieht die gesamte Psychotherapietheorie sowie unser praktisches Sprechen in der Therapie als durchsetzt von Metaphern an. Die Metapher ist in diesem Sinne die Brücke zwischen Sozialem, Kommunikativem und Psychischem. Sie ist „nicht nur Element der Sprache, sondern des Denkens, der Kognition – eines Denkens, das auf die Imagination nicht verzichten kann“ (2008, S. 9). Die therapeutische Leistung sei es nun, bestehende metaphorische Konzepte, die ← 20 | 21 → nicht dem psychischen Wohlbefinden zutragen, durch alternative Metaphern zu korrigieren (2008, S. 9).

Wie vollzieht sich nun diese Leistung? Wie werden Metaphern und somit Sichtweisen auf sich selbst, andere oder Dinge in der Welt verändert? Stimuliert der Therapeut den Patienten mit neuen metaphorischen Konzepten, bis sich der Patient dem Therapeuten angleicht und er seine Welt metaphorisch neu ausgestaltet? Geschieht dieser Prozess unidirektional? Und wer gleicht sich wem an? Ist das Finden einer gemeinsamen Sprache, eine Angleichung im Moment und über die Zeit hinweg Zeichen eines Therapiefortschritts? Giles, Coupland und Coupland (1991) befassen sich in ihrer Akkommodationstheorie mit Angleichungs- oder Nichtangleichungsprozessen in der Interaktion. Die zentrale Idee dieser Theorie ist, dass Gesprächspartner ihre Sprachstile so einander anpassen, dass sie eine positive persönliche und soziale Identität herstellen oder erhalten – verbal (in Grammatik, Form und Lexik), paraverbal (in der Intonation) wie auch nonverbal (in Körperhaltung, Gestik und Mimik). Zick (2010, S. 265) führt zudem weiter aus, dass Gesprächspartner eine kommunikative Konvergenz herstellen, indem sie Aspekte der Rede einander angleichen, um sich zu identifizieren und den „Fremden“ näherzubringen, wodurch Akkommodation erreicht wird. Im Gegensatz dazu stehen sogenannte Non-Akkommodations-Strategien, die der „Nicht-Annäherung“ dienen und die Divergenz herstellen (zu den Begriffen Akkommodation, Konvergenz, Divergenz s. Kapitel 2.4).

Akkommodationsprozesse verändern nicht nur die Kommunikation, sondern auch das Denken selbst, was schon Piaget (1936, S. 18) beschrieb, als er „die Gesetzmässigkeit der Veränderung der kognitiven Strukturen im Verlauf der Kindheit und Jugend“ untersuchte. Er ging davon aus, dass sich das Denken den Dingen anpasst und sich so strukturiert, was wiederum die Dinge strukturiert.

Wenn sich nun in der Interaktion eine Akkommodation zwischen verbalem und nonverbalem Sprachstil ereignet, sich das Denken den Dingen anpasst und dabei in metaphorischen Konzepten angeordnet ist: Gleichen sich Therapeut und Patient dann auch bezüglich ihrer metaphorischen Konzepte an? Studien zufolge beeinflussen bestimmte emotionale Zustände und Krankheitsbilder, z.B. Schizophrenie und Depression, das Verstehen und Verwenden metaphorischer Sprache (z.B. Spitzer, Lukas, Maier & Hermle 1994). Das würde bedeuten, dass sich psychische Zustände auch auf Akkommodationsvorgänge auswirken.

Neben der verbalen Kommunikation drücken wir vieles auch nonverbal aus. Wir gestikulieren, wenn wir Worte suchen, illustrieren Gesagtes, zeigen uns mal verschlossen, mal offen – auch mit dem Körper. Das heisst, dass auch ← 21 | 22 → nonverbale Metaphern von Bedeutung sind für die Erforschung der Akkommodationsprozesse von Metaphern. Nonverbale Kommunikation ist ständige Begleiterin verbaler Äusserungen und bestimmt die Interaktion wesentlich mit. So schreibt z.B. Norris (2004, S. 2): „Nonverbal channels such as gesture, posture, or the distance between people can – and do – carry meaning in any face-to-face interaction.“ Gesten, so Bohle (2007, S. 16), werden als „konstitutive Bestandteile von Äusserungen angesehen. Als solche sind sie kognitiv und semantisch bzw. pragmatisch aufs Engste mit der verbalen Äusserung verbunden“.

Gerade in der Psychotherapie spielt das nonverbale Verhalten eine wichtige Rolle. Ob jemand zum Beispiel schüchtern oder nervös ist, fällt oft noch vor dem Gesprächsinhalt anhand nonverbaler Gesprächsmarker auf. Auch Strotzkas (1978, S. 4) Definition der Psychotherapie weist auf die Wichtigkeit von Sprache, insbesondere von verbaler und nonverbaler Kommunikation, im interaktionellen Prozess hin:

Psychotherapie ist ein bewusster und geplanter interaktioneller Prozess der Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen, die in einem Konsensus (möglichst zwischen Patient, Therapeut und Bezugsgruppe) für behandlungsdürftig gelten, mit psychologischen Mitteln (durch Kommunikation) meist verbal, aber auch averbal, in Richtung auf ein definiertes, nach Möglichkeit gemeinsam erarbeitetes Ziel (Symptomminimalisierung und/oder Strukturänderung der Persönlichkeit) mittels lehrbarer Techniken auf der Basis einer Theorie des normalen und pathologischen Verhaltens [kursiv v. Verf.].

Kommunikation ist also das psychologische Mittel, um Symptome zu minimalisieren oder eine Strukturänderung zu bewirken. Sind Metaphern Teil dieser Mittel? Und lassen sich nonverbale Metaphern überhaupt erforschen?

Offenbar ja, denn dass nonverbale Kommunikation immer mehr ins Zentrum der Forschung rückt, sieht Schmitt (2005, S. 18) als Folge der neuen technischen Dokumentations- und Analysemedien an, die Interaktion sichtbar machen: „Dieser Umstand führt zwangsläufig zur Notwendigkeit, auf die durch die audiovisuellen Medien sichtbar gemachte Komplexität sozialer Interaktion mit der Entwicklung neuer theoretischer Konzepte und Analysemethoden zu reagieren.“

Die aufgeführten Punkte zeigen, dass Forschungserkenntnisse, die an der Schnittstelle von Metaphern, Akkommodation und Gestik gewonnen werden, einen fruchtbaren Boden für die Psychotherapiepraxis bereiten können. Die vorliegende Arbeit soll daher zur Grundlagenforschung beitragen – speziell im Bereich gestischer Metaphern und demjenigen der Akkommodation von Metaphern, da beide Bereiche noch wenig untersucht sind. Die Arbeit soll aber auch in der angewandten Forschung ihren Nutzen bringen. Erkenntnisse können in ← 22 | 23 → Beratungssituationen oder in der Ausbildung von Therapeuten implementiert werden. Wenn zum Beispiel durch eine Angleichung der Metaphern tatsächlich eine bessere Verständigung zwischen Patient und Therapeut zustande kommt oder sich herausstellt, dass sich Patienten in bestimmten Stimmungszuständen nicht angleichen können oder wollen, so kann dieses Wissen dem Therapeuten bei der Wahl seines therapeutischen Vorgehens von Nutzen sein. In diesem Sinne unterstützen die Erkenntnisse der Studie die Diagnostik und den therapeutischen Prozess.

1.2 Ziel: Gesetzmässigkeiten im Therapiegespräch

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist, nach Mustern bei der Akkommodation verbaler und gestischer Metaphern im psychotherapeutischen Prozess zu suchen. Muster wird hier im Sinne einer strukturellen und inhaltlichen Konstellation verwendet, die sich wiederholt. Es geht darum, nach Gesetzmässigkeiten in der Interaktion zu suchen und herauszufinden, ob sich Angleichung oder Nichtangleichung abhängig von bestimmten Interaktionssituationen oder Stimmungszuständen ereignet. Dabei steht nicht die Interpretation der Metaphern im Vordergrund – das wäre Arbeit der Psychotherapeuten – sondern die Funktion der verbalen und gestischen Metaphern in der Interaktion. Auf die Funktion von Metaphern und Akkommodation wird im Kapitel über Theorie näher eingegangen.

Erreicht werden soll dieses Ziel mit Hilfe einer Fallstudie, die das Zusammenspiel und die Wechselwirkung der Akteure in einzelnen Therapiesequenzen, aber auch im Verlauf des gesamten Therapieprozesses beleuchtet. Konkret wird eine Psychotherapie einer Patientin untersucht, die sich zum Zeitpunkt des Beginns dieser Arbeit seit zehn Jahren in Therapie befand. Einzelne Sitzungen aus diesen zehn Jahren werden ausgewählt und die Gespräche zwischen Therapeut und Patientin analysiert.5 ← 23 | 24 →

1.3 Fragestellungen: Zusammenspiel von Metapher, Gestik und Akkmomodation

Der Untersuchung zugrunde liegt ein Bündel offener Fragestellungen, die eine Verbindung der Forschungsgebiete Metapher, Gestik und Akkommodation anstreben:

  •  Findet zwischen Patient und Therapeut eine Akkommodation bezüglich der Verwendung ihrer gestischen und verbalen Metaphern statt?
  •  In welchen Situationen äussert sich die Akkommodation in Angleichung, in welchen Situationen in Nichtangleichung?
  •  Bezieht sich die Akkommodation auf spezifische Interaktionssituationen oder ereignet sie sich allmählich im Verlauf der Therapie?
  •  Findet Akkommodation sowohl auf der gestischen als auch auf der verbalen Ebene statt? Findet die Akkommodation auch zwischen verschiedenen Modi statt – also zwischen Gestik und verbalen Äusserungen?
  •  Gleicht sich der Therapeut der Patientin an, oder gleicht sich die Patientin dem Therapeuten an? Oder besteht eine wechselseitige Angleichung?

Die offene Formulierung der Fragen bietet die Möglichkeit, weitere Forschungsfragen anhand des Datenmaterials selbst zu generieren. Ein Beispiel dafür ist die Frage nach dem Einfluss der Stimmung auf den Metapherngebrauch. Diese Frage ergab sich aus Erkenntnissen der hier vorliegenden qualitativen Studie. Sie wurde in einer experimentellen Arbeit untersucht, die gesondert publiziert wurde (King & Eckstein, 2014). Allfällige Auswirkungen auf die vorliegende Arbeit werden nicht ausgewiesen.

1.4 Aufbau: von der Bedeutung bis zur Implikation

Im auf die Einleitung folgenden zweiten Kapitel werden zunächst die theoretischen Grundlagen der Untersuchung vorgestellt. Dabei bilden die übergeordneten Themen Metapher (2.2), Gestik (2.3) und Akkommodation (2.4) die Schwerpunkte. Für die Darstellung der Kapitel zur Metapher, Gestik und Akkommodation konnte auf unveröffentlichte Studienarbeiten zurückgegriffen werden (King 2009, 2012), die als Vorarbeiten für die vorliegende ← 24 | 25 → Studie erstellt wurden. Das Augenmerk der vorliegenden Arbeit ist auf die Metapherntheorie gerichtet.

Vorerst wird im Kapitel Kontext der Kontext beschrieben, in den die drei Themen Metapher, Gestik und Akkommodation eingebettet sind. Dazu gehört die Definition und Abgrenzung des Begriffs psychotherapeutische Interaktion und (non)verbale Kommunikation. Neben Gestik, die Thema dieser Arbeit ist, spielen auch die nonverbalen Modi Mimik und Proxemik eine wichtige Rolle in der Interaktion. Da auf diese nicht näher eingegangen wird, werden sie im Zusammenhang mit dem Kontext (non)verbaler Interaktion kurz umrissen.

Im Kapitel über die Metapher wird ein Überblick über die Herkunft von Metaphern gegeben. Da in der vorliegenden Studie sprachwissenschaftliche Forschung an psychotherapeutischen Daten durchgeführt wird, interessiert auch das psychologische Metaphernverständnis und dessen Unterschiede zum linguistischen Metaphernverständnis. Dieses Kapitel dient vor allem zur Definition eines Metaphernbegriffs, der sowohl auf linguistische qualitative als auch auf psychologische quantitative Fragestellungen angewendet werden kann.

Die Darstellung der theoretischen Konzeptionierungen zur Gestik dient der Begriffsdefinition und der Erstellung eines Codiersystems, das die Beschreibung der Gestik während der Analyse unterstützt.

Da die Akkommodationstheorie ihren Ursprung in der Dialektforschung hat und erst in der Weiterführung auch auf die Erforschung nonverbaler Anpassungsvorgänge angewendet wurde, steckt letztere noch in den Anfängen. Das Kapitel zur Akkommodation entwickelt daher ein eigenes Modell für die Untersuchung nonverbaler Akkommodation und zeigt schliesslich eine Forschungslücke auf, nämlich die Notwendigkeit zur Erforschung der Schnittstelle zwischen Metaphern, Gestik und Akkommodation.

Das dritte Kapitel beinhaltet den empirischen Teil der Dissertation. Er ist aufgegliedert in zwei Teile: Im ersten Teil wird die methodische Herangehensweise beschrieben, mit der die Akkommodation von verbalen und gestischen Metaphern in der Fallstudie untersucht werden kann. Die Fallstudie stellt den zweiten Teil dar. Anhand eines psychotherapeutischen Fallbeispiels wurden auffällige Muster identifiziert, die im Zusammenhang mit der Akkommodation verbaler und nonverbaler Metaphern stehen.

Das Fallbeispiel bezieht sich auf eine Patientin mit einer diagnostizierten Borderline-Persönlichkeitsstörung, die sich mehr als zehn Jahre einer Therapie an der psychotherapeutischen Praxisstelle der Universität Bern unterzog. Alle Sitzungen sind auf Video aufgezeichnet, einzelne der Sitzungen wurden transkribiert. Anhand dieses Materials wurde einerseits eine diachrone Analyse durchgeführt, um aufzuzeigen, wie sich der Metapherngebrauch der Patientin und des Therapeuten über die Zeit veränderte. Andererseits wurde ← 25 | 26 → nach spezifischen Mustern gesucht wie dem folgenden: Geht es der Patientin während der Sitzung emotional nicht gut, weil sie zum Beispiel ein schlechtes Wochenende hatte, findet zwischen ihr und dem Therapeuten keine semantische und/oder pragmatische Konvergenz beziehungsweise keine Angleichung statt, sondern Divergenz. Das heisst, die Patientin verwendet in ihrer Rede die Metaphern des Therapeuten wörtlich, womit sie sich auf einer anderen sprachlichen Ebene befindet als der Therapeut, was die Interaktion erschwert. Die Patientin und der Therapeut verwenden zwar dieselbe Zeichengestalt, beziehen sich jedoch auf unterschiedliche Bedeutungen und reden so aneinander vorbei.

Eine Schlussinterpretation sowie aus den Ergebnissen abgeleitete Implikationen für weitere Forschung im Bereich Metaphern, Akkommodation und Gestik werden im vierten Kapitel dargestellt.

3 Die Autorin lebt die Gleichstellung zwischen Frau und Mann im Alltag. Dennoch wird in dieser Arbeit der Einfachheit halber die weibliche Form nicht immer erwähnt, aber meist mitgemeint.

4 In Anlehnung an Lakoffs und Johnsons (1980) Schreibweise werden Metaphernkonzepte (s. 2.2) in GROSSBUCHSTABEN geschrieben und die realisierten Metaphern in Kursivschrift.

5 Die detaillierte Erläuterung zum Fallbeispiel und zum methodologischen Vorgehen wird in Kapitel 3 beschrieben.

| 27 →

2. Theoretischer Hintergrund: Im Schnittfeld von Psychotherapieforschung und angewandter Linguistik

Anders als in alltäglichen Interaktionen, zum Beispiel zwischen Freunden, haben in der psychotherapeutischen Interaktion die beiden Gesprächspartner asymmetrische Rollen und Handlungsmacht. Der Psychotherapeut sagt in der Regel nicht alles, was ihm einfällt, und setzt Sprache zum Teil möglicherweise bewusst ein, um das Gespräch in eine bestimmte Richtung zu lenken oder um bestimmte Gefühle des Patienten offenzulegen. Das wiederum kann die Akkommodation zwischen Patient und Therapeut beeinflussen wie auch die Metaphern, die während der Therapie verwendet werden.

In den folgenden Kapiteln wird zuerst die (non)verbale Interaktion als Untersuchungskontext diskutiert (2.1), danach werden für die Zielsetzung der Arbeit relevante Theorien zu Metaphern (2.2), zur Gestik (2.3) sowie zur Akkommodation (2.4) erläutert, und schliesslich wird aufgezeigt, worin die Forschungslücke besteht, die mit der vorliegenden Arbeit ansatzweise geschlossen werden soll (2.5). Dieses Theorie-Kapitel fällt im Vergleich zu anderen Kapiteln länger aus: Es resümiert zum einen die Forschung im Bereich um die eigenen Fragestellungen herum, zum anderen rückt es Aspekte in den Vordergrund, die sich konkret auf die Fragestellungen beziehen, also auf die verbalen und gestischen Metaphern, die im therapeutischen Gespräch von Patient und Therapeut divergent oder konvergent eingesetzt werden.

2.1 Kontext: (Non)verbale Interaktion in der Psychotherapie

Interaktionen finden überall dort statt, wo Menschen aufeinandertreffen. Die psychotherapeutische Interaktion ist eine spezielle Form der Interaktion, weshalb sie nachfolgend näher charakterisiert wird. In ihr spielt die nonverbale Kommunikation eine besondere Rolle. Daher wird zudem differenziert, in welche Aspekte sich diese nonverbale Kommunikation unterteilen lässt, damit die für die Untersuchung der Fallstudie relevanten Hauptthemen der ← 27 | 28 → Arbeit (Metapher, Gestik und Akkommodation) in einen übergeordneten Kontext eingebettet werden können.

2.1.1 Psychotherapeutische Interaktion

Der Begriff der Interaktion gehört sowohl zu den Grundbegriffen der Soziologie als auch zur dialogisch orientierten Linguistik. Er wird oft synonym mit den Begriffen Konversation, Gespräch, Kommunikation und Dialog verwendet. Die Grenzen zwischen diesen Termini sind fliessend und werden je nach Disziplin, Sprachraum und Forschungsgegenstand unterschiedlich angesetzt. Für Lewandowski (1990, S. 473) beispielsweise umfasst der Begriff der Interaktion folgende Aspekte: „Wechselwirkung, gegenseitiger Einfluss. Interpersonelle Beziehung, Kontakt, Umgang des Individuums mit der Gesellschaft; Prozess von aufeinander bezogenen Handlungen verschiedener Handelnder oder Zusammenhang wechselseitig bedingter Handlungen, Handlungsmuster zwischen Handelnden.“ Damit Interaktion entstehen kann, müssen folglich Menschen miteinander in Beziehung stehen, sich gegenseitig beeinflussen und Handlungen vollziehen.

Auch Becker-Mrotzek und Brünner (2004, S. 9) betonen das „Zwischenmenschliche“ und das „Geschehen“: „Interaktion ist […] per definitionem etwas, das zwischen den Beteiligten geschieht bzw. gemeinsam hergestellt wird.“ Als wesentliche Eigenschaft von Interaktion bezeichnen sie die Interaktivität, womit sie meinen, „dass Handeln und Bedeutung im Gespräch vom Gesprächspartner abhängig, auf den anderen bezogen formuliert sind und von seiner Reaktion beeinflusst werden“ (Becker-Mrotzek & Brünner, 2004, S. 18).

Die Psychotherapie ist nun eine spezielle Form der Interaktion, die als Objekt für die klassische Gesprächsforschung hinsichtlich der unterschiedlichen Rollenverteilung zwischen Therapeut und Patient kritisiert werden kann. Lange fokussierte die Forschung zur Psychotherapie und -analyse vorwiegend auf den Patienten. Wie Buchholz (o. J., S. 2) schreibt, ignorierte man dabei jedoch die interaktiven Beiträge des Analytikers:

Diese Ignoranz wird unhaltbar und damit werden jene rehabilitiert, die auch früher schon darauf hinwiesen, dass die analytische Beziehung auch insofern gegenseitig ist, als auch Patienten ihren Therapeuten deuten (wenn auch versteckt und in kunstvollen Anspielungen), oder ihn gar zu ‚heilen‘ versuchen (von dem ‚verrückten‘ Wunsch, andere Menschen heilen zu wollen). Wendung zur Interaktion ist immer auch Anerkennung von Gegenseitigkeit – selbst mit dem noch so sehr gestörten Patienten. Mit der Wendung zur Interaktion steht die Psychoanalyse nicht allein. Sie findet flankierende Bestätigung darin nicht nur bei den Säuglingsforschern, für die es ja – mit den Worten eines berühmten Psychoanalytikers, ← 28 | 29 → D.W. Winnicott – schon lange feststeht, daß es kein Baby ohne Mutter, also Interaktion mit einer haltenden Umwelt, geben kann. Auch die sozialwissenschaftliche Professionstheorie wandte sich der mikroanalytischen Beobachtung jener Interaktionen zu, mit deren Hilfe Professionelle verschiedenster Grundberufe (Lehrer, Ärzte, Manager, Krankenschwestern u.a.) ihre Arbeit tun.

Buchholz vertritt hier ein sozialkonstruktivistisches Verständnis von Interaktion, das auf dem Ansatz von Berger und Luckmann (1969) beruht, den diese in ihrer Studie Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit entwickelt haben. Diesem Ansatz folgt auch Streeck (2004, S. 11):

Es gibt jedoch gute Gründe, neben den Prozessen in der Behandlung, die sich auf das Erzählen beziehen, auch die Interaktion von Patient und Psychotherapeut unter die Lupe zu nehmen. Zum einen ist Psychotherapie Interaktion. So selbstverständlich das auch sein mag – immerhin wird Psychotherapie üblicherweise als interaktioneller Prozess definiert (zum Beispiel Strotzka 1975) –, so selten wird in ganzer Konsequenz bedacht, was daraus folgt: Das Verhalten des Patienten ist vom Verhalten des Psychotherapeuten nicht unabhängig, so wie umgekehrt dessen Verhalten nicht unabhängig vom Verhalten des Patienten zu verstehen ist. Was das bedeutet, was der Patient sagt, was er tut und wie er sich dabei verhält, ist immer und unumgänglich in den Kontext des Verhaltens des Psychotherapeuten eingebettet, und auch der Sinn dessen, was der Psychotherapeut sagt, wie er sich äussert und sich dabei verhält, erschliesst sich nur im Kontext des Verhaltens des Patienten.

Den Hauptunterschied zwischen psychotherapeutischen und Alltagsgesprächen sieht Streeck (2004, S. 70) vor allem darin, dass die Erwartung, die der Patient an das Verhalten des Therapeuten hat, nicht erfüllt wird. Im therapeutischen Gespräch versucht sich der Therapeut normativen Verhaltenserwartungen zu entziehen.

Trotzdem verläuft das Verhalten des Therapeuten nicht nur nach Lehrbuch. Der Therapeut erzählt, auch wenn meist in Form von Kommentaren zu den Erzählungen des Patienten. Nimmt er Bezug auf die Erzählung des Patienten, bezieht er sich gleichzeitig auf sein Verständnis dessen, was der Patient erzählt. Dieses Verständnis ist von der Situation selbst als auch von seinen eigenen Erinnerungen und Erfahrungen geprägt (Streeck, 2004, S. 13).

Der Begriff Interaktion umfasst dementsprechend in dieser Arbeit eine natürliche und abgeschlossene Folge von Äusserungen, die nicht spontan zustande kommt, da es sich um ein geplantes Gespräch handelt, zwischen zwei Personen, die sich mit ihrem Verhalten und Handeln in einem gemeinsamen Wahrnehmungsraum und auf allen für sie wahrnehmbaren Kanälen bewusst und unbewusst aufeinander beziehen. Der Interaktionsbegriff beschränkt sich dabei nicht auf die verbale Kommunikation, sondern schliesst auch die nonverbale Kommunikation mit ein. ← 29 | 30 →

Dass es sich bei der psychotherapeutischen Interaktion um ein Gespräch mit ungleichen Machtverhältnissen handelt, wird in der Auswertung berücksichtigt, aber nicht überbewertet, da sich ungleiche Machtverhältnisse in jeder Interaktionssituation zeigen und Machtstrukturen innerhalb eines Interaktionsprozesses sich auch verändern können. Fühlt sich zum Beispiel der Therapeut in einer Therapiestunde hilflos, weil er nicht mehr weiss, wie er auf das Verhalten der Patientin reagieren soll, kann dies auch als eine Form von punktuell veränderten Machtstrukturen betrachtet werden. Interaktive Beiträge – ob in professionellen oder privaten Gesprächen – sind abhängig vom Kontext, in dem das Gespräch stattfindet und vom Kontext innerhalb des Gesprächs selbst wie zum Beispiel den Gesprächsthemen oder der vorherrschenden Stimmung. Wenn die interaktiven Beiträge kontextabhängig sind, so sind es folglich auch Metaphern, die Teil der Interaktion sind.

2.1.2 (Non)verbale Kommunikation und Körpersprache

Der Interaktionsbegriff in dieser Arbeit umfasst auch nonverbale Aspekte. Doch was heisst nonverbal? Wie unterscheiden sich nonverbale Kommunikation und Körpersprache? Gibt es Körpersprache per definitionem überhaupt?

Abgeleitet vom lateinischen Begriff verbum („Wort“) steht verbal für das Sprachliche, folglich nonverbal für das Nichtsprachliche. Bussmann (2002, S. 473) definiert nonverbale Kommunikation als

Gesamtheit der in zwischenmenschlichen Kommunikationsprozessen auftretenden nichtsprachlichen Phänomene […]. Bei den Signalen N. K. [nonverbaler Kommunikation / Anm. d. Verf.] wird unterschieden zwischen: (a) vokalen Mitteln wie Lautstärke der Stimme, Stimmlage, Sprechrhythmus, Lachen, Hüsteln etc. […]; (b) nicht-lautlichen (motorischen) Phänomenen wie Mimik, Gestik, Körperhaltung, Blickkontakt, äussere Erscheinung und Kleidung […].

Lewandowski (1990, S. 749) führt in seiner Definition noch den Vermittlungscharakter auf: „Die Kommunikation bzw. Informationsvermittlung mit Hilfe von Blicken, Gesten, Gebärden usw., die ohne Sprache informationshaltig sein können oder das Sprechen oder Zuhören bewusst oder unbewusst begleiten.“ Zudem weist er darauf hin, dass nonverbale Zeichen leicht über- oder fehlinterpretiert werden können, intentional oder nichtintentional erfolgen und vor allem für die mündliche Kommunikation von Bedeutung sind.

Bezieht sich der Begriff nichtsprachlich auf vokale und nichtlautliche Phänomene, so impliziert dies, dass der Begriff sprachlich für die lautlichen Phänomene steht – also alles, was geäussert wird. In diesem Falle weist der ← 30 | 31 → Begriff Körpersprache, von Lewandowski (1990, S. 611) als „die nonverbalen Kommunikationsmodi Gestik, Mimik, Kinesik, Proxemik“ definiert, eine Ungereimtheit auf, da das Sprachliche ausgeschlossen ist. In dieser Arbeit werden sowohl Körpersprache als auch verbale Sprache als Sprache betrachtet, ist aber von sprachlich die Rede, sind damit die verbalen, lautlichen Äusserungen gemeint. Die beiden Begriffe Körpersprache und nonverbale Kommunikation werden im Folgenden synonym verwendet. Sie umfassen in dieser Arbeit sowohl intentional als auch nichtintentional erzeugte nichtlautliche Zeichen.

Die Untersuchung der nichtlautlichen Zeichen wird auf den Bereich der Gestik beschränkt. Andere nichtlautliche Modi wie Mimik und Proxemik werden im folgenden Unterkapitel kurz erläutert, aber im Rahmen dieser Arbeit nicht näher betrachtet. Die Mitberücksichtigung dieser Modi ist zwar für eine umfassende Interaktionsanalyse unerlässlich, insbesondere wenn die Akkommodation zwischen den Gesprächspartnern Gegenstand der Forschung ist. Hierzu bräuchte es jedoch ein interdisziplinäres Team mit Fachexperten, die sich vertieft mit der Analyse eines einzelnen Modus beschäftigen, oder aber eine anderes Forschungsdesign, das, wie zum Beispiel bei der klassischen Konversationsanalyse, nur eine kurze Videosequenz als Untersuchungsgegenstand hat.

2.1.3 Mimik und Proxemik

Wichtige Arbeiten zu Mimik und insbesondere zum „Lesen“ von Emotionen aufgrund des Gesichtsausdrucks liegen vor vom Psychologen Paul Ekman (z.B. Ekman & Oster 1979; Ekman & Friesen 2003). Ekman und Friesen (2003, S. 11) bezeichnen das Gesicht als „multisignal“ und „multimessage system“. Es ist eines von vielen nonverbalen Informationsmitteln (z.B. Gestik, Prosodie, Proxemik), die Emotionen, Verfassung, Gewohnheiten, Charakter und Intelligenz Ausdruck verleihen können (Ekman & Friesen 2003, S. 12–17).

Zeichen setzen Kommunizierende nicht nur mit ihren Äusserungen und Körpern, sondern auch mit dem Raum, der zwischen den Körpern der Kommunizierenden liegt. Mit diesem Phänomen beschäftigt sich die Proxemik.

Aus linguistischer Sicht ist P[roxemik] die Untersuchung des (nonverbalen) kommunikativen Verhaltens unter dem Aspekt der Körperhaltung, des Abstands und der Nähe zwischen Kommunikationspartnern und die Beschreibung der in der Regel unbewussten semantischen Werte der kommunikativen Distanz, die je nach Kulturkreis unterschiedlich sein können (Lewandowski, 1990, S. 846). ← 31 | 32 →

Grundlegende Arbeiten auf diesem Gebiet stammen vom Anthropologen Edward T. Hall (z.B. 1966), der sich mit dem kulturabhängigen Raumverhalten des Menschen und der Wirkung dieses Verhaltens auseinandergesetzt hat. Auch der in den Neunzigerjahren verstorbene Erving Goffman (1963) hat sich mit Proxemik beschäftigt. Er war einer der bekanntesten Soziologen, spezialisiert auf Interaktion, Rollenverhalten und -distanz. In seinem Buch Behavior in Public Places beschreibt Goffman (1963, S. 8) das Modell der sozialen Ordnung:

Briefly, a social order may be defined as the consequence of any set of moral norms that regulates the way in which persons pursue objectives. The set of norms does not specify the objectives the participants are to seek, nor the pattern formed by and through the coordination or integration of these ends, but merely the modes of seeking them.

In seiner Studie untersuchte er das Verhalten von Individuen an öffentlichen Plätzen – im Speziellen das Verhalten von Individuen, die sich in der Gegenwart anderer Individuen befinden. Goffman (1963) konnte damit unter anderem aufzeigen, dass die Symptome von psychisch Kranken oft mehr mit der Struktur der allgemeinen Verhaltensnormen zu tun haben als mit dem kranken Geist. Wie dies in der vorliegenden Arbeit der Fall ist, interessierten ihn vor allem der Interaktionsprozess, die Struktur der Kommunikation und weniger das Ziel oder Ergebnis der Interaktion.

Bevor nun Gestik als dritte und für diese Studie interessierende nonverbale Kommunikationsform beschrieben wird, richtet sich der Fokus auf Metaphern, die den Schwerpunkt der Arbeit darstellen.

2.2 Metapher: Vom poetischen Stilmittel zum neuronalen Korrelat

Die Metapher ist sowohl in der Psychologie als auch in der Sprachwissenschaft für die Forschung von Interesse. Im Folgenden werden die linguistischen und psychologischen Aspekte der Metaphernforschung mit der sozialpsychologischen Akkommodationstheorie vereint, um auf diese Weise Akkommodationsprozesse in der Psychotherapie multidisziplinär untersuchen zu können. Dabei wird auf einem kognitivlinguistischen Metaphernverständnis aufgebaut: Lakoff und Johnson (1980) gehen davon aus, dass unser gesamtes Denken und Handeln auf metaphorischen Konzepten beruht und Metaphern somit auch unsere ← 32 | 33 → Wahrnehmung und Bezugnahme auf andere steuern. Nicht nur in der sprachwissenschaftlichen, sondern auch in der psychologischen Forschung haben diese Thesen von Lakoff und Johnson (1980) viel Beachtung gefunden.

Wie aus den zahlreichen Publikationen über Metaphern ersichtlich ist, scheint die Metapher ein kaum fassbares und eingrenzbares Phänomen darzustellen. Der Psychologe und Germanist Rudolf Schmitt (2001, S. 5) nennt die Metapher gar ein „amorphes Gebilde“, das je nach Fach und Person Gegenstand verschiedenster Projektionen sei. In diesem Kapitel wird diesem amorphen Gebilde Kontur verliehen – zumindest so weit, dass ein Überblick über die wichtigsten Verwendungsweisen des Metaphernbegriffs in der Sprachwissenschaft und Psychologie geschaffen wird, wie auch über die unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen beim Erforschen der Metapher. Darauf basierend soll der Metaphernbegriff für die Zwecke dieser Arbeit so weit als nötig eingegrenzt werden, damit sowohl geisteswissenschaftlich qualitative als auch weiterführende psychologisch experimentelle Fragestellungen auf demselben Begriffs- bzw. Methodenverständnis aufbauen können.

Folgende Fragen werden daher in diesem Kapitel beantwortet: Wie hat sich der Begriff der Metapher über die Zeit hinweg gewandelt? Wie unterscheidet sich das Metaphernverständnis in der Linguistik von dem der Psychologie? Dabei interessiert insbesondere: Wie hat sich die (klinische) Psychologieforschung mit dem Einfluss von Emotionen und psychischen Störungen auf den Metapherngebrauch auseinandergesetzt?

Im Folgenden werden die unterschiedlichen theoretischen Ansätze zur Metapher umrissen – von der Antike bis in die Gegenwart, wobei die drei am häufigsten zitierten Ansätze hervorgehoben werden (2.2.1). Da diese Arbeit interdisziplinär ausgerichtet ist, wird untersucht, auf welchen Ansatz (oder auf welche Ansätze) sich die Disziplinen Psychologie und Linguistik stützen, ausserdem erfolgt ein Vergleich einer kognitivlinguistischen Metapherntheorie mit einer psychologischen Metapherntheorie (2.2.2). Weiter wird der Forschungsstand im Bereich Metaphern – insbesondere in der klinischen Psychologie – nachgezeichnet (2.2.3), bevor abschliessend ein linguistisch-psychologischer Metaphernbegriff für diese Arbeit definiert wird (2.2.4).

2.2.1 Die Geschichte der Metapher

Stimmt Lakoffs und Johnsons (1980) Behauptung, dass jedes menschliche Denken und Handeln auf metaphorischen Konzepten beruht und Metaphern daher die Interaktion sowie die Sicht auf die Welt bestimmen, so kann davon ausgegangen werden, dass Metaphern ebenso lange existieren wie der Mensch ← 33 | 34 → selbst. Johnson, Philosoph und Lakoffs Mitautor des 1980 erschienenen Buches Metaphors we Live by, spricht gar vom Menschen als „metaphoric animal“ (Johnson, 2008, S. 39). Ein Blick in die Geschichte der Metapher zeigt, dass sich schon lange vor Lakoff und Johnson (1980) etliche Wissenschaftler aus diversen Disziplinen mit diesem faszinierenden Phänomen beschäftigt haben – an vorderster Front Aristoteles, der „Urvater“ der klassischen Metapherntheorie (vgl. Fuhrmann, 1982).

Eine detaillierte Rekonstruktion der Metapherngeschichte ist ein kaum zu erschöpfendes Unterfangen und ergäbe wohl selbst in nicht abgeschlossener Form ein Werk im Umfang einer mehrbändigen Enzyklopädie. Rolf (2005), der dieses Vorhaben zumindest für das 20. Jahrhundert umgesetzt hat, verzeichnet nicht weniger als 25 Theorien, bei denen es zum Teil auch zu Überschneidungen der jeweiligen Ansätze kommt. Die wichtigsten und von den verschiedenen Metaphernforschern am häufigsten genannten Theorien werden im Folgenden kurz erläutert, basierend auf Sekundärquellen (insbesondere von Jäkel, 2003), die eine Zusammenfassung über die Geschichte der Metapher bieten.

Im Wesentlichen lassen sich – neben der kognitiven Metapherntheorie, die als die für die vorliegende Arbeit grundlegende Bezugsgrösse immer präsent bleibt – drei Hauptströmungen unterscheiden, nämlich die klassische Vergleichstheorie (oder Substitutionstheorie) nach Aristoteles und Quintilian (z.B. Jäkel, 2003; Kohl, 2007; Martinich, 1998), die Interaktionstheorie von Richards (1936) und Black (1977) sowie die pragmatische Reinterpretationstheorie von Searle (1979). Diese drei Theorien stellen nach Jäkel (2003, S. 85) drei repräsentative Theorietypen dar, denen sich die meisten anderen Metapherntheorien zuordnen lassen.6 Eine entscheidende qualitative Neuerung bringt dann die kognitive Metapherntheorie mit sich, die am Schluss des Überblicks kurz beschrieben wird.

2.2.1.1 Vergleichs- und Substitutionstheorie

Die erste und immer wieder zitierte klassische Metapherntheorie stammt aus der Antike und wurde von Aristoteles (384–322 v. Chr.) begründet. Er definiert die Metapher (vom griechischen metaphora = „Übertragung“) als „Übertragung eines Wortes (das somit in uneigentlicher Bedeutung verwendet wird), und zwar entweder von der Gattung auf die Art oder von der Art auf die Gattung, oder von einer Art auf eine andere, oder nach den Regeln der Analogie“ 7 (Jäkel 2003, S. 86). Aristoteles sieht demnach in der Metapher eine Redefigur, ← 34 | 35 → bei der das eigentlich Gemeinte (verbum proprium) durch einen anderen Ausdruck ersetzt (substitutio) wird – darum trägt die Theorie auch den Namen Substitutionstheorie. Jäkel (2003, S. 87) demonstriert diese Ersetzung anhand des Beispielssatzes von Quintilian8, „Er liess die Zügel der Flotte los.“ – Die Zügel wird hierbei als Ersetzung für das Kommando aufgefasst.

Nach Aristoteles sind das Substitut und das Gemeinte jederzeit austauschbar. Er hebt den Ähnlichkeitsaspekt der Metapher vor allem im Bereich der Poesie hervor, wo es darum gehe, mit kreativen, innovativen Metaphern Ähnlichkeiten herzustellen. Die Metapher diene dazu, Substitut und Substituent miteinander zu vergleichen, weshalb sie Ähnlichkeit mit einem Gleichnis erhält. Der einzige Unterschied zwischen den beiden Formen sei das Vergleichswort wie. Jäkel (2003, S. 87) demonstriert dies an Aristoteles’ bekanntem Beispiel Achilles rushed on like a lion. Der Satz wird durch das Wort like zu einem Gleichnis. Der Löwe wird an dieser Stelle aufgeführt, um mit wenigen Worten zu verdeutlichen, wie sich Achilles verhält. Die Anwendung des Gleichnis-Begriffs könnte hier jedoch in Frage gestellt werden, gerade weil Achilles kein Löwe ist, sondern beide – Achilles und der Löwe – lediglich durch ein gemeinsames Merkmal (von Aristoteles als tertium comparationis bezeichnet) ausgezeichnet werden: den Mut. Die verkürzte Version des oben aufgeführten Beispiels – a lion, he rushed on – entspricht dann gemäss Aristoteles einer Metapher. Wie beim Gleichnis wird eine Ähnlichkeit zwischen Achilles und dem Löwen hergestellt – diesmal wird jedoch Achilles durch den Löwen ersetzt.

Der bei Aristoteles zentrale Ähnlichkeitsaspekt wird von Jäkel (2003, S. 88) mit dem Argument kritisiert, dass es keine objektivierbare Ähnlichkeit geben könne. Ähnlichkeit basiere auf einer subjektiven Konstruktionsleistung. Unantastbar bleibt jedoch die Tatsache, dass sowohl ein Gleichnis als auch eine Metapher dazu dient, unbekannte, neue oder schwierig zu beschreibende Sachverhalte einfach und anschaulich auszudrücken. So stellen wir uns etwa bildhaft vor, wie Achilles brüllend auf seinen Gegner losgeht. Diese veranschaulichende Funktion der Metapher ist es auch, die von Aristoteles neben der erkenntnisfördernden Funktion besonders hervorgehoben wird. Mit der erkenntnisfördernden Funktion wiederum berücksichtigt er die kognitiven Aspekte: Eine Metapher schafft Klarheit und Deutlichkeit und somit eben auch Erkenntnis.

Wie später Lakoff und Johnson (1980) geht auch schon Aristoteles davon aus, dass alle Menschen Metaphern verwenden, weshalb er diese als Bestandteil nicht nur dichterischer, sondern auch von Alltagsrede ansieht. Trotz ihres allgegenwärtigen Charakters fasst er die Metapher mit ihrer Fremdartigkeit ← 35 | 36 → aber als Abweichung von der Norm auf. Sie führe – im Übermass verwendet – zum Rätsel und erfordere Begabung, da sie die Fähigkeit, Ähnlichkeiten zu erkennen, voraussetze (Kohl, 2007, S. 108–111). Der Philosoph Blumenberg, selbst ein Verfechter einer eigenen Metaphorologie, der in seiner 2007 verfassten Abhandlung Theorie der Unbegrifflichkeit verschiedene Metapherndefinitionen zusammengestellt hat, führte unter Verwendung der Definition des Philosophen John Locke diese Charakterisierung der Metapher als rätselhaft noch weiter: Die rhetorisch verwendete Metapher sei eine „elementare Irreführung des menschlichen Geistes“ (Blumenberg, 2007, S. 83) sowie eine „semantische Anomalie“, die entstehe, wo ein Wort gegen die Regeln seines möglichen Gebrauchs verwendet werde (Blumenberg, 2007, S. 60). Aufgrund der Betonung dieser Wirkungsweisen verlieh man der Metapher lange Zeit einen Sonderstatus und trennte sie von der natürlichen menschlichen Sprache.

Aristoteles betrachtete die Metapher also sowohl als sprachliche Verzierung wie auch als ein kognitives Phänomen. Anders war dies, wie Kohl (2007) zusammenfassend darlegt, bei seinen Nachfolgern Cicero und Quintilian, die den kognitiven Aspekt als sekundär betrachteten. Die beiden Rhetoriker konzentrierten sich auf die Wirkung der Metapher bzw. auf ihren Einfluss auf Fantasie und Emotionen.

Cicero etwa habe nicht zwischen Metaphern der Alltags- und Fachsprache unterschieden, da beide Sprachen gemeinsame Charakteristika und Prozesse teilten. So sei in Hinblick auf die Beziehung zwischen Gedanken und Ausdruck bei beiden ein kontinuierlicher Prozess Voraussetzung, der von der Gedankenbildung über die sprachliche Umsetzung bis hin zur begleitenden Gestik, Mimik und Intonation verlaufe (Kohl, 2007, S. 112). In diesen Prozess sah Cicero nicht nur den ganzen Menschen involviert, sondern auch den Kontext und die Interaktionspartner, deren Imagination stimuliert werde, womit er die Grundlage für heutige Metapherntheorien bot.

Auch Quintilian, geprägt von Ciceros Rhetorik, hatte bedeutenden Einfluss auf die Geschichte der Metapherntheorie. Er betrachtete die Metapher als Figur der Veranschaulichung und schrieb ihr eine affektive Wirkung zu, wobei er ihre belebende Wirkung als ihre Hauptfunktion hervorhob. Wie auch schon bei Aristoteles und Cicero kommt bei Quintilians Theorie dem Kontext eine wichtige Bedeutung zu, dies, indem er das von Aristoteles formulierte Prinzip der Angemessenheit9 bestätigte (Kohl, 2007, S. 111–114). ← 36 | 37 →

Mit der affektiven Wirkung der Metapher hat sich auch die pseudo-longinische Schrift vom Erhabenen auseinandergesetzt. Sie strebte aber im Gegensatz zu Aristoteles oder Quintilian nicht die Angemessenheit beziehungsweise Natürlichkeit des Metapherngebrauchs an, sondern den Einsatz der Metapher in ihrer „kühnsten Form“, damit der Hörer „die tiefe Erregung des Sprechers teilt“ (Longin, zit. n. Kohl, 2007, S. 114). Pseudo-Longin ging also davon aus, dass Metaphern direkt auf die Vorstellungskraft wirken, womit er wie Aristoteles den veranschaulichenden Charakter der Metapher hervorhob, den Bezug zur Analogie hingegen vernachlässigte.

Jäkel (2003) kritisiert in seinem Überblick über diese klassischen Metapherntheorien insbesondere die Annahme eines Prozesses der Substitution auf der Wortebene, den man gemäss Aristoteles jederzeit rückgängig machen könne. Dies widerspreche der Tatsache, dass viele Einzelmetaphern erst durch den satzübergreifenden Kontext ihren metaphorischen Charakter erhalten und es das „eigentliche Wort“ (Jäkel, 2003, S. 88), das durch die Metapher ersetzt wurde, oft gar nicht gebe. Weiter kritisiert er die Ansicht, dass eine Metapher als Abweichung des Normalfalles angesehen wird, „was einer kognitiv-semantischen Erfassung alltagssprachlicher Metaphern oft im Wege steht“ (Jäkel, 2003, S. 88). Was er hingegen als bleibend anerkennt, ist die Ubiquitätsthese, die sich bis in heutige Theorien durchgesetzt hat – dass also Metaphern zur Alltagssprache gehören und nicht immer bewusst verwendet werden. Auch dass Aristoteles schon die Ansicht vertreten hat, dass Metaphern aus kognitiver Sicht für Klarheit und Verständlichkeit sorgen, hebt Jäkel positiv hervor (2003, S. 88–90).

Den Hauptunterschied zur kognitiven Metapherntheorie sieht Jäkel (2003, S. 91) vor allem darin, dass die klassischen Theorien ausschliesslich einzelne sprachliche Metaphern betrachten und sie die metaphorische Übertragung auf der Ebene des einzelnen Wortes lokalisiert haben, während kognitive Theorien sprachliche Metaphern als Ausdruck semantischer Übertragungen zwischen ganzen konzeptuellen Domänen ansehen. Es gehe nicht mehr um die Ersetzung eines Wortes durch ein anderes, vielmehr liege eine erklärungsbedürftige Zieldomäne vor, die man mittels Rückgriff auf eine erfahrungsnähere Ursprungsdomäne erschliesse. Auch die Ähnlichkeiten werden in der kognitiven Metapherntheorie in Frage gestellt, denn es wird nicht mehr von einem Vergleich zweier Domänen ausgegangen, sondern von deren Korrelation. Nicht zuletzt erläutern Aristoteles und Quintilian ihre Theorien anhand von Beispielen klassischer Dichter und Rhetoriker, während Lakoff und Johnson (1980) auf die Alltagssprache zurückgreifen, sie berücksichtigen also vor allem konventionelle und im Gegensatz zum klassischen Ansatz nur am Rande kreative bzw. poetische Metaphern. ← 37 | 38 →

2.2.1.2 Interaktionstheorie

Die Interaktionstheorie wurde 1936 von I.A. Richards begründet und später von Max Black ausgearbeitet. Sinngemäss übersetzt definiert Richards (1936) die Metapher als ein Wort, das zwei Gedanken über verschiedene Dinge gleichzeitig aktiviert, und dessen Bedeutung das Resultat ihrer Interaktion ist (Jäkel, 2003, S. 94). Im Gegensatz zur klassischen Metapherntheorie rückt dieser Ansatz bereits näher an die kognitive Metapherntheorie heran.

Richards (1936) bezeichnete die beiden Hälften einer Metapher als Tenor und Vehikel. Black (1977) illustriert diese Begriffe am Beispiel Man is a wolf: Man stellt das Thema dar, über das eine Aussage gemacht wird (Tenor) und wolf das metaphorische Vehikel. Black (1977) verwendete analog dazu die Begriffe principal beziehungsweise primary subject und subsidiary oder secondary subject. Synonym dazu wird in der kognitiven Metapherntheorie vor allem das Begriffspaar Zielbereich und Quell-/Ursprungsbereich verwendet (Jäkel, 2003, S. 94–95). Nach Black (1977) setzt die Metapher das gemeinte Objekt in ein neues Licht. Je nach Wissen würden bestimmte Eigenschaften des Objekts betont und andere unterdrückt. Entgegen der klassischen Metapherntheorie seien Metaphern auch nicht wörtlich paraphrasierbar, da dies zu einem inhaltlichen Verlust führen würde, ausserdem basiere die Metapher nicht zwingend auf Ähnlichkeit zwischen dem Gemeinten und der Metapher. Die Ähnlichkeit entstehe erst bei der Wechselwirkung der beiden Komponenten, also deren Interaktion, was der Theorie ihren Namen gab. Die Wechselwirkung bestehe nun auch darin, dass nicht nur der Wolf dem Menschen etwas Wölfisches verleiht, sondern umgekehrt der Mensch dem Wolf auch etwas Menschliches. Diese Annahme der Theorie wurde in der Folge am meisten kritisiert, zum Beispiel von Searle (1979, S. 119): „However, I have not seen any convincing examples, nor any even halfway clear account, of what ‚interaction‘ is supposed to mean.“ Die am Beispiel des Wolfes ersichtliche Wechselwirkung möge auf bestimmte Märchen zutreffen, wo der Wolf personifiziert werde, sei aber nicht grundsätzlich Eigenschaft einer Metapher. Ungeachtet dieser Einwände halten die meisten Interaktionisten jedoch an der Theorie von der Wechselwirkung weiterhin fest.

Sowohl Lakoff und Johnson (1980) als auch Jäkel (2003) sprechen sich gegen die These von der Bidirektionalität aus und ziehen nur eine Richtung in Betracht, nämlich jene von der Quelle zum Ziel. Dies ist somit auch der Hauptunterschied zwischen Interaktions- und kognitiver Theorie. Kognitivisten vertreten die Unidirektionalitätsthese und sprechen von Derivation statt Interaktion: „Ihre erfahrungsmässige Verankerung leitet die Zieldomäne einer Metapher aus der Ursprungsdomäne ab“ (Jäkel 2003, S. 99). Ein weiterer Unterschied zur kognitiven Metapherntheorie besteht in der Anschaulichkeit. ← 38 | 39 → Die Interaktionstheorie ist stark theoretisch ausgerichtet. Obwohl Richards (1936) und Black (1977) die Metapher als ein alltägliches Phänomen betrachten, dienen ihnen – wie schon in der klassischen Metapherntheorie – vor allem kreative Metaphern als Beispiele.

2.2.1.3 Pragmatische Metapherntheorie

Ende der 1960er-Jahre schrieb man der Metapher zunehmend eine pragmatische Funktion zu. Searle (1979) entwickelte daraus einen metapherntheoretischen Ansatz, den Jäkel (2003, S. 100) pragmatische Reinterpretationstheorie nennt. Nach Searles (1979) Definition stellen Metaphern Äusserungen dar, mit denen der Sprecher metaphorisch etwas anderes meint als wörtlich. Er unterscheidet also zwischen wörtlicher Satzbedeutung und der vom Sprecher intendierten Äusserungsbedeutung, wobei unter der metaphorischen Bedeutung immer die Bedeutung zu verstehen sei, die der Sprecher intendiere.

Nach Searle hat beispielsweise der Satz Hast Du Feuer? verschiedene Bedeutungen: Auf der wörtlichen Ebene gehe es um das physikalische Gut Feuer. Der Sprecher intendiert mit diesem Satz aber womöglich auch die Bekundung seines Interesses an dem Gegenüber. Searle (1979) zufolge lässt sich also eine Metapher in den Relationen „X = Y“ sowie „X = Z“ ausdrücken, wodurch beide Bedeutungen hervorgehoben werden.

Zur Interpretation der vom Sprecher intendierten Bedeutung definierte Searle (1979) eigene Prinzipien, die von Jäkel (2003) kritisch hinterfragt werden. Kritisiert wird etwa Searles (1979) Annahme, dass Sätze, die in ihrer wörtlichen Bedeutung „defizitär“ wirken, metaphorisch sind (wenn also das Gegenüber gedankenlos Feuer gibt und sich wieder abwendet, statt das Feuergeben als Kontaktversuch zu interpretieren). Dies impliziere zum einen die heute überholte traditionelle Auffassung, dass Metaphern als Abweichungen von der Norm anzusehen sind, zum anderen könne ein Satz, dessen wörtliche Bedeutung defizitär ist, auch etwas anderes als eine Metapher darstellen – zum Beispiel eine Lüge. Weiter kritisiert Jäkel (2003, S. 104) Searles (1979) Reinterpretationsannahme, nach der ein Hörer zuerst die wörtliche Bedeutung einer Aussage interpretieren muss, um schliesslich zur metaphorischen Bedeutung zu gelangen. Wenn dies der Fall wäre, müsste der Verstehensprozess länger dauern als bei der einfachen Interpretation einer wörtlichen Äusserung, was aber in diversen Reaktionszeitexperimenten widerlegt worden sei. Jäkel (2003, S. 104) verweist auf eine Zusammenfassung solcher Ergebnisse von Ortony (1987). Als letzten Punkt kritisiert Jäkel (2003) Searles (1979) Hypothese, dass nur die Äusserungsbedeutung, nicht aber die Satz- oder Wortbedeutung metaphorisch sei. Searle (1979) demonstriere dies an Sprachbeispielen, ← 39 | 40 → die zwar nun aus der Alltagssprache gewählt, aber ohne Kontext dargestellt werden. Der fehlende Kontext schaffe semantisch mehrdeutige Sätze, die mittels der oben erwähnten Reinterpretationsleistung richtig interpretiert werden müssen. Tatsache ist aber, dass Menschen ihre Sätze selten (und nach der Auffassung der Autorin dieser Arbeit – nie) in einem kontextfreien Raum platzieren und deshalb Wörter und Sätze erst je nach Situation und Kontext ihre metaphorische oder nichtmetaphorische Eigenschaft preisgeben. Es lässt sich schliesslich auch hinterfragen, ob Äusserungen wirklich stets eine Intention haben. Dies würde nach Searles (1979) Grundsatz bedeuten, dass Metaphern immer einen Akt des Bewusstseins darstellen, was unbewussten Äusserungen ihre Metaphorizität abspricht.

2.2.1.4 Metapherntheorien heute – Kognitive Metapherntheorien

Der 1980 von Lakoff und Johnson begründete kognitive Ansatz bewirkte „den wohl bedeutendsten Paradigmenwechsel in der Metaphernforschung“ (Kohl, 2007, S. 119). In den letzten drei Jahrzehnten setzte sich dieser Ansatz quer durch alle Disziplinen hinweg durch und ist bis heute einflussreich geblieben. Die Metapher ist bei Lakoff und Johnson nicht mehr nur eine spezielle Form der Sprache, sondern wird zu einem Phänomen, mit dem kommunikative, psychologische und neurologische Prozesse darstellbar und erfahrbar werden. Die Metapher wird zur „anthropologischen Universalie“ (Kohl, 2007, S. 119) und somit zu einem interdisziplinären Untersuchungsgegenstand. Nicht mehr der Stil, sondern die kognitiv-sprachlichen und kreativ-geistigen Aspekte stehen im Vordergrund.

Lakoff und Johnson (1980) streben einen ganzheitlichen Ansatz an, verorten aber die Metapher explizit im Denken und nicht in der Sprache. Sie beziehen den Begriff auch auf die kognitiven Vorgänge anstatt lediglich auf den Ausdruck, der nach diesem Denkprozess in Laute und Silben verpackt geäussert wird. Darin trifft sich die Theorie mit bereits klassischen Positionen. Denn auch die Rhetoriker trennten zwischen Denken und Sprache, wobei vor allem Cicero das rationale Denken, die Emotionen, die Imagination, den Köper, die Artikulation sowie die Wirkung einer Metapher auf die Rezipienten berücksichtigte und damit den Weg für einen ganzheitlichen Ansatz ebnete.

2.2.2 Linguistische und psychologische Metapherntheorien

Nach dem Überblick über die Geschichte der Metaphernforschung werden im Folgenden ausgewählte aktuelle metapherntheoretische Ansätze aus der ← 40 | 41 → Linguistik und Psychologie beschrieben. Der Fokus im Bereich Linguistik richtet sich dabei der Grundausrichtung der Arbeit entsprechend auf die 1980 entwickelte kognitive Metapherntheorie (KMT) von Lakoff und Johnson. Diese Theorie wird gemäss Lakoffs ursprünglichem Fachgebiet der Linguistik zugeordnet, obwohl die Theorie auch in der Psychologie und anderen Disziplinen weit verbreitet ist. Für den Bereich Psychologie werden zunächst die Ansätze von Freud (1972 [1905]; 1993) und Lacan (1997) kurz thematisiert und schliesslich der kognitions- und neuropsychologische Ansatz von Walter Kintsch (2008) genauer erläutert.

2.2.2.1 Linguistische Metapherntheorie

Der Ansatz von Lakoff und Johnson

Die folgenden Erläuterungen zur kognitiv-konzeptuellen Metapherntheorie (KMT) von Lakoff und Johnson (1980) basieren in erster Linie auf verschiedenen Publikationen von Lakoff und Johnson (1980; 2008) zu einem grossen Teil aber auch auf sekundären Quellen, die einen Überblick über diese Theorie und deren Modifikationen bieten. Jäkel (2003) hat zum Beispiel den Prozess der KMT zusammengefasst dargestellt und um weitere kognitivlinguistische Aspekte erweitert; auch Schmitt (1995) hat sich kritisch mit der kognitivlinguistischen Theorie auseinandergesetzt. Die folgende Darstellung bietet demnach ein Konglomerat aus Ursprungstheorie, ihren Erweiterungen und kritischen Hinterfragungen.

Mit ihrer Theorie schafften Lakoff und Johnson (1980) einen Durchbruch in der Metaphernforschung und revolutionierten gleichzeitig die kognitive Linguistik, die von der Grundannahme ausgeht, dass zwischen den kognitiven Strukturen des Menschen und seiner Sprache eine Verbindung besteht. Wie in den vorigen Kapiteln gezeigt, wurde die Metapher in den Anfängen ihrer Erforschung von der Rhetorik als uneigentliches Sprechen definiert und vor allem als Stilmittel aufgefasst. Sie wurde dabei selten als Bestandteil der normalen, alltäglichen Sprache angesehen. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen zeichnen jedoch ein anderes Bild: Die Alltagssprache ist voll von Metaphern, was als Ubiquität bezeichnet werden kann. Metaphern sind so selbstverständlicher Bestandteil unserer Sprache, dass sie zum Teil gar nicht mehr bewusst wahrgenommen werden. Oder wer denkt etwa beim Verzehr eines Kopfsalates noch an einen Kopf?

Dies ist auch die Grundlage der Auffassung von Lakoff und Johnson (1980). Sie betrachten Metaphern nicht in erster Linie als sprachliches Phänomen, sondern als kognitives, konzeptuelles System: „Unser alltägliches Konzeptsystem, nach dem wir sowohl denken als auch handeln, ist im Kern und grundsätzlich ← 41 | 42 → metaphorisch“ (Lakoff & Johnson, 2008, S. 11). Konzepte strukturieren die Wahrnehmungen, Beziehungen und den Bezug zur Welt. Die Sprache ist es aber, die Aufschluss gibt über die Beschaffenheit dieses Konzeptsystems. In diesem Sinne unterscheiden Lakoff und Johnson (2008) zwischen metaphorischen Konzepten und metaphorischen Ausdrücken. Ein metaphorisches Konzept verbindet Domänen, in der Regel eine Quell- und einen Zieldomäne.10 Der Quellbereich fungiert als Bildspender für den Zielbereich.11

Auf den Zielbereich wird Erfahrung aus dem Quellbereich übertragen und kognitiv erfassbar gemacht. Zum Beispiel bedeutet die Metapher Es juckt Tom in den Fingern, dass Tom nervös ist, neugierig vielleicht, er kann etwas kaum erwarten. Das heisst, zum Zielbereich gehören die NERVOSITÄT und die NEUGIERDE – zwei abstrakte Phänomene oder Zustände. Diese werden nun für die Rezipienten erfahrbar gemacht, indem die Bedeutung aus einem konkreten und vertrauten Bereich „entlehnt“ und auf diesen Zielbereich übertragen wird: ein PHYSISCHES JUCKEN. Das eignet sich gut, weil jeder weiss, was es bedeutet, wenn es einen juckt. Man wird leicht nervös und kann nicht stillsitzen. Die Erfahrung aus dem Quellbereich kann sich an der Oberfläche in verschiedenen metaphorischen Ausdrücken manifestieren (er wird schon ganz kribbelig, er springt auf wie von der Wespe gestochen etc.). Wenn Lakoff und Johnson (2008, S. 15) von Metapher reden, meinen sie also das zugrundeliegende kognitive metaphorische Konzept. Ein solches Konzept ist zum Beispiel DER MENSCH IST EIN BEHÄLTER12. Mögliche sprachliche Realisierungen sind z.B. offen sein, verschlossen sein oder nicht ganz dicht sein. Der BEHÄLTER fungiert demnach als Quellbereich, die SOZIALE INTERAKTION als Zielbereich.13 Die konzeptuelle Metapher strukturiert damit also nicht nur das Denken, sondern auch die Sprachproduktion und -rezeption.

Den Prozess des Übertragens der Bedeutung von einem Quell- zu einem Zielbereich bezeichnet Lakoff (1990, S. 276) als Mapping. Letzteres beruht ← 42 | 43 → auf unserer alltäglichen Erfahrung. Das Konzept MEHR IST OBEN basiert zum Beispiel auf der Erfahrung, dass der Level steigt, wenn man mehr von einer Substanz hinzufügt, wie dies etwa beim Einfüllen von Wasser in ein Glas der Fall ist.

Damit nun dieses Mapping vollzogen werden kann, muss man die beiden Konzepte, die Quell- und Zielbereich bilden, als erfahrene Gestalten verstehen, „mit deren Hilfe wir Erfahrungen zu strukturierten Ganzen organisieren können“ (Lakoff & Johnson, 2008, S. 97). Der Begriff Gestalt bleibt dabei etwas vage definiert als „vieldimensionale strukturierte Ganzhei[t]“ (Lakoff & Johnson, 2008, S. 98). Lakoff und Johnson erläutern den Begriff lediglich am Beispiel des metaphorischen Konzepts ARGUMENTIEREN IST KRIEG, zu dem sie ausführen: „Eine Unterhaltung konzeptuell als Argumentation zu verstehen setzt voraus, dass man die vieldimensionale Struktur des Konzepts KRIEG in Teilen auf die entsprechende Struktur UNTERHALTUNG überträgt“ (2008, S. 97).14

Metapherntypen

In ihrem Buch Metaphors We Live By unterscheiden Lakoff und Johnson (1980) verschiedene Typen von Metaphern. Diese sind (nach der deutschen Übersetzung, 2008, S. 22–35):

  1. 1. Strukturmetaphern: Ein Konzept wird von einem anderen Konzept her metaphorisch strukturiert. Beispiel: ARGUMENTIEREN IST KRIEG: eine Position verteidigen/angreifen. Strukturmetaphern werden auch komplexe Metaphern genannt und sind erfahrungsbezogen.
  2. 2. Orientierungsmetaphern: Diese Typen von Metaphern strukturieren im Gegensatz zu den Strukturmetaphern nicht ein Konzept von einem anderen her, sondern ein ganzes System von Konzepten organisiert sich wechselseitig. Die wechselseitige Bezogenheit gibt dem Konzept eine räumliche Orientierung: oben-unten, innen-aussen, vorne-hinten, daran-weg. Beispiel: TRAURIG SEIN IST UNTEN: Er hat ein Tief. Orientierende Metaphern sind abhängig von der Kultur, in der man lebt, haben einen ← 43 | 44 → direkten Zusammenhang mit der physiologischen Erfahrung und basieren nicht auf Ähnlichkeiten.
  3. 3. Ontologische Metaphern: Entstehen aufgrund der Erfahrung, die wir mit bestimmten Objekten und Materien gemacht haben. Gefühle oder Ereignisse mit unklaren Grenzen werden zum Beispiel als Objekte behandelt und verstehbar gemacht. Beispiel: DER GEIST IST EINE MASCHINE: Mein Gedankengang ist heute eingerostet. Weitere Beispiele wären etwa: die Inflation steigt, das Erlebte geht unter die Haut oder die Angst macht verrückt. Offensichtlich ontologischen Charakter haben Personifikationen (Lakoff & Johnson, 2008, S. 44), bei denen unpersönliche Phänomene mit menschlichen Eigenschaften versehen werden. Beispiel: Das Leben meint es gut mit mir. Die ontologische Metapher ist abzugrenzen von der Metonymie, die sich auf eine konkrete Person bezieht. Beispiel: Der Hexenschuss wünscht eine Schmerztablette (im Kontext eines Gesprächs von Pflegepersonal im Krankenhaus, die sich über einen Patienten verständigen). Ontologische Metaphern helfen dabei, unklaren bzw. abstrakten Konzepten klare Grenzen zu verleihen und Zustände als Substanzen zu kategorisieren.

In späteren Publikationen (z.B. Woman, Fire and Dangerous Things, 1990 [1987]) gab Lakoff diese Unterteilung jedoch auf, einerseits um „die erfahrungsbezogene Grundlage der KMT umfassender zu fundieren“ (Huber, 2005, S. 35), andererseits, weil die Grenzen zwischen den beschriebenen Metapherntypen nicht immer klar zu ziehen sind. Statt von orientierenden und ontologischen Metaphern spricht Lakoff nun von kinaesthetic image schemas (1990, S. 267): „Image schemas are relatively simple structures that constantly recur in our everyday bodily experience: CONTAINERS, PATHS, LINKS, FORCES, BALANCE, and in various orientations und relations: UP-DOWN, FRONT-BACK, PART-WHOLE, CENTER-PERIPHERY etc.“ Es handelt sich bei diesen image schemas also nicht um eine symbolische Repräsentation, sondern eher um physische Erfahrungen, d.h. abstraktes Denken ist in körperlicher Erfahrung und visueller Gestaltwahrnehmung verankert (Schmitt, 1995, S. 103). Diese physische Erfahrung wird dadurch konzeptuell, indem sie lexikalische Konzepte strukturiert. Kinaesthetic image schemas sind gemäss Schmitt (1995, S. 102) „vorbegrifflich“, womit er meint, dass sie keine konzeptuellen, sondern präkonzeptuelle Strukturen darstellen. Das wird hier so interpretiert, dass wir vor allem abstrakte (aber auch konkrete) Dinge wahrnehmen können, auch wenn wir sie (noch) nicht benennen können. Huber (2005, S. 39) betont, dass image schemas selbst nicht metaphorisch seien, sondern als Quellen-Schemata andere abstrakte Zielbereiche metaphorisieren. Nach Schmitt (1995, S. 103–106) finden kinaesthetic image schemas in verschiedenen Schemata Ausdruck, ← 44 | 45 → wie zum Beispiel im Behälterschema, bei dem der Körper als Behälter betrachtet wird (z.B. in sich gehen, platzen vor Wut) oder im Verbindungsschema, bei dem die körperliche Erfahrung bezogen ist auf die Nabelschnur, etwas an den Händen halten oder mit einem Seil Dinge verbinden (z.B. Verbindung herstellen, das soziale Band, bindungsunfähig).

Image schemas sind abzugrenzen von mentalen Imaginationen, die sich auf das visuelle Gedächtnis stützen. Sie sind abstrakter und lassen sich nicht als Bild vor den Augen abrufen.15 Nach Evans und Green (2006, S. 184–187) bilden sie die Basis für das metaphorische Mapping.

Folglich richtet Lakoff (1990) das Augenmerk auf die körperliche Wahrnehmung, auf der unser konzeptuelles System beruht. Neben den kinaesthetic image schemas gibt es gemäss Lakoff (1990, S. 267) noch eine basic-level structure: Damit meinen sie „the convergence of our gestalt perception, our capacity for bodily movement, and our ability to form rich mental images“. Der Begriff basiert auf der Prototypentheorie (Rosch, Mervis, Gray, Johnson & Boyes-Braem, 1976). Diese baut auf dem Prinzip der kognitiven Ökonomie auf. Das hat zur Folge, dass wir als Prototypen diejenige Dimension einer Kategorie wahrnehmen, die ein optimales Mass an Repräsentation im Vergleich zur kognitiven Kapazität bietet. Das ist in der Regel die mittlere Dimension – die basic level category. Beispielsweise ist der Stuhl eine solche mittlere Dimension. Die übergeordnete Kategorie wäre das Möbel, die untergeordnete zum Beispiel der Rollstuhl.

Mit Hilfe der basic level category lassen sich auch die meisten gemeinsamen Merkmale mit anderen Kategorien auffinden und Cluster bilden. Schmitt (1995, S. 103) fasst dies so zusammen: Basic-level-Kategorien entspringen aus der Begriffsbildung im alltäglichen Funktionieren in einer Umwelt. Das sind die Bereiche, aus denen der Bildspender stammt. Dazu gehören gemäss Lakoff (1990, S. 271) die einfachsten, grundlegenden physischen Objekte, Handlungen und Eigenschaften, wie zum Beispiel die neurophysiologisch bestimmten Farben Schwarz, Weiss, Rot, Grün, Blau und Gelb. Diese kognitiv grundlegenden Kategorien nehmen in der Hierarchie der Begriffe die Mitte zwischen den spezifischen und den allgemeinen Begriffen ein.

In der Weiterentwicklung seiner Theorie führte Lakoff (1990) auch die idealized cognitive models (ICM) ein. Gemeint ist damit ein komplex ← 45 | 46 → strukturiertes Ganzes, „a gestalt“ (S. 68). Ein „Ganzes“ deshalb, weil die einzelnen Bestandteile einer konzeptuellen Metapher nur im Zusammenhang des Ganzen verstehbar sind. ICMs sind zum Beispiel Alltagstheorien oder kulturspezifische Welterklärungsmuster, also Muster, „die implizit in den metaphorischen Sprachstrukturen verborgen liegen und das Denken und Handeln der Sprecher – meist unbewusst – bestimmen“ (Jäkel, 2003, S. 26). Solche Muster oder kulturelle Modelle, wie Lakoff und Turner (1989, zit. nach Jäkel 2003, S. 27) sie auch nennen, entsprechen den in der kognitiven Psychologie untersuchten mentalen Modellen (Johnson-Laird, 1983). Das ICM kann auch als Rahmen oder „Frame“ betrachtet werden. „Um zum Beispiel zu wissen, was das Wort ‚Mittwoch‘ bedeutet, bedarf es des Rekurses auf einen ‚Rahmen‘ bzw. auf das idealisierte Modell der Woche, die in unserem Kulturkreis in sieben Tage gegliedert ist […]“ (Schmitt, 1995, S. 106).

Im Zusammenhang mit der vorliegenden Studie ist das Konzept der ICMs insbesondere von Relevanz, weil Lakoff und Turner (1989) mit einer unbewussten Wirkungsweise dieser Muster rechnen. Damit trifft sich das Konzept mit der Grundannahme der Studie, dass sich psychische Störungen unter anderem auf der Grundlage solcher unbewussten Prozesse manifestieren, die mittels einer detaillierten Sprachanalyse von Psychotherapiegesprächen offengelegt werden können.

Diese komplexen und zum Teil von Lakoff (1990) abstrakt beschriebenen Modelle und Schemata fasst Schmitt16 wie folgt zusammen:

Image schemas sind die allereinfachsten kognitiven Muster (Behälter, Weg, oben-unten) und basic level categories die einfachsten Worte für Gegenstände der Welt, ICM sind komplexe Handlungsabläufe in einer bestimmten Kultur, die nicht im Zentrum der Metaphern­analyse stehen.

Konzeptuelle Metaphern basieren also auf kinaesthetic image schemas sowie basic level categories, die beide auf vorbegrifflicher, körperlicher Erfahrung beruhen und beeinflusst sind von mentalen Modellen (ICM).

Konventionalitätsgrade von Metaphern

Unabhängig von ihrer Einteilung der Metapherntypen in Struktur-, Orientierungs- und ontologische Metaphern unterscheiden Lakoff und Johnson (2008) Metaphern zudem noch nach dem Grad ihrer Konventionalität. Konventionelle Metaphern strukturieren einen Teil unseres gewohnten Konzeptsystems und widerspiegeln sich systematisch in unserem Wortschatz und Denken. So werden zum Beispiel beim metaphorischen Konzept THEORIEN SIND GEBÄUDE ← 46 | 47 → nur bestimmte Teile des Konzepts GEBÄUDE benutzt, um das Konzept THEORIE zu strukturieren – nämlich das Fundament und die Aussenwände. Theorien lassen sich aufbauen, untermauern, stellen das Fundament für weitere Erkenntnisse dar. Zimmer, Flure, Treppenhäuser hingegen sind auch Teil des Gebäudes, werden aber in Normalfall nicht zur Strukturierung des Konzepts THEORIE herangezogen, es handelt sich dabei also um in der Regel unbenutzte Teile. Werden in Ausnahmefällen aber auch noch diese Teile metaphorisch verwendet, spricht man von unkonventionellen oder auch lebendigen Metaphern, wie etwa beim Beispiel Seine Theorie ist eine Villa mit tausend verwinkelten Fluren.

Werden Metaphern im Zuge ihrer Konventionalisierung so stark lexikalisiert, dass sie nicht mehr als Metaphern wahrgenommen werden, dann gelten sie nach Lakoff und Johnson als tote Metaphern (2008, S. 69): „Beispiele wie ‚der Fuss des Berges‘ sind solitäre, unsystematische und isolierte Momente einer Metapher. Sie hängen nicht mit anderen Metaphern zusammen, spielen in unserem Konzeptsystem keine besonders aufregende Rolle und gehören folglich nicht zu den Metaphern, in denen wir leben.“ Sie seien abzugrenzen von systematischen Metaphern wie separate Wege gehen, die auch lexikalisiert sein können, aber trotzdem zu den lebendigen Metaphern gehören, weil sie sich mit weiteren semantisch verwandten Konzepten verbinden lassen.17

Diachrone Erweiterung

Ein wichtiger Aspekt, um den Jäkel (2003, S. 27) Lakoffs Theorie noch ergänzt hat, ist die diachrone Dimension der Metapher. Jäkel referiert damit auf den von der historischen Linguistik erforschten Bedeutungswandel, dem auch Metaphern unterliegen. Auf diese Erweiterung wird hier jedoch nicht näher eingegangen, da die diachrone Dimension für die vorliegende Arbeit nicht von entscheidendem Interesse ist. Zwar sind bei der Untersuchung von Langzeittherapien auch kurzfristige diachrone Aspekte zu berücksichtigen, es ist aber nicht davon auszugehen, dass sich in der Zeitspanne einer Psychotherapie die Bedeutung von Metaphern grundlegend verändern könnte. Was sich ändern kann, ist der Schwerpunkt der benutzten Konzepte oder die Realisierungsform bestimmter Metaphern, womit sich auch das Denken, die Wahrnehmung und das Handeln ändern. ← 47 | 48 →

Metaphernfunktionen

Lakoff und Johnson (1980) gehen davon aus, dass sich die metaphorische Bedeutungsübertragung meist zwischen einem konkreten Quellbereich und einem abstrakten Zielbereich vollzieht. Gerade Emotionen sind sehr abstrakt, weder sicht- noch greifbar und manchmal auch nicht anders beschreibbar als mittels Bedeutungsübertragung aus einem konkreten, bekannten Bereich. Lakoff und Johnson beschreiben diesen Vorgang wie erwähnt als unumkehrbar, also unidirektional, was ihre Theorie zum Beispiel von der Interaktionstheorie (Black, 1977) unterscheidet (vgl. Kap. 2.2.1.2).

Die Annahme, dass sich Metaphern konkreter Quellen bedienen, um abstrakte Ziele zu beschreiben, wird durch die Untersuchungen von Jäkel (2003) gestützt, der verschiedene Funktionen der Metapher unterscheidet:

Als Hauptfunktion lässt sich nach Jäkel die erklärende Funktion bestimmen. Jemandem beispielsweise zu erklären, was LIEBE (Zielbereich) bedeutet, bedarf eines Quellbereichs, der mit Liebe assoziiert wird, etwa SEHEN (Blind vor Liebe), HIMMEL oder OBEN SEIN (auf Wolken schweben, fliegen). Jäkel (2003, S. 32) hält dabei fest, „dass prinzipiell für abstrakte Begriffsdomänen der Metapher eine regelrechte kognitive Erschliessungsfunktion zukommt“.

Des Weiteren haben Metaphern eine kreative Funktion. Mit welchen sprachlichen Realisierungen beispielsweise das Gefühl von Liebe umgesetzt wird, bleibt jedem Sprechenden selbst überlassen. Ob man schwebt, fliegt, Loopings dreht – der Quellbereich FLIEGEN lässt die Wahl und bietet eine unendliche Fülle an Umsetzungsmöglichkeiten. Welche Wahl schliesslich getroffen wird, sagt aber auch etwas über den Sprechenden selbst aus. Die Kreativitätsfunktion einer Metapher kann nicht nur zu einer abwechslungsreichen und poetischen Sprache beitragen, sondern ermöglicht darüber hinaus eine Umgestaltung gemachter Erfahrungen. Schweben und Loopingdrehen etwa sind verschiedene Wahrnehmungen, die mit unterschiedlichen Emotionen konnotiert sein können. Die Einführung neuer Metaphern oder die Abänderung bereits existierender Metaphern ermöglichen es, einen Zielbereich aus einer neuen Perspektive zu betrachten und „eingefahrene Denkmuster umzustrukturieren“ (Jäkel, 2003, S. 35).18

Als letzte Funktion der Metapher nennt Jäkel (2003, S. 38) schliesslich die Fokussierung. Metaphern beschreiben meist einzelne Aspekte des ← 48 | 49 → Zielbereichs, die unterschiedlich gewichtet sein können. Während z.B. auf Wolken schweben die leichte und angenehme Seite des Verliebtseins betont, beschreibt blind vor Liebe die eher unangenehmen Konsequenzen dieses Gefühlszustands. Je nach sprachlicher Realisierung fokussiert die Metapher also auf einen bestimmten Aspekt eines Gegenstands.

Kritik an der Theorie von Lakoff und Johnson

Jäkel (2003, S. 42) kritisiert und ergänzt Lakoffs und Johnsons (1980) Theorie in mehreren Bereichen, wovon ein Kritikpunkt für die vorliegende Arbeit von besonderer Relevanz ist: die Unterscheidung von wörtlicher und metaphorischer Bedeutung.

Während Lakoff und Johnson (1980) den Begriff wörtlich als Antonym zu poetisch verwenden, sieht Jäkel (2003) wörtlich als Antonym zu metaphorisch an. An verschiedenen Beispielen zeigt er auf, dass die Grenze zwischen metaphorisch und wörtlich fliessend ist, dabei verzichtet er aber auf die Erwähnung des Kontexts. Dass dieser aber letztendlich darüber entscheidet, ob eine Äusserung als Metapher angesehen werden kann, illustriert Schmitt (2011a, S. 1) am Beispiel der Glashaus-Metapher: „Ob ein Wort eine Metapher ist oder nicht, hängt davon ab, ob es in übertragenem Sinn gebraucht wird: Man kann wörtlich in einem ‚Glashaus‘ sitzen, man kann metaphorisch in einem ‚Glashaus‘ sitzen (und sollte nicht mit Steinen um sich werfen), und kann wörtlich und metaphorisch zugleich im ‚Glashaus‘ sitzen. Ohne Kontext ist oft nicht zu entscheiden, ob eine Metapher vorliegt.“ Und selbst wenn die Metapher in ihrem Kontext erfasst wird, bedarf es gelegentlich einer zusätzlichen Verhandlung zwischen Sprecher und Zuhörer über deren Bedeutung. So schreibt Ferrera (1994, S. 130): „I emphasize the interactive nature of metaphor when I point out that client and therapist together create meaning and that this joint accomplishment sets the stage for other collaborative work.“ Nach ihrer Ansicht ist also die Bedeutung das Produkt beider Gesprächsteilnehmenden. Und gerade deshalb kann es auch zu Missverständnissen kommen. „There is considerable risk of misunderstanding with figurative language“ (Ferrera, 1994, S. 135). In diesem Sinne erhält die Metapher erst in entsprechendem Kontext ihre metaphorische Bedeutung, und sie erfüllt ihre Funktion erst dann, wenn die Interaktionspartner der Metapher dieselbe Bedeutung zuschreiben. Da viele Metaphern ohne Kontext nicht funktionieren (ausser lexikalisierte wie Tischbein und Salatkopf), wird der Begriff Konzept von Lakoff und Johnson (1980) als dynamische Grösse verstanden, die situationsspezifisch angepasst werden kann. So können etwa Liebende in einer Situation ein Konzept wie LIEBE IST FLIEGEN festlegen, weil sie sich leicht fühlen und ← 49 | 50 → abheben. Je nach Kontext kann es auch bedeuten, dass sie den Boden unter den Füssen verlieren und ohne Halt sind. In einer anderen Situation gilt dann vielleicht das Konzept LIEBE IST EIN HAUS, wo alle Türen offen stehen und dem anderen Eintritt gewährt wird. Lakoff und Wehling (2009) sprechen in diesem Zusammenhang von einem highlighting bestimmter Aspekte und von einem hiding anderer Aspekte. Das heisst: Nur bestimmte Bereiche werden hervorgehoben und andere kaschiert.

Die wörtliche Bedeutung hängt also eng mit dem Kontext und dem Verständnis der Interaktionspartner zusammen. Im psychotherapeutischen Bereich ist sie von besonderer Relevanz, da unter Umständen Krankheitsbilder wie Depression, Autismus oder Schizophrenie darüber entscheiden, ob Patienten Metaphern als solche verstehen oder sie wörtlich interpretieren. Des Weiteren – und das wird im empirischen Teil dieser Arbeit erläutert – kann die Bezugnahme auf die wörtliche statt auf die metaphorische Bedeutung auch als Vermeidungsverhalten interpretiert werden. Bestimmte Themen können so umgangen werden, was wiederum die Interaktion erschwert.

2.2.2.2 Psychologische Metapherntheorien

Angesichts der Tatsache, dass sich die Psychologie zu einem grossen Teil mit einem abstrakten Forschungsobjekt (dem menschlichen Geist, der menschlichen Seele) befasst, läge eigentlich die Vermutung nahe, dass die psychologische Forschung in besonderem Masse auf Metaphern zur Beschreibung ihres Gegenstandes angewiesen ist und daher entsprechende eigenständige Metapherntheorien entwickelt hat. Streift man jedoch durch psychologische Metaphernstudien, dann wird bald offensichtlich, dass sich auch in der Psychologie ein grosser Teil der Metaphernforschung auf Lakoffs und Johnsons Theorie (1980) stützt. Es gibt nicht DIE psychologische Metapherntheorie sowie es wohl auch nicht DIE linguistische Metapherntheorie gibt. Und trotzdem bestehen Unterschiede, so expliziert Huber (2005, S. 69), dass in der Psychologie „die Metapher unter dem Vorzeichen des Metaphernverständnisses“ steht. Das heisst, die Metaphernproduktion ist weniger im Zentrum des Forschungsinteresses.

Dennoch lassen sich auch psychologiespezifische Metaphernverständnisse ausmachen, und zwar insbesondere dann, wenn man unter dem Begriff der Psychologie nicht nur die wissenschaftliche Disziplin selbst fasst, sondern auch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Seelenkunde mit berücksichtigt. Deshalb finden im folgenden Überblick auch Theorien der Psychoanalytiker Freud und Lacan Erwähnung, obwohl diese nicht einen psychologischen Hintergrund im Sinne der wissenschaftlichen Disziplin Psychologie aufweisen. ← 50 | 51 → Auf Freud und Lacan wird im Zusammenhang mit Metapherntheorien besonders häufig zurückgegriffen, wohl nicht zuletzt deshalb, weil die Metapher in der Psychoanalyse ein zentrales Element ist, wenngleich dies auch in den Anfängen der Psychoanalyse nicht immer explizit so formuliert wurde.

Weitere wichtige Theorien zu Metaphern stammen aus der Kognitionspsychologie. Huber (2005) erwähnt etwa die Salience-Imbalance-Theorie von Ortony (1987), die Class-Inclusion-Theorie von Glucksberg und Keysar (1990) und die Structure-Mapping-Theorie von Gentner (1983). Diese werden im Folgenden ebenfalls kurz vorgestellt. Im Zentrum der Darstellung steht aber, nach einem Überblick über das psychoanalytische Metaphernverständnis, die Metapherntheorie des Psychologen und Neurowissenschaftlers Kintsch (2008), die als Beispiel eines sehr modernen und der modernen computertechnischen Möglichkeiten angepassten Ansatzes gelten kann.

Freud, Lacan und die Psychoanalyse

Ein wesentliches Element der Psychoanalyse, die Übertragung, ist nichts anderes als die Übersetzung des griechischen Begriffs Metaphora. Vereinfacht dargestellt, geht die Theorie der Übertragung davon aus, dass infantile Beziehungsvorstellungen im Erwachsenenalter wiederholt und während einer gewissen Zeit unter anderem auf den Analytiker übertragen werden (List, 2009, S. 242). Neben dem Konzept der Übertragung arbeitet die Psychoanalyse zudem mit Trauminterpretationen, bei denen es ebenfalls darum geht, die Bedeutung von manifestem, also bewusst in Erinnerung verbliebenem Trauminhalt, auf den latenten Traumgedanken hinter diesem manifesten Inhalt zu übertragen. So zitiert Rolf (2005, S. 93) den analytischen Philosophen Donald Davidson (1978, S. 245): „Metaphor is the dreamwork of language and, like all dreamwork, its interpretation reflects as much on the interpreter as on the originator.“ Rolf (2005) interpretiert Davidsons Aussage unter dem Gesichtspunkt von Freuds Traumdeutung (1900), auf die sich auch andere Forscher dieses Bereichs stützen. Rolf selbst zählt diese Form des Metaphernverständnisses zur Substitutionstheorie, da die Metapher einen metaphorischen Ausdruck als Substitut für einen wörtlichen Ausdruck verwendet (2005, S. 93). Rolf meint weiter, man könne sich sogar erst seit Lacan wirklich vorstellen, was unter einer Substitutionstheorie der Metapher (alles) verstanden werden kann. Das Verständnis von Lacans Metapherntheorie erfordert jedoch eine detaillierte und nicht immer leicht zu bewerkstelligende Auseinandersetzung mit seinen Arbeiten. So schreibt Rolf (2005, S. 109): „In seinen Schriften […] erscheint Lacan, nicht nur auf den ersten Blick, als ein eher kryptischer Autor, ein Autor, der vergleichsweise wenig Rücksicht ← 51 | 52 → nimmt auf seine Leser.“ Um Lacans Metaphernverständnis trotzdem grob zusammenfassen zu können, ist eine kurze Einführung in die Zeichenlehre erforderlich. Der Sprachwissenschaftler de Saussure (1975) unterschied in seiner Schrift Cours de Linguistique Générale die Begriffe Signifiant (Signifikant) und Signifié (Signifikat), die beiden Seiten eines Zeichens. Während der Signifikant das Bezeichnende darstellt, also zum Beispiel das Lautbild Haus, stellt das Signifikat den Zeicheninhalt dar, also die Vorstellung/Bedeutung des Wortes Haus: Ein viereckiger Bau mit Dach, Fenstern, Türen.19 Wendet man de Saussures Zeichentheorie auf die Metapher an, dann lässt sich diese als das Zusammentreffen eines Signifianten (z.B. der Ausdruck auf rosaroten Wolken schweben) mit zwei Signifiés beschreiben (1. gleiten durch die Luft auf Wolken, die eine rosarote Farbe haben / 2. verliebt sein). Die Metapher verbindet nun diese beiden Signifiés und überträgt die Bedeutung vom ersten auf den zweiten.

Im Gegensatz zu Freud verwendet Lacan (1997) in seinem Metaphernkonzept gemäss de Saussures Zeichentheorie explizit den Begriff Signifiant, wobei aber nicht nur Wörter, sondern auch Objekte, Beziehungen und Symptomhandlungen unter diesen Begriff fallen. Lacan konzentriert sich auf die Deutung von Signifikanten, wie zum Beispiel von neurotischen Symptomen oder manifesten Trauminhalten (die eine Reihe von Signifikanten darstellen), deren Bedeutung, also Signifikate, verborgen sind und erst durch die freie Assoziation ermittelt werden (Rolf, 2005, S. 108). Der Signifikant hat in Lacans Auffassung eine Vermittlerrolle und ist unerlässlich für die Übertragung von Sinn. Lacans Metaphernverständnis lässt sich demnach auf die Formel ein Wort für eine anderes bringen, wobei sich nach Jain (2006, S. 5) hinter dieser einfachen Substitution mehr als eine blosse Ersetzung verberge, nämlich „eine Differenz [bzw.] ein (interpretativer) Zwischenraum, der sich gerade aus der sinnverschiebenden Verknüpfung des ersetzten und des ersetzenden Bedeutungsträgers ergibt“. Das heisst also, dass durch die Substitution beziehungsweise durch die Differenz eines Signifikanten zu den anderen Signifikanten ein Mehr an Bedeutung entsteht. Evans (1996, S. 271) führt weiter aus, dass für Lacan der Signifikant in Form der Sprache immer vor dem Signifikat kommt. Signifikanten seien auch das Erste, was dem Kind begegne, und auch das Unbewusste sei wie die Sprache strukturiert und aus Signifikanten aufgebaut.20 ← 52 | 53 →

In jüngerer Zeit als Freud und Lacan hat sich der Psychoanalytiker Michael Buchholz mit Metaphern befasst. In seinem Band Metaphernanalyse (1993) legt er dar, dass Metaphern den gesamten Bereich der Psychotherapie und ihrer Erforschung beherrschen – dies mit „verräumlichten Sprachbildern, mit Vorstellungen vom geschichteten Seelenleben, von dessen Aufbau oder Abbau, seiner Überhöhung oder Unterminierung, eigener Substanz oder Verletzung“ (Buchholz, 1993, S. 7). Basierend auf Lakoffs und Johnsons (1980) Metaphernverständnis und aus einer psychoanalytischen Perspektive definiert Buchholz (1996, S. 42) die Metapher als eine

[…] kognitive Strategie, mit der wir uns Bereiche erschliessen, über die wir sonst nichts sagen könnten; die Metapher formuliert solche Zielbereiche und weist dennoch beständig über sich hinaus. Diese kognitive Generalstrategie wird als metaphorische Projektion bezeichnet: Wir projizieren Bedeutungen aus einem sinnlichen, meist körperlichen Bereich in andere abstrakte und psychologische Bereiche.

Wie weiter oben erläutert, wird die Metapher bei Lakoff und Johnson (1980) unterteilt in ein metaphorisches Konzept (z.B. DER MENSCH IST EIN BEHÄLTER), einen Quellbereich (BEHÄLTER) und einen Zielbereich (SOZIALE INTERAKTION).

Nach Buchholz (1993, S. 9) lassen sich Metaphern als „Doppelgänger“ charakterisieren, „ihnen eignet die Fähigkeit, heterogene Kontexte so miteinander zu verbinden, dass Bedeutungen aus dem einen in den anderen ‚übertragen‘ werden können – aber das wird nicht immer erkannt“. Das heisst: Es braucht neben dem Metaphernproduzenten auch einen Rezipienten, der die Metapher so versteht, wie sie gemeint war, was wiederum vom Wissen und der Erfahrung des Rezipienten abhängt wie auch vom Kontext. Dass Metaphern nicht immer als solche erkannt werden, zeigt etwa Carveth (1993, S. 15). Er verweist dazu auf Breuer, der sich 1895 in seinen Studien über Hysterie besorgt darüber äusserte, dass Metaphern in der psychoanalytischen Theorie zu wörtlich genommen werden. Carveth (1993, S. 19) selbst betrachtet die Psychoanalyse als „Dekonstruktion literalisierter Metaphern und Kontraste“. Viel Raum bietet er dabei der Beschreibung von „toten“ Metaphern – also jenen Fällen, bei denen etwa die Beine eines Tisches nicht länger mit den Beinen einer Person verglichen, sondern „buchstäblich“ als Stützen eines Tisches aufgefasst würden. „Ähnlichkeiten werden von Identitäten nicht unterschieden“ (Carveth, 1993, S. 19). Er vergleicht den Unterschied zwischen lebendiger und toter Metapher mit dem Verhältnis der in der Psychoanalyse gängigen Konzepte des Sekundärprozesses (Ähnlichkeiten werden als relativ verstanden, Gleichsetzungen geschehen in Form der Analogie) und des Primärprozesses (Ähnlichkeiten sind absolut, verschiedene Objekte werden miteinander ← 53 | 54 → identifiziert oder verschmolzen). Beispiel: Wenn ein Patient zur Analytikerin sagt: „Sie sind wie meine Mutter“, dann kann man dies als Sekundärprozess und als lebendige Metapher verstehen. Agiert der Mann jedoch in der Analyse so, als wäre die Analytikerin tatsächlich seine Mutter, so regrediert er, was als Primärprozess verstanden wird. Der Wechsel vom Sekundärprozess in den Primärprozess bzw. von der lebendigen zur toten Metapher stellt dann die Regression dar. In diesem Sinne ist der Metaphernbegriff in der Psychoanalyse weiter zu fassen als in der vorliegenden Arbeit.

Kognitionspsychologie

Ganz andere Zugänge zur Metapher werden in der Kognitionspsychologie beschrieben. Die nachfolgenden Ansätze sind für die vorliegende Untersuchung zwar nicht von Bedeutung. Sie werden aber aufgeführt, um zu verstehen, wie Metaphern je nach Disziplin aus verschiedenen Perspektiven und mit ganz anderen Methoden erforscht werden. Ausserdem vertritt hier die Autorin dasselbe Prinzip wie in der qualitativen Untersuchung: Am Material selbst entstehen die Fragen. Mit anderen Worten: Der Einblick in die verschiedenen Theorien kann zu neuen Forschungsfragen anregen.

Nach Huber (2005, S. 69) lassen sich die drei wichtigsten Ansätze folgendermassen charakterisieren:

Die Salience-Imbalance-Theorie von Ortony (1987) ist eine Vergleichstheorie, wobei die Quelle Eigenschaften des Ziels hervorhebt, die sonst nicht von Bedeutung sind. Huber (2005, S. 69) zeigt dies am Beispiel der Metapher Enzyklopädien (Ziel) sind Goldminen (Quelle). Hier funktioniere der metaphorische Vergleich gut, weil auffällige Eigenschaften von Goldminen wie das Schürfen oder die Goldstücke für die Enzyklopädien kaum relevant sind. Diese Theorie wird von verschiedenen Forschern wegen ihrer Beschränkung auf die einzelnen Eigenschaften kritisiert – im erwähnten Beispiel wäre dies z.B. die Eigenschaft „viel Wert haben“.

Die Klasseninklusionstheorie von Glucksberg und Keysar (1990) sieht die Metapher nicht als Vergleich, sondern als Klassen-/Kategorieeinschliessung. Der Zielbereich der Metapher gehöre kategorial dem Quellenbereich zu, wobei die Quelle ein prototypischer Vertreter der jeweiligen Kategorie sei. Als Beispiel nennt Huber (2005, S. 70) die Metapher Vorstädte sind Parasiten. Vorstädte werden als Parasiten kategorisiert. Im Gegensatz zu Lakoff und Johnson (1980) sehen Glucksberg und Keysar (1990) Metaphern nicht als konzeptuelles System, sondern als „Ad-hoc-Kategorien“ (Huber, 2005, S. 70), die im Arbeitsgedächtnis gebildet werden und danach keine Bedeutung mehr haben. Diese Theorie wird später im Zusammenhang mit der Theorie von Kintsch ← 54 | 55 → (2008) erneut aufgegriffen, da sein Modell gewissermassen eine Weiterentwicklung dieser Theorie ist.

Die dritte kognitionspsychologische Theorie stammt von Gentner (1983). Seine Structure-Mapping-Theorie (SMT) beschäftigt sich zwar in erster Linie mit Analogien, doch ist auch diese Theorie gemäss Huber (2005, S. 72) metapherntheoretisch wichtig, „da sie den expliziten Anspruch erhebt Metaphern zu erfassen“. Die SMT geht davon aus, dass Wissen über ein bekanntes System Aussagen über ein anderes System zulässt. Der Blutkreislauf etwa werde zur Analogie für Wirtschaftsprozesse, oder die Zelle zur Analogie für das Unternehmen. Gentner (1983) gehe es dabei um die übertragenen Beziehungen: „Eine Analogie ist ein der Wissensübertragung dienendes, strukturbewahrendes Mapping der Beziehungen zwischen den beiden Analogiebereichen“ (Huber, 2005, S. 73). Huber (2005, S. 74) nennt als klassisches Beispiel Das Atom ist das Sonnensystem: Die Beziehungen zwischen Atomkern und Elektronen verhalten sich analog zu den Beziehungen zwischen Sonne und ihren Trabanten. Beim Atom und bei der Sonne werden Objekte mit geringerer Masse angezogen. Dieses relationale Strukturwissen wird in der Analogie übertragen, nicht aber die Eigenschaften der Objekte. Bei dieser Strukturübertragung kommt es also zu einem Transfer von Beziehungen, obwohl sich die Quelle und das Ziel deutlich voneinander unterscheiden, woraus die Entstehung von neuem Wissen resultiert.

Nach den drei gängigsten Ansätzen verweist Huber (2005) im Rahmen der kognitionspsychologischen Theorien noch auf weitere Ansätze, wie etwa auf die computer- und kognitionswissenschaftliche Interaktionstheorie von Indurkhya (1991), die zwar „komplexe […] Ideen über das metaphorische Mapping“ (Huber, 2005, S. 89) aufweise, in der theoretischen Diskussion und empirischen Forschung der Kognitionspsychologie aber keine Rolle gespielt habe.

Von grösserer Bedeutung sei hingegen die Blending Theory (BT) von Fauconnier (1997), die komplizierte Analogien und Metaphern nicht mit einem unidirektionalen Mapping von der Quelle auf das Ziel erklärt, sondern mit einem vierfachen kognitiven Konzeptraum: „Zu den beiden Input-Spaces (Quelle und Ziel) kommt der das interaktive Mapping zwischen den Inputs bestimmende Generic Space und der Blended Space, der (Teil-)Strukturen aus beiden Inputs verarbeitet“ (Huber, 2005, S. 97). Statt auf konventionelle stützt sie sich dabei auf neue, d.h. vom Sprecher neu gebildete Metaphern. Die vier Mental Spaces können am ehesten als Schemata verstanden werden, die für die Verständigung und Handlung in konkreten Situationen notwendig sind und einen temporären Charakter aufweisen. Die BT stellt also im Gegensatz zur KMT nicht das metaphorische Wissen im Langzeitgedächtnis ins ← 55 | 56 → Zentrum, sondern betrachtet Metaphern als Konstruktionen, die für einen bestimmten Moment gebildet werden. Gemeinsam ist der BT und KMT, dass sie Metaphern als Zusammenspiel von Konzepten betrachten, und dass zwischen diesen Konzepten ein Mapping stattfindet.

Als Resümee aus seinem Überblick über die kognitionspsychologischen Metapherntheorien ergibt sich für Huber (2005, S. 100) ein ähnlicher Eindruck, wie schon zu Beginn dieses Kapitels angedeutet wurde: Im Hinblick auf die Konzeptionierung von Metaphern überrasche die „mangelnde Absicherung der psychologischen Theorien. […] Dass die Psychologie die Bedeutung einer Metapherntypologie ausblendet, bezeugt letztlich ihre mangelnde Einsicht in die (kognitive) Komplexität von Metaphern und den schematheoretischen Funktionen“ (Huber, 2005, S. 102). Huber kritisiert insbesondere, dass sich psychologische Metaphernforscher ausschliesslich auf einfache Sprachbilder oder Analogien konzentrieren statt auf komplexe Metaphern.

Die Berechtigung von Hubers Kritik soll hier nicht im Einzelnen beurteilt werden, da in der Folge ohnehin die etablierte Theorie von Lakoff und Johnson (1980) im Fokus stehen wird. Dass aber die meisten psychologischen Forschungen über Metaphern fast ausschliesslich auf die KMT zurückgreifen, lässt vermuten, dass diese die bisher am besten fundierte Theorie darstellt. So schreibt Huber (2005, S. 105):

Bei den Analysen der wichtigsten modernen Metapherntheorien ist zu bilanzieren, dass nur der konzeptuellen Metapherntheorie KMT von Lakoff und Johnson ein ausreichend entwickelter kognitionspsychologischer Stellenwert zugeordnet werden kann: Das metaphorische Mapping, die strukturelle Komplexität von Metaphern und vielfältigen Funktionen von Metaphernkognitionen werden von der KMT weitgehend kognitionspsychologisch und schematheoretisch analysiert und erklärt.

Von den angeführten weiteren kognitionspsychologischen Theorien erachtet Huber (2005) jedoch die SMT von Gentner (1983) als die nützlichste Theorie, da sie das analoge Denken erkläre, was einen wichtigen Aspekt des Problemlösens darstelle, und weil sie empirisch gut bestätigt sei.

Auf die Theorie des Neurowissenschaftlers und Psychologen Walter Kintsch (2008) geht Huber (2005) in seiner Dissertation nicht ein, obwohl auch diese Theorie am ehesten bei den kognitionspsychologischen Theorien einzuordnen wäre. Im Gegensatz zur KMT von Lakoff und Johnson (1980) beleuchtet Kintsch (2008) mit seiner Theorie den Aspekt des Verstehens von Metaphern. Während die KMT eher geisteswissenschaftlich ausgerichtet ist, könnte man Kintschs (2008) Ansatz – in Entlehnung eines Begriffs von Huber (2005) aus anderem Zusammenhang – als realwissenschaftlich bezeichnen, da er auf einem statistischen Verfahren beruht. ← 56 | 57 →

Walter Kintsch: computersimuliertes Metaphernverstehen

Im Gegensatz zu den bisher besprochenen Theorien hat Kintsch (2008) einen formalen Zugang zu Metaphern und präsentiert einen Ansatz, der explizit auf das Verstehen von Metaphern ausgerichtet ist. Gerade für die angewandte Psychotherapieforschung kann das Wissen, wie Metaphern verstanden werden, von grosser Bedeutung sein, so zum Beispiel für die Beurteilung des Therapieverlaufs, aber auch für die Diagnostik, wenn psychische Beeinträchtigungen das Sprachverständnis erschweren.

Kintschs (2000) Ausgangpunkt ist die Annahme, dass das Verstehen nichtwörtlicher Äusserungen auf zwei Schritten basiert: Erstens muss erkannt werden, dass die wörtliche Bedeutung der Äusserung keinen Sinn ergibt, zweitens muss die nichtwörtliche Bedeutung verstanden werden. Neuere Studien widerlegen laut Kintsch jedoch diese Annahmen, da in Experimenten nachgewiesen wurde, dass Metaphern direkt verstanden werden, ohne dass der Zwischenschritt vonnöten wäre, zuerst die wörtliche Bedeutung abzurufen und dann zu verwerfen.

Kintsch (2000) entwirft mit seinem Computational Model of Metaphor Comprehension ein Modell, das Metaphern gleichwertig mit wörtlichen Äusserungen behandelt und dabei auf Glucksbergs Klassen-Integrationstheorie (1998) aufbaut. Wie oben erwähnt, betrachtet Glucksberg (1998) Metaphern als Klasseninklusionen, was sich am Beispiel der Metapher Vorstädte sind Parasiten erläutern lässt, bei der das Ziel (Vorstädte) kategorial dem Quellbereich (Parasiten) zugehört, die Quelle also eine übergeordnete Kategorie beziehungsweise ein prototypischer Vertreter der Kategorie ist. Folglich werden nach Glucksberg Vorstädte als Parasiten klassifiziert. Glucksberg (1998) sieht also Metaphern nicht als Vergleiche, sondern betrachtet die beiden darin vorkommenden Bereiche als zur selben Kategorie zugehörig. Andreeva (2011) betont, dass im Sonderfall der Metapher die Kategorie „X“ (hier Vorstädte) nicht der Kategorie „Y“ (hier Parasiten) in ihrer kategorialen Bedeutung angehört, was nur bei wörtlicher Bedeutung der Fall wäre. Es werde vielmehr von einer besonderen Beschaffenheit des Zeichens „Y“ (also Parasiten) ausgegangen, dem eine sognannte doppelreferenzielle Funktion zukomme: Mit der Kategorie „Y“ (Parasiten) finde neben der Referenz auf die eigentliche Kategorie (Parasiten) gleichzeitig eine Referenz auf eine abstraktere übergeordnete Ebene statt (z.B. Schmarotzer). Daraus ergebe sich, dass die Parasiteneigenschaft Schmarotzer den Vorstädten attribuiert werden, aber die wörtlichen Parasiteneigenschaften (kleine Lebewesen, die sich in einem fremden Organismus mit Nahrung vollsaugen) nicht. Andreeva (2001, S. 14) schliesst daraus: ← 57 | 58 →

Somit verdeutlicht die Referenzverdopplungstheorie eine massgebliche Bedeutung der Metapher im Prozess der Kategorienbildung, wobei, einerseits, eine Erweiterung der übergeordneten und durch das prototypische Mitglied zum Ausdruck gebrachten Kategorie um ein neues Mitglied erfolgt und, andererseits, dieses neue Mitglied – also Kategorie „X“ – durch die Attribuierung zusätzlicher Eigenschaften kategorial eingeengt wird.

Kintsch (2000, S. 3) erachtet Gluckbergs (1998) Theorie als unvollständig, da sie wesentliche Fragen unbeantwortet lässt: Es kann weitaus mehr übergeordnete Kategorien für Parasiten geben als nur die eine Kategorie „Schmarotzer“. Woher wissen wir folglich, ob etwas eine übergeordnete Kategorie ist und wie erfolgt die Auswahl nach der richtigen Kategorie (Schmarotzer statt Insekt)? Und was sind ihre grundlegenden Eigenschaften? Diese Fragen müssen gemäss Kintsch (2000, S. 3) von einem Verstehensmodell automatisch beantwortet werden können. Mit seinem Ansatz will er daher genauer zeigen, wie etwa die metaphorischen Parasiteneigenschaften (Schmarotzer) Vorstädten zugeschrieben werden, während die wörtlichen Parasiteneigenschaften (kleine Lebewesen, die sich mit Nahrung vollsaugen) ausgeblendet werden.

Dazu simuliert Kintsch (2000, S. 4) mit seinem Predication Model das Verstehen von Metaphern. Seine Theorie baut dabei auf zwei Komponenten auf: 1) Auf der Latent Semantic Analysis (LSA) (eine Methode, die Ähnlichkeitswerte oder Assoziationen zwischen Wörtern, Sätzen oder Texten berechnet. So können Ergebnisse in der Verarbeitung von Texten statistisch simuliert oder geschätzt werden) und 2) auf dem Construction Integration (CI) Model (ein Modell, das erklärt, auf welche Art und Weise Textelemente miteinander kombiniert werden).

Diese Komponenten sollen im Folgenden näher erläutert werden: Die statistische Methode der Latent Semantic Analysis (LSA) berechnet Ähnlichkeiten und Beziehungen zwischen Wörtern, Sätzen und Texten. Dabei wird automatisch untersucht, wie Wörter in einer grossen Anzahl Dokumente (ein Korpus kann zum Beispiel 37’000 Dokumente mit über 92’000 verschiedenen Worttypen und etwa 11 Millionen Wörtern enthalten) verwendet werden. Die LSA kreiert einen semantischen Raum (semantic space), der die eingegebenen Daten generalisiert und abstrahiert. Eine Generalisierung21 wird deswegen durchgeführt, weil die LSA Datenlücken füllt, um auch Bedeutungsbeziehungen zwischen Wörtern und Texten herzustellen, die so im Korpus nicht vorkommen. Die Abstraktion erfolgt durch die Tilgung unnötiger ← 58 | 59 → Informationen (mittels eines Faktoranalyse-ähnlichen Verfahrens), wodurch die Konzentration der LSA auf wichtige semantische Beziehungen ermöglicht werden soll.

Der semantische Raum ergibt sich aus einer mathematischen Analyse und lässt sich als Bedeutungskarte vorstellen, welche die Bedeutungsdistanz zwischen den einzelnen Items angibt (Kintsch, 2008). Die Karte besteht aber im Gegensatz zu zweidimensionalen Landkarten aus etwa 300 Dimensionen. Die Items stellen Vektoren dar, die semantische Beziehung ergibt sich aus dem Korrelationskoeffizient der Winkel zwischen den Vektoren. Die Angabe +1 zeigt eine hohe Abhängigkeit der Items an (z.B.: Baum und Rinde: 0.70), 0 deren Unabhängigkeit (z.B.: Baum und Computer: 0).

Ein weiteres wichtiges Element der LSA ist die semantische Nachbarschaft. Zur semantischen Nachbarschaft eines Wortes gehören jene Wörter, welche die höchsten Korrelationskoeffizienten aufweisen. Sollen nun einfache Metaphern wie my surgeon is a butcher (Kintsch, 2008, S. 130) mit Hilfe der LSA verstanden werden, muss der Vektor, der die Bedeutung von surgeon repräsentiert, so modifiziert werden, dass diejenigen Teile, die mit butcher in Verbindung stehen, aktiviert, und die Teile, die dies nicht tun, deaktiviert werden. Es wird also ein kontextabhängiger neuer Vektor kreiert, der die Bedeutung surgeon-who-is-a-butcher repräsentiert. Derselbe Prozess wird für die Eruierung der wörtlichen Bedeutung benötigt (Kintsch, 2008, S. 131). Für den Einbezug des Kontexts muss zusätzlich noch das Construction Integration Model (CI) herangezogen werden, das mit Hilfe eines Algorithmus den Vektor je nach Kontext verändert.

Das Predication Model unterscheidet sich somit vom Konzept eines mentalen Lexikons, bei dem die verschiedenen Bedeutungen eines Begriffs aufgelistet werden. Stattdessen werden bei der LSA die kontextfreien semantischen Repräsentationen für die Bedeutung jedes einzelnen Wortes mit einem Vektor im semantischen Raum versehen. Ein Homonym wie Bank hätte zum Beispiel einen einzigen Vektor, der die beiden Bedeutungen „Geld-Bank“ und „Sitz-Bank“ vermischt. Wenn nun diese mehrdeutigen Vektoren im Kontext verwendet werden, berechnet die LSA dank des CI verschiedene Korrelationskoeffizienten. Folglich benötigt man immer zwei Komponenten, um die Wortbedeutung zu generieren: den kontextfreien Vektor, der das Wort im semantischen Raum der LSA markiert, und den Kontext, in dem das Wort verwendet wird. Die LSA repräsentiert in diesem Sinne das Wissen einer bestimmten Personengruppe.

Gegen die LSA äusserte Gast (2007) einige methodische Bedenken. Er bezweifelt, dass die LSA – trotz ihrer unbestrittenen Vorteile in der Anwendung – Bedeutung tatsächlich realitätsgetreu voraussagen kann (2007, S. 66): ← 59 | 60 →

Inwieweit ein solcher Raum der psychologischen Realität echter Rezipienten entspricht, darf angesichts fehlender empirischer Belege ebenso angezweifelt werden wie die Behauptung, dass im menschlichen Gehirn so etwas wie eine latente semantische Analyse (im mathematischen Sinne) abläuft. Dennoch hat sie sich als eine überzeugende Methode erwiesen, eine Vielzahl kognitiver Phänomene ergebnisorientiert zu simulieren.

Zudem führt Gast (2007) noch eine Reihe weiterer Mängel an: So lässt sich zum Beispiel der Prozess der Bedeutungskonstitution mit Hilfe der LSA nicht angemessen darstellen, die strukturellen Aspekte werden nicht berücksichtigt (Reihenfolge von Wörtern, sinnverändernde Negationen) und auch die Semantik komplexer Ausdrücke bleibt unerfasst.

Als weiteres Problem bezeichnet Gast (2007, S. 75), dass Ähnlichkeitsgrade von Ausdrücken keineswegs in ausschliesslicher Abhängigkeit zu ihren Kontexten stehen. So können semantisch ähnliche Wörter in unterschiedlichen Kontexten auftauchen. Kintsch (2000) fügt weitere Kritikpunkte an, so modelliere die LSA nur Bedeutungsaspekte, die verbal kodiert wurden, doch die Bedeutung erschliesse sich auch aus der Wahrnehmung und aus Handlungen. Ausserdem lasse sich die LSA (ohne CI) nicht für Metaphern anwenden: Die LSA könne zum Beispiel den Begriff Vorstadt nicht mit dem Begriff Parasit in Verbindung bringen, da keine gemeinsamen semantischen Merkmale bestehen. Sie berücksichtige auch nicht die Richtung von Implikationen und unterscheide damit z.B. nicht zwischen den Aussagen Vorstädte sind Parasiten und Parasiten sind Vorstädte.

Um das Modell für Metaphern anwendbar zu machen, kombinierte Kintsch (2000) wie oben dargestellt die LSA mit dem CI-Modell, das grundsätzlich während des Textverstehens entwickelt wird. Das heisst: Während der Leser oder Zuhörer Informationen aufnimmt, verknüpfen sich diese laufend neu miteinander. Informationen werden in die eigene Wissensstruktur eingebaut, wodurch sich die mentale Repräsentation laufend verändert. Dieser Prozess dauert so lange, bis ein stabiler Zustand erreicht ist: ein mentales Modell, das eine kohärente Repräsentation des Gehörten oder Gelesenen darstellt (Gast, 2007, S. 15). Die Elemente, die verknüpft werden, stammen aus dem Kontext (perzeptuelles System) sowie aus dem menschlichen Organismus (Wissen, Gefühle, Erwartung).

Gemäss Gast werden zunächst „die Bedeutungen von Wörtern aktiviert, Propositionen hergestellt, und Interferenzen gezogen“ (2007, S. 15), ohne den Kontext zu berücksichtigen, also den „im Laufe der bisherigen Textrezeption entstandenen Sinnhorizont“ (2007, S. 16). Die so verknüpften Konzepte werden schliesslich durch spreading activation in eine sinnvolle Struktur eingebunden. Dieser Vorgang dauert so lange, bis das Aktivierungsmuster stabil ist. Stabilität wird hergestellt, indem diejenigen Elemente aktiviert werden, ← 60 | 61 → die zueinander in Beziehung stehen. Nicht relevante Informationen werden hingegen deaktiviert. Welche Informationen wichtig sind und welche nicht, wird dabei mit assoziativen Schlüssen entschieden.

Kintschs (2000, S. 7) Überlegung ist nun, dass ein bestimmter Algorithmus zuerst die Begriffe aus dem LSA-Raum wählt, die mit einem Begriff P (z.B. Sonne: strahlen, heiss etc.) verbunden sind, dann wählt es von den gewählten Begriffen diejenigen aus, die auch mit einem Begriff A (z.B. Augen: strahlen) verbunden sind. Der erste Schritt ist erreicht, wenn die semantische Nachbarschaft von P dargestellt ist. Im zweiten Schritt wird analog zum CI-Modell ein spreading activation-Netzwerk aktiviert, das die Begriffe P, A und die gewählten Terme rund um P enthält. Mittels Hemmungsmechanismus werden alle Knoten im Netzwerk ausgeschaltet, die nicht mit P und A gleichzeitig verbunden sind. Von all den anderen aktivierten Knoten wird anhand des Vektors die Bedeutung der Metapher bestimmt.

Das von Kintsch (2000) vorgestellte Modell eignet sich nicht bloss für die Interpretation von Metaphern und wörtlichen Aussagen, sondern bestätigt auch bereits erforschte Phänomene, die in Zusammenhang mit Metaphern stehen. Für die folgende Beschreibung stützt sich Kintsch (2000) auf Kriterien, die Glucksberg (1998) formuliert hat:

  1. 1. Metaphern sind nicht umkehrbar: Hier sind nach Kintsch (2000) zwei Fälle zu differenzieren: Zum einem gibt es Metaphern, die in umgekehrter Form eine andere Metapher darstellen. Z.B.: My surgeon is a butcher und My butcher is a surgeon. Das Modell attribuiert im ersten Fall Eigenschaften von butcher auf surgeon und im zweiten Fall von surgeon auf butcher. In diesem Fall funktioniert das von Kintsch vorgestellte Analysemodell. Zum anderen gibt es jedoch Metaphern, die bedeutungslos werden, wenn man sie umkehrt. Beispiel: My job is a jail ist eine Metapher, die Aussage My jail is a job ist hingegen sinnlos, was für das Modell schwierig zu erkennen ist. Zwar kann es übereinstimmend mit der menschlichen Intuition feststellen, dass die Umkehrung keine Metapher ist, aber es erkennt sie nicht als sinnlosen Satz. Hier bedarf es weiterer Anpassungen des Modells.
  2. 2. Rückt die wörtliche Bedeutung des Quellbereichs einer Metapher in das Bewusstsein, dann hat dies einen negativen Effekt auf ihr Verständnis. Wenn etwa der Metapher My lawyer is a shark die Aussage Sharks can swim vorangeht, wird der erste Satz das Muster für die wörtliche Bedeutung aktivieren. Es braucht dann einige Zwischenschritte mehr, bis die Bedeutung der Metapher aktiviert ist. Das heisst: Das Resultat ist dasselbe, aber der Vorgang des Verstehens dauert länger. ← 61 | 62 →
  3. 3. Das Verstehen einer Metapher ist dasselbe wie das Verstehen einer mehrdeutigen Äusserung.

Kintsch (2000, S. 21) meint, sein Modell könne (fälschlicherweise) als semantisches Merkmalsmodell ausgelegt werden, das Metaphern auf aristotelische Weise als Vergleich behandelt. In solchen Modellen wird ein Merkmal des Quellbereichs auf den Zielbereich übertragen. In diesem Fall wäre Gibbs’ (1994) Kritik berechtigt, dass häufig keine bereits existierende Assoziationen zwischen diesem übertragenen Merkmal und der Quelle besteht. Kintsch (2000) streicht jedoch hervor, dass sein Modell weit komplexer ist als ein semantisches Merkmalsmodell. Begriffe seien mit anderen Begriffen verbunden, deren Bedeutung wiederum eine Ähnlichkeitsbeziehung zur Bedeutung der Quelle enthalte. Das Modell wählt also nicht präexistierende Assoziationen, sondern verbindet zwei semantisch benachbarte Bereiche. Das Modell gehe dabei äusserst kontextsensitiv vor und habe in diesem Sinne nichts mit der semantischen Merkmalstheorie gemein (Kintsch, 2000, S. 21).

Abschliessend werden nochmals die wesentlichen Charakteristika des Predication Models zusammengefasst. Es beinhaltet zwei Komponenten:

  1. 1. LSA: Ein Modell von menschlichem Wissen, ein Modell, das objektiv und quantitativ ist. Dieses Modell dient als Basis.
  2. 2. CI: Modelliert das dynamische Verstehen. Es adaptiert das kontextunabhängige Wissen aus dem LSA zu einem Kontext: Es selektiert dabei aus einer grossen Anzahl Merkmale des Quellbereichs diejenigen, die zur Metapher passen.

Prozesse für das Metaphernverstehen unterliegen denselben Mechanismen wie das Verstehen wörtlicher Aussagen. Da das Modell aufzeigt, wie Verstehensprozesse ablaufen, kann zum Beispiel das Metaphernverstehen einer psychisch erkrankten Person mit dem vom Modell simulierten Verstehen verglichen werden.

2.2.2.3 Vergleich kognitivlinguisitischer und kognitionspsychologischer Ansätze

Um die Unterschiede und Überschneidungen von kognitivlinguistischen und kognitionspsychologischen Metapherntheorien herauszuarbeiten, sollen im Folgenden exemplarisch zwei prominente Theorien aus diesen Bereichen miteinander verglichen werden, nämlich die in den vorigen Kapiteln beschriebenen Theorien von Lakoff und Johnson (1980) und von Kintsch (2000; 2008). ← 62 | 63 →

Unterschiede

Auf den ersten Blick scheinen die beiden Theorien sehr gegensätzlich: Kintsch (2008) betrachtet die Metapher aus der Sicht des Verstehens mittels eines statistischen Verfahrens. Das Metaphernverständnis wird dabei simuliert. Lakoff und Johnson (1980) richten den Fokus hingegen auf das Denken, Wahrnehmen und Handeln und simulieren kein Verständnis, sondern erforschen sowohl die Metaphernproduktion als auch -rezeption im realen Gesprächskontext. Ein weiterer Unterschied stellt die Assoziation zwischen Ziel und Quelle einer Metapher dar, die – wie Gibbs (1994) kritisiert – in Kintschs Simulationsmodell nicht immer hergestellt werden kann. Kintschs (2000) Gegenargument, dass die Ähnlichkeitsbeziehung zweier Begriffe indirekt mit einem Umweg über andere Begriffe etabliert wird, ist im Rahmen seines Ansatzes zwar schlüssig, widerspricht aber Lakoffs und Johnsons (1980) Ansicht, dass der konzeptuellen Metapher eine konventionelle Beziehung zwischen zwei Bereichen unterliegt. Kintsch (2008) beschränkt seine Theorie ausserdem auf verbalsprachliche Daten, während sich die KMT auch auf nichtsprachliche Daten anwenden lässt. Schliesslich betrachtet Kintsch (2008) in Anlehnung an Glucksberg (1998) die Quelle als übergeordneten Bereich beziehungsweise als prototypischen Vertreter des Ziels (vgl. Vorstädte sind Parasiten), während die KMT zwei verschiedene Domänen miteinander verbindet (ausser bei der Metonymie).

Der grösste Unterschied besteht sicher in der Methode der Metaphernanalyse. Kintschs (2008) Modell berechnet Ähnlichkeitswerte zwischen den Begriffen. Bei einer qualitativen Metaphernanalyse hingegen geht es weniger um den Grad der Ähnlichkeit als um die Art der Metapher, die in einer bestimmten Situation verwendet wird. Quantitative Aspekte kommen hier vor allem bei der Auszählung von Häufigkeiten vor, die mit einem anschliessenden Verfahren auf Signifikanz geprüft werden kann.

Parallelen

Neben diesen Unterschieden bestehen aber auch bestimmte Parallelen. Beide Theorien betrachten die Metapher als ein kognitives Phänomen und gehen von semantischen Netzwerken aus, welche die Wahrnehmung verändern. Diese Netzwerke bilden semantische Räume, in denen die Aktivierung und Neuzusammensetzung von Konzepten/Begriffen ein dynamischer Prozess ist. Beide Theorien betrachten die Metapher zudem als unidirektional: Die Übertragung findet von der Quelle zum Ziel statt und nicht umgekehrt (vgl. die Beispiele my jail is a job vs. my job is a jail). Dies ist auch in Kintschs (2008) Modell der Fall. Auch sein Modell sieht in der Umkehrung keine Metapher, aber – und das ← 63 | 64 → ist ein Umstand, den er kritisiert – das Modell könne sinnlose Sätze noch nicht als solche identifizieren (z.B. ist my jail is a job sinnlos).

Die erwähnten Unterschiede machen deutlich, dass sich für dieselbe Fragestellung nicht ein Modell durch das andere ersetzen lässt. Die Theorien von Kintsch (2000) und Lakoff und Johnson (1980) ergänzen sich jedoch und können z.B. in der Psychotherapieforschung zu neuen Untersuchungsdesigns anregen sowie allenfalls neue Erkenntnisse generieren (s. 4.3, Implikationen).

2.2.3 Metapherngebrauch und Psyche

Im Folgenden soll nun näher auf die Metaphernforschung eingegangen werden, und zwar mit drei Schwerpunkten: Forschungsstand (klinische) Psychologie (2.2.3.1), Emotionen und Metaphern (2.2.3.2) und der Einfluss psychischer Störungen auf den Metapherngebrauch (2.2.3.3). Damit soll die Grundlage für eine Untersuchung der Metapher in der Psychotherapiepraxis vertieft werden. Der Forschungsstand zu Metaphern im Zusammenhang mit Körpersprache folgt im Kapitel 2.3 über Gestik.

2.2.3.1 Forschungsstand (klinische) Psychologie

Auch wenn sich psychologische Metapherntheorien bislang weniger durchsetzen konnten als die kognitive Metapherntheorie von Lakoff und Johnson (1980), hat die Psychotherapieforschung den Wert der Metapher schon längst entdeckt. „Beinah die gesamte Psychotherapietheorie, noch mehr aber unser praktisches Sprechen in therapeutischen Dialogen, ist von der Metapher geradezu durchsetzt“ (Buchholz, 2008, S. 9). Das beginnt bei den Namen der Krankheitsbilder (z.B. Depression, Borderline) und setzt sich fort in möglichen Vorstellungen von der Therapie (z.B. Therapie als Beichte) und dem Selbstverständnis einer Person: „Wer sich nur als ‚Opfer‘ oder nur als ‚Versager‘ sieht, muss auch Therapien scheitern lassen. Solche Paradigmen mutieren zu Para-Dogmen, wenn sie nicht durch alternative Metaphern korrigiert werden können – und das ist therapeutische Leistung“ (Buchholz, 2008, S. 9).

In seinem Aufsatz Metapher in der Psychologie teilt Schmitt (2001)22 die bisherigen Forschungsarbeiten zur Metapher in drei Hauptgruppen ein: Eine erste Gruppe versuche anhand einer für wichtig erachteten Metapher Texte, Phänomene oder Autoren zu deuten. Die zweite Gruppe setze sich sowohl aus ← 64 | 65 → Arbeiten der Linguistik wie auch der experimentellen Psychologie zusammen: „Erstere entwickelte eine beeindruckend-beängstigende Vielzahl von heterogenen Kategorisierungsmöglichkeiten metaphorischen Sprechens; die experimentelle Psychologie ersetzt diese kategoriale Komplexität durch kunstvolle Prozeduren der Messung der Verstehensgeschwindigkeit von Metaphern unter ebenso kunstvollen Begleitumständen“ (Schmitt, 2001, S. 2). Die dritte Gruppe schliesslich sei bestrebt, die Metapher in den Kontext philosophischer und literaturwissenschaftlicher Theorien einzuordnen. Hierzu zählt Schmitt Forschungsarbeiten, die nach der Lakoff’schen Wende Metaphern qualitativ und empirisch in Therapietranskripten untersuchen (Wiedemann, 1986; Straub & Sichler, 1989) sowie sich mit Therapieprozessen aus psychoanalytischer Sicht auseinandersetzen (Buchholz & von Kleist, 1997). Zudem erwähnt Schmitt (2001) eine Reihe weiterer psychologischer Studien, und zwar Schachtner (1999) über metaphorische Muster ärztlichen Handelns; Moser (2000) über Selbstkonzepte von Hochschulabsolventen; Leary (1990) zu den Metaphern der Neuropsychologie, Emotionspsychologie und experimentellen Psychologie; Draaisma (1999) über die Geschichte der Psychologie des Gedächtnisses; und schliesslich Morgan (1996) über Metaphern in der Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie. In den Bereich der klinischen Psychologie gehören nach Schmitt (2001) die wiederum aus psychoanalytischer Sicht verfassten Arbeiten von Buchhholz (1993); Pollio, Barlow, Fine und Pollio (1977) und von Kleist (2001)23.

Schliesslich geht Schmitt (2001) in seinem Überblick noch auf phänomen- und klientenspezifische Untersuchungen ein: Wittorf (1999) zur Beendigung von Therapien; Kronberger (1999) zu Metaphern von Menschen mit depressiven Erkrankungen; Schmitt (2000) von Alkoholmissbrauchenden; Heinz, Leferink, Bühmann und Heinze (1996) sowie Spitzer et al. (1994) zu Schizophrenie – v.a. experimentell.

Details

Seiten
263
ISBN (PDF)
9783035108767
ISBN (ePUB)
9783035195859
ISBN (MOBI)
9783035195842
ISBN (Buch)
9783034315258
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (September)
Schlagworte
Metaphern Interaktion Akkommodation Gesprächsanalyse Borderline Gestik Psychotherapie
Erschienen
Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Oxford, Wien, 2015. 263 S.

Biographische Angaben

Sarah King (Autor)

Sarah King promovierte im Jahr 2013 in Allgemeiner Linguistik und schloss 2015 ihren Master in Psychologie an der Universität Bern ab. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Akkommodation und Synchronisation verbalen und nonverbalen Verhaltens. Gegenwärtig arbeitet sie als freie Autorin und als Psychologin.

Zurück

Titel: Im Nadelkorsett auf Tournee – Metaphern-Akkommodation im Therapiegespräch