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Feuchtwanger und Berlin

von Geoffrey V. Davis (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband X, 488 Seiten
Reihe: Feuchtwanger Studies, Band 4

Zusammenfassung

Dieser Band vereint Forschungsbeiträge der 6. Konferenz der Internationalen Feuchtwanger Gesellschaft, die im Herbst 2013 zum Thema Lion Feuchtwangers Berliner Jahre 1925 bis 1933, seine Leser im Exil, in Deutschland und weltweit nach 1945 im Jüdischen Museum Berlin veranstaltet wurde. Die Konferenz hatte zum Ziel, die Bedeutung des Berliner Zwischenspiels im Leben Feuchtwangers im literarischen und soziopolitischen Kontext herauszuarbeiten, sowie eine Bestandsaufnahme der Rezeption seiner Werke im In- und Ausland zu erstellen.
Neben Beiträgen zu den Romanen Jud Süß, Die Geschwister Oppermann, Der Jüdische Krieg, Goya und Waffen für Amerika, zu den PEP-Gedichten und zu seiner Theaterarbeit beleuchtet dieser Band das intellektuelle Umfeld des Autors durch Aufsätze zu seinen Berliner Zeitgenossen Bertolt Brecht, Erich Kästner, Dorothy Thompson, Billy Wilder und Carl Zuckmayer. Vier der Aufsätze in diesem Band widmen sich weiteren Mitgliedern seiner Familie.
Dem literarischen Erbe des Autors wird durch Beiträge zu seinem amerikanischen Verleger Ben Huebsch, zur heiklen Problematik der Übersetzungen seiner Werke sowie zur Frage seiner Einführung in den Bildungsbereich Rechnung getragen. Zwei Beiträge widmen sich dem damals wie heute kontrovers rezipierten sowjetischen Reisebericht Moskau 1937.
Durch seinen umfassenden Ansatz bietet dieser Band neue Einsichten in eine zentrale Periode der deutschen Kulturgeschichte und schließt eine Lücke in der Feuchtwanger-Forschung.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Abbildungen
  • Vorwort
  • Editorisches
  • Danksagung
  • Der jüdische Krieg. Lion Feuchtwangers Ansichten über Nationalismus und Judentum und ihre ungebrochene Aktualität
  • Die Geschwister Oppermann von Lion Feuchtwanger. Ambivalenz und Philologie
  • „Was dem da unten geschah, konnte uns allen geschehen“ oder: Der Hofmaler erinnert sich an die Moskauer Prozesse. Zu einer Dimension der Goya-Figur Feuchtwangers
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • Hold the line: The anti-Nazi work of the writer-activist L.F.
  • „Drama ist zu eng, Roman zu lahm“. Vom dramatischen Roman zum epischen Theater und wieder zurück
  • „Ein zeitgewandter Geschäftsmann des Schrifttums“. Lion Feuchtwanger im Urteil Erich Kästners Ende der 20er Jahre
  • Vorspiel hinter den Kulissen – Feuchtwanger, Kästner und die Forschung
  • Theater, Theater. Ein Autor, zwei Stücke und wichtige „Zeitprobleme“
  • Poetische Charakteristik. Kaufmänner im Schriftsteller und Schriftsteller als Kaufmann
  • „Indirekte“ Lyrik. Sprachvarietisten, Maskenlyriker und Gebrauchspoeten
  • Großes Kino. Feuchtwanger, Chicago und der „Kult der Nutte“
  • Ein Nachspiel nach dem Krieg und eine Nebenrolle mit Impulskraft
  • „Every current beat upon Berlin“. Dorothy Thompsons Karrierebeginn als Grundlage ihres Engagements für das deutschsprachige Exil
  • Europa
  • Berlin 1925–1928
  • Wieder in den USA
  • Fazit
  • Berliner Spuren in Billy Wilders Film Hold Back the Dawn (1941)
  • Carl Zuckmayers Berliner Jahre
  • „Daß die Dummheit der Menschen weit und tief ist wie das Meer …“. Erfahrung und Reflexion des Antisemitismus bei Lion Feuchtwanger und Arnold Zweig
  • „This book as art, ain’t worth a …“. Lion Feuchtwangers Sammlung satirischer Gedichte PEP – J.L. Wetcheeks Amerikanisches Liederbuch (1928) und Dorothy Thompsons Übertragung ins Englische (1929): Ein Vergleich
  • Jud Süß in translation: A discussion of the need for new translations of Lion Feuchtwanger’s works and of the translation process
  • “The Proud Fabric”? A translator’s perspective on Waffen für Amerika in English translation
  • Principal elements of the novel
  • Author’s expectations concerning translation in general
  • Shortcomings in the William Rose translation
  • Implications and suggestions for further research
  • Zerreißprobe
  • Die Alternative des vergessenen Bruders. Der Historische Roman, Ludwig Feuchtwanger und seine nachgelassene Jüdische Geschichte
  • Historischer Roman oder historistische Geschichtswissenschaft?
  • Feuchtwangers nachgelassene Jüdische Geschichte
  • Ludwig Feuchtwanger. Widerstand durch Bewahrung
  • „Halbtags im Exil“. Franz Feuchtwangers Weg nach Mexiko
  • Anmerkung
  • Exil in Briefen – Briefe im Exil. Aspekte der Korrespondenz zwischen Lion Feuchtwanger und Ben Huebsch
  • Die Rezeption Lion Feuchtwangers in Frankreich von 1920 bis 1933
  • Rezeption der Romane
  • Rezensionen aus der Zeit vor dem Exil
  • Rezensionen aus der Zeit des Exils (bezüglich der vor dem Exil entstandenen Werke)
  • Werbung für Feuchtwangers Werke (vor und zu Beginn des Exils im Vergleich)
  • Rezeption der Theaterstücke (Die Kriegsgefangenen, Die Petroleuminseln)
  • Jud Süß im Fokus. Berliner Veranstaltungen zu Lion Feuchtwangers 100. Geburtstag 1984
  • Zwischen Gerücht und Skandal? Zur Rezeption von Lion Feuchtwangers Reisebericht Moskau 1937 im geteilten und geeinten Deutschland
  • Hexenjagd in Ost und West. Zu zwei Fernsehfassungen von Wahn oder Der Teufel in Boston in der DDR und BRD
  • Wahn oder Der Teufel in Boston und der historische Hintergrund
  • Die Fernsehfassungen, ihre Ausstattung und Darsteller
  • Textbearbeitung und -fassungen
  • Hanna und Richard
  • Warum scheinen einige Autoren nie aus dem Exil zurück zu kehren? Zur Rezeption von Lion Feuchtwangers Werk nach 1945 und seine Einordnung in den bildungserzieherischen Kontext in Deutschland
  • Vorbemerkung
  • Rezeption von Lion Feuchtwangers Werk nach 1945. Rezeption in der SBZ und der DDR
  • Rezeption in Westdeutschland und der BRD
  • Rezeption nach der deutschen Wiedervereinigung
  • Exilliteratur und Lion Feuchtwanger im Lehrplan für das Fach Deutsch
  • Konzeptionelle Überlegungen zu der Herausgabe einer Studienausgabe
  • Chancen einer Online Edition
  • Feuchtwanger goes Europe? The legacy of Lion Feuchtwanger’s works in European contexts
  • The reception and position of Feuchtwanger’s work in European study contexts
  • The place of Exile Literature 1933–1945 in European German-Language Studies
  • Trends of a Feuchtwanger revival in contemporary Europe
  • Intercultural discourse
  • Conclusion
  • Verzeichnis der AutorInnen
  • Register
  • Series Index

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Abbildungen

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GEOFFREY V. DAVIS

Vorwort

These were the brilliant, feverish years when Berlin was, in a cultural sense, the capital of the world.1

DOROTHY THOMPSON

Wer Berlin hatte, dem gehörte die Welt.2

CARL ZUCKMAYER

Man hat, wenn man unter den Intellektuellen Berlins herumgeht, den Eindruck, Berlin sei eine Stadt von lauter zukünftigen Emigranten.3

LION FEUCHTWANGER

Am Aschermittwoch 1925 verließ Lion Feuchtwanger im Alter von 40 Jahren seine Heimatstadt München und siedelte nach Berlin um. Nach München sollte er nie wieder zurückkehren. Der Entschluss wegzugehen, wie seine Frau Marta berichtet, „fiel uns recht schwer“.4 Vor ihm waren Freunde wie Heinrich Mann und Bertolt Brecht auch aus München weggezogen. Für sie alle war es ein künstlerisch wie politisch motivierter Abschied. München ← 1 | 2 → wurde Anfang der Zwanzigerjahre zum Schauplatz des Aufstiegs Hitlers, Antisemitismus machte sich breit, das reaktionäre Bayern bot kritischen Künstlern und Intellektuellen kein sicheres Domizil mehr. Feuchtwanger war auch, laut einem seiner Biographen, „politisch alarmiert von der nahezu völlig fehlenden Gegenwehr des Münchner Bürgertums“.5

In Berlin hingegen „erwartet[e] ihn eine Weltstadtkultur, wie sie seinem neugewonnenen Literaturverständnis entgegen[kam]“.6 Die Stadt bot viele Möglichkeiten; dort waren die besten Theater und die angesehensten Verlage ansässig. Im Grunewald baute er ein Haus und trug eine stattliche Bibliothek von 10.000 Bänden zusammen. Obwohl das Ehepaar nur selten am Berliner Leben teilnahm und Lion politisch kaum in Erscheinung trat, „stellten [sie] fest“, wie wiederum Marta sich erinnert, „dass Berlin eine aufregende Stadt war“.7

In Berlin veröffentlichte Feuchtwanger zwei Romane – Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz (1930) und Der Jüdische Krieg (1932); er schrieb Kurzgeschichten und die PEP-Gedichte; seine Drei angelsächsische Stücke (Die Petroleum-Inseln, Kalkutta, 4. Mai und Wird Hill amnestiert?) wurden uraufgeführt (zwei in Berlin, eins in Hamburg); er arbeitete mit Brecht zusammen, er traf sich häufig mit Arnold Zweig. Auch ausgedehnte Reisen ins Ausland unternahm er. Während eines Besuches in Spanien entdeckte er, wie seine Sekretärin Hilde Waldo zu berichten wusste, das Interesse für Goya, das in den späteren Goya-Roman münden sollte.8 In England wurde er als Autor des Romans Jud Süß, der in der englischsprachigen Ausgabe sehr erfolgreich war, von namhaften Persönlichkeiten gefeiert. ← 2 | 3 →

Die sieben Berliner Jahre sollten jedoch „nur ein Zwischenspiel“ bleiben.9 Die Nationalsozialisten, die sich über den Roman Erfolg empörten, ließen ihn über einen Artikel im Völkischen Beobachter wissen, er habe „sich einen zukünftigen Emigrantenpass reichlich verdient“.10 Von einer Vortragstournee in die USA, die er im November 1932 antrat, kehrte er nach der Machtergreifung 1933 nicht mehr nach Deutschland zurück. Inzwischen fahndete die Polizei nach ihm; sein Haus war geplündert und seine Bibliothek vernichtet worden. Bei der Bücherverbrennung wurden auch Werke von ihm verbrannt. Die deutsche Staatsbürgerschaft wurde ihm aberkannt. Seinem Freund Arnold Zweig schrieb er: „Es war zu spät für mich, in Deutschland noch irgend etwas zu retten. So muß ich wohl alles, was dort war, verloren geben. Mir ist es vor allem leid um das Haus und die Bücher […].“11

So begann sein französisches Exil.

*

Die Berliner Jahre Lion Feuchtwangers zwischen 1925 und 1933 sind das zentrale Thema dieses vierten Bandes der „Feuchtwanger Series“ der International Feuchtwanger Society, der revidierte Beiträge aus einer im Herbst 2013 im Jüdischen Museum zu Berlin veranstalteten Tagung enthält. Ziel der Veranstaltung war es, die Wichtigkeit dieser relativ kurzen Übergangsperiode zwischen der langen ersten Münchner Phase im Leben des Schriftstellers und dem nachfolgenden Exil in Frankreich und den USA herauszuarbeiten. Das Leben und Werk Feuchtwangers in dieser Zeit und darüber hinaus sollte im literarischen, soziopolitischen und persönlichen Zusammenhang erforscht werden. Zu diesem Zweck wurden ← 3 | 4 → auch Beiträge über Zeitgenossen des Schriftstellers sowie über einzelne Mitglieder seiner weiteren Familie aufgenommen. Dem literarischen Erbe des Autors wurde durch Beiträge zu seinem amerikanischen Verleger, zu seinen Übersetzern, sowie zur Rezeption seiner Werke, insbesondere im Bildungsbereich, Rechnung getragen. Wie in den früheren Bänden der Reihe ist auch dieser interdisziplinär angelegt. Durch diesen umfassenden Ansatz schließt er eine Lücke in der Feuchtwanger-Forschung und bietet neue Einsichten in eine zentrale Periode der deutschen Kulturgeschichte.

*

Feuchtwangers historischer Roman Der Jüdische Krieg,12 der noch in Deutschland entstand, und sein Aufsatz „Nationalismus und Judentum“, das im französischen Exil erschien, werden im einleitenden Beitrag von Volker Skierka besprochen. Das Besondere an seiner Diskussion ist die Tatsache, dass er sie sowohl im geschichtlichen Kontext als auch im weiteren Zusammenhang der verfahrenen politischen Lage im heutigen Nahen Osten analysiert. In seiner Darstellung der Entwicklung von Feuchtwangers Denken streicht er somit die immer noch aktuelle Bedeutung seiner Ansichten über Nationalismus und Kosmopolitismus und seinen ständigen „Kampf gegen Dummheit und Gewalt, für die Vernunft und den Geist der Aufklärung“ heraus. In Der Jüdische Krieg zeigt Feuchtwanger am historischen Beispiel wie ein irrationaler Nationalismus zwangsläufig zum Krieg führt; im Nachhinein kann der Roman als „politische Parabel“ der bevorstehenden Machtübernahme der Nationalsozialisten interpretiert werden. Der Aufsatz „Nationalismus und Judentum“ von 1933, den Skierka als „Leseanleitung“ zum Roman sieht, ist als Warnung gegen die Gefahren des Nationalismus zu verstehen. In späteren Jahren kam der Schriftsteller allerdings zu der Überzeugung, dass die Juden einen eigenen ← 4 | 5 → Staat brauchten, und er thematisierte die Problematik der Gründung eines jüdischen Staates in seinen letzten Romanen, Die Jüdin von Toledo und Jefta und seine Tochter. Seine skeptische Haltung gegenüber nationalistischen Bestrebungen bewahrte er aber zeitlebens.

Die Geschwister Oppermann, der erste Roman, den Feuchtwanger 1933 im Exil schrieb, war gleichzeitig der zweite in seiner Wartesaal-Trilogie. Oft als Widerstandsliteratur unterschätzt, wurde er auch vom Autor selber wegen der fehlenden Distanz zu den Ereignissen um die Machtübernahme Hitlers und der eigenen daraus resultierenden Unfähigkeit, deren Tragweite richtig zu deuten, selbstkritisch abgewertet. In seinem Beitrag versucht Frédéric Teinturier, die herkömmliche Annahme einer Antithetik von Geist und Macht, von Betrachten und Handeln, die hier wie in anderen Werken des Autors zum Vorschein kommt, differenzierter zu sehen. Wie im vorausgegangenen Roman Erfolg steht auch in Die Geschwister Oppermann die Rolle des Schriftstellers im Blickpunkt. Hier wie dort geht es um die Haltung von Philologen zum Nationalsozialismus. Demgemäß interessiert sich Teinturier für die „philologische Eigenschaft“ des Romans, die vor allem in den textinterpretatorischen Auseinandersetzungen, die er an den Debatten der Figuren über die Schriften der Nationalsozialisten (vor allem Mein Kampf ) demonstriert, zum Ausdruck kommt. In einer Zeit der Lüge wird der Schriftsteller als Deuter der Geschichte gebraucht; zwischen Betrachten und Handeln bleibt seine Lage aber letztendlich ambivalent.

Arnold Pistiak deutet in seinem spannenden Beitrag Goya als poetische Selbstkorrektur zu dem kontroversen Reisebericht Moskau 1937. Ausgehend von der Szene im Roman, in der Goya eine Vorladung zur Inquisition erhält, erläutert der Verfasser die zentrale, verbindende Rolle der Inquisition im Roman. Aufgrund seiner Analyse einzelner Romanfiguren, die als Opfer der allgegenwärtigen Inquisition geschildert werden, sowie seiner Beschreibung der Art wie Goya beginnt, durch seine Kunst Widerstand zu leisten, fragt sich der Verfasser entgegen früherer Interpretationen, ob sich Feuchtwanger durch die Inquisitionsszenen dieses Romans nicht von seiner in Moskau 1937 früher bezogenen Position zu den Moskauer Prozessen distanziert. Die Inquisition, argumentiert der Verfasser, sei der stalinistischen Machtpolitik gleichzusetzen; die Kritik der Inquisition in Goya sei zugleich eine Kritik der Moskauer Prozesse. Insofern „rücke der Roman ← 5 | 6 → zurecht“, was der Reisebericht „missdeutet“. Auch zwei zur gleichen Zeit entstandenen Werke, das Stück Die Witwe Capet, das politische Prozesse als Thema wieder aufgreift, und der Roman Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jacques Rousseau, der die Frage der revolutionären Gewalt thematisiert, stellen die Eindeutigkeit früherer Überzeugungen des Autors, sowie sie in Moskau 1937 artikuliert wurden, in Frage.

Mit den antifaschistischen Schriften Feuchtwangers, die im amerikanischen Exil auf Englisch für eine englischsprachige Leserschaft verfasst wurden, beschäftigt sich Tyler Cundiff. Feuchtwanger erscheint hier nicht als Romanautor sondern als politischer Aktivist. Drei wesentliche Aspekte dieser weniger bekannten Tätigkeit Feuchtwangers arbeitet Cundiff heraus: seine Warnung vor der von den Nationalsozialisten begangenen Unterdrückung und deren Gräueltaten; seine konsequente Unterscheidung zwischen Deutschen und Nazis im Interesse eines Nachkriegs-Deutschlands; und seine Ablehnung von Nationalismus zugunsten eines zukunftsorientierten Kosmopolitismus. In den zitierten Quellen tritt Feuchtwanger als Humanist und Weltbürger auf, der an die moralische und wegweisende Rolle des Schriftstellers glaubt, dessen Kampf vor allem der Erhaltung der deutschen Kultur und Literatur gilt.

*

Zur gleichen Zeit wie Feuchtwanger befanden sich viele angehende oder schon bekannte Schriftsteller, Musiker und Filmemacher in Berlin.13 Unter ihnen waren Bertolt Brecht, Erich Kästner, Dorothy Thompson, Billy ← 6 | 7 → Wilder, Carl Zuckmayer und Arnold Zweig. Einige hatten München schon vor ihm verlassen; andere wurden erst in Berlin zu seinen Freunden. Besonders die freundschaftlichen Beziehungen zu Bertolt Brecht und Arnold Zweig, die sich in München angebahnt hatten und nun in Berlin vertieft wurden, sollten ein Leben lang halten.

Die etwas unerwartete Freundschaft von zwei so unterschiedlichen Menschen wie Brecht und Feuchtwanger, die sich in München anbahnte, in Berlin vertieft wurde, und in Kalifornien wiederbelebt wurde, war trotz aller charakterlicher und politischer Unterschiede stets von gegenseitiger Achtung gekennzeichnet. Feuchtwanger war von der einzigartigen Begabung Brechts als Theatermacher überzeugt und gab gerne zu, er habe viel von ihm gelernt. Brecht schätzte die kritische Intelligenz Feuchtwangers und beriet sich gerne mit ihm über stilistische und konzeptionelle Probleme. Die Frage, die sich für Magali Nieradka-Steiner in ihrem Beitrag daraus ergibt, ist die nach einem möglichen Einfluss Feuchtwangers auf das Theaterschaffen Brechts. Sie bietet zunächst einen Überblick über Feuchtwangers eigene, nicht immer erfolgreiche Tätigkeit als Bühnenautor, bezeichnet das Stück Thomas Wendt als Wendepunkt in seiner Entwicklung zum Epiker und erläutert seine Theorie des dramatischen Romans. Anhand einer Beschreibung der gemeinsamen Arbeit der beiden Autoren an den drei erfolgreichen Stücken Leben Eduards des Zweiten von England, Kalkutta, 4. Mai und Die Gesichte der Simone Machard zeigt sie, wie sich Brechts Praxis des epischen Theaters gerade in Zusammenarbeit mit Feuchtwanger entwickelte. Es sei zu hoffen, konstatiert sie abschließend, dass bundesdeutsche Theater die „fast vergessenen“ Dramen Feuchtwangers neu entdecken.

Mit seinem Beitrag zu Erich Kästner betritt Fabian Beer Neuland, da der Name Kästner in der Feuchtwanger-Forschung bisher kaum auftaucht. Zu Kästner findet sich bei Feuchtwanger keine Äußerung; die beiden Autoren haben mit einer einzigen Ausnahme nicht miteinander korrespondiert; in den Berliner Jahren haben sie nicht miteinander verkehrt. Allerdings existieren aus der Berliner Zeit manche Aussagen Kästners zu den verschiedensten Tätigkeiten Feuchtwangers, die nach Ansicht Beers „ein bemerkenswert differenziertes Bild“ ergeben. Zu Feuchtwangers Theaterstücken, zu den Pep-Gedichten und zur Frage der „Gebrauchslyrik“ ← 7 | 8 → sowie zu seinem etwas ungünstig verlaufenen Vortrag anlässlich der Vorführung des Kinofilms Chicago hat Kästner sich geäußert. Dabei erweist er sich als durchaus wohlgesonnener Kritiker Feuchtwangers, den er respektvoll als „zeitgewandten Geschäftsmann des Schrifttums“ beschrieb. Wohl nicht zu Unrecht weist ihm Beer eine für die Feuchtwanger-Forschung aufschlussreiche Nebenrolle zu.

In Berlin lernte Feuchtwanger die amerikanische Journalistin Dorothy Thompson kennen, die ihn zusammen mit ihrem Mann, dem Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis, besuchte, dessen Gesellschaftsromane Feuchtwanger besonders schätzte. Im Laufe ihrer vielseitigen Karriere engagierte sich Thompson zunächst als Frauenrechtlerin; später war sie als Journalistin für große amerikanische Zeitungen in Wien und Berlin tätig. Sie sprach gut Deutsch, interessierte sich sehr für die deutsche Literatur und Kultur der Weimarer Republik, und als Leiterin eines Auslandspressebüros in Berlin konnte sie einen beachtlichen Kreis von prominenten deutschen Autoren und Künstlern in einem eigenen Salon um sich versammeln. Sie übernahm die Übersetzung ins Englische von Feuchtwangers PEP-Gedichten. Thompson, die 1931 die Gelegenheit hatte, Hitler zu interviewen, und in ihrer Berichterstattung antifaschistische Positionen bezog, wurde 1934 aus Deutschland ausgewiesen. In ihrem Beitrag schildert Karina von Tippelskirch Herkunft und frühe Karriere dieser ungewöhnlichen Frau mit dem Ziel, die Gründe für ihr reges und recht erfolgreiches Engagement für im Exil lebende deutsche Schriftsteller nach ihrer Rückkehr in die USA zu untersuchen.

Auch der in Hollywood später berühmt gewordene Filmregisseur Billy Wilder weilte zur gleichen Zeit wie Feuchtwanger in Berlin. In Wien geboren, siedelte Wilder zu einer Zeit nach Berlin um, als die Metropole sich immer mehr zu einem wichtigen Zentrum der Filmkunst entwickelte, besonders als der Tonfilm den Stummfilm ablöste. In ihrer Analyse des Werdegangs Wilders zeigt Helga Schreckenberger wie Wilders Erfahrungen als Journalist, seine Begeisterung für die neue amerikanische Kultur – insbesondere für Film und Jazz – sowie seine Arbeit bei der UFA seine ästhetischen Vorstellungen und seine anfängliche Tätigkeit als Drehbuchautor geprägt haben. Anhand einer detaillierten Analyse des Hollywoodfilms Hold Back the Dawn, des letzten Films, für den Wilder ← 8 | 9 → das Drehbuch schrieb, erläutert sie die Faktoren, die zur Bedeutung dieses kaum bekannten Films beigetragen haben, vor allem die autobiographischen Spuren aus Wilders eigenem Leben und die Darstellung der verzweifelten Lage der europäischen Flüchtlinge, die in die USA auswanderten und ihr lang gehegtes Idealbild der amerikanischen Gesellschaft an der Wirklichkeit des Landes messen durften.

Feuchtwangers Bekanntschaft mit Carl Zuckmayer scheint eher sporadisch gewesen zu sein. Zuckmayer hielt sich hauptsächlich zwischen 1920 und 1922 und zwischen 1925 und 1933 in Berlin auf, denn er bevorzugte, wie Birgit Maier-Katkin in ihrem Beitrag erläutert, ein Leben fern der Großstadt auf dem Lande. In Berlin, dem Zentrum des deutschen Theaterwesens, erlebte er mit seinen experimentellen, expressionistischen Frühwerken zunächst deprimierende Misserfolge, die ihn an den Rand der Armut brachten. Erst als er eine eigene Stilrichtung frei von den belastenden Theorien anderer Autoren eingeschlagen hatte, erlebte er mit den Komödien Der Fröhliche Weinberg und Der Hauptmann von Köpenick die größten Erfolge seiner Theaterlaufbahn, die ihm Ruhm und finanzielle Unabhängigkeit sicherten. Böswillige Attacken seitens der Nationalsozialisten führten allerdings zum Aufführungsverbot. Sowohl zu Brecht als auch zu Feuchtwanger unterhielt er freundschaftliche Verbindungen. Aus seiner Autobiographie Als wär’s ein Stück von mir zitiert Maier-Katkin eine schöne Stelle, in der er seine Bewunderung für Feuchtwanger zum Ausdruck bringt, „der sehr viel vom Theater verstand und ein enormes literarisches Wissen hatte“.

Wie aus ihrem ausgedehnten Briefwechsel hervorgeht,14 waren Feuchtwanger und Arnold Zweig über viele Jahre eng miteinander befreundet. Nur in Berlin hatten sie fast täglich die Gelegenheit sich zu sehen und sich über literarische Fragen auszutauschen. Nach 1933, als Zweig zunächst im palästinensischen Exil und später wieder in Berlin und Feuchtwanger in den USA lebte, konnte die Freundschaft allein über den Briefwechsel weitergeführt werden. In ihrem Beitrag beschäftigt sich Franziska Krah mit ihren literarischen und politischen Aktivitäten während der Berliner ← 9 | 10 → Jahre. Sie zeigt die vielen Gemeinsamkeiten in ihrem Werdegang und ihren Ansichten auf; sie zeigt die in ihren Romanen (Erfolg und Der Streit um den Sergeanten Grischa) artikulierte Kritik der deutschen Justiz auf; sie erinnert an ihren öffentlichen Einsatz zugunsten verfolgter Intellektueller; und sie zeigt wie Zweig (vorwiegend in seinen zahlreichen Aufsätzen) und Feuchtwanger (in seinen Romanen) gegen den Antisemitismus kämpften. Zudem erläutert sie ausführlich Zweigs Theorie der menschlichen Gruppenaffekte, die Feuchtwanger in seiner Wartesaal-Trilogie aufgreift. Während beide Autoren noch in Frankreich verweilen, verfassen sie gemeinsam eine Streitschrift: Die Aufgabe des Judentums.

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In seinem „Versuch einer Selbstbiographie“ (1927) konstatierte Feuchtwanger „Man hat es mir in Deutschland nicht leicht gemacht, ich bin im Ausland rascher zu literarischem Ansehen gelangt als in Deutschland“.15 Diesen Tatbestand verdankte er nicht nur seinen ausländischen Verlegern sondern ganz besonders auch seinen Übersetzern, die die Grundlage für seinen außerordentlichen Erfolg in England und den USA schufen. Seinen internationalen Ruhm, der mit den englischen und amerikanischen Ausgaben von Jud Süß einsetzte, konnte er im Exil, wo der deutschsprachige Markt ihm nicht mehr zugänglich war, weiterhin dank zahlreicher Übersetzungen aufrechterhalten. Was nicht unbedingt heißt, dass er immer mit den Ergebnissen zufrieden war. In der Zusammenarbeit mit seinen Übersetzern gab es schwierige Auseinandersetzungen und viel Frustration. Zwei der Beiträge in diesem Band setzen sich kritisch mit den vorhandenen Übersetzungen einzelner Werke Feuchtwangers auseinander. Ein dritter ist aus der etwas anderen Perspektive einer Übersetzerin, die zurzeit eine neue Übersetzung von Jud Süß vorbereitet, geschrieben.

In seiner Diskussion der PEP-Gedichte von Feuchtwanger kommt Jörg Thunecke noch einmal auf Dorothy Thompson zurück, und zwar in ihrer ← 10 | 11 → Eigenschaft als Feuchtwangers Übersetzerin. Er erläutert die Entstehung der Gedichte, weist auf den weitverbreiteten Einfluss des Amerikanismus in den Zwanzigerjahren hin, und deutet die Sammlung als satirisches „Gegenbild“ zu amerikanischen Tendenzen in der Weimarer Republik. Als Vorbild sieht er den Babbitt-Roman von Sinclair Lewis, der ein selbstkritisches Bild Amerikas entwirft. Anhand einer ins Detail gehenden Diskussion der Übersetzung durch Thompson stellt Thunecke Feuchtwangers eigene Ansicht, ihre Übersetzung lese sich wie ein Original, in Frage. Er weist auf einzelne Auslassungen und Zusätze durch Thompson hin sowie auf einige Stellen, an denen sie offensichtlich die Pointe verfehlt habe. Zudem habe sie, seiner Meinung nach, Feuchtwangers Leitprinzip, seine ironische Schilderung eines einzelnen Kapitalisten sei nicht als Gesamtbild der USA zu begreifen, missachtet.

Adrian Feuchtwanger, Großneffe des Schriftstellers, der selbst als Übersetzer tätig ist, verdanken wir eine sachliche Analyse der Übersetzung von Waffen für Amerika durch William Rose, die in den USA sehr erfolgreich wurde, obwohl der Autor selbst einiges zu bemängeln hatte und der Übersetzer nach vielen Streitigkeiten mit dem unzufriedenen Autor keine Übersetzungen mehr für ihn übernahm. Vor diesem Hintergrund erläutert der Verfasser Feuchtwangers Konzept einer guten Übersetzung, zeigt die strittigen Unterschiede zwischen englischen und amerikanischen Übersetzungen auf, und analysiert spezifische Aspekte der Übersetzung von Waffen für Amerika. Besonders in der leidigen Frage der vielen Adjektive, mit denen Feuchtwanger seine Texte zu überfrachten pflegte, und angesichts der Problematik, dass englischsprachige Übersetzungen von der Wörterzahl her meist länger ausfielen als die Originale, war Feuchtwanger unzufrieden. Auslassungen von Adjektiven führten seiner Meinung nach zu Verzerrungen in der Charakterdarstellung; die Überlänge der Übersetzungen führte zu Kürzungen des Gesamttextes. Feuchtwanger, scheint es, fand nie einen Übersetzer, dessen Leistung seinen Anforderungen entsprach.

Helen Griswolds einsichtsvoller Beitrag liest sich wie ein Bericht aus der Werkstatt; sie erörtert die Probleme einer Neuübersetzung eines Romans von Feuchtwanger. Griswold ist überzeugt, dass solche Neuübersetzungen geeignet wären, das Interesse für sein Werk wieder ← 11 | 12 → zu beleben. Sie beschreibt ihre eigene Motivation, den Balanceakt zwischen verschiedenen Anforderungen, die eine Übersetzerin meistern muss: die Notwendigkeit der Werktreue und die eher zeitgenössischen Herausforderungen wie politische Korrektheit, die beispielsweise in der Beschreibung von Juden zu berücksichtigen sind. Ein interessanter Aspekt ihres Beitrags liegt in den Vergleichen, die sie zwischen ihren eigenen Übersetzungsvorschlägen und denjenigen, die die Muirs bei der Erstübersetzung getroffen hatten, zieht.

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Vier der Aufsätze in diesem Band widmen sich weiteren Mitgliedern der Familie Feuchtwanger. Zunächst erinnert sich der nun 89-jährige Edgar Feuchtwanger, der Neffe des Schriftstellers, an den Werdegang des eigenen Vaters, Ludwig Feuchtwanger, des jüngeren Bruders Lions. Er beschreibt die ideologischen Schwierigkeiten des Jugendlichen mit der strengen orthodoxen Lebensweise der Eltern, sein starkes jüdisches Bewusstsein, sowie seine bedeutende wissenschaftliche Karriere beim Verlag Duncker und Humblot, die ihm die Bekanntschaft vieler Intellektueller der Zeit sicherte. Feuchtwanger zeigt, wie sein Vater, dem Schriftsteller ähnlich, den Aufstieg Hitlers zunächst falsch einschätzte, anschließend aber ins Exil gehen musste. Vom Standpunkt eines Zeitzeugen flicht er Erinnerungen aus der eigenen Kindheit, etwa als Nachbar Hitlers in München, ein.

Mit Ludwig Feuchtwanger befassen sich auch Reinhard Mehring und Rolf Rieß.16 Mehring vertritt den Standpunkt, dass die biographischen Beziehungen zwischen den Brüdern Feuchtwanger „bisher noch nicht detailliert erforscht“ wurden, dass die Forschung also „den Bruder stärker beachten sollte“. Demgemäß befasst er sich in seinem Beitrag mit den ideologischen und theologischen Unterschieden, aber auch mit den ← 12 | 13 → literarischen Parallelen zwischen dem Wissenschaftler Ludwig und dem Dichter Lion. Besonders interessant an seinen Ausführungen sind gerade die Parallelen zwischen den Werken der beiden Brüder, die er aufzuzeigen weiß. Beide hätten sich, wenn auch von unterschiedlichen Standpunkten aus, mit den „großen Problemen und Schicksalsstoffen der jüdischen Geschichte“ auseinandergesetzt, Lion in seinen historischen Romanen, Ludwig in seinen bedeutenden Studien zur Geschichte des Judentums und zum Antisemitismus. Die historischen Romane des einen Bruders ließen sich, heißt es, im Hinblick auf das Geschichtsverständnis des anderen interpretieren; Ludwigs Jüdische Geschichte sei gewissermaßen als Gegenstück zu Lions Josephus-Trilogie zu lesen.

Rieß skizziert die schwierigen Rahmenbedingungen, die das Wirken Ludwig Feuchtwangers unter der Herrschaft der Nationalsozialisten beeinflussten. Er erinnert an die Strategien des Überlebens, die Ludwig entwickelte, als er seine Stelle beim Verlag aufgeben musste: Er arbeitete für die Bayerische Israelitische Gemeindezeitung, er widmete sich der Bildungsarbeit, vor allem aber nahm er in den Jahren 1934–1938 eine rege Vortragstätigkeit auf. Rieß beschreibt detailliert Inhalt und Zielsetzung der Vorträge und analysiert die philosophische und ideologische Haltung, die darin zum Vorschein kommt. Im Rahmen des jüdischen Widerstandes gegen die Nationalsozialisten habe Ludwig Feuchtwanger, bevor er ins Exil ging, einen wichtigen Beitrag zur geistigen Bewahrung des jüdischen Volkes geleistet.

In ihrem im Wesentlichen biographischen Beitrag, der zum Teil auf bisher unbekanntem Material aus Mexiko basiert, schildert Christine Fischer-Defoy das wahrhaftig abenteuerliche Leben Franz Feuchtwangers, eines Cousins Lions. Schon als Schüler interessierte er sich für marxistische Texte und wurde Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes. Als Mitglied der KPD wurde er später inhaftiert, wurde anschließend zur Schulung nach Moskau geschickt, verstrickte sich dann in den innerparteilichen Konflikten der Partei, die ihn zuletzt ausschloss. Nach einer kurzen Zeit als Mitarbeiter im Prager Verlag von Martin Feuchtwanger, einem Bruder Lions, floh er vor dem deutschen Einmarsch aus der Tschechoslowakei, wurde in Frankreich inhaftiert und flüchtete dann über Spanien und Kuba weiter nach Mexiko. Nach dem Krieg entschied ← 13 | 14 → er sich, dort zu bleiben, wo er mittlerweile zum Experten über präkolumbianische Kunst avanciert war.

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Wie in zwei der früheren Bände dieser Reihe wird auch hier der Schlüsselrolle von Feuchtwangers amerikanischem Verleger Ben Huebsch Rechnung getragen.17 Huebsch war, im Falle der Veröffentlichung von Jud Süß laut Feuchtwangers neuestem Biographen der „Geburtshelfer“,18 und eine ähnliche Funktion sollte er fast bis zum Ende der Exiljahre beibehalten. Der Briefwechsel zwischen Huebsch und Feuchtwanger ist – obwohl er vorwiegend geschäftlicher Art war – eine aufschlussreiche Quelle zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Romane Feuchtwangers, zu seinen künstlerischen Zielen, sowie zu Feuchtwangers vielen Hilfsaktionen für in Not geratene Kollegen, argumentiert Antonie Magen in ihrem Beitrag. Da der Inhalt des Briefwechsels bereits verschiedentlich erforscht wurde, rückt Magen eher die formellen und sprachlichen Konventionen des Briefes als Gattung in den Vordergrund. Anhand der Formen der Anrede zeigt sie beispielweise wie „bürgerlich“ das Verhältnis zwischen den beiden Briefpartnern war. Huebsch, dessen bürgerliche Herkunft sie kurz skizziert, habe Feuchtwanger helfen können, sich im Exil zurechtzufinden. Durch seine Briefe stellte er für den Autor auch in den Nachkriegsjahren eine Verbindung zur „Welt von Gestern“ her, die Feuchtwanger, der die USA nicht verlassen wollte, im alten Europa nicht mehr erreichen konnte. ← 14 | 15 →

Mit seinen Romanen erzielte Feuchtwanger hohe Auflagen und Übersetzungen in viele Sprachen, die er, laut John M. Spalek seiner, „astute combination of entertainment and serious purpose“ verdankte.19 Einen wesentlichen Faktor in seiner Karriere stellte die Rezeption durch seine vielen Leser im In- und Ausland dar. Der große Erfolg von Jud Süß, der erst in England und Amerika einsetzte, stand im krassen Gegensatz zur ablehnenden Haltung von Verlegern im Deutschland der Weimarer Republik. Im Exil, und erst recht nach Übersiedlung des Autors in die USA, wurde Feuchtwanger, wie auch andere exilierte Autoren, finanziell beinahe vollständig von dem Erfolg seiner übersetzten Texte abhängig. Nach dem Krieg wurden seine Werke – auch als Gesamtausgabe – in der DDR veröffentlicht, wohingegen Verleger in Westdeutschland lange zögerten. Auch im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts haben seine Werke kaum Eingang in den Bildungsbereich gefunden. Demgemäß befassen sich mehrere Beiträge mit der teils sehr problematischen Rezeption von Feuchtwangers Werken sowohl vor und während des Exils als auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR und der Bundesrepublik. Auch die spärliche Aufnahme seiner Texte in Schulen und Universitäten in Deutschland und anderen europäischen Ländern kommt zur Sprache.

Details

Seiten
X, 488
ISBN (PDF)
9783035306897
ISBN (ePUB)
9783035396966
ISBN (MOBI)
9783035396959
ISBN (Paperback)
9783034318631
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Januar)
Erschienen
Oxford, Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Wien, 2015. X, 488 S., 15 s/w Abb.

Biographische Angaben

Geoffrey V. Davis (Band-Herausgeber:in)

Geoffrey V. Davis promovierte in Aachen mit einer Dissertation zu Arnold Zweig in der DDR und habilitierte sich in Essen mit einer Studie zur südafrikanischen Literatur im Zeitalter der Apartheid. Er war bis 2008 Professor für Anglophone Literatur an der RWTH Aachen und hatte Gastprofessuren in Trento, Nice, Frankfurt, Essen und Innsbruck inne. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der anglophonen postkolonialen Literatur, insbesondere Südafrikas, Kanadas, und Australiens. Er ist Gründungsmitglied der Internationalen Feuchtwanger Gesellschaft.

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Titel: Feuchtwanger und Berlin